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Jean Pauls

Biographische Belustigungen

unter der Gehirnschale einer Riesin

Eine Geistergeschichte

 

Erste biographische Belustigung

Die bleierne Jungfer Europa - das Schlachtfeld - dieMelancholie - der Frühling.

Auf der Chausseeden 28. April 1795.

Auf nichts ist die Welt in Büchern so erpicht als auf daswovor ihr auf denTheatern so ekelt - aufs Erzählen. Der Leser hat sich kaum in sein Schlaf-Lese- und Schreibkanapee gesetzt und ich mich in meinen Reisewagen: - sofortsoll ich eintunken und meine Historie anfangen. Ich beteur' es ihmich erzähl'ihm eine - und die außerordentlichste dazu; - aber hier auf dem Schreibetischedes Reisewagens ist nicht daran zu denken: es muß abgewartet werdenbis ichdie erste biographische Belustigung zu Ende gebrachtdie nicht länger währenkann als der Weg nach Waldkappel. Bin ich freilich in diesem Lustschlossedas prächtig wie ein Obeliskus in der Schultheißerei Neuengleichenstehtübermorgen ausgestiegen: so setz' ich mich - ich verpfände meinEhrenwort darauf - nieder und erheitre mein Auge an den entfaltetenPfauenspiegeln der Auenan der Goldlasur des Horizonts und an den kouleurtengrünen und weißen Lustfeuern des so eilig abbrennenden Frühlings und zeichnedannmitten in diesen Lichternder Nachwelt die sonderbare Geschichte desvorigen Winters abdie man schon im ersten Kapitel verlangte. Ich könnte sieauch unmöglich hier im Fürstentume Flachsenfingenwo ich fahreschongebenhierwo ich noch alle GerüsteKulissen und Opernkleider derausgespielten Szenen samt dem eng zusammengerollten Theatervorhang dervergangnen Zukunft um mich sehe. Ach ich dürfte ja nur das Wagenfensterniederlassen und hinausschauen: so würde der Wagen gerade vor der Stättevorüberrollenwo meine Seele in dem Erdbeben zittertevon dem meine Federwie ein von Salsano in Neapel erfundner Erdbebenmesserdie Richtungdie seineStöße nahmenjetzt auf dem Papiere nachmalt!....

Solang' ich fahreschreib' ich oder schlaf' ich: denn unter der ganzen Fahrtkömmt der Wagenfenster-Vorhang nicht wegund ich werfe keinen Blick hinaus;und das bloß deswegen:

Es ist aus astronomischen Gründen erweislich - im Grunde darf man nur dieAugen auftun -daß in Flachsenfingen heuteden 28sten Aprilwo ich abreisetedie dekollierte Allee noch aussah wie abgewetzte Besemenwomit der Winter denFrühlingshimmel rein gefegt - daß der Hofgärtner noch alle Gemüser aus denMistbeeten liefern mußte - und daß die Wiesenwodurch ich diesen Morgen kamnichts Bessers waren als lebendige Herbarien mit der aufgeklebten falbenflachsenfingischen Flora; die Faun ist noch nicht einmal aus der Erde. Das istnun besserals ich mirs wünschen konnte.

Denn in Waldkappelwohin ich übermorgen gebracht werdeist dafür schonein ganzer voller lichter Frühling wie eine Sonne aufgegangender die dasigeNatur mit Brautnächten und Schöpfungstagen überhäuft: alles quilltblühtschillert und singt schon dort. Ich kann alsowenn ichs recht macheaus demflachsenfingischen braun-gegitterten Sparrwerk des Lenzes auf einmal in denausgebauten blendenden Sonnentempel desselben treten. Und zu diesem Zwecke wirddie erste Belustigung geschrieben; und ich bitte die guten Leseres gern zusehendaß ich mir die Langeweile der drei Tag- und der zwei Nachtreisen dahindie ich völlig eingemauert unter der Himmelhaut der Kutsche versitzedurchschönes Ausschweifen und Sprechen mit ihnen verkürze: ihnen kömmts ja auchzustattenwenn ich nachher den Frühling prächtiger nachsteche. Welch eineinfältiger Mann müßte überhaupt der seinder unter dem Fahren aus demWagen gucken und sich von den Ländernwodurch er rolltden Frühling heft-und scheibenweise in den Schoß wollte schneiden lassen - zuerst Grasspitzen -dann Staudenblätter - dann sechs gelbe Schmetterlinge und ebensoviel gelbeBlumen - und endlich mehrere grüne Birkengipfel als Bier- oderBirkensaftzeichen! Könnte denn ein solcher Mann nicht bedenkenes sei keinUnterschiedob er sich von der Zeit oder dem Raum den Frühlingwie einen zerlegten Gliedermann Glied vor Glied zubröckeln lasse? - Beim Himmel!die Natur soll übermorgen wie eine riesenhafte Göttin mit allen ihren StrahlenAdernReizen und Girlanden Knall und Fall aufrecht vor mir stehenund ihrenSchleier sollen Frühlingslüfte weit aufheben und über mich wegwehen: ichwerde schon zu seiner Zeitwenn mirs zuviel wirderblinden und umfallen. - -

Solange Schnee fälltwill der Mensch alle vier Welt-Ecken bereisen; -bricht aber das Frühjahr anso schlägt er zwei seiner besten Vorsätze ausder Achterstlich denfrüher aufzustehenund zweitens eben den obengedachten.Ich bin - das sieht Europa - anders und reise jährlich. Aber in diesem Jahreist noch dazu der Fall dringend.

Es ist nämlich wenigen Menschen in Deutschland unbekanntdaß ich in derStadt Flachsenfingen im Schlosse des Fürsten wohneund zwar (in gewissem Sinn)als apanagierter Prinz: ich darf das bei Deutschen voraussetzenda ich in den Hundsposttagenderen Ballen vielleicht heute (den 28sten April) ohne mein Wissen neben ihremVerfasser vorbei und auf die Ostermesse fahrenüber meine wichtigstenPersonalien deutlich genug herausgegangen bin. Nun wurzl' ich hier am Throne undHofewo man alles in der Welt bequemer machen kann als ein Buch. Man hat keineZeit - kaum erübrigt man sovielum noch etwas Wichtigers zu machennämlichso viele Besuche wie ein Arztderen z. B. der Arzt Antonio Porcio in Neapeltäglich dreihundert ablegt. Ich ging also meinen Herrn Vater - ich will Se.Durchlaucht so nennen - um eine Dispensation von der Hoftrauerd. h. um dieErlaubnis annach seinem Lustschlosse Waldkappel zu reisen und da im blühendensingenden Freudenhimmel - worein ohnehin so wenig einer vom Hofstaat will als inden künftigen - das Frühjahr einsam zu verschweigend. h. zu verschreiben.Denn in der Tatda will ich eben gleich der webenden Gartenspinne unter freiemHimmelund von nichts eingeschlossen als von Blütenwieder meinbiographisches Weberschiff durch historische Fäden werfen. Wahrlichich kannnicht genug schreibennicht einmal für mich selber; so viel liesetheutigestags ein Mensch.

Aber auch ohne Dintenfaß und Federbüchse hätt' ich nach Neuengleichenfahren müssenschon bloß des Frühlings wegen: denn hier denke man nur nichtdarannur in einen Gießbach oder in ein grünes Kabinett auf eine gescheuted. h. gerührte Art hineinzusehenich meine hier unter den durch Glanzpressenund Druckwerke schlank und fein gezognen Hoffigurendie die Nudelmaschinedieses Säkuls wie Nürnberger Makkaroni in Kellern als zartes Gewürm ins Lebendrückte. Ich besiegt' es hier mit meinem Ehrenwortwir warten es allemal abbis die Blütezeit in etwas verstrichen ist; dann nehmen wir Pferde und eilensämtlich in die englischen AnlagenVillen und Lusthölzer hinaus- dann durchziehen wir in geselligen Marschsäulen die Einsiedleienoder Solituden und suchenohne den Transitozoll des Ennui zu umfahrendurch unsern gemeinschaftlichen Genuß das Vorurteil zu schwächenals obHöflingeDamen und Leipziger Lerchen madig würdenwenn sie so gepackt sinddaß sie einander berühren - und endlich schießen wir uns aus den 24 Stundeneines astronomischen Tages gerade die wenigen freien zum Promenieren ausdiezwischen das Dinieren und Spielen fallen. Es würde alles noch besser genossenwerdenwenn das Herz des einen und des andern nicht so eng zusammengezogen undeingeschnürt würde durch etwaswas seine Pflicht ist - so engdaß er inseinen Herzkammern kaum für eine fremde Blumegeschweige für eine ganzeAbendsonneoder eindringende Frühlingsweltoder gar für einen vollenSternenhimmel Platz zu machen imstande ist - und dieses pflichtmäßige Etwaswas man ihm ansinnen kannist jenes Kaimans-Lauern auf die kleinste moralischeLücke und Blößedie entweder ein Fürst oder seine Diener gebenund diestets von Bedeutung istweil alsdann entweder in den erstern der Saug-und Legestacheloder in die andern der Giftstachel eingesetztwerden kann. Etwas Ähnliches findet sich - wie ich in Krünitz lese - aufMadagaskarnämlich ein Insektnamens Akadandefdasgleich unsern Roßbremsenüber den Tieren dem Augenblicke des Stallens auflauertum sofort in ihreEingeweide zu schleichendie es zernagen will. Der beste Fürst kann zugleichder Erbfeindder Augenzeuge und der Blutzeuge oder Märtyrer eines Akadandefssein. -

Es ist lächerlich; aber ich lasse mir doch jetzt aus einem Gasthofe außermeinem Gouter ein Licht in meinen Wagen gebenweil es hier bei mir wie beiTal-Insassen früher finster wird. Bei solchen Verleugnungen und Absichtenkonnt' ich daher einem blumigen Kammerherrn - sonst dem glatten Stockknopf desganzen Kammerherrn-Stabs - unmöglich willfahrenals er mich sonntagsanlagunterweges in Wirzburg auszusteigen und beim Guardian desMinoritenklosterP. Bonavita Blankeinzusprechender die ganze Naturvon jedem Bergkessel bis zu jedem Blumenkelch zu seinem Färbekessel undSchmuckkästchen macht. Dieser malerische Pater (das hab' ich auch von anderndie alles gesehen) malt oder schafft seine Landschaften nicht aus oder mitFarbenkörnernsondern aus oder mit ordentlichen Sämereiengleichsam aus derMusaik des Ewigen - die Vögel aus ihren eignen Federn - Weiberschuhe ausTulpen-nicht Schuhblättern - den Staubbach aus Moosen - das Abendrot ausherbstlichem roten Laube - kurz die große Natur aus der kleinen. - - »Der größteMaler« (sagt' ich ernsthaft zum Kammerherrn) »den ich je in diesem Fache nochgesehen und dessen Stücke der Minoriten-Guardian vielleicht in der Schweiz oderin Franken zu studieren Gelegenheit gehabtdieser Malerder imstande istzuWaldungen keine kleinere trockne Tusche zu nehmen als ganze Fichtenbäume und zuGebirgen Felsenzu Menschen Erdschollen und Ätherzu Himmeln SonnendieserArtistHerr Kammerherrbei dessen Blättern ich Sie einmal vorzutreten ratedas ist unser Herr Gott.«

Jetzt leg' ich mich an den Seitenpolster und schlaf' ein und aus.

Den 29. April.

Ich gehe jetzt durch den Morgenglanzund aus dem kalten blauen Himmel quillteine länderbreite Flut von stählenden Frühlingslüften niederdringt inTropfen durch meine Wagenfugen und badet meinen heißen Mund - die Lerchenfahren in ganzen Singschulengleichsam mit den Flügeln prall-trillerndvormeinem Kasten emporund überall schlägt ein frisch aufgequollnes Lebensmeerüber meine Täucherglocke zusammen. - Aber ich muß jetzt die Feder wegwerfensonst nötigt mich meine vorlaute durstige Naturnach nichts zu fragen und dieFenster einzustoßen und auf den guten Frühling mit meinen Blicken loszufahreneh' er sich nur halb in die Kleider geworfen....

Schon an der gekerbtenschartigen Straßen-Treppe vermerk' ichdaß wirjetzt über die flachsenfingischen und **lichen Herkulessäulen heute nachthinausgekommen sind. Auch werden die Gegenden immer wärmer. Denn Waldkappelliegt sehr südostöstlich.... Beiläufig! ich werde doch nicht zu besorgenhabendaß irgend jemand (etwan ein Ausländer) mein Waldkappel mit einem ganzandernin der Landschaft an der Werra belegnen Waldkappel vermengeoder meineSchultheißerei Neuengleichen darneben mit einer Namensbase in Katzenelnbogen?Die beiden Ortschaftendie Sr. Durchlaucht gehörenliegen ja an- undineinanderaber die zwei andern gleichnamigen bekanntlich nicht. Ich hoffeüberhauptdaß niemand einen dermaßen abbrevierten Kursus in derErdbeschreibung absolviert hatdaß er nicht weißwie sehr das FürstentumFlachsenfingengleich dem niederrheinischen Kreise oder gleich Abderafast inalle deutsche Kreise verzettelt und zerworfen ist.

Eben läuten die vorübergetragnen Viehglocken die lärmende Messe des Tagesein - die Hirten klatschen - Rebhühnervölker knattern wie Raketen auf - meinSattelgaul wiehert zu dem unten in den Wiesen naschenden Marstall hinab -betaute Äste schlagenvom Kutscher abprallendan den Wagen - und alles lärmtund lebt.

Es ist dem Publikum nicht zu verdenkenwenn es jetzt hofftich werde meineZeichnungsmaschine mit dem Transparentspiegel aufsetzen und ihm damit einenvorläufigen Umriß von Waldkappel geben; aber ich war noch nicht dort und kannalso nichts davon liefern als statt der Gemälde Aussagen. Was ich vernommenhabeistdaß die Gegend sehr reizend ist und daß die Jungfer Europadarin steht. Von dieser Jungferauf die ich mich sehr freueerstatt' ich fürdiedie nicht in Flachsenfingen wohnen (wer es schon weißüberschlägt es)folgenden Bericht:

Mein Großvaterregierender Fürst von Flachsenfingender ein bekannterlebenslanger Rival von Hessenkassel - nämlich vom dasigen Landgrafen Friedrich- warkonnte sich über nichts so sehr entrüsten als über dessen »Winterkasten«und am meisten über den kupfernen Herkules darauf- und das darumweiler einen solchen Kasten und metallnen Goliath nirgends in seinem Territoriumvorzuweisen hatte. Wenn zuweilen ein hoher Reisender oder gar ein vornehmerHesseder nichts von der Nebenbuhlerei gehört hatteüber der Tafel denhochstämmigen Enaks-Sohn oder Christofel - so nennt ihn der kasselschePöbel -so gut er konntenach dem Leben schildertewenn er deswegenanführtedaß der Titan 31 Fuß messe (ohne das Stativ)daß folglich seinEllenbogen unter kein preußisches Rekrutenmaß geheund wenn endlich der hoheReisende mit dem letzten aufgesparten Zuge zu überraschen gedachtedaß derOrlogskopf zehn Manndie noch dazu die herrlichsten Aussichten aus dem Schädelhabenrecht bequem logiere und sein Keulen-Bloch nur die Hälfte: so wurdemeinem Großvater vor Ärger nicht nur grün und gelb vor den Augensondernsein Gesicht nahm selber diese Farben anund alle Hofkavaliere sahen es schonvorausdaß er mehr Bauernkrieg1)als gewöhnlich (das sicherste Zeichen seines Grimms) sich werde servierenlassen. Das Beste wäre die Baute eines ähnlichen Winterkastens samt Zubehörgewesendamit wieder der Landgraf von Hessenkassel seinerseits von hohenReisenden über der Tafel durch Erzählungen hätte geärgert werden können. -- Das wollt' auch mein Großvater längstkonnt' aber nichtweil der demWinterkasten zur Unterlage nötige Geldkasten die einzige Stelle im Lande wardie man nicht durch Geld besetzen konnte.

Er sann überall darüber nachauf der Jagdin der Operin den Alleenaber umsonst - er wollte (um nur Geld zu kriegen) gern alles tunwas einemFürsten erlaubt ist - er wollte alles stempelnsogar das LöschpapierdieBrandbriefe der Spitzbubenjeden Privatbrief und alle Wappen und Pitschaften -er wollte die toricellische Leere richtig halbieren zwischen dem Kammerbeutelund der Chargenkasse - er wollte verpfänden und vermieten (nämlichSchatullgüter und Landesstiefkinder) - er wollte die Justiz wie einen vornehmenFremden an den Hof ziehen und die plumpe Gerechtigkeitswaage umarbeiten lassenzu einer Perlen- und Probierwaage für die Themis als Hofbankierin - - - erwollte das alles mit dem größten Vergnügen tun; aber es war nicht zu tun:denn eben alles dieses hatt' er - schon getan für geringere Staatsausgaben.

Der Kammerpräsident und sein Sohn dachten noch mehr darüber nachundbrachten fast noch weniger heraus.

 

So heißet oder hieß ein Rheinweinder so alt wie dieser Namensvetterwar- ich denk'in Straßburg.

Zum Glück hielt gerade damals der Oberbau- und Gartendirektor um seineEntlassung anum nach Wien zu gehen und da etwan in der Akademie der bildendenKünste »Lehrer der Ornamente« zu werden. Wie wenig er aus Mißvergnügenüber seinen Dienst weg wolltedas suchte er dem Fürsten dadurch zu zeigendaß er um eine mündliche Unterredung ansuchte und ihm darin nicht nur einenneuen Riß zu einem prächtigen Sommerkasten - eben zum Waldkappelwohinich gehe -sondern auch die besten Ratschläge gabdie Baukosten zuerschwingen. Er dachte viel dabei; das sieht manweil ihm mein Großvater stattder Dimission durchaus nichts gab als das uneingeschränkte Inspektorat überdie Kasten-Baute.

Was er vorschlug und durchtriebwar zusammengesetzt: »Man sollte auf demnächsten Landtage den Syndikussen sageneine neue Steuer legten diesesmal IhroDurchlauchtobwohlen Sie könntengar nicht aufsondern auf einenSteuernachlaß wär's alles abgesehen. Se. Durchlaucht müßten bekanntlich nachdem Reichsmatrikularanschlag dem Reiche Vieh und Menschen stellen: das könntenSie nun dem Lande wieder abfodern; aber Sie möchten nicht - bloß als einenseinsollenden Ersatz bedingten Sie sich für jede 25 fl. rhnl.die einer habeeinen elenden Nürnberger Bleisoldaten zu Pferde (oder das Geld dafür)welches bleierne Kontingent noch dazu bloß zu einer großen Jungfer Europavergossen werden sollte. - Sie wüßten recht gutdaß ein Untertan als einzweiter Milo leicht das wachsende Kalb der Abgaben und Lasten trage und daß mitdem Kalbe das Tragvermögen wachseund daß das zum Ochsen ausgestreckte Tierso leicht wie ein Taufpate in den zähen Armen herunterhänge. Inzwischenhofften Siebisher die Tragemuskelnwenn nicht gestärktdoch auch nicht sehrgeschwächt zu haben; und Sie hielten es für moralisch-wenn auch nicht fürpolitisch-gutin den nächsten 25 Schaltjahren1)nicht einen Heller Steuer anzunehmen. Sie hätten sich vielmehr entschlossenaußerdem Gelde auch das Blut der Landeskinder zu besparen und zu bewachen; und daherwollten Sieda den Badern mehr Blut und Leben aufgeopfert würde als demFürsteneine Kopf- oder Fußsteuerdie als Strafe abhalten sollteauf jedeAderlaß und auf jedes Schröpfen ausschreiben.«

Es ging gut. Da man aber nicht wissen konnteob nicht ein Steuer-Defraudantheimlich Blut lasse: so mußte jeder in Pausch und Bogen die Blut-Gebührenentrichtenund Reichebei denen Plethora und Blutlassen zu präsumieren warenmußten sie jeden Quatember abführenwie die Klöster viermal jährlich zurAder lassen - und so war die Krone sozusagen selber der transzendenteSchröpfkopfwie der Zepter der Schnepper. Dieser Blutzehent lief unter demNamen der Jungfern-Schröpf- und Europas-Steuer ein.

Beiläufig! Sonst wurde der Mörtel zum Staatsgebäudewie anderermit der Wolleoder den Haaren und dem Blute des Untertans zugleich festgeknetet;jetzt aber wird mit dem Blute dieses Tiers bloß im Kriege der Zucker desFriedens raffiniert. So wenig hat eine freie Regierungsformwo nur die Gelderder Landessassen zu nehmen stehenmit einer despotischen gemeinwo man auchdas Leben anpackt; auf gleiche Weise wurde dem Teufel (besonders anfangs) nurvergönntHiobs Effekten und Immobiliarvermögen anzutastennicht aber seinLebenwas viel später geschah.

Aus der Blei-Soldateska und aus der Blut-Akzise wurde nun eine kolossalischeJungfer Europa gegossendie drei Ruten lang ist und also 5 rheinländischeZolle mehr hält als der hessische Herkules. Ich werde übermorgen erstaunenwenn ich sie ansehe. Im Kopfe des modischen Kolossus soll man (les' ich) wie inHerschels Teleskop ein musizierendes Orchester eingestellt haben; aber unter demKranium der Miß Europa soll (hör' ich) ein ganzes besetztesInquisitions-Gericht mit seinen Sessionstafeln Platz genug vor sich haben. Dasist keine Unmöglichkeit; - aber noch gemächlicher muß im Kopfe ein kleinesSchreibepult und ein Sessel aufzustellen sein. Wenns also bei jetziger Jahrszeitin der Blei-Riesin nicht zu kalt ist: so wird übermorgen der erste Ausflugdenich in Waldkappel tueder in Europas Kopf sein (es geht innen eine Treppe bisan den Hals); und ich gedenkeunter ihrer Hirnschale meinen Schreibetisch wieein Nähkissen einzuschrauben und daselbst - indem ich zugleich aus ihrenAugenhöhlen die herrlichste Aussicht von der Welt genieße - den größten Teilder gegenwärtigen Belustigungen und Mémoires ungemein heiterabzufassen....

Ich habe mich und den Leser schläfrig geschrieben. - Morgen mehr! - Ichwollt'ich wär' in Europa! -

*

Den 30. April.

Mit Vergnügen horch' ich oftwenn gefüttert wirdden meinen Wagenumkreisenden Satelliten zudie meine Feder auf dem Papiere scharren hören unddie doch vom Kopfe dazu nichts ansichtig werden können als den obenausgepackten Hut seines Huts. Es ist ein neues Lustgefühlso mitten imGewimmeldurch den Gyges-Ring der Wagenkartause vergittert und unsichtbarfestzusitzen.

Als kleiner Junge wurd' ich oft von einem Schloßdrescher mit zugedrücktenAugen durch alle Winkel getragenund ich belustigte michfest an ihngeschlungenan meiner eignen Angst über den verhüllten Wegden ich zuvergessen und nicht zu erraten suchte: - wenn er endlich hart an einer Mauerstockte und ich aufsah und umher und ich konnte aus dem metamorphotischenFlächen-Chaos nicht sogleich ein bekanntes Zimmer zusammenschieben - - wiesüß lösete sich da meine freiwillige Beklemmung auf!

Die Kutsche ist dieser Schloßdrescher: denn die Kinder machen überhaupt denErwachsenen nicht mehr nach als diese jenenund unser Kothurn ist oft auslauter ausgezognen Kinderschuhen genäht. Ich kann nicht dreimal eintunkenohnemich zu fragen: wobei wird es wohl jetzt vorübergehen? Manchmal hör' ichdaßich vor der Ecke einer orgelnden Kirche - vor den offnen Fenstern einerschreienden Knabenschule - durch Schafherden - durch Wochenmärkte - vorWalkmühlen vorüberkomme. Jetzt um 8 Uhr (sagt' ich heute) muß die Deichselgerade in ein Ländchen beugenwo es noch mehr Landschaftsmaler geben sollteals Landleute. Es wird da für alle schöne Künstlerdie in Griechenland bloßdurch das Studium des lebendigen Nackten so hoch emporflogengewiß dadurchnicht am schlechtesten gesorgtdaß der Staat sie überallwo sie nur einenBossierstuhl oder ein Malergestelle setzen könnenmit lauter Bauern umringtdie - weil sie nichts haben - so nackt sindals rängen sie miteinander fürLorbeern in athenischen Gymnasien.

Ich wußt' es gestern nachts aus der bloßen Straßenbeleuchtungdie geradevor den engenfinsternfür Beutel- und Kopfabschneider zugeschnittnenSackgassen abbrachwo ich wärenämlich in einer Residenzstadtwo gerade dieArmen das wenigste Licht haben sollen und das meiste der Hof.

Wenn ich jetzt meinen Kutscher fragen und ihn mit der Lenkschnur anden Kasten ziehen wollte: so würd' ichs hörendaß wir neben einemfürstlichen Lustgehölz - denn ich kenne das Schaf-Glockengeläute derjapanesischen Tempel - fahrenwo der Minister an einer ähnlichen Lenkschnurden seinigen auf dem Throne zerrtweil der Mann sich in diesenrepublikanischen Passatwinden den ganzen Tag ängstigtjede Kannengießereiwerde eine Stück- und Sturmglockengießerei und man läute ihn mit der neu gegoßnenSturmglocke aus dem Landedie doch (wie die Glocke im Franekerischen Wappen)gegenwärtig keinen Klöppel hat. -

Aus welchen Spinnenfäden ist oft das Band der Liebe gewebt! Ich sahwie oftein Mann mehr Interesse an einem andern nahmbloß weil dieser den Namen seinesHundes gelobt - oder weil sie einerlei Leibgerichte oder Leibgetränke hatten -oder einerlei Schneider - kurz die kleinen Ähnlichkeiten des ZufallsdesSchicksalsdes Körpers flicken die in ihren Nährahmen gespannten Menschen oftfester zusammen als die großen des Charakters. Und so bin ich selber: ichwürde ordentlich die Leute mit mehr Interesse sprechen - und diesewerden mich ihrerseits mit größerem lesen -vor denen ich in der ledernenNische hermetisch versiegelt vorüberzog; - und wers unter meinen Lesern machenkannder sollt' es ausrechnenob ihm vom 28sten April bis zum 1sten Mai 1795kein fest zugemachter Bärenkasten mit einem kleinen Gewitterableiter aufstieß:der Kasten enthielt eben den Verfasser dieser Belustigungen; und unterjenen Lesern und Zuschauern müssen (ich wollte drauf schwören) Leute von jedemGeschlechte gewesen sein - und Reise- und Staatsdiener - Primaner undBuchhändlerdie alle Leipzig beziehenum Kenntnisse mitzubringen undwegzubringen - Rechtsfreundedie mit ihrer Diäten-Reiterzehrung zu einemfremden Gerichtsstand reitenum nachzusehenob der venerierliche Gerichtsstanddie Fakultäts-Siegel des zurückkommenden Urtels so unzerbrochen gelassenalsder Reiter präsumieren muß - rote Mädchen auf dem Felde mit einem rotenschafwollenen Strick-Globusund bleiche am Fenster mit einem weißenbaumwollenen - einigedie mich rezensieren müssen und die den Geschlechtsnameneines Autors ausplaudern und ihren eignen verkappen - Reichskammergerichts- undEilboten - verakzisete k. Kammerknechte - Land- und andere Stände - Mendikanten- Obristkuchen- und Hammermeister - Pupillenräte - Nicolai - mein eignerVerleger - du! - der Minister von Hardenberg (wenn er anders schon aus Basel ist)und.....

- Beim Himmel! alle Menschen! - Wie einfältig ists auf der einen Seitealledie nennen zu wollenvor denen mein zugeknöpftes Geschirre kann vorbeigegangenseinda ich ja die Namen des ganzen Adreßkalenders und aller Kirchenbücherhersetzen könnte - und wie schwer auf der anderngerade wenn 1000 MillionenMenschen sich vor der Feder hinauf- und hinunterstellenauf einige dasSchnupftuch zu werfen. - -

Gute Nacht! Morgen schlaf' ich nicht mehr steilrecht.

Den 1. Mai.

So schrieb ich beim Erwachen; es ist aber falschund der 30ste April dauertnoch: ich vermengte - wie ein Schwärmer - die Abendröte mit der Morgenröte.Nach welchen Gesetzen ist der Schlaf ein so zweideutiger Schrittzähler unsersschmalen Lebensweges und misset die Zeit bald mit Werstenbald mit Meilenbaldso genaudaß man sein eigner Wecker sein und aufwachen kannwenn man will? -Mit einem bangen Gefühlewie man etwan eine aufwachende Schein-Leiche anfassenwürdewärmet man das vorgebliche kalte Gestern wieder zum Heute auf...Herrliche Abendröte! Widerschein einer langenum Eden gezognen Rosenhecke! Dievier roten Strahlendie die Sonne an meine Seele wirftadeln mehr als die vierroten Linien im aragonischen Wappenund alle nagenden Vampyre fallen vor ihremScheine welk vom entkräfteten Herzen herunter.... Ich habe mir hundertmalgedachtwenn ich ein Engel wäre und Flügel hätte und keine spezifischeSchwere: so schwäng' ich mich gerade so weit aufdaß ich die Abendsonne amErdenrande glimmen säheund erhielte michindem ich mit der Erde flöge undzugleich ihrer Achsebewegung entgegenführeimmer in einer solchen Richtungdaß ich der Abendsonne ein ganzes Jahr lang ins milde weite Auge blickenkönnte.... Aber am Ende sänk' ich glanz-trunkenwie eine mit Honigüberfüllte Bienesüß-betäubt aufs Gras herab!

*

Den 1. Mai.

Nachmittags um 1 Uhr. Eine Sache oft denkenheißtsie auf denObjektenträger des geistigen Vergrößerungsglases bringenunter welchem sieFarben und Erhabenheiten - beide gehen unter dem physischen verloren - gewinnt.Ein kleiner Tagein geringfügiges Zielworauf man vier Tage Vorbereitungenund vier Umwege durch ebenso viele Vorsäle machtwird zuletzt mit fieberhafterErwartung ergriffen. Aber da bei mir noch dazu von keiner Kleinigkeit die Redeist - denn vor der erhabnen Rotunda des Frühlings darf man schon mit einigensüßen Fiebern auszusteigen denken -und da ich wirklich um 6 Uhr abendsaussteige: so wären solche labende Wallungen nicht im geringsten unrecht; -aber ich habe keine einzige. -

Von einem kleinen Umstande kömmt esder mich in den Augen einesversuchten Gliedes vom Generalstab lächerlich machen kann. Mein Kutscher sahnämlich einen abgezehrten Bauer nicht weit von uns aus einem Wasserbeete eineKanonenkugel mit der Pflugschar ausackern; und sagte mir es in den Wagen mit demZusatzedaß wir eben über das - Schlachtfeld führenwo vor einigerZeit Frankreicher und Aristokraten ein ebenso blutiges als unnützes Treffengeliefert hatten. Einemder das erstemal über eine solche Brandstätte undArafnens-Tenne der Menschheit reitet oder fährtgreift eine solcheNachbarschaft nach dem Atemer mag sich immerhin mehr als zehnmal fragenobdenn nicht die ganze Erde ein ähnliches Schlachtfeld sei und jedes Meer eineGreve-Platz. Man nimmt keine Vernunft an: so weiß man z. B. recht gutdaß dieganze Erdkugel mit Begrabnen gleichsam überbaut ist und daß jeder Acker einliegender Gottesacker istwie jeder Mensch ein stehenderweil unser Fleischaus Totenstaube anflog: gleichwohl fasset uns ein Partikular-Kirchhof nebeneiner Kirche noch ebenso anals wäre jenes alles gar nicht wahr.

Ich gab also meiner Phantasie lieber den Pinsel und Blut dazu und ließ sieeintauchen und malen. Aber als sie mir die von Wunden auftauchende Ebne vorhieltund den ruhenden Gottesacker aufdeckte und lebendig machtewo ein Schmerz nebendem andern liegt: so schlug der stechende Gedanke wie eine durchwanderteDornenhecke am tiefsten in die zerritzte Brust zurückdaß es einen Jammergebeden unser Mitleiden nicht umreichen kanneine unabsehliche wimmerndeWüstevor der das zergangne Herz gerinnt und erstarrtweil es nicht mehr Gequältesondern nur eine weite namenlose Qual erblickt; denn ich konnte mitkeinem Verwundeten neben mir seufzenweil tausend andereden Berg hinauf unddie langen Gräben hinunter wie gefallne Blätter geworfne ja diesen Seufzerauch begehrten. O! nur vor Demder die Zukunft und die unendliche Liebe hat undden unendlichen Balsamdürfen sich alle nasse Augen und alle roten Wunden derMenschheit auf einmal aufschließen; - aber vor dem kleinen zusammengezognenMenschenherzen nicht. Als ich das Schlachtfeld aufriß und den stillendenBlutschwamm des Rasens von den Rissen aller Hülflosen und Namenlosen undSchuldlosen weghob; als ich das gebogne Heer noch einmal fallen und noch einmalsterben sah: so wünscht' ich mir bloß eine eigne Wundeum wenigstensauf diese Art mitzuleiden mit einer niedergebrochnen Generationweil dasenge Auge nicht mehr die Menschen beweinen konntesondern die Menschheit.Dürftiger Erdensohn! dein Arm kann Tausende auf einmal zerschlagen; aber kaumzwei Verwundete davon kann er an deine Brust ziehendamit sie auf demwärmenden Herzen ausbluten und zuheilen! Mehr Raum für mehrere Zerschlagne istauf der Menschenbrust nicht; und darum ist es gut für das Leiden und für dasMitleidendaß der Schöpfer die Unglücklichen auseinanderrücktedaß erjedes Herz nur an die Schmerzen und an das Sterben seiner eignen Freundestellte. Aber der grausame Mensch wirft tausend zerstreute Sterbendederenjeder auf der weiten Erde ein verwandtes Auge voll Trauer und Liebe und seinweiches Sterbekissen hatteauf ein einziges hartes Schlachtfeld zusammen undlässet jeden allein vergehen auf einem kalten Grabe und fern von dem Augedasihn beweint hätte....

Diese Betrachtungen wurden von einem ländlichen Hochzeitgefolgedas mitheller Musik über die grünende Walstatt zognicht unterbrochennurgemildert: ach! ich wurde nur desto weicher über die Nachbarschaftworin diefünften Akte unsrer Lustspiele so hart neben und nach den fünften Akten unsrerTrauerspiele gegeben werden. Was konnten die Frühlingslüftedie sichflatternd in meinen Wagen einwühlten und ihn zugleich mit gedämpftenFreudentönen und mit Apfel-Düften ausfülltenmir auf dem traurigen Platzeüber dessen Blumen sie gingenanders zuwehen als den ernsten Gedanken: wienahe liegt in unserm Leben wie auf den Alpen unser Sommer neben unserm Winterwie klein ist der Schritt aus unsern Blumengärten in unsre Eisfelder! - Unddoch wirft sich der Mensch in der Freude vordaß er sie so leicht über denKummer vergesse - und in dem Kummerdaß er ihn so leicht über die Freudevergesse. Aber der Vorwurf der Täuschungen ist oft nur selber eine trübere.

Um 4 Uhr abends. Obgleich in zwei Stunden der Frühling den Vorhangseines Operntheaters vor mir aufzieht: so will doch der beklommne Herzschlagden mir die Ruinen meines Weges gaben und den die sanften Kirchengesänge inallen Dörfern am heutigen Aposteltage nur schwerer machenin kein freudigesPochen übergehen. Auf der äußern Welt liegt allemal der Widerschein unsrerinnernwie auf dem Meer der Widerschein des Himmels liegtentweder alsdüsteres Grauoder als helles Grün. Dieser schöne Abend müßte einemlichtern Tage zugehören als dem heutigenwenn mich das Flüstern und Duftender Säulenreihe von Obstbäumen nicht beklemmen solltedie sich jetzt übermeinen Wagen ihre mit Blüten-Girlanden umwundnen Arme reichen und die auf jedemArm eine neugeborne Welt voll singendervoll honigtrunkner Kinder tragen undsie bebend auf- und niederwiegen. - - Jain zwei Stunden springen am Frühlingalle Tore seines griechischen Tempels vor mir auf - und seine Mauern fallen um -und ich schaue hell zwischen seine Waldung von Säulen hineinaus denenüberall Blütengehänge und Laubwerk bricht - und dränge die Augen durch dasGewimmel von Sonnenaltären und Altarlichtern und Rauchwolken und Chörenhindurch - und dann lass' ich sie ruhen an den aufstrebenden Alpenpfeilerndiedas blaue Tempelgewölbe tragenbis sie sich erheben und sich oben am Portaldes hereinbrennenden Glanzes gesättigt und geblendet schließen. - -

Aber heute nicht! - Heute ist der Spiegel meiner Seele mit einem Dunsteangelaufenden ja wohl die Blicke auf ein Schlachtfeld im Auge wie in der Seelezurücklassen durften. Sondern morgenwenn der Schlaf diesen Dunst weggewischthatwird die grünende Natur ihren zitternden Widerschein in meiner hellernSeele beschauenund wenn sie ihr Lächeln und ihre Glieder vor mir regtsowird sich mein Herz bewegenund es wird allemal zittern und lächeln wie sie. -- Neinheute will ich nichts sehen! Ach! mein Herz schwillt auch ohne das vonMinute zu Minute mehr von den Bienenstichen aufdie ihm der Gedanke gibtweswegen und wohin ich komme - welche Geschichte ich hier im singenden Lustlagerdes Frühlings niederschreiben muß - und welche himmlische unvergänglicheGestalten das wunde Auge meiner Phantasie unter dem Abzeichnen anzublicken hatvor denen es sich wohl hundertmal voll und dunkel wird abkehren müssenohnedie Züge gesehen zu habendie ich malen will. - - O! wie könnt' ich heuteabends fröhlich sein und den Frühling ansehen? -

Abends um 5½ Uhr. Das Schicksal zieht unser dünnes Gewebe als eineneinzigen Faden in seines und kettet unsre kleinen Herzen und unsre nassen Augenals bloße Farbenpunkte in die großen Figuren des Vorhangsder nicht vor unsherniederhängtsondern der aus uns gemacht ist. Jetzt spielt es neben mir undmit mir und will esdaß ich weißes spiele. Warum soll es ihm wichtigerseindie Facetten eines Käferauges zu schleifen und die Flughaut einesSchmetterlings zu befiedernals den Gedanken eines Menschen zu wenden und zukolorieren? - Schmelzende Körper zerfließenwenn man sie erschüttert - - undmich erschüttert die unbekannte Hand in dieser weichen Stunde mit zweiwidersprechenden Tönengleichsam mit dem Zusammenläuten der Sturm- undHarmonikaglocken auf einmal.

Ich höre nämlich eine Singstimme und eine Sterbeglocke....

Jetzt schwankt mein Wagensich zurücklehnend und wiegendzwischen denKoloraturen der Abendstimmen den Berg hinaufwo ich wohnen will - der Tagstirbt sanft im Blütennebel an seinem Schwanengesang - die Alleen und dieGärten reden wie gerührte Menschen nur leiseund um die Blätter fliegen dieLüftchen und um die Blüten die Bienen mit zärtlichem Gelispel - nur dieLerchen steigen wie der Mensch schmetternd in die Höheum dann wie erschweigend in die Furche zurückzufallenanstatt daß die große Seele und dasMeer sich ungehört und ungesehn in den Himmel erheben und rauschend und erhabenund befruchtendin Wasserfällen und Gewittergüssenin die Tälerniederstürzen. - -

Ein unaussprechlich-süßer Ton steigt aus einer weiblichen Brust wie einezitternde Lerche aufin einem Landhause am Abhange der Bergstraße. Sie töntals wenn der Frühling singend aus dem Himmel flöge und in einem entzücktenTone aushaltend mit aufgeschlagnen Flügeln so lange über der Erde hingebisBlumen zu seinem wallenden Lager unter ihm aufgesproßt wären. - - Aber deineZungegrausame Tonkunstzieht sichwie die Löwenzungeso lange kitzelnd undwärmend auf dem nackten Herzen hin und herbis alle seine Adern bluten.

Und hart greift in diese Singstimme das Geläute eindas aus einem Klosterhinter Neuengleichen dringt. Es ist das sogenannte Zügenglöckchendasdie Mönche immer ziehenwenn ein Mensch im Sterben istdamit einesympathetische Seele für den Liegenden beteum den der letzte Engel eine Nachtgezogenum ihm darin das Herz abzulösenwie man uns beim Ablösen der Gliederdie Augen zubindet. - Wenns auf mich ankämescheidender Unbekannterichwürde die Totenglocke halten und sprachlos machendamit jetzt in deinenverfinsterten Totenkampfplatz kein Nachhall der entfallnen Erde hineintönteder dir (weil das Ohr alle Sinne überlebt) so grausam die Minute ansagtwo dufür uns verloren bistwie sich aufsteigende Luftschiffer durch einenKanonenschuß den Augenblick melden lassenwo sie vor den Zuschauernverschwinden. - - Aber ich tät' es heute auch um meinetwillenweil die zweiTöne wie die Parzenschere auseinandergehn und dann zusammenfallen und dann tiefim wunden Herzen aufeinanderschneiden....

Achführet keinen Menschendessen Wunden nicht alle recht fest verbundensindin den Tempel des Frühlings! Die süßen Wallungen drücken sonst dasBlut durch seinen Verband. - Aber wie Ärzte die Verbluteten in eine horizontaleLage bringen lassen: so legt ja der Schlaf (oder der Tod) jeden Verbluteten indie waagrechte Lagedie alles stillt....

- Ich komme jetzt an - aber ich trage mit geschloßnen Augen eine Brustdiejetzt zu sehr zittert und schlägtbloß unter den warmen dunkeln Flügel desSchlafs - - - und kniee erst morgen vor dem Frühling nieder....

Nachts um 12 Uhr. Ach! ich konnt' es nicht - ich hab' alles gesehenundnicht längst ist die nachglühende und überwölkte Seele gleich der Nachtwieder heiter und kühl. Was ich jetzt maleist das Bild eines kränklichenfieberhaften Herzens; aber der Gesunde höre vergebend die schmerzlichenFieberträume seines liegenden dürstenden Freundes an und sage sich immer:»Der Kranke wird sich auch wieder aufrichtenund du wirst dich auchniederlegenund dann wird er ebenso nachsichtig an deinem Bette stehen.« -

Als der Wagen oben auf der breiten abgerundeten Platteforme des Bergesdielauter blühende konzentrische Zirkel von Lusthecken und Lusthainen bedecktenstille stand und seine Türe wie eine Jubelpforte des Frühlings aufging: soglitt mein Auge unwillkürlich auf etwas nahes Glänzendes hinaus: es war ein umden Berg laufender Zauberkreis von Buschwerk aus der weißen Nessel (urticanivea)deren Blätter mit ihrer schwarz angelaufnen obern Seite undeiner blendend-weiß geschminkten untern einen blutroten Blattstiel unddrei rote Adern prächtig grundieren. Der Wind wühlte dieses Blut und diesenSchnee und diesen Ruß untereinander und griff den schwermütigen Dreiklangauf diesem bewegten Farbenklavier. Und als ich in dieses blutigeIneinanderflattern sahzog der erste gelbe Schmetterling dieses Jahrs darüberhinweg und den Berg hinab; und herauf flogen unbehülflich drei Pfauen mit ihrenniederhängenden Farben-Schleppen und schauteneinsinkendsich auf derLusthecke um nach den nächsten Ästen des Kastanien-Zirkusum darauf zuübernachten. - -

Nun übermannte der Frühling meine Seeleund ich vergaß alles und stürztemich hinein ins Meer der Natur. -

Ach! ich wurde nicht glücklich....

Der große Frühling hing über der Welt wie ein breitesmit Licht und Glutund Naß gefülltes Gewitter und goß seine leuchtenden Lebenstropfen in einerunübersehlichen Katarakte nieder - und aus allen Pulsadern und Saftröhrensprang der Gewitterguß wieder in Fontänen auf - und aus dem schwellendenausgebreiteten Lebensstrome ragten die Menschen nur wie Wasserpflanzen hervorund die Erden wie Klippen - und unter dem schöpferischen Brausen gingen diekleinen Stimmen der erquickten Lebendigen nur wie Gewitterstürmer undGlockengeläute umher....

Aber über das wie eine Konchylie geschloßne liegende Herz zog das großeMeer vergeblich: nur der aufgerichtete Schiffernicht der hinabgezogne Täucherkann den Ozean fassen. In solchen Stunden ist der Mensch nur für Menschennicht für Götter gemachtund die von einem zu schweren Tropfen gebückteSonnenblume kann der Sonne nicht mehr folgen.

Ich schämte mich der Erweichungals ich vor der blühenden Natur standdievor dem brennenden Abend wie vor einem roten sphärischen Spiegel purpurrotanlief - als die Berge aufstanden und die blaue Waldung und den Frühling mitewigem Schnee durchschnittenwie hohe weiße Hagelwolken das Himmelsblau - alsdie Sonne schon auf dem weißen Gebürge lagin das Goldgefäß der letztenWolken als ein vergangnes Herz der Himmelskönigin gelegtwie oben auf TrajansSäule die Asche seiner Hülle in einer goldnen Urne steht. - - Aber alle Zweigeder zu weichen Sensitive in mir fielen unter der Berührung der schöpferischenHand zuckend zurück und konnten nichts ertragen als eine zweite Sensitive; inder erhabnen Einsamkeit sagt dann der verlaßne Mensch: »Allgütigererscheinemir heute nicht so großerscheine mir lieber in einem geliebtenBruderangesichtan diesem will ich mich verhüllen und es unaussprechlichlieben.«

Mich drückte eine Stockung der Empfindungein banges Zwielicht zwischenheller Freude und dunkler Trauerwogegen es nur zwei Mittel gibt:entweder jene oder diese zu verdoppeln. - - Ach! das letztere warleichter... Wenn dumpfe namenlose Schmerzen sich ans Herz anlegen: so gib ihnengrößere Stachelndamit sie es tiefer ritzen; und das wegfließende Blut machtden Busen leichterso wie ein kleiner Riß einer Glocke einen dumpfen Klangnachläßtbis ihr ein weiter den hellen wieder schafft.

Ich ging zu meinem Wagen und opferte den Weinder den Musen zugehörtedemGenius der Trauer. Und als ich trank vor der hinabglühenden Sonne - und als esum die Brandstätte der niedergebrannten Sonne weit umher rauchte wie Blut - alsdie Rauchsäulen des Dorfs unter mir den Goldrand des Abendsder an der grauenMasse glimmteablegten und sie wie aufgerichtete Regenwolken emporstanden - alsauf den Wassern eine düstre Leichendecke über die hüpfenden Brennpunkte undschillernden Farbenpulver gebreitet war - und als alle Schlösser und Wälderund Berge solche vom Abendglanze in die Luft gezogne Gebilde warenwie sie dieFeuerwerke der Menschen schaffen: so stellte meine tränentrunkne Phantasie aufdie rote Begräbnisstätte der Sonne alle Gestalten und Zeitendie mich jebetrübt oder verlassen hatten - ich hob alle mürbe Leichenschleier aufdie inSärgen lagen - ich entfernte den erhabnen Trost der Ergebungbloß um mirimmerfort zu sagen: »Ach! so war es ja sonst nicht - tausend Freuden sind aufewig nachgeworfen in Grüfteund du stehst allein hier und überrechnestsie.«...

Jetzt war es leichtertraurig zu werden; aber ich wollte die ganze dünneBrückedie die Vergessenheit über den Höllen- oder Fegfeuerfluß des Kummersschlägtabbrechen. - Und da ich mir ferner vormaltewie viel mir jederFrühling genommen und wie wenig dieser gebe - wie langsam unsre Weisheitwielangsamer unsre Tugend zunehme und wie so schnell unser Alter und dieScheiterhaufen unserer Freuden und Freunde - und da ich daran dachtedaß imTode nur wenige Schuhe Erdeaber im Leben die ganze Erde mit der Schwere ihrerFoderungen über unsre schwache Brust gewälzt seiwie über jenen Riesen derÄtna: so fragte mich unaufhörlich etwas in mir: »Bist du denn noch nichttraurig genug? Siehe! wie bist du allein! wie siehest du mit so nassen Augen inden aufblühenden Frühling! Und bist du nicht tausendmal so mit dieserzusammengedrückten schmachtenden Brust vor der unermeßlichen Fülle desHimmels gestanden? Owie bist du arm und allein! - Kannst du deine Handausstrecken in den Nachthimmel und die zu dir herunterziehendiehinübergeflogen sind? Kannst du die vergessendie dich vergessen haben? -Dürftiger! Dürftiger! schlage nicht das ganze zerrißne Buch der Vergangenheitauf - zähl es nicht wiederwie manches Glückwie manches Jahrwie mancherFreund darin durchstrichen ist. - - Bist du noch nicht traurig genug?«

Ich konnte nicht Nein sagen; und als ich dachte: »das ist der erste Mai«so war es genug....

Aber nach einer erschöpften verdunkelten Stunde sah ich gen Himmelund derMond schwamm in seiner blauen Mitte - ein Nachtwind wühlte sich durch denganzen betauten Frühling und warf einen Wasserstrahl von der Kaskadean derich lagerquickend in mein brennendes Angesicht. - Und als noch dazu dreiWindmühlen anfingen durch die Nacht zu schlagen und als unten im Grün destiefen Dorfes aus dem Hause eines Töpfers eine gebogne Flamme sich zwischen dengrünen Gipfeln auseinanderrollte und aufbäumte: da war mirals höbe dasWehen den beladnen Busen vom Herzen ab und in der aufgedeckten abgekühltenBrusthöhle wieg' es sich jetzt ohne Last und stet und in einem kühlernDunstkreis als in der Seufzer ihrem. - - Es war mirals wenn die gegen Morgenrückende Abendröte heller blühteweil ein Engel in sie geflogen seidermeiner Seele vorher zugelispelt habe: das Buch eurer VergangenheitMenschenist nur ein Traumbuchdas das Widerspiel der Zukunft bedeutet. - DerAbendschmetterling der Zeitder in der Dämmerung und nahe auf den Gräbern mitTotenköpfen auf den Flügeln und mit ängstlichen Lauten im Saugerüssel michumkreiset hattewarje weiter er gen Himmel stiegunterweges eineunsterbliche Psyche mit glänzenden Schwingen geworden.

Ich stand auf und ging sanft überweht in den dämmernden Lustgängen - unddie Maikäfer rauschten um michund der Nachtschmetterling deckte seine offnenFlügel auf die Schlehenblüteund die flüssige Schnecke wallte unzerritzt dieDornen hinauf. - Denn die Nächte des Frühlings gehen über die Erde nichteinsam wie die unfruchtbaren Wintertagesondern wie glückliche Mütterundtausend spielende Kinder hüpfen ihnen leise nach. - Aber ich war ein Kinddasnicht längst geweint hatte. - Und als ich das alles gedacht hatte: sah ichgleichsam um Verzeihung flehendauf die Erdeund der dunkle blutige Gürtelvon der schneeweißen Nessel1)faßte mich und seine Gärten mit einem blühend-weißen Zauberkreis und Mondhofein. -

Ich schauete zum hellenin Abendröte gefaßten Nachtblau hinanund meinBlick fiel auf die Goldzinne eines unter dem Monde schillerndenGewitterableiters. -

Ich blickte endlich auf zum Sternenfeldund die ewig-blühenden Lilienbeetezitterten droben und schläferten mit sanften Betäubungen unsre brausende Seeleeinwie Kinder durch Lilien im Schlafzimmer einschlummern....

Nun lag ich ganz in den Armen des Frühlings und spielte mit den großenBlumen seiner Brust. - - O! du Allgütigerich bin ja noch in seinen Armen -und in deinen!

Zweite biographische Belustigung

Die Jungfer Europa - Baurede

Es gibt in keiner Geschichte zwei so wichtige oder sonderbare Echo als inmeiner......

Denn beiläufig! ich hebe die Geschichte schon an. Ich würde freilich jetztdem Leser die waldkappelischen Anlagen und die heilige Jungfrau Europa undselber meinen Wärter recht vergnügt und gut geschildert habenwenn er nichtso hungrig nach dem Mannabrot der Geschichte aufsähedas im heutigen Kapitelfallen mußweil im ersten Sabbatskapitel keines kam; ja ich wäre noch dazuschon diesen Vormittag - eh' noch mein Aufwärter mit seiner Egge um seinenHafer herum wäre - damit fertig geworden mit der Baute des Vorhofs zu meinemhistorischen Bildersaalwenn sichwie gesagtder Leser mäßigen könnte;aber man macht ein corpus mysticum wie ihn zu leicht wild. Allerdings treibt undsticht der kleinste Kornak von Autor den breiten Elefanten von Publikumwie erwill; hat er aber dem Elefanten einmal einen historischen Branntweinversprochennämlich eine Historie: so wird der Kornak ertretenwenn er nichteinschenkt und erzählt wie folgt: - -

Nur die zwei Echodie ich in die erste Zeile setztenehm' ich wiederzurückda sie in der Partitur dieser Geschichte noch einige Bogen und Taktepausieren. - -

- Auch nehm' ich den ganzen Anfang der Belustigung wieder zurückdaich erst recht nachgesonnen und bedacht habedaß der Leser weit mehr auf denSommerkasten und auf die darein gepflanzte europäische Jungfer erpichtsein muß - weil ich schon so viel Redens davon machte - als auf die ganzeplombierte Geschichte. Ich will ihm nichts Unschuldiges abschlagen. Haben wiraber einmal die zweite Belustigung glücklich hinter uns gelassen: so istdie größte Wahrscheinlichkeit vorhandendaß ich - und also er mit mir -schon in der dritten auf den Anfang der Historie treffen werden; - ichwenigstens werde auf viele Stunden lang kein Drehkreuzkeinen Holzweg oderspanischen Reiter ansichtigder mich seitwärts treiben könnte.

Man köpfe eine Alpe und baue sie voll: so hat man Waldkappeldem derBerggipfel wie einer Weide weggestutzt ist. Hier am Ortewo ich darüberschreibe - er wird bald mit Namen vorkommen -bin ich nicht ernsthaft genugumdem Leser eine würdige Ansicht dieser Aussicht mitzuteilenum esmein' ichausführlicher zu beschreibenwie sich der weite Zirkus der Schöpfung mit denan den Stadtmauern der Ebne hinaufgezognen Spalierwändennämlich mit den andie Berge gesteckten Wäldernum diesen waldkappelischen Fenstertritt der Erdelagert - wie sich um das von einem unermeßlichen Zuggarn gefaßte Herz schönverstrickt tausend Ketten und Seile der Liebe legendie Blumenkettenaufgesproßter Auendie Perlenschnüre perlender Bächedie Frucht- odervielmehr Blütenschnüre der Obstalleendie schlaff zwischen denzusammengeknüpften Dörfern schwankenund die eiserne Bergkettean der wie aneiner Jupiters-Kette alle weichere Bänder niederhängen. -

Ich könnte noch stundenlang beschreiben; aber ich bezwinge mich lieber.

Dieser Berg ist nun der niedlich-gearbeitete Präsentier-Teller vonDiminutiv-Häuserchen für meinen Großvater und seinen Troß - er trägt imGrunde eine runde Fuggerei auseinandergesäeter kouleurter Zimmerdie ohne Dachund Fach im Freien stehen und zwischen denen die Lusthecken als Korridore laufen- es sind Putz- und Glasschränke für aufgespielte Hof-PapillonsunterLaubwerk gestellt - Bilderblinden für einen Mannder anbetetoder für eineFraudie er meint - gesprenkeltean Zweige geklebte Schnecken- undKartenhäuser. - -

Ich kenne nichts Niedlichersund ich schlafe selber in einem - in einemandern aber frühstück' ichin Nro. 10 - in Nro. 5 dinier' ich - und in Nr. 3könnt' ich mich pudernwenn ich wollte. -

Eine ganze Zelt-Gasse solcher Laubhütten füllet jetzt - denn niemand hatdie Aufsicht darüber als der Aufseher - dieser selber als Schloßkastellan undNachtwächter mit seinem schmutzigen Hausgeräte an. Hat er nicht sogar sein Heuin den rechten Fuß der Jungfer Europa und sein Grummet in ihre linke Panseeingefahren? Ich mag nur dem Kastellan den Text nicht lesenda mir seine Frauund Kindersolang' ich hiesiger Bergbewohner binaufwarten und zugleich meineSilberdiener - Läufer - Beiköche - Hofkellerschreiber - Bettmeister undZimmerfrotteurs sind; aber eine Baurede als Hofprediger oder als Zimmermeistermöcht' ich vom Giebel eines neuen Schlosses an den gekrönten Bauherrn haltendes Inhalts: ob er denn dächtedaß er mit dem wenigen Brotdas er denArbeitern gebedie Fehler seiner Baurisse so leicht auswischen könneals manmit Brotrinden Pastellgemälde korrigiert - ob er nicht seine fürstlichenStorchsnesterdie den Dachstuhl des Staats eindrückenoffenbar in waagrechtedem Ackerbau abgehobne Pflugräder mache - ob er nicht wie Timur ingewissem Sinne seine Gebäude aus Menschenknochen und Schädeln aufführe etc. -

Auf der andern Seite kann einerder billig und witzig sein will und derunten stehtdem Zimmermeister wieder so viel hinaufantworten:

»Im Staate müssen Paläste früher als Hütten und überhaupt wie in jedemBienenstocke die obern Zellen zuerst gezimmert werdenwie am Leibe der Kopfsich früher ausbaue als der Rumpf. Auch baue manwie Friedrich II.der ganzeDörfer schufvon Zeit zu Zeit einige morsche Bauernhütten auf - in denenglischen Gärtenum zu zeigenwie wenig man sich ihrer schäme; und am Endereichten schon die artistischen Dorfschaftendie man zu Ofenaufsätzen oder zuenglischen Partien braucheüberhaupt statt aller wirklichen hinund mankönnte die wahren auf dem Lande leicht wie auf den homannischen Karten durcheine Nulle andeutenda ohnehin die Felder den englischen Gärten das beste undmeiste Erdreich entzögen. Mit dem Prunke der Paläste - der aber so geschontwerden solltedaß man für solche Häuser ordentliche Überhäuserwie fürdas Loretto-Häuschennach Art der englischen tragbaren Hospitäler aus Eisenbesorgen solltewie man ja auch die Stühle darin immer in papierne Überhosenstecke - mit diesem Prunke sei ein Fürst oft deswegen so verschwenderischdamit der Kastellan und sein kleines Schloßgesindedie es immer nach einigenJahren beziehendesto mehr Gelaß und Freude haben. So ungeheuer groß und mitso vielen Gemächernals Silberschlag die erste Arche für allesogarunentdeckte Tiere machtelege man eine fürstliche darum andamit sie wiefürstliche Kommoden leer bleiben könnewelches im einfachen Geschmacke andrerTempelder ersten griechischen und ägyptischenseiin denen nicht einmal einSchattenriß eines Gottes stand. Auch könnten die Großendie der Wurmstockvon GrillenLangweile und Ekel annagedem Labyrinthe ihres Innern nur in einäußeres voll Zimmer entwischenund ein Generalfeldmarschall brauche daher oftso viel Platz wie seine Armee; so machewie die Verwalter wohl wisseneineMetze Kornsobald der Wurm hineingekommenein ganzes Achtel voll. Nicht zugedenkendaß man die Abzugsgräben so vieler moralischer Unreinigkeiten undzugleich der öffentlichen Einkünfte von außen ebensogut zierlich überbauenund verdecken müsseals man in Gärten bald unter einem Holz-Obeliskusbaldunter einem gefällten Holzstoßbald unter einer schönen Nische den Abtrittverberge.« - -

Lasset uns zur Jungfer Europa kommen. Sie stehtvon konzentrischenblühenden Ringen und Irrgängen umzogenmitten auf dem Berge und ist soentsetzlich hochdaß sie eine Potsdamerin etwan als eine goldne Hemdnadel ansich stecken könnte. Wäre die Felsen-Paste der Semiramisd. h. ihr steinernerNachstichzustande gekommen: so weiß ichder Stich hätte nicht an dieJungfer gereicht. Statt des Rückenmarkes und statt der ganzen Osteologie istdie Riesinwie alle Blei-Gebildemit guten Eisenstangen oder Kanoneneisen-Barrendurchstoßen. Diese sind zugleich die Wetterstangendie eine so hohePerson keinen Nachmittag entraten kann. Da nun aber Eisen und Blei den Fehlerhabendaß sie sich zu Rost verkalkenmit dem sich gerade ein Gewitterableiteram wenigsten anfangen darf; und da zweitens der Kopf der Jungfer von Naturnichts ist als ein plumper Wilsonscher Knopfauf den ein ganzes Gewittermit einem Schlage niederfahren würdewenn man nichts dagegen versuchte:so versuchte man - und mit ungemeinem Glück - beiden Übeln mit denFranklinischen Spitzendenen man mit allen Physikussen den Vorzug ließnämlich mit 72 goldnen Zacken in der Länge der Bajonetteentgegenzuarbeiten. Es mußte gehenda Golddie gewöhnliche Krone derGewitterstangennicht rostet. Es will ein gutes Gesicht dazu gehörenzumalwenn man unten vom Tal heraufsiehtdaß man den umgestürzten goldnen Stahlkammoder Strahlenreif nicht für eine Zackenkrone nehmeoder für eine Dornenkrone.Letzteres wäre noch richtigerda sie gerade 72 Stachelsporen hatwelches ebendie Zahl der Wunden istdie nach den Katholiken die Dornenkrone ritzte; aberman muß niemals vergessendaß diese Stechpalmen bloß auswärts stehenund stechennicht nach der eignen Kopfhaut selberwas doch immer etwas tut. Danun noch dazu die alten Gelehrten beweisendaß die goldnen Strahlenspitzen anden Statuen der Götter das Gevögel hindern solltensich oder noch etwasSchlimmers auf deren Kopf zu setzen: so wird das Diadem nie ohne Nutzen für dieJungfer sein.

Man würde meinen Großvater in der Erde kränkenwenn man schlösseerhabe noch keine Karte von Europa aufgemachtbloß weil er die Fontange dieserDogaressa in eine Krone umschnitt. Aber beim Himmel! wenn nicht ein regierenderHerr an Europa den Kopfputz in eine Stachelkrone verwandeln darfso seh' ich nicht einwer sonst das Recht dazu haben solloder wie mit einemgrößeren die Holländer den Freiheitshut - die Jakobiner die Freiheitsmütze- die Staatsinquisitoren die Dogenmütze - und die Fürsten ihren eignen Fürstenhutin eine Krone umzustülpen Befugnis hatten: das seh' ich niemals ein.

Was die Jungfer anhat und anfassetdiese Insignien sollen auf einenKronwagen geworfen werdender schon in einer eignen Kapitel-Remise hält.

Die Jungfer selber hat - wie großen Figuren natürlich istwenigstens sein solldaher man sie mit dem sogenannten Noyau oder Kern aus Heuund Ton aushöhlt - bloß leere Partiendie Füße ausgenommendie die Scheunemeines Aufwärters sindund den Kopfin dem ich jetzt selber sitze undarbeite. Bis ich heute morgens mit meinen Papieren innen nur das Herz derJungfer erstieghustete ich mich halb tot; und dann hat man gleichwohl nocheinen ganzen gradus ad Parnassum bis zum Kopfe zu klettern. Inzwischensitzt man einmal da in solchen Gehirnkammern mit seinen eignen: so ist keinFürst glücklicher als der Insasseum so mehrda der Kopf des letztern vonder größten Krone unter dem Himmel durch nichts abgesondert wird als diebleierne Hirnschale über ihm. Schieb' ich ihre Augäpfel weg: so hab' ich ausihren Augenhöhlen die prächtigste Aussicht vor mirdie ich nur zu radierenund in eine Kunsthandlung zu geben brauche. Auch darf ich mich nur ein wenig zuihrem Nasenloche herauslehnen: so wird mir das ganze Blumenbrettdas mir derKastellan auf ihre vorliegende Unterlippe heraussetzen mußtereichlich zuteil.

Allerdings ist wohl noch aus keinem weiblichen Kopf - diesen ausgenommen -ein so tolles und brauchbares Buch gegangen als meines: ich kann mich ohneUnbescheidenheit als den in der europäischen Zirbeldrüse seßhaften Spiritusrector und Archaeus und geistigen Beherrscher Europens betrachten. Der modischeKolossusder nach den Zeugnissen der Alten mit einer Laterne die Schiffeheimleuchtetekönnte dem Himmel dankenwenn er meiner europäischenKolosserindie seit heute eine lange Mietfackel in die Welt hält undsolche damit überleuchtet - ich als Lichtgießer stehe für meine Arbeit -erkönnte froh seinsag' ichwenn er der Riesin sich als Sponsus antragendürfte.... - Morgen begeben wir uns denn wirklich in die Historie untervorteilhaftern Zufälligkeitenals den meisten Schreibern zugute kommen. DasWetterglas steht nicht viele Zolle tiefer als ich Schuhe. Der Osten hält denBlasbalg an meine Kohlen und Flammen und gibt mir den Morgenwindder der Seeleorientalische Perlen zuführtwie der Abendwind nur okzidentalische. SchonDoktor Friedrich Hoffmann hats erwiesendaß der Ostwind den Verstandden Appetit und die Sinnen schärfe. - Auf den Anschlagszetteln der Wiener Feuerwerkesteht: »wenn die Witterung es zuläßt«; - und wahrhaftigdie belletristischenbrauchen diese Bedingung noch eher. Ohne Ostwind kann ein Gelehrter -gesetzt aucher sei kein Theolog von Profession - selber nur wenigenmachen. Tissot bemerkte schondaß der Südwind uns Gelehrte wie einSamielwind ordentlich umwehe; und sooft dieser schwindsüchtige laue Wind vomÄquator herunter mich anhustet: so hust' ich nach und will umfallen.

So aber - wenn die Flut des Windes sich wie die des Weltmeers von Morgengegen Abend treibt - hebt man die Flügeldecken und die Flügel gewaltig auf undsumset über die Wolken hinaus und beginnt nichts Geringeres als die....

Dritte biographische Belustigung

Anfang der Historie - die magnetische Hand - das mütterlicheGespräch - das Echo bei Genetay

Der Graf Lismore aus Schottlanddessen Landgut dicht bei Rosneathliegthatte sich unter einem französischen Namen nach Frankreich und als eineLuftwelle mehr unter die Stürme geworfendie im Frühlings-Äquinoktiumdes gallischen Freistaats wehtenanstatt daß sie sonst das Herbst-Äquinoktiumandrer Republiken begleiten. Als das Schicksal in Gestalt der Sphinx vor diesesReich trat und ihm das Rätsel aufgabwie ein Land aus einem vierfüßigenTiere ein zweifüßiges werdeaus einem gebückten ein freies - - ferner alsdiese fürchterliche Sphinx wie die ägyptische jede irrige Auflösung mitVerschlingen bestrafte: so gab sich der junge Lismore gern für einen Gallierausum mit unter denen zu seindie entweder errieten oder erlagen. Noch jetztruht die grimmige Sphinx mitten im Lande und graset zugleich Arznei- undGiftpflanzen ab; aber im Jahre 93diesem Stufenjahre der Freiheitwar sie nochhungriger: was konnte nun in jener blutigen Zeit - da der Statthalter des bösenGottesRobespierreden Tempel der Freiheits-Göttin mit Gräbernunterminierte und da seine und fremde Mineurs sich unter der Erde in Katakombenfeindlich begegneten - was konnte da ein edlervom Laster und Schicksalzugleich Freigelaßner anders tun in der trüben Wahl zwischen Morden undSterbenals sein Angesicht bedeckensein tätiges Herz bezähmen und soresignierend und verhüllt es auf dem zitternden Boden abwartenob das Erdbebenglückselige Inseln versenke oder erhebe?

Lismore wollte daher seine mißliche und unfruchtbare Rolle und Frankreichverlassen. Sein Landweg von Paris aus war zum Glück der gekrümmte der Seineund führte ihnwie diesen Stromdem Meere erst durch einen Umweg zunämlichdurch Rouen.

Eh' er in Schottland ankamhielt ihn in Rouen etwas auf - eine Mutter undeine Tochterdie mit verzognen Namen in einem armseligen Hausedas Diogenesnicht ausgeschlagen hättesich verbargen und sich grämten. Lismore hatte dieMutter - ich nenne sie Gräfin von Mladottaob das gleich nur der Nameihres Namens ist - schon in Paris gesprochen und sie ihrer Sicherheit wegendaraus vertriebenzwei Tage vorhereh' ihren Gemahl die Menschen-Sägemühleder Guillotine ergriff. Sie war eine durch PhilosophieWelt und Tugendveredelte Fraudie nicht wie ein Kind über jedes harte Anfassen des Schicksalsschrie und die es aus einem langen Leben wußtedaß unseh' wir es endigenund ehe der Tod uns zum zweitenmal säetalle Flügel abgerissen werdenmüssenwie dem Tannensameneh' er in die Erde kömmt. Ihre zwei Flügel warenihr Gemahl und ihre Tochter. Sie hatte also wenig mehrwas sie über derletzten Grube noch schwebend erhielt. Das Ertragen des Kummers ermüdet oft denKörper so sehr wie das Erliegen darunter: die standhafte Gräfin reichtegeduldig dem Schmerze ihr Hauptdas der Schlagfluß traf.

Als Lismore sie wiederfand: war ihr vom Schlage nichts geblieben als einmerkliches Zittern des Armes und die Gewißheit seiner Wiederkehr. Er zwang ihr- um es gleichsam gutzumachendaß er unter der Fahne einer Partei gedientdieihr soviel geraubt - das Versprechen abjetzt mit ihm nach Schottland zufliehenum dawenn nicht glücklichdoch sicher zu sein.

Aber der Gramder nur in ihrem Herzen ruhtewar noch im Auge ihrer Tochter Adelinedie ihren geraubten Vater nicht vergessen konnte. Sie sah oft lange ihre Mutteranund wenn sie dachtesie weine vor Freude und Liebewar es bloß ausSchmerz und Anteil. Ihre Trauer über den entrückten Vater machte ihre Liebegegen die zurückgelaßne Mutter heißer; - und umgekehrt diese jene; undzuweilen hielt sie eine für die andre. Mit weniger Erziehung oder Tugend wäreAdeline zu sehr verschlossend. h. versteckt geworden; aber beide hatten ihrenschönen Gefühlen bloß die fehlerhaften Schleier genommennämlich die undurchsichtigen.In der Freudeim Gutestun sah sie einem Kinde ähnlichdas im Schlafelächeltweil es Engel erblickt. War auf des Grafen unglückliche riesenhafteBrust der Erdball wie ein Ätna gewälztdaß sie nur unter fremdenErschütterungen und Verwüstungen sich recht zum Atmen aufhob: so trugAdelinens Busen das Leben geduldig wie ein Leichensteinoder so wie eineerblaßte Mutter den an sie gelegten bleichen Säugling trägtgleichsam alsschliefen beide aneinander außer dem Grabe: die einsinkende Brust geht sanftunter der stillen morschen Bürde auseinander.

So war sonst ihr Schmerz; aber der jetzige nicht: er war wohl nicht wilddoch romantisch: denn ihr Geschlecht hat die schweigende Geduld nur für dieSchlägedie auf dasselbe im gewöhnlichen Kreise seines bürgerlichen Lebensfallen; aber der Verlust dieses Kreises und die Schreckbilder außerhalbdesselben martern es zu sehrwie hier Adels-Verlust und Hinrichtung.

Dieses Übermaß eines hyperbolischen Kummers gabzumal im Lärme einerRevolutionwo das Schwanken der bürgerlichen Scheidewände alle Gefühle mehrentblößtihrem so weiblichen Herzen einen männlichen EnthusiasmusihrerZunge Beredsamkeit und ihrem kalten Auge Feuerobwohl unter Tränen. - Unddeswegen brach der Graf einen Vorsatzden er so lange gehalten: nicht mehr zulieben.

Bei ihm war ein solcher Vorsatz unvermeidlich: er suchte ein Mädchendasauch noch etwas anders wäre - ein Jüngling. Wir wissen vom Grafen noch zuwenig; ich muß wenigstens ein Brustbild von ihm aus der römischen Erde derVergangenheit graben und hieher stellen:

Er hatte eine unzufriedne Seeledie in der vollen Blüte aller ihrer Kräftestandderen jede fast bei ihm eine eigne Seele war: so sehr gebot eine um dieandre herrisch über ihngleichsam örterungsweise. Daher brach die üppigeberstende Knospe seines Geisteswie die einer überfüllten NelkeohneEbenmaß der Reize auf. Bei dieser Kraft war ihm die genießende Untätigkeitdes vornehmen Lebens - jener ekelhafte Wechsel zwischen geistigem und leiblichemSchlummer - ein Greuel. Ihm mangelte kein anderes Haus als ein Arbeitshaus undkein Konfekt-sondern ein Arbeitstisch und einiger Hunger und Schweiß: einearbeitsam Dürftigkeit hätte seinem treibenden Lebensbaum dieWasserschößlinge verwehrt und eben dadurch seinen ganzen Wuchs geregelt. Hatt'er weniger Zerstreuung - mehr Zeit - mehr Geduld - oder eine herrschendeKraft: so stand ihm für alles gewitterhafte Feuer ein herrlicher Ableiterbereit - die Schreibfeder: - wahrhaftigdas Feuer des Geniesdas Länderentzündeteschlägt hundertmal nur ins Dintenfaßund dann ist die Wolkeerschöpft.

Daher behaupt' ichverschwendet ein Shakespeare und Garrick die Kräftewomit er einem großen Mann hätte nachkommen könnenin der Schilderungdesselben. Man nehme manchem Genie die Feder: so wird es den Freiheitsdegenundmanchem General diesen: so muß er jene ergreifen.1)Daher wird man in aufgeklärten Reichskreisenwo man sich noch etwas aus echtemFreiheitsgeiste machtdiesen nie in Schriften duldensondern ihn wieBrunnengeist hermetisch in den Autoren verpetschierendamit er nicht verrauche;sie sollen weniger frei schreibendamit sie (hofft man) mehr frei handeln.Daher schadets einem Autor an der Moralitätwenn er zu tugendhaft schreibt;wenigstens suchten allezeit Skribentendie ein reines Leben führen wolltenwie MartialKatullSanchez2)dieunreinsten Werke zu fertigenum mit ihnenwie mit gut angebrachtenVentilatoren oder Schiffspumpen oder Abzugsgräbenden Sündenstoff aus ihrenSeelen abzuführen.

Was ohnehin die Moral anlangt: so kann man foderndaß angesehene Adjunktender philosophischen Fakultät auf ihren Kathedernund unangesehene Adjunktender theologischen auf ihren Kanzelnda sie keine frères servantssondernschon Gebrüder-Redner der Tugend sinddaß siesag' ichalsKunstrichter der Tugend die höchsten Gesetze aufstellenum deren Befolgungsich niemand als die Schöpfer guter Werke zu bekümmern haben: beideAdjunkten sind ihre eigne kantische Gesetzgeber und haben also in sich die gesetzgebendeGewalt vollkommen; von dieser aber kann in Menschen wie in Staaten die ausübendenicht genug gesondert werden.

Der Graf strecktewie alle idealische Leute seiner Artmit gleicherHeftigkeit seine Hände nach der Wahrheit - nach der Tugend - und nach einemweiblichen Herzen aus und zog sie immer voll Schaum zurück. Dieser gute LeolinLismore mutete einem Weibe alle Tugenden zuauch seineja sogar diedie ihmmangelten. Wenigstens mußt' erwenn er sich auch im Handel noch einigeVollkommenheiten abbrechen ließdoch durchaus auf zwei - oder es war sonstLäsion über die Hälfte - dringen: 1) auf ein Herzwie ein Engel trägtzartunschuldig und milde - 2) auf einen Kopfwie er führtvoll beredtenaufbrennenden genialischen Enthusiasmus für alles Edle und Große. SeineTäuschung fing allezeit beim ersten Artikel anund dann war sie beim zweitennatürlich.

Einem Lismore verübl' ich solche Foderungen nicht; aber was soll man sagenoder schreibenwenn Libertinsdie in ihrem ganzen Leben nichts tatenals guteEngel zum Abfall verlockenam Ende als Gratial ihrer wohlverlebten Jugendweiter nichts begehren als einen Seraphimwenn der vierzigjährige Schöpferschuldiger Mütter und unglücklicher Kinder bloß die Unschuldigstewenn derTreuloseste bloß die Treueste als einen geringen Preis seines redlichen Wandelsfodertweil er nicht gern mehr am Trauungsaltar verlangen willals etwan derrechtschaffenste Jüngling im Lande fodern kann? - Noch besser wareseinsolcher Plus-Lizitans hauste in Paris: er könnte dann in die rue St. Martin insbureau de confiance Nro. 225 gehen und dieser Heirats-Börsedie in allenProvinzen die besten Unter-bureaux hältfolgende Affiche zu publizieren geben:

»Endesunterschriebener sucht eine Fraubei der er alle die Tugenden habenkanndie ihm ausgegangen sind - die so lange in diesem Leben ein Engel istbissie im andern einer wird - die alles erträgtsogar einen Mann oder seine H. -die nichts vor ihm verbirgt als ihre Tränen und seine Kinder. - Dafür bringtihr Sponsus seines Orts wieder (er macht sich dazu anheischig) ein adliges Altervon 6000 Jahren und ein hübsches Warenlager von Sklavenwomit er in zweiWelten handeltund die Hörner zudie sonst erst nach der Hochzeit angeschafftwerden müssen; wobei er aber fodern mußdaß die Personmit der er sich insolche Heiratsunterhandlungen einlassen sollentweder die heilige JungfrauMaria selberoder deren BaseStieftochter oder Enkelin seiweil niemand mehran seiner Ehre gelegen ist als dem

Beelzebub.«

Ach! es war eine glückliche Zeit für den edlern Lismoreda zwei Tropfendie aus zwei schönen jungen Augen fielennoch sein mit ungelöschtem Kalkbefruchtetes Schiff in Brand setzten - da er zu einer seligenaber kurzenIdylle nichts vonnöten hatte als eine schöne Landschaft und eine schöneSchäferindie zugleich das schöne Schaf darin war - und da er noch nichtsagteeine Frau sei nichts als eine geborne - Kastratin.

Er nahm es erst in Rouen zurück; aber bis ers tatwie viele geistigeGetränke für das Herz mußt' er nicht auf verunglückende Weinproben setzen!-Wie viele versüßte Kapweine mußt' er nicht mit seinem liquor probatoriusoder der sogenannten sympathetischen Dinte untersuchenbis er den schwarzenNiederschlag im Spitzglase vor Augen sah! - Ich will nur einen und den andernWein nennen.

Z. B. die ödenlustigengutartigen Mädchendie statt des Kopfes nichtshaben als zwei Füßenichts können als lachensingen und plaudernund dienie beseelt sindals wenn sie tanzenwie die hölzernen Trommelschläger ausNürnberg nur so lange trommeln und arbeitenals das spielende Kind sie in derStube herumzieht. -

- Oder diedie statt der Menschenliebe nur daswas sie oft damitverwechselnhabenMännerliebe - die wie Misogyne keine Frau lieben alsdie im Spiegel und die nicht bloß hinunter-sondern auch hinaufwärts hassenwie die Affenweibchen unsre nicht ausstehen können. - (Ein Affe hingegenschätzet den Menschen stetser sei von seinem oder vom zweiten Geschlecht.) -

- Oder diedie nur heiratenum zu kochen - die gerade so gut und so bösesindals ihr Mann sie haben will - für die ein Mann eine Erbschafteinequarta falcidia der Schöpfungeine kleine Welt istund die nicht seine Liebesondern seinen Namen und sein Geld verlangenund die die Fortuna soabbilden würden wie die Römer: mit einem Barte. -

- Oder die leidlichendie so lange gut bleibenals man sie einsperrtundderen Gesang unter fremden Weibern und Männern wie der Kanarienvögel ihrerausartetwenn sie den Käfig mit dem Walde vertauschen. -

- Oder diedie die Tugend liebenaber einen Tugendhaften nochein wenig mehr - die mit allen guten Anlagen des Kopfes und Herzens gegen alleherumschleichende Unter-Teufel recht gut gedeckt sindnur aber gegen gute Engelnicht; wie man denn überallselber in den höchsten Ständennoch Weiberfindet (freilich sind solche schöne Ausnahmen selten)die den Sklaven ihrerReizewie der Plantagenbesitzer den seinigennicht bloß nach äußerlichemGehaltnach ZähnenJugendGesundheitaussuchensondern die auch wirklichwie der Sklavenhändlerein gutes Herz und einen guten Verstand mit im Kaufedrein haben wollen oder gar mit bezahlen. - -

- Oder diedie nicht sowohl weich als flüssig sind und die man wegen denweichen Knochen ihrer Seele wohl liebenaber nicht heiraten kann - deren feinesGefühl der gutmeinende Mann von früh bis abends in einem fort beleidigt undritzetund in deren Herz er Scharten stößtwenn er nur mit einemBarthärchen an solches streiftso daß der gequälte Schelm sie nur wie einevon der Kopfnaht bis auf die Ferse geschundne Person voll Empfindung handhabenkann. - -

Alle diese Mädchen sind gut; nur nicht die besten.

Adeline war die einzige in Leolins Augendie nicht unter jenesondern unterdiese gehörte. Ihre Mutterdie als eine Frau von Welt einen männlichen Schatzfast aus allen Wissenschaften besaßhatte ihn auf ihre Tochter vererbt; unddiesen Schatz trug sie nicht als ein prahlendes Schmuck-Gehängesondern alseinen auf der Brust verborgen liegenden offizinellen Edelstein. Der Einflußdieses Amuletts gab ihr - was bei ihrem Geschlechte ebenso reizend als seltenist -ein bescheidenes Interesse an Dingen - und an den Gesprächen darüber -die vielleicht einer Frau so wichtig wie Küchen- und Putztisch sein solltennämlich an der Naturan allen Weltenan dem Vaterlande und allem Großen. DasGetöse der Revolution machte ihre sanfte Stimmewie das Rollen der Wagen odereine nahe Mühle die physische der nächsten Anwohnerein wenig stärker.Kräftige Menschen jagen gerade ihren Ebenbildern am wenigsten nach; daher wardas milde Öldas statt des Blutes aus ihrem Herzen in ihr sanftes Leben floßdie anmachende Nahrung des Feuers in Lismorens seinem.

Was braucht ein Mensch mehrum auf der Stelle sich zu seinem erstenLiebesbriefe niederzusetzenals eine Adeline mit dieser Milde - mit dieserTrauer über den Vater - mit diesem Herzen voll Gefühl und voll Teilnahme anWahrheiten und Menschen - mit dieser Hülflosigkeitdie der Liebhaber halbverursachte und ganz heben will - - was braucht er mehr? frag' ich. - Wenigstensfand Lismore mehr: die treuste Tochterdie je an einem mütterlichen Herzen mitblinder Liebe hing; je sanfter und je weiblicher eine Tochter istjefester sie einmal ihr Herz an ihren Gatten heften wird: desto lieber und näherist ihrem dasjenigeunter dem sie einmal lag. O! warum müssen die stillenanscheinend-kalten weiblichen Seelen so oft gemißdeutet werdenda sie dochgerade für die nächsten Menschenfür MutterGemahl und Kinddie größteWärme und die größten Opfer aufbewahren? - Bloß deswegen: weil die meistennur eine Wärme glaubennämlich die sichtbared. h. die Flamme.

Der Graf war genug unter Menschen und Jahren herumgeworfen wordenum es zuwissenwie man das Herz voll Neigung mit der rechten Glastüre versperrenmüsse; auch war er schon längst gegen jene Treibhaus-Liebe eingenommendieeinen Tanz-Abend braucht zur Blüte und einen Vormittag zum Abfallen derselben.Ein unerfahrner Jüngling wäre durch Adelinens Kälte traurig und irregeworden: er wurd' es nicht; er dachte sich erstlich in das scheue Herz derTochterdie jetzt so nahe und so mitten innen zwischen dem Tode des Vaters undder Krankheit der Mutter das Verhehlen ihrer frohern Empfindungen zu ihrenkindlichen Pflichten machen mußte. Zweitens war ihmder immer glücklicher beiSchönen war als sie bei ihmoft aus Bitterkeit und selten aus Eitelkeit dieVoraussetzung geläufigdaß eine ihn liebe. Drittens fragte er nach nichtserkonnte alles verwindenalles verlieren; »wenn Resignation« (sagt' er immer)»als Resignation einen Wert behauptet: so macht die Größe eines Verlustes sienur nötiger und edler - kurz der Mensch muß entweder nichts oder allesverschmerzensogar die Hölle und die Vernichtung.« Denn an letztere glaubt'er fest. Er liebte also Adeline unaussprechlich; aber er schwiegnicht weil sieschwiegsondern weil sie zu schweigen zu sehr den Anschein hatte.

Dabei war er (im guten Sinne)wenn nicht ein Hof-doch ein Weltmann: derSteig vom Genie zum Weltmann ist kürzerals die Leute sagendie eines vonbeiden sind. Seine unbiegsamen Bestandteile hatten unter Weibern und Geschäftenihre Sprödigkeit abgelegt; aber der wenige Giftder sie flüssig machtewarin der Einsamkeit wieder verflogenund er hatte in zwei sehr entgegengesetztenLagen nichts verloren als die Mängel derselben; so macht Achard dasspröde weiße Gold durch Arsenik so weichdaß man es in Gefäße formen kann;dann jagt er durch heftiges Feuer den Arsenik wieder heraus.

Der Graf war so verwöhntdaß er sogar in Sachen des Gefühls immer Planeund Modelle machte: er vermaledeite seine Plansucht und sein - Bewußtseinderselben: »Wenn ich nur wenigstens« (dacht' er) »nicht wüßtedaß ichsauf etwas anlege.« Ihm fiel - zu seiner Ärgernis - gerade in die schönstenTäuschungen des Enthusiasmusin die schimmerndste Beleuchtung der Opernbühneimmer durch eine zufällig-aufgehende Pforte das Tageslicht der Besonnenheitein. Ihn verfolgte jetzt das Bewußtsein des Plansdaß er bloß dieFreundschaft der Mutter zu gewinnen und zu erwidern braucheum die Liebe derTochter dreinzubekommen. Seine Absicht war schön und sein Mittel unschuldig;aber im 14ten Jahre liebt man doch ohne beide noch schöner.

Anfangs begreift mans nichtdaß das Herz der Mutter ihn an Sohnes Stattannahm: sieeine von den höhern Ständen vollendete Fraumit gleich feinenund strengen Sittenmit Gefühlendie sie mit ebensoviel Anstand ver- alsentschleierteund von einer Erziehungdie ihren Geist und sogar dender keinehatteimmer in engsten Schranken der Grazie und Tugend hielt. - Er hingegenein sogenannter »starker Mann« in genialischem Verstandeeine Sonneaberumzogen von einem immerwährenden Ring oder Hof voll Stürme - unersättlich inVergnügungenobwohl in den edelstenund ein Engelaber nur in einem Himmelund voll widerstrebender ungebändigter Kräftedie den Weg seines Lebens wieeinen römischen mit lauter großen Ruinen zu überdecken drohten. - Gegensolche Männer haben die Mütter sonst zu viel Mißtrauenwie die Töchter zuwenig: - - gleichwohl wars dasmal fast umgekehrt; und die Mutter wurde seinebeste Freundin aus drei Gründendie recht gut sind.

Erstlich in Revolutionszeitenwo immer um die Arbeiter am Bau deshimmlischen Jerusalems der Freiheit Blitze aus dem Boden schlagenin Zeitenwoman sich gegen die Gewittergüssegegen Kröten- und Blutregen unterstellenwillsucht man nicht den zu einem Tier oder Menschen zierlich ausgeschnittnenGartenbaumsondern eine vollästige dickbelaubte Eicheeinen Lismore. Zweitensgibt es keine sanftere Periode bei einem Menschen wie Lismoreder eineweibliche Seele mit so vielem Ungestüm besitzetals diewo er sie erst sucht:man sieht kaum den starken eckigen Frakturbuchstaben vor lauter Zugwerk aussanften Schönheitslinien. Der dritte Grund ist seine - rechte Hand: ich willserzählenich sitze ja dazu da.

Adelinens Mutter hatte vom Schlagfluß einen zitternden Arm behalten: mansagewas man willein empfindungsloser wär' ihr lieber gewesen als dieseroszillierende; warum soll ein vortreffliches Weib nicht in den Fällen ein Weibseinworin Tugend und Sitte es erlauben? Als Lismore ihr das erstemal die Handküßtewars ihrals schieße Eiswasser die Armröhre hinaufund das Zitternnahm ab. Sie gab beim zweiten Kusse darauf acht; aber es war kein Zufall. Siesagt' es ihm; er merkte aber balddaß nicht seine Lippen offizinell wärensondern seine Handderen Heilungskräfte durch Berühren einwirkten. Kurz durcheiniges Bestreifen ihres stechenden Arms richtete er in wenig Minuten diebebende Magnetnadel in einen ruhigennach ihm gekehrten Stand. Wer den Grafennicht gesehen und also zweifeltden verweis' ich auf den noch lebenden Grafenvon Thun in Wien - und umgekehrt verweis' ich auf jenenwenn einerdiesen nicht gesehen -welcher ebenso lahme Glieder durch Bestreichenherstellt.1)

Ich glaubeder Arm der Mutter steckte das Herz der Tochter mit einem andernZittern an; aber hier war der Graf weniger die Sanitätsanstalt als dieKrankheitsmaterieund seine klinische Hand voll Arzneifinger heilte geradedurch Berühren am schlechtesten. - - Lasset mich doch an ihren heiligen vierHerzenskammernworin beinahe nichts als die vier Evangelistennämlich ihreHeiligenbildersinddie Nachtriegel zurückschieben und nachsuchenob ichnichts finde! - Allerdings find' ich etwasnämlich den kleingeschriebnen undmit sympathetischer Dinte gezognen Anfangsbuchstaben des Grafennämlichein L (wenns nicht auf den Evangelisten Lukas geht). Dieses L istder Dinte wegen den ganzen Tag unsichtbaraußer abendswo die Wärmeden Buchstaben ein wenig leserlich macht. - Jeden Morgen war sie ärgerlichdaß sie abendsvon Lismorens geflügeltem Geiste angewehtein wenig wärmergewesenals sie nachher wollte. Das reine weiße Asbest-Blatt ihrerSeeleauf das sie jenes L zuweilen schriebwarf sie jeden Morgen in dieFlammendie alles auslöschten und wegbranntenohne den geringsten Nachteildes Bergflachses selber.

Aber die Myrte der Liebe gehet wie andre Gewächse gerade bei stürmischemWetter am meisten in die Höhe. Adeline merkte viel späterwelcher Blumensamenin ihr Keime treibe; aber die Mutter merkte es früher als der Grafund dieserfrüher als die Tochter: denn die erste Liebe verhehlt sich am wenigsten undkündigt sich immerwie die Sonne im Frühlingmit einer längernAurora an. Ihr Herz hält sich gleichsam unter dem Zelte eines Schleiers fürsicher: hebe den Schleier abso verstummt esals Gegenspiel des schreiendenKanarienvogelsder zu singen aufhörtwenn man ihn überdeckt. -

Aber es kam ein Tagder alle diese Rätsel endigte und meine biographischenBelustigungen anfing. -

Es war vormittagswo Adelinens Mutter fühlteder nähere Tod spanne dievon so vielen Schmerzen aufgeschraubten Nerven wieder zurück - die Saiten derzurückgedrehten Wirbel bebten schlafferaber tiefer und leiser -ungewöhnliche Tränen stiegen in ihre Augenund sie wunderte sich nichtdaßihr Herzsondern nurdaß ihr Auge voll Tränen war. Ach! da mußte sie ja dietreue Tochter ans berstende Herz ziehen und mit einem zweiten ihres verbergenund stillen. Sie sagte es niemand; aber sie wußt' essie könne eher die Erdeals ihr Frankreich räumenund indem sie sich gelassen zur Reise vorbereitetesetzte sie vorauses sei die längere aus der Erdeund sie gehe überein stilleres Meer als über den Kanal. Sie dachte den ganzen Morgen an denGrafen - zumal da er nachmittags mit Adelinen ein nahe liegendes Echo besuchenwollte - und an ihren Tod und an die Hülflosigkeit der Tochter; und sie nahmsich vorihr die Mutter-Hand noch einmal zu reicheneh' sie erkalte undzerfalle.

Möge kein roher Mann der Zeuge von der weichenzarten Umarmung seinin derzwei weibliche gebildete Seelen in die Sphärenmusik einer mildenheiligenmelodischen Liebeohne den harten Durton einer männlichenversinken! - Jaein Augedas gern auf der Umarmung zweier Freunde ruhtmuß sich noch mehrheiligenum mit Entzücken auf das Umfassen zweier höherer Freundinnen zublicken. -Und da ihr mein hartes Geschlecht kennetihr Teurenso entrückt ihrihm so oft den Anblick eines mißverstandnen Wertswie die verehrten Statuender römischen Götter durch Vergraben dem Zertrümmernoder Mosis Gestaltdurch Verhehlen dem Anbeten entzogen wurde.

Julie - so hieß die Gräfin - blickte ihre Tochter lange und mitunbezwinglichen Tränen andie mit dem Profil sich in ihre Näharbeitvertiefte. »Adeline!« sagte die brechende Stimme. Die Tochter kehrte sichzitternd zu ihr; und der Ton und die Wangen voll alter Tränen hatten ihr allesgesagtund sie fiel stummohne eine einzige Fragean den gequälten Busen -und sie küßten sich schweigend - und weinten schweigend - und gleichwohlblickten sie sich an und weinten noch mehr.

Julie drückte sanft die widerstehende Freundin von ihrem Herzen und zog sieendlich neben sich nieder auf ihren Sitz und fing an: »Tochterwenn du einenWunsch bisher hattestso sag mir ihn jetzt: ich werd' ihn gern erhören - sagihn!« - »Meine Wünsche sind Ihreweiter hab' ich keine.« - »Nicht soAdeline! - wenn du etwas wünschestso begehr es jetzt von mir; ach! du weißtja nichtwenn du mich verlierst.« - »Neinnein - ich wünsche nichtsalsdaß Sie froher sind - - und daß ich Sie wieder umarmen darfdas wünsch' ichgeliebteste Mutter!« -

Sie umfaßten sichund unter dieser täuschenden Nähe der armen berauschtenSterblichen sagte die Mutter: »Tochterrede anders! Wenn du einmal nach meinemTode an mich dächtest und dich fragtestob ich irgendeine deiner Neigungennicht genehmigen würde: sage mirwas würdest du tunwenn du dächtestichwürde sie nicht? Gib mir deine Antwort heute.« - (Nach einem langen zitterndenSchweigen:) »Neinneinich werde schon vorher sterben - was könnt' ich nochlieben? - Ach! teuerste Mutternennen Sie mir es jetztich werde ja allesrecht gerne fliehenwas Sie wollen.« - »Du sollst nichts fliehen; aberwürdest du auch jeden Menschen liebenden ich liebte?« - (Zu fein:) »Jedenwie meinen Vaterwürd' ich ihn.«

»Adelinewie sprichst du! Du kennst mich heute nicht.« - (Ihr um den Halsfallend:) »O Gott! Mutterwie verstehn Sie mich?« - (Sie an sichschließend:) »Bleibe nur so! Und sage mir heilig zuals ständest du anmeinem Sterbelagerversprich mirsbald zu wählen. - Wählewenn dein Herznicht zu viel dagegen hatden Grafen.«.....

Aber hier mußte Adeline im Schwindel der Empfindungendie sie umkreisetender doppelten Liebeder Schamder Freudedes Erstaunenssich an denmütterlichen Busen lehnender zugleich ihr Schleier warund sie hatte nichtsin der Gewalt als die süßesten Tränenund kein Jasondern einen langenKuß. - Zärtlich sagte die Mutter: »So sagst du mir doch dein Neinnicht«; und leise lispelte ihr ins Herz Adeline: »Nein!« -

Nur der weiche Finger der Mutter konnte den Harpokrates-Fingerden sichAdeline immer auf ihre Lippen drücktewegschieben und dann die schöne Seeleim Nonnenschleier eilig an das Sprachgitter ziehendamit sie da das Gelübdedes weiblichen Schweigens noch schöner breche als halte. Aber allein die Mutterkonnt' es auch nur.

Warum nehmen euchihr Männersolche Charaktere nur auf dem Schreibtischeund nicht im Leben ein? Warum schont ihr nicht ein scheues frommes Zögern mehrdas ihr bloß lobt? und wenn ihr so viel Recht habtein solchesmoralisches schreckhaftes Auffahreneinen solchen heiligen Skeptizismuseinsolches Mißtrauen gegen die zusammenkommenden Grenzen des Vergnügensund der Tugend zu begehren: so habt ihr eben darum weniger Rechtals ihrmeintdie Gelegenheit zur Probe zu geben. - Ich sehe nicht einwarum allemalihr den Preis ihrer Siege oder die Beute ihrer - Kämpfe nehmen wollt und mitwelchem Rechte ihr euch mit euern blutsaugenden Zungen an jede entblößteStelle ihres Herzens anlegtwie in Ost-Indien die Vampyre auf jedenSchlafendendessen Stirne nicht ganz zugedeckt istniederfallen und sie blutiglecken.

Gehe nachmittagsLesermit unserm blühenden Paardas nun eigne undmütterliche Wünsche vermählen und das sich von einem glücklichen in nichtsunterscheidet als in der Hoffnunggehe mit beiden nachmittags nach der St.Georgen-Abtei bei Genetaydie zwei Stunden von Rouen obliegt. DieAbsicht ihres Lustganges istdem seltensten Echo zuzuhörendas noch alsKapellmeister die aufs Chorpult eines Berges gelegten Melodien spielte. Es hatdas Sonderbare1)daß ein Sängerda nur seine StimmeZuhörer aber seine nichtsondern nur den Widerhallderselbenoft zwei Stimmen statt einerund alle sie andersbald näherbaldweiter vernehmen.

Auf dem ganzen Himmelswege hielt auf Adelinens Angesicht eine lebhafteschüchterne Verwirrung anderen heutige Quelle und deren schönste Bedeutungdem Grafen verborgen blieb. Der helle wehende Himmel des Nachsommers wiegtegleichsam die Erde in den Winterschlafund unser Paar in den Seelenschlaf derRuhe. Sie schwanktenauf dem bequemen Steige der Schönheitsliniedemreizenden Echo entgegen und folgten Pfaden mit kleinen Krümmungen nachso wiedie Seine neben ihnen in großen dem Meere entgegenfloß.

Sie kamen an und durchstreiften die irdische Walhalla; aber fast so wieLismore immer den Standpunkt verfehlteauf dem seine Seele ihr Echo inAdelinens ihrer hören konnteso ging es beiden auch mit dem Standpunkte desphysischen Echo: sie fanden ihn nicht. Der Graf tröstete sich leicht darüber:eine weißblühende Allee von seligen Minuten war bis an den Abend für ihngepflanztwo die Gräfin Mladotta mit einem Wagen kommen und die Tochterabholen wollte. Nur mit halben Lauten flog sein Geistder seinen verwandtensuchtefurchtsam und schnell um die zugeschloßnen Knospen der schönenGefühledie in Adelinens Herzen noch ohne Farbe und ohne Sonne lagenwie sichBienen an Kornblumendie noch nicht aufgebrochenhängen. Wie wenig brauchenzwei Menschenderen Herzen voll sindvon der äußern Weltwie wenig! Nureinige Blumenkeine englischen Anlagen - nur einen durchsichtigen Bachkeinenschiffbaren Strom - nur ein im Blauen flatterndes Wölkchen aus Silberfolie unddie schwer aufgestellten goldnen Flügeldeckenwomit ein beseeltes Flug- undGoldsandkörnchen aus dem ausgetrunknen Blumenkelche aufsteigt... Denn alsdannwird vom erwärmten Herzen nicht bloß die ganze Erdesondern auch alles Kleinedankbar angezogenwie Edelsteine nicht bloß Lichtsondern auch Spreu an sichsaugen. - - Aber nur ein zweites bewegtes Herz ist die dunkle Kammerworindiese Natur in Bewegung sich abmalt - unser Papier ist nur steifeLeinwand mit festengelähmten Figuren.

Einige Tagblumen falteten sich schon zuund die Seeledie Nachtviole in demNachtlebentat sich weiter auf und öffnete sich den Sternen. - Ach! gleicheingeschifften Negersklaven werden wir von der Sehnsucht nach unserm wärmernschönern Vaterlande am meisten zu nachts erweicht und gedrückt.- Aber beide erwarteten jetzt statt des Echo nichts weiter als die Mutter. Einkühler Seewindder sich mit Wimpeln und Brandungen müde gekämpfttriebjetzt nur noch mit weichen Locken und Bachwellen sein letztes Spielund dieBlumen wankten nachda er von ihnen aufflog und mit den Vögeln sich in dieGipfel versteckte.

In solchen Stundenwo die ganze Natur von ihren Blumen bis zum Abendrotgleich den Blumen im Morgenlandeein großer Brief der Liebe voll schönerZeichen istda wurde der von einem halben Leben voll Taten nicht gesättigteLismore durch die Wonne besänftigt und bezähmt; und er stand mit einem von denLiebesarmen der Natur festgehaltnen Herzendas keine epileptische Schläge tatsüß in die gleich ihm gemilderte Abendsonne verlorenein wenig von Adelinenwegabgesondert durch ein Orangeriegeländer. Sie blickte umgewandt zurücknach der erwarteten Mutter und er nach der Sonnedie glimmend über dem Meerehing. Lismore begleitete sie mit einem Abschiedsgesangeden erda er in allemein Improvisatore wareben selber machte. Der Inhalt davon war: »Kreiseträger umdu goldnes Zifferblatt des Himmels! - Rolle nicht so schnell mitdeiner Glut aus unserm holden Abend! Ach! zieltest du jetzt mit einem schönernMorgen über Amerika herauf? - Wirst du nur betaute Blumennicht auch nassemüde Augen aufschließen? Wirst du nichtwie ein heißer Funkeauf manchenwunden Busen fallendem du ein langes Tagewerk voll Qualen auflegst? -Schlummre lieber in unserm Abendrot und laß dem armen Negersklaven seinetröstende Nachtseinen Traum von dem entrückten Vaterlande und seine ruhigekleine Minute voll Kühle und Glück.« - - Auf einmal stockte seineBegeisterung: er dachte an sich und fuhr fort: »Ach! ziehe nur hinwartet dennnicht in jedem Winkel auf dein Verbergen ein Augedas weinen - ein Herzdassprechen - ein Jammerder ruhenund ein Geistder den Tag vergessen will?«

So sang er und glich der Nachtigalldie nach der Meinung der Perser allemalmit einer gegen einen Dorn gekehrten Brust zu schlagen pflegt. Adelinestand unwissend im Brennpunkte des Echo. Er hörte also nichts wie sichabersie hörte statt seiner bloß die zerteilte Engelszunge des Nachhallsder dieschöne Stimme in zwei zerlegte und damit wie mit zwei Armen das beste Herzgefangen nahm. Sie breitetebis zum Weinen entzücktihre Arme auf dieniedrige Orangerie hinter seinem Rücken aus und stellte sich vorer höre denDoppelgesang auch. Sie hatte das Echo vergessenweil der Mensch lieber einenMenschen als ein Echo voraussetztso wie er im Winter lieber dem Gefühle derWärmedie ihm die Bewegung gibtals der Gewißheit der Kälte glaubt.Endlichda alles aus warsagte sie mit einem ungewöhnlichen Tone. »Wiehimmlisch! was für ein Ton! Ach! solche Herzen muß man lieben.«

Lismore kehrte sich betroffen zurückund ein weiter heller Himmel vollMondschein ruhtevon der schönsten Seele ausgemaltauf dem schönstenGesichte vor ihm. Sie fragte gleichsam sein Erstaunen: »Haben Sie das Singengehört?« - Ihm war das Echo unvernehmlich geblieben; er sagte: »Ich weiß nurmeines.« Sie wurde hochrotsagte aber ebenso schnell als leise: »Ich habe Sienicht gehört.« Ein Strahl beleuchtete jetzt das doppelte Rätselund Leolinverfiel auf den Maschinengott des Echo und sangohne weitere Antwort und vonihr abgewandtdie Worte gegen die Abendsonne: »Sinke nur eino SonnedasEcho und Adelineund der Mond und Julie gehen in deinem Himmel aufund duwirst nicht vermißt!«

Eilig drehte er sich zur irrigen Zuhörerin zurück und sagtebittend-beklommen: »Nehmen Sie darum alles zurückwas Sie gesagt haben?« -O! welcher begeisterte Genius lähmte die Irrlehrerin mit einer verwirrtensüßen Unbeweglichkeit? Ihre weißen Arme blieben auf das Grün wieSchmetterlingsschwingen gedeckt - ihr bestürztes und beglücktes Auge zog dieersten Blicke der überraschten Liebe zu langsam zurück - und die Beschämungüber die Verwechslung nahm der Zunge die Kräfte des Widerspruchs. Die Sonnetropfte wie geschmolznes Gold in das nahe Meer - aber eh' sie in den Flutenerloschflatterte ihr blendender Purpur vor Adelinens Auge und verdunkelte es -und in einer Träne wurde die augenblickliche Nacht und der Purpur größer -und nun knietein der flüchtigen Unsichtbarkeit ungesehenihr Freund vor siehin und zog ihre Hand über die kalten Orangen herab - - - und zum ersten-erstenmal in seinem Leben war ihmals zöge die Fahrt seines Lebens eine langeschimmernde Furche in die Vergangenheitwie Schiffe ins Meer eine leuchtendeStraße bahnen. - Alles Erhabne in seiner Seele stieg auf und sagte ihm:schweige nur heute und laß die Beklommne schweigen. - Er schwieg; aber dieaugenblickliche Nacht war die Amors-Bindedie Adelinen den schönen Verlust derHand und des Herzens verdecktewie physische Glieder nur mit verbundnen Augenabgenommen werden. Ihre Seele sank in seine glühendewie einmal Planeten indie Sonne fallen. - Ach! da die Sonne hinunter war und da sie ihn anblickenwollteda fühlte sie erstwie viel sie ihm gegeben habe.

Nun ging auf der bleiche Mond und die - bleiche Mutter: ach! zwei glücklicheTränen und eine Wangenröte sagten ihr allesund als die Tochter siezitternd und heftiger als sonst umarmtewar ihr denn da die brennendebebendeLippe auf ihrer Hand zum Lösen des Rätsels noch nötig? - Aber der reichePerlenfischer kehrte mit der hellsten und reifen Perle eines Weiberherzensdassich aus dem reinsten Busen so schimmernd abgeschiedengeschmückt undglänzend nach Hause.

Drei himmlische Genien flogen mit den drei Menschen; aber ein einzigerGenius weinte.

Vierte biographische Belustigung

Der Tod

Wenn der Krieg seinen Ameisen- oder Maulwurfspflug auf unsrer Kugel einsetztund mit einer Pflugscharwelche Länder durchschneidetdie aufgeworfnenAmeisen-Hügeldie man Städte nenntaushebtumstürzt und zerreibt: soschämt man sich beinahedie Wunde einer einzelnen Ameise anzumerkenoder amUfer der Blutbäche seinen eignen vergoßnen Blutstropfen mit der Blutwaage desDoktor Glasers auszumessen; aber woraus bestehn denn diese Bäche am Ende alsaus den Tropfen einzelner Wunden? Fallen denn nicht alle aufgehobnen Hämmer desHammerwerks der Kriegsmaschine immer nur auf einzelne Herzen herunterjederHammer auf seines? - Oder soll im Kriege die Menge der Unglücklichen mir denAnteil an einem einzigen vermehren? Dann könnt' ich auch außer dem Kriegeniemals einen nehmen: denn wenn ich den Raumin den jede Stunde die unzähligenSeufzer und Wunden der Menschen zerstreuetmit der Phantasie zusammenziehe: sosteht ein Schlachtfeld vor mir.

Verurteile daherduder du vielleicht in dieser Minute dentausendschneidigen Sichelwagen des Krieges den Berg herunterrollen siehst unterdie unten am Abhange seiner Bahn liegenden Kinder und Mütterverdamme indeinem schönen Schmerze den unaufhörlichen nichtwomit du jetzt eine Tochterneben ihrer toten Mutter erblicken wirst - Adeline neben Julie.

In der Mutter kündigte sich der zweite Schlagfluß durch weichereHerzensnerven andie ohne Nervenhäute entblößt in die Krallen des Kummersfielen. Die Zurüstungen zur Reise wurden ihr die zu einer letzten: jedesaufgemachte Ringfutteral stellte ihr die verwesenden Finger vordenen sie denersten Ring der Liebe gegeben - jedes zusammengelegte Kleid war das noch obenschwimmende Gewand ihres vorigen schönern Frühlingsder nun in die Fluten derZeit hinunterfiel - jeder Traum enthauptete ihren Gemahl - und da sie an einemMorgen in der Schlaftrunkenheit die blassemit Rot umwölkte Sonnedie gegenSüd-Ostenüber der Gegend von Parisaufgingfür sein bleichesmit Blutumfloßnes Haupt ansahso schwindelte und erstarrte das ihrigeund - ihr Geistzog in den Äther und sah nur von ferne die Erde die Ruinen seines eingefallnenKerkers um die Sonne tragen.

- Als die Tochter den Leichnam erblickte: fuhr aus ihm gleichsam eineiskalter Schmerz wie eine kalte Schlange und rollte sich um ihr Herz - und dannsog ers aus - und schwellt' es wieder auf mit heißem Gift - und so hing eserdrückt-welkendausgeleert und brennend in seinen Natter-Ringen undGiftzähnen. - Vergeblicharmer Lismorereichst du ihr die lindernde Arzneides Trostes; sie kann sie nicht einnehmen - sie ist nicht ungehorsamsondern taub gegen den Trost.... Gehe weg von mirdu blasses Bild! dutust mir zu weheund ich tue andern zu wehe! - - - Warum nehm' ich mir so oftvordem Schmerze weniger Farbe und nur einen kleinern Hintergrund in meinenGemälden zu gebenund warum kann ichs nicht? - Erinnr' ich mich denn nichtdaß der beßre Menschwie ein Hoherpriesterkeine Trauer tragen soll und daßich mich und den andernda wir uns auf der einen Seite so sehr verhärten gegendie Räubereien des Glücksgegen den Lockenraubdie KelchberaubungdenBrot-Obst- und Ehrendiebstahl desselbendaß wir unssag' ichwieder aufder andern zu sehr erweichen gegen seinen Menschen- und Leichenraub? - Ach! ichdenke wohl daran; aber ich denke auchdieser Schmerz ist nur eine höhere Artzu lieben und eine sanftere zu leiden; und wie will ich die Phantasie bezwingenwenn sie mich vor die überflorte Adeline führtdie am meisten darüber klagtdaß der Schlagfluß die Zunge ihrer Mutter früher starr gemacht als das Herz?- »Ach! sie wollte mir noch etwas sagen und konnte nicht«sagte sie. Unterallen Trauerreden kränkt mich allezeit diese am meistenwenn ich höredaßder Tod einen geliebten Menschen wie ein Sturm aus der Erde gerissenohne daßer hätte mit einem einzigen unvergeßlichen Worte oder Blicke von den SeinenAbschied nehmen können; denn wenn die aufs Grab gesteckte Trauerweideausgestorbenwenn alle Trauerkleider über den Dahingegangnen verschenkt sindund wenn nur die jährliche Feier seines Sterbetages das Auge mit einemflüchtigen Schmerze benetzt: so vertrocknet doch der bittre scharfeTränentropfe nichtwenn man denken muß: »Er verschied stumm und konntekeinen Abschied nehmen.« - Aber du noch Ärmerer! wenn noch dazu dein Geliebterweit von dir in der Todeswolke erstickt und verschwindet: so bringen dir alleJahre keinen Trost. - - Und eben darumwenn bei euch ein Fremdling begrabenwirdso scharret auf seine letzte Erdenbürde nicht ein langes Kreuzdas sobald verrasetsondern drückt ein hölzernes oder ein metallnes mit der Tafelseines Namens und Alters hineindamit dochwenn er vielleicht einen Freundeinen Brudereinen Vater hatder ihn nicht vergessen kann und der diejammervolle Reise zu seinem Grabe machtum nur das Trauergerüstedie Wohnungdie Decke der hinter Erde ewig versteckten geliebten Brust zu sehenich sagebezeichnet doch dieses Aschen- und Blutgerüstedamit der Reisende seinen Totenfinde in der Wüste von Toten. - Ist er wieder fort mit dem gestillten Schmerzdann falle immer das eiserne Kreuzchen umund die metallische Inschrift löscheausund das Grab platte sich ab. - - Ach! es tut wehe durchs ganze lange Lebenwenn manwie ichdenken muß: »Deines hat kein Zeichenwie das Grab einesBegrabnen im Meere.«

- Als Juliedie sich wie eine abgepackte Rose noch im Sarge röteteendlichdurch die letzte Scheidewand des Lebens von ihrer Tochterdie im Kontraste mitihr einer schneeweißen Rose glichgeschieden war: zog die Untröstliche gernaus ihrem Mutterlande mit den zwei Brustlockendie sie mit tausend Tränen demeingesargten Haupte abgenommen. Sie wanderte gern aussag' ichaus einemsonderbaren Grunde: sie durfte außer Landes um ihre Mutter Trauerkleidertragen. Du teure Blondine! (aber die Natur machte dich nicht alleindazu!) Schwarz kleidet Blondinenund das Schicksal faßt dich in Trauer einwie man dem weißen Demant elfenbeinernes Schwarz unterlegt. - Aber du hastdeine Reize vergessen und deine Liebe: und dein Geliebter wäre beiderunwürdigwenn er jetzt dich an sie erinnerte.

Sie sehnte sich nach Schottlandweil die Schwester des Grafen sie erwartete;denn eine verwaisete Tochter legt ihr wundes Herz lieber an ein weibliches alsan eine männliche Brust. Lismore eilte: denn das aus allen gallischenHauptstädten herausklingende Glockenspiel von tausend Totenglocken so vielerSchuldlosen nagte mit den tödlichen Bebungen einer Harmonika ihre zitterndenNerven auseinander. Geprüftes Frankreich! verkenne die Zukunft nichtwenn der Orkan alle giftige Seeungeheuer aus dem Schlamme deines weiten Meersvorwühltwie die Stürme aus dem Meersboden nicht bloß Ambrasondern auchGiftfische ans Ufer stoßen. -

Aber wie trübe war der Anblickda Lismore wie ein Delphin seine traurigeGeliebte aus diesen blutigen Wellen an die zweite freie Küste trug!Adelinedie nun erst auf dem Meere den Schmerz empfandeinem Vaterlande undzwei teuern Gräbern den Rücken zu kehrenlegte schon im Schiffe die ewigeTrauer an. Ach! es wurd' ihr so schwerzu leben! Halt es ihr nicht vordaßsie sich die stumpf geweinten Augen gar blind mache! Fliegt denn nicht ihreSeelewie eine abgeschiedneewig über der bedeckten Höhle der besten Mutter?Ach! ist es denn nicht gerade jetzt mitten auf ihrer Lebensreisewo sie kaum 23Jahre hinter sich hatdaß sie von ihrer Führerin verlassen wirddie sichwie der Reisegenosse des jungen Tobias (aber früher)verwandelt in einenaufsteigenden Engel? - Ach! und wenn du nachts einsam vor dem Mondder ausWogen quilltwie dein Auge aus Tränenwenn du da müde und still (um nichtgetröstet zu werden) und so langeals du darfstzurückblickst nach demunvergeßlichen Landeund wenn dich dein Schmerz auf den Hügel ihrerHimmelfahrt trägtund wenn du dann unermüdet dem Herzen nachsiehstdashinter den Sternen verschwand: achdu Traurige! welcher Traurigeder nur eineinzigesmal hinter einem Totenkranze gingwer könnte dich tadeln oder nurstören?

Fünfte biographische Belustigung

Trauer einer guten Tochter - Neujahrstag - Derbystoner-Vase -Zweck der Ehe - Argwohn

Ich glaubeunsrer Adeline konnte der lange Katakombengang ihrer Zukunftnicht neblichter und bergiger vorkommen als Schottlandnoch finstererals dasGesicht warwomit die Schwester des Grafen ihr bis auf eine Stunde vor Glasgowentgegenfuhr. Jane Gladuse (Johanna Klaudia) war nämlich in ihrer Jugendvon ihrem Eheherrn wieder freigelassen wordenbloß mit dem Ehe-Ring signiertals Zeichen ihrer verlornen Freiheitwie man die von Falken gefangnen Reihermit einem Ringeder den Fürsten und den Datum des Fanges entdecktwiederfliegen läßt. Sie war eine verwitibte junge Dame von 49 Jahren und gehörteunter die Witwendie manwie den grünen Teefünfmal aufgießen (nämlichheiraten) kannohne sonderlichen Verlust ihrer aromatischen Kraft. Nun saßgerade jetzt ein zweiter Aufgießer oder Abonnent auf ihr Exemplar in Londonder bald die Winterlustbarkeiten mit den Frühlingskuren zu Glasgow zuvertauschen versprach. Nicht die Ankunft ihres Brudersden sie so innig liebtewie ihren zweiten Abonnenten und Prätendentensondern seine mitreisendeTrauerschleppe war ihr verhaßter als Robespierres Schweif: denn an seinerHeirat zerschellte wahrscheinlich die ihrige. Ihr fielwenn er ein Hagestolzbliebdie Hälfte der durch sein Leben gehenden Transito-Güter anheimals eine aufs Zölibat gelegte Taxe. Bisher hatten ihn nun nicht nur alleMädchenwie wir wissendurch die gedrohte Anwartschaft der täglichenGefängnisfieber vor der Conciergerie der Ehe gewarntsondern auch Jane selber:denn Lismore war Zeuge gewesendaß seine Schwester mit ihrem Eheherrn ganzanders als Xanthippe mit Sokrates zusammengelebt; denn der Grieche hattebekanntlich Geduld und die Griechin Kinder. Aus dem Anblicke ihrer Ehe und ausderen Kontraste mit den romantischen Hoffnungendie sich der Graf vom Glückeder seinigen und von der möglichen Identität zwischen Braut und Gattin machtekann ich mir ja viel besser als aus andern Gründen eine recht stachlichteVerzierung seines Saals erklären: man weiß nämlichwenn in der einen Nischeeines Saals eine Statue stehtdie man einheiztso muß nach demStuben-Rhythmus in der andern eine gegenüberstehendurch die das Schloß (wiez. B. des Fürsten v. Esterhazy seines) abbrenntwenn der Ofenheizer Feueranmacht. Zu diesen zwei Ofenpuppen wählte der Graf in der einen Blende einen Amorden man heizteund in der andern den Hymenin den nie ein Schwefelfadenkam.

Adeline schloß ein nachsichtiges freundschaftliches Herz für die Schwesteraufderen Bruder ihr noch außer dem seinigen so viel gegeben: sie warüberhaupt die schöne Gegenfüßlerin der meisten Mädchendie gegen Herrensich nicht genug bücken und gegen Mitschwestern sich nicht genug zurückwerfenkönnen und die Zurückhaltung und Gefälligkeit an die unrechten Geschlechterverteilen. Mir geht die junge DameJane Gladusenahe: denn eh' beide zum Toreeinfuhrenmußte sie - sie setzte sich vergeblich dagegen - wahrhaftig diebleiche Emigrantin von Herzen lieben. »Die gute Fremdlingin hat ja auf ihremGesichte das Spanisch-weiß und Perl-weiß und Orgelmacher-weiß beisammenundbetrübter und betränter könnte man gar nicht aussehen«dachte Gladuseundaus der totalen Sonnenfinsternis ihres eignen Gesichts wurde eine partiale. Dennsie war ebenso mitleidig als neidisch oder verlogenund die aufrichtigstenTränen entflossen ihr so leicht wie die falschesten Worte. Überhaupt wünschtesie von Herzendaß es ihrem Nebenmenschen - sie konnte sonst keinenmitleidigen Anteil an ihm nehmen - recht jämmerlich erging: denn sie war diebeste Freundin in der Not und half so langebis man heraus war; dann erst fingsie an zu beneiden und anzufeinden; sie konnte niewie der kahle HofmanndemGlücklichen ihre Freundschaft schenken. - -

Eine weibliche emigrierte Dienerschaftdie schon vor Adeline über den Kanalgeschwommen warhatte das achte Stockwerk im Hause des Grafen - denn inSchottland haben die Gebäudez. B. in Edinburgoft 12 Stockwerke - schonbesetzt und zurecht gemacht. Ihrem hohen Stockwerke diente und zinsetewieeinem Thronedie ganze Gegend um Glasgow mit ihrem Reize und ihrem Clide-Fluß;daher räumte ihr der Graf es aus: die weite Perspektive sollte ihre Wehmutzerteilen; aber in einem fremden Lande tut eine große Aussicht oft dasGegenteil. Als sie heute zum erstenmal in den neuen Zimmern einsam warweintesie recht von Herzenund zwar in dem Zimmerdas schon lange für ihre Mutterzugerichtet war; aber sie legte sich freilich die anklagende Frage vorwie sieallezeit dem edelmütigen Grafen für die balsamischen Blumenbeetewomit er denganzen Weg ihres Lebens umbauein dem Grade danken könneden sein Feuerbegehren werde.

- Ich wollteich könnte jetzt den Winterwo die Natur die stärkendeFrühlingskur gebrauchtso aus Adelinens trübem Leben ausstreichenwie er inwarmen Ländern fehlt. Wie die Krankheiten des Frühlings sich im Winterentspinnen: so umzog sie der Winter mit einem Dunstkreis voll Krankheitsmateriein dem jeder Atemzug dem Frühlingsfieber ihres Herzens verarbeitete. DuUnglückliche! Denn gerade im künftigen Frühling hatte der Graf deiner Mutterzugesagtdas Vermählungsfest der großen Natur mit seinem eignen zu feiern undin die Flitterwochen des Wetters die seinigen zu verweben. - -

- Adeline war unter der See- und Landreiseausgenommen den ersten Tagweniger in sich gewandt - gefaßter - und aufmerksam auf ihn gewesenund erkonnte den schönen Fluß seiner Stundenden der Schiffspöbel bloß mit Sand-und Trinkgläsern1) maßnach densanften Blicken berechnendie ein dankbares Augewenn es sich abgetrocknethatteauf ihn warf. Er erwartete in Glasgowdiesem sogenannten schottischenParadiesden Wachstum seines eignen - aber hier schloß sich sein kleinerHimmel wieder zu: was Adeline gewesen warist ihrem ganzen Geschlechte aufReisen eigenweil es da der männlichen Brustwehr bedürftiger ist. Aber in denbessern Zimmernin denen sich so traurig die schönen ihrer Jugend und dieletzten schlechten ihrer Mutter abspiegeltenhörte die kurze Meerstille ihrerSeele auf. Der Jammer ergriff ihr geschwollnes Herz und drückte aus ihm jedeTränedie auf der Reise nicht vergossen wurde. Die Schwester des Grafendieohnehin der Pfeilerspiegel ihrer Nächsten war und die zwar nie zuerstaberauch nie zuletzt mitweintemachte die Weiche noch weicher. Beim kleinstenSandkorndrucke eines Gedankens einer Ähnlichkeit flossen ihre gedrückten Augenüber. Konnte sie in die Untertasse ihrer Teeschaleworein eine Rose und zweiRosenknospen eingebrannt warenhineingehenohne an ihre Mutter zu denkendieimmer wahre Rosen getragen und gepflegt und der sie eine seidne auf diezerfallende Brust in der Stunde ihres letzten und tiefsten Untersinkensangesteckt hatteweil die wahren schon vor ihr entblättert waren? - Konnte sieihre Hand auf ihr Herz legenohne es an die weiche Lockean der es schlug unddie nicht von ihremsondern vom begrabnen Haupte dahin gefallen warwie intausend Dornen zu drücken? - Ach! schoben nicht hundert andre Zufälligkeitendie Hoffnung des Grafen aufihr in die bedeckte Höhle der Geliebtenhinabgesunknes Herzdas am geliebten zerstäuben wolltewieder in denSonnenschein des Lebens heraufzuziehen? Nur ein Beispiel!

Als sie am Neujahrsvormittage mit seiner Schwester ein wenig bald in dieKirche fuhr: war diese ausgeleert; aber unter dem Fußboden zitterte einunverständlicher melancholischer Gesangso ungefähr als wenn aus denzusammengefallnen Toten in den Kirchen-Begräbnissen unterirdische Stimmengingen. Von welchen Ähnlichkeiten wurde Adeline am Morgen des erstenverwaiseten Jahres angefallen! - Das Singen kam daher: in Schottland haben dieKirchen zweioft drei Stockwerke. - Derselbe Prediger hält in den Frühkirchenzwei Predigten (oft über einen Text) hintereinanderdie bloß derGesang und das Stockwerk voneinander trennen. Adeline hatte also im zweiten dasSouterrain-Getöne des ersten gehört... Das Schicksal hatte einmal beschlossenden ersten Tag des Jahres mit lauter dicken schottischen Wolken zu überziehen:denn als sie aus dem Tempel ginglagen im Kirchhof zehn Menschenrufend undzuckendauf den beschneiten Hügeln. Zehn Gespenster hatten schon AdelinensHerz mit kalten Händen gefaßt und erkälteteh' ihr die Begleiterin sagenkonntedaß es nur Konvulsionärs wärendie man aus der Kirche dahin trageund die nach einer Viertelstunde von selber davongingenohne in ihremGedächtnis oder an ihrem Körper eine Spur davon mitzunehmen.

Der gute Grafdurch dessen Herz alle Dolche des ihrigen drangenkonntenicht erratenwie manchen er leicht hätte abwenden können. Wenn sie abendsmit jener freundlichen Helle trauriger Augendie mich so betrübtin ihrSchlafzimmer fortgegangen war: so kam sie doch morgens mit erhitztentrübendaraus zurückund das bloß eines - Hutmachers und eines Stecknadelhändlerswegen. Dieser wohnte ihr gegenüber im drittenund jener im zweiten Stockwerkedes nämlichen Hauses. Auf der gewöhnlichen gelben Grundierung desselben warnun - wie in mehrern schottischen Städtenz. B. in EdinburgSitte ist - dieWarewomit jeder handeltenicht herausgehangensondern angemalt. Obenauf dem Hintergrundenämlich im dritten Stockwerkestanden Farbenköpfe2)und unter den unbedecktem Köpfen im Mittelgrundeim zweitengleichsam dieherabgefallnen Hüte. Ach! verarget es einer in die Fremde gerißnenzwischenden Schatten zweier Grabmäler trauernden Waise nichtwenn ihr Augedasder Traum zwar schließtaber nicht trocknetzwischen dem gemalten kahlenKopfe und zwischen dem enthaupteten ebenso traurige und so tödlicheÄhnlichkeiten ausfindetals die warenwomit der Aufgang der Sonne den Aufgangihrer Mutter beschleunigte! - Ich sageverdenkt ihrs nicht; und ihr könnt auchnichtwenn ihr noch hörtdaß jeder Traum ihr die Mutter in die Hände gabdie allemal eine frische Rose voll Tau neben dem silbernen Busen-Kruzifixstecken hatte und die zu ihr sagte: »Adeline! wo muß unser Graf (AdelinensVater) so lang' in Paris bleiben? Wir wollen ihm doch entgegen.«

- Achberaubter Mensch! denkst du denn nicht daranwenn du abends vor deinBettediesen Tempel der prophetischen Orakeltrittstdaß mitten imTotentanze unsrer Horenmitten auf der Erdediesem Zergliederungshause derZeitdie mit ihrer Haarsäge unser kleines Jahrfunfzig in Sekunden auftrenntund alle feste Gestalten in Pastellgebildedenkst du denn nicht darandaß derTraum die Pastellgemälde unsrer Geliebten fixiertdaß dieses Echo der Zeituns alle begrabnen Stimmen wiedergibtdie in schönern Tagen harmonisch in dieunsrige einfielen und die nun klingen zu hoch über uns oder zu tief unter uns?- Ach! ohne den Traumder um den im Schlagflusse Erblindeten musivische Weltenvoll Tulpen und Juwelen stelltund der die umgeworfnen Lebenden mitaufgerichteten Toten umzingeltach! ohne ihn würd' es ja zu langebis wirunsre Brüder und Eltern und Freunde wiedersähen; wir würden ja durch den Todum uns her mit jedem Jahre zu sehr verarmenwenn nicht die Träume den Schlafdas Vorzimmer der Gruftmit den Brustbildern dererdie im zweiten Lebenwohnenbehingen. Freilicharme Adelinearme Julie! gehört ein ganzer Tagdazuum eine Nacht zu vergessenworin ihr unten im wogenden Wasser-Spiegeldes Traums das geschloßne Grab und die geschloßne Wunde von neuem und zu weitaufgerissen wiedersahst. - -

Da Lismore nur heftigennicht dauerhaften Kummer leicht mitdem andern teilte - weil die Sympathie mit jenem bloß Feuerdie mit diesemkalte Vernunft begehrt und weil seine eigne Standhaftigkeit überhaupt auf einefremde drang -: so konnt' er anfangs nichts tun - ob er gleich mit Freuden allefressende Gifttropfen ihres Grams aus ihrer Seele in seine gesogen hätte -alsihren Schmerz vergrößernum ihn mitzuempfinden. Er warf sichs vergeblichhinterher vordaß er in allen Unterredungen seine Beredsamkeit verwendesieuntröstlich zu machen; aber er konnte den Strömen seiner Gefühle nichtEinhalt tun. Am meisten tadelte er sich über das neue Jahr.

Er ging nämlich mittags zu ihr hinauf und machte das arme gepreßte Herzseiner Geliebtenderen Kirchweg heute schon durch eine Zypressen-Allee gelaufenwardurch sein Neujahrsgeschenk noch schwerer. Es bestand nach der vornehmenLondner Sitte in einer Derbystoner-Vase. Das Gemälde darauf war seine eignesonderbare und doppelsinnige Erfindung. Die Venus Uranianeben der als ihrAbzeichen ein Schmetterling flattertruht mit der Hand vor dem Auge an einerBegräbnis-Urneund Amor beugt sich gegen sie und nimmt mit der einen Hand ihrevom Augeum sie zu weckenweil die Aurora mit ihren zwei geflügelten Rossenherausziehtund hält mit der andern die Fackel umgestürztum sieauszulöschen oder abzukehrendamit sie den Schmetterling nicht versengederüber einem auf der Erde liegenden Blumenkranze schwebt. Aber alles das konnteauch heißen: Adeline verhüllt ihr weinendes Auge - der Blumenkranzder letzteSchmuck der griechischen Leichen und Tränen-Urnenlag für den Schmetterlingdas Bild der abgeschiednen Seelezur Nahrung da - Amors Fackel funkelte ausumden Kranz und die Psyche zu schonenaber er wollte die Weinende fortziehendamit nicht Auroraderen Raube die Griechen das Sterben der Jugend schuldgabendie Geliebte ereile und nehme. - Der Graf sagteals ers Adelinen gabnur den schönen Wunsch: »in diesem Jahre möge sie (die Vase) den schönernSinn haben.« - Adeline fand sich sogleich in den mythologischen Doppelsinn -denn Leute ihres Standes haben ja an jedem Zimmer einen Hör- und Bildersaal derGötterlehre - und gabindem ihr langer warmer Blick mit dem violettenAmethystgoldsand auf dem transparenten Silber des Flußspats schwimmendzitterteihm lächelnd außer dem Danke die unerwartete Antwort: »Es könnteauch einmal noch einen dritten Sinn bekommenwenn es deren zwei hat. Mankönnte einmal denken: die Aurora sei schon bei der Entschlafnen gewesen - derSchmetterling sei eben aus ihr geflogen - den Geniusder die eine Hand zurandern gefaltet niederlegen willden kennt man ja an der umgestürztenFackel.« Und als sie es gesagt hattekonnte sie ihre wärmsten Tränen nichtmehr zurückhalten.

Sie setzte sich matt in das Fenster-Kanapee (Window-Stool) - Leolin stand vorihrvoll stürmischer Gefühle und voll Haß gegen jeden Trost. Das Fensteroder vielmehr die gläserne hohe Pforteschauete gegen Mittag. Die großaugigeWintersonne hing tief über den schillernden Bergen - über die von einem Tizianweißgrundierte schimmernde Erde legte sich die grenzenlose Nacht eines tiefernHimmelblaues herüberund in die einsamestarrestille Welt hing gleichsamdie Lilienglocke eines fernenunendlichen Frühlingsnämlich die Sonneweiter herein - und dann quoll in der Menschenbrust eine warmeschmerzlicheSehnsucht auf. Nie war seine Seele weicher und sehnsüchtigernie rücktenWonne und Schmerz darin Tag und Nacht näher zusammen als an einem hellenWinternachmittagewo gerade der Tag der Erde und die Nacht des Himmelsderalsdann nur einen Stern trägtschneidend übereinander stehen. AberdochLismorehättest du deine furchtsam Adeline nicht vor das tobende Meer indeinem Geiste führen sollen! Warum lässest du auf der einen Seite so zärtlichden weiß-seidnen Vorhang nieder und ziehst ihn hinter ihren Sitz ans Fenstergegen die blendende Sonne vorindes du auf der andern auf ihre Wunden alleBrennpunkte deiner heftigen Seele richtest? Wenn du deine glühende Hand durchsauseinandergelaßne Fenster in das Kühlbad der Jennerluft hinaustauchst: warumentzündest du mit deiner andern deiner Geliebten ihre zu größern Schmerzenund o! warum kannst du zu ihr sagen: »Im Winter betrübt mich die Gegend nachSüden - ich denke nicht bloß an die südlichen Polarländerdenen die mattetiefe Sonne einen immerwährenden Tag und einen kargen Frühling gibt - ichdenke an das schönere Landdas uns unsre Berge verdeckenan unser Frankreich.Und dann kömmt mir der Obeliskus1)dort wie ein Epitaphium vor. - - Teuersteaber Sie müssen sichtrösten: denn Sie versehrt und zerrüttet der Schmerz; und nur in meiner Seelekann er ruhig seinen Dolch umwendensie stirbt nicht daran. Ich male mir esoftwenn die Sonne über diese Berge stehthier mittags auswas ich und Siedort verloren haben - ich stelle mir Sie neben unsrer Unvergeßlichen stehendvorwie Sie neben ihr blieben als ihre letzte gute Tatwie man über RaffaelsBahre sein letztes Meisterstückdie Verklärungstellte.« - Adelinehatte sich in der Marter der Erinnerung auf Lismorens Hand gebücktund ihrAuge deckte mit ihr sich und tausend Tränen zu. Ach! er fuhr gerührt fort:»Gequälte! warum fragen Sie etwas nach dem Schicksal oder nach den Schmerzendie es reißet? Beim Himmel! ein so dürres und trocknes Leben voll Stacheln undWolken wie das menschlicheeinesdas so klein ist wie ein Epigramm und das amEnde eine Giftspitze hatdas verlohnt Ihres Weinens nichtAdeline!.... EinGeist wirft uns von oben herein in das Lebenund dann zählt er 70 oder 80wiewenn wir einen Stein in einen tiefen Krater werfenund beim 70sten Pulsschlagoder Jahre hört er unsern dumpfen Auffall unten im Grabe. - - Aber ich quäledich und wollte dich trösten; wahrlichich meint' es anders......«

- Aber am Ende führte ihre Trauer ihn auf einen Zweifelder seine Tage nochmehr verfinsterteals es der Jennerhimmel tatauf denob sie ihn auch liebeda die tote Gestalt der seinigen wenig Platz oder wenig Licht in ihrem mit Florverhangnen Herzen lasse. Hätte sie ihm die Unterredung mit ihrer Mutterdiesoviel für ihn tatanvertrauet: so würde er lieber Öl in die um dieerblaßte Gestalt angezündete Begräbnislampe nachgefüllt habenanstatt esauszugießen. Dazu kamdaß Adeline ihm ihre Liebe gleichsam wie eine zweite Selbstliebewie ein inneres Frohsein zu bekennen scheuete im Kummerund daß die Gegenwartseiner Schwester und die Abwesenheit ihrer Mutter ihr dieses Bekennen nochsaurer machte. Er übersahdaß sie aus denselben Gründen handle und fehleaus welchen er sie mit Vorwürfen ihres Fehlers und sogar mit Tröstungenverschonte: seine Ehrfurcht gegen ihre trauernde Uneigennützigkeit untersagteseinem unschuldigsten Eigennutzedieser einen Vorwurf zu machen; aber sieverbot aus denselben Gründen ihrem Eigennutzeeinem solchen Vorwurfeauszuweichen.

Auf die schwache Stelle des Herzens wie des Körpers werfen sich alle andreKrankheitsmaterien: sein Zweifel nahm jetzt so zudaß er endlich nicht sowohlglaubtedaß der Kummer ihre Liebe verschatteals daß sie gar keine habesondern nur Dankbarkeit. »Denn«sagt' er»warum kann sie ihn bezwingen undunter ein Lächeln gefangen nehmenwenn sie in fremden Gesellschaften istoderwarum stört er sie in ihren kleinen Geschäften nicht?« - Bei ihm fielen alleStrahlen durch zwei untereinandergestellte Brenngläserdurch den Kopf und dasHerzund zündeten und brachten in Fluß und verkalkten: so war auch seineLiebe; und so sollte (verlangt' er) die seiner Adeline seinund diese sanfteLunadie er beschiensollte unter dem erhabnen Glase der Liebe statt desLichtpunktes einen Brennpunkt bekommen. Sie sollte jetzt - sonst hatt' er nichtdaran gedacht - heftigberedtdichterischenthusiastisch sein in der Liebesiedie überall nichts war als geduldig und gutund die statt der Zungenichts hatte als ein Herzstatt der Flügel nur ein helles Augedem fremdenSchwunge nachzusehen. Gleich den Lichtmagneten sog er alle Arten von Glanz undLichtern einnur kein sanftes Mondlicht; aber Adelinen hatte der Himmel alseine Vase von Volterra-Alabaster in das Leben gehangenderen Lampe durch dasdurchsichtige Gehäuse nur in Mondlicht überquillt.

Die männliche Eitelkeit kann überhaupt leichter als das männliche Herzdie weibliche Liebe ahndenund jene präsumiert mehrals dieseserrät; aber am schlimmsten spielen wir jenen stillen Weiberseelen mitderenWärme sich nur durch Erdulden der Kältederen Liebe sich nur durch Treueoffenbart und die dem Brunnen in der Baumannshöhle gleichenwelcher sichwennman aus ihm schöpftimmer wieder füllt und der doch niemals überfließt.Ihr Wert blüht erst nach den Flitterwochenund man muß sie heiratenum sie zu lieben. - Lismore wollte aber umgekehrt liebenum zu heiraten.Juliens Leiche hatte sich ohnehin zwischen die trunknenlyrischen Blicke undTage des ersten Findens der Seelen gestellt: jetzt war ihm nach seiner Meinungnoch wenig mehr von der Epopöe und lyrischen Blumenlese der Liebe übrig: dasHochzeitkarmen der Flitterwochen geht dann endlich in Hübners Reim-Registerüberbis zuletztwenige poetische Floskeln und prosaische FreiheitenausgenommenMann und Weib nichts weiter schreiben als einen abscheulichenwelken Kanzleistil.

Das Betragen des Grafen ist vielleicht der deutlichste Beweiswie wenig nochder Grundsatzselber unter guten Köpfengemein istdaß der Staat die Eheeben einsetztum die Eheleute zu trennen. Die Absondrung der zwei Geschlechterwar guten Gesetzgebern von jeher so wichtig wie dem Moses die Absondrung derJuden von andern Völkern; aber wenn Moses diese (nach Michaelis) am bestendurch das Verbot der Speisendie andre Völker liebtenund durch die Verboteähnlicher Sitten erhielt: so konnte hingegenwenn das Kopulieren etwas zurEntfernung eines Paares wirken solltees nur dadurch geschehendaß man dieseszum immerwährenden BeisammenwohnenBeisammenessen usw. anhieltund dieserGemeinschaft haben wir vielleicht alle noch übrige Gleichgültigkeit der beidenGeschlechter zu danken. Daher gibt man sich beim Altare die Hände zum Zeichendes Streitswie in England die Leute sie erst einander schüttelnehe sie sichnachher damit boxen; und das Umarmen ist vielleicht aus Italien entlehntwo dieUmarmung der Duellanten unter die 200 Bedingungen gehörtunter denen sie sichschlagen dürfen: wird die Ehe geschiedenso ists auch meistens um die alteGleichgültigkeit der Eheleute getanund man muß sie oft zum zweiten Malekopulierenum sie wieder auseinanderzubringen. Durch die Gemeinschaft desNamensdie sie Verwandten ähnlich setztwird zu einer gewissen Uneinigkeitwie sie zwischen Blutsfreunden herrschtimmer ein wenig ermuntertwie sich dieFürsten untereinanderohne Nachteil ihrer KriegeVerwandten-Namen geben. DerStaat sollte daher den höhern Personen die physische Trennungdie immer aufKosten der moralischen geschiehtverbieten und nie verstattendaß der Mannseinen eignen Haus-FlügelTischKlub usw. habe und die Frau ihrenso wieunter den Pflanzen nur die wenigstenz. B. die Kürbisartengetrennt und aufabgesonderten Stengeln sitzende Geschlechter haben.

Lismores Glück zerfiel allmählich - er konnte bald alles nur heftig tunkeine Hand mehr drückensondern nur quetschen - lange und schweigend anblickenund dann zweierlei tun: auf dem Eise des Clide-Flusses den schneidenden Windenentgegenfahrenoder statt der physischen Kälte sich mit der philosophischenkühlen und die trockenste Politik studieren. Die Wirbel und Strudel des Blutsbesänftigt oft ein Kompendium des Lehnrechts oder der Metaphysik am erstenwieich einen Hypochondristen gekanntder auf der Folterbank seines Trübsinnsentweder Youngs Nachtgedanken oder die Reichsgeschichte von Häberlin las. Dieschönsten Akkorde von Adelinens Liebe verkehrte sein innres Ohrenbrausen in diegroße Septime und kleine Sekunde: z. B. da er sie einst um einige Haare batfür einen Ringglaub' ichund da sie ihm mit schöner Zärtlichkeit die eineLocke ihrer Mutter gab: so sah' er in dieser schmeichelhaften Erbteilung desmütterlichen Nachlasses fast nichts als die Einkleidung ihres Versagens. Ach!der böse Geistder sich zwischen das Umfassen ihrer Seelen drängtebedecktealleswas den Grafen beglückt hättemit einem Schattendaß er nichterrietwie Adeline aus dem lebendigen Zeitungskomptoire Gladusens sich nur mitZeitungsartikeln über ihn versahüber seine Jugendseine FreundeseineLeibgerichte - wie sieder bittersten Erinnerungen ungeachtetam liebstenüber den Zeitabschnitt der Revolution zuhörtewo seine taten- undruhmdurstige Seele ihren Durst gelöscht hatte - wie sie oft durch einen altenSaal gingbloß um seinen Stammbaum zu sehn und um ihre Angst wegen seinesSchlittschuhlaufens mit einem Blicke über den Clide-Fluß hinauf zu mildern. --

Endlich ging ein Tag aufwo das Schicksalich weiß nichtob das Labyrinthoder den Fadender hinein- und hinausführteverlängerte. Lismore hatte sienämlich bisher mit dem voll Gewitter hängenden Märznebel seines liebendenSkeptizismus verschontweil sie ohnehin - trübe genug warweil sie ohne Farbeund ohne Kräfte warweil der Kummer ihren zartensiechen Körper unter dasOpfertor zu führen drohte: der Graf hätte lieber verzweifelt als gesprochen.Aber jetztda eine Gesundheitsreise nötig warum den Herbstwind ihres Lebensgleichsam wieder zu den Frühlingslüften umzuwendenkonnt' er leichter aufeiner Lustfahrtdie ich in der folgenden Belustigung zeichnesein ganzesvolles Herz aufdecken.

Die zweite Reisedie er nach dieser machen wolltewar eine zu Pferde nachLondonum sich zwei unentbehrliche alte Freunde zu holen: erstlich den Arztdamit dieser die fallende Blume vom Mehl- und Honigtau giftig-süßer Tränenbefreieund zweitens den Bräutigam seiner Schwesterder nunmehr den süßenSchlaftrunk der Londner Winterlustbarkeiten ausgeleert und ausgeschlafen habenmuß und dessen heitregefühlvolle und gewandte Seele (hofft er) für ihn undAdeline die geistigen Rezepte zusammensetzen wirddie den pharmazeutischen desDoktors nachhelfen.

Sechste biographische Belustigung

Der Vor-Frühling - Echo-Dreiklang - der Honig-Essig derWidersprüche der Liebe - unsre Armut an Liebe

Der Graf hatte bei Rosneath ein Landgutdessen Nachbarschaft durchdas Echo zu einer Äols-Harfe besaitet ist. Ich wünschtejeder Leser hätteeine Reise dort vorbei gemacht und das Echo genötigtihm zu antwortenantiphonierend aus dem zweiten Chore. Ich versichre jedenseitdem ich diesesEcho aus den Abendstunden der Madame Genlis kenneso hab' ich denKopf zurückgelehnt und die Augen zugemacht - wenn gerade mein Gehirn unter demGehirnbohrer der Migräne stand -um dasselbe gleichsam in die Blumenketten derPhantasie wie in einen Verband zu legen und dem schottischen Nachhalle imNachhalle meines Kopfes zuzuhören. Es ist nämlich keine gemeineEcho-Repetier-Uhrwie dergleichen zu Dutzend in den Wäldern stehen: sondernüber einen Seeden Berge ummauernwird ein Stück hinübergeblasendas einunsichtbaresmit drei Stimmen besetztes Chor dreimal wiederholt - das erstemalschwimmen die Laute wieder zurückaber in einem tiefern Tone - dann regt sichein zweites Echo und lallt es wieder nachaber noch um einen tiefer - endlichredet ein drittes im tiefsten mit dem bezauberten Herzenund die Wellen desHauchs glätten sich wiederund der dreifache Himmelder sichnacheinander auftat und die Seele in sich zogist wieder bewölkt.

Der Graf hatte nur auf den Abschied des Winters gewartetum auf diesenLandsitz der Nymphe Echo mit einem weiblichen Herzen zu gehenworin sich einähnlicher Nachhall der Molltöne des Menschen und der melodischenFortschreitung der großen Schöpfung versteckte. Wider die Gewohnheit des Klimahatte schon der 20ste Märzder Frühlingsanfangden ganzen Winterwenigstensauf einige Tageausgezogen und die zusammengelegte Schnee-Envelope oben an dieBergspitzen gehangen oder in die Täler-Schubfächer versteckt. Unter der ganzenReise hob Lismores Brust noch etwas Allmächtigers als der Frühling - dasVorgefühl des Frühlings. Der poetische Frühling bricht noch früher an alsder astronomischeder nur ein mehr blumigerkühler Sommer ist. Die warmenTage des Februars brüten die Mücken und unsre Hoffnungen aus dem traumlosenWinterschlafe aus. Unsre versperrte Seele tritt wiederwie die beschienenenBienenschwärmend auf das übersonnte Flugbrett heraus und wirft jugendlicheBlicke in die auferstehende Natur. Jeder Tritt verschließt eine mit fetteremGrün bezeichnete Quelleund die grünen Lebenslinien der Fußsteigedie mitihrem frühen Grase die entfärbteneingerunzelten Auen durchschneidenrastrieren uns gleichsam die mühseligen Gänge des Wintersdie Reiseroutetrüber Tage vor. - Und gar der März - der ist mein Mai! Der Märzenstaub istder ökonomischen und der dichterischen Fruchtbarkeit gleich vorteilhaft; dieserStaub ist poetischer Blumenstaubder bloß aus Keimen von Blumen bestehtoderSchmetterlingsstaubder bloß das unsichtbare Gefieder an PsychensSchwingen ist. Wahrlichwenn ich das ganze Jahr an kein Büchermachen dächte:im März müßt' ich mich setzen und einige wenige schreiben. - -

Der Tagdessen Abend ein Nachhall beschließen solltegehörte unter diewenigen ewigendie Lismore hier hatte. Der Frühling hauchte mit seinem warmenAtemmit dem Mittagslüftchendie Saaten anund der grüne Wuchs des Wintersstand aufgedeckt in herunterrinnendem Schneeund vor der lauen Sonne zerflossendie Gärten in üppige Freuden- und Rebentropfen - und dem Menschen waralsmüßt' er sich an die wiederkommende Mutterdie Erdetrunken und mitKindesarmen hängen. - An einem solchen Auferstehungstage der Natur kehrten alleTräume und Prospekte seiner Jugend wieder zurück in die verödete Brust unddie Sehnsucht nach weiten Reisen und die Hoffnung eines tatenreichen Lebens undder - Glaube an Liebe. Er sah gerührt Adelinen an und dachte: ja nach einem solangen Schweigennach einer so geduldigen Teilnahmean einem solchen Tagewodas Echo mich und sie an das erste Echo erinnertdas unsre Seelen verbandjada darf ich schon ihre Hand nehmen und sie fragen: »Kennst du denn keine Handdie dein Auge trocknen kann? Fassest du meine liebende Seele nicht? Liebst dumich nicht unaussprechlich wie ich dich?« - Wenn ihn die an den Scheibenklebenden großen Mückendie die kühle Nacht zerstörtund das mit gelbenSpitzen durchzogne Grün und der magere Halbschatten der skelettierten Bäumeund das schneidendekaltwehende Vorbeigehen des Winters in den Wäldernwennalles dieses zu lange Schatten über seinen innern Frühling warf: so schaueteer von der kotigen Erde auf zum reinenblauen Himmelder ewig mit demselbenAngesichte die wandelbaren Menschen im Sommerabend und in der Winternachtansiehtund auf zur triumphierenden Lerchedie aus blühenden Auen herkömmtund die als der Zeuge unsers vorigen frohen Frühlingsals Chorist alterFrühlingschöre über uns schwebt und die den ewigen Geburtstag der Erdebesingt..... Und dann flatterte ja das warmesurrende Lüftchen aus Süden ansOhr und lispeltesich auf der Locke wiegend: »Ich flieg' aus Blüten her - ichhabe eben mit den Blättern der Myrtemit der Blüte der Zitrone und mit demBusengefieder der Nachtigall gespielt und habe einer Göttin das Lockenhaarnachgetragen und es auf die Schulter ihres Geliebten gelegt und binvorausgeflogenum dem langsam durch Waldwasser und über Berge schreitendenFrühling vorzueilen.«

- Und was dachte und sagte die gute Adeline in diesen kurzenWonnestunden aus unserm Lebens-Wonne-Monatdas hier nur 28 Tage hat und nichtwie die Donnermonate31? - Sie sagte zu ihm: »er solle sich nicht anihre Miene kehren: sie sei in ihrem Herzen recht froh; und werd' es heute immermehr werden.« - Woran sie dachte? Den ganzen Weg an ihre Mutterohnedie sie einsam in den ersten Frühling trat; aber der Trauer war durch dieGegenwart ihres Bräutigams poetische Süßigkeit erteilt. Die treue Tochterhielt wirklich den kindlichen Gram für bloße Beklommenheit über die auf denTrümmern eines alten Frühlings in Grab und Wiege abgeteilte Natur. - Da siemit Leolin mittags unter der Haustüre einer schottischen Bauernhöhle nachSüden blickte und an den Neujahrswunsch dachteund als sie einen langebekämpftenvom Auge auf die Wange gefallnen Tropfen nicht verwischen konnte:zeigte sieeilig weggehendhinauf und sagte: »Die Dächer tropfenaber ichmuß mir nach einem Tropfen allezeit das ganze Gesicht abwaschen« undtat es auch.

Je mehr der Tag und die Reise dem Ende näher kam: desto höher drang inLismores Brust eine warme Quelle aufdiese bisher bald strömendebaldstockende Hungersquelle von Tränenund ging über Eisenadern und füllte seineganze Brust. Ach! sagte ihm denn nicht jede drängende Blutwogejedersehnsüchtige Atemzugjeder Lerchentonjedes verirrte Lüftchensagte nichtalles zum bangen Menschen: »Gedulde dichbeklommne Seeleder schöneFrühling wird kommen und dich trösten und sie auch: ach! es fehlt dirnichts als der Frühling«? - - So betört sich der hiesige Menschdie dunkleFigur auf einem Nachtstückund jeden Winter sagt er zu sich: »Ach! es fehltmir nichts als der Frühling.« - -

Abends erreichten beide in der Glorie der Sonnevom weißen Milchflor ihresGlanzes verhangendas Landgut. Er wollte sie mit dem Schwanengesange des Echoüberraschen und schlug ihrunter dem Vorwande des schönen Abendsvordassogenannte Wasserhaus am See zu besuchendas nicht mehr als zwei durch eineGlastüre gesonderte Zimmer hatteeines gegen den Nachhall und Abendeinesgegen Morgen. Er hatte einen Waldhornisten mitgenommender auf eine weit in denSee wachsende Landspitze treten und das hinter Gebirgen ruhende Echo wie eineNachtigallwelche Musik hörtzum Schlagen reizen sollte; und es war ihm nichtunliebdaß die Musik noch nicht anfing. die ganze Erde war ja voll Echo undvoll Spiegelund in jedem Gedanken war ein dreifacher Widerhall des verklungnenLebens. Er öffnete die Fenster gegen den Seeauf dem ein zweiter aus Luftwogenstandder mit einer wärmern und leisern Brandung über die Fensterbrüstunghineinspülte - und drüben auf den Bergen brannte die Abendsonne wie einOpferfeuer aufund ein goldner Rauch zog aus dem Brande um alle Gewässer undGebirge. Da seine stumme Freundin in die von der Erde an den Himmel gelehntepurpurne Rauchsäule kamworin einige schlaftrunknetaube Mücken so langeschwankten und sichtbar bliebenals sie nicht über die Grenzen des lichtenDunstes schweiftenund da die Sonne und das Abendrot ihre bleiche Gestalt zueiner blühenden umschufen aus Glanz und Rosenduftund da ihre Fingerwomitsie sich das geblendete Auge verdecktedurchsichtig und rosenrot wie Aurorensihre waren: so kam sie ihrem Freunde wie ein Seraph vorder an einem großenFrühlingsmorgen auf dem Morgenrote kniet und seine Entzückungen oder Gebetezur Sonne aufschickt und dem der Widerschein des unter ihm glühenden Gewölksund seiner glühenden Seele die Wangen überdeckt. Er mußte jetzt daran denkenwie die Sonne ewig ein jugendlich-glühendes Angesicht auf die Erde richteindes ein Menschengeschlecht ums andre erblasse vor ihr - wie sie uns gleichdiesen Mücken aus unserm Winterschlaf treibeund wenn sie wieder scheintsindwir gleich ihnen erfroren. - -

»Wende nicht dein bleiches Angesicht« (sagt' er innerlich) »dukummervolle Tochterweg von der Abendsonne - deine flüchtige Vergoldung fälltabund du wirst die Erblaßtedie du so lange betrauerst!« - Aber die Sonneging unterund Adeline wurde bleichund da sie sich mit der Blässedie durchihre Reise zugenommen hattegegen ihn kehrteweil sie ihn jetzt erstungeblendet sehen konnteund da erder kein zweites Leben glaubtejetztmitleidig bedachtewie diese gute Seele kaum ein erstes genieße: so schwurenalle seine Gedanken in ihmsie heute mit keinem verklagenden Laute zu kränken- alle Wünsche und Träume dieses guten Herzens schweigend zu dulden - und sichimmerfort vorzusagen: »Sieh nurwie sie leidetund wie sie gelitten hat -vergilt ihr die überschwengliche Liebe gegen einedie nicht mehr liebtnurmit überschwenglicher Liebe und nicht mit Groll. Ach! kennst du die Klagenihres künftigen Lebensauf dem die Zukunft wie eine Pechwolke ruhtund kannstdu wisseneh' die Wolke aufziehtwas sie bedecktLustgärten oder Kirchhöfeund Marterkammern?«

Seine Seele glitt allezeit an einer Schlußkette von Vorsätzen so heftig undeilig herabdaß die Handwomit er sie faßtebrannte und blutete und daßdann das letzte Glied seiner Entschlüsse das Gegenteil des ersten wurde: sohörte jetzt sein Vorsatzihrer zu schonenmit einer gefühlvollenÜberströmung seines Mitleids aufdie jenem widersprach. Er sagteda eineLerche mit Frühlingstönen in der Abendröte hingzu Adelinen: »Freue dichdoch mehrTeuerste! Siehe nurwie schnell das kleine Leben vorüberrinnteh'man kaum zwei frohe Tagezwei Freudenbecher daraus geschöpft hat! Ist dirnicht das Gerippe der verfallnen Natur an jedem Herbstan jedem Abend eineägyptische Mumiedie uns zögernde Menschen ermahnt zu einem schnellernUmfangen des wegschlüpfenden Lebens? - Ahme mich nach: wahrlichmich störendie Winde und Erdbeben des Lebens so wenig wie eine Sonnenfinsternis - nur gegenetwas fänd' ich keinen Trost: wenn du mich nicht liebtest.« - »O besterLeolin! nur nicht sowenn ich froh bleiben soll.« Er antwortete schnell:»Ach! du bist glücklicher als ichich finde alles eher auf der ErdesogarWahrheit und Freudeals Freundschaft! - Ach! ich sah im Traume meiner Jugendeinmal ihren glänzenden Tempel stehenwie David im Schlafe den salomonischenund ich bin mit dem flatternden Luftschlosse in meiner Brust durch die Erdegegangen und habe unter den Menschen ihren Tempel gesucht! - AchAdeline! - Gibmir deine Hand und führe mich hinein und sage nur etwasdas mich tröstet.«

Sie konnte nichts sagenund ihr aufgehobnes Auge voll furchtsamer Liebe warihm nicht genug. Sooft er gleich der herrlichen Diptam-Blume zugleich blühteund branntejenes mit der Phantasiedieses mit dem Herzen: so konnteAdelinevon seinen Ergießungen fortgerissen und untergetauchtkeine Wortefindendie er doch foderteund seine Beredsamkeit erschuf ihreSprachlosigkeit. Ach! zuweilen glaubte er dieses weibliche Herz nicht bewegtweil das Zittern seiner feinen Saiten unsichtbar warda ihre Töne höher sind.Jajede Tränejeder Lautwomit sie ihm antwortetefiel wie ein neuer Stromin seinenund seine größere Entzückung wollte wieder durch einefremde übertroffen seinund so konnte man nie sein Herz erwidern. Aber seltenkonnt' er die bescheidne Seele über die Schranken des sprachlosen Genussesziehen: wie ein höherer Priester sprach er ihr im Tempel der Natur dieMorgenandachten vorund sie sagte sie mit gesenktem Haupte nur im Herzen nach.

- Jetzt als sich der bunte Sonnenschirm des Himmels voll Abendrot dämmerndausspannte und als auf der Erde nichts mehr lag als Rot und Nacht: so erhob sichdie Musikund die Töne glitten wie Wellen über den rötlich nachglimmendenSee an die Berge hinüberüber welche wie über Wirbel die nachzitterndenSaiten des Echo aufgezogen waren.

Aber Lismore fuhraus Vergessen oder Empfindung der Musiknoch heftigerfort: »Neinzwischen zwei Seelendie sich einander die Arme öffnenliegtgar zu vielso viele Jahreso viele Menschenzuweilen ein Sarg und allezeitzwei Körper. Hinter Nebeln erscheinen wir einander - rufen einander beim Namen- und eh' wir uns findensind wir begraben. Und wenn man sich findetists dennder Mühedes Namens der Liebe wertdie paar glühenden Worteunsre kurzenUmarmungen? - Vom Morgenrot der Jugend glühet uns der Eisberg derMenschenfreundschaft lügend anaber in der Nähe erfriert man an ihmoder manzerschmelzt ihn mit seiner Wärme - wahrlichdie Menschen dulden keine Wärme;ach! wie oft ergriff ich die Hand eines Geliebten und wollt' ihn an meine Seeleziehenaber die Hand riß abder Samielwind hatte dem morschen Toten nur eineschlummernde Gestalt gelassen. - - Aber wie himmlisch fließen die Töne überdie Wellen! - Morgen hab' ich sie doch vergessen. - Und so spiegelt jedesGefühl und jede Liebe uns eine erlogne Ewigkeit vor: ein Scherzein Schlafeine verlorne Unze Blutach! eine Stunde erwürgt die Liebe. So steht überallund überallwo eine Menschenbrust an der andern liegtdie Zeit und schiebtsie auseinander wie Marmorplattenweil sie sie nicht auseinanderreißen kann.«- -

Die Musik tönte aus. - »AchAdeline! ich habe gewiß nicht recht.« -»Gewiß nicht!« (sagte sie sanft) »ich konnte noch niemand vergessen.«

Nun wurde drüben hinter den Bergen der unsichtbare Geist der Natur rege undwach und ergriff allmächtig die gestorbnen Töne und gab ihnen ein zweiteszitterndes Leben - und das ganze hinübergehauchte Lied kehrte entkörpert undätherisch und leise zu den Liebenden zurück. Adeline deckte jetzt mit der Handdas rechtekränkere Auge zuweil aus ihm allemal die Tränen früher flossenund ihre holde Seele erblicktein der Wiege der Echo ruhenddie Arme ihrerMutter über sich aufgetan - ein Engel hinggleichsam von den wehenden Tönengehaltenmit aufgeschlagnen Flügeln am roten Abendgewölke und zeichnetedarauf die schönere Paradieseszeitwo sie noch um ihre Eltern war - den hellenMorgenwo sie ihrer Mutter in einer langen Umarmung das Versprechen der erstenLiebe gab - den beglückten Abendwo sie es unter dem Lautenzug einesähnlichen Echo erfüllte. - Ach! aber durch wie viele Tränentage mußte derGlanz dieser frohen Stunden fallen und wurde darin gebrochen und verschluckt! -

Jetzt schwieg alles! - Nun stieg das zweite Echo aufdunkler und tieferwieaus einer liegenden Brust. - Da rief alles in Adelinens Seele: »Es ist dieMutter - jadeine Julie redet dich an« - und nun stürzten Träne an Träneaus dem gesundenlinken Augeund sie verhüllte keine mehr. Sie lehnte sich anihren Geliebten - ihre Zähren sanken den Schatten-Tönen auf die Erde nach -das vom Nachtflor umwundnegedämpfte Trauerinstrument häufte den Druck allerteuern Gräber auf ein zerschmolznes Herzund es mußte ganz verbluten....

Ach! in ihrem Herzen standen allezeit mehr Tränen als in ihren Augen. - Derzweite tönende Traum war vorüber. Siehe da wühlte sich dumpf und fern derdritte Nachhall aufwie aus einem Busenden ein Erdbeben eingesenkt...»Wimmerndetiefe Stimme! welches dicke Grab bedeckt dich so sehr? - BlutigerTon! warum durchschneidest du mit deinem unsichtbaren Schwert die Seele?- Jammernderauf Nächte gemalter Schatte! wer bist du?« - »Ich bin deinenthaupteter Vaterund ich jammere in der Grube noch über mich und dich.«...

- Unglückliche Tochter! schaue an den blühenden Himmel! Eine graue Wolkehat sich aufgeworfen wie ein Grab - und hundert Rosen aus Abendrot brennen aufdem dunkeln Hügel. Deine Mutter schläft darin mit der Rosedie du ihrgegebenund mit dem bleichen Hauptedas du zuletzt geschmückt..... Adelineblickte gen Himmel und fand einen Trostund die Stimme des zertrümmertenVaters verstummte; aber ihr Herzdas zerrinnend sich mit den Tränenvermischtetropfte gleichsam vom Leben weg - und sie wandte das blaß-rotegeschwollne Angesicht plötzlich ab von den malenden Wolken und von dentönenden Bergen und kehrt' es lieber aufgehoben und mit weiten Augen und mitallen seinen weinenden Blicken und Zügen gegen ihren Freund und sagte ingrenzenlosem Schmerz: »Ich kann ja meine Eltern nicht vergessenLeolin! -meine Mutter muß doch in meinem Herzen bleiben. - O! trösten Sie mich gern undoftaber lassen Sie mich auch recht weinen.« -

Trostlose! ich würde dir keinen Trost sagen. Welchen könnt' ich denn einerTochter gebendie die erste und letzte Freundin ihres schweren Lebens verlorenund für die nun das beste Schicksal nichts mehr hat als Freunde? Kann ich euchVerwaiseten denn aus allen Ecken der Erde irgendein Herz zuführendas euch sosehr wie dasdas in ihr ruhtund so zärtlich und so uneigennützig und solange liebte? O! wenn ihr die unvergeßliche Lehrerin und Mittlerin und denSchutzengel eurer Jugend begraben habtwenn sich die Brustaus der ihr denersten Nektar des Lebens nahmterkaltet nicht mehr für euch bewegtwelchezweite kann ich euch auf der weiten Erde anzeigendie ebenso warm schlägt undan der ihr ebenso sicher alle Geheimnisse und Seufzer der eurigen in sanfterUmarmung verhauchen dürft? - Neines gibt keine - und o! wenn eine solcheVerwaisete mich gerade am Geburts- oder Todestage ihrer Mutter läsesie würdemit ihren Augen voll Tränen gar nicht bis hieher gekommen seinsie hättelängst ohne mich gesagt: Neinich kann nicht getröstet werden! - -

Lismore drückteüberwältigt vom erhabnentreuen Gram der besten Tochterihr fallendes Haupt weinend an sein Herzund er legte um dasselbe die Armeschwebendum sie gegen die bald wiederkehrenden Töne taub zu machenundsagte: »Engel! wer könnte dich einmal würdig betrauern? - Du hast ja einenSchmerzals wärst du eine Unsterbliche. - Ach! ich sah' das nicht voraus - dasEcho sollte dich bloß an ein schöneres erinnern und dich nicht so traurigmachen.«

»Sie weinen ja auchGuter!« sagte sie.

»Jaund um dichum dein himmlisches Herz - und um deine gute Mutterdieeine solche Tochter wie dich verlor.« - - »O mein Teuerster!« sagte sie warm»ich und Sie haben mehr verloren - ach! Sie kennen Ihre Freundin nur halb«und hier richtete sie ihr himmlisches Angesicht mit einer beredten Miene vollNachrichten zum teuern Genossen ihrer Seufzerzum Liebling ihrer Mutterauf. Was sie meintewar jenes gelinde mütterliche Eindringen in ihre Brustdas ihr an jenem Tagewo das Echo bei Genetay ihr Herz an ein zweites schloßalle für Lismore vorteilhaften Geheimnisse ablockte oder einpflanzte. Lismorequälte sie nun mit fieberhafter Innigkeit um die Vollendung ihres Bekenntnisses- er beschwor sie bei dem Grabe ihrer Mutterdiese durch die Enthüllung einesGeheimnisses zu ehrendas sich als ein neuer Kranz um ihr Gedächtnis lege - -:und die Arme deckte ihm im heutigen Taumel ihrer Trauer ihr von der neuen Fluteines Echo fortgeführtes Herz und das Geheimnis des mütterlichen Anteils anihrer Liebe auf. Aber in ihrem jungfräulichen Munde klang esals sei dieabendliche Hingabe ihrer Seele am meisten - der morgendlichen Unterredungzuzuschreiben...

Hier fuhr sein heißes Herz gerinnend zusammenwie von eingesprütztenkalten Giften zersetzt: - »Hab' ichs nicht längst erraten« (sagte eineStimme in ihm) »sie liebt dich nichtsie gibt dir nur aus Gehorsam gegen dietote Mutter die Hand« - aber die Wellen der heutigen Liebe und Entzückungliefenwie bei Wechselwindenstreitend den Wellen des zweiten Sturms entgegen- und er blickte die schöneleidende Gestalt voll unaussprechlicher Liebe anund dann dacht' er: »Ich will mich nur noch heute täuschen«und erhaben wieein unglücklicher Gottsank er gleichsam scheidend mit verschloßnen Augenohne Sprache und voll Tränen an diedie er zu verlieren besorgte: denn ersuchte den Zweifel an ihrer Liebe durch das Übermaß der seinigen zuüberwältigen. Gute Adeline! du errietest nichtdaß er darum mit Tränendeine Wangen übergoßweil er in der schmerzlichen Umarmung zu sich sagte:»Ist denn das meine Geliebte? Ruh' ich schon an dem Herzendas ich ewig suche?- O Himmlische! wenn du nicht hier bistder ich angehörewenn einmal meineverwundete Seele an deiner ausheiltdann will ich dirs sagenich habe heute andich gedacht.... Ach! du arme Adelineich tue dir doch unrechtwenn du michauch nicht liebst.« - Und er riß sich von ihrem Angesichtewie sich eineblühende Seele vom Leben reißet: er warf sich vor sie hin und blickte in ihrerschrocknes Angesicht und sagte bebend und erstickt: »Adeline! liebe mich ohneMaßwie ich dich! - Gib mir ein Zeichenwenn du mich nur deiner Mutter wegenliebst!« Aber er legteum kein Zeichen zu sehensein Haupt auf ihren Schoßund sie breitete ihre Hände sanft unter sein brennendesnassesverhülltesAngesicht. Er hob es noch einmal schwer empor und blickte zu ihr auf wie einsterbender Engel und stammelte: »Siehwie ich liebe - ich würde jetztsterbenwenn du mir das Zeichen gäbest.« Da sank ihr Haupt wie eine Liliegebrochen seinem entgegenund ihre Tränen fielen auf seine Lippen niederundihre herüberfallenden Locken hüllten den heißen Kuß voll Schmerzen ein....

Als nach einer stummen Minute voll wundem Entzücken die zwei Erschöpftendas Theater des Trauer- und Schattenspiels verließen: war alles verstummtausgenommen einige Wellen am Ufer - die Phönixasche unsrer Freudedie Musikwar verwehtund kein Echo sammelte die Trümmer der Töne mehr - derAbendhimmel warwie Adelinebleich geworden - der Frühling legte den Rand derNacht noch nicht in Mattgold einund der Mond hing noch tief unter dersilbernen Pforte des Aufgangs - schweigend gingen beide zurück - sie scheuchteneine schlummernde Lerche aufaber sie stiegohne zu singen - und als sienachts voneinander gingensahen sie sich weinend anaber sie küßten sichnicht......

- Die Menschen sind einsam. Wie Tote stehen sie nebeneinander auf einemKirchhofejeder alleinganz kaltmit geballter Handdie sich nicht öffnetund ausstrecktum eine fremde zu nehmen. Nicht einmal ihr Körper hält daswarme Sehnen nach Liebe ausaber den Haß wohl; an jenem zerfällt ersie sindPflanzen aus einem kalten Klimadie den größten Frostaber keine Hitzeausdauern.... Wieglaubt ihrich meine die Millionen dumpfeniedrigehungrige Menschendie gern in ihre Gräber zurückkriechenohne den Besitznicht nurauch ohne den Wunsch der Freundschaft und Liebe? - Ich meine sienicht; in ihrer niedrigendem Kote parallelen Richtung können sie keine Seelezu sich ziehen; nur Menschenwie nur Eisenstangendie sich gegen den Himmelrichtenwerden magnetisch. - Aber diese mein' ichMenschen wie Lismore. - Ach!daß gerade die bessern am wenigsten liebendaß es ihnen so schwer wirdzufindennoch schwererzu behaltendaß sie ein Jahrzehend brauchenum einenBund zu schließenund eine Minuteum ihn zu brechen. - - Und dann veraltetder entblößte Menschohne sein zweites Herz - die Jahre setzen um sein bestesHerzblutwie um alten Weineine steinerne Rinde an - er heilet den liebendenWahnsinn seines Kopfes und das verzehrende Fieber seiner Brust mit Eisstückenwie die Ärzte Kopf und Brust mit aufgelegtem Eise herstellen - und wenn er indie andre Welt trittso muß er fragen: »Ewigerwarum gabst du mir einglühendes Herz in die Erde mit: ich bringe es totenkalt zurückes hat niemandgeliebt.«... Ach! wenn diese Erde ein Gängelwagen für unsre ersten Schrittesein soll: so ist der Ring desselbenauf dem wir mit der Brustaufliegennicht weich genug gepolstert und schneidet zu tief ein. - - Doch sounglücklich sind wir nicht alleund wer mich hier mit Schmerzen lieset -anstatt mit bloßer Sehnsucht -der war wenigstens glücklich. Aber lasset unsjetzt in diesem russischen Eispalast der Erdeworin Statuen und Ofen von Eissindeinander die Hände geben und uns vornehmennoch öfter zu vergebenalswir tunnoch öfter daran zu denken: daß wir ja aus so vielen tausendtausendHerzen nur einigeverarmtan unserm halten - daß unsre Jahre so kurz undschnell verstäubenaus denen wir zur Liebe nichts ausheben als noch schnellereMinuten - daß unsre ersten zehn Jahre und vielleicht unsre letzten zehn ohnehindem verwitterten Herzen die Liebe nehmen - und wie viel wir schon vergessenhabenwie manche glühende Stundewie viele heiße Versicherungenund wienoch mehr wir schon verloren haben. - - Und wenn uns das nicht bessert: solasset uns auf die Gräber unsrer vorigen Freunde treten und ohne Schamrötesagen: »Wir lieben sie«indes wir die lebenden vergessen. - Ach! auf jenenHügeln lernt der Mensch Freundschaft so gut wie Größe.

Satirischer Appendix

Vorrede zum satirischen Appendix

oder Extrakt aus den Gerichtsakten des summarischen Verfahrensin Sachen der LeserKlägerncontra Jean PaulBeklagtenSatirenAbhandlungen und Digressionen des letztern betreffend.

Ich habe den Extraktden ich hier macheeigenhändig vidimieretum ihnglaubwürdiger zu machen; es können aber zu jeder Stunde die Akten selber vonbeiden Parteien in meiner Stubein Hofnachgesehn werden.

Den ersten hujus reicht' ich bei der fürstlich scheerauischenBerghauptmannschaft - die ich bekanntlich bekleide - als Anwalt und Mandatariusmeiner Herren und Frauen Mandanten und Mandantinnensämtlicher Leser undLeserinnendas Klagelibelldas von so großen Folgen wargegen den Verfasserder unsichtbaren Loge <../loge/loge.htm>des Hesperus <../hesperus/hesperus.htm>und alles dessen einwas der Mandatarius drucken lassen. Als ich einmal vor 13Jahren lasdaß ein Beklagter in der Schweizda er selber in der Zeit desMähens keine hattevor Gericht zu erscheinenseinen Kläger gebetenanseiner Statt die nötigsten Einreden zu machen: so dacht' ich damals wohl nichtdarandaß ich einmal im nämlichenobwohl umgekehrten Falle sein und von denLesern als ihr eigner Anwalt gegen mich in Sachenwo ich noch dazu selberrichtewürde aufgestellt werden; es läßt sich darüber disputierenwem einsolches Vertrauen mehr Ehre macheden Klienten oder dem Patronus selber. Wemmeine Triumvirats-Rolle auffälltder ist noch mit wenigen Justitiarien(Gerichtshaltern) von Belang umgegangen: ein Gerichtshalterder z. B. Vize-Reund Kommandeur über zwei Gerichtshaltereien istfertigtwenn aus der einenein Insaß in die andre vorzuladen isthäufig ein Requisitorialschreiben anden Gerichtshalter der ersten aus - welches er selber ist -wiewohl freilichweniger um den Kerl zu haben als die Gebühren. - Nun zum Extrakt des Libells!

»Es sei leider bekannt genugwie der Büchermacher und Biograph in HofJean Paulbisher seine Leser und Käufer hintergangenindem er unter seineHistorien die längsten Satiren und Untersuchungen eingeschwärztso daß erwie einige österreichische Fabrikendie inländische Ware nur darum zu machengeschienenum die verbotne satirische damit zu emballieren und abzusetzen.Besagter Paul habe ferner oft Lesern ins Dampfbad der Rührung geführt undsogleich ins Kühlbad der frostigen Satire hinausgetriebenda doch wenigedarunter Russen wärendie es ausständen. Überhaupt schieb' eranstattwiees einem guten Autor geziemtdem Teufel nachzuahmen und nichts zu erregen alsLeidenschaftenüberhaupt schieb' erwenn er sich auf einigen Bogen gutgestelltsofort eine breite Satire oder Untersuchung unter dem böslichen Nameneines Extrablattes etc. als Ofenschirm zwischen die besten Kaminstücke undFreudenfeuer ein. Er mache sich dadurch unzählige Feinde. Klägere bekennensie wüßten nichtwie überhaupt eine solche Zumutung mit ihren unter allendeutschen Regierungen bestätigten Freiheitsbriefendie sie von allen Satirenlossprächenes betreffe das Machen oder das Lesen oder das Fassen derselbenzu reimen sei und wie es damit bestehedaß man ihnen ganze Kräuter- undHopfensäcke voll satirischer Gewächse auflade. Habe der besagte Büchermacheraus Hof eine genugsame Anzahl Stachel- und andere Schriften beisammen undvorzusetzen: so komm' ihnen vorer könne solche allezeit viel schicklicher inein besondresehrlich betiteltes Buch aufscharren und aufschichtendamit Klägeredie Lesernicht mit dergleichen Sachen für den Buchhändlerbehelligt und belästigt würden.

Klägerischer Anwalt bitte daherin Rechten zu erkennen und auszusprechen

daß der Biograph Jean Paul in seinen künftigen Historien geradeaus wie einKernschuß zu gehen schuldigohne Anspielungenohne Reflexionen und mit Ernstohne Spaßüberhaupt daß er unter dem Vortrage seiner biographischen Partiturhinter seinem Notenpult eine satirische Pantomime gegen sämtlicheZuhörerschaft zu ziehen sich ernstlich zu enthalten und alle diesfallskausierten Schäden zu tragen verbunden.

Klägerischer Anwalt wolle übrigens mit keinem überflüssigen Beweisebeladen seinbedinge sichdaß seine Klage nicht für ein zierliches Libellsondern für eine schlechte Erzählung angesehen werdeund habe keinen animuminjuriandi desuper nobile.« -

Es ist ein Wunderdaß man von Gerichts wegen ein sonderbares Annexumdasich noch an das Klaglibell anstießnicht von den Akten removiert hat. Eslautet völlig so:

»Niemand verdient wohl mehrdaß die Gesetze ihre Regen-Donner- undSonnenschirme über seinen Kopf ausspannenals die S. T. Klägerinnen oderLeserinnendie zu so vielen Leiden im Gethsemane-Garten geboren werden und zuso kurzer Gartenlustmehr zu Werthers Leiden als Freudenund die sich so oftzwischen dem scharfen Treibeis der männlichen Herzen blutig stoßen.Klägerischer Sachwalter hält es für unschicklichin einem Klagschreiben es weiterauszuführenwie viele Schwielen einer Leserin oft schon die Athleten-Händevon Verfassern drückendie sie geheiratet hatund wie unbillig es wärewennvollends die übrigendie sie nur kauftes noch weit ärger machtenwenn esnicht genug wäre an den Schlägen des schweren Tiefhammers des Schicksalsandem Pochwerke jeder Minute und so vieler Satansfäustesondern wenn noch dieSchattenspiele an der Wand der Gehirnkammernwenn die Schnee- und Strohmännerund alle Marionetten auf dem Druckpapier ihre kalten Schattenhände aufhebenwollten gegen ein so oft verletzteszwischen Wunden und Narben lebendesGeschlecht. In Büchern sollt' es nicht die Schmerzen wiederfindenvor denen esaus dem äußern Leben in jene floh; und die Autoren sollten die Ältesten ausder Familie Baker1) seindiediesen Königinnen bei der Überfahrt über den trüben Kanal ihrer Tagevomneblichten Lande ins wärmere blaueden Kopfden Dornenkronen niederziehenaufrecht halten. Satiren sind aber selber nur Girlanden aus Dornen.

Mandatarius muß gestehenes ist seinen Mandantinnen äußerst unangenehmdaß der Büchermacher die beste Geschichte immer versalztverpfeffert undverwässert durch seine Manierdaß er sie oft erst nach zehn Prologenanfängtdaher vielewie in Londonerst beim dritten Akt in die Tragödiegehenund daß man zu seiner Kirchenmusik erst durch lange Predigten zu watenhat. Anwalt geht jetzt die zwei Hauptmängel durch. Klägerinnen müssen esunter seinen philosophischen heiligen Kasualreden stets wie die Kantores machendie unter der Predigt aus der Kirche gehen und zur Musik wiederkommen. DennMandantinnen halten es für Klugheitseit Evas Trauerfallesich vom Giftbaumdes Erkenntnissesder so viele Blitzschläge auf die Erde locktso weitabzustellenals seine Wurzeln laufen: die Kritik sitzt als Schlange drobenzwischen den Ästen und rezensiert günstig und käuet unbedenklich das Obstdas den Magen einer Eva verdirbt. Es waltet freilich ein besondrer Glückssternüber Leserinnen obdaß sie ihren Männerndiegleich dem Teufel vorEinsiedlernsich in so viele Gestalten - z. B. von RomanschreibernBiographenTaschenkalendermachern - bisher verkleidet habenum sie in naturhistorischegeographischeastronomische etc. Hör- und Büchersäle nachzulockenglücklicherweise niemals nachgegangen sind. Aber meistens nur Leserinnen ausden mittlern Ständen dürfen sagendaß sie durch den Überzug mit Lumpen- undRosenzuckerworin man bisher ihnen den Mißpickel und Fliegenstein derWissenschaften versetztesich doch nicht haben reizen lassenan denwissenschaftlichen Arsenik zu leckenindes Weiber aus höhern Klassen häufigin die Arsenikhütten der Lehrgebäude zogen.

Satire dient ihnen nun vollends zu nichts als zum bessern Fortkommen imBucheindem sie sie überblättern: denn bei den weiblichen Fehlern gilt daswas Unzer von den Hühneraugen sagtdaß jede Methodesie zu vertreibenunrichtig seisobald sie schmerzhaft ist. Sie haben längst ein Surrogat undeinen Ersatz für die Satiredie mehr für Männer gehörtund das ist dieMedisancedie den Weibern recht knapp und schön am innern Menschen anliegtwie der alte Adamunser allgemeiner Berghabit beim schmutzigen Einfahrenins goldreiche Leben. Klägerischer Mandatarius will hierüber nur einigeGedanken ausschweifungsweisewie der Beklagte öfter tuthinwerfen. EineLeserin findet die Satiredie allezeit ganze Stände oder unzählige Menschenauf einmal herabsetztviel zu hart: sie weißmit einer bloßen Verleumdungfällt sie nur einen einzigen Menschen und ohne Witz und nur historisch anundweiter ist Sanftmut nicht zu treiben. Die satirischen Pfefferkörner haltenfernerwie das süße Mannasich nicht zwei Tage und werden leicht anbrüchig;so wie Boerhave von der Galle (der Essigmutter der Satiren) angemerktdaß sieunter allen Feuchtigkeiten des menschlichen Körpers zuerst anfaule. Aber vonmündlichenkurzen Satirend. h. von Verleumdungenkann man doch jede Stundewenn es die Besserung und der Vorteil des Nächsten begehrtneue Lieferungennachschießennicht bloß jede Stundein jeder Stubein jedem Fenstervorjedermann. Der Satiriker drückt meistens WehrloseGebrechlicheSünder undToren und ist öffentlich parteiisch für Fromme und Weise; aber die Medisanteist unparteiisch gegen diese und zieht gerade aus klassischen Menschen dieDruckfehler am ersten herauswie man nur für klassische Werke (z. B. dieMessiade) einen Dukaten für den Fund eines Erratums aussetzt: hingegen lobt siemit Pirchheimer das Podagramit Erasmo die Narrheitmit Marcian den Rettichmit Archippo den Eselsschatten und mit Bruno den Teufel. Von zwei verdächtigenInkulpanten wirdwie Franziskus Vallesius sagtder häßlichste zuerstgefoltert: das ist ferne von Medisantendie stets unter zwei Frauen der schönstenzuerst die peinliche Frage zuerkennenweil jede selber weiß und fühltwieviele Fehltritte ein schönes Füßchen tue und wie viel Fehlgriffe eine schöneHand. -

Endlich ist sich auf echte Verleumdung mehr zu verlassen als auf Satiredieimmer Leute maltdie nie gesessen. Beaumarchais hat aus einem Mantelden er im Pantheon zu London gefundenAlterFüßeReizeTailleNeigungender Eignerin prophetisch verraten: man gibt nun zu bedenkenwas einerechtschaffene Medisante zu erraten und zu beurteilen und zu verurteilenvermögewenn sie alles vor sich hat an der andernnicht bloß den taftnenMantelsondern das ganze schwarze Ballkleidalle Perlensogar die echtendiegoldne Hemdnadeldie brillantierte Hutnadeldie Garnierung und dasBrustbouquet und die Uhren und die Strumpfzwickel und die Rosette auf dem Schuhund kurz die ganze Frau! - - Wann nun Klägerinnen an der Dispensation undSteuerfreiheit von allen gedruckten Satiren sonderlich gelegen: also ergehet andie fürstlich scheerauische Berghauptmannschaft die Bittein Rechten zuerkennen und auszusprechen:

daß oft besagter Büchermacher und Biograph Jean Paul in Hof sich aller undjeder Satirenwes Namens und Standes sie auch seienin allen seinenHistorienbüchern gänzlich zu enthalten habe. Desuperimplorando et ulteriorareservando.« -

Ich kann nicht weiter extrahierenbevor ich in meinem eignen Namen nocheinen Grund für echte Verleumdung beigebrachtder ungemein fruchtbar undselber scharfsinnig ist. In unsern Staaten werden nämlich nach und nach die Ehrenstrafenin Geldstrafen umgesetztdafür aber werden - denn sonst kämen wirendlich durch Abschaffung der Infamienstrafen um alle Ehredie doch inMonarchien sitzen muß als Prinzipwie Montesquieu schön bewiesen - dieGeldprämien zu Ehrenzeichen erhobender Ehrensold zu Ehredas Glückseligkeitssystemzu reiner Würdevon Kantso daß freilich ein Menschder nicht vielim Vermögen hatschlecht mit letzterem wegkömmtes seidaß er seine Ehreaufopfern will - denn er muß sie behalten und büßt noch Geld ein -oder daßer etwas mit ihr vor sich bringen will - denn er bringt nichts mit ihr vor sichals sie selber. Die Strafen an der Ehre sind von unsern Zeiten besonders zweiverwandten Personen ganz erlassen wordendenendie mit fremden Geldernunddenendie mit ihren Reizen fallierend. h. Bankerottierern und Geschwächten.Beide wurden sonst meistens am Kopfe signiert. Ich hätte viele alte Juristenauf dem Tische vor miraus denen ichs jetzt schreiben könntewenn ich wollteund es nicht schon wüßtedaß sonst in RomParis und Frankfurt am Main2)nicht nur die Bankerottierersondern auch Leute mit Moratorien undQuinquenellen grüne Hüte tragen mußten - in Sachsen aber gelbenicht zugedenken des Gelbfärbens der Häuserdes Läutens der SchandharmonikadesSitzens auf dem Lasterstein und der Schandgemäldewelches ich alles weiß.Jetzt tragen diese Leute ihren feinenschwarzen Hut wie ich. In Rücksichtfalliter Mädchen ist uns allen bekanntdaß sie sonst Strohkränze undHauben bei uns tragen mußten; in Rom aber eben darum letztere nicht nach Serv.in 7. Aeneid. Virg. Jetzt brauchen sie nicht einmal Strohhüte ausItalien aufzusetzen. - Diese zwei Menschenklassen würden nun mit einem Kopfder in einem Kopfzeug von lauter Lorbeerblättern steckteeingesargt undeingegraben werdenhätte nicht der Staat seine Medisantinnen bestelltdiedergleichen Volk in Empfang nehmen und handhaben. Und wie tun sie das? Siefallen darüber her über den Fallierer und über die Fallite und greifen zu -sie malen an das Paar selber die Schandgemälde - sie läuten in jederRepetieruhr die Schand- und Armesünderglocke über ihnen - sie lassen vor jedemAltar in der großen Kirche der Natur die eine die Kirchenbuße tun und denandern auf dem Lasterstein knien - und erwerfen beide halb an der Pillory desFensters und erwürgen sie halb mit dem Halseisen der Zunge - und dann reißensie der armen Fallitenum ihr das Alexis- oder Demutskleid3)anzulegenfast alles abwas sie etwanals Diplome beßrer JahrevonEhrenkleidern und blauen Hosenordensbändern an ihrem Leibe an sich gesammelthat.... Beim Himmel! sie würden nachlassenwenn sie das arme Ding einsam inseiner Kammer mit dem Schnupftuch stehen und über manches weinen sähen....

Das Gericht hätte zwar jetzt nach der Überreichung des Libells demBeklagten eine Ladung in faciem insinuieren sollendaß er zu rechter früherTageszeit entweder in Person oder durch einen Gevollmächtigten vor derBerghauptmannschaft erscheinenmit Klägern gütlichen Vergleich pflegen oderrechtlichen Bescheid gewärtigen sollte; das war aber gar nicht nötigweil ichschon längst erschienen war und ja erst vor einigen Augenblicken meinKlagelibell übergeben hatte.

Ich stand demnach schon im Termin in Personverwarf vorher Güte undbefestigte sogleich den Krieg rechtensoder deutlicher: ich kontestierte Litem.Ich hatte meine Ursachendas Klaglibell nicht lange ineptvoll kumulierter undgeneraler Klagen zu nennen: jura novit curiad. h. bei einer respektablenBerghauptmannschaft kann ein Beklagter alles voraussetzenwas er selber weißsobald beide eine und dieselbe Person ausmachen. Ich rezessierte demnach vonMund aus in die Feder dergestalt:

»Vor der fürstlich scheerauischen Berghauptmannschaft erscheint Beklagterund setzet zuvörderst dem angeblichen Mandatarius der Klägere exceptionemdeficientis legitimationis entgegenindem noch keine gehörige Vollmacht fürihn bei den Akten zu sehen ist; er bittet daher zu erkennen:

daß der angebliche Anwalt seine Vollmacht binnen der Michaelis-Messe ad actazu liefern verbunden.

Ferner opponiert er den unbefugten Klägern exceptionem nondum praestitaecautionis pro expensis; da sie in ganz Deutschland zerstreuet angesessen sindBeklagter aber wegen der Inseratgebühren und des Ehrensoldes Sicherheitbraucht; hoffet daherden Klägern werde auferlegt werden

Kaution oder Vorstand für den auflaufenden Ehrensold durch eine Buchhandlungzu bestellen.

Er könnte auch die Einrede mehrerer Litis-Konsorten - ferner die des dunkelnLibells - sogar des ineptenda einige Nebensachen darinnen stehen -entgegensetzen und könnte also den wohllöblichen Gerichtsstand bitten

Klägere zu Einreichung eines schicklichem Libells anzuhalten.

Aber Beklagter ist mit dem Libell ganz zufrieden und hofftdaß schon inBetracht der zwei ersten Einreden werde erkannt werden

daß Beklagter auf die Klage sich nicht einzulassen braucheKlägere aberalle Ehrensolds-Kosten ihm zu erstatten schuldig.

Inzwischen läßt er sich doch einfreilich eventualiter und protestierend.

Er negiert vieles. Er hofft aberda der Generalsuperintendent JakobiDoktorMiller und Herr Oemler1) einemGeistlichen anratenin gesellschaftlichen Religionsstreitigkeiten mit nichts zuantworten als mit Witz: so werde Beklagtem noch weit mehr nachgelassen undverstattet seinin einer bloßen gerichtlichen sich reichlich mit Witz zuwappnen und damit auszufallen.

Beklagter negiert gänzlichdaß Klägere seine eingeschaltetenDigressionenSatiren etc. lesen müssen: er warnt sie vielmehr stets durchÜberschriften oder Leuchtfeuer vor solchen gefährlichen Sandbänken undSkagerraksund es ist ihre Schuldwenn sie diese Riffs nicht umfahrend. h. umschlagen.Überhaupt wird das Wort Leser in wenig deutschen Städten recht gebrauchtaußer in Wetzlar: beim dasigen Reichsgerichtewo die Einteilung in die Kanzleiund in die Leserei üblich istbedeutet es Menschen - ein Paar sind es-die alle einlaufende Schriften aufbewahrenohne sie zu lesen; dennletzteres kömmt den Kammergerichtsbeisitzern zuaber nicht der Leserei.Anstatt nunwas allein von einem Leser gefordert werden kanngleich denGroßen ein Buch zu kaufen und es wohlkonditioniert aufzubewahrendie Blätteraufzuschneiden oder auseinanderzuziehenlesen solches viele und tun es denBuchbindern nachdie es unter dem Beschneiden und Planieren auch oft lesen. Unddas ists ja eben und alleinwas die besten Leser oft so kalt gegen ihre bestenDichter und Weisen machtdaß sieanstatt sichwie die zwei Wetzlaer Leserauf bloßes Konservieren einzuschränkenmit dem Zeigefingerwie mit einemSetzers-Zeilenweisersolche dicke Werke ordentlich durchrutschengleich alsarbeiteten sie in der Druckerei als SetzerKorrektores und Autoresdiefreilich die Sachen lesen müssen. Daher kömmt es auchdaß viele Mädchenviel billiger und mit mehr Lobe über gute und schwere Werke richtenweil siesolche nicht sowohl lesen - sie schauen jede Seite nur gut an - als reinlich undwohlkonditionierlich erhalten und von vornen durchblättern wie Karten-Rock-Rindspsalter- und Tulpenblätter. Beklagter leitet dieses heillose Vorurteil vonder griechischen Kirche herwo der Leser der erste Priestergrad ist undwirklich zu lesen hat. Man möchte aber wohl fragen: hat denn irgendein Autoreinen profanen Leserwie der russische Bischof den kanonischenordentlichordiniert? Hat erwie der Bischofihm die Hand auf den Kopf gelegt undgebetet: ›O Herrgib Stärke deinem Knechtder erwählt hatdeineGeheimnisse zu bekleiden und die Kerze vor ihnen herzutragen‹? Und hat er einBuch auf seinem Kopfe aufgemachtdie Haare des letztern kreuzweisabgeschnittenihm die Hand zum Kusse und eine Lampe gegeben? - -

Gleichwohl merkt Beklagter wohldaß noch immer das Lesend. h. dasAufschneiden und Durchblättern eines Buchsdas oft 300 Blätter hatzu einerAnstrengung nötigedie dem Flore des Buchhandels eben nicht sonderlichforthelfen kann. Wär' es hingegen möglicheine Lesemaschine zusammenzusetzendie ungefähr nach dem herkulanischen Instrumentedas die alten Bücherrollenmonatlich um eine Spanne aufrolltmodelliert wäre und die in Form einerBuchbinder-Heftlade statt der Finger der Leser arbeitete und vikarierte und dielesenswürdigern Meßprodukte aufschnitte oder aufzöge; wäre das zu machen undim Buchladen zu Kaufe: so möcht' es wohl wenige Meisterwerke mehr gebendienicht von einer Hand in die andre gingenund die deutsche lesende Welt und diegelehrte dazu wären dann weiterals man sie gegenwärtig sieht. - -

Ferner negiert Beklagterdaß Klägere und Klägerinnen Satiren nicht fassenkönnten. Anlangend Klägereso halten solche das ganze Jahr die politischenZeitungen - wenigstens die Erlangerdie Wienerdie Pragerdie Baireuther unddas politische Journal - mitwelches wohl die feinsten Satiren sind (aber auchdie bittersten eben darum)die auf den ganzen Welt- und Zeitlauf könnengeschrieben werdengesetzt auchvieles wäre in besagten Blättern wörtlichwahr.

Anlangend Klägerinnenso hätte adversantischerseits angegeben werdenmüssenob solche erwachsen und verehlicht. Denn in diesem Falle stehen sieTabaksrauchenTobenSatiren und alle Unarten der Männer leicht aus.Klägerinnen kommen den Truthühnern nahedie in der Jugendzärtlicher alsjedes andre Federviehin Wärmkörbe gebettet und auf keinem Steintisch - weilsie sich sonst die Schnäbel zerhacken - gefüttert werden müssendie aber inreifern Jahren Wind und Wetter und alles vertragen. -

Drittens ist das Gegenteil für Beklagten eine Unmöglichkeit. Addisonerzählt von einem Menschenderwie Jupitereine Ziege zur Amme gehabt undder deswegen noch in seinen reifern Jahrenwenn niemand bei ihm in der Stubewarimmer einige Ziegensprünge gemacht. Auf Beklagten hat sich ein dergleichenBocksfuß statt eines Podagras vererbtund er muß sich nun immer miteinem oder dem andern Sprunge helfen. Er denktes schade ihm nichts oderweniger als der Ernstda der langeernste Bart des Philosophen dem Barte derJuden gleichtden sie - anstatt daß den beschornen Wasserpudeln der ihrige zumSchwimmen stehen bleibt - bloß zum Ersaufen behalten. Er läßtvielmehr unverhohlenwas er damit haben will - Untertanen nämlich. Als derPrinz Antiochus Kantemir in seinem zwanzigsten Jahre seine erste Satire - widerden russischen Pöbelder sich gegen die neue Helle sperrte - ausgearbeitethatte: so honorierte ihn die Kaiserin Anna dafür mit einem Ehrensold von 1000Bauernwobei für die Druckseite mehr als 70 Bauern gekommen sein können.Beklagter will sichda erobwohl im 45sten Kapiteldes Hesperus <../hesperus/hesp451.htm> nobilitiert und geadeltgegenwärtig nichts zu regieren hat als sich selbernach und nach einigeUntertanen und Bauern erschreibendie ihm die jetzige Zarin leicht abstehenkannwenn sie bedenktwas - zumal aus Kurland - sie hat und was er.

Viertens sollte doch jeder lieber alles aus der Acht lassen als dieses: einbeschriebnes Leben ist von einem geführten bloß im Boden verschiedenworaufdie Eigner davon stehen und der bei der Biographie in Lumpenpapier besteht. DasMenschenleben wird nun offenbar unter der Äquator-Linie geführtdie dereilige Wechsel mit WindstilleSturmfliegenden FischenHimmelsblau undGewittern bezeichnet: über diesen Wechsel wird die Seele nicht eher erhobenals bis er verkleinert und zusammengezogen unter ihr liegt. Dem Menschen kömmtaber seine Qual und seine Freude zu groß vorweil er erstlich Tage und Wochenbrauchtbis eine von beiden sich durch seine Seele gezogenund zweitensweildie Mitteltinte und der Halbschatten so breit istder sich zwischen beidetrennend legt. Wenn nun die Poesie Seufzer und Freudentränendie fünf buntenund dunkeln Akte des Lebens mit schmalen Mitteltintenmit verkleinertenZwischenräumen in wenig Minuten durch die Seele treibt: so stellt sie denMenschen auf die Anhöheauf der er am Ende des Lebens über dieeingeschrumpfte Vergangenheit blicktdie vorher eine ausgespannte Zukunfteinnahm. Der Mensch ist im Ernste nicht humoristisch genug und im Scherze nichternsthaft genug. Nicht nur die Wahrheit besteht aus allen Menschen-Systemenzusammengenommenwie nach Buffon und Kant die Sonne die verschiednenMaterien der verschiednen Planetendie um sie fliegenin sich vereinigtbefasset: - sondern auch das rechte Herz ist aus allen ungleichen Gefühlengebaut und trägt ein Weltallnicht als Kronesondern als Stufe.

Daher macht der schnelle Wechsel zwischen Ernst und Scherz nur ernsterundwenn man das Buch eines Engländersworin dieser Wechsel herrschtbeschließtdenkt manes sei das Leben.2)

Daher bringt es den Beklagten öfters aufdaß die arktischen Deutschengleich Wundenin einem fort recht warm (pathetisch) gehalten sein wollenvon Autoren. Er erklärt freieh' er das tätedaß er seine Werke zuZundstricken und Lötröhren machteum Reverberierfeuer anzuschürenwollt' ersie lieber zu Papiersäcken3)küttenum eins auszuspritzen. Man scheint auch gegnerischerseits ganz und garnicht daran gedacht zu habendaß Beklagtens Werke dem Leben der Menschengleichendessen schöner Wechsel mit schwarzen und weißen Taten auf einesinnbildliche Art in den Variationen der Gesetze auf Schwarz und Weiß sodeutlich nachgeahmt wirddaß solche - hier nistet freilich ein Gleichnis imandern - dem türkischen Koran nachartenin dem eine Menge Stellendie derTeufel dem Propheten inspirierte - weil ihm der Engel zu eilig diktierte -nachder muhammedanischen Meinung eingeschoben stehendie aber nichts schadenweilihm Gott wenige Seiten darauf wieder Stellen einflößtedie jenen obigenhinlänglich widersprechen. In unsern Gesetz- und andern Büchern arbeitet oftder Teufel erst hinter Gott und schreibt als Beklagter den letzten Satz; und dasmacht uns alle ungemein konfus.

Beklagter wiederholt nicht nur die obige Bitteihn bei seinem Rechte zuschützen und von der Klage zu entbinden wie von allen Schädensondern setztauch die neue hinzudaß eine löbliche Berghauptmannschaft Klägere ordentlichzum Lesen seiner Satirenso wie sie durch Gefängnis zum debito conjugalikönnen gebracht werdendurch Stubenarrest anhalten möge; er will sichübrigens seinen Gegenbeweisfremde Schwüre und allerlei rechtliche Notdurfthiemit vorbedungen haben. Desuper.«

*

Als ich protokollarisch vernommen war: mußte der klägerische Mandatariusauf alles replizieren. Ich will das ganze Verfahren bis zum Bescheide nur mithalben Worten mitteilen. Ich replizierte als klägerischer Anwalt - dupliziertesofort als Beklagter - sogleich hintendrein war der Anwalt mit einer Triplik beider Hand - der Beklagte später mit einer Quadruplik - der Anwalt wollte sichnoch einmal mit einer Quintuplik in die Höhe richten - aber der Beklagte warfihn völlig um mit der Sextupliknach welchem Verfahren denn endlich recht gutzum Bescheide konnte geschritten werden.

Es wird von keinem gescheuten Manne angefochten werdendaß ich den Bescheidselber erteilte an beide Parteien. Ein solcher Mann schließt: wenn der Menschin Gewissenssachen Richter und Täter und rechtlicher Beistand und advocatusdiaboli zugleich sein darfso wird er in viel geringern Rechtshändeln nochleichter eine solche Vetterschaft und Sozietät sein können. Warum soll einAdvokat daswas er auf eine ehrliche Weise in drei verschiednenGerichtshaltereien vereinzelt istRichter in der einenAdvokat in der zweitenPartei in der drittennicht in einer und derselben auf einmal in einemSimultaneum vorstellen und so allein ein Kollegium voll vota curiata formieren?- Die Möglichkeit davon leuchtet einem jeden schon aus der Wirklichkeit ein.Ein Fürst stellt nicht nur häufig eine solche Drei-Vier-Fünfeinigkeitleicht vorsondern in der Tat ist seine Person oft ein Personale von einemHerzogeMarkgrafenGrafen und Ritter auf einmalnicht zu gedenkendaß erzugleich das ganze Volk und das Oberhaupt desselben repräsentiertwelches letztere er selber erwählt und voziert; daher ist sein Wohl stets dasWohl des repräsentierten Volks. Auch setzt eine solche Korporation in einemKörpereine solche Einheit des Ortsnicht die geringste Einheit der Handlungvoraus: der deutsche Kaiser kann nach dem Staatsrechte derselben Macht alsungarischer König Subsidien schicken in einem mißlichen Kriegeden sie mitihm als östreichischen Herzog führtindes er als deutscher Kaiser diehöchste bewaffnete Neutralität beobachtet. Noch ein Beispiel: wenn dasRegierungskollegium in einigen Ländern Ämter mit gewissen Nutznießungenverliehen hatso muß man beim Kammerkollegium um ein zweites DekretdieSachen zu bekommennachsuchenund die Supplik lautet so: »Da mir Ew.Durchlaucht besagte Nutznießung bewilligt habenso bitt' ich Ew. Durchlauchtmir solche wirklich zu geben.« Supplizierte Supplikant nicht: so könnte derFürst dieselbe Sachedie er als die eine moralische Person ihm zugestandenals eine zweite ihm entziehen. So sind auch ganz verschiedene Gesetze von einemund demselben Wesenaber von verschiedenen moralischen Personen und Uniotendie es in seiner XXger Union und in seinem Kurverein befassetstatthaft.

Demnach konnte gegenwärtiger Verfasserzumal als natürlicher Dauphindieelende kleine Verbrüderung von Richter und Parteien als sein eigner Drillingohne Mühe vorstellen; und die fürstlich scheerauische Berghauptmannschafterteilte beiden Parteien folgenden merkwürdigen Bescheid:

»Auf KlageAntwort und erfolgtes Verfahren in Sachen der Leser undLeserinnenKlägerenan einemJean PaulHöfer Büchermachersam andernTeil gibt die fürstlich scheerauische Berghauptmannschaft folgende Resolution:

daß BeklagterJean PaulBüchermachernicht befugt seiin seinenhistorischen Bildersälen mitten unter Damen Spaß oder Extrasachen oder andereSprünge mit seinem ererbten Bocksfuße zu machen - daß ihm aber in Betrachtdaß er mit besagtem Fuße behaftet und daß alle Völker Traumfeste undNarrenfeste hatten und daß man noch jetzt bei Weinlesenauf der Themse undbeim Ankeraufwinden das Recht hatStachelreden vorzubringendaß in diesemBetrachte Beklagtem unbenommen bleibehinten an seinen Bildersaal einWirtschafts- und Hintergebäude (obwohl in einiger Entfernung) anzustoßenumda sein Wesen zu treiben und seinen satirischen Tabaksrauch ohne Schaden derDamendenen sonst die Schminke abfließetauszublasen - - ferner resolvierenund erkennen wir:

daß Klägerinnen in Erwägungdaß die Last des KindergebärensdesKindersäugens und der Haushaltung sie schon bis an die kalte Erdeniederdrückevon der Lesung seines satirischen Appendixes gänzlich befreietund eximiert sein sollen -

daß hingegen Klägere ganz und gar gehalten seiendem Büchermacher in seinFilial nachzufolgen und da zuzusehenwie er springt und setztdesgleichen diewenigen Pickelherings-Pillendie er unter dem Springen zuwirftzu bezahlen undhineinzuschluckenangesehen schon bei den Ägyptern das ganze Volk monatlichetwas zum Laxieren nehmen müssen.4)- Wornach sich zu achten; publiziert Hofden Schalttag 1796.

Berghauptmannschaft allda.«

*

Mit diesem Dekret eines höchst venerierlichen Gerichtsstandes bin ich jetztsattsam gedeckt und lasse nun ohne Scheu mein satirisches Hospitalschiff nebender biographischen Silberflotte herlaufen. Das Edikt (edictum perpetuum) desGerichtshofes nimmt mir zwar die Leserinnenfür die jetzt die Satire nur einRückenwind ist - sie zaubern sehrund schon nach Bodin. l. 2. c. 2. de daemon.können Zauberinnen kein Salz ausstehen -; aber doch sämtlicheLeserschaft muß nach dem publizierten Urtel des Justizdepartements in meinemPulverturmden ich abgelegen von der biographischen heiligen Stadt erbauenmußbei mir ausharren und mir zuschauen. Ich erwarte mit einiger unschuldigenSchadenfreudewas nun die kleinen Kunstrichter nach einem solchen Erkenntnisseeines hohen Dikasteriums etwa anzustellen gedenken; ich aber kann kaum dieMinute erharrenwo ich mich vor mein Rücken-Positiv setze und meineMurkis vororglegänzlich bedeckt von meinem Fetwa und Arret. - Die folgendeSatire ist zwar die erste; aber die im nächsten Buche ist die zweite - und sowerden in allen meinen Werken die Satiren in fortlaufender Signaturfortgezählt: denn die Appendizes haben sämtlichwie größere Vulkaneeinegeheime Verbindung.

Erster Appendix

Die Salatkirchweih in Obersees
oder fremde Eitelkeit und eigne Bescheidenheit

Ich wollte diese Kirchweih schon vor einigen Jahren beschreiben; aber ichhatte niemals Platz: Gott gebedaß ich die Beschreibung samt den vielenEinschaltungen nicht weniger zu Ende bringe wie dieses Buch. -

Vor 13 Jahren wurde der geduldige Juris-Praktikant Weyermannder fastnichts einzunehmen hatte als die copiales für seine Schriftendie er selbermundierteim Frühjahr so glücklichdaß ihm die ganze Gerichtshalterei Oberseesanfieleine der besten im Landedem Kaufherrn Oehrmann belehnt und 4Meilen von der Stadt gelegen. Ich und Weyermann wohnten in dieser. Er hatte michlieb und kopierte oft meine Exhibita und oft mein Betragen: ich war freilichselber nur die lange Tangente seiner Zirkel und er also eine kurzeKotangente; ich der Gipsabdrucker mein Nachstich. Manche Menschen könnenwiedie Engländerihr Ich mit einem großen I schreiben und den ganzen Tag Zugwerkund Buchdruckerstöcke um das große I entwerfen (als wär' es derAnfangsbuchstabe des Universums)ohne daß ein fremdes I sich darüber erzürntoder sie Egoisten schilt: die Lust wird ihnen herzlich vergönnt. Und so warWeyermann; und ich gönnte ihm gern die Hefe (die Gerichtshalterei)die seinenganzen Teig aufhob und über den Backtrog trieb. Ich sagte zu mir: je kürzerdie Bahn oder auch das Gesicht eines Menschen istaus einem desto höhern Tonepfeift erwenn er drei Schritte darin getan; so geben kurze Pfeifen hoheTönelange aber tiefe.

Ich erhörte daher mit Vergnügen die Bitte des Gerichtshaltersmit ihm nachObersees zu reitenob er sie gleich in der eiteln Absicht tatmit meinerGesellschaft großzutun und zu prunken. Da nach den Theologen die MohrenChamsEnkelbloß durch den Fluch Noahs so schwarz angelaufen sind: so hätte dergutmütige Weyermann gern seinen Bedienten aus Liebe verfluchtwenn er ihn mitdem Fluche hättewie mit Beinschwarz oder Rußzu einem Kammermohr umfärbenund schwärzen können. - Wir mußten einen Tag vor der Salatkirmesoder vordem Johannistagein Obersees ankommendamit am Kirmestage selber die reitendeJuryWeyermann nämlichvon dem Gerichtssprengel die Huldigung empfing.

Als er abstieg im Oberseeser Schloßhofsagte er laut vor so vielenzulaufenden Gerichts-Insassen: »Herr Kammerherr v. TorsakerGroßkreuzvom Seraphinen-Ordenschwitzen Sie stark?« -

»Ich leidlich« - sagt' ich -»aber der Gaul!« - - Das wird aber keinMensch verstehen; und es muß die Decke von der Sache gezogen werden.

Es ist bekanntdaß am scheerauischen Hofe ein Avanturier drei Wochen langCour und hohes Spiel machteder sich für einen schwedischen Kammerherrn undGroßkreuz vom Seraphinen-Orden ausgabnamens Torsaker. Zufälligerweise(glaub' ich) kam ein authentisches Blatt aus Stockholmdas in einer halbenMinute den Ritter degradierte und ihm den Diebsschlüssel und Irrsternherunterriß. Ich meines Orts halte diesen Vexier-Ritter gleichwohl für soehrlich als die besten Michaels-Ritter in Spaa: er und diese sind vielleicht -wenigstens muß man das Beste präsumieren - halb von Verstand und sehen sichwie viele Wahnsinnige sich für KardinälePersonen aus der GottheitfürMond-Souveränsfür TöpfeHaferkörner hieltenwirklich für Ritter an. Oftaber denk' ich mirs so: da der Papst außer den Kardinälendie er lautkreiertstets noch einige leise (in petto) erschafftdie aberwenn er ihnennach langer Zeit die laute Kreation gewährtden Rang nach der Zeit der leisenhaben: so ists eben nicht unvernünftigwenn man diese stumme Ernennung zuRitternzu MarschällenMarquis etc. bei allen solchen voraussetztdenenkeine fehlt als die laute.

Inzwischen ging der Herr v. Torsaker zum Teufelund das in solcher Eiledaß sein Kleid samt Kette und Stern dem maitre d'hotel zustarbvor dem erjenen Kanarienvogel bisher nachgeahmt hatteder (wie Goeze berichtet) bei einemKaufmann das Geräusche gezählter Taler recht täuschend nachäffen lernte. DerWirtder vom schwedischen Kanarienvogel weiter nichts erhalten hatte als dasleere Geräuschehielt sich an die Ordenskette und ans Kreuzdie er für Geldzur Schauzur Mietezu Kaufe zu geben gedachte. Er streckte mir dieRitterwürde für 18 gr. rhnl. auf drei Tage vor.

Eine Stunde vor Obersees legt' ich mich selber an die schöne Ordenskettedie sich mit 11 goldnen Engelköpfen (jeder sechsfach beflügelt oder mit 6Floßfedern) und mit ebensoviel Patriarchalkreuzen herniederringelte; dann warfich das blaue gewässerte Band überden Tragriemen des Ordenskreuzesauf demeine blaue Kugel die Buchstaben I. H. S. aufwies. - Es würde mir auffallenwenn der König von Schweden oder die schwedischen Reichsstände mit mir Händeldarüber anfingendaß ich mich in Obersees für einen wirklichenSeraphinen-Ritter ausgegeben: denn erstlich tat ich die Sache bloß demGerichtshalter zu Gefallendamit er sich vor den Oberseesern mit der Begleitungund Freundschaft eines Großkreuzes ein ungewöhnliches Ansehn geben möchteund zweitens wundert es mich fastdaß der König und seine Stände so wenigerwägendaß ich ja nicht einen schwedischen Ritter und Kammerherrn nachmachteund nachäfftesondern einen Affen von beidenden Avanturier. Eben um diesenmit gleicher Münze abzuzahlenverstellt' ich mich in diesen Versteller undwurde der Nachdrucker des Nachdruckersso sehr auch meine Eigenliebe vielleichtunter seinem Ordensstern und Schlüssel litt. - -

Unser Jagdschloß - gleichsam eine Bagatelle vom Prinzen von ArtoiseineSolitude - war hinlänglich geräumigleer und kühl. Der Gerichtshalter gabmir neun Zimmer einin deren toricellischen Leere nichts war als ich selber; erbesetzte mit sich nur sieben. Ich machte neun Flügeltüren auf und wandelte imKorso und Korridor eines aus neun Zimmern erbaueten Saales hin und her; derGerichtshalter macht' es in der Halle und Sandallee seiner sieben Stuben ebensound sooft wir aneinander stießenlächelten wir zugleichund ich sagte zuWeyermann: »Wir können noch den Verstand verlieren über die Ehre; aber großist der Mensch hienieden.« - Draußen ums Eskurial lag das herrliche Oberseesdas in Rußland nun längst zu einer Stadt promoviert hätteda es ein Dorf war- wiewohl es jeder schon für eine halten könnteder bedächtedaß es inTheben nur 100 Tore gabhier aber soviel Tore und Einlassedaß zur Mauerwirklich kein Platz ist. Ich machte den Justitiar auf den Mangel allesSteinpflasters aufmerksam: »Man würd' es nicht«sagt' ich»von der StadtObersees weggerissen habenmüßte sie nicht täglich Belagerungen und Bombenvorbauen. Ich seh' auch schon Düngerhaufen zum Schutze beschoßner Keller.«Ich gestand es dem Advokatenich sähe nichtwarum bloß London alle dieDörferan die seine Gärten und Gassen stoßenals seine Mittelstücke undAnsätze anschrauben und sich damit groß und breit machen darfObersees aber nicht; sondern ich glaubte vielmehrdie Stadt Obersees könn'ebensogut als eine andre die um sie liegende Stufensammlung von Dörferndienur durch einige Wiesen wie durch Gärten sich von ihr trennenzu ihren zehnVorstädten schlagenund er sei in meinen Augen der Stadtrichter. Erversetzte: »Es ist doch nicht Ihr Ernst.«

Im Schlosse wohnte niemand weiter als der Schloßhauptmann und seine Rattenund »Weibsleute«. Er war ein Bauer und der Bruder und Sequester seinerSchwester. Sie war die Braut des Schulmeisterswollt' aber seine Frau - ob siees gleich ihren sel. Eltern versprochen hatte - nicht werdenweil sich mit demSchuldiener ein hitziges Fieber gleichsam gerauft und ihm nicht so viel Haaregelassen hatteals ein Truthahn noch in der Pfanne anhat. Ihr Bruder war ihrvon der Obrigkeit gesetzter Sequesterdamit sie kein fremdes Handgeldd. h.keine fremde Hand unterdessen nähme: denn keine Liebe - selber die erstefünfteneunte nicht ausgenommen - hat ein Mädchen so schnell als die zweite.

Ich und der Gerichtshalter waren so glücklichdaß sie unsre HeiduckinJagdlakaiin und Adjutantin war; man bälge oder schäle die Venus Urania aushänge ihre Haut einige Tage im Sommer ans Trockenseil zum Einlaufen und zieheder Göttin den dürren Überzugdie Nachtkleidungwieder an und seh' ihr insGesicht: so hat man - unsre Eva. Es war an ihrwie an andern Schwanenalles herrlichnett und weißnur die Haut nicht. Ich weiß kein größeresLob ihrer Schönheit als diesesdaß der Verfasser und Seraphinen-RitterTorsakerals die jungen Pursche von Obersees in den Schloßhof kamenum ihr -sie nahm gerade einigen groben Stühlen die Stuhlkappen ab - wie den andernMädchen seidne Floskeln und Flügeldecken und Berlocken für die Purpurfahnedes Maienbaums abzubettelnkein größeres Lob weiß ich für siesag' ichals daß ich meine seidne Reise-Krawatte aufknöpfte und herunterzog und ihrhinreichte mit den Worten: »Schenk' Sie es dem Maienbaum in Ihrem Namen.« Siewollte nichtsie mußte aber.»Man kann in unsern Tagen«sagt' ich»leichtà la Hamlet gehen.«

Ich habe oft meinen Freunden abgeraten und vorgehalten: »Man mußFrauenzimmern und Leuten von höherm Stande nicht den geringsten Gefallen tunum etwan ihre Liebe damit zu erbeutenwiewohl mans tun kannum seine zuzeigen. Denn beide sind so sehr an diese Personensteuer und Landtaxe gewöhntdaß man sie zehnmal mehr einnimmtwenn man sich von ihnen eine Gefälligkeit -erweisen lässet.« Ich führe diese ewige Theorie und Satzung nur anum zubemerkendaß sie grundfalsch istwenn man sie auf geringere Mädchenappliziert: diesen kann man ohne allen Schaden die besten seidnen Schnupf-und Halstücher zuwerfen und zollen.

Es ging jetzt gegen Abend: die Sonne setzte ihren letzten Tags- undFrühlingsglanz herrlich in bewegliche Edelsteine auf den von Floßfederngeschlagnen Wellen umauf den grünen Fensterscheibenauf den wankendenLaubenhälsenauf den durchsichtigen Gipfeln und auf einem Wölkchennahe anihr und der Erde. Sie hätte sichwären jemand im Dorfe zwei Tropfen in denAugen gestanden - welches bei der allgemeinen Vigilienfreude kein Wunder gewesenwäre -in die Tropfen aufgelöset und sich als eine Goldsolution ansdämmernde Auge gehangen.

Weyermann wartetebis die Jugend des Orts sich bei ihm eine Erlaubnisauswirkteden Maienbaum als einen Schlagbaum oder ein Schutzbrett ihresFreudenstroms aufzuziehen: dannnach der Permissionkonnten wir ins Dorfhinuntergehen zum Maienbaum. Welches Lust-Feldgeschrei! Wie erheben sich alleHerzen zugleich mit einem Baum! Beßre Baumheber als diedie ihn sonstumstürztensind jetzt die Bettaufhelfer des liegenden Freiheitsbaumsundunzählige Stäuber richten ihn emporgleichsam als ein Sinnbild eines guten Staatesoben mit einem hangenden Garten grünendmit einem Gipfelputz von seidnemOrdensband-Tauwerkmit bunten Brahmsegeln zum Stehenmit einer rotenknarrenden Freiheitsfahne und einem roten Hahne und mit einem gleißenden Stammherrlich geschält und abgeblattet und fest in die Erdeohne Wurzelneingeschraubt und eingestampft. Als der sixtinische Obeliskus in Rom sichaufrichtetewar der Lärm ebensogroßaber nicht der Jubelund die Römerhatten nicht so viele Schmerzen in die Flucht geschlagendaß siewie diesieghaften Oberseeserum die Siegessäule tanzten. Ich und der Stadtrichterwarenungefähr 30 Schritte davonglücklich: er warsweil er vor allenLeuten neben dem Kammerherrn v. Torsaker stand und dessen seraphischesPaternoster aus Köpfen frei angreifen durftenicht zu gedenkendaß aufmorgen der Antritt seiner Regierung über die ganze Volksmenge fiel - ich warnoch glücklicherdenn ich sah in einem fort meine Stipendiatin andie schöneEvaund bewunderte in der Dämmerung ihren Teint (denn es gibt keine beßresinesische Schminke bei David Schirmer in Leipzig als mein kurzes Gesicht)undzweitens sah Eva in einem fort auf mich und zeigte vielen ihren Mäzen undWohltäter.

Welche Einheit des Interessewelche richtige Knotendie auseinandermüssenbringt doch eine einzige schöne Gestalt für einen fremden Passagierder sie festzuhalten sucht mit Blicken oder Fingernin das ganze verwirrtemitAkteurs bevölkerteüberladne Theater eines fremden Orts! - Steht eine solcheSonne noch unter dem Horizontso ist der ganze Ort ein ödesfröstelndesSchattenreichund man hängt sein Herz an nichts weiter als an die Pferdedieeinen aus dem Orkus oder Hades ziehen. In einem solchen jämmerlichen Falle binich gar ein ordentliches Windei ohne Dotter: es ist - außer demwas ichschuldig bin - nichts aus mir herauszubringender Wirt mag mich mit seinerBrust ansitzen und anbrütenwie er will. - Hingegenwenn der elektrischeFunke eines schönen Augesdie aura seminalis einer schönen Stimme über denWind-Eiergang fährt: wie pulsieren da tausend puncta salientia im Kopf! Und diebesten Gedanken werden flügge und schwingen sich auf!

Ich war auf nichts so begierigals auf den Schulmeister zu treffendenBräutigam der Dauphine und Freya. Denn ich hatte vorwenn er etwas taugtefür ihn zu arbeiten und einen schönen Ankerplatz in ihrem jungen Herzen fürihn zurecht zu machen und mich deshalb in letzteres selber zu begeben undeinzuschleichen. Ich konnte präsumierenwenn ich an die PilledenSchulmeistermich als Silber anlegteso dürfte sie ihn in diesem Vehikelleichter ins Herz hinunterbringen.

Die Geschichte wird noch viel interessanter.

Wir gingen inzwischen nach Hause; der Stadtrichter dachte und philosophierteunterweges und merkte an: »Die armen Leute bilden sich Königreiche auf ihreabgeschälte Stange ein: jetzt möcht' ich wissenwie sie sich erstgebärdetenwenn sie einen beträchtlichen Posten im Staate bekleiden solltenoder nur meinen.« - »Oder vollendsHerr Stadtrichterwenn solcheKleinstädter lange Ordensbänder und drei Kammerherrn-Knöpfe tragen dürften.Ich denk' abersie blieben dann nicht lange bei Verstand: ach! es ist soleichtein Narr zu werden! - Ich habe in großen Städten die bescheidenstenDragoner gekanntwelche wie Frösche aufliefenwenn sie auf dem Theater beiden Ritterschauspielen stumme Feimer machen mußten oder andre Justizpersonenvon Belang.« - Wir arme Teufel allzumal dürfen entweder alle prahlen oderkeiner. Bei Gott! ich tat im vorigen Herbst unrechtdaß ich über die vielenKunstgärtner aus mehrern Städten den Stab brachdie sämtlich in die fettenStachelblätter einer Aloe ihren Namen als in ein Buch des wachsenden Lebenseingesägt hatten. Der Name eines Menschen muß irgendwo haften wie in einemBelobungspatent; und ich beteureverewigte ich nicht den meinigen aufSchriftenich würde ihn auf der Höfer gefrornen Saale einkratzen undeinfahren mit dem Schrittschuh - oder (wär' ich ein andrer Professionist) aufMesser- und Degenklingen - auf Fensterscheiben - innen auf Gefängnisgittern -auf einen neuen Darm oder Wurm darinden ich zuerst entdeckte und den dieGelehrten nach dem Namen des Erfinders nennen müßten - oder (wär' auf derErde nichts Neues mehr) auf einen neuen Klecks im Mondoder Funken am Himmel -als Edelmann auf das Halsband meines Hundsstalles - als Huter ins Hutfutter -als Tischler buntfarbig an Särge - und als Leiche an meinen eignendamit derSterbliche und seine Unsterblichkeit nebeneinander hinuntergingen und zusammenverstäubten....

Ich kann den schweren Gedanken nicht ertragendaß irgendein Mensch undMitbruderund wär' er noch so wenigso ganz vergessen sein solldurch soviele Jahrhunderte hindurchdaß die Heere der Jahre und Menschen so unachtsamüber seinen unbedeckten anonymen Staub wegschreiten sollen. Es gibt aber einenTrost für uns alleund das ist derdaßwenn unser Gedächtnis und unserNamenszug auf der Erde ausgewischt und ausgetreten ist bis auf den letztenEndbuchstabendaß es dann gleichwohlso wie des edlen Friedrichs II. Name alsastronomisches Sternbild in ewigen Sonnen brenntnoch ein unendliches Herzgibtin dem die Namen seiner kleinen Unsterblichen in lichten Zügen glänzenund nie verlöschen. Und der kleinste Mensch empfängt von ihm zweiUnsterblichkeiten auf einmal. Gleichwohl oder eben darum sollten wir denniedrigsten Menschen-Namen nicht zerfallen lassen. - -

Abends trug uns die wandelnde Pygmalions-Statue das Nachtmahl und Herrenbrotauf eine lange Herrschaftstafel im luftigenmit Abendröte und Abendkühleverschönerten Refektorium. Ich und der Stadtrichter konnten uns über die Tafelnicht mit Gabeln erreichen. Evas Reize drehten sich um uns blendend wie Spiegelin der Sonne und wie umlaufendegleichsam Juwelen auswerfende Kronenleuchter:sie warob ich gleich ein Seraphinen-Ritter wardoch gegen den Gerichtshalterehrerbietiger und stummerweil sie unter seinem Zepter stand und weil erweniger mit ihr sprach als der Ritter. - Aber den Salat schleppte der Sequesterherauf: »Die Kanaille« - sagte der Bauer - »versteckt sich drunten und willnicht eher 'was bringenbis der Schulmeister wieder 'naus ist.«

Dieser kam vorher herein. »Es ist mein Aktuarius juratus« (sagteWeyermann) »namens Schnäzler.« - Aus einem Räderwerk von Rädertierenund aus einem Teig von vibrierendenkrabbelnden Infusions-Tierchen war erzubereitet: er schnellte sich wie ein Käfer weiter und schien ein auf die zweiletzten Füße gestellter Vielfuß zu seinan dem im Gehen hundert müßigewaagrechte Füße oszillierten; er hatte auf der Stubendiele den Gang desSpringers im Schachund jeder Sessel war sein Reitstuhl und Schaukelpferd. Erwar zu allemwas sein Prinzipal wollteschon fertig - gab jede Antwort schnelldreimal hintereinander - wollte alles machenhatte schon alles gemacht - seinhäufiges Selah und seine clausula salutaris war: »Ei herrlich und gut!« - ererhielt sich dabei auf nichts als auf den schaukelnden Fußspitzen. - AlsWeyermann mit ihm fertig warfragt' ich ihn: »Wie ich höreHerr KantorSchnäzlerhatte Er eine recht hübsche Braut?« - »Ei«sagt' er»ich habesie noch - sie ist gegenwärtig sequestriertund ich bin ihrer gewärtig nolensvolens. Das Fieber hat zwar mein Haupthaar mitgenommen; aber ich seh' sonst gutaus. Gnädige Herrenes hat mir weiter niemand die Suppe eingebrockt als derRanzenadvokat drübender setzt auch an sie.« - Mit einem EulerschenRösselsprung war er über das Stubenschachbrett hinüber und sagte am Fenster:»Ja! ja! sie schlagen dem bösen Menschen die Pflaster noch über: sie habenihn erst gestern braun und blau geprügelt.« -

»Das muß morgen scharf untersucht werden«sagte der Stadtrichter freudig.

»Ei herrlich und gut! Es ist nur ein schlimmer Vogel. - Er möchte aberimmer einen Zopf habenso lang wie mein rechtes Beiner hätte mir nichtsanhaben sollen: aber der Teufel red't aus ihmund er machte der Eva weiserzög' in die Stadt und machte Advokaten-Schriftenund dannwenn er unser HerrGerichtshalter wäreso käm' er wieder herausund dannsagt' ersei Gottdem Oberseeser gnädigder nicht sechs Reverenzen machtwenn ich oder meineFrau zum Fenster 'naus niesen. Aber aus dem Schulmeistersagt der Lügnerkannnichts mehr werden: gnädige HerrenSie sollten einen oder den anderngeistlichen Vers sehenden ich Gott zu Ehren dichte.« - »Ich will ein ganzesLied davon sehenHerr Schnäzler«sagt' ich und zog mit dem erstauntenDichter zum Schlosse hinaus. Er kam nicht eher als vor dem Fenster desRanzenadvokaten zur Besinnungwovor er mich dicht vorüberführte.

In seiner Stubedie kein andres französisches Schloß hatte als einotaheitischesnämlich fremde Ehrlichkeitwarwie siealles offennämlichalle Gesangbücherdas Berliner alte und neuedas Baireuther alte und neuedas Scheerauer alte und neue. Bekanntlich haben poetische Steiß- und Fuß-Geburten1)wegen ihres frühen Ablebens das schöne Rechtin die Kirche begraben zuwerden - d. h. Versedie nicht zum Lesen taugenkönnen doch wie die alten gesungenwerden unter der Orgel. Gleichwohl war man in neuern Zeiten auf eineBlutreinigung der geistlich-poetischen Ader ausund aus den Gesangbüchernwurden ZeilenStrophen und Lieder ausgejagtdieobwohl keinen guten Sinndoch auch keinen schlimmen hatten. Der Kantor Schnäzler fing inzwischen diesedurch den Gesangbuchs-Ventilator entwischende fixe Luft2)zusammendie stets alten Liedern und schalen Bieren den Geist gibt; ichmeineer verglich das alte und neue Gesangbuch und kehrte die schönen Stellendes altendie die ästhetische Tempelreinigung aus dem neuen weggefegt hattewieder auf einen Haufen und schlichtete wirklich dieses Raff- und Leseholz zuguten besondern Liedern zusammen. Er konnte mir zwei schöne zeigendie einvollständiger index expurgandorum des baireuthschen waren. Es würde gefruchtethabenwenn man bei den Lieder-Unruhen in Berlin den singenden Insurgenten einesolche in Reime mit unendlicher Mühe zusammengeschobne Kolonie aller Stellendie aus dem neuen Gesangbuch emigrieren mußtenhätte anbieten können:Schnäzler zeigt uns in seinen Korrekturbögendaß man ebensogut ausaltdeutschen Versen wie aus den Archaismen und Phrasen altrömischer Verse - wieGymnasiasten tun - versus memoriales zusammenwerfen könne. -

Ich weißin ganz Deutschland hatte kein Dichter einen so herrlichen Abendvor Johannis als der Liederdichter Schnäzler: er war so glücklich wie Gellertzu erlebendaß einmal der Rang zur Dichtkunst gingnicht diese zu jenem. -Ich versicherte ihm beim Abschied: »und wenn er mehr hitzige Fieber bekäme alsHaare und so kahl bliebe wie ein Enten-Eiund wenn der Ranzenadvokat einWinterfell von lauter Weichselzöpfen umbekäme: ich wüßte recht gutwermorgen abends die schöne Eva hätte.«

Ich bekenn' aber der Weltich hatte nur die erste Hälfte eines Plansausgebauet: die Risse und Baumaterialien der zweiten foderte ich dem HandlangerZufall als Baufronen ab. Es ist gleich einfältigalles und nichtsdem Zufalle oder der Zukunft zu überlassen.

Ich ging spät ins Schloß zurück mit einem der auffallendsten Entschlüsse;dem nämlichan einen Reichs-Kanzlei-Verwandten in Wien zu schreiben.

Mit einem Wortich tats am Morgeneh' der Stadtrichter aufstand. Ichnenne den Namen nicht; aber da er weißwas ich ihm unter dem Vize-Kanzelariatfür Dienste erwiesenso wär' es eine kleine Erwiderung gewesenwenn er nurmit dem Wappeninspektor3) dreiWorte darüber gesprochen hätteich meine nämlich über meine Anfrageobnicht der Kantor Schnäzler zum Reichs-Poeten (poeta laureatus) zu kreieren sei.Ich kopiere hier aus guten Gründen das ganze Schreiben.

»Hochedelgeborner
Insonders etc.

Ich sollte wohl hoffendaß Ew. etc. sich noch der fünf klugen und fünftörichten Jungfrauen erinnertenwovon eine von den erstem ein gewisser Richteraus Hof (der hier die Ehre hatan Sie zu schreiben)und eine von den letzternSie repräsentierten auf der Kölner Redoute. Denenselben hing damals noch einzweiteraus Weinreben gesponnener Flor vor den Augen; und über diegegenwärtige Jungfrau ließ seitdem das Schicksal viel schwärzere Nonnenflöreniederfallen. Diese schöne ZeitFreundist mit allen ihren 10 000 Auen undMillionen Blumen nun wie ein Schatz unter die Erde versunken.

Um auf die Absicht meines Briefs zu kommen: so hoff' ichSie sind noch mitunserm alten Wappeninspektor in Konnexion und er am Lebendessen Rat Sie ineiner Angelegenheit einziehen sollendie einen noch wenig bekanntenLiedermacherden trefflichen SchnäzlerSchuldiener in Oberseesbetrifft.Dieser geistreiche Mann hat nicht nur aus alten Gesangbüchern alleswas ausden neuen weggelassen wordenvollständig ausgehoben und zusammengehäuftsowohl einzelne Wörter als ganze Zeilensondern er hat auch - was wir wohl beieiner kastrierten Ausgabe lateinischer erotischen Dichter findenin der hintenzwar alle anstößige Stellen stehenaber isoliertohne in den geringstenNexus gefugt zu sein - aus diesen weggeworfnen Stummelnhölzernen Beinen undKrücken schöne Figuren musivisch zusammengelegtvon denen wohl jeder Deutschesagen muß: »Das sind geistliche Lieder!«

Insofern wird es Sie weniger wunderndaß ich wirklich gesonnen binbei derReichs-Hof-Kanzlei um die Reichs-Laureatur oder um die Würde eines gekröntenPoeten für Schnäzlern nachzusuchen - besonders da er eine eitle Braut hatdieihn nicht willwenn er nichts wird. Ich wende mich aber jetzt mit der großenBitte an Siesich unter der Hand beim Wappeninspektor oder bei einemReichs-Hofkanzelisten gütigst zu erkundigenwie ich meine Supplik eigentlichzu machen habe. Ich kann mir die verschiedensten Formularien gedenken. DieHauptsache ist: ich weiß nichtwas die Reichsgesetze zu einem guten Poetenfodernda es zwei ganz entgegengesetzte Arten oder Wege gibteiner zu seinoder seinen Ideen die Vergoldung zu gebennämlich die im Feuerund die kalte. Zieht die Reichskanzlei die kühlende Methode vor? Daswäre gerade die von Adelungder nicht ohne Vernunft die Pegasus-Reitergleichsam zur Degradierung unter das prosaische Fußvolk steckt. Von einem großenDichter dieser Gattung wirdglaub' ichverlangtdaß er den Definitionendieer versifiziertdie sich aber durch den Reim und durch das Metrum vonprosaischen unterscheideneine solche Deutlichkeit erteiltdaß seinepoetische Weltfast wie die physische nach dem Diogenes von Apollonienbloßaus frischem Wasser besteht - ein Bestandteilbei dessen Schöpfung der Schweißdes Musensohnsso wie bei andern kalten Fiebernnicht nur unschädlichistsondern auch gut und sogar kritischanstatt daß das Schwitzen des Musenvaters4)sonst nichts anzeigte als Niederlagen. Solche Gedichte können nie klarhellund deutlich genug seinwenn sie jener Kältedie auch draußen anheitersten Tagen am größten istnicht Eintrag tun sollenwelche auf eineunschädlichere Art als der physische Frost die Neigung zum Schlafe belebt.Adelung sieht recht gutwie nachteilig der erschlaffenden Schreib- undKurart starke Bilder und Flügel sind - wenigstens bringt der Leser dielebhaften Ideen in den erbeuteten Schlaf mit hinüber und gewinnt nur einen mitTräumen durchbrochnenauffahrenden. - Daher dringt er so sehr auf Klar- undPlanheitgleichsam auf eine heitre Luftdie zu dünn ist zum Fluge. Kommt esvielleicht daherdaß in der Mythologie den Wagen des Tages flügelloseRosse ziehen und den der Nacht geflügelte? - Es tut überhaupt schonSchaden - denn es weckt -daß man ein kühlendes Gedicht nicht ganz und garaus reinen Reimen und Füßen machen kannohne Einmischung der geringsten Ideewiewohl doch die bouts rimés und die über Verse gestellte leere Metra dieMöglichkeit eines solchen Ideals zeigen. Silbenmaß und Reim aber ist in dieseredlern Prosa nicht nur kein Fehlerwie in der gemeinen Küchenprosasondernsogar eine wesentliche Schönheit und die größte. - Versichert mich nun derWappeninspektordaß die Reichs-Hof-Kanzlei hierin dem Herrn Adelung nach- undbeitritt: so darf ich Schnälzlern als einen solchen kühlenden Poetenaufführenals einen Vergolder mit ästhetischem Mattgold. Herr RatAdelung behauptet zwardieses schöne kühle Zeitalter der deutschen Dichtkunsthabe bloß von 40 bis 60 gedauert; er ist aber leicht mit meinem Schnäzlerzurückzuschlagender noch lebt und das Muster der schlaffen Gattung nichtbloß darum istweil er unter solche geistliche Liederdichter gehörtdie alsfigürliche zwitschernde Heuschrecken um die lutherischen Altäre inGesangbuchs-Käfigen wie physische um die spanischen gehangen werdensondernvorzüglichweil er - anstatt daß jene kühlen Dichter ihr Frostwetter mitlauen Strophen unterbrechen und verderbenwie in die Winter schädliche warmeTage fallendie die Bienen aus dem Winterschlaf reißen - sichniemals ungleich wirdwobei ihn freilich das meistens sinnlose Zusammenlegendes zerstreuten Auskehrigs sichtbar unterstützt. Einige solche Lieder dürft'ich dem Gesuche anbiegen.

Es könnte aber seinbester Freunddaß das deutsche Reichs-Oberhaupt oderdie Reichs-Hof-Kanzlei mit den Kraftgenies einverstanden wärendie nicht zur schlaffensondern zur straffen Gattung gehören und die auf glühendenPflugscharen sowohl die Feuerprobe aushaltenals damit das Feld bestellen. Daswäre mir unangenehm und ein fataler Streich. Denn Schnäzler hat mit demPhöbusder ins glühende Zeichen des Krebses trittgeringen Verkehrer hatvon Dichtern wenigdie in den Beinschellen des Metrums doch mit ungebundnenFlügeln steigenwie Saturn seinen gefesselten Füßen mit offnenFlügeln nachhilftja er ist nicht einmal imstande - er würde vergeblichansetzen -es nur zu einiger leidlichen Dunkelheit der Gedanken zubringenmit der immer Größe derselben verknüpft istwie am Himmeldie Planeten die größten sinddie sich von der Sonne am meisten entfernen. -Eh' er sichs versiehtist er faßlich und zu kopieren. Da er inzwischen wenigGedanken hat: so möchte ihm doch vielleicht ihr Zusammendrängen leichterglückenda viele der besten straffen Dichter nicht sowohl Gedanken als Wortelakonisch zusammenpressen und ihren leeren Versen durch die Kürze ein eignesFeuer gebenwie der kaltenleeren Luft durch Verdichten die Kraft desentzündeten Schießpulvers zuwächstoder wie ein engeres Gefäß schalesBier zur geistigen Gärung treibt. - Inzwischen würde wenigen Kanzleiräten einsolcher Beweisdaß der Schulmeister ein poetischer Selbstzünder istgenugtunwenn ich nicht den wichtigern Umstand - den ich durch einmedizinisches Attestat bescheinigen kann - zum Beweise seines Talentsaufzuführen hättedaß er das hitzige Fieber hatte und einen kahlen Kopfnoch. Häupter aberdie mit Feuer und poetischen Goldadern durchzogen sindundBergein denen beide durchlaufensind oben kahl und ohne Gewächse; und eineGlatze istwie beim Cäsarder wahre klassische Boden des Lorbeers. -

Da jeder Supplikantder GrafFürst usw. werden willbeweisen mußdaßer gräfliche oder fürstliche Einkünfte habe: so mach' ich mich schon daraufgefaßtdaß die Reichs-Hof-Kanzlei Beweise von mir fodern wirddaßSchnäzler ein Mann von poetischen Einkünften sei und daß er entweder dasArmenrecht habeoder sonst aus der Almosenkasse Gelder erhebe. Dies wär' ansich leicht darzutun; aber glücklicherweise wird mir der Erweis ungemein leichtdadurch gemachtdaß er zugleich ein Schulmann istdessen Verhungern ich beider Kanzlei hoffentlich postulieren darfda diesen Heiligen-Geistes-Tauben undden poetischen Singvögeln gleich wenig Hanf auf die Hanfmühle aufgeschüttetwird. Reichliches Futter macht aus Schwarzröcken Rotröcked. h. Kardinäleanstatt daß umgekehrt rote Gimpel vom Hanfschmausen schwarze Federn kriegen. -

Ich erwarte allerdings von der Billigkeit der Kanzleidaß sie mir nichtmehr für die Kreation abfodertals die KurmainzischeReichs-Hof-Kanzlei-Taxe-Ordnung von 1659 den 6. Jan. ansetztnämlich 50 fl.Taxe und 20 fl. Kanzlei-Jurazumal da ich die Schöpfungs-Kosten aus meinemBeutel bezahle. Der Tax für die poetische Laureatur scheint mir überhauptschon 1659 ein wenig hoch geschraubt zu seinbesonders wenn ich bedenkewieviele Laureaturen und Dichter-Patente oder poetische Wappenbriefe bei denRezensentendie damit die Messen beziehenfür diese 70 fl. zu erstehenwärenund wie wenig eine Laureatur abwirft: denn die Augen unsers Publikumswerden schon lange nicht mehr mit dichterischen Illusionen hintergangenso wieden klugen Blinden gemalte blinde Fenster oder Türen nichts weniger alsverblenden und betören.

Ich hoffedaß Ew. noch im Hundsfottgäßchen wohnen und bin etc.«

*

Die LaureatinEvastellte jetzt den Kaffeetopf neben das Dintenfaßohneim geringsten auf beider gelben Inhalt anzuspielen. Ich pries sie ins schöneGesichtdaß sie sich einen solchen Sponsus ausgeklaubtfür den ich geradenach Wien ein langes Schreiben erlassen hätte. Der Kronprinz und GroßfürstWeyermann trat zu uns und sagtezum Glück sei der Gerichtsdiener und Liktorangelangt - das Obersees muß sich bekanntlich mit einem geborgten Gerichtbehelfen -und der Ranzenadvokat sei um 10 Uhr vorgeladen wordensich zusistieren. Alle Leute in praktischen Ämtern gewöhnen sich eine eignewenigschonende Härte gegen Gemeine an: er fuhr in Evens Beisein fort und meistertesein zu hoch aufgeballtes Bette und referierteer habe gegen 1 Uhr einen Falldaraus getan wie ein Quersack. Ich gestandich hätte mich leicht in meinerBette-Empor und Montgolfiere erhaltenbloß dadurchdaß ich im Finstern dieNachtmütze statt eines Senkbleies in die Stube fallen lassen; - ich konnte ausder Zeitdie zwischen dem Loslassen und dem Auffalle der Mütze verstrichleicht die ganze senkrechte Tiefe vom Kopfkissen zur Diele berechnen und michdann aus Vorsicht an die Wand zurückziehen.

Allmählich liefen die Untertanen zusammendie Weyermannen heute ihre Handgeben und damit versprechen wolltengetreu unter seiner zu stehen. Aber er warfschoneh' er über die höchste Stufe zu seiner Thronspitze hinauf warPrivilegien und Permissionen ausz. B. für Kirschen- und Pfeffernüsse-Weiberdenen er freies Feilhalten erlaubte. Dieser Ludwig XVIII. erließ an dieReichskinder seines Reichs von Aachen das schöne Kabinettschreibendaß heute- wo alle Fässer liefen - auch die Orts-Feuerspritze in GangFluß und Sprunggebracht werden solltewie in Frankfurt (bei einer viel wichtigem Krönung alsder gegenwärtigen) ein Adler aus dem Doppel-Schnabel Doppel-Wein auf dieUntertanen sprengt. Es sind doch vorläufige Exerzitien und Probeschüsse imBefehleneinige Fahnenschwenkungen des Kommandostabs.

Freilich sind das bloße Komödienproben zur eigentlichen göttlichenKomödie; und sie werden noch kleinerwenn man sie mit der ordentlichenKrönungsfeierlichkeit eines Gerichtshalters vergleichtwo durch die Hand einesMannes - unsers Weyermanns - sich vierhundertundzwanzig Oberseeser Händeziehenum Treue zu gelobenund wo ein Mensch 420 Schwüre einkassiertohne selber einen abzuleisten. Da seine Krönung und die Kirmes auf einenTag einfielen: so kam sie durch den allgemeinen Volksjubel auch höhernKrönungen nahedie keinen kleinern erregen. So goß auch die Athenerin auf denneuen Sklavenwenn er zum erstenmal über die Schwelle tratFrüchte undBlumen nieder. NeroTiber und ähnliche Kaiserdie ihre Regierung mit einersanften Debit-Rolle anhobenunterschieden sich auf eine schöne Weise vonAnfängern auf dem Theaterdie gern Tyrannen machenwiewohl mit der Zeit jeneund diese gescheuter werden.

Wenn nach Kant der Hang zum sinnlichen Wohlsein die allgemeine Krankheit undder Knochen- und Tugendfraß der Menschen ist: so wirkt ein Gerichtshalterderdie Krankheitsmaterie abführen soll - durch tapfres Abstrafen -und einFürst - durch noch größeres - freilich anfangs nur wie mehrere gute Arzneiendie nach dem ersten Gebrauch das Siechtum eher zu vermehren scheinendas siedochwenn fleißig fortgenommen wirdam Ende wirklich aus der Wurzel heben. -

Um 10 Uhr wurde der Ranzenadvokat gerichtlich vernommen - und freilich derAktuarsein Nebenbuhlervorher richtig vereidet. - Anfangs behielt auch allesseinen rechten guten Gang: Inkulpat gestand manchesseinen NamenseineHerkunftseinen täglichen Durchgang durch Schenken. Aber er versalzte unsalles wieder dadurchdaß erals man näher auf die Blau-Siederei seinesLeibes inquiriertedas besetzte Gericht deutlich auslachte und durch solchesniederschreiben ließob man denn so dumm wäredaß man nicht blaue Fleckedie vom heftigen Faulfieber herkämenworaus er gerade auferstandenvon demBlau-Farbenwerk der Prügel an blauen Montagen zu unterscheiden wüßte.Das Protokoll mußte dieser Exzeption wegen auf der Stelle bis aufs nächstemalgeschlossen werden. Indes hatte doch die peinliche Katechetik den NutzendaßEva sich eines Kerls schämteder vor dem sitzenden Gerichtsschreiber hattestehen und reden müssen.

Der Gerichtsfron und Stadthäscher zitierte jetzt den Oberseeser Adjunkt -der Pastor war schon tot - ins Schloßnicht zum Inquirierensondern zumGastieren: seit vielen tausend Jahren wurde der Pfarrer allezeit an derSalat-Kirchweih ins Schloß invitiert. -

Vor dem Essen zeigte der Neugekrönteob er regieren könne: er befahl demStadthäscherdie Westenknöpfe der Biergäste in den Stadtschenken zu zählenund mit den Kreidenstrichen der Wirte zu konfrontierenum hinter dieMäßigkeit der einen sowohl zu kommen als hinter die Ehrlichkeit beider. Bauernknöpfen nämlich bei jedem Krugeden sie foderneinen Knopf der Weste aufdamit sie der Kellermeister nicht bestiehlt. - Die Feuerspritze wurdevormittagsweil nachmittags auf dem Markte niemand Platz hatte außer derVolksmengewie eine Kanoneobwohl zum entgegengesetzten Zweckeaufgefahrenund abgedrücktund der ganze Wasserschuß wurde von den einsaugenden Gefäßeneines Wagens aufgefangenauf den ein Töpfer seine Töpfe so gepackt hattedaß die Mündungen gen Himmel standen. Man konnte deshalb von Amts wegen nichtunterlassenihn zu monierenkünftig mit umgestürzten Töpfen zu Markte zufahrenweil er sonst den Regen auffinge und den Wagen überlade. Eineinfältiger Tirolerder seinen ganzen Kaufladen mit Bändern und Dosenaufgeschlossen auf dem Rücken trugwurde von Amts wegen erinnertdasSeidengewölbe herumzudrehen und auf dem Bauche aufzusetzendamit dem Dorfekeine Gelegenheit gegeben würdeihm und seinem auerbachischen Hofe diebisch inden Rücken zu fallen. - Und noch mehr dergleichen oder nicht viel schlechtereVerordnungen. Von Pombal will man freilich rühmener habe beim Erdbeben zuLissabon zweihundertunddreißig Verordnungen erlassen; aber für einen Ortdünkt michder kein Erdbebensondern eine Kirmes hatteverordnete derGerichtshalter immer genug.

Das Brausen der Markt-Flut wurde allmählich lauter - die FrankfurterPfeifergerichte wurden von immer mehrern Jungen und Pfeifschwänzen1)besetztund die Böttcherwochedie schon den ganzen Morgen gewährt hattedurfte der eigentlichen Meß- und Zahlwoche keine Zeit mehr rauben. - DerStadtrichter holte durch vormittägige Schanzarbeiten zu nachmittägigenKanikular-Ferien ausum den Adjunktus zu genießen - und ich machte nichts -außer dem Plane - als einen Spaziergang unter das Volk.

Hier mußte man nun seine Aufmerksamkeit - so wie die kleine Münze - zuerstden Bettlern schenkenund ich ging den Gründen nachaus welchen wohl allegute Dorfpolizeien an Kirchweihen freies Betteln nie verwehren. Sie sind nichtohne Gewicht. Die Bettler beziehen diese Messen der Dörfer als Kundmänner understehen darauf ansehnliche Partien von KuchenBrotenLumpenHellern aufKredit - Geld ist ein Warenartikel -; ja durch diese Meßleute werden oft demangesehenen Kaufmann die teuersten Artikeldie er sonst behieltez. B. UhrenGeldbeutel etc.mit Vergnügen abgenommen. Der Handelskonsulder Bettelvogtschützt mit seinem Spieß diese Meßfremden beim Flor des Land- undTransito-Handels. Der zweite Grund ist vielleicht wichtiger: es wird nämlichleider wohl an keinem Tage mehr gefluchtgefressengesoffenge- undüberhaupt die Kirche mehr entweihet als an demwo sie einzuweihenist. Hier kann sich das Dorf nun keine halbe Stunde die Bettler und die Krüppelnehmen lassendie dem Teufel daswas er erobertdadurch wieder abjagen undabackerndaß sie die Gassen wie besoffen durchschweifen und vor jeder Haustürnichts Geringers verrichten als eine fliegende Gassenandacht und so den ganzenOrtindem sie um einen Heller einen singenden Umgang haltenmit dem Feuer derAndacht illuminieren. Was will nachher der Teufel machen? frag' ich. -

Am Ende des Orts hielt mich ein Kerl ander keine rechte Hand hatte undbitterlich weinte und sagteer käme so umweil er keine Hand - er streckteden defekten Arm aus - mehr daran habeum sich sein Brot zu verdienen durchBetteln. Sonst sei er so glücklich geweseneine mit einem einzigen Daum - dieFinger waren wie Schlesien im siebenjährigen Kriege daraufgegangen - zu führenund damit jedes Herz zu bewegen; aber mit einem bloßen Stummel habe kein MenschErbarmen. Ich sagte: »Bleib' Er stehenich helf' Ihm.«

Das konnt' ich gut. Ich hatte nämlich am Morgen die Gerichtsschränkedurchstöbertum irgendeine wissenschaftliche Trüffel unter diesem schmutzigenBoden auszuwittern: ich traf nichts Sonderliches an als imFraischpfänder-Schrank zwei abgesottneeingeschrumpfte Hände. Siewurden sonst als Nachlaß solcher Kinder aufgehobendie damit ihre Elterngeschlagen hatten und die solche immer aus dem Grabe heraushielten. Herr Dreyer2)zeigte aber uns Gelehrten insgesamtwie es wäre und von wem die Hände kämen- von totgeschlagnen Leuten nämlichdenen sie der Ankläger sonst als Beweiseund Exponenten des corpus delicti abschneiden müssenworauf man sie vonGerichts wegen abgesotten.

Kurz ich holte aus dem Fraisch-Behälter das Händepaar hinweg und bot demInvaliden eine davon als Lebens-Wickelschwanz (cauda prendensilis) zur Auswahlan. Ich unterrichtete ihnes sei eine ehrliche Handwovon er alle Fingerwegschneiden könnte bis auf den nötigen Diebsdaum; er könne sie an denStummel stoßen und anschienen und soweil sie so greulich aussehesich mitihr so gut wie mit einer Hand aus den Wolken oder mit einer langen königlichenrecht wohl forthelfen und vorspannen. Er steckte das Fraischpfand zu sich.

Eh' ich weitergehe in der Geschichtewill ich eine Digression anpicheneinen Appendix an den Appendixein Allonge an den Wechselbrief. Es ist fataldaß mir jedes Wortjede Behauptung und Untersuchung - und wär' es dieob eseinen Teufel gibt - seit einigen Jahren unter den Händen zu einer Geschichtewird. Auf der einen Seite kann man allerdings über philosophische Pillen undMagenmorsellen kein besseres Silber als das historische ziehenwie Bahrdt inHalle Kirchengeschichte lasum seine Dogmatik einzuschwärzen;aber auf der andern seh' ich nichtwas mir die berghauptmannschaftliche Konzessiondie ich mir am Schalttage endlich ausgewirktnämlich nach Gefallenauszuschweifen und zu scherzennur im geringsten helfen sollwenn ich zu jedemfrischen Scherze um eine neue Konzession nachsuchen muß und wenn alles demLeser in meinen Historien lieber ist als daswomit ich solche störe.Wahrhaftigmitten im Appendix muß ich hier die Digression wieder durch einebesondre Überschriftdurch ein gareVorgesehenKopf weg usw. warnendsignieren.

Die Bettler sind die wahren Barden jetziger deutscher Nation.

Ich fange nirgends an als beim Erweise. Die alten Barden zogen bekanntlichmit in jeden Krieg - wie in neuern Zeiten oft der halbe parisische General-Stabwenn er die Gunst der Musen und der Pompadour hatte -weniger um zuzusehenwases auf dem Schlachtfelde zu bekämpfen als zu besingen gebe: auf der Davidsharfetrugen sie nachher die ganze Schlacht wieder vor in einem offiziellen poetischenBericht. - Die Bettler des achtzehnten Jahrhunderts dienen nun als Gemeine undUnteroffiziers in den wichtigsten Treffendie wir haben: das setzt sie in denStandauf dem Schlachtacker alles zu summierenwas noch - außer der Schlacht- verloren wurdenämlich Köpfe und Beine. Dann erwartet man von ihnendaßsiewenn ihnen nichts weiter weggeschossen worden als die Letzternin denWirtshäusern an Pflicht denken und einige Gläser Branntewein fodern - derStaat reichte ihnen vorher durch seine Glieder die Gelder dazu - und denUmstehenden erzählenwie es herging in der Schlacht bei Wetzlarbei WienbeiRegensburgbei Potsdam. - Da der römische Stuhl keine hölzernen Beine weiterhat als dessen seineder sich auf ihn setzt: so kann ein gegenwärtigerStraßen-Barde auf nicht mehr verholzten Beinen zu stehen verlangenals denheiligen Vater selber tragen.

Die Skalden - nördlichere Barden - behielten sonst ihre Beine; aber siehatten es einer schirmenden Gurt von JünglingenSkaldaburg genanntDank zu wissendie sie in jeder Schlacht umstellte. Jetzt bestehen die schirmendenJünglinge (BettlerKriegerBarden) aus niemand als aus den beschirmtenselber.

Der Ladenmeister der Skaldender blinde Homerdeklamierte vor denTüren die älteste Ausgabe seiner Gedichte und war selber der Kollekteur seinesHonorars bei den Abonnentendie er anbettelte. Neuere blinde Jungmeister derSkalden singen vor den Fenstern des Publikums an einem waagrechten Stabe- wie auf einem die geblendeten Finkenund die homerischen Rhapsodistenan einem bleirechten1) - guteGelegenheits-Gedichte ab und schieben von außen kleine Kanzel-Lieder in dieKontrovers-Predigten eindie man innen in den Häusern hält. Das Banddaseinen frohen Dichter an die Menschen knüpft und das oft ein ehliches wirdistder horizontale Stockden der Blinde und die Frau an entgegengesetzten Polenhaltenwiewohl in großen Städten (ParisLondon) statt der copula carnalisein Strick und statt der Frau ein Hund führtden man einen edlern Nachdruckernennen kannweil er den Dichterwie der unedle die Gedichteunter die Leutebringt und ihn dem Brote entgegenziehtdas ihm der andre entzieht.Glaubwürdige Hegebereiter und Bettelvögte haben mich versichertdaß Frauenkeinen Mann lieber führen als einen blinden und daß sie sichuntereinander um den erledigten Posten einer Führerin raufen und zanken. Sieüberzeugten mich durch zwei Ursachendie sie davon angaben: erstlich bettelteinerder von seinem grauen Stare lebt und der Panist und Apanagistseiner Augen istweit mehr vom ebenso blinden Glück und Pluto zusammen als einandrerder sehen muß - zweitens hat eine solche Ciceroneda sie dessen Regieund Hebungsbediente istHoffnungihm seine Revenüen halb zu stehlenweil erwie mehrere Blinde nehmen mußwas ihm das Mautamt aufzählt. Um so wenigersollten solchen Bardendie so unermüdet ihren Ruhm und Unterhalt vor denTüren sucheneben die Berliner Bibliothekare wedelnd nachschleichendie sichden Namen BettelvögteHegebereiter geben: VögteReiter dieser Art greifenimmerwie so viele der kritischen Menagerienicht sowohl den Gesang als ausden Menschen an.

Ich finde in Troils Reisebeschreibungdaß sonst die alten Barden inIrland ganze Strecken Landes geschenkt bekommen haben und daß im 6tenJahrhundert ein Drittel des irländischen Volks aus Barden bestanden. In denneuern Reiseberichten treffen wir (hoff ' ich) im nämlichen Irland dieselbeAnzahl Straßen-Barden andesgleichen im Kirchenstaatein Bayern und in denblühendern Kreisen von Deutschlandworin dichterischer Geist gewiß noch nichtso erloschen istdaß nicht jeder Gerichts- und Kirchensprengel einige Familiensolcher singenden Nomaden sollte aufzuweisen haben. Der Verfasser diesesAppendix bildet sich überhaupt einer dürfe hierin seiner bisherigen Methodedas singende Deutschland zu zählenvertrauen und sie manchen andernselbervon Schmidt und Meuselvorziehen: er tut nämlichwenn er durch Staatenreitetwo der Thron ein Helikon voll peripatetischer Dichter und Barden isteinen Schwurjedem Volksdichter nicht mehr zu geben als einen Pfennigzähltaber vorher sich für einige Taler (pr. Courant) Pfennige richtig ab. Ist er nundurch den Staat gerittenso subtrahiert er den Rest und weißwenn z. B. 2Rtlr. (pr. Cour.) aufgingen für die Bettelvolks-Listedaß 840 Sänger (oderSängerinnen) darin hausen. - Es ist nicht die Schuld der Fürstenwenn esnicht in allen Ländern eine hinlängliche Anzahl solcher Troubadours undGassen-Skalden gibt: sie tunwas sie könnenund muntern auf. Sie räumen undleeren für Skalden zu Wohnsitzen ganze Länder aus - sie ernennen selberfähige Köpfe zu solchen Gassen-Laureatenwie die englische und die deutscheKrone Stuben-Laureaten kreiert - sie legen Kasernen als Skalden-Seminarien anaus denen wie aus delphischen Höhlen und bureaux d'esprit mit der Zeit dieeinzigen Meistersänger hervorgehendie wir noch sehenund sogar ihre Kinderwerden schon zu den schönen und redenden Künsten angehalten: wiebei den Römernso wird bei den Deutschen allezeit erst nach der Kriegskunstdie Dichtkunst getrieben und geschätzt. Jawie Ludwig XIV. sogarausländische Dichter und Gelehrte salarierteso lassen die bessern Fürstendie gedachten Bardenwenn sie auch nicht einheimisch sindzwölf Monate langim Jahre auf öffentliche Kosten speisen - die Gasse ist das Prytaneum -;hingegen von den alten Barden in Irland erzählt der gedachte Troildaß siejährlich nicht mehrere Monate freien Tisch genossen als sechse.

Man muß sich aber als unparteiischer Patriot doch nicht verbergendaßungeachtet aller Vorkehrungen weltlicher Fürstendie geistlichen undüberhaupt die katholischen Staaten mehr Barden teils erweckenteils erobernals die besten andern. Und die Ursache ist nur gar zu klar. Haben wir Möncheund Priester (wie jene)die durch Kirchen-Opermaschineriedurch ihre Aktiondurch ihre Gemälde übersinnlicher Welten jede Phantasie in Flug zu bringenwissen und jeden Barden mit Frau und Kind in Gang? - Zweitens kann derKatholizismus - der eben deswegen irdische Glückseligkeit unter die Kennzeichender wahren Kirche setzt - durchaus nur in feister Garten- und Modererde Wurzelfassen: ein Mönch ist daher ein ebenso gutes Zeichen eines fetten Bodens alsein Regenwurmund Ökonomen wissendaß Abteien und Maulwurfshaufenfruchtbares Land ansagen. Die Poesie war aber von jeher die Tochter und Erbindes Überflusses und Luxusim alten Romim neuen Rom. Mithin ist schon dieFruchtbarkeit und der Reichtum der katholischen Länder allein hinreichendunsdie große Volkszahl ihrer Straßen-Barden - die wohl auf eine sehrunschickliche Art den Namen Straßenbettler führen - erträglich zu erklären.Nur ein Landdas reich genug istsolche Barden hervorzubringenist wohlhabendgenugsie zu ernähren; die Fruchtbarkeit eines Tiers in irgendeinem Erdstrichesichert zudaß es da Kost genug findeund sogar die Heck- und Wurfzeitenjedes Viehes müssen stets in die Monate seines reichlichern Futters treffen.

Bei den kymbrischen Starosten und andern Honoratioren gehörten die altenBarden so gut zum Hofstaat als jetzt Livreebediente. Der König von Wales hatteseinen Hof-Bardendem er beim Regierungs-Antritt eine Harfe schenken mußte -die Königin indes einen Ring. Aber noch führen Woiwoden - Hospodars -Reichspröpste - infulierte Äbte und auch simple Landsassen Straßen-Bardenals Suite ihrer Machtum und neben sich und strecken diesen durchsichtigenSchweif aus ihrem festen Kometenkern aus: denn überhaupt kann ein Gefolge vonreichen Lakaien wohl vorzeigenwas der Prinzipal (an sie nämlich) gegeben undverloren hataber nur eine Suite von Lazarussen kann vorzeigenwas er (vondiesen nämlich) genommen und gewonnen. Und aus dem Letztern allein ist docherst Überfluß und Macht ersichtlich. Ich wußte daherwas ich sagteals ichmehr als einmal bei fürstlichen FestinsFeuerwerken und Operndekorationenwenn ich sie gelobt hattegegen Umstehende die Anmerkung machte: »Von dieserPracht haben wir immer eine zu geringe Ideesobald wir von den Kosten derselbenkeine deutlichere bekommen und solche falsch taxieren - wir müßten aber ganzanders und höher vom Aufwand denkenwenn uns in einiger Entfernung vomerleuchteten Triumphbogen alle Haus-BardenStraßen-BardenGläubigerInsolventeSeufzende und Weinende in einen Klumpen oder Choruszusammengetrieben gewiesen würdendie das prächtige Fest gekostet hat.« -

Beim ersten Anblick fällt es Denkern auf - wenigstens erging mirs nichtanders -daß unter so vielen Gelehrtendie vielleicht sämtlich ihre Rechteund Titel zu Panis- oder Bettelbriefen habenund deren Verdienste gar wohl zueiner solchen Minuten-Gage befugengleichwohl nur die Straßen-Bardendiegeistlichen Dichter und Sängerso glücklich sindvom Lese- und Hör-Publikumvon Tage zu Tage pensioniert und gespeiset zu werden und von ihmPränumerationsgelder einzutreibenindes sie doch selber nichts machensondern nur die Verse edieren. Das Faktum an sich ist wohl ohne Zweifel: dennich brauchte die Vorsichtjeden solchen Konviktoristen des Publikumswenn ichihm seine Gabe gereichtauszufragen nach Namen und Gewerk; ich erinnre michaber nichtdaß NumismatikerOrientalistenFeudalistenZivilistenFürstenerianerPathologenDoktorandenFakultisten darunter standennurselten ein sogenannter Bettelstudent. Die Auflösung ist nun die: die Dichtkunstist (solls wenigstens) für das ganze Publikumnicht für Teile desselbenundder Straßen-Skalde verdient daher auch die Erkenntlichkeit des gesamtenPublikums auf einmaldas ihm die Ehre nicht mit Recht verweigern kannseineigner Pfennigmeister zu sein und jede Stadt als seine Legestadtanzusehen. Hingegen andre Gelehrtez. B. PhilosophenOrientalistendie nichtdem ganzen Publikumsondern nur einzelnen Gliedern dienenwelche sich gerademit demselben Zweige des Wissens befassenhaben an jenes Familienstipendiumder poetischen Talentedas ein HomerCamoensDante genoßkeinen gerechtenAnspruch zu machenaußer in dem seltnen Fallewenn die Intensionlangeralterwiederholteranerkannter Verdienste so groß wäredaß sie derExtension der dichterischen gleichkäme. Dann mag ihnen verstattetwerdenso gut zu betteln - wenn ich diesen rohen Ausdruck brauchen soll - alsirgendein großer Poet......

*

Endlich erschien der AdjunktGraukern betitelt. Er würde mir mehrgefallen habenhätt' er seine grauenfrechen und schneidenden Augen undseinen rohen zerfransten Lippenwulst zu Hause gelassen. Ich hatte besorgtmeineKammerherrnknöpfe und der Ordensstern würden ihn blenden und verwirren und ausder Fassung werfen; aber er blieb beinahe auf Kosten der meinigen in seiner undhatte - da sonst Universitätssitten so elend sind wie die Universitätsbiere -ganz andere. Er kann einmal bei einer großen Dame dadurch Anstand gewonnenhabendaß er ihre Kinder - mit Blumenbachs Bildungstriebe - bilden half. Ichhätte das seidne Halstuch darum gegebenwenn ich kein Seraphinen-Rittergewesen wäre: er weißwen er vor sich hatsorgt' ich.

Gegen zweideutigepeinliche Spionen kann man keinen bessern Gyges-Ring derUnsichtbarkeit verkehren als den Zirkel der Ironie und Launediemit Wärmevorgetragen und mit Wahrheiten durchschossenden Deutschen irre machen: mankann auch jede Sachewie Sokratesauf allen Seiten anleuchten und scheinbareWidersprüche sagendie den Denunzianten des Innern in wahre verwickeln.

Der Adjunkt fragte mich bald mit wahrem Interesse über Schwedenüber dieLandmachtüber StrengnäsBrömsebro und Sawolax; ich als eingeborner Schwedebestätigte vieleswas Büsching hatteund beglaubigte so den Geographen nichtwenig. - Ich hing aber an meine Angelschnur Theologie und Ökonomie zugleichdamit der Hecht nicht länger nach meinen Seraphinenköpfen schnappte. DerRaubfisch lief dem Angelhaken voll konsekriertem Köder nach. Er sagtedieGleichgültigkeit der Fürsten gegen alle Religion sei schulddaß andernSeelen die ihrige genommen und dafür eine neue wie Blattern eingeimpft würde.Ich wollte anfangs aus Ironie die Partei der Fürsten nehmen und ihreReligiosität erheben; aber mir fiel die Bemerkung von Spittler eindaß derAusbreitung des Christentums nichts so zustatten gekommen sei als die damaligeGleichgültigkeit der römischen Kaiser gegen Religion und Staat. Ich sagte demAdjunktseine und die spittlerische Bemerkung wären in seinem Kopfe einWiderspruchin meinem nicht. - Er verwarf die Preßfreiheit; ich stimmte beiund sagte: »Ein guter Staat stellt das Denken und Betteln ababer nicht aufeinmal. Villaume sagter gewöhne Zöglingendie falsch in der Karte spielenvorher das falsche Spielen abund erst dann räum' er ihnen das Spielenüberhaupt aus der Seele. So reutet ein Staatder die Seelen zu bevogtenhatanfangs nur das irrige unkirchliche Denken auseh' er alles Denkenüberhaupt wegschafft. Daher kann er vor der Hand den Feinden der Religion keineandre Anfälle darauf verwehren als die unbescheidensten oder spöttischsten.«Ich wurde ganz irreals der Adjunkt versetzte: »Nein! entweder keine oder alleAnfälleselber die unbescheidenstenmüssen verstattet werden. Denn dieReligionsspötter können sagenes müßten also unbescheidne und spöttischeAnfälle auf sie ebensogut den Orthodoxen durch die Zensur verboten seinsonstwäre man parteiisch.« - »Sie meinen« (sagt' ich) »ein Spötter könnesagendie Unbescheidenheit der Prüfung gebe nur den Vorwand des Verbots derletztern selber herso wie ein guter Freundden der andre gutmütig tadeltdie Erbosung über die Rüge mit dem Tone der Rüge entschuldigt; haben Sieanders gemeintHerr Adjunkt?« -

Ich und Graukern wurden inzwischen durch wechselseitiges Aufpassen einanderimmer widerlicher: ich kann gar nicht sagenwie fatalgrell und steinig mirwenn gerade Eva ihr schönesstilles Gesicht ohne alle Linien als dielächelnde um die Tafel trugdas adjungierte erschien. Mit jungfräulicherUnbefangenheit macht ein männliches Fiskalatsgesicht einen verdammten Abstich.Ich erzürnte mich und legte den Kopf an die Stuhllehne und sagte zurStubendecke: »Ich und SieHerr Graukernsind ein Paar Köpfe voll Licht undpassen darum - schlecht zusammen: in der großen Welt ists mit den Menschen wiemit den Schiffendie zu nachts darum Lichter (die Seeleuchten) habenumauseinander zu bleiben und nicht aneinander zu scheitern. - Ich wollt'es wäremit den Köpfen wie mit den Wägenworunter allemal die leeren den vollenausweichen.«

Ach! der arme Torsaker weiß die Wallungen seines satirischen Venensystemsselten zu besänftigen - er müßte dennstatt zu sprechennur schreibenwoer sich (glaubt er) bisher so bezwungendaß er in der Tat die Kunstrichterauffodertihm einen einzigen satirischen Einfall in allen seinen Werkennachzuweisen.

Der Stadtrichter trank und fragte nach nichts; ichjede Minute in SorgeGraukern entsinne sichin Scheerau einen Advokaten von meiner Gestalt gesehenzu habendurfte meinem Stande nach wenig oder keinen Hunger haben und merkteauch andie Großen sollten in der vierten Bitte nicht um tägliches Brotsondern um täglichen Heißhunger anhalten und um einen neuen Magen und Adammiteinander. Graukern trank wenig; ich pries das Gegenteilbrachte beidaßder Kaiser Wenzel zwar der Stadt Nürnber für 4 Fuder Bacharacher Wein dieFreiheit geschenktdaß es aber zehnmal gescheuter gewesen wärewenn dieStadt die 4 Fuder selber ausgetrunken hätteweil der Wein den Menschen einpaar Freiheiten auf einmal gibtPreßfreiheitMaskenfreiheitakademische undpoetische Freiheiten. Es schlug nichts an: Graukern dachtewie es in denGerichtsstuben sonst eine Durst-Folter gabum dem Durstigen Bekenntnisseabzuzwingenso geh' es in dieser eine Trink-Folterdie noch mehrere ablockt.

Ja er marschierte gar fortsagte aberer komme wieder und hole bloß dieHamburger Zeitung herdie nunmehr die Kirmesleute in der Pfarre müßtenabgegeben haben. Mir warals würd' ich vom Schrecken in ein Kühlfaßgeworfen: denn dunkel entsann ich michin der Hamburger Zeitung mehr einenSteck- als Belobungsbrief vom Herrn Seraphinen-Ritter v. Torsaker gelesen zuhaben. »Ein gescheutes Männchen!« sagte der Stadtrichter. - »Dümmer oderklüger«sagt' ich»sollt' es sein. Der Adjunkt gehört unter dieGeistlichendie sich früher rechtgläubig anstellten und logenum ordiniertzu werdendie täglich predigendaß Christus für die Wahrheit starbindessie für die Lüge lebendie aber am Ende intolerant gegen die werdendieihnen im Glaubenaber nicht im Sprechen ähnlichen. Ich setze meinen Stern zumPfandeso wie einige Philosophen von ihrem Gott behauptendie Schöpfung derWelt habe nicht die kleinste Änderung in seinem Wesen gemachtdaß ebenso derAdjunktus die wärmste Predigt erschaffen kannohne die geringste Änderung insich zu erleiden. Unter allen Menschen wird es keinem so erschwertsich fürschlimm zu haltenwenn ers istals dem Geistlichen: seine heiligen Reden siehter für heilige Werke anseine Bußpredigten für Bußeseinen Priesterornatfür den neuen Menschenden er angezogen. Graukern nimmt sich noch dazu füreinen göttlichen Gesandten und Botschafter: als Envoyé hat er folglichwieandre Ambassadeursseine eigne GerichtsbarkeitFreistätte und seinen eignenGottesdienstnicht aber die und den des Volksan das er abgelassen ist.«

Und doch ist Graukern noch leidlich daran; aber wenn ich über die armenSeelen-Heloten in der Schweiz (s. Spittlers Kirchengeschichte) nachdenkedienach der formula consensus helvetici darauf verpflichtet werdendaß dieVokalpunkte der hebräischen Bibel vom heiligen Geiste eingegeben worden: sobejammer' ich den redlichen Mannin dessen wundem Herzen sich täglich dieschneidende Wahl zwischen der Lüge und der Hungersnot erneuert. O ihr grausamenhebräischen Atomisten! ist denn das unaussprechliche Glückoder docheine Vorstellung davonwenn man zwar die Vergangenheitaber doch nichtdie Zukunft zu bereuen hatso wenig in eure harte rohe Brust gedrungendaß ihr fähig seiddiesen warmen vollen Himmelnämlich den Vorsatz einer künftig-reinenTugendeinem redlichen Geistlichen wegzureißen und ihn durch Hungersnotzu zwingendaß ernach tausend der Tugend und Wahrheit herzlich gerngebrachten Opferndoch jeden Morgen seufzen muß: ach! beide verrat' ichsolang' ich die Göttlichkeit der Vokalen bezweifle und doch beschwöre undverbreite? O wie viele harte Kämpfe im Todesschweißewie viele bittre Tränender frömmsten Herzen liegen auf eurer Seeleihrdie ihr das reine Gewissenselber in das Marterinstrument einer schwachen Brust verkehrt und die ihr derReue befehltnicht bloß die Erinnerungen bitter zu machensondern auchdie Entschlüsse! - Ists denn überhaupt nicht schon genugwenn ein Mannsich anheischig machtdie hebräischen Konsonantenund also zwei matreslectionisdie wenig von echten Vokalen verschieden sindfür göttlich zuerklären? Behilft sich nicht die ganze orthodoxe Judenschaft mit Bibeln ohnepunktierte Arbeit? - - Ich bekenn' esin einem solchen Falle bemerkt man denAbstich fast mit Vergnügenden hier gegen die Kantons und ihre formulaconsensus helvetici unsre deutschen Kreiseder obersächsischeder fränkischeusw.machendie alle eine Konkordien-Formel beschwörenworin auf dieinspirierten Vokalpunkte - diese Blasen brennenden Sied- und Vokalpunkte desGewissens - gar nicht sehr geachtet wird......

Ich sagte zu Weyermann: »Der meergrau-äugige Graukern hat sichabgeschlichen und kömmt gewiß nicht wieder« - als er wiederkam mit einemTabaksbrief voll Zeitungen. Er teilte sie aus und nötigte mir die erste Nummerder Chronologie wegen auf. Ich schielte gegen die Avertissementsund mein Blickfuhr in eines - der Teufel muß gerade seinen Geburtstag gefeiert haben -daseinen gewissen Avanturierder den Namen Torsaker und die Seraphinenkettediebisch führekanonisierte und baronisierte.

Um mich zu fassenlas ich langsam die ersten Zeitungsartikel - um froher zuWerke zu gehen und um den Adjunktus zu verwirrenerdichtete ich scherzhafteAvisen. Z. B. ich las daraus folgendes:

»Sachenso gesucht werden.

Ein junger Menschder parlierengerbenausbälgenunterschreiben undbefehlen kannder schon bei vielen vornehmen und niedrigen Damen in Dienstengestandender gut tanztfährtaußerdem Geschmack hat in schönen Künstenund der ganz gesund ist (sitzen kann er übel)dieser Menschwovon dasZeitungskomptoir mehrere Nachricht gibtsucht einen - Thron.«

Graukern spitzte sich auf mein Erstarren vor dem Avertissement. Ich schobseine Teufels-Schäferstunde immer hinaus; und machte mir eineBuchhändler-Anzeige zunutzeum mich zu wunderndaß die Bücher nichtanstatt von ihren Verfasserndie immer parteiisch im Loben sindund anstattvon ihren Rezensentendie es im Tadeln sindnicht lieber von ihren Verlegerndie gleichsam zwischen beiden das Mittel haltenangepriesen werden.

Ich fass' es heute noch nichtwie ein leichter Vorschlagden damals keinVerleger hörte und auffingwenige Jahre darauf mit allgemeinem Beifallrealisiert wurde. Jetzt sindhoff ' ichdie Buchhändler-Anzeigen ebensohäufig als sonst seltenworin der Verleger seine Autorendie er aus Feinheitnicht ins Gesicht lobtdoch hinter dem Rücken vor dem Publikum erhebtwennnicht aus historischemdoch aus seligmachendem Glauben. DieLiebedie Buchhändler für Kinder - obwohl nur literarische - beweisenistwie die Liebe gegen andere Kinderdas Zeichen eines guten Charakters; ja istein solches schon eine Lese-Leicheso ist es schöndaß sie dem Gebote Solonsfolgen und von Toten öffentlich nichts als Gutes sagen. Oft legen sie - nachder französischen Regeldie das Zuschreiben mangelnder Tugenden für denfeinsten Tadel hält - mit schöner Ironie dem Buche öffentlich gerade dieVorzüge beidie ihmwie sie glaubenfehlen. Jamancher ist imstandedasBuch eines Autorsder sich mit ihm als Mensch überworfenrecht zu erheben undnicht am unschuldigen Kinde die Sünden des Vaters zu strafen - so sehr sonderterungleich dem Kritikusden Menschen vom Autor und will lieber das Buchseines Feindesdas er im Verlage hatzu sehr und wider seine Überzeugung - erkann sich nicht trauen - loben als wenig. Noch aber gebricht uns eine neuesteallgemeine deutsche Bibliothekvon einem Buchhändler verlegt und vonallen verfasset.....

Als ich dem Diplome des Seraphinen-Ritters in der Zeitung begegnete: rief ichein langes französisches ahhhh! und reichte das Blatt Graukern: »Lesen Sievor«sagt' ich.

»Es wird zu jedermanns Warnung bekannt gemachtdaß ein gewisserLandläuferder sich für einen Herrn v. Torsaker und für einen Ritter desSeraphinen-Ordens und für einen schwedischen Kammerherrn fälschlich ausgibtund der leicht an seiner kurzen Statur1)schwarzen Haar2)rotenGesichtsfarbe3)dicken fettenLeibe4) zu erkenneneinausgemachter Betrüger istder schon etc. etc.«

Weyermann war halb tot und ganz stumm. »Glauben Sie mirHerr Adjunkt«(sagt' ich) »ich hatte gute Ursachenden Falsariusder sich meines NamensWappensSternes und Schlüssels anmaßteohne Schonung in die HamburgerZeitung setzen zu lassen. Sagen Sie selberHerr Gerichtshalter: ging er nichtdrei Wochen in Scheerau herum und gab sich so lange für mich ausbis ichselber auftrat? Es ist freilich frappant. Ich fürchte nurer hat an nochgrößern Höfen meinen Namen ungemein kompromittiert und meinen Taufschein zuseinem Entree-Billet verbraucht.«

Der Adjunkt erschrak - verstummte - glaubte - und versank vor Torsakern. - -Sonderbar! seit meinem Siege liebt' ich ihn mehr und meine humoristische Rolleviel weniger. Beschämt - darüberdaß die Scherzlüge sogar ein schmalesFeigenblatt istdas selber ein zweites bedarfwiewohl sie doch besserist als die Notlügeweil es keine andre Lügen gibt als Lügen in der Not undkeine Laster als Notlaster - beschämt über allesentsprang ich ins Freie.Mich ekelte der teure optische Betrug. Ich suchte das Standquartier desEinhändigen auf: er war verschwunden wie seine Hand. Jetzt wurde auf einmal einlanger Schleier aus Trauerflor über meinen innern Menschen geworfenals ichvon der lachenden Bühne in die weite tratüber die sich die blaueHimmels-Halbkugelmit Lerchen und Schmetterlingen statt der Sterne gefülltherüberbauete und auf der grünende Bergeblühende Felder und reife Auen alsgroße Säemaschinen standendie dem Menschen Saaten und Ernten in die Händewarfen. Hinter meinem Rücken bezeichneten kleine Töne die engen Zauberkreiseder Lustdie eine frohe Jugend um die Achse des Maienbaums beschrieb. Einesolche Nachbarschaft hinter der vorigen Stunde nimmt dem Menschen die komischeLarve ab und hängt ihm den ernsten Nonnenschleier über.

Ich streifte auf geradewohl über gemähte Raine und durch kleinewie ausWaldungen ausgeschnittne Gruppen wie Kränze. In einer solchen transparentenHolzung lag ein Mensch auf dem Gesicht und neben ihm ein braunes Pudelhündchen.Ich dachteer schliefe; aber als ich mich bückte und ihm unters Gesichtschauetewaren die Augen offenaber erstarrt und auf ewig blind. Ich langtenach dem rechten Ärmel und dem Puls darinaber letzterer war samt dem rechtenArme heraus. Es war ein Bettlerder vermutlich wie andre auf die OberseeserKirmes ziehen wollte und der schon seit gestern so still daliegen mochtedenndas Hündchen hatte den ganzen Bettelsack mit dem Mußteil darin schon beerbtund ausgekernt. Es bliebals ich seinen Herrn sanft umwandtewie einamerikanisches schweigend daneben liegen und trieb mich nicht zurückob esgleich die Leichenwache hatte: ich kann mirs denkenabgetragner Pudelwenn mangleich dir so arg verwundet und zerstoßen wird als ein Edler in einem Romansobellt man niemand mehr an und unterscheidet sich vom fetten bissigenSchoßkläffer: in den Rücken eines solchen armen ausgestreckten Hundes drücktdas Schicksal die längsten Stachelnund er murrt nichtsondern wedelt nur.

Neinweder der rührt mich am meistenderüberzogen vom Schlangengiftedes Schmerzes und leichenblaß umgesunkenunter den Stichen schreiet undfortwimmert - noch derwelcher seine Brust erhebt und mit ihr den schwereneisernen Amboß des Stoizismus trägt und der nun das Schicksal auf dem Amboßohne Erschütterung schmieden lässet - nicht diese beidensondern du rührstmich am tiefstenduder alles empfindet und alles verhehltdem lange undschwere Jahre das trockne Auge und die unbewegliche Lippe gegebendem dieblaßroten Rosenblätterdie sich über das nagende Würmchen krümmen und esverbergenohne Rauschen alle entsinken und der alle Menschendie dich beklagenwollennur schmerzlich anlächelt und zu ihnen sagt: es fehlt mir nichts.....

Ich nahm mir vorder Undertaker und curator funeris und Leichenbesorger beimalten armen Manne zu werden: ich griff deswegen in seine Taschendie leidergleich Wespennestern und Fuchsbauen außer dem Eingang noch unten einen Ausganghattenund wollte mich in Besitz seiner hinterlassenen Briefschaften und andrerVerlassenschaft setzen. Die Erbschaftsmasse fiel aber kleiner ausals zuvermuten war: sie belief sich auf einen Morgensegen und auf einen gelbenzerbrochnen zerknitterten Brandbrief mit eingeschaltetem Wundzettelworauf eraber - denn das wenigste war noch zu lesen - die letzten Jahre her unmöglichkonnte gebettelt haben. Der Wund- und Brandbrief attestierteVorzeiger diesessei ein Bergmann aus Viesel--- - vermutlich Vieselbach bei Erfurt -seinesNamens Zaus oder Saus (man konnte die Buchstaben nichtunterscheiden)Vater von zwei lebendigen Kinderndem das Lossprengen desSteins den rechten Arm weggerissen. Den Morgensegenin SedezmitNomparel-Fraktur gedrucktlas ich nicht ganz hinausda es schon nachmittagswar; die übrigen Segen im Büchelchen samt dem Einband hatte der Erblasserabgegriffen und weggebetetund man muß auf die Vermutung verfallendaß erabends den Morgensegen repetiert habeder auf den Teufelgegen den der Segendes Tages zweimal wie eine Doppelflinte gehalten wurdewie ein Rikoschetschußwirken mußte.

Ich ließ den stillen Siebenschläfer auf dem breitengrünen Sterbebetteund im Trauerhause der Erdkugel und nahm seine Relikten auf den Arm - den Hund -und ging in die Stadt zurückum durch Polizei-Anstalten den alten Saus heuteunter die Erdeworunter er so oft warzum letzten Male zu bringen. DerStadtrichter und der Adjunkt hatten ein froheresgeistreicheres Blut alsWeinsolution im Herzenund jener dankte dem Himmel für den Bettlerden errecht herrlich zum ersten Amtsaktuszur Debit-Rolle verwenden konnte. DerGerichtsfron zitierte als Leichenbitter den Schultheiß - dieser dieStadtgemeinde in die Holzung - ich und die zwei andern gingen voran hinaus. DasErmenonville des Bergmannsdas statt der Zypressen Fichten um sich hattewurdebald mit Oberseeserndie heute faulenzen konntenangefüllt.

Der Stadtrichter fing an und sagte: »als zeitiger wohlbestallterGerichtshalter von Obersees verordne und befehl' er hiemitdaß der armeBergmann Zaus ehrlich begraben werde noch heute.« Die halbe Trauerversammlungbrummte: »Es kann auch ein Fallmeister seinwir greifen ihn nicht an.« - Ichbegann: »Hier ist ein Dokumentan das sich die Oberseeser Marktgemeinde haltenkann.« - Ich verlas es. Die Weiber sagten (und guckten nach seinem Äquatorwoder Mensch und die Erde größere Dicke und höhere Berge hat als an den Polen):»sie könnten keines Arschleders ansichtig werden - er möge wohl aus weiternichts sein als aus dem Schäfergeschlecht.« - Ein Garnweber sagte: »Vor dreiJahren hätte hier ein Schmierschäfer gerade mit einem solchen Pudel gebetteltder aber bräuner gewesen sei.« - Ich antwortete: »Ich wills wiederholendaßseine Briefschaften aussagendaß er ein grundehrlicherabgebrannter Bergknappaus Viesel istund es wird Vieselbach heißen sollenund er selber schreibtsich entweder Saus oder Zaus.« - Weyermann fügte mit dem Mute eines Trinkersdazu: »Dem ersten bestender widerspenstig istlass' ich den toten Kerl vordie Türe schieben und dort stehenbis er stinkt.«

»Sie werden« - sagt' ich laut - »Herr Amtsrichter allhiererlaubenanzumerkendaß ihn nicht alle auf einmal tragen oder einsenken können: dieübrigen werdens nachher den Leichbesorgern im Soffe vorwerfen. Ich will ihndahergesetzter wäre nicht ehrlichehrlich machenwie Professores demKadaver eines Missetäters das Fakultäts-Insiegel aufdrücken. Ich Hans vonTorsakerGroßkreuz vom Seraphinen-Orden und Kammerherr aus dem KönigreichSchwedenrühre dichJohann ZausBergknappe aus Vieselmit dieser meinerheiligen Ordenskette und mit meinem Kammerherrn-Löseschlüssel an und erkläredich auf undenkliche Zeiten für hinlänglich ehrlich und von ehrlichemHerkommen. - Nun könnt ihr ihn alle ohne Schaden angreifen.« - Der Schulzmußte zuerstab er sah aus wie einerder einem Krampffisch an die Kehlegreift und davon wie von einer berührten Bundeslade das Erschlagen befährt.Der Garnweber wollte bloß einige Male mit seinem Fuß an des Seligen Fersestoßen; er wurd' aber höhern Orts angewiesenmit der Hand Zausens Busenauszufühlenob nichts drinnen klopfe. Ein Schneidermeister nahm seine Elle zumFühlhorn und zog es wie ein Visitiereisen über das ehrliche corpus; er mußt'ihn aber zur Strafe aufrecht setzen. Als im fehlenden cercle die Reihe an dieWeiber kam: war keine hinanzubringenund der verstorbne Zaus hatte unmöglichbei Lebzeiten eine Frau so sträubend berührtals ihn hier jede berührte:denn der Vernunftgrundwarum es die Männer lieber taten und den ich obenvergessen - der nämlichdaß ich und das Gericht dem leidtragenden Konduktzwei Eimer Leichbier zum Versaufen versprochen -griff die Weiber wenig an. Ichließ mir aber die Hand der nächsten spröden Dulderin reichen und tauchtesolche auf des Alten Magen nieder. Eine zweitedie leicht über seinen dünnenGlatzen-Nachflor streiftewurde genötigtseinen Bart zu streichendamit sieder dritten nichts vorwürfemit deren Hand ich sein rechtes Auge zu schließensuchte. Den furchtsamern wurde bloß gerichtlich aufgelegtseine Weste - jede einenKnopf daran - aufzuknöpfen und - weil mehr Weiber als Knöpfe waren - richtigwieder zuzuknöpfen. - Der Hund fuhr gegen niemand losgleichsam als wollt' erzu verstehen geben: mein Herr ist alle Arten von Angriffen schon gewohnt.

»Wir können abends in der Dämmerung«sagt' ich»auf dem Kirchhofwieder zusammenkommen und den alten Mann hintunwo er hingehört. Ich erbietemicheinen Leichen-Sermon umsonst zu haltenund dem Herrn Seelsorger wird esvielleicht auch auf einige geistliche Reden nicht ankommen. - Wenn wirs spättun unter dem Gebetläuten« sagt' ich zu Graukern»so siehts doch ausalshätte unser sel. Mitbruder ein Trauergeläutedas freilich tausendmal kürzerund leiser ist als das eines römischen Kaisersund die paar Sternbilder amHimmel passieren für einige der nötigsten Gueridons mit Trauerkerzen.«

Wir gingen aus dem Parade-Trauerzimmer des Ordensheiligen fortdessenBerührung gerade von dem moralischen Siechtum herstelltewomit andre heiligeReliquien anstecken. Weyermann besorgte das Leichenbegängnis; und ich ging insSchloß zum Sequester zurück. Meine Klugheit hatte heute einen Bauerkrieg gegendie Ungläubigen im Ei zerdrücktder der scheerauischen Regierung und demKaufherrn Oehrmanndie beide auf ehrliches Begraben dringenDinte und Federngenug gekostet hätte.

Im Schlosse räumte eben Eva meinen Schreibtisch auf. Ich faßte auf derSchwelle den Entschlußendlich für Schnäzlern Sturm zu laufenich meinesein Ofenheizer zu werdennämlich sein Freiwerber. Ich setzte mich an denTischden ihr Flederwisch abbürsteteund fing diesen und sagte nichts - sieauch nichtsie geduldete sich: - »Die Flügel an meinen goldnenEngelsköpfen« (fing ich an) »sind mir nicht so lieb als dieser Gansflügel.«Das konnt' ich leicht deutlicher machen. Ich sagte darauf: »ich wär' einSchulmeisters-Sohn aus Sawolaxhätte mich aber durch außerordentlicheVerdienste aufgeschwungen zu einer solchen Höheund daher hätt' ichwiejeder Schulmeistereinen besondern Hang zu Männernwie der Herr Aktuariusjuratus wäreund zu Bräuten derselbenwie sie wäre.« Ich bauete dann inder Eile eine Ehrenpforte und Heroldskanzlei für Schnäzlern auf und sagtedannich würde mich schämensie zweier Worte gewürdigt zu habenwenn siegewiß den ausgeprügelten Ranzenadvokaten nähme. - Ich kam auf SchnäzlersHärung und insinuierte ihrkein Kopf habe einen Zopf vonnöten als einerderoben einen Federbusch trägtein Soldat nämlichso wie bei den Römern alle Opfertiereeinen langen Schwanz1) besitzenmußten: denn dieser Haarsperrstrick und Schwanzriemen soll' es bloß demnachsetzenden Feinde erschwereneinen militärischen Läufer oder Sturmläufervon hinten zu köpfen. Endlich führt' ich den Beweis durch Zeugen undUrkunden am besten durch meinen eignen Kopfden ich sie oben zu betrachten batweil nichts auf ihm ist. Ich sagte ihrunter Leuten von Stande wären jetztHaare ungewöhnlichwenn nicht unschicklichund Haarwuchs sei immerman sagewas man willein umgekehrter Bart in aufsteigender und Seitenlinie.

Daran glaub' ich aber noch jetzt. In unmännlichen Zeiten wie unsern suchtsich jeder von den Weibern wenigstens dadurch zu unterscheidendaß er kahlwirdwelches diese nicht vermögen. Ein verständiger Mann wählt aberda diejesuitische Tonsurierung so sehr verschrien wirdlieber die griechische2)und beugt den Vermutungen der Berliner Monatsschrift vor; nur stößt erwennsonst die Ritter auf einmal den Vorderkopf beschorenum nicht von Feinden darangepackt zu werdenseine Haare - man solls weniger merken - einzeln ab und tutalso das wegwomit ihn Feindinnen an sich ziehen könnten. Daher manauch in den höhern Ständen nicht eher heiratetbis man kahl genug istundauf eines Weibes Haupt immer eine Glatze: die Weiber gleichen den Schäferndiedie Hammel und Schöpsen nicht eher kaufen - weil sonst nichts zu sehen ist -als gleich nach der - Schur.

Ich fuhr fort und zeigte»wie ich den Kantor liebteda ich Dinge für ihnunternähmedie ich nicht für meine Cousinen täte«. Ich ließ sie dann nichtlange in Sorgenob ich mich bedenken oder weigern würdeihr - wiewohl dreiKammerherrnknöpfe und noch dreimal soviel Engelsköpfe an mir hingen - ihrsobald ich damit Schnäzlers Glück zu machen wüßtesoviel als Kaufschillingzu geben auf ihre - Lippenals recht und christlich wäre. Ich wußtewas ichsagte und wollte und daß ein Mann seine Gaben viel gescheuter für Geschenkeals für Injurien ausgibt: ich tat ihr ein hohes Gebot von 10 Injurien (Geschenken).Sie schwieg betroffen und nötigte michda ich das Schweigen für einhöheres Darüberschlagen nehmen mußtenoch weiter hinaufzugehen. »SchönsteJungfer« sagt' ich»ich verstehe mich endlich zur doppelten Summewenns Herrn Aktuarium juratum glücklich machen kann - Personen wie IhrSchönstelegt man ohnehin lieber den Mund als die Hand auf den Mund. Aberjetzt denke Sie nach - Großkreuze aus Schweden mit einer blauen Kugel sind rarEvchenund dergleichen kann eine Jungfer selten zum Munde führen - in derStadt werden die vornehmsten Damen oftJungfervon keinem Seraphinen-Rittergeküßt. - Ein Wort! ich biet' Ihr jetztwas Sie fodert - eingeschlagen!«Dieser Klimax machte sie ganz irreund es war nicht sowohl das Wenigstedaßsie schwiegals das Gescheuteste. »Noch das letzte! Ich glaubeSie istchristlich und ehrlich und übersetzt keinen Seraphinen-Ritter: hier will ichIhr auf Ihre Rechtschaffenheit vorausbezahlen und nicht einmal unterdessenzählen.« Ich hielt Wort und zählte nicht. »Ach!« sagte sie darauf; unddieses weibliche Ach ist so schöndaß es viele verleitetdas Zählen vonneuem zu vergessen. Ich schlug ihr nun vormit mir auf den Kirchhof zu ziehenwo der Aktuarius sein müsse. Nach einem solchen Ach bewilligt jede gute Mißnichts lieber als etwas Kleinereseine Begleitung nach dem Kirchhof. Es wardamals nur Zufallwas hätte bewußte Absicht sein sollendaß ich auf ihr jafür Schnäzlern nicht schärfer drang: man muß diesen Holden immer ihr mattesJaNein - ihr chiaroscuro - lassenund wer von ihnen eine bestimmte Antwortertrotztwird mit einer fortgeschicktdie seinem und ihrem Wunsch zugleichzuwider ist. Überhaupt ists mit Ratgebungen wie mit Bücherndie aufklären:beide gleichen den Schneeflocken - die ersten zerfließen nach dem Fallenaberwenn es weiter schneietsetzen sich einige festund dann wird Schlittenfahrt.

Ich und Eva zogen vor dem umzingelten Maienbaum vorbei nach einem stillernOrtewo tiefere Fahnen knarrten; wir fanden im bunten Kirchhofe niemandnichteinmal den Kantor. Der Hof war wie ein englischer Garten voll weißer Obeliskenliegender Götterstatuen im Grünenaber die Ruinen waren unter der Erde- die palmyrischen Rudera der zerschlagnen Seelen-Tempel deckte der blühendeBoden mit großblätterigen Blumen zu. Die Hintertüre des Hofs war wie ZausensHöhle darneben schon offen; und aus der auf einem Hügel zerfließenden Sonnerann ein breiter Scharlachstrom von Abendlicht durch die aufgezogne Schleuse desTors hereinund man sah - wenn man sich ins Gras hinein bückte - diegrünstämmige Blumenwaldung vergrößert und auseinandergerückt in dendunkelroten Gängen des tiefen Schimmers mit den Blumengipfelnaneinanderschlagen. Ich und Eva setzten uns auf eine bunte Anhöhediegleichsam einen neuen Blumenbusch an den unter ihr wohnenden Busen steckteaufdem der mitgegebne kleine längst zerfallen war.

Endlich sah ich drüben den Kantor vorauskommen: er konnte mich bessererkennen als ich ihn im blendenden Abendglanze. Indem ich jetzt noch einmal EvasAusschlagen seiner Hand bedachte und zufällig mit meiner in die Tasche kam:geriet ich auf einen Gedankenvon dem mehrere es mit mir bewundernwerdendaß ich so spät darauf verfiel. »Schönste Tochter« - sagt' ich -»hierum müssen wohl die Gräber Ihrer sel. Eltern liegen - wenn wir nichtschon auf einem davon sitzen -die es auch haben wollten wie ichdaß Sie denHerrn Aktuarius juratus nimmt. Und Sie hats ihnen so heilig gelobt. - Bricht SieIhr Wort: so ists sovielals schlägt Sie nach Ihren sel. Eltern im Grabe. Undwie es solchen Kindernwenn sie selber hineinkommenergehtdavon sah' ichheute ein betrübtes Exempel im Gerichtsschrank: sie stecken nämlichihre verruchte Hand daraus hervor. Hier trag' ich eine in der Tasche bei mir.«- Ich brachte sie hervor und hielt ihr sie hin. Sie sprang bestürzt vom Grabeauf und sagte weinend: »Wenns Gottes Wille so sein soll: so hab' ich auchnichts dagegen - in Gottes Namen!« Jetzt rief ich und winkt' ich wie besessendem Kantor: er sprengte heran. Ich ergriff schleunig Evas Hand und drückte siein Schnäzlers seine und sagte: »Gebet einander die rechte Hand und saget Ja -und der Herr segne euch und behüte euch - und kommt recht spät in denKirchhofausgenommen bei Lebzeitener zum Läuten und siezum Grasen.« -

So schwärzte ich sie also aus einer profanen Frau zu einer geistlichenum durch die Pilleunter der ich oben den Kantor vorbildete und die jenenPillen glichdie aus einem in acido vitrioli aufgelösten Silber bestanden undeinen Patienten von Fuß bis auf den Kopf schwarz färbten (Neueste Mannigf. 2.Quart. 2. Jahrg. p. 414).

Das Leichenkondukt kam jetzt zum Tore herein und verbauete nur den glimmendenHügelder schon die Sonne verdeckte. Der Bergmann wurde hingesetzt und HerrAdjunkt allgemein ersuchtuns alle zu erbauen aus dem Stegreif. Er stellte sichhinschneuzte sichum doch etwas statt des Hauptliedes vorauszuschickenundhob an: »Wirft der erprobende Christ und Nichtchrist teils auf die Bestrebungenmenschlicher Tätigkeit Blickespürt er teils der menschlichen Vervollkommungschon in dem Begriffe eines vollkommensten Wesens nach: so« - - So und nichtschlechter fährt der Sermon fortden ich kein Recht habehier nachzudruckenund das Honorar dafür zu ziehen.

Die Reihe kam an michder ich erst von einer Hochzeitpredigt herkam. DerBlasse wurde aufgedeckt - das Abendrot legte sich um die lebendigen Wangen unddas Mondlicht um die erblichnen - die Gebetglocke summte aus - eine Lerche stiegnoch über uns - und der Abendwind lief drüben in grünen Wogen über dieKornfelderals ich anfing:

»Herr Amtsrichter Weyermann
Herr Adjunktus Graukern
andächtige Zuhörer und
guter alter Saus!

So wird dich in vielen Jahren kein Mensch geheißen habensondernLandstreicher oder so was - außer heute. In vielen Jahren sind nicht so vielefreundliche Gesichter um deines gestanden - außer heutewiewohl in deinengefrornen Augen der schwarze Star des Todes ist. In vielen Jahren bist du nichtso bald zu Bette gegangen und so wenig durch Schenkwirte gestört worden außerheutean deinem längsten Rasttage. Und dieses einzigemalAlterlegst du dichnicht hungrig nieder und stehst nicht hungrig auf.... Oberseeser! isteiner unter euch zähe und mühsam zu rühren: so folg' er mir jetzt nachwieich neben dem alten Zaus nur einen Tag hergebeweil ich seine Leidenseine Mücken- und Sonnenstiche zählen will.

Wir wundern uns schon über das mattegedehnte Erwachen des armen Mannes imHirtenhause: es ist ihm nicht rechtdaß die ruhige Nacht so hurtig abgelaufenistin der er nicht marschieren und nicht singen durfte; und müder als derGemeinbotehilft er sich aus dem Hirtenhause herausund draußen steht einbreiterlanger Tag vor ihmder ihm nichts gibt und verspricht als das alteschmale Botenlohn von einem Heller vor jeder Haustüre. Auf etwas NeuesSonderliches kann er sich nicht spitzen: ein Bettlerihr Leutehat wederOstern noch Pfingstennoch Sonntagenoch Marientagenoch Markttage in derStadt - 365 Werkel- und Jammertage hat er in seinem bittern Leben und wahrlichnicht eine Stunde mehr... IhnenHerr AmtsrichterHerr Adjunktusbrauchts alsGelehrten nie gesagt zu werdendaß nichts fataler ist beim Aufwachenals wennein Alltags-Tagein ausgeleerterprosaischertausendmal gefolgter odergestürzter Treberntag vor der Bettlade steht und uns empfangen will. -

Wir wollen wieder hinter Zausen hersein: außerordentlich muß er laufenzumal wenn ihn hungertum nur ein Dorf zu erlaufen. Auf jedem Berge versprichter sichin eines hinabzuschauen; aber wie müde knickt er den Berg herunterwenn er nichts gesehen als einen neuenebenso hohen! Er watet durch Kornfelderund nasse Wiesen hindurchworin man ihn kaum sehen kann; aber der Segen Gottesgibt ihm schlechte Freude - er hat nichts davoner darf daran nicht einmalhelfen mähener geht in seinem Leben nicht wieder durch. Endlich lauft er ineinem ritterschaftlichen Dorfe einwo Kirmes ist: überall riecht und rauchtdas beste Essen. Was hilft es ihmwenn er unter lauter Tischgebeten herumgehenmuß und an keinem mitbeten darf? Er faltet den Brandbriefder wie sein Herzschon tausendmal zusammengebrochen wordenwieder auf und weiset ihn vor; aberdas lustigste Kirmesgesicht setzt er durch seinen Brief plötzlich in einverdrießliches umund wie will er anders? Aber darnach fragt er auch nichtsmehrer fragtseitdem er den Bettelstab statt des Fäustels ergriffennachder ganzen Welt nichts mehr - denn die ganze Welt fragt nach ihm nichtsmehrwiewohl sein braunes Hündchen christlicher denkt und auszunehmen ist. -Die ganze Welt soll ihn schimpfen und lästernes tut ihm gar nicht weheerwird nichts mehr auf der Erdeso wenig wie euer Vieh kann er etwan einZweispänner oder gar ein Vierspännergeschweige ein Schultheiß werdeneinesSchulmeisters gar nicht zu gedenken. Ihr wollt alle habendaß man eurergedenke; er aber verlangt nichtsals daß man seiner vergesse. O du guterjammervoller Mann! Sehtwir stehen jetzt alle um ihn; aber wenn dieser Tote indieser Minute sich vor uns aufrichteteso würde er nichts tunals die welkebraune Hand ausstrecken und sagen: ›Teilt einem armen Abgebrannten auch wasmit!‹ und er würde uns drei Herren zuerst anbetteln. Ich würd' ihm vonganzem Herzen etwas geben: leerer Toter! wer könnte das metallneeiserne Herzhaben und einen eisernen Brief aufschlagen und ihn doch leer zurückgeben unddir die kleinste Freude versalzendie auf der ganzen Erde nur möglichistdie über eine Gabe? - Wer unter uns? Ach Gott! was hat denn der Bettlerauf unsrer reichenvollen Erde? Viel tausend Wunden und tausend Zähren und nureinen Heller. O wenn du aufwachtestAlterwürdest du nicht in derMenschengestalt vor uns stehenmit dem Magenmit dem Herzenmit dem Jammereines Menschen? - Und verdienen wir etwas Bessers als dumehr unsre großenGaben als du die kleinste? O! was könntest du getan habendaß dukeinen Bergknappen hastder mit dir einen Krug Bier trinktkeine Fraudiedich pflegt und dich fragtwas dir fehltkeine Kinderdie deine Fingerspielend anfassen und dich sanft an ihren kleinen Busen hinunterziehensondernnur andre Kinderdie eher nach dem alten Manne boshaft werfen! - Wenn ich jetztdiesem geplagten Vieselbacherdessen Herz doch schläftso recht hineingeheins zusammengeknitterte Gesicht voll Erde des Altersmit dem fest an dieobere Kinnlade heraufgestülpten Unterkinnbacken - in seine paar Haarein dienicht Abendlüftchen geblasen habensondern reißende Stürme - in seine grauenAugenbraunen - in seinen leeren rechten Ärmelwiewohl im linken auch nichtsist als ein Knochenpaar - in seine roten Augendie er gewiß erst nach dem Todeund von keinen größern Stacheln holte als von Insektenstacheln - wenn ich dastue: so kann mich das wenig oder nicht tröstendaß der Tod schon allesgestillt hatseine Augen und seine Wundensondern nur dasdaß duo großerguter Vater über unsdie schöne Einrichtung getroffendaß uns angefallnenMenschen der zweite traurige Tag niemals so wehe tut als der erste traurige.

Ich sehe jetzt in eure SeeleOberseeser: ihr wollt ihm gerne etwas geben;aber schauet auf zu den Sternener reicht seine Hand nicht droben herunter zueurem Almosen und bedarf nichts mehrkeine Tränekeinen Leib nichtdiesenSarg nicht. Aber er schickt seine Geschwister unter uns herum: o! wenn ihr ineurem Leben nur einen Bettler gesehen hättet: ihr würdet ihm alle gebenund euch um ihn schlagen; anstatt daß ihr ihn jetzt selber schlagen lassetdurch den Bettelvogtweil es euch etwas Gewohntes ist.

Sinke aber endlich hinab in das breite Lager der Ruheauf dem so vieleTausende neben dir mit ganzen und mit abgefallnenzerstäubten Rücken liegen!Unter diesen kleinengrünen Häusern um uns wohnen nur Ruhige. - Du brauchtestkeinen Abendsegen im Lebenweil dich die Nacht viel weniger anfiel als der Tag- und jetztda der schwere Tod sich über deine Augen und Ohren gelegthast duihn noch weniger vonnöten. Gehe sanft auseinanderaltesgedrücktesoftzerbrochnes Menschengerippe! Kein Kettenhundkein Bettelvogtkein wütigerHunger erschrecken dich mehr und treiben dich auf. - Aber wenn du dich einstaufrichtestso wird ein andrer Mond am Himmel stehen als jetztund deinefreieewige Seele wird groß und reich unter alle Menschen treten und sie alleum nichts mehr bitten! - Ihr Liebenwenn wir fortgehenso legt sich der Todstumm zu ihm hinein und nimmt ihm sanfter als den rechten Arm die übrigenGlieder abin denen noch alle unsre Schmerzen fortreißen. Aber wenn wir unsaus dieser stillenungezähltenunter dem Grün schlummernden Gesellschaftabsondern und wieder näher in die frohen Töne tretendie wir jetzt schwächerin den Gottesacker herauf vernehmen und nach denen eure Söhne und Töchter umden kurzen Abend flattern; wenn wir von hier weg sind: so wollen wir doch analles das denkenwas wir hier entweder zurückgelassen - oder zugedeckt - oderangehört - oder bejammert - oder beschlossen haben. Amen! Und gute NachtalterMann!« -

*

In wenig Minuten deckte ihn auf immer die Erde mit ihrem dunkelnvon Blumendurchwirkten Kleide zu. - Ich will den kleinenleichten Rest der Geschichte dentraurig-schönen Gefühlen guter Leser durch Verstummen opfern und schweigendmit meinem Buche von ihnen weggehendamit ihr feuchtes Auge voll Träume nocheinige Minuten auf dem letzten und tiefsten Schachteworein unser armerBergmann verschwand und dessen Auszimmerung und Grubenlichter und schimmerndeAdern wir alle nicht kennensuchend und sinnend ruhen bleibebesonders da siewenn sie an demder jetzt fortgehtoder an sich selber heruntersehenan jenemund an sich den ganzen Berghabit zur Einfahrt schon erblicken....

Ende des ersten Teils