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Herman Grimm

Das Leben Michelangelos

 

Erstes Kapitel

I

Es gibt Namendie etwas von einer Zauberformel in sich tragen. Man sprichtsie ausund wie der Prinz in dem Märchen der Tausend und eine Nachtder dasWunderpferd bestieg und die magischen Worte rieffühlt man sich vom Boden derErde in die Wolken steigen. Nur »Athen!« – und was im Altertume an großenTaten geschahliegt wie ein plötzlicher Sonnenschein über unserem Herzen.Nichts Bestimmteskeine einzelnen Gestalten erblicken wiraber Wolkenzügeaus herrlichen Männerscharen gebildetziehen am Himmel hinund ein Hauchberührt unsder wie der erste laue Wind im Jahre mitten in Schnee und Regenden Frühling schon zu gewähren scheint. »Florenz!« – und die Pracht undleidenschaftliche Bewegung der italienischen Blütezeit duftet uns an wie volleblütenschwere Ästeaus deren dämmernder Tiefe flüsternd die schöne Spracheredet.

Nun aber treten wir näher und wollen die Dinge deutlicher betrachtenderenSammlung mit einem Blicke überflogen die Geschichte von Athen und von Florenzgenannt wird. Da erkalten die glühenden Bilder und werden trübe und nüchtern.Wie überall gewahren wir auch hier den Kampf der gemeinen LeidenschaftendasMärtyrertum und den Untergang der besten Bürgerdie dämonischeWidersetzlichkeit der großen Menge gegen das Reine und Erhabene und dieenergische Uneigennützigkeit der edelsten Patrioten mißtrauisch verkannt undhochmütig zurückgewiesen. ÄrgerWehmut und Trauer stehlen sich ein an dieStelle der Bewunderungdie uns zuerst bewegte. Und dennochwas ist das? Indemwir uns abwendend von weitem einen Blick zurückwerfenda liegt der alte Glanzwieder auf dem Bildeund eine schimmernde Ferne scheint das Paradies trotzdemzu entfaltenzu dem es uns von neuem hinziehtals sollten wir es zum letztenMale betreten.

Athen war die erste Stadt Griechenlands. Reichmächtigmit einer Politikdie sich beinahe über die ganze Welt ihres Zeitalters ausspannte– esbegreift sichdaß von hier ausgingwas Großes geleistet wurde. Florenz aberin seinen schönsten Tagen nicht einmal die erste Stadt Italienserfreute sichin keinem Betracht außerordentlicher Vorteile. Es liegt nicht am Meerenichteinmal an einem jederzeit schiffbaren Flusse; denn der Arnozu dessen beidenSeiten sich die Stadt erhebtan dem Punkte seines Laufeswo er aus engenTälern in die zwischen den sich ausbreitenden Armen des Gebirges gelegene Ebeneheraustrittbietet im Sommer oft kaum Wasser genugum den Boden seines breitenBettes damit zu überströmen. Neapel liegt schönerGenua königlicher alsFlorenzRom ist reicher an KunstschätzenVenedig besaß eine politische Machtgegen welche der Einfluß der Florentiner gering erscheint. EndlichdieseStädte und anderewie Pisa oder Mailandhaben eine äußere Geschichtedurchgemachtder gegenüber die von Florenz nichts Außerordentliches enthält:und trotzdem ist alleswas zwischen 1250 und 1530 in Italien geschiehtfarblosim Vergleich zu der Geschichte dieser einzigen Stadt. Ihre inneren Bewegungenüberbieten an Glanz die Anstrengungen der anderen nach innen und außen. DieSchicksaledurch deren Verirrungen sie sich mit jugendlicher Unverwüstlichkeitdurcharbeitetdie Männerdie sie hervorbringterhöhen ihren Ruhm über denvon ganz Italien und stellen Florenz Athen wie eine jüngere Schwester an dieSeite.

Die ältere Geschichte der Stadt vor den Tagen ihres höchsten Glanzesverhält sich zu den späteren Ereignissen wie die Kämpfe der homerischenHelden zu demwas in historischen Zeiten in Griechenland geschah. Derunaufhörliche Sturm der feindlichen Adelsparteien gegeneinanderderJahrhunderte ausfüllt und mit der Vernichtung aller endetehat im großen wiein den Einzelheiten den Gang eines Heldengedichtes. Mit dem Streit zweierFamiliendurch eine Frau herbeigeführtmit Mord und Rache im Gefolgebeginnen diese Kämpfein die die gesamte Bürgerschaft hineingerissen wirdund immer ist es die Leidenschaft der Führerwelche die sinkenden Flammen zuneuem Leben entfacht. Aus ihrer Asche endlich entwuchs das eigentliche Florenz.Es hatte jetzt keinen kriegerischen Adel mehr wie Venedigkeine Barone undPäpste wie Romkeine Flottekeine Soldatenkaum ein Territorium. Innerhalbseiner Mauern saß ein launigesgeizigesundankbares Volk von ParvenüsHandwerkern und Kaufleutendas bald hierbald dort von der Energie oder denIntrigen fremder und einheimischer Tyrannei unterjocht worden wäre und endlicherschöpft seine Freiheit wirklich dahingab; – und gerade die Geschichtedieser Dinge von solchem Glanze umgeben und diese Begeisterung des eigenenVolkes heute noch beim Andenken an seine Vergangenheit!

Was in der Natur uns und in der Kunstdieser höheren Naturdie der Menschgeschaffen hatanziehtdas gilt auch von den Taten der einzelnen Menschen undVölker. Eine unbegreiflicheverlockende Melodiedie aus den Begebenheitenausströmtmacht sie bedeutend und begeisternd. So möchten wir leben undhandelndas miterrungendort mitgekämpft haben. Es wird uns klardieses seidas wahre Dasein. Die Ereignisse reihen sich zum Kunstwerk aneinandereinwunderbarer Pfad verbindet sie allgesamtes sind keine abgerissenenerschütternden Schlägedaß wir erschrecken wie beim Sturze eines Felsensdurch den der Boden aufzittertder Jahrhunderte lang still dalag und dannwieder auf Jahrhunderte vielleicht in die alte Ruhe zurücksinkt. Denn nicht dieRuhedie Ordnungdas gesetzmäßige Fortschreiten auf geebneten Wegen desFriedens verlangen wir zu gewahren oder darauf dann den erschreckenden Bruch desAltgewohnten und das Chaosdas ihm nachfolgtsondern Taten und Charaktereergreifen unsderen Anfang eine Folge verspricht und einen Abschluß ahnenläßtwo die Kräfte der Menschen und Völker sich spannenund unser Gefühlvon den Dingen einem harmonischen Ziele entgegenstrebtdas wir erhoffen oderfürchten und das wir sie am Schlusse erreichen sehen.

Unser Wohlgefallen an den Begebenheiten hat keine Ähnlichkeit mit derGenugtuungin der sich etwa ein moderner Polizeibeamter über dievortrefflichen Zustände eines Landes ausspräche. Es gibt sogenannte ruhigeZeiteninnerhalb deren dennoch die besten Handlungen wurmstichig erscheinen undein geheimes Mißtrauen einflößenwo FriedeOrdnung und unparteiischeGerechtigkeitspflege Worte ohne echten Inhalt sind und Frömmigkeit sogar wieBlasphemie klingtwährend in anderen Epochen offen daliegende VerdorbenheitFehlerUnrechtLaster und Verbrechen nur die Schatten eines großen erhebendenGemäldes bildendem sie erst die rechte Wahrheit verleihen. Je schwärzer diedunklen Stellenje heller die leuchtenden. Eine unverwüstliche Kraft scheintbeide zu bedingen und zu bedürfen. Wir werden nicht hinters Licht geführtdasist unsere innige Überzeugung. Es ist alles so klarso deutlichsoverständlich. Der Kampf der unabwendbaren finsteren Notwendigkeit mit demWillendessen Freiheit nichts besiegen kannergreift uns. Auf beiden Seitensehen wir große Kräfte sich erhebendie Ereignisse gestaltenin ihnenuntergehen oder sich über ihnen emporhalten. Wir sehen das Blut fließendieWut der Parteien durchzuckt uns wie ein Wetterleuchten noch von längstverrauschten Gewitternwir stehen hier oder dort und kämpfen mit in den altenSchlachten noch einmal. Aber Wahrheit wollen wirkeine Verheimlichung derZwecke und der Mittelmit denen man sie erreichen wollte. So sehen wir dieVölker kochenwie die Lava im Krater eines feuerspeienden Berges sich in sichselbst empörtund aus dem Kessel klingt das zauberhafte Liedan das wir unserinnernwenn »Athen« oder »Florenz« ausgesprochen wird.

II

Wie arm erscheint jedoch der Inhalt der italienischen Stadt gegen denReichtum der griechischen. Ganze Reihen großer Athener treten aufwo nureinzelne Florentiner sich zeigen könnten. Athen übertrifft Florenz so weit alsdie Griechen die Romanen übertrafen. Aber uns steht Florenz näher. Bei derGeschichte Athens gehen wir weniger sicherund die Stadt selbst ist bis aufgeringe Trümmer von ihrem alten Felsenboden fortgefegt. Florenz lebt noch. Wennman heute von der Höhe des alten Fiesoledas nördlich über der Stadt amGebirge klebtherabsiehtliegen der Dom von FlorenzSanta Maria del Fioreoder Santa Liparata genanntmit seiner Kuppel und dem schlanken Glockenturm unddie KirchenPaläste und Häuser und die Mauerndie sie einschließennoch sovor unseren Blicken in der Tiefewie sie vor langen Jahren getan – allesaufrecht und unverfallen. Die Stadt ist wie eine Blumedie in dem Momentewoder Trieb des Wachstums am vollsten warstatt zu verwelkengleichsam inVersteinerung überging. So steht sie heuteund wer der alten Zeiten nichtgedenktdem scheint auch nicht das Leben und der Duft zu fehlen. Manchmalmöchte man glaubenes sei noch wie vordemwie uns der Mondschein zuweilen inden Kanälen Venedigs die alte Zeit des Glanzes zurücklügt. Aber die alteGesinnung ist verschwundenund der Nachwuchs großer Männer ist langeausgebliebender frisch aufschoß Jahr für Jahr vor alters.

Dennoch lebt das Andenken an die Männer und an die alte Freiheit. Mitandächtiger Sorgfalt wird ihre Hinterlassenschaft aufbewahrt. Mit Bewußtseinin Florenz zu lebenist für einen gebildeten Mann nichts anderes als einStudium der Schönheit eines freien Volkes bis in ihre feinsten Triebe. DieStadt hat etwas die Gedanken DurchdringendesBeherrschendes. Man verliert sichganz in ihrem Reichtum. Indem man fühltwie alles sein Leben aus der einenFreiheit soggewinnt die Vergangenheit in den geringsten Beziehungen einenZusammenhangder für das übrige Italien fast verblenden kann. Man wird einfanatischer Florentiner im alten Sinne. Die schönsten Bilder Tizians fingen anuns gleichgültig zu werden über dem Verfolgen der florentinischenKunstentfaltung in ihrem fast minutenweise erkennbaren Fortschritte vomunbeholfensten Anfang bis zur Vollendung. Die Geschichtsschreiber zogen mich indie Verwickelungen ihrer Zeitals würde ich in die Geheimnisse lebenderPersonen eingeweiht. Man geht in den Straßen nochwo sie gingenüberschreitet die Schwellendie sie betratensieht aus den Fenstern herabandenen sie gestanden. Florenz ist niemals erstürmtzerstört oder durch eineallverheerende Feuersbrunst verändert worden; die Bautenvon denen berichtetwirdfast wie sie Stein auf Stein heranwuchsenstehen da und reizen undbelohnen unsere Augen. Wenn michden Fremdlingdas so magnetisch an sich zogwie stark muß das Gefühl gewesen seinmit dem die altenfreien Bürger anihrer Vaterstadt hingendie für sie die Welt bedeutete. Ihnen schien esunmöglichanderswo zu leben und zu sterben. Daher die tragischenoftwahnsinnigen Versuche der Verbanntenin die Heimat zurückzukehren.Unglücklichwer abends nicht auf diesen Plätzen seinen Freunden begegnendurftewer nicht in der Kirche San Giovanni getauft war und seine Kinder dorttaufen lassen durfte. Sie ist die älteste Kirche der Stadt und trug in ihremInnern die stolze Inschrifterst am Tage des Weltgerichts werde siezusammenstürzen. Ein so guter Glaube wie der der Römerdenen die Dauer desKapitols die Ewigkeit war. Horaz sang: so lange würden seine Lieder dauernalsdie Priesterin die Stufen dahinanstiege.

Ihre Freiheit hat Athen und Florenz so groß gemacht. Frei sind wirwennunserer Sehnsucht Genugtuung geschehen darfalleswas wir tunzum Besten desVaterlandes zu tunselbständig aber und freiwilliguns als einen Teil desGanzen zu gewahren undindem wir fortschreitenseinen Fortschritt zugleich zubefördern. Dies Gefühl muß stärker sein als jedes andere. Bei denFlorentinern überragte es die blutigste Feindschaft der Parteien und derFamilien. Die Leidenschaften beugten sich ihm. Die Stadt und ihre Freiheit lagjedem zunächst am Herzen. Um dieser Freiheit willen die unendlichen Kämpfe.Keine äußere Gewalt sollte sie unterdrückenkeine im Innern der Stadt selbstberechtigter sein als anderejeder Bürger verlangte mitzuwirken für dasallgemeine Bestekein Dritter sollte erst den Vermittler abgebenum dieseseine Teilnahme zu ermöglichen. Solange diese Eifersucht auf das persönlicheRecht am Staate in den Gemütern der Bürger dominiertewar Florenz eine freieStadt. Mit dem Erlöschen dieser Leidenschaft sank die Freiheit zu Bodenundvergebens wurden so viele Kräfte angespanntsie emporzuhalten.

Was Athen und Florenz vor anderen Staaten aberdie gleichfalls durch ihreFreiheit zur Blüte kamendennoch erhaben hinstelltist ein zweites Geschenkder Naturdurch welches die Freiheitman könnte beides sagenbeschränktoder erweitert wurde: die Fähigkeit einer ebenmäßigen Entwickelung allermenschlichen Kräfte in ihren Bürgern. Einseitige Stärke vermag viel zuschaffenmögen Menschen oder Völker sie besitzen – ÄgypterRömerEngländer sind großartige Beispiele dafür – die Einseitigkeit ihresCharakters aber findet sich in ihren Unternehmungen wieder und entzieht demwassie gestaltetendas Lob der Schönheit. In Athen und Florenz steigerte sichkeine Regung in der Individualität des Volkes dauernd so sehrum dasÜbergewicht über die andere zu erlangen. Geschah es zuweilen für kurze Zeitso führte ein baldiger Umsturz der Dinge das Gleichgewicht zurück. Dieflorentinische Verfassung beruhte auf den momentanen Beschlüssen derstimmfähigen Bürgerversammlung. Jede Gewalt konnte auf gesetzliche Weisevernichtet und ebenso gesetzlich eine andere an ihrer Stelle errichtet werden.Es bedurfte nichts als einen Beschluß des großen Bürgerparlamentes. Es wurdedabei einfach abgestimmt. So lange die große Glocke läutetewelche dieBürger auf den Platz vor dem Regierungspalaste zusammenriefdurfte auf offenerStraße jede Sachedie einer etwa gegen den anderen auf dem Herzen hattemitbewaffneter Hand zum Austrag kommen. Das Parlament war die gesetzlicheingerichtete Revolution für den Falldaß der Wille des Volkes mit dem derRegierung nicht mehr stimmte. Die Bürgerschaft verlieh dann einem Ausschußdiktatorische Befugnisse. Die Ämter wurden neu besetzt. Alle Ämter waren allenBürgern zugänglich. Jeder war zu jeder Stelle befähigt und berufen. Was fürMänner mußten diese Bürger seindie bei so beweglichen Institutionen einenfesten Staat bildeten! Herzlose Kaufleute und Fabrikanten: aber wie kämpftensie um ihre Unabhängigkeit! Egoistische Politik und Handel ihr einzigesInteresse: aber wie dichteten sie und schrieben die Geschichte ihres Vaterlandes!Geizige Krämer und Geldwechsler: aber in fürstlichen Palästen! Und diesePaläste von eigenen Meistern erbaut und mit Malereien und Bildhauerarbeitengeschmücktdie gleichfalls innerhalb der Stadt gewesen waren! Alles treibtBlütenjede Blüte bringt Früchte. Das Geschick des Vaterlandes ist wie eineKugeldie in ewiger Bewegung dennoch immer auf dem richtigen Punkte ruht. Jedesflorentinische Kunstwerk trägt ganz Florenz in sich. Dantes Gedichte sind einProdukt der Kriegeder Unterhandlungender Religionder PhilosophiedesGeschwätzesder Fehlerder Lasterdes Hassesder Liebeder Rache derFlorentiner. Alles arbeitete unbewußt mites durfte nichts fehlen. Nur auseinem solchen Boden konnte ein solches Werk emporsprießen. Nur aus athenischemGeiste konnten die Tragödien des Sophokles und Äschylus hervorgehen. DieGeschichte der Stadt hat ebensoviel Anteil an ihnen als das Genie der Männerin deren Geiste die Phantasie und die Leidenschaft nach Worten suchte.

Es ist ein Unterschiedob ein Künstler der selbstbewußte Bürger einesfreien Landes oder der reichbelohnte Untertan eines Herrschers istin dessenOhren Freiheit wie Aufruhr und Verrat klingt. Frei ist ein Volknicht weil eskeinem Fürsten gehorchtsondern weil es aus eigenem Antriebe die höchsteAutorität liebt und aufrecht hältmag diese nun ein Fürst oder eineAristokratie mehrerer seindie die Herrschaft in Händen halten. Ein Fürstist immer da; in den freiesten Republiken gibt ein Mann zuletzt denAusschlag. Aber er muß dastehenweil er der Erste ist und alle seinerbedürfen. Nur wo jeder einzelne sich als einen Teil der allgemeinen Basisempfindetauf der das Staatswesen beruhtkann von Freiheit und Kunst die Redesein. Was haben die Bildsäulen in der Villa des Hadrian mit Rom und denWünschen Roms zu schaffen? Was die gewaltigen Säulen der Bäder des Caracallamit dem Ideale des Volkesin dessen Hauptstadt sie erstanden? In Athen undFlorenz aberkonnte man sagensei keine Quader auf die andere gelegt wordenkein Bildkein Gedicht entstandenohne daß die ganze Bevölkerung Gevatterstand. Ob Santa Maria del Fiore umgebautob die Kirche San Giovanni ein paargoldene Tore erhaltenPisa belagertFrieden geschlossen oder ein tollerKarnevalszug gefeiert werden sollte: jedermann ging das anes war dasselbeallgemeine Interessedas sich dabei betätigte. Die schöne Simonetadasschönste junge Mädchen in der Stadtwird begraben; ganz Florenz folgt ihrdie Tränen in den Augenund Lorenzo Medicider erste Mann im Staatedichtetein klagendes Sonett auf ihren Verlustdas in aller Munde ist. Eine neu gemalteKapelle wird eröffnet: Keiner darf dabei fehlen. Ein Wettrennen durch die Straßenveranstaltet: Teppiche hängen aus allen Fenstern herunter. Wie einzig schöneMenschengestalten stehen die beiden Städte vor uns daganz von weitembetrachtet– wie Frauen mit dunkelentraurigen Blicken und lächelndenLippen dennoch; treten wir näherso scheint es eine großeeinige Familie;sind wir mitten darunterso ist es wie ein Bienenkorb von Menschen: Athen undsein Schicksal ein Symbol des gesamten griechischen LebensFlorenz ein Symbolder italienisch-romanischen Blütezeit. Beideso lange ihre Freiheit währteein Abglanz des goldenen Zeitalters ihres Landes und Volkesnachdem dieFreiheit verloren warein Bildnis des Verfalls beider bis zu ihrem endlichenUntergange.

III

Es ist nichts darüber bekanntwie das antike Florentia in das moderneFiorenza oder Firenze überging und ob es aus den römischen Zeiten denCharakter einer Fabrikstadt mitgebracht. Nicht einmal aus der hohenstaufischenEpoche wissen wirin welchem Verhältnis die Bevölkerung sich in Adel undgewerbetreibenden Bürgerstand teilte. Damals lag die Stadt am nördlichen Uferdes Arnoinnerhalb gering umfassender Mauernzwischen denen und dem Flusse einbreiter Raum war. Dahinaus aber vergrößerte man sich baldschlug Brückenhinüber und setzte sich an der anderen Seite fest.

Die Besiegung Fiesoles war die erste große Tat der florentinischenBürgerschaft. Die Fiesoleaner mußten sich in der Tiefe ansiedeln. Pisa jedochdas nach Westen hin am Meere lagwar größer und mächtiger. Pisa besaß eineFlotte und Häfender florentinische Handel war abhängig von dem seinigen.Nirgends hatte Florenz freien Zusammenhang mit dem MeereLuccaPistoiaArezzoSienalauter neidische und kriegerische Städteumkränzten es mitihren Gebieten. In ihnen aberwie in Florenzsaßen mächtigeAdelsgeschlechterin deren Händen die Herrschaft lag.

Die Kämpfe dieser Herren im einzelnen und die der Parteienin die sie sichder Masse nach teiltenbilden das Schicksal Toskanassolange die Hohenstaufendie Welt regierten. Florenz gehörte zu der Erbschaft der Gräfin Mathildedieder Papst beanspruchteweil ihm das Land vermacht worden seider Kaiserweilüber kaiserliches Lehen so nicht verfügt werden dürfe. Dieser Streit gab denParteien in Toskana feste Anhaltspunkte. Ein Teil des Adels stand auf für dieRechte der Kircheder andereum die des Kaisers zu verteidigen. Die Zukunftder Stadt fiel dem Ausgang des Krieges anheimder zur Entscheidung derbrennenden Frage alsbald in gewaltsamen Taten aufloderte.

War die kaiserliche Partei in Italien siegreichso triumphierten auch inFlorenz ihre Anhänger; hatten die Nationalen die Oberhandso siegte auch inToskana die Partei des Papstes. Als die lombardischen Städte von Barbarossagedemütigt wurdenbrachen die kaiserlich Gesinnten los in Florenz undversuchten die öffentlichen Behördendie von ihren Gegnern befestigt wordenwarenaus ihrer Stellung zu treiben. Als das Glück des Kaisers dann einenUmschlag erfuhrkehrte die Macht seiner Feinde auch in Toskana zurück. Unterder Protektion des Papstes schlossen sich die tuskischen Städte zu einemVerband zusammendessen Vorort Florenz war.

So lagen die Dinge zu Anfang des dreizehnten Jahrhundertsals die NamenGuelfen und Ghibellinen aufkamen undwas bisher ein dumpfer Widerstreit gewesenzu einem Kampfe mit ausgebildeten Prinzipien ward. Im Jahre 1213 begannen dieGuelfen und Ghibellinen in Florenz sich zu befehden. Im Jahre 1321 starb Dante.Das Jahrhundert zwischen beiden Ziffern bildet den Inhalt seiner GedichtederenVerse der heldenmütigen Epochedie sie schildernebenso natürlichentsprechen wie die reine Sprache Homers den Taten der Hellenen vor Ilion.

Verzeichnisse der Familienwie sie hüben und drüben standensindaufbewahrt. Wir kennen die Lage ihrer Palästekleiner Kastelledie auf Abwehrvon Sturm und Belagerung eingerichtet waren. Wir verfolgen von Jahr zu Jahr dieunheilvollen Verhältnisse. Alte berühmte Häuser kommen herabneue erhebensich aus kleinen Anfängen zu Macht und Ansehen. Ununterbrochen neben deminnerlichen Zwiespalt Kriege mit den Nachbarnmit Pisa vorandas den Weg zumMeere in der Hand hattebald mit der ganzen Nachbarschaft. Im Moment der Gefahrvereinigen VersöhnungWaffenstillstände und Verträge die sichzerfleischenden Parteien zu gemeinsamer Kraft gegen die Feinde des Vaterlandes.Nach dem Siege aber erwacht in den eigenen Mauern der alte Hader zu neuem Unheil.

Meistens lag der Grund der äußeren Verhältnisse in den inneren selber. DieGuelfen von Florenzwenn sie die Leitung der Dinge in Händen hattendrängtenzum Kriege gegen die Ghibellinen von Pisa oder Pistoia. Die FlorentinerGhibellinen verweigern dannmit auszuziehen gegen die eigenen Parteigenossen.So stand Toskana in Flammendie nicht zu dämpfen waren. Denn gelang es dereinen Parteidie andere aus der Stadt hinauszudrängenso lagen dieVertriebenen draußen in ihren Kastellenbis dicht vor den Torenum dengünstigen Moment der Rückkehr zu erwarten. Geschlagen sein war nichtüberwunden sein. Im schlimmsten Falle kam Zuzug und Geld aus der Ferne. DerKaiser selbst sandte den unterdrückten Ghibellinen deutsche Ritter zu Hilfe.

Dem gewerbetreibenden Bürgerstand jedoch kam dieser Zustand der großenHerren wohl zustatten. Aus heraufgekommenen Kaufleuten bildete sich ein drittesElementdas in die Kämpfe des Adels mächtig eingriff und ihn zu Konzessionennötigte. Die städtischen Behörden erstarkten; mitten in den verderblichstenUnruhen nahm Florenz zu an Umfang und Bevölkerung. Im Jahre 1252 war Pisa schonnicht halb so bedeutend mehr. Ein Handelsvertrag mit den Pisanern wurdeabgeschlossensie nahmen florentinisches Maß und Gewicht an. Um diese Zeit wareswo Manfredder letzte hohenstaufische König von Neapelallein dieGhibellinen in Toskana hielt. Als er zum letzten Male Hilfe sandtemachtenseine achthundert Rittermeistens Deutschemit den Ghibellinen von FlorenzSienaPisaPratoArezzo und Pistoia vereint dreitausend gewappnete Ritter aus.

Die Guelfen unterlagen und räumten das Land. Bald aber nach dem UntergangeManfreds ziehen sie wieder auf Florenz losdas nun von den Ghibellinenverlassen wird. Karl von Anjouder französische neue König von Neapelübernimmt die Protektion der Stadtund die Bürgerschaft gibt sich eine neueVerfassungdie Grundlage ihrer späteren Unabhängigkeit. Mochte der AdelFrieden schließen oder neu in den Kampf gehenimmer war es ein Signal für dieBürgerschaftzur Erweiterung ihrer Rechte einen frischen Anlauf zu tun.

Damit diese Rechte aber ein um so sicherer Besitz wärenstrebte man danachdie Kastelle des Adels außerhalb der Stadt zu zerstörenzu kaufen und siedurch Verbote auf einen weiten Umkreis von der Stadt ab zurückzudrängen. InFlorenz selber mußten die gefährlichen Türme abgetragen werdenvon denenherab man auslugte und Geschosse schleuderte. Zu spät empfanden die großenHerren die Folgen ihrer wütenden Selbstvernichtung. Die Ghibellinen warenunterdrücktaber der siegreiche guelfische Adel stand geschwächt einerstolzen Bürgerschaft gegenüberderen reiche Familien sich rittermäßig wieder Adel hielten. Neue Verfassungen gaben den Zünftendie sich zu bildenanfingengrößeren und größeren Raumund zuletzt stand als Ziel diesermächtigen Demokratie die Absicht dadenjenigen allein Anteil am Staatezuzugestehendie Mitglieder der Zünfte wären. Der alte Adel sollte sichaufnehmen lassen oder völlig ausgeschlossen sein.

Alles dies jedoch ging langsam vor sichgroße Erschütterungen führtenstets nur kleine Schritte vorwärts. Es gab Epochen der RuheglücklichereZeitenin denen sich die Parteien zu friedlichem Nebeneinanderleben vereinigten.Eine solche Stille trat ein in den letzten Jahrzehnten des dreizehntenJahrhundertsals mit dem Untergange der Hohenstaufen die Idee des altenKaiserreiches sich aufzulösen begann und die neue Grundlage des europäischenStaatenlebens immer lebendiger in den Gemütern ward: die getrennten Völkersollten von nun an ihre eigenen Wege verfolgen. Damals wurde der Bann des altenrömisch-byzantinischen Wesens zuerst gebrochen. Nationales Bewußtseindurchdrang Kunst und Literatur und äußerte sich in neuen Formen. Diese Zeitensind esin die Dantes Geburt und Jugend fällt.

Florenz erweiterte zum dritten Male die Ringmauern. Arnolfoder berühmteArchitektbegann die Kirchen zu errichtendie heute noch als die größten undschönsten der Stadt dastehenSanta Maria del Fiore die vornehmste. Er baute ineinem neuen Stiledem gotischenoderwie die Italiener sagtendem deutschendessen freiehochstrebende Verhältnisse an die Stelle der mehr gedrückten undin die Breite sich ausdehnenden Dimensionen tratenin denen bis dahin gebautworden war. Wie die Herrschaft der Hohenstaufen als die äußerste Entwickelungdes antiken Römerreiches anzusehen istso erscheint auch die Kunst bis aufihre Zeiten als die letzte Blüte der antiken Anschauungen.

Dante redet von den Tagen seiner Jugend wie von seinem verlorenen Paradiese.Aber er war kein Dichterder in einseitige Träumereien versunken einabgeschlossenes Dasein geführt hätte. Er war SoldatStaatsmann und Gelehrter.Er kämpfte in Schlachten mitnahm teil an wichtigen Gesandtschaften undschrieb gelehrte und politische Werke. In seiner Jugend ein Guelfewurde er zumwütenden Ghibellinen und schrieb und dichtete für seine Parteidie nocheinmal auf die Ankunft eines deutschen Kaisers überschwenglich idealeHoffnungen setzte. Heinrich von Luxemburg erschien im Jahre 1311. Aber für ihnhatten die alten Parteinamen den alten Inhalt verloren. Er sahdaß Guelfen undGhibellinen ihn für die eigenen Zwecke zu benützen wünschtenund hielt sichgleichfalls die Richtung verfolgenddie ihm für die eigene Politik amnützlichsten dünkteauf einem Mittelwegeder ihn siegreich weiterführteohne einer von den streitenden Parteien den Sieg zu verleihen. Bald machte derTod seinem Wirken ein Endeund nach seinem Verschwinden blieb im Lande kaumeine Spur seines Daseins zurück.

Sein Zug durch Italien ist von Dino Compagnieinem Florentiner und FreundeDantesbeschrieben worden. Die Chronik dieses Mannes in ihrer einfach schönenProsa bildet ein Seitenstück zu Dantes Gedichten. Der Zusammenklang zweierWeltender antiken und modernenerfüllt ihrer beider Werke. Sie gebrauchendie Sprachewie die besten alten Autoren die ihrigenaiv und ohne Mißbrauchihrer Gelenkigkeit. Dante nennt die Dinge und Gefühle schlechthinwie er sieerblickt und empfindet. Wenn er den Himmel beschreibt und den Auf- undNiedergang der Gestirneist es der Himmel Hesiodsoder wenn er uns an denStrand des Meeres führtscheint es dasselbe Gestade zu seinan dem Thetis denverlorenen Sohn betrauerte oder dessen Wellen zu Odysseus' Füßen rolltenalser von der Insel der Kalypso hinausblickte und bei den ziehenden Wolken an denaufsteigenden Rauch seiner Heimat dachte. Dante vergleicht unbefangen die kaumgeöffneten lichtscheuen Augen der wallenden Gespensterscharen in der Unterweltmit den zusammengekniffenen Augen eines Schneidersder seine Nadel einfädelnwill.

Sein Gedicht ist die Frucht arbeitsamer Versenkung in den Geist deritalienischen Sprache. Ihre Worte mußte er wie eine Schar wilder Pferdedienoch niemals im Geschirr gegangen warenmühsam einfangen und zusammenhalten.Sein stolzes vollwichtiges Italienisch sticht wunderlich ab gegen dasabgeschliffene konventionelle Lateinin dem er bequemer schrieb. Da ist erscharfgebildet und elegantwährend seine italienischen Sachen klingenalshätte er sie selbst im Traume geschrieben. In seinen lichten Versen liegt etwasvon der Wehmutzu der uns oft der Anblick der Natur stimmtvon jener Trauerohne Zieldie ein kühler glühender Sonnenuntergang im Herbste in unsherauflockt. Dantes Schicksal steht vor uns wie das Leiden eines verbanntenHellenender am Hofe eines Barbarenfürsten Gastfreundschaft genießtwährendHaß und Sehnsucht an seinem Herzen nagen. Man sieht mehr zu Zeitenals manvielleicht zu sehen ein Recht hat: wenn ich Dantes Kopf betrachtewie ihnGiotto mit wenigen wundervollen Linien in der Kapelle des Bargello auf die Wandmalteda scheint in den sanften Zügen sein ganzes Leben zu liegenalsüberschattete seine jugendliche Stirn eine Ahnungwie die Zukunft sich ihmgestalten sollte.

Dante starb in der Verbannungkeines seiner politischen Ideale gestaltetesich zur Wirklichkeit. Die Nationen steckten zu tief in ihrer eigenen Unordnungum für die allgemeine europäische Politik Kraft und Begeisterung übrig zuhaben. Die Päpste zogen nach AvignonRom stand leerItalien blieb sich selbstüberlassen. Die hundert Jahrewelche dieser Zustand dauertesind die zweiteEpoche in der Entwicklung der florentinischen Freiheit und bilden zugleich daserste Säkulum der erblühenden Kunstdie in Giotto ihren ersten großenArbeiter findet.

IV

Man pflegt Cimabue den Gründer der neuen Malerei zu nennen. Seine Tätigkeitfällt in die Zeitwo Dante geboren wurde. Seine Werke erregten Staunen undBewunderung. Cimabue malte in der Weise der byzantinischen Meister starreumfangreiche Madonnenbilder. Man möchte heute diesen Einfluß derbyzantinischen Kunst auf die frühitalienische auf das geringste Maßbeschränkt wissen und einer mit der antiken Kunst in direkter Verbindungstehenden inländischen Entwickelung das Wort reden. Sei dem so für Cimabue;Giotto aberden er der Legende nach als Hirtenjungen auf dem freien Feldeantrafwie er sein Vieh auf große flache Steine abbildeteihn seinem Vaterabfordertemit nach Florenz nahm und unterrichtetedarf dennoch kaum als seinSchüler bezeichnet werden. Von Cimabue zu Giotto geht es steil in die Höhe.Giotto scheint seinem Meister fremd und fast zusammenhanglos gegenüberzustehen.

In den Zeitenin denen er arbeitetelag der geistige Schwerpunkt Europasnicht in Italien. Danteder in Paris seine Studien gemachtemanzipierte sichmühsam von der Herrschaft des provenzalischen Dialekts und des Lateins.Französischen Einfluß dürfen wir annehmen auch bei Giotto. Seine zartenGestaltendie der naivsten Naturbetrachtung entsprossen scheinentragendennoch zu viel der Miniaturmalerei in sichum die Schule ganz zu verleugnenin der ihr Meisterscheint eszeichnen lernte.

Es ist nicht leichtvon seiner Tätigkeit eine klare Vorstellung zu haben.Sie umfaßte den ganzen Bereich der Kunst. Es muß viel Handwerksmäßiges dabeiim Spiele gewesen sein. Dennoch ermangelt er nicht individueller Kraft. DantesPorträtjetzt wohl Giottos berühmteste Arbeitbewahrt in dem traurigenZustandein dem es sich befindetetwas großartig Persönliches im Schwungeder Linien. Der Umriß scheint der Ausfluß einer starken Handdie in reinenStrichen nachzogwas die Augen sahen und der Geist empfunden hatte. KeinKünstler würde inhaltsreicher den nackten Umriß eines solchen Gesichts zuzeichnen vermögendasobgleich verdorbenrestauriert und teilweise ganzerneuertdurchdrungen und verklärt von der Würde dessen istdem esangehörte. Die Madonnendie man Giotto zuschreibttragen den Ausdrucktrauriger Lieblichkeit im Antlitze. Gedrücktekaum geöffnetelanggeschlitzteAugenein Nachklang des byzantinischen Madonnentypusein wehmütig lächelnderMund sind ihnen eigentümlich. Seine Hauptarbeiten waren jedoch nicht seineTafelbilder mit wenigen Figuren in oft sehr geringem FormatesondernFreskogemäldemit denen er ganz Italien versorgte. Vom Könige von Neapel inseine Hauptstadt berufenmalte er dort Kirchen und Palästein der Lombardeiführte er große Werke ausnach Rom und vielleicht Avignon verlangten ihn diePäpste. Überallwo man ihn begehrtewar er rasch zu Diensten. Er arbeiteteals MalerBildhauer und Architekt. Er stand mit den großen Herren auf gutemFuße und gab ihnen derbe Antworten. Boccaccio zeichnet seine Persönlichkeitnicht allzu idealisch. Giotto war kleinunansehnlichja häßlichgutmütigaber mit scharfer Zunge begabtwie alle Florentiner. Auch Dante konnte beißendeAntworten geben. Villanisein Zeitgenosseerzähltwie er Dummheit und Anmaßunghart abzufertigen wußtewährend man dem Eindrucke seiner Verse und seinestraurigen Schicksals nach glauben sollteer habe sich in vornehmem Schweigenabgewandtwenn unter ihm stehende Naturen seinen Stolz auf die Probe stellten.

Dante und Giotto blieben Freunde bis zu Ende ihres Lebens. Als Giotto auf derRückreise von Verona durch Ferrara kamund Dante in Ravenna hörtedaß erihm so nahe seibrachte er es dahindaß er nach Ravenna berufen wurde. DieMalereien aberdie er im dortigen Dome ausgeführt hatsind zugrunde gegangen.

Das Schicksal war seinen Werken nicht günstig. Dem Bildnisse Dantes hatteman gerade ins Auge einen Nagel eingeschlagen. Noch im vorigen Jahrhundertwurden Kirchenwände in Neapel übertünchtdie von Giotto gemalt waren. EinFlorentiner Bilddem Vasari das höchste Lob erteiltkam während der Zeitzwischen der ersten und zweiten Auflage seines Buches aus der Kirche abhandenin der es befindlich war. Es stellte den Tod der Maria dar mit den Apostelnringsumherwährend Christus die auffliegende Seele in seine Arme aufnimmt.Michelangelo soll es besonders geliebt haben. Es ist nie wieder zum Vorscheingekommen.

Das berühmteste Denkmal aberdas der Meister sich selbst gesetzt hatbleibt der Glockenturmder neben Santa Maria del Fiore wie ein alleinstehenderschlanker Pfeiler von kolossaler Größe in die Luft steigtviereckig und vonoben bis unten mit Marmor bekleidet. So wenig Arnolfo den Schluß des ungeheurenDombaus selber erlebteder noch anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tode zurVollendung bedurfteebensowenig war es Giotto vergönntseinen wunderbarenTurm zu Ende zu führen. Er hinterließ wie Arnolfo ein Modellnach welchemweitergearbeitet wurdewenn man auch daran änderte und am Schlusse des Werkesdie gotische pyramidale Spitze fortließweil das Ende des Baues in Zeiten fielwo der deutsche Stil längst wieder aufgegeben und in Verachtung gefallen war.

Wie die Kircheneben der er stehtalles an Größe übertreffen solltewasauf Erden jemals gebaut worden wäreso erhielt auch Giotto den AuftrageinenTurm aufzurichtender alles überragtewas griechische und römische Kunsthervorgebracht hätten. Die aus schwarzen und weißen Marmortafelnzusammengesetzte Oberfläche ist mit den schönsten Ornamenten undBildhauerwerken bedecktdie bis zur Höhe in bewunderungswürdigem Reichtumstichhalten. Die Gliederung der verschiedenen Etagendie FensterdieSkulpturenwohin man blickt und aufmerksamer die Augen suchen läßtbildenein unvergleichliches Ganzes. Giotto verdiente die Ehre und die Geldbelohnungdie er dafür einerntete. Das Bürgerrechtdas er erhieltwar damals eine großeSache und der jährliche Gehalt von hundert Goldgulden keine Kleinigkeit.

Er starb 1336.Bis zum Ende des Jahrhunderts blieb sein Stil die formende Gewalt in derflorentinischen Kunst. Die Namen seiner Schüler und Nachahmer bieten nichtsdas über ihn hinausgeht. Es waren unerquickliche Zeitenin denen keine höhereGewalt sich geltend macht in Italien als trüber kampfbegieriger Egoismus. DasLand ist der Schauplatz unendlicher Streitigkeitenderen verworrenes Wesendurch keine hervorleuchtende Männergestalt edlere Bedeutung empfängt.

V

Im Norden saßen die Visconti als die Herren von Mailandwo sie KaiserHeinrich bestätigt hatte. Durch sie blieb das ghibellinische nördliche Italienmit den Kaisern und Deutschland in Verbindung. Ihre besten Soldaten warendeutsche Ritter und Landsknechte.

Nach Osten hin war Venedig den Visconti zu starksie wandten sich nachSüden und brachten Genua in ihre Gewalt; damit war die ganze toskanische KüsteLucca und Pisaeinst das Ziel der genuesischen Wünschenun ein Gegenstand derlombardischen Bestrebungen geworden. Das aber brachte Mailand mit Florenzzusammenfür welches der Besitz der beiden Städte notwendig war. Dazu derGegensatz der politischen Gesinnung: Mailand der Mittelpunkt desdeutsch-kaiserlich ghibellinischen Adels in ItalienFlorenz das Nest despäpstlich nationalen Bürgertums in engster Verbindung mit dem französischenNeapel und mit Frankreich selberdessen Könige die römische Kaiserwürde ansich zu reißen hofften. Toskana lag zwischen dem Norden und dem Süden wie dernatürliche Kampfplatz der feindlichen Mächteauf dem sie aneinanderstoßen mußten.

Florenz war eine von unruhigen Massen bewohnte Fabrikstadt. Es stellte sichbald herausdaß eine unabhängige starke Gewalt die Stadt nach außenschützen müsse. Von den eigenen Bürgern konnte und durfte keiner so mächtigwerdenum so viel zu vermögen; wir finden Florenz daher in den Händen fremderFürstenmeist neapolitanischer Prinzendie für schweres Gold mit ihrenTruppen herbeigeholt werden. Es kam denen wohl der Gedankesich zu ständigenHerren aufzuwerfen. Dann aber zeigte sich die Gewalt der Bürgerschaftdie keinanderes Joch duldete als dasdas sie freiwillig zu übernehmen gewillt war.Florenz blieb frei durch seine Demokratiewie Venedig durch seinen Adel freiblieb.

Die anderen Städte Italiens fielen durch ihre Parteiungen einzelnen Familienoder fremder Herrschaft anheim. Die Dinge nahmen ihren naturgemäßen Verlauf insolchen Fällen. Zwei Parteien des Adels befehdeten sichjede mit einer Familiedie die mächtigste innerhalb ihres Kreises warals Oberhaupt. Hatte eine derParteien dann gesiegtso suchten sich diejenigenwelche ihre Führer gewesenwarenals Herren an der Spitze des ganzen Staates zu erhalten.VerschwägerungenMord und dadurch herbeigeführte ErbschaftenVerbindungenmit auswärtigen Häuserndie Ähnliches beabsichtigten oder bereits erreichthattenbefestigten die neue Stellung. Diese Herrschaft ausdrücklich in eineerbliche zu verwandelnwar kaum notwendigda es sich von Anfang an um dieganze Familie handeltederen Fortbestand durch Todesfälle der Oberhäupternicht unterbrochen wurde.

In Florenz waren seit den ältesten Zeiten solche Attentate an derFreiheitsliebe des Volkes gescheitertauch in jenen Tagenals es noch einenAdel in der Stadt gab. Merkte die siegreiche Parteidaß es nicht bloß auf dieNiederwerfung ihrer Gegnersondern auf die Erhebung ihres eigenen Chefs zurHerrschaft abgesehen seiso versagte sie den Dienst. Alle Feindschaft schwandin solchen Momenten. Die Vertreibung des Herzogs von Athender 1343 zum Herrnder Stadt gemietet worden war und den es leicht dünktesie unter seine Botmäßigkeitzu bringenist eine der glänzendsten Taten der Florentiner. Verführt durchdie Feindschaft der Parteienglaubte er sich mit Hilfe der Aristokraten oben zuerhalten. Aber er trieb es nur kurze Zeit. Ein Aufstand brach ausan dem sichjedermann ohne Unterschied der Farbe beteiligteund der Herzog flüchtete vordem empörten Volkedem er nicht zu trotzen wagte. In jenem selben Jahre nochwar eswo dann in Florenz der letzte Kampf gegen die adligen Geschlechtergekämpft wurdedie nach der Vertreibung des Herzogs alsbald von neuem einanderfeindlich gegenübertraten. Es waren ihrer nicht viele mehrsie wurdenvernichtetaber sie verkauften ihren Untergang teuer genug. Eine gewaltige Straßenschlachtentspann sichdas Volk eroberte die Paläste der Familienwunderbar weißMacchiavelli die Wut der Bürger und den verzweifelten Widerstand der Herren zuschildernwie eine Familie nach der anderen hinsank und dannals die Zünftegesiegt hattendiese nun selber bald darauf zu erneuten Kämpfen sich zuspalten begannen. Die höheren Zünfte waren jetzt »die Großen«dieUnterdrückergegen welche die niederen Zünfte»das Volk«die Waffenergriff. Wiederum mächtige alte Familiendie die Partei der Großen bildenwährend anderedie emporzukommen strebtendie ungeduldigen Wünsche desniederen Volkes zur Empörung reizen.

Diese Revolutionen sind esaus denen endlich die Medici auftauchen. GegenEnde des vierzehnten Jahrhunderts begannen sie sich zu erheben. Ihr Wachstum warein natürliches und deshalb unaufhaltsam. Aus dem Zusammenwirken zweierunüberwindlicher Mächte: der Eigentümlichkeit des florentinischen Volkes unddes eigenen Familiencharakterssog es seine Nahrungund eine Herrschaftbildete sichdie mit keiner anderen Füstenherrschaft verglichen werden kann.

Die Medici waren Fürsten und doch Privatleute. Sie herrschten unumschränktund schienen niemals einen Befehl zu geben. Man könnte sie erbliche Ratgeberdes florentinischen Volkesdie erbliche florentinische Vorsehung nennenInhaberErklärer und Vollstrecker der öffentlichen Meinung. Sie regiertenohne Titel und Mandatihre einzige Berechtigung floß aus ihrerUnentbehrlichkeit.

Der Reichtum der Familie war nur das äußerliche Werkzeugmit dem siearbeitetedie eigentlich treibende Kraftwelche sie zur Höhe steigen ließlag in dem TalenteVertrauen zu gewinnenohne es zu fordernden Willendurchzusetzenohne zu befehlenund ihre Feinde zu besiegenohne sieanzugreifen. Ans Tageslicht traten nur ihre Erfolgeselten die Wegeauf denensie sie erlangten. Hier scheuten sie kein Mittel. In einer Verteidigungsschriftin welcher der Charakter des ersten Cosimo mit Leidenschaft oder vielmehr mitWut in Schutz genommen wirdlesen wir zum Lobe dieses Vaters des Vaterlandeser habe den römischen Kaiser vergiftetum Italien vor seinem Einbruche zuretten! Verräterei und Gewaltsamkeit waren ihnen geläufig wie irgendeineranderen Fürstenfamilie ihrer Zeitenwas sie aber auszeichnete vor ihnenwardie nationaleecht florentinische Weisein der sie damit zu verfahren wußten.Sie waren feiner als die Feinsten in Florenzfügsamer als die Schlaustenpackten ihre Feinde mit unvermeidlicher Akkuratesse und verstanden esmeisterhaftsie in das Gefühl der Sicherheit einzuschläfernin dem befangensie sich greifen ließen. Kaltes Blut in den schwierigsten Momenten nützt ihnenmehr noch als die Bravourdie ihnen niemals fehltemit beiden aber ging einwunderbares Glück Hand in Handund was sie wahrhaft verklärtist ihr aufhöhere Kultur gerichteter Geistdie Freude am Schönen und die edelmütige Artund Weisewie sie denen sich befreundetendie in Kunst und Wissenschaften dieErsten waren. Ihre Verdienste und wiederum ihr Glück – denn das Schicksalbegünstigte die edle Neigung in vollem Maße – sind hier so großartigunddafürdaß die ganze Welt davon erfahrehat der Genius der Geschichte soschön Sorge getragendaß die Medici einzig dastehen als die Beschützer vonKunst und Wissenschaft.

Der erste Medicidessen Schicksal sich in durchgreifender Weise in dieGeschickte der Stadt einmischtwar Salvestroim Jahre 1370 Gonfalonier vonFlorenz. Der Gonfalonierdie höchste Behördesaß ein Jahr im Amte. Man kannes schlechthin und allgemein mit dem Titel Regierender Bürgermeisterübersetzendem Wortlaut nach heißt es Bannerträger; der Gonfalonier führtedas Banner der Gerechtigkeit zum Zeichen der obersten Gewaltdie in seinenHänden lag.

Salvestrozugleich Anführer der demokratischen Parteistürzte dieBürgerschaft in eine der gefährlichsten Revolutionen. Ohne sich offen zukompromittierenreizte er die Leute so langebis der Aufruhr ausbrach.Inmitten der Bewegung stand er darauf als loyaler Mann außerhalb allen Streitesund offenbarte in seinen Manövern jenen Geist der Schlauheit und Energiedurchwelchen seine Familie in späteren Zeiten immer siegreich bliebsooft sie nurihn rücksichtslos anzuwenden Kraft und Kühnheit besaß.

Der Zweck der demokratischen Parteian deren Spitze sich die Medici stelltenwar die Bekämpfung derjenigen Familienwelche sich innerhalb der reinenZunftverfassung durch gemeinsame Reichtümer zur herrschenden Minoritätaufgeworfen hatten. Die Medici nahmen unter ihnen den Rang nicht einwelchensie einzunehmen wünschten. Ihre Familie war keine von den angesehensten undältesten. Statt nun jedoch innerhalb jener Aristokratendenen siegleichstellen wolltensich eine Partei zu bildenmit deren Hilfe sie dannvielleicht die großen Familien und das ganze Volk in Abhängigkeit gebrachthättenmachten sie die Sache des Volkes zu der ihrigenvernichteten vereintmit ihm die Großen und traten dann ihre Erbschaft an.

Sosehr nun auch der Wegden sie einschlugenund die Hilfsmittelderen siesich bedientenden schließlichen Erfolg als das siegreiche Spiel kaltangezettelter Intrigen erscheinen lassen konntenso sehr bedurfte es dennochder größten Geisteskraftum als Sieger hervorzugehen. Eine Reihe dergefährlichsten Momente treten einin denen sich die Medici mit fürstlichemTakte benehmen. Das Aufsteigen dieser königlichen Bürger besteht aus einerFolge politischer Ereignissedie immer umfassender werden. Das Reinmenschlicheaber gab am Ende doch den Ausschlagund Edelmut und Geistesgröße öfter alsheimlich berechnende Hinterlist. Die Medici herrschten nicht bloß dadurchdaßsie die bösen Eigenschaften ihrer Mitbürger in der größten Potenz besaßensondern auchweil sie das Vortreffliche des florentinischen Nationalcharaktersstärker in sich trugen als irgendwer. Das Nachteilige tritt überall starkhervorweil es deutlicher zu erkennen ist und sich in einzelnen Fällen mitSchärfe zeigt; das Gutedas mehr in einer allgemeinen Stimmung beruht und dasselbst dawo man es anerkannt hatdennoch als etwas sich von selbstVerstehendes leicht übersehen wirderblaßt dagegen und scheint kaum einVerdienst zu sein. Deshalb mag auch wohl bei Salvestro weniger augenscheinlichins Gewicht fallendaß die Sacheder er dientean sich eine gute undgerechte war. Man glaubt in zu hohem Grade zu erkennendaß er sie nur benutzte.Er ging aus den Stürmendie er angeblasenmit dem Ruhme eines Demokratenhervorden das Volk liebtezugleich blieb er der Mannden die Großen nichtentbehren konnten. 1388 starb er. Nach seinem Tode ward Veri dei Medici dasHaupt der Familie. Die Streitigkeiten der höheren und niederen Zünfte um denAnteil an der Regierung dauerten fort. Die Aufstände nahmen kein Ende. Manmordeteman stürmte den mißliebigen Großen die Palästeplünderte undsteckte sie an. HinrichtungenVerbannungenKonfiskationen oderAnrüchigkeitserklärungendurch welche bedenklichen Persönlichkeiten aufgewisse Zeit die Ausübung der politischen Rechte entzogen wardwaren an derTagesordnung. In ganz Italien herrschte um diese Zeit ein prinzipienloser Kriegaller gegen alle. Kaiser und Papst mischen sich hineinkümmern sich aberwiedie übrigennur um niedere Vorteile. Die großen Gedanken sind inVergessenheit geraten. Es mangelte in geistigen und politischen Dingen dieletzte Instanzbei der eine Entscheidung zu suchen wäre. Der Triebzuunterjochen und materielle Güter zu sammelnwar der einzige Grund derEreignisse.

Vergleicht man unsere Tagedie von vielen verwirrt und haltlos gescholtenwerdenmit den damaligen Zeitläuftenso scheint der heutige Zustand ein idealharmonisches Gefügewo WahrheitWürde und Langmut das Szepter führenwoalle unedle Leidenschaft ihr Gift und selbst das Geld seinen Zauber verloren hat.Wir bilden uns manchmal einfür Geld wäre heut alles zu haben: wie wenig aberscheinen wir mit diesem Werkzeuge ausrichten zu könnenwenn wir jeneverflossenen Strömungen der Geschichte betrachten. Welcher Fürst dürfteheutigen Tages so mit allem Handel treibenwas seiner Macht zugänglich istwie es damals geschah? Die Gewalt der öffentlichen Meinungdie heute mitfinsterer Stirn auf die Handlungen der Fürsten und Völker herabblicktexistierte nicht. Das zwingende Gefühl politischer Sittlichkeitdas in denGemütern erwacht istwar etwasdas auch nicht die fernsten Ahnungen derMenschen berührte.

Die Herrschaft Cosmos dei Medici fällt zusammen mit dem AufschwungederItalien aus dieser Versunkenheit aufriß. Wie rettende Inseln tauchten dieGedanken des antiken Geistes in der allgemeinen Sündflut empor; zu ihnenflüchtete man. Der Einfluß der griechischen Philosophie wurde neu lebendig.Die Medici sind aufs innigste beteiligt bei ihrem Wiederaufblühen. Von derKunst jener Tage istohne ihren Namen zu nennennicht zu erzählen. DieVorteilewelche Florenz und seinen Bürgern von der Natur verliehen warenwurden durch Cosmo erkannt und gesteigertund so ist die Stadt zum MittelpunktItaliens gemachtdas jetzt an Bildung die übrigen Länder Europasüberflügelte.

VI

Vier bedeutende Künstler treten auf in Florenz mit dem Beginn desfünfzehnten Jahrhunderts: GhibertiBrunelleschiDonatelloMasaccio.Märchenhaft ausgedrückt könnte man sagendaß sie vier Brüder gewesen seiendie sich in ihres Vaters Giotto Erbschaft teilten und deren jeder die Grenzenseines Anteils zu einem großen Reiche ausdehnte. Diese vier sind die Gründereiner neuen Kunstdie nach vielen Jahren dann die Grundlage derjenigen wardüber deren Blüte keine folgende hinauswuchs.

Ghiberti begann als Goldschmiedslehrling. Zuerst arbeitete er in GiottosManier. Den Übergang zu eigener Eigentümlichkeit lassen die Türen von SanGiovanni am besten erkennenwelche heute nochdie bis auf wenige Spurenaufgezehrte Vergoldung ausgenommenrein und unberührt an ihrer Stelle stehen.

Drei offene Tore hat die Kirchedas vierte nach Westen hin liegende istzugemauert. Das östliche Haupttor war von Andrea Pisano mit erzenen Flügelnausgefülltzu denen Giotto die Zeichnungen machte. Im Anfang des Jahrhundertsbeschloß die Zunft der Kaufleuteeines der anderen beiden Tore ausführen zulassenund schrieb eine Konkurrenz der Künstler auswelche auf die Ehre undden Gewinn ihre Ansprüche erheben wollten.

Ghiberti war damals 20 Jahre alt. Er hatte Florenz verlassenwo die Pestherrschteund malte in Rimini für Pandolfo Malatesta die Gemächer einesPalastes aus. Jetzt kehrte er in seine Vaterstadt zurück. Sechs Künstlerbeteiligten sich an dem Wettkampfeunter ihnen Brunelleschider drei Jahreälter als Ghibertiihm hier zum ersten Male den Rang streitig machte.

Die Aufgabe war so gestelltdaß die eine vorhandene Tür als Muster dienensollte. Jeder Flügel ist hier in eine Reihe übereinanderliegender Feldereingeteiltjedes Feld enthält ein Bild in Basrelief. Die Herstellung eineseinzigen solchen Bronzefeldes wurde gefordert und dafür die Zeit eines Jahreszugestanden. Vierunddreißig fremde und einheimische Meister hatte man alsentscheidende Kommission hingestellt.

Ghiberti erfreute sich der Hilfe seines Vatersbei dem er gelernt hatte undder ihn beim Guß des Erzes unterstützte. Es kam in dieser Konkurrenz nicht sosehr darauf ansich durch eine geniale Erfindung etwa als den würdigstenMeister zu bewährensondern es sollte erprobt werdenwerauf welche Weiseimmerdas vollendetste Stück Erzguß zu liefern imstande sei. Es handelte sichum Erfahrung und geschickte Behandlung des Materials. Ghibertis Arbeit wurde vontadelloser Ausführung befunden und ihm am 23. November 1403 das Werkübertragen. Eine Anzahl anderer Künstler gab man ihm zu Mitarbeitern. Wie vieljedes Jahr fertig werden mußtewar im Kontrakte genau festgestellt.Einundzwanzig Jahre dauerte die Arbeit. Am 19. April 1424 wurden die beidenFlügel in die Angeln gehobenwährend Andreas Türe nach Norden hin an ihreheutige Stelle gebracht worden war. Ghibertis Ruhm verbreitete sich jetzt inganz Italienseine Tätigkeit ward von allen Seiten in Anspruch genommeninFlorenz aber faßte man den Entschlußihm auch die dritte Tür zu übertragen.

Er war an kein Vorbild mehr gebundendie einzige Bedingung stand imKontraktedaß ersolange an der Tür gearbeitet würdeohne Zustimmung derZunft der Kaufleute keinen anderen Auftrag übernehmen dürfe; übrigenswasZeit und Kosten anbeträfesei alles seinem Belieben anheimgestellt. Manerwarte jedoch von ihmdaß erwie er mit der bereits vollendeten Tür alleanderen Meister besiegt habebei dieser neuen sich selbst übertreffen würde.Am 16. Juni 1452 ward auch dieses Werknun als Haupteingangan Ort und Stellegeschafft. Am ersten hatte ihm noch sein Vater geholfendiesmal konnte ihm seinSohn Vittorio bei der Vergoldung zur Hand gehenwelche nachträglichvorgenommen wurde. Nicht lange danach starb Lorenzo Ghiberti; sein ganzes Lebendas er auf vierundsiebzig Jahre brachteist diesen beiden Hauptwerken geweihtgewesen.

Die zweite Tür übertrifft die erste in jeder Hinsicht. Wie ihm geboten warfolgte der Meister frei dem bildenden Genius. Seine Arbeit ist im höchstenSinne geschmackvolldas Erhabenstewas das künstlerische Handwerk zu leistenvermochte. Die Kompositionen der einzelnen Felder sind in einer Weise effektvollzur Darstellung gebrachtdie ohne eine so durchdringende Kenntnis undAusbeutung aller der Vorteiledie das Material nur irgend gestatteteunmöglich gewesen wäre. Man könnte diese Tür eine kolossaleGoldschmiedsarbeit nennenman könnte aber auch sagendie einzelnen Felderseien ins Relief übertragene Gemäldewie sie nur der geschickteste Maler zuerfinden befähigt sei. Die Tür ist ein Werk für sichdas spätere Nachahmungniemals zu erreichen imstande war. Der die Fenster umschließende Randdaseigentliche Gerippe der beiden Flügelist mit ungemeinem Reichtum anFigurenschmuck ausgestattetmit liegenden und stehenden Statuettendie beinahefrei gearbeitet und in Nischen postiert sindmit vorspringenden Porträtköpfenund anderen Ornamentenderen keines von geringerer Sorgfalt als das anderezeugt. Diese Tür ist die erste bedeutende Schöpfung florentinischer Kunstderen Einfluß auf Michelangelo erkenntlich scheint. Die Erschaffung Adams ander Decke der Sixtinischen Kapelledie Trunkenheit Noahsdie Tötung Goliathsebendaselbst beruhen in ihren ersten Gedanken auf den kleinen Gestalten derGhibertischen Kompositionen. Michelangelo übersetzte sie ins Riesenhafte. Ineinigen Figuren der Einfassung finden wir bereits KörperwendungendieMichelangelo mit Vorliebe anwendet. So die gestreckte Lagebei der sich dieaufgerichtete Brust seitwärts auf den eingeknickten anliegenden Arm stütztdaß die Schulter ein wenig heraufgedrängt wirdeine Auffassung dermenschlichen Gestaltdie bei Michelangelos Nachahmern zu einer beinahestereotypen Erscheinung wird. Michelangelo sagte von diesen Türensie wärenwürdigdie Türen des Paradieses zu sein.

Was Ghiberti den Vortritt in einer neuen Richtung gegeben hatwar dasStudium der Antike. Ein Gefühl für den Wertwelcher den Überresten der altenKunst innewohntewar nie ganz erloschen gewesen in Italien. Der Nation aberfehlte die Ehrfurcht und das Verständnis. Petrarca klagtdaß die aus der Artgeschlagenen Römer mit den Trümmern ihrer alten Größe einen schmählichendie Stadt beraubenden Handel trieben. Um das Jahr 1430 gab es in ganz Rom sechsantike Statuendie genannt zu werden verdienten. Ghiberti hat Aufzeichnungenüber die Kunst hinterlassener spricht von der Entdeckung antiker Marmorwerkewie von seltenen Ereignissen. Er beschreibt einen Hermaphroditden er 1440 inRom sahwo ihn ein Bildhauerder das Grabmal eines Kardinals zu erarbeitenhatte und nach brauchbaren Marmorstücken suchteacht Fuß unter der Erdeauffandeine liegende Figurdie mit der glatten Seite ihres Postaments übereine Kloake gestellt als Deckstein diente. In Padua sah er eine zweite Statuedie in Florenz entdeckt wurdeals man den Grund zu einem Hause ausgrub. Diedritte in Sienavon dieser aber habe er nur eine Zeichnung gesehendieAmbrosio Lorenzetti (ein Schüler Giottos) von ihr angefertigt hätte und dieihm in Siena von ihrem Besitzereinem alten Kartäuser Möncheder einGoldschmied wargezeigt worden sei. Dieser habe ihm auch erzähltwie beimFunde der Statue alle GelehrtenMalerBildhauer und Goldschmiede der Stadtzusammengekommen wärensie betrachtet und beratschlage hättenwo sieaufzustellen sei. Dazu hätte man endlich den Marktbrunnen ausersehen. DieStatue sei ein wunderbar schönes Werk gewesenmit einem Delphin an dem einenBeineauf dem sie aufstandan ihrem Fußgestell habe der Name Lysipposgestanden.

Kurze Zeit nach Aufstellung der Statue aber nimmt der Kriegden Siena mitFlorenz führteeine böse Wendung. Es muß ums Jahr 1390 gewesen seinwoSiena mit Visconti gegen die Florentiner verbündet war. Das Ratskollegium derStadt überlegte hin und herwodurch dies plötzliche Einbrechen des Unglücksverschuldet sein könnteund gelangt zur Ansichtdurch Aufrichtung desGötzenbildesdas allem Christenglauben zuwider seihabe man den Zorn desHimmels herabbeschworen. Das arme Werk des Lysippos wird heruntergestürzt undin tausend Trümmer zerschlagendie manum aus der bösen Sache sogar nochVorteil zu ziehenheimlicherweise auf florentinisches Gebiet schafft und da indie Erde gräbt. Hier haben wir das vielleicht letzte Opfer des erbittertenKampfesin welchem die Christen der römischen Kaiserzeit sich gegen dieheidnischen Götterbilder gewandt hatten. Man sah sie als Wohnstätten derDämonen selber an und befahl ihre Vernichtung als ein gottgefälliges Werk.Auch dann nochals dieser erste Haß verschwunden warweil längst keineStatuen mehr zu vernichten warenwirkte der fest eingewurzelte Glaube fort. Diewenigen Bildwerkewelche an den römischen Säulen und Triumphbogen noch zutagestandengalten immer als Werke der Zaubereiund die an sie geknüpften Sagenlassen die Scheu erkennenmit der das Volk sie betrachtete. Langsam trat hierein Umschwung ein.

Ghiberti wußte die Vorzüge der antiken Arbeit wohl zu schätzen. Von einemin Florenz gefundenen Torso sagt erer sei mit so großer Zartheit ausgeführtdaß man diese Feinheiten weder bei vollem noch bei gedämpftem Lichte mit demAuge allein zu erkennen vermögeman müsse sie mit den Fingerspitzenheraustastenwenn man sie ganz und gar entdecken wolle.

Wenn er in dieser Richtung den alten Meistern ihre Geheimnisse ablernte undsie der Skulptur zu Nutzen anzuwenden bemüht war. so bestrebte sichBrunelleschi mit gleich glücklichem Erfolgedie Schönheit der antikenArchitektur zu Ehren zu bringen. Als ihmerzählt Vasariin jener Konkurrenzder Preis nicht zuerkannt worden warmachte er sich mit Donatelloseinemjüngeren Freundenach Rom auf Auch dieser hatte als Goldschmied angefangensich aber bald dem Studium der Architektur ergeben. Indessenso gut wieGhiberti auch Architekt warso gut war Brunelleschi MalerBildhauer undErzarbeiter. Diese Studien bildeten ein Ganzesdas man Kunst nanntewie allegeistige Arbeit nach jeder Richtung hin ein Ganzes bildetedas man Wissenschaftnannte. Diese Universalität finden wir schon bei Giottoder zu dem Übrigenauch Gedichte zu machen verstand.

In Rom begannen die beiden Freunde die Überbleibsel der antiken Bauwerkeauszumessen. Den Römern war diese Interesse an den Ruinen ihrer Stadt durchausunverständlichman glaubte von den jungen Florentinernsie grüben nach Goldund Silber in dem Gemäuer der Tempel und Kaiserpalästeund nannte sie dieSchatzgräber. Damals stand noch manchesdas heute in Trümmern liegt oder ganzund gar verschwunden ist. Erst lange nach jenen Zeitenüber fünfzig Jahrespäterzerstörte der Kardinal von San Marco das Kolosseumum aus denWerkstücken den venezianischen Palast zu bauen. Brunelleschi erwarb sich in Romdie Anschauungenmit denen er später den gotischen Stil völlig besiegte.Seine Erkenntnis des antiken Kuppelbauesdie er sich durch die genaueVermessung des Pantheons erwarbsetzte ihn in den Standdie Kuppel des Domesin Florenz zu wölbennach welcher dann endlich Michelangelo die von SanktPeter auftürmte. So führen die Wege der florentinischen Kunst auf dieseneinzigen Größten hin.

Nach Florenz zurückgekehrtbefand er sich zeitweise unter den Künstlernderen Hilfe Ghiberti zu seinem großen Werke bedurfte. Auch Donatello arbeitetehier mit. Sie gingen zum zweiten Male nach Romwo erneute Studien des Altertumsvorgenommen wurden; jetzt aber trat Brunelleschi zu Hause mit seinem Projektefür Santa Maria del Fiore auf. Ihm gegenüber stand wiederum Ghibertider denRuhm auf seiner Seite hatte und gewohnt warin Sachen der Kunst das große Wortzu führen.

Der Dom war längst fertignur seine Mitte stand frei und ohne Dach. Niemandwußtewie die ungeheuere Öffnung zu schließen sei. Eine Konkurrenz wardausgeschrieben. Die florentinischen Handlungshäuser in DeutschlandBurgundFrankreich und England hatten die Weisung erhaltenden Abgang bedeutenderMeister nach Florenz zu bewirken. 1420 wird die Versammlung eröffnet. AllerleiMeinungen kommen zutage. Der eine schlägt vorfreie Pfeiler aufzuführenwelche das Kuppelgewölbe tragen sollten. Ein anderer will die Wölbung ausBimsstein aufmauernder Leichtigkeit wegen. Ein einziger mächtiger Tragpfeilerin der Mitte des Gewölbes wird proponiert. Der tollste Vorschlag ging dahindie ganze Kirche mit Erde zu füllenum eine einstweilige feste Stütze fürdas Gewölbe zu gewinnen. Damit diese Erde nach Vollendung des Baues dann um soschneller wieder fortgeschafft würdesollten kleine Silberstückehineingemischt werden: was Hände hättewürde dann auf das eifrigste davonfortschleppen.

Brunelleschis Projekt war ein freies Gewölbe. Er wolle es aufführenohnenur ein Gerüst zu brauchen. Die enormen Kosten der anderen reduzierte er aufeine geringe Summe. Doch je mehr er versprachum so unglaublicher schienenseine Worte. Niemand hörte ihnund schon war er auf dem Sprunge wieder nachRomhinweg aus seiner undankbaren Vaterstadtals den Leuten zuletzt dasVerständnis kames könne doch etwas hinter dem Manne stecken. Er hatte seinModell den vereinigten Architekten nicht vorzeigen wollenin der Stille ließer es nun diejenigen sehenvon deren Stimme der Zuschlag abhing. Eine neueVersammlung wird berufen; abermaliger Streitabermalige Weigerungdas Modellzu zeigen. endlicher Sieg Brunelleschis dennochder durch ein Gleichnis seinenüberragenden Verstand dartut. Er verlangt von den Herrensie sollten ein Eiauf die Spitze stellenund es folgt die Geschichte vom Ei des Kolumbusdasalle vereinten Baumeister nicht aufzustellen vermögen und das Brunelleschilange Jahre ehe eine Seele an Kolumbus dachtenach seiner Methode zum Stehenbringt.

Jetztnachdem er den Bau erhalten haterwacht die Eifersucht Ghibertis.Vasaris Erzählung wird bei dieser Gelegenheit offenbar mythisch. Es gab zweiParteien in Florenzderen jede im Interesse des einen oder anderen der beidengroßen Architekten die Tatsachen entstellteund Vasari folgte den AnhängernBrunelleschis. Indessenwie dem nun seiwas er vorbringtgewährt Einblick indas Leben und Treiben der florentinischen Künstlerschaft und zeigtwie danicht nur Kunst gegen Kunstsondern auch List gegen List auftrat. Berichten wiralso in Vasaris Sinne weiter. Ghiberti stand in der Blüte seines Ruhmes. Erbringt es dahindaß ihm und Brunelleschi zusammen der Bau der Kuppelübertragen wird. Brunelleschiwütend und außer sich über den Streichwillwiederum alles im Stich lassen. Donatello aber und Luca della Robbialetztererebenfalls ein vortrefflicher Bildhauerbewegen ihnstatt seine Zeichnungen zuzerreißen und ins Feuer zu werfenwie er tun wolltelieber mit den Vorsteherndes Baues sich zu verständigenkurzer läßt sich zuredenund die Arbeitennehmen ihren Anfang. Sein Modell jedochdas er größer in Holz ausführenläßthält er vor Ghiberti sorgfältig verschlossender seinesteils nichtminder ein Modell anfertigtfür welches er dreihundert Lire in Anschlag bringtwährend Brunelleschi nur fünfzig beansprucht. Sieben Jahre wird so inGemeinsamkeit fortgebautbis man an den bedenklichen Punkt kommtwo GhibertisWeisheit zu Ende war. Die eigentliche Wölbung begann. Es kam darauf andasrichtige Prinzip zur Anwendung zu bringennach welchem die Steineineinandergefügt wurden. Nun stellt sich Brunelleschi krank. Ghibertierstverlegendann ratlos. kann allein nicht weiter und muß zurücktreten.Anfänglich behält er seine drei Goldgulden monatlichdie er wie Brunelleschibezogdann wird diesem der Gehalt auf acht erhöhtwährend Ghibertis Anteilganz fortfällt. Ebenso klug weiß Brunelleschi die Arbeiter zu behandelndieihm nicht immer zu Willen sind. Seine Stellung in der Stadt war eine bedeutende.Schon 1423 trat er in die Signorie ein. Neben dem großen Bau der Kuppelbeschäftigten ihn zahlreiche andere Aufträge. Nicht minder jedoch Ghiberti undum sie her andere Meisterderen Werke und Namen aber nur für diejenigenBedeutung habendie ihnen an Ort und Stelle nachzugehen imstande sind.

Brunelleschi starb 1446; als Architekt nicht gerade Urheber der neuenRichtungdie das Gotische verdrängtewohl aber der Meisterder mit den größtenMitteln ihre Übermacht zu einer Tatsache stempelte. Dennoch war auch erwieGhibertimehr Handwerker im großen Stilewie denn überhaupt die Tage noch inder Zukunft lagenin denen die Männer auftratenderen eigenstes Wesen denerkennbaren Mittelpunkt ihrer Kunst bildet. Besonders für die Maler gilt dieseBemerkungdenen doch eine solche Freiheit am ehesten erreichbar ist.

Die Arbeiten der einzelnen Meister sind mehrenteils in Fülle vorhandenwirvermögen deren Eigentümlichkeitvielleicht sogar ihre Neigungen zuunterscheiden. Der eine ahmt hierder andere dort nachder ist um eine Spurzarterder andere derber; es ist ein Genußdie Reihen der Sammlungen und dieGemälde der KirchenPaläste und öffentlichen Gebäude mit geübterem Blickeanzusehen und die Meister fest zu erkennen oder annähernd zu bestimmen. Einegroße Anzahl geschichtlicher Zeugnissean deren Vervollständigung nochunablässig gesammelt wirdKorrespondenzenKontrakteTestamente bestätigenoder korrigieren das ästhetische Urteil und verleihen den Kunstwerken höherenWertdie alle dadurch auch in historischer Weise nochmals in Zusammenhanggeraten; trotzdem aber wäre im höchsten Sinne die florentinische Kunst bis indie Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts der Betrachtung weniger wertwenn nichtspäter die Erscheinungen einträtendie als ihre endliche Blüte sichentfalteten. Selbst Masaccios Arbeitender zu Ghiberti und Brunelleschi als derdritte große Wiedererwecker der Kunst gerechnet wirdberühren die höhereKunst kaumhalten sie immer noch innerhalb der Grenzen des edelsten Handwerks.Diese Männer wirken für bestimmte Zwecke in ausgezeichneter Weiseaber dem soEntstandenen fehlt daswas einem Kunstwerke eigen sein mußum seinen Meisterein Genie und seine Art zu arbeiten Stil nennen zu dürfen. Jedes Werk eines großenKünstlers muß bei aller Vollendung des Geleisteten geistig gleichsam dieAussicht auf ein noch größeres Werk eröffnendas unsichtbar darüber schwebtund unsohne daß wir wissenwoher sie stammemit jener ewig unbefriedigtenNeugier erfülltdienachdem sie alles erschöpft zu haben glaubtdennoch imMomentewo sie sich abwendetfühltsie habe erst das wenigste gesehen.

Als ein Mannder es versuchtsolche Werke hinzustellenerscheintDonatello. Er lebt nicht mit sich im Frieden. Er will mit seinen Arbeiten nichtdas bewirkendaß kein anderer ihn übertreffesondern er strebt danacheineIdee auszudrückendie zu verfolgen ihm mehr dünktals technischeVollkommenheit zu zeigen. Das heitere Genügen in der Ausübung hoherGeschicklichkeitdas aus Ghibertis Arbeiten herausblicktgeht den seinigen ab.Sie haben meist etwas UnfertigesRauhesaber sie sind lebendigund es ist derGeist ihres Meistersder ihnen dies Leben eingehaucht hat.

Auch für Donatello war Ghiberti ein mächtiger Nebenbuhlerdoch schlugensie beide verschiedene Wege ein. Während Ghiberti seinen Figuren eine gewisseallgemeine Grazieseinen Ornamenten gefällige Zierlichkeit zu geben weiß undein Ineinandergreifen aller Teile zum günstigsten Totaleffekt durch gleichmäßigeVollendung der Einzelheiten erzieltwirft sich Donatello kräftig auf dierücksichtslose Nachahmung der Naturwie sie ihm vor die Augen trat.

Über dies Bestreben bringt Vasari wieder eine jener kleinen Geschichten vorderen Glaubwürdigkeit auf schwachen Füßen stehtdie aber wahrhaft in sichund wichtig erscheintweil sie die Natur des Künstlers kennzeichnet. Noch inden Anfängen begriffensoll er seinen Freund Brunelleschi einmal um einoffenes Urteil über ein von ihm gearbeitetes Kruzifix gebeten haben. »Was duda gemacht hast«sagte dieser»ist kein Christussondern ein ans Kreuzgenagelter Bauer.« »Tadeln ist leichter als besser machen«antworteteDonatello. Brunelleschi steckt das ruhig ein und arbeitet für sich in derStille ein Kruzifixdas er eines Morgens in die Werkstätte mitnimmt. Donatellokommt gerade vom Markte und hat ihr beiderseitiges FrühstückFrüchteKäseEier usw. in der Schürze. Brunelleschi hält ihm das Kruzifix hinundDonatello ist so verblüfft bei diesem Anblickdaß er staunend die Händeerhebt und alleswas in der Schürze warauf die Erde fallen läßt. »Wiesollen wir nun frühstücken?« ruft Brunelleschi. »Hebe du dir vom Boden aufwas du Lust hast«antwortete Donatello»ich für mein Teil habe heute meinFrühstück vorweg; ich sehe wohldaß du für Christusse gemacht bistundmeine Kunst für nichts weiterals Bauern taugt.« Vasari erzählt die Anekdotezweimal an verschiedenen Stellen und nicht ganz übereinstimmend.

Brunelleschi hatte nicht unrecht. Ein Zug derber Wirklichkeit geht durch dieGestalten seines Freundesauch die zartesten nicht ausgenommen. Was für einMann ist der heilige Georg in der Nische der Kirche Or San Michele! In vollerRüstung steht er dastrack auf beiden Beinendie etwas gespreizt sindmitgleichmäßiger Wucht auf beiden ruhendals wolle er so ausharrenund keineGewalt sollte ihn von seinem Posten bringen; den hohen Schild hat er gerade vorsich hingestelltbeide Hände rühren seinen Rand anhalb um ihn zu haltenhalb um daran zu ruhen; Stirn und Augen voll erwartender Kühnheit. AuchGhiberti hat in die Nischen der äußeren Wände von Or San Michele Statuengeliefertderen Vortrefflichkeit erfreut; kommt man aber an diesen Georg heranso verwandelt sich das bloß ästhetische Interesse plötzlich in lebendigerenAnteil an der Person des Meisters. Die Technik wird Nebensache. Wer ist dasgewesenfragt mander einen solchen Kerl so schlagfertig dahingestellt hat?

Ghiberti und Brunelleschi standen zu den Medici in engen Beziehungen.Donatelloscheint esin höherem Maße als beide; er war der erste großeKünstlerdessen Schicksal auf dem der Familie beruhte. Sie verehrten ihm einkleines Landgut und verwandeltenals ihm dessen Bewirtschaftung zu viel Mühemachtedas Geschenk in eine jährliche Rente. Cosmo dei Medici empfahl ihnsterbend seinem Sohne Pieroder sich liebevoll seiner annahm und ihn in SanLorenzo ehrenvoll begraben ließ.

Donatello war ein einfacher Mann von wenig Bedürfnissen. Einen von Cosmogeschenkten Mantel wollte er nicht tragenweil er zu prachtvoll sei. Sein Geldsoll immer offen dagelegen haben in einem Korbeder von der Decke herabhing.Seine Freunde durften jederzeit hineingreifenwenn sie es brauchten. Uralt undgelähmt lag er die letzte Zeit seines Lebens in einem kleinen HäuschendessenLage Vasari noch genau angibtvon dem aber heute keine Spur mehr vorhanden ist.Die ganze Stadt folgte der Leicheals er begraben wurde.

Zehn Jahre nach Donatellos Tod erst wurde Michelangelo geboren. Zwischenbeiden fand eine auffallende geistige Verwandtschaft statt. ÄußerlichenZusammenhanges eines früheren Meisters zu Michelangelo wurde bereits gedachthier aber war die Ähnlichkeit der Natur so starkdaß einer von dengeistreichen Florentinern jener Zeit die Bemerkung machte: entwederbuonarrotisiere Donatello oder es donatellisiere Buonarroti. Auch meißelteDonatello den Marmor kühn und mit Leichtigkeit wie Michelangelolieferte dabeiaberwie dieser gleichfallswenn es darauf ankamdie zartesteglattesteArbeit. Sein heiliger Georg ist kühn modelliert und auf kräftige Gesamtwirkungangelegtdagegen befindet sich in der Kartause bei Florenz das Grabdenkmaleines Bischofsdas unübertrefflich fein vollendet ist. Mitten in einem Gemacheliegt die auf dem Rücken ruhendelang ausgestreckte Gestalt auf dem Steinbodenohne andere Unterlage als nur ein Kissen unter dem Haupte. Geschützt durch dieheilige Stille und Abgeschiedenheit des Klostersunangetastet von Zerstörungkaum vom Staube angeflogenhat das Marmorbild Jahrhunderte lang seine ersteFrische bewahrt.

Hier gewinnt man die Überzeugungdaßwenn der Meister an anderen Stellenin größeren Zügen arbeitetees sein Wille war und nicht weil die Hand ihmdie feinere Arbeit versagte. Ebensogroß als seine Kunst beim Marmor war dieGeschicklichkeit beim Erzguß. Die Kirche von San Lorenzodie Brunelleschi fürdie Medici neu erbauteist in ihrer inneren Ausschmückung das Werk Donatellosund seiner Schüler. Michelangelo vollendete zuletztwas noch fehlte. Und dochist diese Kircheangefüllt von einer Reihe von Werken beider Künstlerderenjedes einzelne seinem Urheber einen Namen gemacht hättenur ein Ortunter den vielendie durch den Reichtum ihrer Phantasie verherrlicht wurden.

Florenz ist voll von Donatellos Werkendas übrige Toskana und Italienbesitzen daneben ihren guten Anteil. Betrachtet man die Arbeiten hier und davereinzeltso erblickt man nur die Kunst eines einsamen Mannes; überschlägtman aber die gesamte Summedie Müheden Umfangdie Kostbarkeitso sieht manim Geiste den Meister inmitten einer großen Werkstatt und von ausgezeichnetenzahlreichen Schülern umgebendie alle unter seinem Namen tätig sind. Manbringt nun die vortrefflichsten Werke allein auf Donatellos eigene Rechnungwährend man das Gleichgültigere nur seiner Werkstatt zuerteilt. Eine solcheTätigkeit aber ist nicht zu denken ohne ein Volkdas nicht müde wirdseineKünstler zu erneuten Anstrengungen anzuspornen.

VII

Donatello lebte schon in Zeiten hineinwo größerer Reichtum an Werken deralten Kunst sich eingefunden hatte. Er brachte Cosimo auf den GedankenantikeStatuen zu sammeln und öffentlich aufzustellen. Zerbrochene oder verstümmelteergänzte er ihm. Dies waren die Anfänge des mit so viel Schätzenausgestatteten Gartens von San Marcoin dem Michelangelo als Kind seine Studienmachte. Was in Donatellos Jugend mehr eine unverstandene Liebhaberei einzelnergewesen warhatte sich allmählich zum Geschmack des großen Publikums erhobenund die Vorteilewelche erund die anderen mit ihmsich in der JugendihremInstinkt nachgehendmühsam zusammenerwarbenwurden von nun an den folgendenKünstlern als eine unumgängliche aber bequem zu erreichende Übungüberliefert.

Der Umschwungder sich in Italien während des Lebens und Wirkens der vierKünstler vollbrachtewar ein alles durchdringender. Das Altertum brach infrischen Quellen aus der Erde und befruchtete die Welt. Die Päpste widersetztensich dem nichtsie und der weltliche und der geistliche Adel Italiens strebtenum die Wette danachdas Wiederaufleben der antiken Kultur sich selbst zumgeistigen Genusse auszubeuten. Die Buchdruckerkunst erweiterte die Wirkung derrömischen und griechischen Autoren ins Unendliche. In Florenz fällt derEinbruch dieser Zeiten und die vollendete Herrschaft der Medici mit derAusdehnung des Territoriums und bedeutender Erweiterung der Handelsbeziehungenzusammen. Aus allen Enden der Welt strömt Reichtum in die Stadt. Die Familiender großen Bürger haben fürstliche Mittel in Händen. Eine neue Generationwächst aufaber es zeigen sich nun auch die ersten Spuren jener Weltanschauungfür welche der schöne Genuß des Lebens höher stand als die rasendeVaterlandsliebe und die Befriedigung des Triebessich frei zu fühlenwelchebis dahin die Geschicke der Stadt geleitet hatten.

Diese Zeiten aber sind uns bekannter und verständlicher. Sie haben nichtsMythisches mehr an sich wie die vorhergehendensie sind erfüllt vonCharakterenderen Handlungsweise wir verfolgen und begreifenund die drei großenKünstlerwelche in ihnen aufstehen und durch ihre Arbeiten sie verherrlichenstehen als lebendige Menschen vor uns. CimabueGiotto und sogar Dante sind kaummehr als große schwankende Schatten von Männernderen gesamte Tätigkeit wirmit ihren Namen belegen; GhibertiBrunelleschi und Donatello erscheinen bereitsvoller und lebendigerDonatello beinahe als erkennbarer CharakterLeonardo daVinci aberder älteste der dreivon denen nun die Rede sein wirdstreiftalles Nebelhafte von sichund obgleich wirverglichen mit den beiden anderenam wenigsten von seinen Schicksalen wissen und seine Wege oft versteckt unddunkel sindempfinden wir doch in seinen Werken sein ganzes Herz und stehen ihmnahals wären wir ihm begegnet.

Leonardo ist kein Mannan dem man nach Belieben vorübergehen könntesondern eine Gewaltderen Fesseln wir tragen und deren Zauber sich niemandwieder entziehtder einmal von ihm berührt worden ist. Wer die Mona Lisalächeln sahden begleitet dieses Lächeln für immerwie Lears WutMacbethsEhrgeizHamlets Trübsinn und Iphigeniens rührende Reinheit ihn begleiten.

Sind Künstler einmal so groß wie erdann werden ihre Werke zupersönlichen Tatenund was irgendwie mit deren Entstehung auch imentferntesten in Zusammenhang stehtgewinnt höhere Bedeutung. Ihre Reisen sindkeine bloßen Geschäftsreisen mehrihre Feindschaften oder Verbindungen keineäußerlichen Verhältnissekeine ihrer Erfahrungen scheint ohne Einfluß aufihr Schaffen geblieben zu sein. Mag Donatello in VenedigPadua oder NeapelinKriegs- oder Friedenszeiten arbeitener ist überall derselbe. Ob Ghibertiwährend er an seinen Türen modelliertegoß und vergoldeteglücklich oderunglücklich geliebt habeist eine Fragederen genaueste Beantwortung unswenig berühren würde. Selbst bei den lieblichen Frauenprofilen des FilippoLippi steigt derartige Neugier nicht auf. Wir betrachten mit Rührung dasBildnis der schönen Simonetades jugendlich ermordeten Giuliano dei Medicijunggestorbene Geliebteaber wir denken nicht daranmit welchen AugenBotticelli selbst sie angeblicktals er diese zarten Linien zog. Dagegen dieFrauen Leonardos – welch eine Luft umweht diese Gestaltenwelch eine Begiererwachtzu wissenwieviel nur die bewußte Kunst hier getanwieviel daseigene Herz des Malers an dem Reize des Bildnisses schuldig sei. Jene grübelndeNeugier wird tätig in unserem Geistedie alsbald zu fragen und Vermutungen zuschmieden beginnt. So war uns gerade zumute bei Goethes Gedichten. So scheintunmöglichdaß sie nicht ganz und gar als Teile seines gelebten Lebensentstanden seien. Dieses rätselhafte Wesendies aller Erklärung spottendeunseren Scharfsinn dennoch stets wieder aufreizende Geheimnis ist der ausschließlicheBesitz der Werkedie von großen Künstlern geschaffen worden sind. Das ziehtuns mächtig anund was bei geringeren Künstlern als eine so große Hauptsachegilt: ihre Technikihr Lernenihre Fortschritte in Auffassung und Behandlungwird zu Nebensachendie geringerer Betrachtung würdig scheinen.

Leonardo ist 1452 geborenals der natürliche Sohn eines reichen Adeligen.Liest man Vasaris Nachrichten über sein Lebenso wird man versuchtsie füreine Reihe liebenswürdiger Geschichten zu haltendie sich auf Rechnung einesgroßenaber ziemlich unbekannten Mannes in Florenz gebildet hatten. DennLeonardo war die meiste Zeit seines Lebens weit abwesend von seiner Vaterstadt.Aber seine Werke stimmen mit den Seltsamkeiten übereindie Vasari mitteilt. InLondonFlorenz und an anderen Orten werden eine Fülle von seinen Zeichnungenaufbewahrt; es ist kaum zu beschreibenwelche Höllenfratzen hier auf dassauberste und in sorgfältiger Durchführung von Leonardos Hand gezeichnet zusehen sind. Karikaturen mit wissenschaftlicher Genauigkeit erfunden. Eine nachder anderendie folgende immer ungeheuerlicher als die vorhergehende. EinenZweckwie etwa die verzerrten Gesichterwelche Michelangelo in Zieratenanbrachte nach Art der Groteskenkönnen diese Bildungen nicht gehabt haben. Essind bloße Versuchedas Häßliche so weit zu treiben als möglich wärefixierte Träume gleichsam einer auf Auswüchse menschlicher Formen gerichtetenPhantasie. Da glaubt man Vasari gernwenn er erzähltLeonardo habe Tage langeinem auffallenden Menschengesichte nachlaufen könnennur um es von Grund aufaufzufassen und zu Papiere zu bringen. Oder er lädt eine Schar Bauern zum Esseneinmacht ihnen Mutsich recht behaglich zu fühlenreizt sie zum Lachen undweiß sie mit Hilfe guter Freunde so lange darin zu erhaltenbis sich diegrinsenden Gesichter aufs festeste in sein Gedächtnis eingegraben haben. Nunstürzt er fort und beginnt zu zeichnenworauf dann ein Bild fertig wirddaskein Menschohne selber zu lachenansehen kann. Es istals hätte Leonardodas Bedürfnis eines schreienden Gegensatzes in sich empfunden gegen jenewahrhaft himmlischen Gestaltendie er zu schaffen fähig war. Er selberschönvon Antlitzstark wie ein Titanfreigebigmit zahlreichen Dienern und Pferdenund phantastischem Hausrat umgebenein perfekter Musikerbezauberndliebenswürdig gegen Hoch und NiedrigDichterBildhauerAnatomArchitektIngenieurMechanikerein Freund von Fürsten und Königen– dennoch alsBürger seines Vaterlandes eine dunkle Existenzdieaus ihrem Dämmerlichteselten heraustretendkeine Gelegenheit findeteinfach und frei ihre Kräftefür eine große Sache einzusetzen.

Solche Naturendie bei eminenten Anlagen dennoch nur zum Abenteuerlichengeschaffen scheinendie mit den ernstestentiefsten Arbeiten des Geistes denTrieb zu einer Art kindlichen Spielerei bewahrensind selteneaber möglicheErscheinungen. Solche Männer werden an hoher Stelle geboren; genialschönunabhängig und von unbestimmtem Tatendrangeglühendtreten sie in die Welt.Alles steht ihnen offenunter keiner Gestalt naht wirklichedrückende Sorgesie richten sich ein Leben eindas niemand außer ihnen selbst verstehtweilniemand gleich ihnen unter den Bedingungen geboren wurdedie auf dieseSonderbarkeiten fast wie ein notwendiges Schicksal hinleitendem nicht zuentrinnen ist.

Alfieri war ein solcher Geistmit ungemeineraber völlig unbedingterEnergie sich selbst überlassenunfähig einen anderen Weg zu gehen als denwelchen seine Natur blindlings auffandLord Byron ähnlich organisiertdurchden Willen einer dämonischen Unruhe hierhin und dorthin gestoßen. Wie kam einMann von Leonardos Genieder eine großemächtige Partei für sich hattezudem Entschlussesein geliebtes Florenz auf so lange Jahre aufzugeben undendlich wie ins Exil nach Frankreich zu gehen? Allen anderen überlegenverzichtet er daraufseine Stellung geltend zu machen. Mit den bedeutendstenMännern seiner Zeit in Kontaktsteht er doch zu keinem in natürlichenoffenbaren Verhältnissen. Leider ist Vasaris Beschreibungin der ganze Epochenübergangen und die Dinge in Verwirrung gebracht sindfast die einzige Quellefür die äußeren Schicksale Leonardos. Denn obgleich er selbst ganze Bändeschriftlicher Arbeiten hinterlassen hatempfangen wir daraus wenigWissenswürdiges über die Wegedie er gegangen ist. –

Die gewöhnliche Laufbahn der florentinischen Künstler pflegte die zu seindaß sie als Goldschmiedslehrlinge anfingen. Sie gewannen so die solidesteGrundlage. Den Unterschied zwischen Kunst und Handwerk kannte man wohlaber erbezog sich auf die Leistungen selbstnicht auf diewelche die Werkehervorbrachten. In Frankreich unterschied man im vierzehnten Jahrhundert so: wasfür die Kirche und den König gearbeitet wirdist ein Kunstwerkdas übrigeHandwerkerarbeit. Die Absicht war in allen Fällen dieGeld zu verdienen.

Leonardo kam anders zur Kunst. Zeichnen und Modellieren machten ihmVergnügen. Sein Vatervon dem er wie seine übrigen ehelichen Geschwistergehalten wurdegab einige von seinen Zeichnungen dem Andrea VerrocchioderDonatellos Schüler und nach dessen Tode der erste Künstler in Florenz war.Dieser drang in Messer Piero da Vincier müsse seinen Sohn Maler werden lassenund nahm Leonardo in seine Werkstätte auf. Hier wurde gemaltin Marmorgearbeitetin Erz gegossen. Aus diesen ersten Zeiten will Vasari einige in Tonmodellierte Frauenköpfe gesehen habenderen Ausdruck ein lächelnder gewesensei. Also gleich im Beginn dies Lächeln bei Leonardos Frauenantlitzendas inso viel späteren Bildern wiederkehrt und endlich durch seine SchülerLuinivoranzu einer stetigen Auffassung wurdeaus der sich gar kein Ausweg fand.

Neben den bildenden Künsten betrieb er mechanische und architektonischeStudien. Sein Sinn war auf außerordentliche Dinge gerichtetauf das Schwierigeauf Erfindung von künstlichen MühlenwerkenApparatenum zu fliegenMaschinenum Tunnel durch Berge zu bohren oder ungeheure Lasten fortzuschaffenAnstaltenum Sümpfe zu entwässern. Das großartigste von seinen Projekten wardasdie Kirche von San Giovanniwelche durch die allmähliche Erhöhung desPflasters ringsumher zu tief in den Boden hineingeraten waremporzuhebenwiesie dastandund einen Unterbau mit Stufen darunter zu setzen. Jeder wußtedaß dies unmöglich seibemerkt Vasari (der doch in solchen Dingen gern selberdas Unmögliche geleistet hätte)allein wenn Leonardo vordemonstriertewie erzu Werke zu gehen gedächtemußte man ihm Glauben schenken. Heute würde essich bei dieser Sache vielleicht nur um die Kosten handeln.

Neben solchen Bestrebungen genoß Leonardo das Leben und seine Jugend.Besonders war er auf schöne Pferde und andere Tiere ausan denen er seineFreude hatte. Diese Neigung für allerlei Getier finden wir wiederum bei Alfieriund Byron. Ich möchte sie einer ganzen Menschenklasse zuschreibenmögen esnun geniale Geister oder unproduktive Ingenia gewesen sein. Es liegt ihr eineArt von Herrschbegierde zugrunde. Aus innerer Unruhe wissen sie geistigedauernde Gewalt über ihresgleichen nicht geltend zu machenund weil sie wederSklaven halten können noch als Fürsten geboren sindso beschränken sie sichauf die unantastbare Herrschaft über ein Volk von Tierendie in ihrerFähigkeitTreue zu bezeigenein Surrogat für die Menschen bildenund weilsie niemals böse Behandlung nachtragen oder sonstwie ihre Persönlichkeitgeltend macheneine vorzüglichere Gesellschaft scheinenmit der wohlauszukommen ist. Bei Vasari begegnen wir noch einigen Künstlern von geringererBedeutungdarunter Schülern Leonardosdie ähnliche Neigungen kultivierten.

Mit solchen Liebhabereien gingen BotanikAnatomieAstronomie und AstrologieHand in Hand. Durch letztere besonders soll Leonardo sich dermaßen ketzerischeAnsichten gebildet habendaß ihn jedermann eher für einen Heiden als füreinen Christen ansah. Doch findet sich diese Bemerkung nur in der ersten Ausgabevon Vasaris Werken. In der zweiten ließ er sie fort und tatwie seine heutigenverdienstvollen Florentiner Herausgeber bemerkenwohl daranda gewiß nur einMißverständnis an einer solchen Behauptung schuld gewesen sein könne.Unbefangen betrachteterscheint Leonardos Ketzerei im Einklang mit demCharakter des Mannes und den Anschauungen seiner Zeit. Die klassischen Studienherrschten; als Sittenregel eine Auffassung der Dingedie sich gegen Gut undBöseGlauben und Unglauben im christlichen Sinne gleichgültig verhielt. Ihrhuldigten der Adel und die höhere Geistlichkeit. Die Akademie von Florenzdieser griechisch gebildete Hofstaat der Medicierhob die platonischePhilosophie zur zweiten Staatsreligion. Diewelche eine andere Richtung strengebewahrtenstanden als ein kleines Häuflein einsam mitten im Gewühlund dieZeitenwo dieser Zustand von Grund aus mit einer Tünche von anderenGesinnungen überdeckt werden sollteliegen weit hinter Leonardos Todesjahr.Wohl aber sind es die Jahrein denen Vasari sein Buch verfertigte.

Bald übertraf Leonardo Verrocchioseinen Meister. Auf einem Bildewelchesdieser für die Mönche von Vallombrosa malte und das die Taufe des Johannesvorstelltestach ein Engel von der Hand Leonardos durch seine Schönheitdermaßen hervordaß Verrocchio von der Zeit an das Malen ganz aufgegebenhaben soll. Doch werden ähnliche Wendungen zu oft von Vasari erzähltals daßman sie für buchstäbliche Wahrheit zu nehmen hätte. Die nächste Arbeit wardie Zeichnung zu einem Teppich vor eine Tür zu hängender in Flandern fürden König von Portugal gewebt werden sollte. Zu bemerken hierfür istdaß dieVerbindung zwischen FlorenzLissabon und den nördlichen niederländischenHäfen längst eine gewöhnliche war; überall gab es florentinische Häuser.Auf diesem Teppich hatte Leonardo den Sündenfall dargestellt. Die Landschaftmit den Pflanzen und Tieren sowie der Baum mit dem Geäst und Blättern waren sofein und vollkommen ausgeführtdaß die Geduld des Künstlers ebensobewunderungswürdig wie seine Kunst erschien. Zu Vasaris Zeiten war dieserKarton noch in Florenz vorhanden.

Man mußwenn Sorgfalt und Ausführlichkeit in der Behandlung des Detailshier besonders lobend hervorgehoben werdendie Arbeitender florentinischenMeister jener Zeit überhaupt vor Augen habenbei denen miniaturartigeSauberkeit gewöhnlich ist. Leonardo leistete darin aber das höchste. Dahererscheint der Vorwurfer sei mit seinen Bildern nie fertig gewordener habe soviel angefangen und unvollendet stehen lassensehr natürlich. Die Sorgfaltmit der er seine Farben und Öle bereitetewar eine außerordentliche.

Die Entstehung des furchtbaren Medusenhauptesdas ebenfalls eine seinerfrühesten Arbeiten warerzählt Vasari sehr anschaulich. Leonardo sammeltalles nur aufzutreibende giftige Krötengezüchthält es in seinem Hausereizt es zur Wut und beobachtet esbis sich seine Phantasie für diese Malereivollgesogen hat. Vollendet bringt er das Gemälde in ein verdüstertes Zimmerschneidet ein Loch in den Fensterladenso daß das rundeindringende Lichtgerade den Kopf der Meduse trifft und mit leuchtender Helligkeit ausstrahlt.Damit werden dann die auf geheimnisvolle Weise hereingeführten Neugierigen inSchrecken versetzt. Sodann malt er für einen seiner Freunde den Gott Neptun.Auf diesem Bilde vereinte sich die Natürlichkeit der stürzenden WellendieSeltsamkeit der sie durchpeitschenden Seeungetüme und die prachtvolleSchönheit der Göttergestalt zu einem überraschenden Anblicke. Die Vorliebefür das Phantastische aber lag nicht sowohl im Charakter des Künstlers selbstals sie überhaupt den Anschauungen der damaligen Welt eigen warund mancheWerke von Leonardos früheren Genossen entsprechen im Geiste den seinigenwiesie von Vasari beschrieben werdendenn erhalten sind sie heute nicht mehr. Nochin seinen spätesten Bildern aber blieb er dieser märchenhaften Stimmung getreudie aus ihnen herausredet wie aus den Versen Byronsan den ich nicht denkenkannohne daß mir Leonardo in den Sinn käme. So stark war dasLaunenhaft-Träumerische seiner Naturdaß er seinen Schülern ernsthaft rätdie feuchten Flecke alten GemäuersAsche und anderes zufälligesNaturgerümpel genau anzusehen: dabei stiegen die schönsten Gedanken fürGemälde auf. Und so groß war seine Kraftdie verborgene Tiefe eines Menschenzu erkennen und darzustellendaß er mehr darin geleistet als irgendein anderer.Man muß den Frauenkopf des Augsburger Museums gesehen habenum das zu ermessenwo die Leidenschaft mit einer Wahrheit ausgedrückt istdaß man die Schicksalezu kennen glaubtdie diese Züge gestaltetenund sich wie von einem furchtbarschönen Geheimnisse von dem Anblicke nicht losreißen kann.

Die Blüte seines Talentes entwickelte sich nicht in seinem Vaterlande. Ermochte etwas mehr als dreißig Jahre zählenals er nach Mailand gingwoLudovico Sforza die Herrschaft inne hatte. Es wäre natürlich gewesendaß manLeonardo einer bedeutenden künstlerischen Unternehmung wegen dahin gezogenhättedoch davon wird nichts erzählt. Sforza liebte das Saitenspieler hattegehörtwelch ein Meister darin Leonardo seiund ersucht ihn um seineGegenwart. Dieser folgt dem Rufe. Er verfertigt sich eine silberne Leierder erdie Form eines Pferdeschädels gibt und zu deren Klange er im Gesang die Verseerfanddurch die er den Herzog und dessen prachtvollen Hof in Entzücken setzt.Dies war das erste Auftreten des schönen Florentiners in Mailand. Bald abereröffnet sich ihm eine Tätigkeitdie ihn ebensosehr fesselt als die ZuneigungSforzas. Er findet reichen Spielraum für seine Talente und nimmt als Künstlerdie erste Stelle ein. Wir verlassen ihn hier. Diese Jahre sind esin dieMichelangelos erste Entwicklung fällt.

Zweites Kapitel

I

Nach denselben Gesetzennach denen in unserem Gedächtnisse daswas wirerlebtenfeste Formen annimmtbildet sich im Bewußtsein der Völker dieeigene Geschichte und in dem der ganzen Menschheit das Gefühl vom Inhalte ihrerVergangenheit. Es wäre als Resultat der vergleichenden Wissenschaft vielleichtnatürlichdie Schöpfungsfrage ganz beiseite zu lassen und ein in unabsehbareJahre rückwärts sich verlierendes Menschengewimmel anzunehmendessenEntstehung einstweilen nichts aufklärt. Das aber widerspricht noch demallgemeinen Geiste. Die Leute verlangen zu hörendaß ein Paar geschaffen seiplötzlichdurch einen Willensakt Gottesdaß von ihm die Völker abstammendie heute noch leben. Je weiter wir zurückschauenum so leerer und lichtererscheinen die Länder. Stärkereschönereeinsamere Menschen wohnten inihnen. Immer volkreicher werden dann die Erdteile und gewöhnlicher ihreBewohnerimmer seltener die großen Männerund diese selbst geringer derQualität nach. Endlich kommen wir so auf die eigene Zeitdie keine Helden mehrgebiertwo der erbärmlichste Kerlder lebtißt und trinktwie der edelsteseinen eigenen Namen hatdem er mit gemeinen Mitteln ein Echo aus den vierEnden der Welt verschaffen könnte.

Diese Betrachtung der Begebenheiten scheint dem Gefühle des Volkes zuentsprechen. Wir begegnen ihr überall. So erzählen wir und lassen unserzählen; das ReineHeroische liegt in der Vergangenheitdas Gemeine in derGegenwart.

Allein es greift eine andere Ansicht von den Dingen um sich.

In der Zeitin welcher ein Vulkan erkaltet und sich aus seinen erstarrtenLavaströmen ein waldbewachsenes Gebirge bildetwährend der Krater nun einstillertiefliegender See iststerben Generationen auf Generationen hin. Esbedurfte drei- bis viertausend Jahre etwaum diese Umwandlung zu vollenden. Sieist heute so deutlich zu erkennendaß gar kein Zweifel darüber waltetwiesie vollbracht worden sei. Solcher Langsamkeit gegenüber erscheinen dielängsten Kriege der Menschen wie das rasche Wegflackern eines Reisigfeuers unddas durch Jahrzehnte hingezogene Leiden eines Mannes kurz wie deraugenblickliche Tod eines Käfersdem man mit dem Fuße gelegentlich sein bißchenLeben austritt; die fernsten mythischen Zeiten der Geschichte liegen in ganzbehaglicherhandgreiflicher Nähe vor uns. Es lebten damals Menschen wie heuteaßentrankenliebten und zankten sich. Man hat in den Seen der SchweizÜberbleibsel von Völkern entdecktderen Dasein all dem vorauszugehen scheintwas wir heute die Geschichte Europas nennen. Man fand halbverbranntes KornScherbenHandwerkszeug und allerlei Knochenwerk. Es erscheint so wenigriesenhaft wie die Werkzeuge und Schädel der Indianerdie heute wahrscheinlichunter denselben Bedingungen lebenwie jene Leute getanvon denen wir nichtwissenwohin sie gegangen sind.

Was sind wir mit unseren Maßen von Raum und Zeit? Was bedeutet die Erdewenn wir sie als den einen Stern unter unzähligen anderen betrachten? Wie vielRevolution erlebte sieehe Menschen da warenwie lange waren Menschen daehesie sich der Vergangenheit zu erinnern anfingen? Die paar tausend Jahredie wirmit dem Namen Geschichte bezeichnensind ein spannenlanger Abschnitt von einerStreckedie nach Meilen gemessen werden könnte. Nicht mehr langeund es wirddie richtige Ansicht über diese Verhältnisse in das Volk dringen. Den Römernwaren noch die Teile von Deutschlandwelche jenseits der Elbe liegenebensonebelverhüllte Märchenländer wie dem Mittelalter zur Zeit der Entdeckung vonAmerika die Inseln des stillen Ozeans. Heute spricht der gemeine Mann vonSüdamerikaAustralien und Japan und von den Epochen der Erdbildung. UnseremGefühl von heute liegt die Zeit des Heroismus schon nicht mehr in derVergangenheitsondern wir erwarten sie als die schönste Frucht der Zukunftwir steigen empornicht abwärts. Wir befinden uns in einer Krisis derAnschauungen. Wir blicken mit Geringschätzung hinter uns und erwarten neueOffenbarungen des Menschengeistesgrößere Dingeals sie die Welt jemalsgesehen hat.

So gewiß die Bahnen der Gestirne ineinandergehendaß jedes den Weg desanderen bedingt und mit seinen geringsten Eigentümlichkeiten sich fühlbarmachtso gewiß bilden die Menschenwelche lebengelebt haben und lebenwerdenin sich ein ungeheures Systemwo die kleinste Bewegung jedes einzelnenunmerklich meistensaber dennoch bedingend auf den allgemeinen unaufhaltsamenFortschritt einwirkt. Die Geschichte ist die Erzählung der Schwankungendie imGroßen eintretenweil im einzelnen die Kräfte der Menschen ungleich sind.Unser TriebGeschichte zu studierenist die Sehnsuchtdas Gesetz dieserFunktionen und der sie bedingenden Kraftverteilung zu erkennenund indem sichhier unserem Blicke Strömungen sowohl als unbewegliche Stellen oder im Sturmgegeneinander brausende Wirbel zeigenentdecken wir als die bewegende KraftMännergroßegewaltige Erscheinungendie mit ungeheurer Einwirkung ihresGeistes die übrigen Millionen lenkendieniedriger und dumpfersich ihnenhinzugeben gezwungen sind. Diese Männer sind die großen Männer der Geschichtedie Anhaltspunkte für den in den unendlichen Tatsachen herumtastenden Geist; wosie erscheinenwerden die Zeiten licht und verständlichwo sie fehlenherrscht unverwüstliche Dunkelheit; und werden uns Massen sogenannter Tatsachenaus einer Epoche mitgeteiltder große Männer mangelnes sind lauter Dingeohne Maß und Gewichtdie zusammengestelltso bedeutenden Raum sie einnehmenkein Ganzes bilden.

Es gibt ein allgemeines Gefühl über daswas groß ist. Die Menschheit hates immer gewußtes braucht nicht erklärt zu werden. Jedes Menschen Wert undEinfluß hängt davon abinwieweit er fähig istselber groß genannt zuwerden oder sich denen anzuschließendie es sind. Nur was unter diesemGesichtspunkte sichtbar wird vom Menschenbildet seine unvergänglichePersönlichkeit. Ein Herrscherder mit eiserner Willenskraft Nationen in dasFahrgeleise seiner Launen hineinzwängtwird spurlos vergessen werden; nachdemer eine Zeitlang als eine Art Affe der Vorsehung genannt worden istverschwindet der Begriff seiner Personund der Name folgt ihr. Ein elenderdunkler Sterblicherder den Zustand seines Volkes tief empfindend einenfruchtbaren Gedanken faßte und aussprachdessen das Volk bedurfteum einenSchritt vorwärts zu kommenist unsterblich in seiner Wirksamkeit. Und wennsein Name vergessen werden sollteman wird immer fühlenan jener Stelle mußein Mann gestanden habender eine Macht war.

So erweckt in uns das Studium der Geschichte nicht mehr Trauer über denHingang schönerer Tagesondern Gewißheit ihrer zukünftigen Erscheinung. Wirschreiten fortwir wollen die kennen lernendie zu allen Zeiten vorangingen.Das Studium der Geschichte ist die Betrachtung der Begebenheitenwie sie sichzu den großen Männern verhalten. Diese bilden den Mittelpunktvon dem aus dasGemälde konstruiert werden muß. Der Enthusiasmus für ihre Person verleiht dieFähigkeitden richtigen Standpunkt ihnen gegenüber einzunehmen. Man willbetrachten und anderen die Gabe der Betrachtung mitteilen. So meinte es Goetheals er sagte der einzige Nutzen der Geschichte sei die Begeisterung.

Unsere Sehnsucht istdie edelste Ansicht von der Menschheit zu gewinnen.Wenn wir die großen Männer anschauenist esals sähen wir eine siegreicheArmee als die Blüte eines Volkes einherziehen. So hoch als im Momente einessolchen Triumphzuges auch der niedrigste Soldat des Heeres über allenZuschauern stehtso erhaben über der unübersehbaren Masse der Sterblichensteht auch der geringste unter jenendie wir große Männer nennen. Esschmückt sie alle derselbe Lorbeer. Eine höhere Gemeinschaft findet stattunter ihnen. Sie schieden sich ihrem irdischen Auftreten nach: jetzt stehen siedicht beieinanderSpracheSittenStand und Jahrhunderte trennen sie nichtmehr. Sie reden alle eine einzige Sprache und wissen nichts von Adel oderPariatumund wer heute oder zukünftig wie sie denkt und handeltsteigt hinaufzu ihnen und wird in ihre Reihen aufgenommen.

II

Aus der Zahl der Bürger von Florenz sind drei als große Männer zubezeichnen: DanteLeonardo da Vinci und Michelangelo. Raffael stammte ausUrbino; doch darf er dazu gerechnet werdenweil er als Künstler für einenFlorentiner gelten könnte. Dante und Michelangelo stehen am höchsten. Es istnicht die Folge einseitiger Vorliebewenn dies Buchdas sich mit der Blüteder florentinischen Kunst beschäftigtMichelangelos Namen an der Stirn trägt.Ein Leben Raffaels oder Leonardos würde doch nur ein Bruchstück von dem desMichelangelo bedeuten. Seine Kraft überbietet die ihre. Er allein beteiligtsich an der allgemeinen Arbeit des Volkes. Samt seinen Werken ragt er empor wieeine Erscheinungdie sich von allen Seiten der Betrachtung bietetwie eineStatuewährend jene beiden mehr wie prächtige Bildnisse erscheinendie stetsdasselbe lebendige Antlitzaber auch stets von derselben Seite zeigen.

Das Gefühldaß Michelangelo so hoch stehebildete sich früh bei seinenLebzeiten in Italien nicht alleinsondern verbreitete sich über Europa. Eskommen deutsche Edelleute nach Rom: das erstewas sie verlangenistMichelangelo zu sehen. Auch daß er so alt wurde und in zwei Jahrhunderten lebteist ein Teil seiner Größe. Wie Goethe genoß er im Alter die Unsterblichkeitseiner Jugend. Er wurde zu einem Elemente in Italien. Wie ein alter Felsenumden man einen Umweg macht im Meereohne sich mit Gedanken aufzuhaltenwas erdaliege und die gerade Straße versperrerespektierte man in Rom seinepolitische Festigkeit. Man gestattete ihmseiner eigenen Überzeugung nach zulebenund begehrte nichts als den Ruhm seiner Gegenwart. Er hinterließ einweites Reichdas seinen Namen trugjedes seiner Werke war ein Samenkornausdem zahllose andere erwuchsen. In der Tatzahllos sind die Arbeitendie imsechzehnten und siebzehnten Jahrhundert nach dem Muster der seinigen ausgeführtwurden. Wie sich in Dantes Persönlichkeit das dreizehnte Jahrhundert und derBeginn des vierzehnten spiegeltso umfaßt der Name Michelangelos jenefolgendenund weil zu derselben Zeit in Deutschland Lutherin ganz andererWeise freilich und auf anderem Gebieteeinen ähnlichen allumfassenden Einflußgewannso bildet das Leben Michelangelos zu dem Luthers einen Gegensatzderden Unterschied der Nationen darlegtin deren Mitte die beiden Kräfte tätigwaren.

Nach dieser Richtung hin ist Michelangelo kaum bekannt. Mehr instinktmäßigfühlte man nurdaß sein Name das Symbol einer umfassenden Tätigkeit sei. DerZusammenhang seiner Schicksale mit denen seines Landes und dem Inhalte seinerWerke ist noch nicht in das allgemeine Bewußtsein übergegangen. In dieserHinsicht glaubte ichsei mit einer Beschreibung seines Lebens eine nützlicheArbeit zu versuchen.

Zwei ziemlich umfangreiche Biographien Michelangelos besitzen wirbeide vonKünstlern verfaßtwelche sich seine Schüler nennenbeide zu seinenLebzeiten gedruckt. Die eine von Ascanio Condivider in seinem Hause lebtedieandere von Giorgio Vasaribekannt als MalerArchitekt und Kunstliterat am Hofeder florentinischen Herzöge. Von ihm erschien 1550 ein BuchgenanntLebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten MalerBildhauer und Baumeister.Michelangelos Leben bildet den Schluß des dritten und letzten Teiles.

Über Vasaris Charakter ist Meinungsverschiedenheit kaum möglich. SeineTugenden und Fehler verstecken sich zu wenig. Er war HofmalerHofagent inKunstsachenwas er getan hattat er im Hinblick auf die Gunst seiner Herrenund Gebieterderen er mehrere erlebte. Von sich selbst redet er unbefangen wievon einem Meisterder mit dem allerersten in einer Linie steht. Michelangelosund anderer Künstler Fehler bespricht er in einem Toneals wolle er andeutendaß er aus der Erkenntnis dieser Irrtümer den nötigen Nutzen gezogen und sievermieden habe. Er lobt seine eigenen Werke mit einer Bescheidenheitfür dieer Anerkennung zu finden hofftund redet von sich und seinem gesamten Wirkenwie von einer höchst verehrungswürdigen dritten Person. Diejenigenwelche ihmopponieren oder ihm persönlich mißfallenbehandelt er ohne Umstände schlechtetwa wie ein Theaterrezensent einen Schauspielerdem er zeigen willdaß ereine Macht seidie nicht mit sich spaßen lasse. In dieser Beziehung erlaubtsich Vasari das Ärgste. Er hat Künstlerdie er nicht mochteauf eine Weiseverketzertdaß sie mit Mühe wieder zu Ehren gebracht werden mußten. Auf dieGenauigkeit seiner Daten ist kein Verlaß. Er gibt falsche Jahreszahlen an undbeschreibt Bilder zuweilen sodaß seine Worte nicht mit dem stimmenwasdarauf zu sehen ist. Wo man seine Behauptungen mit sicheren Dokumentenvergleichtfindet man viele Irrtümer; wo man die Quellendie er benutztenoch besitzt und nachlesen kanngewahrt mandaß er fortließ oder zusetztewas ihm genehm war.

Dennoch ist sein Buch eine verdienstvolleunentbehrliche Arbeit. Er kanntedie Urkunden nichtdie uns heute zu Gebote stehen. Ihm und seinem Jahrhundertfehlte der Sinn für die kritische Schärfemit der heute gearbeitet wird. SeinBuch ist und bleibt für den Kunstfreund ein Schatzdessen Reichtumunerschöpflich scheint. Sein Stil ist klar und gedrängtseine Weltansichteine heitere und vernünftige. Im ganzen sind die Verdienste Vasaris so großdaß sie durch keinen Tadel aufzuwiegen wären.

Gerade seinen tadelnswerten Eigenschaften aber verdanken wir esdaß wirüber Michelangelo so gut unterrichtet sind. Vasari sandte sein Buchals esfertig gedruckt wardem alten Meister zuder ihm darauf mit einem Sonetteantwortetein welchem die verbindlichsten Dinge gesagt sind. Eine andereAntwort jedochentgegengesetzten Inhaltslag in dem Erscheinen derCondivischen Arbeit. Condivi lebte in seines Meisters unmittelbarer Nähe.Vasariobgleich er es anders darstellen möchtestand Michelangelo ferndessen schmeichelhafte Briefe mehr dem Hofagenten als dem Künstler gelten. Wiefern in Wahrheit Vasari dem großen Manne standzeigt nichts so sehr als seinBuchdenn man kann sich nichts FlüchtigeresFalscheres und Liederlichesdenken als diese Biographie in ihrer ersten Gestalt. Wichtige Ereignisseübergeht erstellt die Tatsachen falsch an sich und in falscher Ordnung darweiß besonders in Betreff der Jugendzeit gar nichts oder hilft sich inErmangelung inhaltreicher Wahrheit oft mit leeren lobenden Redensarten.

Offenbar wollte Michelangelo die Welt eines Besseren belehrenohne Vasariwehe zu tun. Deshalb durfte Condivi in seiner Vorrede diesen nicht einmal beiNamen nennenwo Vasari indirekt bezeichnet wirdweil dies nicht zu umgehenwarbedient Condivi sich des Pluralismus und spricht von mehreren unbestimmtenLeutendenen er Vorwürfe macht.

»Von der Stunde an«lautet Condivis Vorrede»in der ich durch Gottesbesondere Güte würdig erachtet worden binüber alle meine Hoffnung hinausden einzigen Maler und Bildhauer Michelangelo Buonarroti nicht nur von Angesichtzu Angesicht zu erblickensondern auch seiner Zuneigungseines täglichenGespräches und Zusammenlebens teilhaftig zu werdenbegann ichim Gefühlwiegroß dieses Glück seiund in der Begeisterung für meine Kunst und für dieGütemit der er mich behandelteseine Regeln und Vorschriften genau zubeobachten und zu sammeln. Was er sagtewas er tatwie er lebtealles miteinem Wortewas mir der Bewunderungder Nacheiferung oder des Lobes wertschienzeichnete ich auf und beabsichtigte es zu gelegener Zeit in einem Buchezusammenzustellen. Ich wünschte ihm damit für daswas er an mir getan hatzudankenso viel es in meinen Kräften läge; auch hoffte ich anderen durch meineAufzeichnungenin denen das Leben eines solchen Mannes als leuchtendes Beispielaufgestellt wurdeFreude zu machen und ihnen nützlich zu seindenn jedermannweißwie sehr unser Zeitalter und das zukünftige ihm für den Ruhmverpflichtet sindder durch seine Werke über sie ausgebreitet wurde. Um zufühlenwas er getan hatbraucht man es nur mit dem vergleichenwas anderetaten.

Während ich so in meine Vorratskammern still einsammeltederen eine fürdie äußeren Lebensumständedie andere für die Kunstwerke bestimmt warundin beiden der Stoff anwuchswurde ich in unvorhergesehener Weise dazu gezwungenmeine Arbeit nicht nur zu beschleunigensondern was die Lebensbeschreibunganbetrifftsie sogar zu überstürzen. Es haben nämlich einige andere überdiesen seltenen Mann geschrieben undweil sie ihmwie ich glaubenicht sonahe standen als icheinmal Dinge behauptetdie rein aus der Luft gegriffensindzweitens aber wichtige Umstände ganz ausgelassen. Außerdem aber habenanderedenen ich meine Arbeiten im Vertrauen mitgeteilt hattesich dieselbenauf eine Weise angeeignetaus der leider die Absicht hervorzugehen scheintmirnicht nur die Früchte meiner Mühesondern auch die Ehre davon vorwegzunehmen.Um deshalb der Mangelhaftigkeit jener erstgenannten Autoren zu Hilfe zu kommenandererseits aber dem Unrecht vorzubeugendas mir von den letzteren bevorstehtentschloß ich michmeine Schrift unfertigwie sie warherauszugeben.«

Hierauf folgen Entschuldigungen des mangelhaften Stils wegener sei einBildhauer und kein Schriftsteller von Profession. Endlich das Versprechendaßein genauer Katalog der Werke Michelangelos nachfolgen werde. Leider ist davonkeine Spur zu finden. Nicht einmal die Nachrichtob er in der Tat geschriebenoder gedruckt worden sei. Die »einigen« und die »anderen«von denen ersprichtscheinen nur den einzigen Vasari zu bedeuten.

Condivis Buch wurde dem Papste gewidmetder es huldvoll entgegennahm und demAutor persönlich dafür dankte. Michelangelo hat das wohl vermittelt. Vasariließ die Sache beruhenaber nach Michelangelos Tode rächte er sich auf seineWeise.

Er gab eine neue Bearbeitung seiner Lebensbeschreibungen heraus und nahm indieselbe Condivis Arbeit ihrem ganzen Umfange nach aufoft wörtlichoft mitabsichtlich anders gestellten Worten. Dabei verfuhr er jedoch wieder sonachlässigdaß er sich nicht einmal die Mühe nimmtdie zu seiner erstenAusgabe befindlichen falschen Angaben zu verbessernsondern er verflicht diesegrobweg in diejenigen Condivisso daß er doppelte Nachrichten bringtdiefalschen neben den richtigenwas in den Köpfen seiner späteren Herausgeberdann weitere Verwirrung zur Folge hatte. Condivis Namen nennt er nichtdeutetdagegen auf das erkenntlichste aner sei ein Lügner und unzuverlässigerMenschwährend er selber niemals etwas anderes als die lauterste Wahrheitgeschrieben habe. Niemandsagt erbesäße so viel und so schmeichelhafteBriefe von Michelangelos eigener Hand und hätte ihm so nahe gestanden. Freilichheißt es am Schluß seiner LebensbeschreibungMichelangelo hatte Unglück mitdenendie täglich um ihn gewesen sind. Und nachdem er noch einmal hier aufseine eigene Bescheidenheit zurückgekommenerwähnt er jetzt Condivi als einenSchüler Michelangelos. Von seiner Schriftstellerei keine Silbenur daß ernichts vor sich gebracht habedaß der Meister ihm zu Hilfe gekommen seiaberauch das ohne Fruchtdaß Michelangelo sich sogar gegen ihn selbstgegenVasari nämlichmit Bedauern über die vergeblichen Anstrengungen des armenTeufels ausgesprochen hätte.

Damit jedoch begnügte er sich noch nicht. Er versucht Condivis einfacheNachrichten womöglich zu überbieten. Er weiß jetzt die Dingedie vorCondivis Buch niemand kannteviel besser als der selbstvon dem er sieabschreibt. Ob er bei seinem WunscheCondivi zu übertreffenjedoch stets nurvon der eigenen Phantasie belehrt wurdeist eine Fragedie offen bleibt.Vasari liebt es allerdingsdie Begebenheiten abzurunden und durch eigene kleineZwischengedanken in lebendigere Verbindung zu bringen: Vieles mag so entstandenseinin manchen Fällen gelang es ihm aber wohl in der TatNeuesherbeizuschaffen und auf der von Condivi gegebenen Grundlage solideweiterzubauen.

Jedenfalls erreichte er seinen Zweck. Er hatte seines Nebenbuhlers Arbeitganz und gar in die eigene aufgenommen und sie als ein besonderes Buchüberflüssig gemacht. Er war der berühmte Vasari. Condivis Buch geriet insolche Vergessenheitdaß im Jahre 1746in dem man es zuerst wieder abdrucktekaum ein Exemplar aufzutreiben war.

Wie wenig ehrenvoll nun auch die Ursachen sindaus denen wir Vasaris zweiteArbeit in so verbesserterausführlicher Gestalt besitzenund wie traurig dasSchicksal Condivisdessen Ende zugleich ein tragisches war (er ist ertrunkenohne für die Unsterblichkeit seines Künstlernamens vorher Sorge tragen zukönnen): beide Arbeiten gewährten eine große Ausbeute. Zu ihnen kamen Briefedie Michelangelo selbst geschrieben hatzahlreiche Gedichte von seiner HandTagebuchnotizenKontrakte und verschiedenartige Aktenstückewelche auf ihnbezüglich sind. Johann Gayeein Schleswig-Holsteinerder in Berlin studierteund dann nach Italien ginghat sich hier die größten Verdienste erworben. Erdurchforschte die überfüllten Archive von Florenzund andere sind auf seinerFährte weiter gegangen. Gaye vollendete sein Werk nichter starb 1840Herrvon Reumont hat den dritten Teil des Buches herausgegeben. Die genannte letzteFlorentiner Ausgabe des Vasari bot eine vortreffliche Zusammenstellung des bisauf die letzte Zeit bekannt gewordenen Materialswährend die ein Jahrhundertältere Ausgabe Condivis gleichfalls mit guten Noten verschiedener Autorenversehen ist. Mr. Harfords Life of Michelangelo enthielt einigeswasnicht bekannt war.

Im höchsten Grade umfangreich sind die Quellenaus welchen die Geschichteder Zeiten geschöpft wirdvon denen wir Michelangelo getragen sehen. Überkeine Epoche der neueren Geschichte haben Zeitgenossen so kraftvoll und soschön berichtet; ihre Darstellung allein läßt oftmals Begebenheiten groß undwichtig erscheinendievon geringerer Feder aufgezeichnetkaum dieAufmerksamkeit zu locken vermochten.

Voran die Werke Machiavellis. Mit einer unparteiischen Klarheitdie so großistdaß man mitten in ihrer Anerkennung an ihr zweifeln möchteeben weil siebeinahe zu weit getrieben wirdgibt er von den leisesten Zuckungen der ZeitenRechenschaftdie er mit durchmachte. Seine Sprache schreibend wie die bestenantiken Autoren die ihrigevertraut mit den politischen Ideen des Jahrhundertsgewährt er den Grundton aller Anschauung. Um wenige Jahre älter alsMichelangelo (er wurde 1469 geborendrei Jahrhunderte vor Napoleon und Humboldt)starb erals Michelangelo noch nicht zwei Drittel seines Weges zurückgelegthatte. Stände sein persönliches Leben im Einklang mit der Höhe seines Geistesso würde er der größte Mann seiner Zeit heißen neben Michelangeloaber eswird gesagt werdenwarum ihm von diesem Ruhme ein geringerer Anteil zukommt.

Nach ihm Guicciardinikräftiger und gewaltsamer als Charakterabergeringer in der Darstellungein Mannder nicht wie er in untergeordneterStellung oder in unfreiwilliger Muße Nebenstunden zum Nachdenken und Studierenfandsondern von früh auf bis zum Schlusse seines Lebens hohe Postenbekleidete. Er kannte vielleicht mehr Menschen und Verhältnisse als Machiavelligriff sicherlich hundertmal selbst gestaltend einwo dieser nur betrachtenddabei stand; aber er beobachtete oberflächlicher und durchschaute dieCharaktere nicht mit dessen Blickendie sich wie Scheidewasser über die Dingegossen. Während Machiavelli höhere Gesetze als die Treibräder desGeschehenden erkenntleitet Guicciardini die Verwickelung der Begebenheiten ausden bösen Leidenschaften der Menschen her. Er kannte ihre Macht und hatte siein sich selbst erprobt. Auch er starb vor Michelangelo. Sein gewaltsamer Tod wardie Frucht seines eigenen falsch berechnenden Ehrgeizes.

Dagegen Gioviorömischer hoher Geistlicheraufgewachsen als Schmeichler anden Höfen der Päpste und eingestehenddaß er für Geld den Dingen einenMantel umhänge. Aber in schöne Falten weiß er ihn zu legenund in alleIntrigen eingeweihtenthüllt er die Situation der politischen Verhältnisse.Wir besitzen von ihm als geringe Nebenstücke seiner weitschichtigenhistorischen Schriften ein paar kurze Lebensbeschreibungen Raffaels undMichelangeloslateinisch abgefaßt und wertvollobgleich Giovio kein FreundMichelangelos war.

Dann Bemboim Alter Kardinalin der Jugend geistlicher Aventurier undGeliebter der Lucrezia Borgiaeiner der vielendie sich ihrer Gunst erfreutenhöher stehend als Giovioaber doch aus gleichem Holze geschnitzt. Seine Briefein vielen Bänden zusammengedrucktein Abbild der Denkungsart der höherenKreise und ein Muster jener späteren eleganten Prosadie schmeichlerischinhaltslosdem Auge und Ohr behagliche Worte bietet und ihre Kälte durchBeteuerungen verdeckt. Wie Giovio schmiegte er sich durch die hohen Herrenhindurchbis aus ihrem Diener ihr Vertrauterihr Freund und endlichihresgleichen wurde.

Nardi dagegenein Florentiner Demokrataus bester Familiein derVerbannung die Geschichte seiner Vaterstadt schreibend. Milddiskretohnevoreiliges Urteilaber leidenschaftlich gegen die Feinde der FreiheitderenVerlust ihm so teuer zu stehen kam. Er berichtet für Florentinerdiewie ermitten in der Politik der Stadt lebendvon vornherein mit den Verhältnissender Stadt bekannt sind.

Nerli dagegen ist darüber hinausdaß die Freiheit vernichtet wurde. DerVorwurf lastet auf ihmals Spion über die Pläne der vertriebenen Verteidigerder alten Unabhängigkeit nach Florenz berichtet zu haben. Die geruhige Ordnungunter der neuen Herrschaft ist ihm der richtige und erwünschte Zustandvon demer ausgeht. Aufruhr und Revolution sind an sich gebrandmarktdoch erkennt erdie Freiheit an für die Vergangenheit. Ihm und anderen seiner Zeit kam eszugutedaß die Herzöge einer Linie der Medici angehörtendie von demanderen Zweige der Familieaus dem die beiden Päpste und die Unterdrücker derFreiheit stammtenunterdrückt und mißhandelt worden waren. Somit erschien esweniger unerlaubtvon diesen Leuten ohne Rücksicht zu reden und sich dadurchauf die Seite der alten Freiheit zu stellendie ja doch nie wiederkehrte.

Die letzten Kämpfe um diese Freiheit schildert Segni in einem BuchedessenExistenz niemand ahnte in den Zeitenwo es verfaßt wurde. Er schreibt freigenau und gebildetaber nicht so anschaulich und energisch als Nardi undGuicciardini.

Auch Varchis Buch blieb ungedrucktobgleich im Auftrage des Großherzogsselber angefertigt. Die Erlaubnis zur Herausgabe wurde nicht erteilt. Varchi istschon ein Genosse Vasariserster Literat der Residenz und obenaufschwimmend imFlorentiner Lebendas sich an die neue Dynastie gewöhnt hatte. Varchi hieltMichelangelos Leichenrede. Er redet auch von der alten Unabhängigkeit mitBegeisterung und beweint ihren Untergangaber es sind die Tränen einesHistorikersund so hochtönend er vom altenfreien Florenz sprichtbleibtdoch das neue Florenzin dem er sich selber so wohl befindetaus dem Spiele.Über die Zeiten um 1530 hat er gesammeltwas nur zusammenzuscharren waraberden Stoff in seinen Geist aufzunehmen und aus sich selbst heraus zu gestaltenverstand er nicht.

Wie wenig er sich erlauben durftedas ihm zu Gebote stehende Material nachBelieben auszunutzenzeigen die Briefe Businis an ihnderin der Verbannungin Rom lebenddurch Varchi veranlaßtseinen Erinnerungen aus den Jahren1527-31 in vertraulichen Briefen freien Lauf läßt. Sie sind dereigentümlichsteunbekümmertste Ausdruck des florentinischen Geistes. Mitbeißender Heftigkeit schwatzt er über die Ereignisse und Menschen. EinDemokratvon guter Familiestolzaber mit der Ruhe endlich errungenerGleichgültigkeitweil doch schon so viele Jahre darüber hingegangen sindgabsich Busini in Rom jener ironischen Apathie gegen die politischen Ereignisse hinder auch Michelangelo in den letzten Jahren seine Hoffnungen zum Opfer brachte.Die Zeiten schienen damals für immer vorüber zu seinin denen sich freieBürger an den Schicksalen des Vaterlandes eingreifend beteiligen durften.

Neben dieseneine stets individuelleoft parteiliche Ansieht vertretendenSchriften die Berichte der venezianischen Gesandtengeschäftsmäßigleidenschaftslos und nur unter dem Gesichtspunkte der Nützlichkeit für dieRepublik von San Marco abgefaßt.

Dann zwei Äußerungen menschlichen Geistesderen Gegensatz nicht größergedacht werden kanndie Schriften und Predigten Savonarolas und die Tagebücherdes Burcardo und des Paris bei Grassibeides päpstliche Zeremonienmeister.Dort die Blüte religiöser Begeisterunghier die Fragen des Zeremoniells unddie geheimsten Erlebnisse des Vatikan. Dort hinreißendeheroische Beredsamkeiteiner Naturdie in Sprüngen einer gewaltsamen Katastrophe entgegeneilthiernur ein Auge auf starre Äußerlichkeitenin deren eifersüchtige Beobachtungdie Seele langsam hineinversteinert.

Dazu endlich eine Reihe trocken aufzeichnender Chroniken und Urkunden und dieMassen von Büchern aller Artdie überhaupt damals gedruckt worden sind. Alleenthalten etwas. Unmöglichdiese Quelle zu erschöpfen. Man muß sichbegnügendas genau zu kennenwas von denjenigen Augenzeugen herrührtderenGeist sich als ein hervorragender erkennbar macht.

Dies waren die Hilfsmittelmit denen ich Michelangelos Leben zu schreibenbegann. Man wußtedaß das Archiv der Familie Buonarroti zahlreiche Briefe undDokumente jeder Art enthieltaber zugleich war bekanntdaß es unmöglich seidiese Papiere zur Einsicht zu erhalten. Daim Jahre 1800starb der letzteBuonarroti. Er vermachte sein Archiv der Stadt Florenz. Eine Kommissionveröffentlichte ein Verzeichnis der vorhandenen Papiere. Es war einenatürliche Voraussetzungdaß sie nun der Benutzung offen ständen; jetzt abereine neue Unmöglichkeit: der Graf Buonarroti hatte die Annahme seinesVermächtnisses von der Verpflichtung abhängig gemachtdas Geheimnis nach wievor zu wahren und niemand das Geringste mitzuteilenund so schien esdaß beibewandten Umständen überhaupt unmöglich seidie Arbeit fortzusetzen.

Durch einen glücklichen Zufall jedoch war nicht der gesamte Inhalt desBuonarrotischen Nachlasses zu dieser Abgeschlossenheit verurteilt worden. EinTeil der Erbschaft kam durch Ankauf in den Besitz des britischen Museums. Hiernatürlich stand der Benutzung kein Hindernis entgegenund ich gelangte zurKenntnis dreier umfangreicher Briefwechsel sowie einer Anzahl anderer Dokumentealles in der sorgfältigenmalenden Handschrift Michelangelos so deutlichvorliegenddaß sich die Seiten wie die eines gedruckten Buches glattherunterlasen.

Hundertundfünfzig Briefe wurden mir so zugänglich. Mit ihnen habe ich michvon der zweiten bis zur vierten Auflage meines Buches begnügen müssen. Endlichsind zur vierhundertjährigen Geburtstagsfeier Michelangelos auch die größereAnzahl der Florentiner Briefe gedruckt worden. Mit denenwelche das BritischeMuseum besitztzu einem stattlichen Bande vereinigtlagen sie nun sämtlichvor. Was diese Briefe jedoch im allgemeinen anlangtdarf ich eine Beobachtungnicht verschweigendie sich in dem Maße mehr bestätigt hatals die anfangsso große Enthüllungen versprechenden Papiere schrittweise ans Tageslichtgebracht wurden.

Je mehr ich in meinen Studien für die Lebensbeschreibung Michelangelosfortgeschritten warum so zahlreichere Fäden hatte ich entdecktdie vondiesem Manne nach allen Seiten hin ausliefen oder dievon den Erscheinungenseiner Zeit ausgehendsich in ihm vereinigten. Nicht daß sein unmittelbarerEinfluß hervorgetreten wäreaber der Zusammenhang seiner Fortentwicklung mitdemwas um ihn her geschahzeigte sich. Immer deutlicher empfand ich dieNötigungalleswas während seines Lebens sich ereignetekennenzulernenumihm selbst näher zu kommen. Es ist mir vorgeworfen wordendaß ich mein Buchdas »Leben Michelangelos« genanntwährend ich es »Michelangelo und seineZeit« hätte nennen sollen. Aber diese beiden sind eins mit ihm: er und dieEreignissedie er erlebte. Je erhabener der Geist eines Mannes istje mehrerweitert sich der Umkreisden seine Blicke berührenund was sie berührenwird ein Teil seines Daseins. Und soje weiter ich vorwärts kamum sounvollkommener erschien mir meine Bekanntschaft mit den Dingendie ichbetrachtete. Denn wo ich sie von einer Seite endlich erfassen lernteward mirzugleich klarvon wie viel andern ich sie weiter zu erfassen hätteum ein inWahrheit unbefangenes Urteil zu bilden.

Man sollte nun denkenes habe durch die Fülle der aus Michelangelos Briefenuns zufließenden Kenntnis seiner intimsten Gedanken und innerstenPrivatverhältnisse diesem Gefühleim Grunde nur wenig von ihm zu wisseneinEnde gemacht werden müssen. Allein im Gegenteildie Aufklärungenwelche wirso empfangenbeirren uns oft viel mehrals sie uns belehren. Wir wissen jetztDingevon denen bei Michelangelos Lebzeiten niemand wußteja die er selberals er Condivi von sich erzähltevergessen hatte. Und doch kannten ihn diebesserdie mit ihm lebtenohne jemals in diese Besonderheiten eingeweiht zusein. Es geht uns ähnlich mit Goethe. Wir können heute bei vielen seinerArbeiten fast Tag und Stunde angebenwann er sie zuerst niederschriebliegenließwieder aufnahm und vollendete. Wir sind darüberwenn wir den Inhaltvieler Briefe mit der von ihm selbst verfaßten eigenen Lebensbeschreibungvergleichenbesser unterrichtet als er selbst. Was aber nützt es? Würden alleNotizen über die Entstehung der Iphigenie ein Dutzend Verse aufwiegendie wirdafür in dem Gedichte entbehren sollten? Ein Künstler führt als Schöpferseiner Werke ein höheres Dasein als seine niederen irdischen Schicksale unszeigen; in einer geheimnisvollen Atmosphäre entstehen diese Erzeugnisse desGeisteszu der wir nicht emporsteigen. Jene Resultate unseres Nachspürens zuSprossen einer Leiter dahin verarbeiten zu wollenwäre ein vergeblichesUnternehmen. Und sowenn es bei einem Manne wie Goetheder kaum gegangen istder die Luft beinahe noch atmetein der wir lebenund von dem wir zehn Briefeaufzuweisen imstande wärenwo von Michelangelo einer vorhanden istwenn esbei Goethe doch am Ende nicht auf die Briefesondern auf die Erkenntnis derZeit und die Tiefe des Verständnisses für seine Dichtungen ankommtum zufühlenwas er gewesenso ist dies in noch höherem Grade bei Michelangelo derFalldessen Handwerk das Schreiben nicht warder meistens in seinen Briefendie Person berechnetan die er sie richtetund selten sein Herz zeigt wie inseinen Werkenseinen Taten oder auch seinen Gedichten. Von der Strömung derZeitvon der Trauer um daswas ihm mißlungender Hoffnung auf die Zukunftenthalten die Briefe wenig. Einzelne Seiten seines Charakters zeigen sie inihrer ganzen Schärfewo man früher nur ahntedaß es so wäreaber auchhier meistens nicht bei Ereignissendie bedeutend sind. Seine Briefe geben vielsie sindsobald man sie einmal kenntein Teil von ihmder sich von nun annicht entbehren ließeaber besäßen wir nichts als seine ArbeitendieBiographie Condivis und die Geschichte von Florenz und Rom: aus dem Marmordendiese liefernließe sich die Gestalt des Mannes heraushauenwie er warundwas dazu kommthilft das Bildnis nur glätten und feiner ausarbeitenohne daßder ersten Anlage nach eine Falte anders gelegt zu werden brauchte.

Unter diesen Umständen erwecken auch die Papierewelche immer nochunpubliziert in Florenz liegendie Neugierde nicht mehrmit welcher früherMichelangelos Briefe erwartet wurden. Über tausend Nummern an ihn gerichteterSchreiben sollen noch vorhanden sein. Was sie ohne Zweifel gewähren werdenistgenauere Datierung der Werke und der laufenden Arbeit daran sowie Aufschlüsseüber allerlei Verhältnisse Michelangelosvon denen wir heute wenig odernichts wissen. Allein vielleicht dürfte auch hier eintretendaß man einmalmit noch größerer Beflissenheitals man zuerst nach diesen Mitteilungenverlangtesie in der Folge wieder zu beseitigen suchen wirdweil sie dieeinfachen Linien der Persönlichkeit wie wucherische Schlinggewächse eherverhüllten als klarer werden lassen.

Für die eigenen Arbeiten war den Florentiner Gelehrten die Benutzung diesesMaterials natürlicherweise gestattet wordenund daraufhin muß Aurelio Gottis1876 erschienenem Leben Michelangelos bedeutender Wert zugeschrieben werden.Vieles fand ich hier gedrucktwas meinen Blicken sonst entzogen geblieben wäre.Gottis Buch sticht durch diese wertvollen Eigenschaften unter der Masse andererPublikationen hervorwelche zur Feier des vierhundertjährigen GeburtsfestesMichelangelos in Italienin Frankreich und bei uns erschienen sind.

III

Im Jahre 1250 soll Simone Canossader Stammvater der Buonarrotials Fremdernach Florenz gekommen sein und sich durch ausgezeichneteder Stadt geleisteteDienste das Bürgerrecht erworben haben. Aus einem Ghibellinen sei er ein Guelfegeworden und habe deshalb sein Wappeneinen weißen Hund mit einem Knochen imMaule in rotem Feldein einen goldenen Hund in himmelblauem Felde verändert.Dazu seien ihm von der Signorie noch fünf rote Lilien und ein Helm mit zweiStierhörnerneins goldeneins himmelblauverliehen worden. So Condivi.

In den Adern der Simoni aberdie von den Grafen Canossa abstammtenflössekaiserliches Blutschreibt er weiter. Beatricedie Schwester Kaiser Heinrichdes Zweitensei die Stammutter der Familiedas eben beschriebene Wappen imPalaste des Podesta von Florenz noch zu sehenwo Simone Canossa es gleich demanderer Podestas habe in Marmor aushauen lassen. Der Familienname Buonarrotistamme daherdaß er als Vorname in der Familie herkömmlich gewesen sei; einermüsse ihn immer als einzigen Taufnamen führen. So sei er ein Kennzeichen desGeschlechtes geworden und habe sich endlich statt des Namens Canossa in dieBürgerrolle eingeschlichen.

Wir können annehmendaß Condivi diese Mitteilungen von seinem altenMeister erhielt und daß dieser somit an das kaiserliche Blut in seinen Adernglaubte. Die Buonarroti hielten fest an dieser Tradition. FlorentinischeGeschichtsforscher haben indessen keinen Simone Canossader 1250 Podesta derStadt gewesen wärezu entdecken vermocht. Auch in den Familiennachrichten desGrafen von Canossa wird dieser Persönlichkeit nicht erwähnt. Noch wenigerstimmt das Wappen der Canossa mit demdas Condivi beschreibtoder das derBuonarroti selber damit. Dieses bestand aus zwei goldenen Querbalken imhimmelblauen Feldekeine Spur von dem goldenen Hunde mit einem Knochen im Maul.

Der Hund führt vielleicht auf die Fährte einer Erklärungwie die Fabelentstand. Das Mittelalter hatte seine eigene Artdie Worte symbolisch zuerklären. Der Hund canismit dein Knochen os im Mauleoswird auf demselben Wege zu »Canossa« wie die Dominikaner zu den »Hunden desHerrn«domini caneswurden. wichtiger indessen als die genaueErklärung des Märchens ist der Umstanddaß der alte bürgerlicheMichelangelodieser Erzguelfeseine Biographie trotz alledem mit einerErklärung beginnen läßtdurch die er sich seiner Abstammung von dem altenghibellinischen höchsten Adel rühmtund daßwie ein noch vorhandener Briefeines Canossa aus dem Jahre 1520 beweistdie gräfliche Familie dieVerwandtschaft anerkannte. Graf Alexander von Canossa tituliert Michelangelo inAnrede wie Adresse als seinen geehrten VetterParente onoratolädt ihnzu sich einbittet ihndas Haus seiner Familie als sein Eigentum zu betrachtenund geht so weitihn Michelangelo Buonarroti da Canossa zu titulieren.

Die Buonarrotioderwie sie sich schriebendie Buonarroti Simoniwareneines der angesehensten florentinischen Geschlechter. Ihr Name findet sich oftmit Staatsämtern verbunden. 1456 saß Michelangelos Großvater in der Signorie1473 sein Vater im Collegium der Buonuominieiner aus zwölf Bürgernbestehenden Kommissionwelche der Signorie beratend beigestellt war. 1474 wurdeer zum Podesta von Chiusi und Caprese ernanntzweier Städtchen mit Kastellenim Tale der Singarna gelegeneines kleinen Gewässersdas sich in die Tiberergießt.

Die Tiber entspringt in dieser Gegen und ist selber noch ein unbedeutenderFlußwenn sie sich mit der Singarna vereinigt. Das Land ist gebirgig.

Michelangelos VaterLodovico mit Namenbegab sich von Florenz auf seinenPosten. Seine FrauFrancescagleichfalls aus guter Familiewar geradehochschwangerwas sie nicht hinderteihren Mann zu Pferde zu begleiten. DieserRitt hätte ihr und dem Kinde gefährlich werden könnensie stürzte mit demTiere und wurde ein Stück fortgeschleift. Dennoch schadete es ihr nichtam 6.März 1475 um 2 Uhr nach Mitternacht brachte sie zu Caprese einen Knaben zurWeltder den Namen Michelangelo erzielt. Er war das zweite Kind seiner Mutterwelche bei seiner Geburt neunzehn Jahre zähltewährend Lodovico im einunddreißigstenstand. Lodovicos Vater lebte nicht mehrwohl aber seine MutterMona Lesandra (sovielals Madonna Allessandra)eine Frau von sechsundsechzig Jahren.

1476nach Ablauf seiner Amtsführungkehrte Lodovico nach Hause zurück.Der kleine Michelangelo wurde drei Miglien von Florenz in Settignanozurückgelassenwo die Buonarroti eine Besitzung hatten. Man tat das Kind zueiner Ammeder Frau eines Steinmetzen. Settignano liegt mitten im Gebirge;Michelangelo pflegte später scherzend zu sagenes sei kein Wunderdaß ersolche Liebe zu seinem Handwerk hegeer habe es mit der Milch eingesogen. Indem Orte zeigte man im vorigen Jahrhundert noch die ersten Malereien des Knabenan den Wänden des Hausesin dem er aufwuchswie im Erdgeschoß deselterlichen Hauses zu Florenz die Fortsetzung dieser Bestrebungen zu erblickenwar. Er fing an zu zeichnensobald er seine Hände gebrauchen konnte.

Die Familie vermehrte sich. Die Geschwister Michelangelos sollten Kaufleutewerdendie gewöhnliche und natürliche Laufbahn in Florenzer selbst aberwurde zum Gelehrten bestimmt und von Meister Franceso aus Urbinoder dieflorentinische Jugend in der Grammatik unterrichtetein die Schule genommen.Hier aber profitierte er nicht viel. Er verwandte alle seine Zeit auf dasZeichnen und trieb sich in den Werkstätten der Maler umher.

Auf diesen Wegen lernte er Francesco Granacci kenneneinen schönentalentvollen Knabenderfünf Jahre älter als ersein innigster Freund wurde.Granacci war bei Domenico Ghirlandaio oderflorentinisch gesagtGrillandaio inder Lehre. Michelangelo ließ sich nicht mehr bei seinen Studien haltenerhatte nur die Malerei im Kopfe. Sein Vater und dessen Brüderstolze Männerdie den Unterschied der Kaufmannschaft und der Malereidie als ein in ihrenAugen wenig angesehenes Handwerk geringe Aussichten botwohl zu würdigen wußtenmachten Vorstellungenaus denen allmählich Schläge wurden. Michelangelo bliebstandhaft. Am 1. April 1488 unterzeichnete Lodovico den Kontraktkraft dessensein Sohn zu den Meistern Domenico und David Grillandaii auf drei Jahre in dieLehre gegeben ward. Während dieser Zeit sollte er Zeichnen und Malen lernen undübrigens tunwas ihm geheißen würde. Von Lehrgeld war keine RedeimGegenteil verpflichteten sich die Meisterihm im ersten Jahre sechsim zweitenachtim dritten zehn Goldgulden zu bezahlen. Michelangelo war vierzehn Jahrealtals er so zum ersten Male seinen Willen durchgesetzt hatte.

Seltsam ist zu bemerkendaßwenn Michelangelo in früher Jugend so daraufbestandals Malerlehrling einzutretender Hochmutmit dem seine Familie dieSache aufnahmin hohem Alter auch bei ihm zum Durchbruche kam. In seinenBriefen unterzeichnete er sich so lange er jung war mit »Michelangelo derBildhauer«später jedochals alter Mannnahm er übelwenn so auf seinenBriefen stand. Bei seinem Neffen beklagte er sich danndaß von einemFlorentiner so an ihn adressiert worden sei: nicht Michelagnolo der Bildhauersondern Michelangelo Buonarroti laute der Nameunter dem er in Rom bekannt sei.Niemals habe er als Maler oder Bildhauer offene Werkstatt gehaltensondernimmer die Ehre seines Vaters und seiner Brüder im Auge gehabtund sogar wenner Päpsten gegenüber sich zu Diensten verpflichtetsei das nur deshalbgeschehenweil es zu vermeiden unmöglich gewesen.

Domenico Grillandaio stand als der Herr der Werkstatt obenanin welcheMichelangelo jetzt eintratund gehörte zu den besten Meistern der Stadt. Erhatte damals eine umfangreiche Arbeit übernommen. Der Chor der Kirche SantaMaria Novella sollte neu gemalt werden. Orcagnader Erbauer der offenen Halleneben dem Palaste der Regierungder sogenannten Loggia dei Lanzihatte diesenChor in Giottos Manier ausgemalt. Das Dach war schadhaft gewordender Regen anden Wänden herabgelaufen und die Malerei allmählich zugrunde gegangen. DieFamilie Ricciwelcher als Inhaberin dieses Chores auch seine Instandhaltungzukamzögerte mit der Restauration der großen Kosten wegen. Jede bedeutendeFamilie besaß auf diese Weise eine Kapelle in einer der städtischen Kirchenin der sie die Ihrigen begrub und deren Ausschmückung eine Ehrensache war. Danun die Ricci ihre Ansprüche nicht aufgaben und anderen die Reparatur derbeschädigten Wände nicht zugestehen wolltenblieb die Sache eine Zeitlangbeim alten; Orcagnas Gemälde gerieten in immer bedenklicheren Zustand. Endlichmachten die Tornabuonieine der reichsten Familien der Stadtden Vorschlagwenn man ihnen die Erneuerung der Kapelle überließewollten sie nicht nuralle Kosten tragensondern sogar das Wappen der Ricci prachtvollwiederherstellen. Hierauf gingen diese ein. Grillandaio ward die Arbeit inAkkord gegeben. Der Meister stellte seine Forderung auf 1200 schwere Goldguldenmit einer Extravergütung von 200wenn die fertige Arbeit zur besonderenZufriedenheit der Besteller ausgefallen wäre. Im Jahre 1485 war sie in Angriffgenommen worden.

Die Kapelle ist ein viereckigergewölbternach dem Schiff der Kirche hinoffener Raumdurch den zu ziemlicher Erhebung aufgebauten Hochaltar jedochhinter dem sie liegtvon ihr abgeschlossen. Die Rückwand ist von Fensterndurchbrochenes handelte sich also bei der Malerei nur um die beiden Wände zurRechten und Linkenwenn man eintritt. Diesein übereinander liegende langestreifenartige Teile abgeteiltmußten von unten bis oben mit Kompositionenausgefüllt werden. Es sind Darstellungen biblischer Begebenheiten. Das heißtdie Namen der einzelnen Gemälde lauten soin Wirklichkeit aber erblicken wirGruppierungen bekannter und unbekannter florentinischer SchönheitenBerühmtheitenMännerFrauen und deren Kinderwie es die Umständeerfordertenim Kostüme der Zeit und in einer Weise zusammengestelltals seidaswas das Bild bedeutetvor wenigen Tagen in Florenz auf der Straße oder ineinem der bekanntesten Häuser vorgefallen. Diese Artdie heilige Schriftunhistorisch aufzufassenfinden wir überallwo sich die Kunst naiv undkräftig entwickelt. Rembrandt läßt Maria in einem Stalle sitzender einenholländischen Kuhstall seiner Zeit darstelltwährend Raffael ihr in altemrömischem Gemäuer ein Unterkommen gibtwie er täglich daran vorüberging.

Für Florenz ist bei solchen Gemälden Vasaris Werk nicht hoch genuganzuschlagen. Als er schriebwußte man noch in der Stadtwer diese Personenwären. Wir sehen da die gesamten Tornabuoni vom ältesten Mitgliede der Familiebis zum jüngsten herabwir finden die Medici und in ihrem Gefolge diegelehrten Freunde der Familie: Marsilio Ficinoden platonischen Philosophenden der alte Cosimo erzogen hatteAngelo Polizianoder DichterPhilolog undErzieher von Lorenzo dei Medicis Kindern warund andere berühmte Namen. Unterden Frauenwelche bei der Begegnung der Maria und Elisabeth das Gefolge bildendie reizende Ginevra dei Bencidamals die schönste Frau in Florenzdann amWochenbette der heiligen Anna andere Florentinerinnenwelche der Wöchnerinihren Besuch abstattenalle im vollen Staateeine darunter mit Früchten undWeinden siewie es damals Sitte warzum Geschenk bringt. Wieder auf eineranderen Darstellung hat Domenico sich selbst und seine Brüder abgemalt.

Der Familie Medici begegnet man so an vielen Orten. Auf einem Gemälde imCamposanto zu Pisa stellt der alte Cosmo (oder Chosimowie die Florentinersprachen und schrieben) mit seiner Familie und wiederum dem gelehrten Gefolgeden König Nimrod darwelcher den Turm von Babel bauen läßt. Babylon sehenwir im Hintergrunde; es ist bis in die genauesten architektonischen Einzelheitenausgeführt und aus Gebäuden Roms und der Stadt Florenz sehr künstlichzusammengesetzt.

So kam Michelangelo gleich mitten in eine große Arbeit hinein. Eines Tagesals der Meister fortgegangen warzeichnete er das Gerüst mit alle demwasdazu gehörteund mit denenwelche darauf arbeitetenso durchaus richtig abdaß Domenicoals er das Blatt ansahvoller Verwunderung ausriefder verstehtmehr davon als ich selber. Bald zeigten sich seine Fortschritte als so bedeutenddaß die Verwunderung in Neid umschlug. Grillandaio wurde besorgt. Es ergriffihn jene Eifersuchtdie bei zu vielen ähnlichen Gelegenheiten herausgetretenistum nicht auch hier verständlich zu sein.

Michelangelo malte sein erstes Bild. Bei dem lebhaften Verkehr derFlorentiner mit Deutschland war es natürlichdaß deutsche Bilder undKupferstiche nach Italien kamen. Ein Blatt Martin Schongauersdie Versuchungdes heiligen Antonius darstellendwurde von Michelangelo in vergrößertem Maßstabkopiert und ausgemalt. Dieses Gemälde soll noch in der Galerie der FamilieBianconi zu Bologna vorhanden sein. Anderen Nachrichten zufolge befindet es sichim Besitz des Bildhauers Mr. de Triqueti zu Parisohne daß gesagt wirdwie esin dessen Hände gelangte. Das Blatt Schongauers ist bekannt. Als Kompositionbetrachtet jedenfalls seine bedeutendste Arbeit und mit einer Phantasie erfundenwelche die tollsten niederländischen Arbeiten ähnlicher Art erreicht. EineGesellschaft fratzenhafter Ungeheuer hat den heiligen Antonius in die Lüftegeführt. Man sieht nichts von der Erde als unten in der Ecke des Bildes einStückchen Felsgestein. Acht Teufel sind esdie den armen Einsiedler in dieMitte genommen haben und peinigen. Der eine reißt ihn am Haarder zweite amGewande vornder dritte packt das Buchdas in eine Tasche eingeknöpft anseinem Gürtel hängtder vierte reißt ihm den Stock aus der Handder fünftehilft dem viertendie anderen kneifen und zerrenwo nur Platz istum sichanzukrallenund dabei kugelt und dreht sich das wunderliche Gesindel in denunmöglichsten Windungen über ihman ihm und unter ihm. Das ganze Tierreichist bestohlenum die Gestalten zusammenzusetzen. KrallenSchuppenHörnerSchwänzeKlauen – was irgend Tiere an sich haben könnenhaben diese achtTeufel an sich. Das Fischhafte aber herrscht vorund um hier ja nicht die Naturzu verfehlenstudierte Michelangelo auf dem Fischmarkt die ausgelegte Wareeifrig. So brachte er ein ausgezeichnetes Bild zustande. Grillandaio nannte esjedoch ein aus seiner Werkstatt hervorgegangenes oder gab sich sogarselbst als den Verfertiger anwozu er der damaligen Sitte nach berechtigt war.Grillandaioüberhauptfing an die Fortschritte Michelangelos bedenklich zufinden. Er verweigerte ihm sein Skizzenbuchaus dem dies und jenes abzuzeichnenden Schülern sonst freistand. Nun aber wurde ihm von Michelangelo sogar einStreich gespielt. Dieser hatte als Vorlegeblatt einen Kopf zum Kopieren erhaltenein schon älteresetwas vergilbtes Blattdas er nach einiger Zeit dem Meisterwieder zurückgabder es ruhig in Empfang nahmworauf dann unter Gelächterdie Entdeckung nachfolgteer habe sich anführen lassen. Michelangelo hatte denKopf so täuschend kopiert und das Blatt etwas angeräuchertdaß Grillandaiodie eigene Arbeit von der des Schülers nicht mehr unterscheiden konnte. Es warZeitdaß dem Verhältnis ein Ende gemacht würdeund dies geschah noch vorAblauf der drei Jahre des Kontraktes auf eine Weisedie für Michelangelo kaumgünstiger gedacht werden konnte. Er wurde mit Lorenzo dei MediciCosmos Enkelbekanntder um diese Zeit in Florenz die Regierung in Händen hatte.

IV

Florenz bestandals Staat betrachtetaus einer Vereinigung vonHandelshäusernderen erstes das der Medici war. Die Stellung der übrigenergibt sich danach von selbst. Die Regierung der Stadt lag in den Händen Cosmosder stets den Anschein des interesselosenzurückgezogenen Bürgers festhieltsichererals wäre er ein Fürst mit dein Titel eines Herrschers von Florenzgewesen. Pierosein Sohnregierte nach ihm. Daß er es tatwar ebensonatürlichals sich von selbst verstanddaß er das ererbte Geschäftfortsetzte. Körperlich und geistig eine schwächere Naturmit dem Beinamen »derGichtbrüchige«blieb er trotzdem sein Leben lang an der Spitze des Staatesund nach seinem Abscheiden traten Lorenzo und Giulianoseine Söhneindieselbe Stellung ein: der Wechsel des Hauptinhabers unterbrach die Geschäftedes Hauses nicht.

Nach innen blieben die Medici schlichte Kaufleutenach außen nahmen sieeinen anderen Ton an. Cosmo war einmal in die Verbannung geschickt worden. Ertrat wie ein Fürst auf in Venedigwohin er sich gewandt hatte; die Florentinermerkten balddaß er Florenz mit fortgenommen hätteund holten ihn zurück.Nun war er Diktator; aber nur in Dingendie keine Staatsangelegenheit warengriff er öffentlich ein. Er berief Gelehrteerbaute Kirchen und Klösterstiftete kostbare Bibliothekenverpflichtete sich jedermann durch willigeDarlehen. In politischen Dingen mußten seine Freunde auftreten. Man braucht nursein Gesicht anzusehendas in den zahlreichsten Abbildungen aus allenLebensaltern auf uns gekommen ist. Hohein die feingerunzelte Stirnhinaufgezogene Augenbraueneine langemit der etwas volleren Spitzehinuntergedrückte Naseein Munddessen feine Lippen nachdenklichzusammengepreßt und beide scharf nach vorn vorgedrängt sindein energischesfestes Kinnim ganzen ein Anblickdaß man die verkörperte Klugheit zuerblicken glaubt.

Pierosein Nachfolgerbeging Fehlerbehauptete sich aber allen Angriffenentgegenein Beweisdaß die Partei der Medici stark genug warum sich selbstunter einer minder ausgezeichneten Führung in der Herrschaft zu erhalten.Lorenzo dagegen trat in die Fußstapfen des Großvaters und erhöhte seinepersönliche Stellung um ein beträchtliches. Die Kämpfein denen er sichemporschwangwaren heftig und gefahrvoll. Seinem Bruder Giuliano kosteten siedas Leben. Sie zeigenwelch ein Mut dazu gehörtean der Spitze eines Staateswie Florenz zu stehen.

Der Tod Giulianos fällt ins Jahr 1478. Michelangelo war damals zwei Jahrealt und noch in Settignano; die Verschwörung der Pazzidie mit diesem Mordezum Ausbruch kamgehört also kaum zu demwas er erlebte. Ihre Entstehung aberdie Katastrophe und der Verlauf sind echt florentinischund die Erzählung desEreignisses ist notwendigum ein Gefühl von der Stellung Lorenzos zu der Zeitzu gebenin der Michelangelo mit ihm in Berührung kam.

Schon Cosimo hatte den Einfluß der mächtigen Familie auf seine Weiseabzuschwächen gesuchtindem er seine Enkeltochter BiancaLorenzos undGiulianos Schwestermit Guglielmodem einzigen Haupterben der PazzischenReichtümervermählte. Auf diesem Wege hoffte er eine Verschmelzung derbeiderseitigen Familieninteressen herbeizuführen. Allein die Pazzi hielten sichzurück und bewahrten ihre Selbständigkeitso daß Lorenzo und Giulianonachdem sie Regenten von Florenz geworden warenernstlicher darauf bedacht seinmußtender drohenden Rivalität ein Ende zu machen. Es gab einen Punktwo siekeine Rücksicht kannten: mit eifersüchtiger Wachsamkeit suchten sie zuverhütendaß kein anderes Haus durch seine Reichtümer ebenbürtig nebenihnen emporkäme. Drohte die Macht einer Familie die Grenze zu überschreitenso griffen sie ein und ließen es darauf ankommenwas daraus werden würde.

Lorenzo bewirktedaß von der Regierung der Stadt eine Reihe die Pazzidemütigender Maßregeln ausging. Man pflegte die großensogenannten adligenHäuser gemeinhin mit Rücksichten zu behandelndie zwar nicht verfassungsmäßigerNaturdennoch hergebracht waren; diese versäumte man jetzt den Pazzigegenüber. Es fielen böse Worte von seiten der Familiedie Medici erwartetendas nicht andersstanden auf ihrer Hut und beobachteten sie.

Nun aber geschah schreiendes Unrecht. Die Frau eines Pazzi will ihrenverstorbenen Vater beerben. Ein Vetter hält einen Teil der Erbschaftwiderrechtlich an sich. Es kam zum Prozeßdie Frau mußte gewinnen; daerscheint ein neues Gesetzdurch welches dem Vetter der Besitz bestätigt wird.Lorenzo hatte es dahin gebracht; er wolltedaß das Geld geteilt bliebe.Giuliano selbst machte ihm Vorstellungen wegen dieser Ungerechtigkeitalleindas höhere Interesse überwog; Lorenzo war junghitzig und mutvoller glaubtedem Sturme die Spitze bieten zu können.

Dieser blieb nicht aus. In Florenz hielten sich die Pazzi stillaber in Rombegannen sie Waffen zu schmieden. Sie hatten dort wie die Medici und andereflorentinische Häuser eine Bankund Francesco Pazziwelcher das Geschäftleitetestand mit den Riariider Familie des regierenden Papstesim bestenVernehmen. Die Medici waren Sixtus dem Vierten verhaßt und mußten es entgeltensoweit es in seiner Macht stand. Er hatte eben anstelle des verstorbenenErzbischofs von Pisa einen anderen ernanntder den Medici feindlich gesinnt warund den sie jetzt in seine Stellung einzutreten verhinderten. Man kam in Romübereinwenn der Papst Ruhe haben wollteso müßten die Medici in Florenzvernichtet werden. Die Riarii und Francesco entwarfen den ersten Plan. DerErzbischof von Pisa ward hinzugezogenhierauf der alte Jacopo Pazzidas Hauptder Familie in Florenzdessen Bedenklichkeiten der Papst selber erst heben mußte.Der Oberbefehlshaber der päpstlichen TruppenGiovanbatista da Monteseccokamnach Florenzum näher zu verabredenwiewo und wann die Brüder zu ermordenwärenob einzeln oder zugleich an einer Stelle; hierauf disponierte er seineArmee in kleinen Abteilungen derartdaß die Stadt rings eingeschlossen war unddie Truppenauf ein Zeichen von allen Seiten einbrechendsich rasch in Florenzzusammenfinden konnten. Der Cardinal Riario brachte die Verschworenen in dieMauern der Stadtindem er sieunter seine zahlreiche Dienerschaft gemischtselber durch die Tore führte.

Der Besuch dieses mächtigen Mannes war ein Ereignis. Ein Fest wurdeveranstaltetzu dem man die beiden Medici einlud. Hier sollten sie abgetanwerden. Allein kurz vorher läßt Giuliano absagen. Jetzt mußte auf der Stelleein Entschluß gefaßt werdendenn der kürzeste Aufschub konnte bei der großenZahl der Mitwisser und der pünktlichen Verabredung aller übrigen Maßregelnder guten Sache verderblich werden. Es wurde ausgemachtder Kardinal solle amMorgen des nächsten Tages im Dome die Messe lesendie Brüder würden ausHöflichkeit erscheinen müssenes sei das die beste Gelegenheitsieniederzustoßen. Giovanbatista Pazzi wollte LorenzoFrancesco Pazzi Giulianoauf sein Teil nehmen.

Alles abgemachterklärt Giovanbatista plötzlicher könne an heiligerStätte den Mord nicht ausführen. Es werden statt seiner nun zwei andereangestelltder eine davon ein Priesterder eine natürliche Tochter JacopoPazzis im Lateinischen unterrichtete. Dieses Zurücktreten Giovanbatistas warder Anfang des Mißlingenssagt Machiavellidenn wenn bei irgend etwasbedarfes bei solchen Gelegenheiten mutiger Festigkeit. Die Erfahrung lehrtsagt erweiterdaß selbst denendie an Waffen und Blut gewöhnt sindder Mut dennochversagtwenn es in dieser Weise auf Leben und Tod geht.

Zu dem Momentein welchem die Verschworenen zustoßen solltenwar dasZeichen mit der Glocke gewähltwährend die Messe gelesen wurde; in demselbenAugenblicke sollte der Erzbischof von Pisa mit seinen Leuten den Palast derSignorie stürmen. So hätte man mit einem Schlage den Umsturz der Dinge bewirktund die Gewalt in Händen.

Die Brüder ahnten dunkeldaß etwas gegen sie beabsichtigt würdealleinin diese Falle gingen sie arglos hinein. Lorenzo kam zuerstGiuliano blieb aus;einer von den Pazzi liefihn zu holenund Arm in Arm traten sie in Santa Mariadel Fiore ein. Mitten im Gedränge des Volkes stehen die Verschwörer underwarten das Geläutewährend die Worte der Messe aus dem Munde des Kardinalsdurch das weitedämmernde Gewölbe und über die schweigende Menge fliegen.

Da schlägt die Glocke anund Giuliano empfängt den ersten Stich in dieBrust. Er springt auftaumelt einige Schritte vor und stürzt zu Boden. Wütendfällt Francesco Pazzi über ihn her und zerfleischt ihn mit dem Dolche sowahnsinnig Stich auf Stichdaß er seine eigenen Glieder von denen desTodfeindes nicht mehr unterscheidet und sich selbst eine gefährliche Wundebeibringt.

Währenddem aber hat Lorenzo besser Stand gehalten. Ihm fuhr der Dolchstichin den Halser wirft sich zurück und verteidigt sich. Die Verschwörer stutzenseine Freunde kommen zu sichumgeben ihn und retten ihn in die Sakristeigegenderen Türe Francescoder Giuliano endlich in seinem Blute liegen läßtmitseinen Genossen anstürmt. Ein furchtbares Getümmel erfüllt die Kirche. DerKardinal steht am Altareseine Geistlichen umringen und beschützen ihnweilsich die Wut des Volkesdas die Dinge nun zu begreifen begannnun gegen ihnwandte.

Unterdessen war der Erzbischof von Pisa auf den Palast losmarschiert. DieSignorenwelcheso lange ihr Amt dauertdort wohnen und ihn unter keinerBedingung verlassen dürfensaßen eben beim Frühstück. Die Überraschung warvollständigaber ebenso augenblicklich die Fassung. Mit den bewaffnetenDienern des Palastes vereintdrängen sie die feindliche Mannschaftdie demErzbischof schon die Treppe hinauf folgtewieder hinabwährend diewelcheschon oben warenzu Boden geschlagen oder aus den Fenstern auf den Platzniedergestürzt werden. Einen von den Pazzis aber und den Erzbischof selberexekutierte man auf der Stelle. Man warf jedem eine Schlinge um den Halsund imNu hingen sie draußen hoch am Fenster zwischen Himmel und Erdewährend dieanderen mit zerbrochenen Gliedern unten auf dem Pflaster lagen. Noch abersteckten die Verschworenen im Erdgeschoß des Palasteswo sie sich verrammelthatten. Oben läuteten die Signoren Sturmaus allen Straßenmündungenströmten bewaffnete Bürger auf den Platz.

Im Dome war die Sakristei nicht zu erzwingen. Die Türen von Metallmitdenen sie versehen warenleisteten guten Widerstand. Die Anhänger der Mediciströmten von außen zuFrancesco Pazzi ließ den Mut nicht sinken. Der Stichden er sich selbst ins Bein gegeben hattewar so tiefdaß ihn seine Kräfteverließen. Noch versuchte er zu Pferde zu steigenumwie verabredet wardurch die Straße reitenddas Volk in Aufruhr zu bringenaber er vermochte esnicht mehr. Elend schleppte er sich nach Hause und bat den alten Jacopofürihn den Ritt zu übernehmen. Noch ahnte er nichtwie es im Palast der Regierungständeauch mußte von außen der Zuzug bald erscheinen. Jacopoalt undgebrechlicherschien mit hundert bewaffneten Berittenen auf dem Platze; deraber war von bewaffneten Bürgern besetztvon denen keiner ihn anhören wollte.Die beiden Leichen sah er oben am Fenster hängen. So zog er mit seinen Leutenaus der Stadt und wandte sich in die Romagna. Auch anderen gelang essichdavonzumachen. Francesco lag auf seinem Lager und erwartete sein Schicksal.

Das ereilte ihn bald. Lorenzo warvon bewaffneten Bürgern geleitetzuHause angelangtder Palast der Regierung gereinigt von den Verräternüberallwurde der Name Medici gerufenund die zerrissenen Glieder der Feinde trug dasVolk auf Piken aufgespießt durch die Straßen. Der Palast der Pazzi war dasZiel der allgemeinen Wut. Sie schleppten Francesco zum Palaste der Regierung undhingen ihn neben die beiden anderen. Kein Laut entschlüpfte ihm unterwegsaufkeine Frage gab er Antwortnur zu Zeiten seufzte er schwer auf. So wurde dieserabgetan und der Palast der Pazzi geplündert. Und dannals die Rache vollbrachtwarkein florentinischer Bürgerder nicht in Waffen oder in seinem bestenStaate bei Lorenzo erschienen wäreum sich ihm mit Gut und Blut zur Verfügungzu stellen. Nun kam auch der alte Jacopo in die Stadt zurückden man verfolgtund im Gebirge aufgebracht hatte. Er sowohl als ein anderer Pazzider ruhig aufseiner Villa gesessen hattewurden innerhalb von vier Tagen verurteilt undgerichtet. Aber alles genügte der Wut des Volkes nicht. Sie rissen Jacopo ausder Familiengruft wieder herauslegten ihm einen Strick um den Hals undschleiften den Leichnam zum Arnoin den er hineingeworfen wurdewo der Flußam tiefsten war.

Lorenzo war jetzt alleinaber er stand in anderer Weise als früher demVolke gegenüberman empfand in Florenzwie völlig das Geschick der Stadt mitdem der Medici verwachsen sei. Die nun folgenden Kriege mit dem Papste und mitNeapel trugen dazu beiLorenzos neuer Stellung Dauer zu geben. Wenig fehlte anseinem Untergange. Was ihn rettetewar eins der genialsten Wagnisse. OhneGarantie persönlicher Sicherheit begab er sich zu Schiff nach Neapel in dieHände seines Feindes. Sein Auftreten hierseine Klugheitbesonders aber seinGeld ließen ihn Wunder wirken. Er ging wie ein verlorener Mannder unbesonnendem Verderben entgegenschreiteter kam zurück im Triumph als ein Freund desKönigsder ihn bald auch mit dem Papst versöhnte. Dieser war der rasendsteseiner Gegner. Daß der Mordversuch von ihm selbst unterstützt worden seibedachte er nicht. Er hatte nur den Schimpfder ihm durch die Erhängung desErzbischofs und durch die Vereitlung seiner Pläne zugefügt worden warvorAugen. Bezeichnend aber für die Zeit ist auch die Erklärung derflorentinischen Geistlichkeitdie in den schroffsten Worten öffentlichaussprachsie verachte den Bannfluchund der Papst sei ein Verschwörer wiealle anderen. Trotzdem löst sich auch das in Wohlwollen und verzeihendeFreundschaft aufund der Medici geht aus den Anschlägenderen Opfer er seinsollteals der angesehenste Fürst Italiens hervor.

Was Lorenzo vortrefflich verstandwar die Kunst sich populär zu machen.Zwar hatte er nun seit 78 eine Art Leibgarde im Palastedazu war seine Fraueine Orsinidie zu den stolzesten Adelsgeschlechtern Italiens gehörten undsich nicht geringer als Kaiser und Könige dünktendennoch ging er in derStadt nicht anders als seine Mitbürger. Wo es eine öffentliche Festlichkeitgabda hatte er sie entweder angerichtet oder den größten Teil daran. Ermischte sich ins Gedränge und war jedem zugänglich. Er dichtete den Mädchendie Liederdie sie zu ihren Tänzen sangen auf öffentlichen Plätzen zur Feierdes Frühlings im Monat Mai. Alle Kinder kannten ihnwer es begehrtedem kamer mit Rat und Tat zur Hilfe. Am hellsten aber glänzte er in den Augen derJugendwenn er seine prächtigen Karnevalsumzüge veranstaltetezu denen erdann auch selbst wieder Gesänge schrieb. Er scheute keine Kosten bei solchenGelegenheitenund nur wenigedie es verschwiegenwußten darumdaß er dieStaatsgelder dabei in Anspruch nahm. Bis dahin hatten die Medici ihren Aufwandaus eigenem Vermögen bestrittenLorenzo fing andie Geschäfte der Firma zubeschränken und sich anderweitig Mittel zu verschaffen.

Bei Gelegenheit eines solchen Karnevalaufzuges hatte sich Francesco Granaccider ein schönergewandter Jüngling war und bedeutendes Talent fürdergleichen besaßin Lorenzos Gunst eingeschmeichelt. Es wurde der Triumphzugdes Paulus Aemilius dargestellt. Nachahmungen römischer Triumphe waren einebeliebte Form öffentlicher Umzüge. Granacci sollte bald Gelegenheit findendieses Wohlwollen für sich und Michelangelo zu benutzen. Er erhielt Zutritt inden Garten von San Marcowo die Kunstschätze der Medici aufgestellt waren.

Lorenzo ließ hier eine Anzahl junger Leutebesonders solcherdie aus guterFamilie stammtenin der Kunst unterrichten. Der alte Bildhauer BertoldoDonatellos Schülerleitete die Übungen. Im Garten waren Skulpturwerkeaufgestelltin den dazu gehörigen Gebäuden hingen Bilder und Kartons derersten florentinischen Meister. Was von außen her auf die Bildung angehendenKünstler einwirken konntewar vorhandenund auch die Talente zeigten sichbalddenen diese Gunst des Schicksals zugute kam. Durch Granacci wurde jetztMichelangelo in den Garten von San Marco eingeführt.

V

Der Anblick der Statuendie er hier aufgestellt fandgab seinen Gedankeneine andere Richtung. Wie er früher um Ghirlandaios willen die Schulevernachlässigt hatteso versäumte er jetzt um der Statuen willen dieWerkstätte des Ghirlandaio. Lorenzo ließ damals in seinem GartenMarmorarbeiten zum Bau einer Bibliothek anfertigenin welcher die von Cosmobegonnene Büchersammlung untergebracht werden sollte und deren Vollendungspäter Michelangelo selbst geleitet hat. Mit den Steinmetzen schloß dieserjetzt Freundschaft. Er erlangte ein Stück Marmor und die nötigen Werkzeuge vonihnen und begann die antike Maske eines Faunsdie sich als Zierat im Gartenvorfandaus freier Hand zu kopieren. Doch hielt er sich dabei nicht ganz an dasOriginal und gab seinem Werk einen weit geöffneten Munddaß man die Zähnedarin erblickte.

Diese Arbeit kam Lorenzo zu Gesichteder selber auf die Dinge ein Auge zuhaben pflegte und die Arbeiter im Garten besuchte. Er lobte Michelangelobemerkte aber scherzend: »Du hast deinen Faun so alt gemacht und ihm dennochalle Zähne im Munde gelassen; du solltest doch wissendaß man die bei sohohen Jahren nicht mehr sämtlich beieinander hat.«

Als der Fürst das nächste Mal wiederkamfand er eine Zahnlücke im Mundedes Alten vordie so geschickt hineingearbeitet wardaß es kein vollendeterMeister besser verstanden hätte. Jetzt nahm er die Sache ernsthafter und ließdurch Michelangelo seinem Vater sagener möge zu ihm kommen.

Lodovico Buonarroti wollte nicht erscheinen auf diese Bestellung. Schon dieSache mit der Malerei war ihm hart angekommendaß sein Sohn jetzt aber sogarnoch Steinmetz werden solltedeuchte ihm zu viel. Francesco Granacciderbereits das erste Mal geholfen hattetrat auch diesmal beruhigend ein undbrachte ihn dahinsich wenigstens zu Lorenzo auf den Weg zu machen.Michelangelos Vater war eine geradeehrliche Naturein Mannder amAlthergebrachten festhieltuomo religioso e buono e piuttosto d'antichicostumi che nosagt Condivi. Das Außergewöhnliche mußte ihm erst mitMühe plausibel gemacht werdenehe er sein Mißtrauen dagegen aufgab; solamentierte er nundaß sie ihm seinen Sohn auf allerlei Irrwege brächtenundging mit der Absicht in den Palastsich auf nichts einzulassen.

Lorenzos Liebenswürdigkeit stimmte ihn jedoch bald anders und vermochte ihnzu Erklärungenan die er zu Hause sicherlich nicht gedacht hatte. Nicht alleinsein Sohn Michelangelosondern er selbst und alle die Seinigen ständen mitihrem Leben und Vermögen Seiner Magnifizenz zu Diensten. Medici fragte nachseinen Umständen und was er betriebe. »Ich habe niemals ein Geschäft gehabt«berichtete er»sondern lebe von den geringen Einkünften der Besitzungendiemir von meinen Vorfahren hinterlassen sind. Die suche ich im Stande zu haltenundsoviel ich kannzu verbessern.« »Gut«antwortete Lorenzo»sieh dichumkann ich etwas für dich tunso wende dich nur an mich; es soll geschehenwas immer in meinen Kräften steht.«

Die Sache war abgemacht. Lodovico meldete sich nach einiger Zeit mit derBitte um einen erledigten Posten beim Zollwesender monatlich acht Scudieinbrachte. Lorenzoder ganz andere Ansprüche erwartet hattesoll ihm dalachend auf die Schulter geschlagen haben mit den Worten: »Du wirst dein Lebtagkein reicher Mann werdenLodovico.« Er gab ihm die StelleMichelangelo hatteer zugleich zu sich in den Palast genommenließ ihm ein Zimmer anweisen undsetzte ihm monatlich fünf Dukaten Taschengeld aus. Alle Tage wurde öffentlichgespeist bei den Medicis; Lorenzo saß oben anwer zuerst da warsetzte sichneben ihnohne Rücksicht auf Rang und Reichtum. So kam esdaß Michelangeloöfter den Ehrenplatz vor den eigenen Söhnen des Hauses voraus hattedie ihnaber alle liebten und freundlich ansahen.

Hierbei blieb Lorenzo nicht stehen. Er ließ Michelangelo öfter zu sichrufensah mit ihm die SteineMünzen und andere Kostbarkeiten durchvon denender Palast erfüllt warund hörte sein Urteil. Oder Polizian unterredete sichmit ihm und führte ihn in die Kenntnis des Altertums ein. Auf seinen Ratarbeitete Michelangelo den Kampf des Zentauren und Lapithenein Werkdasjedermann in Staunen setzte. Es ist ein Basrelief und unvollendet. Offenbar isteine der Szenenwelche antike Sarkophage bietenzum Muster genommen worden.Michelangelo wollte es nie fortgeben und hatte noch im späten Alter seineFreude daran. Heute befindet es sich im Palaste der Familie BuonarrotiderFaunskopf in dem National-Museum zu Florenz.

Bertoldo dagegen lenkte Michelangelo auf Donatello hin und unterwies ihn imErzguß. Michelangelo arbeitete eine Madonna in der Weise dieses Meistersdessen Natur ihn ebenso anzog als seine Werke: ein Basreliefwelchesgleichfalls heute noch im Hause Buonarroti steht. Er zeichnete ferner mit denanderen Zöglingen Bertoldos nach Masaccio in der Kapelle BrancacciwoFilippino Lippi eben noch die letzten fehlenden Gemälde beendete. Granacci isthier als ein nackter Knabe angebrachtFilippinos Porträtdas Botticellisdersein Meister wardas Pollaiuolos und anderer berühmter oder stadtbekannterMänner Bildnisse finden sich da. Durch diese Artsich selbst und seine Freundeauf den Bildern anzubringenwurde die Persönlichkeit der Künstler ein Teilder Kunstund das Gefühldaß hier eine große sich immer erneuernde Gemeindemit vollen Kräften fortarbeitetebefestigte sich in den Gemütern derNachstrebenden.

Nichts wurde damals verschmähtwas die Sache selbst förderte. JedeRichtung entwickelte sich unbekümmert neben der anderen. Das Altertum und dieneueste Zeit waren gleichmäßig geschätzte Vorbilder. Das sorgfältigsteStudium der Natur lief neben her und ließ das Gefühl für das lebendige immerüber den Trieb toter Nachahmung triumphierender in späteren Zeiten leider sovöllig den Sieg davontrug. In diesen Studienwie sie damals unter Lorenzospersönlichem Einfluß in Florenz betrieben wurdenhaben wir das schönsteBeispiel einer Kunstakademie vor unsund vielleicht das einzigedas uns zu derWahrnehmung berechtigtes habe gute und reichliche Früchte getragen. Eineandere Art gedeihlicher Einwirkung von seiten eines Fürsten auf die Kunst gibtes überhaupt nichtdenn die Kunst wird immer erniedrigt werdenwenn Fürstenaus äußerlichen Rücksichten und nicht aus dem edelsten Bedürfnis ihrereigenen Seele sie zu erheben versuchen. Lorenzos Beispiel zeigtdaß dieaufgewandten Geldmittel die geringste der treibenden Kräfte warenwelche sichhier vereinigten. Es bedurfte dazudaß Medici selbst so tief in dieklassischen Studien eingeweiht wardaß er die Jünglinge mit eigenem Blickeauswähltedaß er an den Sammlungendie er ihnen zu Gebote stellteselberdie größte Freude hatte. Er ernennt den Lehrerer verfolgt die Fortschritteer erkennt aus den ersten Versuchen des Anfängers die glänzende Zukunft. Erbot den jungen Leuten in seinem Palaste den Verkehr mit den ersten GeisternItaliens. Denn alles strömte nach Florenzund das Haus der Medici war nichtnur der Platzvon dem aus die feinsten Fäden der Politik nach allen Seitengesponnen wurdensondern die religiöse Bewegungdie philosophischen Studiendie Poesiedie Philologie wandten sich dahinum teilweise eine entscheidendeRichtung zu erhalten. Was Großes in der Welt geschahwurde dort gekanntbesprochen und gewürdigt. Das Mittelmäßige erstickte unter der Fülle desVortrefflichen. Das Vortreffliche selbst wurde nicht nach äußeren Merkmalenblind in den Kauf genommensondern mit Verständnis geprüftehe man esbewunderte. Bewegtesgeselliges Leben mischte sich ununterbrochen mit denernsten Arbeitenund als heilsamer Gegensatz zu den Süßigkeiten diesesDaseins wirkte der scharfe kritische Verstand des florentinischen Publikumsdassich in Sachen höherer Kultur weder bestechen noch betrügen ließ.

Das war eswas man nur in Florenz antraf und was die Florentiner an ihreStadt fesselte: daß sie einzig dort die wahrhaft fördernde Anerkennung ihreseigenen feinen Geistes fanden. Nirgends sagte man so böse Dingenirgends abersprach man so schön. Mißhandelt sahen sich die Künstler oftmiterbärmlicher Knauserei in ihrem Lohne verkürztmit beißenden Worten undBeinamen verfolgtstets aber dennoch mit jener wahrhaftigen Gerechtigkeit bisin ihre außerordentlichsten Leistungen erkannt und abgeschätztumderentwillen man gern alles übrige darangibt. Was ist ein Künstler ohne einPublikumdas er seiner würdig fühlt? Donatello sehnte sich aus Paduawo manihn mit Schmeicheleien überschüttetein seine Vaterstadt zurück. In Florenzfände man freilich immer an seinen Werken zu tadelnsagte eraber man reizeihn auch zu erneuten Anstrengungen und zur Erwerbung höhererruhmvollerVollkommenheit. Wer sich Ruhe gönnte in Florenztrat in den Hintergrund.Diejenigen Künstlerdenen der Gewinn des täglichen Brotes nicht der nächsteGrund zur Arbeit warwurden durch den Ehrgeiz weiter gesporntdie aberdenenes auf die Bezahlung ankammußten alle Kräfte anspannenweil die Konkurrenzso groß war. In der Luft von Florenzsagt Vasariliegt ein ungeheurer Antriebnach Ruhm und Ehre zu streben. Keiner will mit den übrigen gleichstehenjedermöchte höher hinaus. Man sagt sichbist du nicht so gut wie jeder andere?Kannst du es nicht ebenso weit und weiter bringen? Wer in behaglicher Ausbeutungder Kunstdie er gelernt hatfortexistieren willdarf nicht in Florenzbleiben. Florenz ist wie die Zeitdie die Dinge schafft und sie wiederzerstörtwenn sie sie zur Vollendung gebracht hat.

Ich glaubewenn es irgendwo erlaubt istsich eine romantische Vorstellungvon den Dingen zu machenso dürfen wir es bei Betrachtung der florentinischenGeselligkeit jener Jahre. Die Künstedie bei uns doch immer ein feineresGewürz des Lebens sindohne das man sich allenfalls behelfen könntebildetendort ein so notwendiges Ingredienzdaß sie wie das unentbehrliche Salz zumBrote waren. Man dichtete nicht nurman sang auch die Liederdie man gedichtetTanzenReitenBallspiel waren alltägliche Genüsseund ein Gesprächbeidem man die Blüte der Sprache anzuwenden trachteteerschien ebenso willkommenwie ein frisches Bad oder eine Mahlzeit. Was dieses Leben aber gerade fürMichelangelo erhöht haben mußist eine Eigenheit der romanischen Völkerdieden germanischen abgeht. Das unbeholfene Wesendas die Jugend bei unsschweigsam oder unlustig machtwenn sie mit dem Alter zusammentrifftkennendie Italiener nicht. Junge Leute von fünfzehnsechzehn oder siebzehn Jahrendie in Deutschland die Unbehaglichkeit nicht überwinden könnenmit der siesich zwischen Älteren und Jüngeren ohne eigentliche Stellung sehengehen inItalien frei von beengenden Gedanken umher und wissen sich FrauenMännern undKindern gegenüber zu benehmen.

So empfing Michelangelo in dem Alterin dem der fügsame Geist des Menschender tiefsten und fruchtbarsten Eindrücke fähig isteine Erziehungdie kaumin glücklichere Zeiten fallen konnte. Bald aber traten nun auch die Stürme einderen Spuren ebenso erkenntlich in seinem Charakter sindals es jene erstensonnigen Tage waren. Denn Lorenzos Ende stand näher bevorals irgend jemandahnteund die Änderung der Dingedie schon in den letzten Jahren seinerRegierung begonnen hattebildete sich in immer rascherem Verlaufe zu totalemUmsturze des Bestehenden aus.

Drittes Kapitel
1494-1496

I

Seit der Ermordung Giulianos war die alte frohe Stimmungwelche sonst ammediceischen Hofe herrschtenicht zurückgekehrt. Die Feste von Carreggi warenvorüberwo gedichtetmusiziert und im Schatten der Lorbeern Philosophiegetrieben wurdewo man sich der Gedanken an die Zukunft mit all derSorglosigkeit entschlugdie zum jugendlich genialen Genusse des Lebens sonotwendig ist. Und wie in den Medici eine Wandlung vorgingso in den Gemüternder Florentiner selbst. Einstweilen verdunkelten die Wolken die Sonne noch nichtaber die Wolken zogen aufdas fühlte man.

Zwei Dinge verstanden sich von selbstwenn die Lage des Staates inBetrachtung kam: erstensje mehr Lorenzo in eine fürstliche Stellung durch diebloße Gestalt der Umstände hineingedrängt wurdeum so mehr mußte der ihmebenbürtige Adel fürchtenin Abhängigkeit zu geratendie StrozziSoderiniCapponi und eine ganze Reihe der mächtigsten Familien; zweitens: Lorenzo selbstje mehr ihm Widerstand von dieser Seite als etwas Natürliches erschiendassicher zu erwarten warum so geschickter mußte er den Anschein zu wahrensuchenals habe er dergleichen ganz und gar nicht im Sinneum so fester mußteer das gemeine Volk auf seiner Seite halten. Daher diese fortwährendenöffentlichen Lustbarkeitendiese Leutseligkeit dabei. Es könnte fast darübergestritten werdenob es in seiner Absicht gelegen habesich zum absolutenHerrn der Stadt zu machen. Man weißwie er seinem Sohne eindringlich empfahlniemals zu vergessendaß er nichts als der erste Bürger der Stadt sei. Aberangenommen wirklichLorenzo habe die Gefahren erkanntdie eine äußerlicheErhöhung seiner Familie in den Fürstenstand mit sich brachteund den Momenthinausschieben wollenin dem es so weit kam– daß es einmal so weit kommenmußtewar ihm und jedermannder die Verhältnisse näher kannteoffenbar:die finanziellen Angelegenheiten zwangen die Medicidie Gelder des Staates zumVorteil ihrer eigenen Pläne in Anspruch zu nehmen. Dies Bedürfnis machte sichin steigendem Maße geltend. Es mußte das zur Tyrannei führen.

Hier also drohte ein Zusammenstoß. Die Florentiner waren zu gute Kaufleuteum das Exempel nicht selbst zu stellen und zu Ende zu rechnen in Gedanken.Allein es waren doch nur erst Wegedie zur Gefahr führen konntenes hätteerst der Männer bedurftdie den Kampf herbeizwangen und leiteten. Dietägliche Stimmung des Publikums litt unter diesen Möglichkeiten noch nicht.Dagegen erhob sich eine andere Macht in der Stadtdie gefährlicher underschütternder wirken sollteund hier war auch ein Mann vorhandender einemächtige Natur mit sich brachteum das ins Werk zu setzenwas in seinemGeiste als Gedanken zuerst entstanden war. Dieser Mann ist Girolamo Savonarolasein Gedanke: totale Reform in politischer und sittlicher Beziehung zum Bestender Freiheit von Florenzund diesen Mann begünstigten die Ereignisse.

Savonarola war aus Ferrara gebürtig. Er kam in demselben Jahre nach Florenzin dem Michelangelo von Lorenzo in den Palast der Medici aufgenommen wurde. Erwar siebenunddreißig Jahre alt und schon früher einmal kurze Zeit in der Stadtgewesenallein seine Predigten hatten damals wenig Erfolg gehabt. Jetzterschien er als gereifter Mann und begann auf der Stelle in dem Geisteaufzutretenden er bis zu seinen letzten Schritten fest bewahrt hat. SeineÜberzeugungen hat er als Kind gehegt und bis zu seinem Tode nicht ein einzigesMal verleugnet und aus dem Herzen verloren.

Man könnte diesen zartgebauteneinsamennur auf sich selbst beruhendenwie aus eisernen Fäden gewebten Charakter eine fleischgewordene Idee nennendenn der Willeder ihn beseeltevorwärts trieb und aufrecht hieltist sorein aus jeder seiner Handlungen zu erkennendaß die Erscheinung derwunderbarenaber einseitigen Kraft etwas Schauerliches an sich hat. WirMenschen leben in einer gewissen Unklarheitderen wir bedürftig sindDumpfheit nennt es Goethe bei sich selber; die vergehende Zeit beraubt uns umGedankendie kommende führt uns neue zu: wir vermögen jene weder zu haltennoch dieser uns zu erwehren. Wir gehen von einem zum anderen über; bald rechtsbald links getrieben in unserem Wegeglauben wir viel getan zu habenwenn wirwenigstens zeitweise des Steuers uns bedienen durftenwenn wir im Ganzengewahrendaß es nicht rückwärts geht; dieser Mann aber durchschneidet dasneblige Meer des Lebens wie ein Schiffdas der Segel und der geistigen Windeentraten kanndas die Stürme nicht irrenin sich selbst die Kraft besitzenddie es vorwärts treibtgeradeaus und keinen Zoll von der Linie weichenddiees innehalten wollte von Anfang an. Dreiundzwanzig Jahre altflieht er nachtsaus dem väterlichen Hauseum in ein Kloster einzutreten. Er läßt einen Briefzurückaus dem die ruhige Überlegung eines Geistes redetder völlig mitsich selber im reinen ist. Er belehrt seinen Vater mehrals daß er sichentschuldigt. Er fordert ihn aufseine Mutter zu trösten und für dieErziehung der Brüder zu sorgen.

Savonarolas leitende Idee war die Lehre vom Strafgerichtedas unverzüglichüber das verderbte Italien hereinbrechen werdeum dann aber um so höhereBlüte des Vaterlandes eintreten zu lassen. Die Welt schien ihm der Katastrophemit großen Schritten entgegenzueilen. Savonarola sah die heidnische Wirtschaftallüberallden Papst und die Kardinäle tonangebend an der Spitze. Die Strafedieser Greuel konnte nicht länger auf sich warten lassendas Maß war voll. Sodachte er. Und wohin er blicktebestätigte das was geschah dies Gefühldasin seinem Herzen nach Worten suchte.

Es ist wahrder moralische Zustand des Landes erscheint unerträglich fürunser Urteil. Die Verschwörung der Pazzi steht nicht etwa als ein besondererFall hervorragend dasondern nach diesem Muster waren alle die Dinge geformtdie vorfielen. Kein bedeutender Mann damalsdessen Tod nicht zu dem Gerüchteeiner Vergiftung Anlaß gab. Man lese die Geschichtsschreiber darauf hinunwillkürlich wird immer diese Ursache als die erste und natürlichstevorausgesetztan die man denkt. Unehelichen Kindernmochte die Mutter einMädchen oder eine Frau seinklebte kein Makel ankaum daß ein Unterschiedzwischen ihnen und legitimen Abkommen gemacht wurde. Das ist eine derBeobachtungendie Commines der Aufzeichnung wert hieltals er sich überItalien aussprach. Betrug erwartete man überallund nur der Betrüger wardverachtetder sich selber überlisten ließ. Feigheit war nur dann einVerbrechenwenn siemit zu wenig Hinterlist gepaartdas Ziel verfehlte. Klugwurde der genanntder auch der treuherzigsten Versicherung keinen Glaubenschenkte.

Was wir in unserem Sinne Scham vor dem Urteil der öffentlichen Meinungnennengab es noch nicht. Ein Beispiel möge zeigenwie man lebte und dachte.Filippo Lippider beste Schüler Masaccioswar ein Karmelitermönchder wieviele andere Mönche die Malerei betrieb und selten Geld im Hause hatte. Seinesunordentlichen Wandels wegen allgemein bekannterhält er nichtsdestowenigerden Auftragin einem Nonnenkloster die heilige Margherita an die Wand zu malen.Er bittet um ein Modelldie Nonnen geben dazu eine reizende NovizeLucretiaButi mit Namen. Eines schönen Tages ist er fort mit ihr. Die Eltern desMädchens schlagen Lärm; Lucretia wird aufgefundenerklärt aberdaß sieunter keiner Bedingung Filippo verlassen werde. Nun macht der Papst Eugen selbstdem Künstler den Vorschlager wolle ihn seines Mönchsgelübdes entbindendamit er Lucretia wenigstens heiraten könne. Davon aber will Filippo nichtshörenund dabei blieb es. Und dieser Filippoder später von den Verwandteneiner andern Frauwelcher er nachstelltevergiftet wurdeist ein MeisterderMadonnen mit dem Ausdrucke der zartesten Unschuld gemalt hat. Während er jedochin seinen Werken die innerstebessere Natur herauskehrtenahmen andereGeistliche noch nicht einmal diese Rücksicht. Geweihte PriesterBischöfe undKardinäle dichten Verse und bekennen sich öffentlich als ihre Autorengegenderen Inhalt Ovids Amoren Kinderlieder sind. Und im Schoße der Familienpfropfen sich Verbrechen auf Verbrechendie ebensowenig das Licht des Tagesscheuen; die Lehren der Religion sind verspottet und erniedrigtAstrologie undWahrsagerei hergebrachte offizielle Einrichtungenohne deren Zustimmung diePäpste selber nicht zu handeln wagen– man begreift wohlwie da das Gefühlsich finden konntedaß das Ende aller Dinge gekommen sei.

Savonarola aber wurde durch dies Gefühldas mit ruheloser Macht in ihmarbeitetenicht zur Verzweiflung an der Möglichkeit des Heils getriebensondern er wollte verkündenwas er drohend erblickteum zu rettenwas zuretten war. Mit diesem Vorsatze ging er fort aus dem Hause seines Vaters undsuchte die Stelle zu gewinnenvon der aus seine Stimme gehört wurde in Italien.Er machte eine lange Lehrzeit durchmit Entbehrungen und Entmutigungenangefüllt. Er bereitete sich durch strenge Studien zu seinem Amte vor. Zuerstpredigte er so rauhtönend und ungeschicktdaß er oft dachteer werde niemalspredigen lernen. Endlich schlug die Stundein der er zu wirken begann. LorenzoMedici selber betrieb seine Versetzung nach Florenz. Der Graf Pico vonMirandolaein Mannder von seinen Zeitgenossen als der Inbegriff männlicherVollkommenheiten dargestellt wirddurch SchönheitRitterlichkeitAdelReichtum und weit umfassende Gelehrsamkeit hervorragendhatte Savonarola inReggio kennen gelerntwo ein Generalkonvent seines Ordens abgehalten wurde. Ermachte Lorenzo auf ihn aufmerksamund dieserder alles Bedeutende nach Florenzzu ziehen suchtebewirkte seine Berufung nach San Marcodas Lieblingsklosterder Medicidas sie selber neu gebaut und mit einer kostbaren Bibliothekausgestattet hatten.

Hier begann Savonarola jetzt zu predigen. Bald war die Kirche zu kleinundman zog in den Hof des Klosters; unter einem persischen Rosenbaume stehendumdrängt von Zuhörerndie Wort für Wort von seinen Lippen fingensprach ermit erschütternder Gewißheit von den Dingendie sein Herz erfüllten. Erprophezeite die Zukunftaber es lag nichts DunklesOrakelmäßiges in seinemWesen. Seine Phantasie war weder umfangreichnoch bot sie ihm farbige Bilder;er war eher eine nüchterne Naturderen logisches Denken sich bis zurVerzückung steigerte. Einige Sätze drängte er der Welt gewaltig aufallesandere leitete er mit schneidender Wissenschaftlichkeit von ihnen ab. DiePolitik war sein eigentliches Feldund mit seinen Ideen ging er stets aufsofortige praktische Anwendung los.

Zu Anfang enthielten seine Predigten nichtsdas Lorenzo hätte bedenklichmachen können. Die Reform der Kirche war eine anerkannte Notwendigkeit. DieMedici hatten sich bei all ihrer platonischen Philosophie nie dem öffentlichenChristentum abhold gezeigtam wenigsten der Geistlichkeitdie zudem ebensoheidnisch wie sie selber dachte. Die Zeremonien der Kirche blieben stets einBedürfnis. Lorenzo hat neben den weltlichsten Poesien ein geistliches Drama unddergleichen Gesänge gedichtet. Mit echt philosophischer Gesinnung begünstigteer alleswas der Gunst bedürftig war. Daß diese Gegensätze sich so friedlichnebeneinander fandendaran ist die Eigentümlichkeit der romanischen Naturschulddie ohne Heuchelei sich den verschiedensten Strömungen zugleichhingeben kannderen Vereinigung germanischer Anschauung weniger natürlicherscheint. Heidnische Schriftsteller wurden auf der Kanzel zitiertals wenn siefromme Kirchenväter gewesen wären. Selbst Savonarolader in diesem Punkte diestrengsten Ansichten hattewar weit entferntdie antiken Autoren zu verdammenund zu verbietensondern nannte nur einige der ärgsten Schriftenvon denen ernicht wolltedaß man sie den Kindern in die Hände gebe.

Lorenzo begünstigte das Klosterzu dessen Prior Savonarola bald gewähltwurdeso auffallenddaß Dankbarkeit und Hingebung natürlich gewesen wären.Allein Savonarola dachte nicht darandie Dinge so zu fassen. Nicht Lorenzosondern die Vorsehung habe ihn nach Florenz geführtob er sich ihrem blindenWerkzeuge jetzt unterwürfig zeigen solle? Es fiel ihm nicht einals neugewählter Prior im Palaste Medici den herkömmlichen Besuch zu machen. Gotthabe ihm dies Amt gegebenund keinem sterblichen Menschen brauche er dafürDank zu sagen. Lorenzo ließ das hingehenbesuchte nach wie vor das Kloster undbeschenkte es. Savonarola verwandte diese Spenden alsbald in auffallender Art zuwohltätigen Zwecken. Er wollte die alte Ordensregelwelche jeden Besitz verbotin voller Strenge wieder einführen. In seinen Predigten spielte er auf dieseGeschenke an. Wenn einem wachsamen Hunde ein Stück Fleisch zugeworfen werdesobeiße er wohl hinein und verstumme auf kurze Zeitalsbald aber lasse er esdennoch wieder fallen und belle nur um so kräftiger gegen die Räuber und dieUnterdrücker der Freiheit.

Lorenzo stand zu hochum gereizt zu werden. Es wäre gegen alles mediceischeHerkommen gewesenoffen einzugreifen. Er veranlaßte einige der vornehmstenMänner in Florenzdem Prior von San Marco ganz wie aus eigenem Antriebe einanderes Auftreten anzuempfehlen. Warum er ohne Grund das Volk beunruhige? Er tuenichtswar Savonarolas Antwortals im Namen Gottes Laster und Ungerechtigkeitanzugreifen. So sei es in den ersten Zeiten der Kirche Sitte gewesen. Er wissewohlwoher die Herren kämen und wer sie gesandt hätte. »Aber sagt dem HerrenLorenzo dei Medici«schloß er»er möge in sich gehendenn Gott werde ihnseiner Sünden wegen ins Gericht nehmen. Sagt ihm fernerich sei hier fremd under ein Bürger der Stadtich aber würde bleiben und er davon gehen.«

Lorenzo nahm die Dinge wie ein Weltmann. Er ließ sich weder beleidigennochzu auffallenden Schritten hinreißen. Er versuchte es auf anderem Wege.Savonarola sollte mit seinen Prophezeiungen ad absurdum geführt werden. Unterden der Familie Medici anhänglichen Persönlichkeiten befand sich ein gelehrterAugustinermönchMarianoPlatoniker und ausgezeichneter Kanzelredner. Dieserwurde ins Feuer geschickt. Er kündigte eine Predigt an über den Text: »Esgebührt euch nichtzu wissen Zeit und Stundewelche der Vater seiner Machtvorbehalten hat.« Was an Männern von geistiger Bedeutung in der Stadt warfand sich bei ihm ein und billigtenachdem er geendetden vortrefflichenVortrag.

Savonarola nahm den Kampf an. Er predigte über dasselbe Thema. Aber währendMariano den Akzent darauf gelegtdaß uns nicht zu wissen gebühre Zeitund Stundefaßte Savonarola die Worte anders: zu wissen gebühre unsaber dieZeit und Stunde zu wissengebühre uns nicht. Er begeisterte zu Tränendieihn hörten. Lorenzos eigene Partei zog er zu sich hinüberden Grafen vonMirandolaMarsilio Ficinoder vor Platos Büste eine Lampe brennen hatte wievor einem HeiligenPolizianden eingefleischten klassischen Gelehrtenallefühlten sich mit fortgerissen. Wie vom Himmel stürzten die Ströme seinerBeredsamkeit. Es war kein Widerstandwenn er sprach. Seine Worte wurden zuBefehlen. Sie wucherten unvertilgbar fort in den Gemütern. Es schien als sei esmöglichdie Natur der Menschen umzuwandeln. Frauen erhoben sich plötzlichlegten ihre prachtvollen Gewänder ab und erschienen wieder in bescheidenerKleidung; Feinde versöhnten sich; unrechtmäßiger Gewinn wurde freiwilligzurückgegeben. In jenen Zeiten ereignete es sichdaß ein junges glücklichesEhepaar sich trennt und beide Teile ins Kloster gehen. Vivolider SavonarolasPredigten in der Kirche nachschrieb und sie drucken ließerzähltwie er oftvor Weinen nicht habe weiterschreiben können. Und endlich sollte Lorenzo selbstsich der Macht dieses Geistes beugen oder wenigstens seines Trostes bedürftigsein.

Es war während der Fasten des Jahres 1492daß dieser Sturm geistigerAufregung Florenz erfaßte. Mit dem Osterfeste hatten die Predigten ihr Endegefunden. Plötzlich erkrankte Lorenzo. Er war erst vierundvierzig Jahre alt.Auch hier ward von Gift gemunkelt. Die Krankheit war kurz. Er lag in Carreggiseinem Landhause unweit der Stadter fühlte das Herannahen des Todesnahm vonseinen Freunden Abschied und kommunizierte voll demütiger Ergebung in dieVerheißungen der Kirche.

Da zuletzt verlangte er nach Savonarola. Wir wissen nichtwas zwischenbeiden vorging. Polizianin dessen Briefen sich eine genaue Darstellung derletzten Momente findeterzähltdaß sie versöhnt voneinander geschiedenseien und daß Savonarola Lorenzo gesegnet habe. Andere aber behauptenerhätte diesen Segen verweigert. Nachdem Lorenzo zweien seiner Forderungenzugestimmt: an die Barmherzigkeit Gottes zu glauben und alles ungerechtgenommene Gut zurückzuerstattenhabe Savonarola zuletzt verlangter solle derStadt ihre Freiheit wiedergeben. Da wandte er schweigend sein Gesicht von ihm abder Wand zuund Savonarola verließ ihn.

II

Michelangelo befand sich unter den Dienern und Hausgenossen vielleichtvondenen erzählt wirddaß sie weinend um Lorenzos Lager standen in den letztenAugenblicken. So vernichtet war er von dem Verlustedaß es lange Zeit bedurfteehe er sich zur Arbeit sammeln konnte. Er verließ den Palast und richtete sichim Hause seines Vaters eine Werkstätte ein.

PieroLorenzos ältester Sohnübernahm die Regierung. In ganz Italien aberwurde die Nachricht von dem Tode des großen Medici wie die Kunde einesUnglücks aufgenommendas jeden einzelnen beträfeund das Vorgefühl böserZeiten wuchs anmit dem man in die Zukunft schaute.

Lorenzo soll von sich gesagt habener habe drei Söhneder erste sei gutder zweite gescheitder dritte ein Narr. Der Gute war Giulianodreizehnjährigals sein Vater starbder Gescheite Giovannisiebzehn Jahre altaber schonKardinal durch die Gunst des Papstesdessen Sohn mit einer Tochter Lorenzosverheiratet warder Narr war Piero. Über ihn sprach Lorenzo mit Besorgniswenn er gegen vertraute Freunde seine Meinung äußerte. Sein Auge blickte zuscharfum die Eigenschaften des Sohnes nicht zu übersehendessen geringsteGabe die der Verstellung war.

Piero war junghochmütig und ritterlichkein Medici seinem Geiste nachsondern ein Orsiniwie Clariceseine Mutterund Alfonsinaseine Gemahlin. Eswäre dem Stolze dieser Frauen und ihrer herrschsüchtigen Natur unmöglichgewesenPiero dei Medici für etwas anderes als den legitimen Fürsten vonFlorenz anzusehenund er widerstrebte dem Einflusse nichtden sie beide aufihn ausübten. Die Theorie der indirekten Taten und des sich Drängenlassens warseinem ungeübten Geiste nicht geläufig. Voll kühner Wünscheaufgewachsen imÜberflusse wie ein Fürstenkinddachte er nicht einmal darandie Gedanken zuverheimlichendie er hegte. Seine Hochzeit war in Neapel vom Könige gefeiertwordenals gelte es den reichsten Königssohn zu ehren. Auf der Hochzeit desjungen Sforza in Mailandwohin sein Vater ihn gesandtwar er nicht andersaufgetreten; jetztda er die Macht in Händen und die drängenden Umstände unddie gewaltigen Orsini hinter sich hatteblieb nichts übrigals sich zumHerzoge von Florenz aufzuwerfen.

Gelegenheit dazu zeigte sich alsbald. Mit Lorenzos Verscheiden verschwand dieGewaltwelche bis dahin Neapel und Mailand beruhigend auseinander gehalten undnach allen Seiten hin in feinster Weise diplomatisch wirkendden Bruch desFriedens in Italien hinausgeschoben hatte. Wir finden das Gleichnis gebrauchtFlorenz mit Lorenzo habe wie ein Felsendamm zwischen zwei stürmischen Meerengestanden.

Italien war zu jener Zeit ein freies Land und von fremder Politik unabhängig.Venedig mit seinem festgeschlossenen Adel an der SpitzeNeapel unter denAragoneseneiner Nebenlinie der in Spanien herrschenden FamilieMailand undGenua unter den Sforzaalles drei tüchtige Gewalten zu Wasser und zu Landehielten einander die Waage. Lorenzo beherrschte Mittelitalien; die kleinenHerren der Romagna standen sämtlich in seinem Solde und der Papst mit ihm imbesten verwandtschaftlichen Einvernehmen. Aber in Mailand steckte das Unheil.Ludovico Sforzader Vormund seines Neffen Gian Galeazzohatte die Gewaltvöllig an sich gerissen. Sein Mündel ließ er geistig und körperlichverkommener ruinierte den jungen Fürsten langsam zu Tode. Aber dessenGemahlineine neapolitanische Prinzessindurchschaute den Verrat und drang inihren Vaterdie unerträgliche Lage mit Gewalt zu ändern. Sforza allein hätteNeapel nicht widerstehen können. Auf Venedigs Freundschaft war kein Verlaßfür ihnLorenzo vermitteltesolange er lebtejetztnach seinem TodewarNeapel nicht mehr zurückzuhalten. Das erste was geschahwar die VerbindungPieros mit dieser Macht und zugleich der Hilferuf Ludovico Sforzas nachFrankreichwo ein jungerruhmbegieriger König den Thron bestiegen hatte. DerTod Innozenz des Achten und die Wahl Alexander Borgias zum Papste vollendetendie Verwirrungdie hereinbrach.

Lange diplomatische Feldzüge gingen vorausehe es wirklich zum Kriege kam.Es handelte sich nicht um die Interessen der Nationendaran kein Gedankeaberdoch auch nicht um die Launen der Fürsten allein. Der hohe Adel Italiens warleidenschaftlich bei diesen Kämpfen beteiligt. Am französischen Hofe wurdendie Schlachten der sich begegnenden Intrigen ausgefochten. Frankreich war vonden Aragonesen um Neapel beraubt worden. Die vertriebenen französisch gesinntenneapolitanischen Baronederen Besitzungen die Aragonesen ihren eigenenAnhängern gegeben hattenergriffen mit Feuer den Gedankensiegreich in ihrVaterland zurückzukehren; die den Borgias feindlichen Kardinälevoran derKardinal von San Piero in Vinculaein Neffe des alten Sixtusund der KardinalAscanio SforzaLudovicos Bruderdrängten zum Kriege gegen Alexander denSechsten; die florentinischen Großendie den Gewaltstreich Pieros voraussehenhofften auf Befreiung durch die Franzosen und redeten zu in Lyonwo dasHoflager sich befand und eine ganze Kolonie florentinischer Häuser sich mit derZeit gebildet hatte. Sforza lockte mit dem Ruhme und den gerechten Ansprüchenauf das alte legitime Besitztum.

Die Aragonesen dagegen boten einen Vergleich anSpaniendas seineVerwandten nicht im Stiche lassen wolltestand ihnen zur Seite; der Papst undPiero dei Medici hielten zu Neapelund der französische Adel war dem Zuge nachItalien nicht günstig. Venedig stand neutralallein es konnte gewinnen beimKriege und redete nicht abund diese Meinungdaß etwas zu gewinnen seibemächtigte sich allmählich aller Parteienselbst dererwelche anfangs denFrieden zu erhalten wünschten.

Spanien gewann zuerst und unmittelbar: Frankreich trat dem Könige Ferdinandeine streitige Provinz ab unter der Bedingungdaß er seinen neapolitanischenVetter ohne Unterstützung ließe. Sforza als Herr von Genua wollte Lucca undPisa wieder haben nebst dem Übrigenwas dazu gehörte: die Visconti hatten esehedem besessenund er nahm es von neuem in Anspruch. Was Piero dei Medicihoffteist gesagt. Pisa hoffte frei zu werden. Der Papst hoffte durch seineAllianz mit Neapel den ersten Schritt zur Erreichung der großen Pläne zu tundie er für sich und seine Söhne hegte; er dachte einmal ganz Italien unter siezu verteilen. Die Franzosen hofften Neapel zu erobern und dann weiter in einemgewaltigen Kreuzzuge die Türken anzugreifen. Als für einen Kreuzzug machte derKönig im eigenen Lande die Anleihenderen er für den Feldzug bedurfte. DieVenezianer hofften von den Küstenstädten des adriatischen Meeres soviel alsmöglich in ihre Gewalt zu bringen. Im Herbste 1494 stellte sich Karl vonFrankreich an die Spitze seiner Ritter und Mietstruppenmit denen er die Alpenüberschrittwährend die Flotte mit der Artillerieder furchtbarsten Waffeder Franzosennach Genua unter Segel ging.

III

Während der zwei Jahrein denen diese Dinge sich gestaltetentriebMichelangeloder noch nicht zwanzig Jahre altseine Kunst auf eigene Handweiter. Er kaufte ein Stück Marmor und arbeitete daraus einen Herkules von vierFuß Höhe. Diese Statue stand lange im Palaste Strozziwurde dann nachFrankreich verkauft und ist heute vielleicht in England.

Es wird ferner ein Kruzifix genanntdas er beinahe lebensgroß für dieKirche des Klosters San Spirito ausführteeine Arbeitdie ihm von großemNutzen wardenn der Prior des Klostersdessen Zuneigung er gewannverschaffteihm Leichname zu anatomischen Studien. Es wird heute ein Kruzifix in San Spiritogezeigt und für Michelangelos Werk ausgegebenaber mit Unrecht.

Sein Fortziehen aus dem Palaste der Medici hatte darum sein Verhältnis zuder Familie nicht aufgelöst. Eine Art abhängiger Stellung dauerte fortPierozählte ihn zu den Seinigen und zog ihn zu Ratewenn Kunstsachen angekauftwurden. Ein Verkehr jedoch wie mit Lorenzo war nicht möglich. Schon die JugendPieros verhinderte das. Zwar hatte dieser eine gründliche wissenschaftlicheBildung erhaltenLatein und Griechisch waren ihm geläufigmit natürlicherBeredsamkeit ausgestattetliebenswürdiggutmütig und herablassend wußte erwenn er wolltedie Menschen für sich einzunehmenam liebsten aber trieb erritterliche Übungen und überließ es anderensich mit dem Detail derRegierung und der Politik statt seiner abzugeben. Er war ein schöner MannseinWuchs überschritt das gewöhnliche Maßer wollte der erste Reiterder besteBallschlägerder Sieger in den Turnieren sein. Er rühmte sicheinenKünstler wie Michelangelo zu besitzennicht weniger aber tat er sich zugleicher Zeit auf einen Spanier zuguteder in seinem Marstall diente und alsLäufer ein Pferd in gestrecktem Carrière überholte.

In der Nacht des 22. Januar 1494 schneite es so heftig in Florenzdaß derSchnee zwei bis drei Ellen hoch in den Straßen lag. Piero ließ Michelangeloholen und eine Statue von Schnee im Hofe des Palastes von ihm errichten. Man hatdiesen Auftrag für eine Verspottung des Genies ansehen wollen; Michelangelojedochdarf nicht vergessen werdenwar damals ein junger Anfängerder nochnichts geleistet hatte. Sowenig die ersten Künstler der Stadt Bedenken trugenan den vorübergehenden Einrichtungen für öffentliche Festlichkeitenmitzuarbeiten und Malereien und Skulpturen herzustellendie nicht viel längeram Leben blieben als jene Schneestatue Michelangelossowenig konnte dieserdaran denkenden Auftrag des ersten Mannes in Florenz als eine Kränkung seinerEhre aufzufassen. Später hat Bandinelli durch eine liegende Schneestatuedieer als ein junger Mensch in Florenz aufführtedas erste Zeichen seines Talentsfür Bildhauerei gegeben. Michelangelos Arbeit in Schnee war eswelche PierosAufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf ihn hinlenkte. Er sollte wieder im Palastewohnenwo ihm sein altes Zimmer zurückgegeben wurde und wo er nun wiederwieeinst zu Lorenzos Zeitenan der Tafel der Medici speiste. Der alte LodovicoBuonarrotider seinen Sohn mit Stolz in der Gesellschaft großer Herren sahließ es an vornehmen Kleidern für Michelangelo jetzt nicht fehlen. Wer weißob dieser nicht selbst teilgenommen damals an dem Festezu dessenVerherrlichung vielleicht seine Schneestatue dienen sollte. Denn Piero liebteein rauschendes Lebenwie sein Vater getan; die gedrückte Stimmungdie sichlangsam über die Stadt hinlagertekonnte doch nur erst stoßweise Machtgewinnen in den Gemüternund das alte Leben ging äußerlich die gewohntenWege weiter. Nirgends aber war man zuversichtlicher als im Palaste der Medici.Dort wurden mit kindlicher Ruhe die Ereignisse erwartetund selbst dannzweifelte man noch nicht am Gehorsame des guten Glückesals die Stadt durcheine Nachricht erschüttert wurdedie dem Gefühl vom Hereinbrechen einesungeheuren Wechsels der Dinge völlig die Oberhand verlieh: es gelangte dieKunde nach Florenz von der ersten Niederlage der Neapolitaner.

Neapel hatte die größten Anstrengungen gemachtdas Ausbrechen des Kriegeszu verhindern. Nachdem es jedoch die Vergeblichkeit seiner Schritte erkanntwollte es den Vorteil habenangreifender Teil zu sein. Der Herzog von KalabrienSohn des regierenden Königsrückte mit der Armee durch die päpstlichenStaaten in die Romagna vorDon Federigoder Bruder des Königssegelte mitder Flotte auf Genua los. Neapel stand im Rufe einer streitbarenfür den Kriegvortrefflich geschulten Macht. Federigo hoffte Genua zu nehmen und denfranzösischen Schiffen die Spitze zu bieten. In Livornodem befestigten Hafender Florentinerwar er angelaufenvon Piero festlich empfangen und mitLebensmitteln versehen worden. Die Erwartung Toskanas folgte dem Laufe seinerGaleeren.

Bei Rapallo unweit Genua landete er dreitausend Mann. Gegen diese zieht dieBesatzung der Stadt nebst tausend Schweizernund die Neapolitaner werden aufsHaupt geschlagen. Federigo wagt keinen zweiten Angriffsondern eilt mit derFlotte nach Livorno zurück. Ganz Italien durchzitterte nach diesem erstenVerluste das Gefühldaß Widerstand vergeblich sei.

Dieser panische Schrecken war möglich in einem Landein dem der FriedenGenerationen hindurch nicht gestört worden war. Not und Gefahr sind dieRegulatoren der höheren Sittlichkeit. Der Mensch muß sich einmal im Leben aufseine eigensten Kräfte angewiesen fühlenein Volk von Zeit zu Zeit den Besitzder Freiheit neu verdienenund der Wert des einfachenedlen Mutesauf dem derallgemeine Zustand der Dinge beruhtmußwenn sich nicht alles verwirren undauflösen sollöffentlich zutage treten. Vielleicht war nichts so sehr an dentraurigen Verhältnissen schuldgegen welche Savonarola sich auflehnteals derjeder kriegerischen Zucht entwöhnte Geist des italienischen Volkes.

Freilich lesen wir innerhalb des fünfzehnten Jahrhunderts von Kriegen inItalien. Sie wurden von gemieteten Soldaten geführt. Und wie schlug man sich inden Schlachten? Hundert Mann von dreitausend waren bei Rapallo auf dem Platzegebliebendas brachte das Land zum Zittern. Diese Zahl erschien enormsagtGuicciardini. Heute würde es kaum der Rede wert erscheinen. Aber man lesewasGuicciardini oder Machiavell von der italienischen Kriegführung desfünfzehnten Jahrhunderts erzählenwie lange Feldzüge gemacht werdenohnedaß sich ein ernstlicher Zusammenstoß ereignetund wie man furchtbareSchlachten schlägtin denen kein Tropfen Blut vergossen wird. Wir hören vonden alten Mexikanerndaß sie mit hölzernen Waffen in die Schlacht gingenumihre Feinde ja nicht zu tötenweil ihnen hinterher die eingebrachtenGefangenen gut bezahlt wurden. Ähnliche Erwägungen waren damals in Italienmaßgebend.

Nationale Truppen kamen nur in den seltensten Fällen ins Gefecht. Die Regelwardaß ein Fürst oder eine Stadt ihren Bedarf auf dem Wege der Mietezusammenschaffte. Man befaßte sich nicht selber unmittelbar damitsondernüberließ das Geschäftdie Bewaffnung und Auszahlung des Soldesmiteinbegriffeneinem oder mehreren Unternehmernmit welchen ein Kontraktabgeschlossen wurde. Dies war das Handwerk des hohen und niederen italienischenAdels. Sie machten Geschäfte in Soldaten. Die größeren Herren verhandeltenmit den kleinerendiese mit noch geringerenund so bis zum einzelnen Manneherunter. VenedigFlorenzNeapelMailand und der Papst hatten ihreArmeelieferantenwelche bestimmte Kriege übernahmen und in der akkordiertenZeit die Besiegung der Feinde auszuführen versprachen. Diese Armeen durftenmeistens weder die Städte betretenfür die sie kämpftennoch sogardiejenigen berührenwelche sie erobert hatten. Sie waren gemeine undverachtete Werkzeuge und die Soldaten der Mehrzahl nach Gesindeldas sich ausallen Ländern zusammenzog.

Unter diesen Umständen konnte nicht gut von Begeisterung für eine guteSache die Rede seinnicht einmal von Feindschaft gegen diedenen mangegenüberstand. Man schlug sich mit der äußersten Bequemlichkeit. Meistenswar es schwerbewaffnete Reitereidie zu Felde zog. Diese konnte der Pferdewegen nur dann ausrückenwenn Futter im Lande vorhanden war. Winters also keinKrieg. Wenn es aber dann im Frühling so weit kamdaß man sich nah genug standund ein passendes Schlachtfeld vorhanden warzu welchem Zwecke sich dann töten?Dies hätte niemanden Nutzen gebrachtwährend sich die Entrepreneure derFeldzüge gegenseitig nur das Geschäft verdarben. Um sich deshalb keinenSchaden zu tundennoch aber tapfer drauf loszuschlagenwozu man sich jaeidlich verpflichtet hattegestaltete man die Schlachten zu großen Turnierenummachte soviel als möglich Gefangenenahm ihnen Roß und Rüstung ab undließ sie wieder laufen. Fanden sie zu Hause neue Equipierungso war wenigverloren. Armeendie völlig geschlagen und vernichtet warenkonnten auf dieseWeise ein solch hartes Schicksal erduldenohne einen Toten zu habenund nachkurzer Zeit vollzählig und unversehrt wieder auf dem Kampfplatz erscheinenalssei nichts vorgefallen. Aber es gab ein noch einfacheres Mitteldem FeindeNiederlagen zu bereiten. Man kaufte ihm seine ganze Armee vor der Nase weg undvereinte sie entweder mit der eigenen oder bewegte sie wenigstens zum Abzuge.Kam es zum Kampfeso war von Taktik keine Redenoch weniger von Artillerie;man drang von beiden Seiten auf einander ein und suchte das Feld zu behaupten.Und diese Methode Krieg zu führen war so hergebracht in Italien und erschienzugleich so einfach und logischdaß eine andere kaum möglich war. Schon zuden Zeiten Dantes schlug man sich so. »Herren«redet vor der Schlacht vonCampaldino der Feldherr die Florentiner an»in unsern Schlachten pflegt einguter Angriff den Sieg zu entscheiden; der Kampf ist kurzwenige verlieren dasLeben; es ist nicht gebräuchlichsich totzuschlagen. Heute wollen wir esanders anfangen!« Aber die alte Sitte blieb. Welcher Schreckenals man jetztbei Rapallo einer Nation begegnetedie wirklich totschlugwas ihr nichtweichen wollte. Die Franzosen föchten wie die lebendigen Teufelhieß es.Ebenso neu und erschreckend erschien die Art der Schweizerdie alsfranzösische Mietstruppen in geschlossenen Bataillonen standen wie beweglicheMauern. Das furchtbarste aber war die französische Artillerie. Zum ersten Malesah man in Italien Kanonen anders als zum Festungskriege oder zum bloßen Staateangewandt. Statt der Steinkugelndie früher aus ungeheuren eisernen Röhrengeschleudert wurdenflogen jetzt eiserne Bälle aus bronzenen Geschützenwelche nicht auf von Ochsen gezogenen Fuhrwerken mühselig nachgeschleppt wurdensondern mit Pferden bespannt und von einer wohleingeübten Mannschaft bedientdem Heere gleichen Schrittes folgten. Mit verderblicher Genauigkeit schossen sieein Schuß folgte dem andern fast ohne Zwischenraumund was sonst an langenTagen geschahwar für sie in wenig Stunden zu erreichen.

Kaum war in Florenz die Niederlage bei Rapallo ruchbar gewordenals dieNachricht eintrafdaß Karl in der Lombardei stehedaß ein Teil desfranzösischen Heeres gegen die Romagna vorgegangen sei und sich der Herzog vonKalabrien zurückziehe. Piero hatte keine Armee in Toskana. Die Franzosenrückten darauf los. Karl hätte durch die Romagna gehen könnendoch ererklärtejede Abweichung vom geraden Wege nach Rom und Neapel widersprecheseiner königlichen Würde. Eine unheilerwartende Stimmung ergriff die Gemüter.Für Michelangelo aber trat zu den allgemeinen Ursachen der Besorgnis einseltsames persönliches Erlebnis hinzudessen Einfluß ihn völligüberwältigte.

Piero hatte einen gewissen Cardiere bei sicheinen ausgezeichnetenLautenschläger und Improvisator. Piero selbst galt für einen Meister in dieserKunst und pflegte sich jeden Abend nach beendigter Tafel darin zu üben. DieserCardiere kommt eines Morgens im Hofe des Palastes auf Michelangelo zubleichund verstörtzieht ihn beiseite und eröffnet ihmLorenzo sei ihm invergangener Nacht erschienenin schwarzen zerrissenen Kleiderndaß das nackteFleisch durchgesehen hätteund habe ihm befohlenseinem Sohne Piero zu sagener werde in kurzer Zeit aus seinem Hause vertrieben werdenum niemals wiederzurückzukehren! Was Michelangelo meinedaß er tun solle?

Dieser gab ihm den Ratdem Befehle zu gehorchen. Einige Tage darauf kommtCardiere zu ihmaußer sich vor Erregung. Er habe nicht gewagtden Herrnanzusprechennun aber sei ihm Lorenzo zum zweiten Male erschienenhabe dasGesagte wiederholt und ihm zu dessen Bekräftigung und zur Strafe desUngehorsams einen Schlag ins Gesicht gegeben.

Jetzt redet ihm Michelangelo so dringend ins Gewissendaß Cardiere auf derStelle alles zu sagen beschließt. Piero war gar nicht in der Stadtsondern inCarreggi. Cardiere macht sich dahin auf. Nachdem er eine Strecke gelaufenkommtMedici mit seinem Gefolge entgegengeritten. Der unglückliche Dichter undLautenschläger fällt ihm in die Zügel und bittet um Gotteswillen Halt zumachen und ihn anzuhören. Hierauf trägt er seine Sache vor. Piero lacht ihnaus und die übrige Gesellschaft desgleichen. Sein Kanzler BibbienadessenRegierung ihn besonders verhaßt gemacht hatte (der spätere KardinaldenRaffael gemalt hatund dessen Nichte Maria er heiraten sollte)ruft Cardieredie höhnischen Worte zu: »Narrglaubst duLorenzo gebe dir so viel Ehre vorseinem eigenen Sohne voraus und werde nicht ihm selber erscheinen statt dirumso wichtige Dinge mitzuteilenwenn sie wahr wären?« Damit lassen sie ihnstehen und reiten weiterCardiere kommt dann auch wieder im Palaste anundindem er sich bei Michelangelo über sein Schicksal beklagterzählt er ihmnoch einmal seine Vision in der lebendigsten Beschreibung.

Michelangelo erregte die Verblendung der Medici ebensosehr als der Inhalt derErscheinung. Der Untergang der Familie erschien ihm unvermeidlicheineplötzliche Furcht befiel ihn. Der Glaube an übernatürliche Winke derVorsehungder den Florentinern von Natur im Blute lagsteigerte sich imhöchsten Maße durch die letzten Ereignisse. Was man jetzt erlebtewar dieErfüllung der Dingedie Savonarola gepredigt hatte. Und dies erst der Anfang!Schrecklicheres hatte er vorausgesagtdessen Eintreffen erwartet wurde. Und derHimmel deutete nicht allein durch seinen Mund die verhängnisvolleZukunft an. Zeichen unzweifelhaften Inhalts kamen dazuheilige Bilder undStatuen schwitzten Blut ausin Apulien erblickte man nachts drei Sonnenzugleich am Himmelin Arezzo sah man Tag für Tag Bewaffnete auf ungeheurenRossen in der Luft sich bekämpfen und unter furchtbarem Getöse dahinziehen.Das Volk glaubte an diese Erscheinungen mit derselben Zuversichtwie es tausendJahre früher getan. Wie wir bei Sueton die Blitzschläge findendie CäsarsTod voraus verkündetenso lesen wir in den florentinischen Autorenwie dichtvor Lorenzo Medicis Tode aus heiterem Himmel ein betäubender Schlag herabfuhrund die Spitze von Santa Maria del Fiore zerschmettertewie die Löwenwelcheöffentlich von der Stadt gehalten wurdensich anfielen untereinander undzerfleischtenwie ein helleuchtender Stern über Carreggi standdessen Lichtschwächer und schwächer wardbis es im Momente verlöschtein dem LorenzosSeele entfloh.

Rechnet man dazu den Tod Poliziansder um diese Zeit in halbem Wahnsinnendetewährend Marsilio Ficino Savonarolas Lehre ergeben warsehen wir alleWelt unter dem Einflusse der übernatürlichen Furchtwelche die Gemüterbedrängteund nur Piero mit wenigen Anhängern im Gegensatz zur allgemeinenStimmungso begreift sichwie ein junger Menschder unabhängig genug istumals freier Florentiner keinen Herrn über sich anzuerkennensich von derFamilie abwendetdie ihrem Geschick verfallen schienundum nicht in den großenUntergang mit hineingerissen zu werden oder für eine Sache kämpfen zu müssendie er nicht als die gerechte anerkenntendlich durch dies Zeichen besondererArt zum Entschluß getrieben wirdin der Flucht sein Heil zu suchen. Zwei Tageschwankt erob er bleiben solleam dritten verläßt er mit zwei Freunden dieStadt und flüchtet nach Venedig.

IV

Wären sie auf guten Pferden gerade durchgerittenso hätte die Reise eineWoche in Anspruch genommen. Allein die Franzosen standen in der Romagna. Es magalso längere Zeit darauf hingegangen sein. Desto kürzer mußten sie sich inVenedig selbst fassennachdem sie es endlich erreicht. Michelangelo war dereinzigeder Geld hattesehr bald ging seine Barschaft auf die Neigeund dieGesellschaft faßte den Entschlußnach Florenz zurückzukehren.

So gelangten sie wieder bis Bolognawo die Bentivogli die herrschendeFamilie waren. Diese hatten sich erst seit kurzer Zeit zu entscheidenderÜbermacht emporgeschwungen und wußten sich oben zu halten. Die ihnen feindlichgesinnten Häuser wurden durch Verbannungen oder auch Morde unschädlich gemachtdie Bürger durch strenge Gesetze und Abgaben im Zaume gehalten. Unter diesenGesetzen befand sich einesdas in seltsamer Manier zur Ausführung kam: jederFremde mußte sich bei seinem Eintritte am Tore melden und erhielt alsLegitimation ein Siegel von rotem Wachs auf den Daumen geklebt; wer es unterließverfiel in eine bedeutende Geldstrafe. Michelangelo und seine Freunde kamenwohlgemutaber ohne Siegel auf den Daumenin die Stadtwurden gefaßtvorGericht geführtzu fünfzig Lire Strafe verurteiltundda sie soviel nichtaufzubringen vermochteneinstweilen festgehalten.

Zufällig kamen sie in dieser bedrängten Lage einem der ersten Männer inBologna zu Gesichteeinem Messer Gianfrancesco AldovrandiMitgliede des großenRates und Haupte einer angesehenen Familie. Dieser ließ sich den Fall vortragenmachte Michelangelo frei und lud ihnals er gehörtdaß er ein Bildhauer seizu sich in sein Haus ein. Michelangelo jedoch lehnte die Ehre ab. Er stehe nichtallein und könne seine Freunde nicht verlassenwelche auf ihn angewiesen seien;mit ihnen zusammenzu dreien aberwollten sie dem Herrn nicht beschwerlichfallen. »Oh«rief Aldovrandi»wenn die Dinge so stehenda möcht' ichbittenmich doch gleichfalls mitzunehmen und auf deine Kosten in der Welt herumspazierenzufahren.« Dieser Scherz ließ Michelangelo zu praktischeren Ansichtenkommen. Er gab seinen Reisegenossen den Rest seines Geldesnahm Abschied vonihnen und folgte seinem neuen Beschützer. Und dies war das Vernünftigstewaser hatte tun könnendenn kaum waren einige Tage vergangenso kamen dieMediciPiero und seine Brüder und was von Anhängern ihnen sonst gefolgt warauf der Flucht in Bologna andenn in Florenz war die Prophezeiung Lorenzos inErfüllung gegangen.

Um dieselbe Zeitwo Michelangelo sich nach Venedig fortgemachthatten dieFranzosen die Toskana betreten. Der Königwelcher wohl wußtewiefranzösisch gesinnt die Bürgerschaft warwollte das Äußerste versucheneheer als Feind aufträte. Er hatte noch einmal Durchzug verlangtPiero ihnwiederum verweigert. Dies war eine Herausforderung. Ein Teil der Armee kam vonGenua her das Meeresufer entlangdie Hauptmacht mit dem Könige marschierte vonPavia südlich auf die Apenninen los und überschritt sie dawo auf demschmalen Küstenlande genuesisches und florentinisches Gebiet aneinanderstießen.

Hier lagen eine Anzahl befestigter Plätzedie Lorenzo noch erworben hatteund die jetztvon Pieros Leuten besetztwenn sie Widerstand leistetenganzToskana verschlossen halten konnten. Die Gegend war sumpfigkalt und ungesund.Lebensmittel mußten von weitweg auf Schiffen herbeigeführt werden. Die Truppendes Königs bestanden größtenteils aus gemietetemzu Meuterei geneigtem Volkeunter dem es bereits zu gewaltsamen Unruhen gekommen war; ein Aufenthalt andieser Stelle wäre den Franzosen verderblicher als eine verlorene Schlachtgewesen.

Pieros Lage war also nicht allzu verzweifelt. Er hatte die Orsini mit einigenLeuten im Landeum den bedrohten Festungen Entsatz zuzuführen. Gegen Obignider aus der Romangna heranzogschützten ihn wohl zu verteidigendeGebirgspässe. Er hätte den Mut nicht zu verlieren brauchen.

Aber er war nicht Herr seiner Stadt. Florenz merkte immer mehrdaß derKönig nur gegen die Medici und nicht gegen die Bürger Krieg führe. Karl hattevon Anfang anals Piero sich gegen ihn erklärtedie Florentiner Kaufleute inLyon unbelästigt gelassennur die Medici zwang erihre Bank zu schließen. Esist gesagtwie die vornehmen Florentiner in Frankreich selbst zum Kriegedrängten. Man erwartete Karl wie einen Befreier. Schon im Jahre 93 hatteSavonarolaaufgefordert von der Regierungein Gutachten über die beste Formeiner Regierung für die Stadt abgegeben und darin mit schneidender Schärfe dieGelüste Pieros dargestelltwenn er auchstatt den Namen zu nennennur imallgemeinen einen Fürsten beschriebwie er etwa herrschen würde und herrschenmüßtewenn er sich zum Tyrannen einer freien Stadt aufwürfe. Es ist einebrillante Schriftdiemit kaltemstaatsmännischen Blickeaber auch mit derleidenschaftlichen Energie der Partei abgefaßtebensosehr die augenblicklicheLage charakterisiertwie zwanzig Jahre später Machiavellis Buch vom Fürstenein Bild der so völlig veränderten Zustände gewährt.

Savonarolas Macht wuchs zusehends in jenen Tagen. Politik und Theologie wareneins für ihn. Er drängte sich nicht mehr aufals man ihn suchte. Der Haßgegen die Medici ging immer unverhüllter einher. Piero mußte einen äußerstenEntschluß fassenwenn er sich halten wollte.

Der Herzog von Montpensier mit dem Vortrabe der königlichen Armee war zuerstdiesseits der Apenninen angekommen und vereinigte sich mit den von Genuaheranziehenden Truppen. Er bombardierte Fivizzanoden ersten jener kleinenflorentinischen Plätzeschoß Breschestürmte und ließ die Besatzung unddie Einwohner bis auf den letzten Mann zusammenhauen.

Immer war noch nichts verloren und Toskana unter dem Schurze der übrigenFestungen so sicher wie früherallein die Nachricht von den Greueltaten derFranzosen versetzte Florenz in Gärung. Piero faßte zum ersten Male seine Lageins Augewie sie war. Er sah sich verlassen und verraten. Es fehlte ihm an Geld;er wollte borgenaber seine besten Freunde machten Schwierigkeiten und zeigtensich unerbittlich. Von Neapel war keine Hilfe zu erwartenauf Alexander Borgiakein Verlaßin Pisa regten mailändische Agenten das Volk zur Empörung aufdenn Sforza wollte die ganze Küste ToscanasLuccaLivorno und Pisa in seineGewalt bringen; er war esder den König am meisten auf Toskana losgehetzthatte. In Pisa befand man sich auf nichts vorbereitetPiero ließ in aller Eiledie Zitadelle wenigstens mit Munition versehen; aber was in Florenz selberbeginnendas keine andere Besatzung hatte als seine eigenen bewaffneten Bürgerund wo die Empörung ihr Haupt erhob? Piero tat in dieser Lage einen Schrittderwenn er besseren Erfolg gehabt hätteals die Tat eines entschlossenenMannes gelten müßtewelcher im Gefühl seiner Lage das letzte Rettungsmittelanzuwenden wagtder aberda er leider zum Unheil ausschluganders beurteiltworden ist: er gab sich unbesiegt dem König in die Hände.

Wäre er nach Neapel oder Venedig geflüchtetden einzigen Ortendie ihmoffen standenso hätten die Florentiner alsbald mit Karl dem Achten Friedengemachtihm die alte Würde des Beschützers der florentinischen Freiheit neuübertragen und ein Bündnis geschlossendas die Medici für immer derHerrschaft beraubte. Viel besserdem Könige zu Füßen zu legenwas man nochbesaßund vielleicht als Preis von ihm zu verlangenwas Neapel nun nicht mehrverschaffen konnte.

Piero wollte als Herzog von Florenz in die Stadt zurückkehrenals er dieFührung einer Gesandtschaft übernahmdie im Namen der Regierung mit demKönige unterhandeln sollte. Unterwegs hörten siewie Paolo Orsini vergebensden Versuch gemachtsich mit dreihundert Mann nach Sarzana zu werfen. InPietrasanta ließ Piero seine Begleiter zurück und verfügte sich unterfranzösischer Bedeckung allein ins Hauptquartier nach Pontremoli.

Das Erscheinen des großen Lombardenunter welchem Namen Piero nach seinesVaters Vorgang in Frankreich bekannt warwo alle Italiener für Lombardengaltenerregte Erstaunen im Lager. Noch größeres die schmählichenAnerbietungendie er machte. Das von seinem Vater erst erworbene und mitungeheuren Kosten befestigte Sarzanadas Montpensier vergeblich beranntedieanderen FestungenLivorno und Pisa dazuwollte er freiwillig überliefern.Florenz sollte sich mit Karl verbündenunter seine Obhut treten und 200 000Dukaten zur Fortführung des Krieges leihen.

Auf diese Bedingungen hin wurde Piero zu Gnaden angenommen; was er für sichselbst verlangte und wohl zugestanden erhieltzeigte sein Auftreten in Florenzwohin er sich jetzt zurückzukehren anschickteund zwar in Begleitung seinerTruppenderen er gegen die Franzosen nicht mehr bedurfte. Allein vor ihm wardie Gesandtschaft dort wieder eingetroffenan deren Spitze er ausgezogen warund hatte berichtetwas geschehen war. Pieros eigenmächtiges Verfahrendas inseinem völligen Umfange nicht einmal bekannt sein konnteerregte eineIndignationvon der jetzt auch die treuesten Anhänger der Medici mitfortgerissen wurden. Dennoch hielt man sich ihm gegenüber in den Grenzen. Einezweite Gesandtschaft wurde sogleich ernannt und Piero abwesend zu ihremMitgliede gewählt. Fünf Männerdarunter Savonarola. Er war esder in Luccawo sie den König bereits antrafendas Wort führte. Er sprach von der Freiheitund Schuldlosigkeit des florentinischen Volkes und verlangte bestimmteZusicherungen. Karl gab ausweichende Antwort. Savonarolas Ruf war längst nachFrankreich gedrungenund der König scheute den Mannverehrte ihn vielleichtaber er hatte sich mit Piero zu tief eingelassen. Dieserder sich noch bei ihmbefandsobald er die Fünfe erscheinen sahwußtewie die Dinge in Florenzstanden. Unter dem Vorwandevorauszueilen und den Empfang des Königs in Pisavorzubereitenbeurlaubte er sich und eilte nach Florenz. Paolo Orsini triebzusammenwas von Soldaten im Moment aufzubringen warund folgte ihm.

Am 8. November abends war Piero zurück in der Stadtam 9. morgens erschiener vor dem Palast der Regierung. Er wollte eintretendie große Glocke läutendas Parlament berufen und die Verfassung stürzen. Einer der angesehenstenBürgerLuca Corsinitrat ihm entgegen und riß ihn zurück. Was er hier zutun habe? Piero sah sich und seine Gefolge auf den Platz hinausgedrängtdasVolk stand in dichten Gruppen umher und sah mit anwas daraus würde. EinzelneStimmen riefen ihm zuer möge mit Gott gehenwohin er Lust habe. Plötzlicherhob sich daraus ein Rufenein GeschreiLibertàlibertàpopolopopolodie Kinder riefen zuerst und warfen mit Steinen auf den Medici und die ihnbegleiteten. Niemand hatte Waffenaber die Haltung des Volkes und das Geschreierschütterten Pierodaß er zurückwich. Nun kam der Polizeimeister mit seinenLeuten und versuchte den Platz zu säubern. Das war das Zeichen des Ausbruchs.Die Wut wandte sich gegen ihnder Palast der Polizei wurde gestürmt und dieGefangenen in Freiheit gesetzt.

Piero war im Palaste Medici wieder angelangt und sandte Boten an Paolo Orsinider in der Nähe der Stadt lagerte. Aber auch die Herren von der Regierungfühltendaß sie handeln müßten. Die Sturmglocke wurde gerührtund ausallen Teilen der Stadt strömten die Bürger in Waffen auf den Platz zusammen.Dahin versuchten jetzt die Medici noch einmal vorzudringen.

Giovannider Kardinalnachmals Leo der Zehntedessen freundliches Benehmenvon jeher gegen das stolze Auftreten Pieros angenehm abstach und der denBürgern der liebste der drei Brüder warsollte zuerst erscheinen und das VolkanredenPiero mit Giuliano und Orsini wollten mit den Truppen nachfolgen. AberGiovanni ward zurückgestoßenehe er den Platz erreichteauf die anderenalssie mit den Truppen erschienenwurde aus den Fenstern mit Steinen geworfenundsie wagten sich nicht weiter vorwärts. Das Volk greift an. Giovanni flüchtetnach San Marcodort abgewiesenrettete er sich als Mönch verkleidet aus denToren der Stadt. Piero mit den Seinigen folgt ihm. Noch einmal versuchen sie inden Vorstädten Geld auszuwerfen und das niedrige Volkdas da vorzugsweisewohntezur Empörung aufzureizenaber als man ihnen auch hier mit Steinwürfenerwiderteilen sie rascher vorwärtsbis eine förmliche Flucht daraus wird.Und so ging es fort nach Bologna.

V

So begegnete Michelangelo seinen Beschützern wiederdie von Bentivoglio mitVorwürfen empfangen wurden. Persönlich hätten sie durch ihre Flucht ohnetätlichen Widerstand sich selbst geschadetdurch ihre Niederlage zugleichallen anderen Familiendie sich in ähnlicher Stellung befandendasschlechteste Beispiel gegeben. Bentivoglio dachte dabei an sein eigenes Haus. Inspäteren Zeiten hätten es ihm die Medici Wort für Wort zurückgeben könnendenn sein Schicksal gestaltete sich nicht besser als das ihrige. Die Brüderdie sich in Bologna nicht sicher fühltengingen nach kurzem Aufenthalte weiternach VenedigMichelangelo blieb im Palaste Aldovrandidenn jetzt nach Florenzzurückzugehenwar nicht ratsam. Messer Gianfrancesco behandelte ihn aufehrenvolle Art. Michelangelos ganzes Wesendie Vielseitigkeit seiner Naturgefielen ihm. Abends mußte er an seinem Bette sitzen und ihm ein Stück Danteoder Petrarcaauch wohl etwas aus den Novellen des Boccaccio vorlesenbis ereinschlief.

Auch künstlerische Beschäftigung fand sich. Bologna ist berühmt unter denitalienischen Städten durch den Leichnam des heiligen Dominikusden es besitzt.Der Sargwelcher in der Kirche von San Domenico die Gebeine umschließtstammte aus der Werkstätte Niccolo Pisanosder als der Gründer der neuerenSkulptur in Italien betrachtet wird. Er zuerst ahmte die Antike wieder nach undwußtewährend die gleichzeitige Malerei noch in den festen Formen derByzantiner gefangen lagsich zu eigner Anschauung der Natur freizumachen.

Niccolos Arbeit ist aus einem einfachen Marmorkasten durch spätere Unter-und Aufbauten heute zu einem hohen Monumente geworden. Ununterbrochen seit demdreizehnten Jahrhundertein welchem es entstandwurde neuer Marmorschmuck zumalten hinzugefügt. Als Michelangelo nach Bologna kamwar kurz zuvor derBildhauer gestorbendessen Hauptarbeit sich auf dieses Denkmal so sehrkonzentriert hattedaß er davon den Beinamen erhielt: Niccolo dell'Arca. Nunbedurfte es eines Nachfolgers für Vollendung der begonnenen Skulpturen. MesserAldovrandi führte Michelangelo nach San Domenico und fragte ihnob er sich dieArbeit zu unternehmen getraue. Herzustellen waren zunächst zwei Figurenvondenen die eineder heilige Petronius in Bischofstrachthalb vollendet warwährend die andereein kniender Engelwelcher einen Kandelaber hältalsPendant eines bereits vorhandenennoch ganz fehlte. Michelangelo sagteergetraue es sich wohl. Man gab ihm dreißig Dukaten dafür.

Lange Zeit ist seltsamerweise Niccolos Engel für Michelangelos Arbeitgehalten worden: ein reizendes Figürchenganz im Stile des fünfzehntenJahrhundertsvon zarter Natürlichkeitwährend Michelangelos Werkdas aufden ersten Blick wenig Anziehendes hatnoch heute in Bologna Niccolozugeschrieben wird. Es ist die Arbeit eines Anfängersscheint trotzdem abergleich solche Beachtung gefunden zu habendaß es die Ursache wurdewarumMichelangelo Bologna wieder verlassen mußte.

Die Eifersucht einheimischer Handwerker gegen fremde ist eine gewohnteErscheinungin Sachen der Kunst aber kann sie sich leicht zum Haß steigern.Vasari spricht oft von dergleichen. Die Bologneser Künstler waren berüchtigtwegen ihrer feindseligen Gesinnung gegen fremdeein Tadelder auch denen vonPerugia anklebte. Der ehrenvolle Auftragwelcher Michelangelodiesemhergelaufenen Florentiner von zwanzig Jahrenzuteil warderregte solcheEmpörungdaß es zu Drohungen kam. Ein Bolognesischer Bildhauer erklärteihmhätte diese Arbeit gebührtihm sei sie zuerst versprochen und durchMichelangelo nun entwandt worden; er möge sich in acht nehmen. Sicherlich wares nicht dieser Einzige alleinmit dem er zu tun gehabt hätteund er zog esvorin seine Vaterstadt zurückzukehren.

Was Michelangelo in diesem Entschlusse bestärken mußtewaren die festerenZuständedie sich während seiner Abwesenheit in Florenz wieder gebildethatten. Wie aber fand er alles verändert! Er hatte die Stadt verlassenehe vonder Macht der Medici auch nur ein dünner Zweig abgeknickt warund jetzt sah erden vollen Baumder so weit hin seine Schatten strecktebis auf die Wurzelnvertilgt. Der Palast der Familie stand leer und seiner Kunstschätze beraubt.Eine Partei hatte die Herrschaft in Händenin deren Ohren es schon wie Verratklangwenn der Name der Medici anders als mit feindlichem Akzentausgesprochenward. Der Garten von San Marco war verwüstetseine Statuen und Bildermeistbietend verkauft und in alle Welt zerstreut. Von den Künstlern hattenviele die Stadt verlassenandere verdammten als Anhänger Savonarolaswas siefrüher so frei und fröhlich geschaffen hatten. Lorenzo di CrediVerrocchiosSchüler und Leonardos FreundBaccio della Portabekannter als Fra BartolommeoCronacader Architektund BotticelliFilippo Lippis Schülerkämpften mitihrem Gewissenob die Arbeitendie sie so schön hervorgebracht hattennichtWerke des Teufels wären. Und dementsprechend wurde die öffentlicheSittlichkeit mit unnachsichtlich scharfem Blicke bis ins Innere der Familienhinein von Staats wegen aufrecht erhalten.

Dies war die Frucht der Ereignissewelche während des Jahres sichzugetragen hattendas Michelangelo in Bologna verlebte.

In derselben Stundein der Florenz sich empört hatte und Piero geflüchtetwarkam der Aufstand in Pisa zum Ausbruch. Hier aber wurde nicht gegen dieMedicisondern gegen das Joch der Florentiner rebelliertdas auf derunglücklichen Stadt unerträglich gelastet hatte. Es war die ausgesprochenePolitik von FlorenzPisa langsam zugrunde zu richten. Mit flehentlichen Wortenwandten sich jetzt seine Bürger an den König von Frankreich und baten umSchutzden er zusagte. Karl übersah nirgends die Situationüberblicktenirgends die Verpflichtungenwelche daswas er im Feuer des Augenblickesaussprachihm selber auflegte. Er war junggutmütig und im Rausche desGlückes befangendas mit unermüdlicher Treue seine Schritte begleitete. Kleinund zwergenhaft nennt ihn Guicciardinimit sechs Zehen an jedem Fuße – einMonstrum; aber der kühne Blick verriet den Königsetzt er hinzu. AllenEinflüssen zugänglichfortwährend von mächtigenränkevollen Männernumgebendie sich untereinander haßten und zu vernichten strebtenund denenallen er abwechselnd günstiges Gehör liehwidersprach er sich frischweg inEntschlüssen und feierlichen Zusagenund trotzdemso lange das gute Glückbei ihm aushieltgelang ihm das Unmögliche: allen gerecht zu werden. Jetztgarantiert er den Pisanern ihre Freiheitund in demselben Atem besteht erdaraufdaß die florentinischen Gerichtsbeamten dort in ihren Stellen bliebenund man ihnen Gehorsam leiste. Dies nämlich hatte er Piero dei Medici zugesagt.

In Pisa teilte sich die französische Armee. Der Kardinal Vincula ging mitder Flotte nach Ostiaseiner Stadtdie er besetzt hieltum die Borgia imGebiet der Kirche von dort aus anzugreifen. Von der Landarmee marschierte dergrößere Teil des Heeres südlich nach Siena abdie andere Hälfte begleiteteden König nach Florenzum mit ihm feierlich dort einzuziehen. Dafür kam nunauch Obigni aus der Romagna über die Berge hinüber.

Noch während Karl in Pisa verweiltewaren in Florenz die Medici zu Rebellenund Feinden des Vaterlandes erklärt worden. Ihre Paläste und die ihrerRatgeber hatte das Volk gestürmt und geplündertnur mit Mühe gelang esdenHauptpalast der Familie zu rettenin dem Lorenzos Witwe und Pieros Gemahlinzurückgeblieben waren. Diesen beiden Frauen geriet nun der König in die Händeder im Palaste Medici abstieg und dort mit seinem Gefolgenebenbei bemerktalldie Kostbarkeiten sich aneignetedie von dem ersten Sturm noch gerettet wordenwaren; er machte der Form wegen alte Forderungen geltendwelche Frankreich andie Medici hätte. Zugleich aber wirkten dennoch die Tränen und Bittenzugunsten Pieros und die Anklage gegen das unzuverlässige florentinische Volk.Karl hatte den Bürgernbevor er in prachtvoll feierlichem Zuge die Stadtbetratfest zugesagtdaß er alles billigewas geschehen seihatte sich vonder neuen Regierung der Stadt empfangen und in den Dom führen lassenumdrängtvom Volkedas Francia! Francia! jauchzteund endlichim Palaste der Mediciabgestiegen und allein mit Clarice und Alfonsinaließ er sich soweit bringendaß Eilboten nach Bologna gesandt wurdenPiero möge zurückkehrender Königwerde ihn in seine Stelle wieder einsetzen. Aber die Medici waren längst nachVenedig weiter. Nun verlangte er von der Stadt ihre förmliche Rückberufung unddie Aufnahme einer stehendenfranzösischen Besatzung. Die Lage war einekritische. Florenz angefüllt von den Rittern und den Mietstruppen des Königsderen Übermut zu Reibungen führte. Italienische Gefangenewelche dieFranzosen wie gebundenes Vieh durch die Straßen zerrtenwurden vonflorentinischen Bürgern gewaltsam befreit. Im Palaste wollten die Verhandlungenzu keinem Ende führen. In betreff der Medici gab Karl zuletzt nachaber dieSummedie er als Zuschuß in seine Kriegskasse fordertewar übermäßig. Erbestand auf seiner Forderung. »Gebt ihr nicht nach«rief er abbrechend aus»so lasse ich meine Trompeten blasen!« »Und wir läuten unsere Glocken!«rief Pier Capponi in einem Tone dagegender nicht weniger drohend klangzerrißden eben aufgesetzten Kontrakt und wandte sich mit den anderen Bürgernvondenen keiner seine Kühnheit verleugnetezum Fortgehen.

Bis an die große Treppe des Palastes ließ sie der König gelangenda riefer Capponi zurückder von Lyon her sein Bekannter warmachte einen Scherz ausder Sache und tatals ließe er ihm auf die alte Freundschaft die Wortehingehendie späterhin in Florenz solche Berühmtheit erlangtendaß heutekein Florentiner istder von jener Begegnung nicht zu erzählen wüßte. Manvereinigte sich zu einem billigeren Vertragewelcher feierlich beschworen ward.Karl nahm den Titel »Wiederhersteller und Schutzherr der florentinischenFreiheit« andie Stadt führte seine Fahneer zog abnur die von Pieroübergebenen Städte behielt er bis zur Eroberung Neapels. 120 000 Goldguldenwurden beigesteuertein neuer Handelsvertrag mit Frankreich vereinbart. DieMedici sollten das Recht habenihre Angelegenheiten in der Stadt zu ordnennatürlich aber nicht in eigner Person. Am 28. November 1494 zog Karl nach Sienaab. Ein gärendes Chaos von BegeisterungEhrgeizEigennutzFanatismus undgutem Willen blieb zurück und strebte aus sich selbst nach fester Gestaltung.

Diese zu gewinnenwar keine leichte Sache. Man hatte die Medici verjagt unddennoch die Regierungdie von ihnen selbst aus ihren eigenen Anhängerngebildet worden warim Amte gelassen. Diese Herren hatten sich ja im Sturme derallgemeinen Empörung an die Spitze des Aufruhrs gestelltihr Benehmen erschienbei so uneigennütziger Handlungsweise nur um so leuchtender. Nach dem AbzugeKarls beriefen sie ein Parlamentdas dem Herkommen nach eine Zahl Männer mitdiktatorischer Macht behufs Neubesetzung der Staatsämter ausrüstete. DieMitglieder der alten Regierung wurden gewählt und ihnen dadurch abermals dashöchste Vertrauen bewiesen. Unterdessen waren diese aber und überhaupt dieFreunde der Medici zur Besinnung gekommen. Sie fühltendaß sie übereiltgehandelt hättenund sahen sich im Besitze der Gewalt. NotorischePersönlichkeitendie als Gegner der Medici bekannt warenwurden nun beiVerteilung der Stellen übergangen. Eine Anzahl der größten Familien mitmächtigen Männern an der Spitze fühlten sich gekränkt. Die Bürgerschaftfing an unruhig zu werden. Savonarola hatte auch seine Pläne. Die anderendachten nur an sich selberer aber an die Sacheder er sich geweiht hatte.

Seine Predigten begannen wieder in den Fasten des Jahres 95. Er drängte aufeine totale Änderung der Dinge. Geistig und politisch wollte er die Stadtumschmieden. Er deutete unablässig auf die wunden Stellen. Er hatte das Größteeine Umgestaltung Italiensim Auge und fing beim Kleinstenbeim Herzen jedeseinzelnen seiner Zuhörer mit der Reform an. Er predigte Güte undVersöhnlichkeitaber wehe denendie seinen Worten nicht Folge leisteten!Seiner Idee nach sollte an der Spitze des Staates der Wille einer Versammlungaller stimmfähigen Vollbürger als höchste Gewalt stehen. Es mochten auf ganzFlorenz gegen 2000 Männer kommendie im Genuß des Bürgerrechts in diesemSinne waren. Diese sollten sich als großer Ratconsiglio grandeim Palasteder Regierung versammeln und der Beschluß der Majorität der Souverän vonFlorenz sein.

Noch vor der Mitte des Jahres war die Partei der Medici aus der Regierung undaus ihren Stellen verdrängtund das Consiglio grande konstituierte sich. Allestat Savonarola. Er lenkte die Majoritätder er im Namen Gottes seineentscheidenden Befehle zukommen ließ. Francesco Valori und Paolantonio SoderiniAnhänger seiner Lehre und erbitterte Gegner der Medicibeide zuerst bei derStellenausteilung übergangenstanden als die Führer der herrschenden Parteimit ihm als die mächtigsten Männer im Staate da. Zwei Zielpunkte hatten sie imAuge. Nach innenDurchführung der Reform; nach außenWiedererlangung Pisasund der übrigen Städtedie sich in der Gewalt der Franzosen befanden; dennobgleich Florenz keine französische Besatzung in seinen Mauern hatte: solangePisa und Livorno Frankreich gehörtenwar auch Florenz von ihm abhängig.

Karls Vordringen nach Neapel war ein Triumphzug. Fast alle französischenKriege in Italien haben mit blendendem Siegesglanze begonnen und mit Unterliegengeendet. Machiavelli sagt von den Franzosen seiner Zeitwas Cäsar schon vonden alten Galliern geurteilt: beim ersten Angriffe wären sie mehr als Männerbeim endlichen Rückzuge weniger als Weiber

In Rom schloß der König mit dem Papste zärtliche Freundschaft. Von da ginger weiter nach Neapel. Ende Februar hielt er seinen Einzugdas Volk hatte zuseinen Gunsten rebelliert und die Aragonesen davongetrieben. Die Neapolitanerhaben ein Bedürfnis nach frischen Königenurteilt Guicciardini. Karl wurdemit überschwenglichen Freudenbezeugungen aufgenommen.

Bis zu diesem Tage hatte es noch keiner Schlacht bedurft. Die Tore taten sichaufwo er sich zeigte. Allein nun kam der Rückschlag. Vor ihm war allesgewichenhinter ihm schloß es sich wieder zusammen. Lodovico Sforza war derersteder abfiel. Statt Livorno und Pisa ihm zu gebenhatten die Franzosen dieStädte selbst behalten. Venedigder Römische KönigSpanien und der Papstmachten gemeinschaftliche Sache mit Mailand. Eben noch hatte ganz Italien glattund sanft zu des Königs von Frankreich Füßen gelegenund jetzt galt essichmit Gewalt den Rückweg durch ein feindliches Land zu bahnen. Karl nahm denKampf an. Einen Teil der Armee ließ er in Neapel zurückder durch die Flottemit Frankreich in Verbindung bliebmit der anderen Hälfte kehrte er umaufRom wieder los. Eben noch hatte er Kuß und Umarmung mit dem Papste getauschtdavon war diesmal keine Rede mehr. In ganz Italien hatte der König nur einenBundesgenossenund das waren die von Savonarola geleiteten Bürger von Florenzbei denen alle Anstrengungen der übrigen Mächtesie zum Anschluß an das großeBündnis herüberzuziehenvergeblich blieben.

Der Mut Karls aber und sein Stolz litten nicht unter diesem Wechsel derUmstände. In Siena erwartete ihn eine Gesandtschaft der Florentiner. Sie botenihm Geld und Mannschaften an. Er antworteteseine eigenen Leute genügten ihmHerr über seine Feinde zu werden. Noch einmal trat ihm Savonarola entgegen. DasEvangelium in der Hand haltendbeschwor er ihndie Strafe des Himmels zufürchten und Pisa herauszugeben. Der König wich aus. Er konnte sein Wort nichtbeiden Parteien zugleich halten. Sogar mit den Medici stand er aufs neue inVerkehr. Piero befand sich damals in seinem Gefolge und hoffte durch ihn in dieStadt zu gelangenin der seine Freunde als geordnete Partei der Savonarolasentgegenstanden und die Rückkehr ihres ehemaligen Herrn vorbereiteten.

Ohne Florenz zu berührenging Karl nach Norden weiter. Endlich kam es zurersten Schlacht in diesem Kriege. Bei Fornuovo am Taro stellte sich ihm das Heerder Verbündeten entgegen und suchte ihn aufzuhalten. Beide Teile schrieben sichden Sieg zudie Franzosen mit größerem Rechtedenn sie schoben den Feind zurSeite und machten sich den Weg nach Piemont frei. Am 6. Juli geschah dies imNorden Italiensam 7. Juli kam im Süden Neapel schon wieder in die Gewalt derAragonesen. Es stand bedenklich mit der französischen Sache. Erst jetzterlangten die Florentinerdaß den Besatzungen der toskanischen Städte Befehlzum Abzuge gegeben ward.

Der Kommandant von Pisa aber weigerte den Gehorsam. Die Bitten der Pisanerihr Golddie Tränen eines schönen Mädchensdas die Erhaltung der Freiheitzum Preis ihrer Liebe machteendlich: entgegengesetzte Verhaltungsbefehle ausder Nähe des Königs selber brachten es dahindaß den Florentinern die Toregeschlossen blieben. Nur Livorno wurde ihnen eingeräumt; die übrigen Festungenverkauften die Franzosen an Lucca oder Genua. Florenz mußte sich mit Gewaltsein Recht verschaffen. An der Allianz mit Frankreich hielt man festaber Pisamußte erobert werden. Savonarola feuerte dazu aner verhieß dieWiedereinnahme der Stadt im Namen Gottesder auf seiten des Volkes stände.

Die Pisanergefaßt auf den Abzug der Franzosender kurz oder lang dennocherfolgen mußtewandten sich an Venedig und an Lodovico Sforza. Beideunterstützten die flehende Stadtweil beide sie für sich selbst zu gewinnenhofften. Dieser Kampf der Pisaner um ihre Freiheitdiese verzweifelteAnstrengungsich aus der Schwäche emporzuraffenin die sie durch dieFlorentiner immer tiefer versenkt worden warenmuß jedem das Herz ergreifender die Ereignisse näher betrachtet. Wenige Städte haben so bis auf das Äußersteihre Mauern verteidigt. Aber Savonarola rührte das nicht. Pisa war seinKarthagodas vernichtet werden müßte. Keine Spur von Mitleid in seinen Wortenwenn er von der Unterjochung der Stadt als der Belohnung des Himmels redet unddie Bürger anfeuertauszuhalten und der französischen Politik treu zu bleiben.Er hatte den Staat wie weichen Teig in den Händenwas er wolltewurdeangenommen. Er besaß eine wunderbare Gewaltdie natürlichstennüchternstenReden zu unwiderstehlichem Fluß aneinanderzuketten. SprichwörterFragen mitAntworten daraufdazwischen pathetische BegeisterungBibelstellenNutzanwendungen überraschender Artaber immer für das handgreiflicheVerständnis ausgearbeitetstehen ihm in drängender Fülle zu Gebote. Er wardie Seele der Stadt. Wie eine gut geschriebene Zeitung heute ihrer Partei dieGedanken zufließen läßtdie sie bedarf und verlangtso übernahmSavonaroladie tägliche Gedankenzehrung der Florentiner zu befriedigenundseine Vorräte schienen unerschöpflich. Er sprach in kurzen Sätzen. Ohneschmückende Beiwörterrasch und praktischwie man auf der Straße redetaber zu hinreißendem Zuge verbindet er die Gedanken. Und da es nur einigewenige Punkte sindauf die er stets zurückkommtwie er sie von Anfang angepredigt hatso sagt er den Leuten nichts Neueswas sie erst frischaufzufassen und zu bedenken hättensondern wiederholt nur mit immer neuerKraft ihre eigenen alten Überzeugungen. Mitten unter den Prophezeiungen und denErklärungen der höchsten Dinge erteilt er Befehle über KleidungSitte undBetragen und gibt politische Verhaltungsregeln für die nächsten Tagewie siegerade von der Lage der Dinge erfordert werden. Savonarola besaß den alten Taktder Männer des Volkesdie mit den Massen umzugehen wissen und mitten in derBegeisterung nie die gemeine Deutlichkeit verlieren. Nur daß bei ihm endlichdie Begeisterung zum Fanatismus wurde.

In solche Zustände trat Michelangelo einals er von Bologna zurückkam. Siewaren trüb und drückendaber es wurde noch von Künstlern gearbeitet und vonreichen Leuten gekauft. Er richtete sich sogleich eine Werkstätte ein. Auchfand sich ein Beschützer für seinen Geniusund sogar ein Medici war esdersich seiner annahm.

Der alte Cosimo hatte einen Bruder gehabtder früh starb und ein großerFreund der Gelehrsamkeit gewesen war. Seine Nachkommen lebten in Florenz undwurden von der regierenden Linie stets mit Mißtrauen beobachtet. Piero ging soweitseine beiden Vettern Lorenzo und Giovannidie allerdings in Florenzsowohl als an auswärtigen Höfen gegen ihn intrigiertengefangen setzen zulassenund war nur mit Mühe dahin zu bringen gewesendas Gefängnis in dieVerbannung auf eine Villa zu verwandelnderen Grenzen sie nicht überschreitendurften. Nach Frankreich entflohenkehrten sie im Gefolge Karls zurück. Nachdem Sturze Pieros traten sie wieder in die Stadt einlegtenum dem Volke zuschmeichelnden Namen Medici ab und nannten sich Popolaniganz wie Orleansunter ähnlichen Umständen sich einst Egalité genannt. Reich und durch ihreFrauen mit dem höchsten Adel Italiens verwandtlebten sie seitdem in Florenzund suchten sich durch Eifer für seine Freiheit hervorzutun.

Lorenzo nahm sich Michelangelos an und gab ihm Arbeit. Er ließ einenheiligen Johannes in kindlichem Altereinen San Giovannino wie Condivi sagtvon ihm ausführenund es hat sich neuerdings auch eine Statue gefundenwelcheAnspruch erheben durfteals dieser Giovannino anerkannt zu werden. In einemvornehmen Hause in Pisa auftauchendist sie in das Berliner Museum gelangt undhat sowohl durch ihre Schönheit als durch offenbare Zeichenwelche ihreHerkunft zu bestätigen scheinenAufsehen erregt. Johanneseine zarteKnabengestaltsteht so unschuldig dadie Ähnlichkeit mit anderen WerkenMichelangelos ist so offenbardaß man sich fast genötigt siehtauch diesesihm zuzusprechen. Dennoch kann ich mich nicht für völlig überzeugt erklärenda etwas im Ausdrucke des Antlitzes wie in der Flächenbehandlung des Marmorsgegen die Urheberschaft Michelangelos redet. Müßte siewenn sie sein Werk istnicht später in Rom erst entstanden sein?

Neben diesem Auftrage begann Michelangelo auf eigene Rechnung einen Cupido inMarmor zu hauenden er im Schlafe liegend als sechs- bis siebenjähriges Kinddarstellte. Man hat das Werk wieder entdecken wollenaber es bleibt verschollen.

Während des Winters 1495 auf 96in dem er an diesen beiden Stücken tätigwartraten jetzt aber Ereignisse in der Stadt einzu denen die bisherigen nurein sanfteres Vorspiel waren. Nach allen Seiten hin hatten die Dinge noch in derSchwebe gelegen. Das Verfahren der VerbündetenFlorenz zu gewinnenhieltstets an der sichern Aussicht festdaß die Bemühungendie Stadt zum Abfallvon Frankreich zu bringenErfolg haben würden. Die Parteien flossen noch immereinigermaßen durcheinander; Savonarola hieltso heftig er sprachdoch eingewisses Maß inneund wenn man von Rom aus hätte einlenken wollenes wäremöglich gewesen.

In das Ende des Jahres 95 aber fällt die erste bewaffnete Expedition derMedicisich mit Gewalt der Stadt wieder zu bemächtigen. Pieroder von denFranzosen nichts erlangen konntehatte sich an die Verbündeten gewandt undGehör gefunden. Die Florentiner sollten gezwungen werdensich ihnen anzuschließenund die Angriffe gegen Pisa einzustellen. Mit Sforzaden Bentivogliden Orsiniund mit Siena im Bundehofften die Brüder Florenz wie in einer Schlinge zufangen und zum Gehorsam zu bringen. Aber die Uneinigkeit der Verbündetenvereitelte die Unternehmungderen einziger Erfolg die Stärkung der ParteiSavonarolas in der Stadt und die seines eigenen Ansehens war.

Nun kam der Karneval zu Anfang des Jahres 96.Sonst pflegte er mit ausgelassenem Spektakel begangen zu werden. Tag und Nachtwütete Tollkühnheit in den Straßenvom graziösen Scherze bis zum Unfugdermit Blutvergießen endete. Jeder mußte seine Haut zu Markte tragen. Die Kronedes Festes waren immer die prachtvollen Umzüge mit Gesang und am letzten Tagedas Verbrennen der Bäumediemit erbetenem oder erpreßtem Flitter behangenauf den öffentlichen Plätzen aufgestellt und unter Tänzen umher vom Volke inFlammen gesetzt wurden.

Wie einst das Christentum sich der alten heidnischen Feste bemächtigte undsiestatt sie auszurottenan sich rißso verfuhr jetzt Savonarola. Essollten Umzüge gehaltenLieder gesungenGaben erbettelt und Bäume verbranntwerdendas Volk sollte tanzen um sie heraber alles in höherem Sinnewie eres erdachte und anordnete. Kinder gingen durch die Straßenklopften an dieTüren und baten mit sanften Worten um »Gegenstände der Verdammnis«die zurEhre Gottes verbrannt werden sollten. Statt der lustigen Aufzüge erfolgtenProzessionen mit frommen Liedern. Am letzten Tage dann der Aufbau einer Pyramideerrichtet aus den Ergebnissen der Sammlung. MusikinstrumenteBücher mitLiebesgedichten (toskanische sowohl als heidnische)BilderPutzParfümskurz was von unheiligen Überflüssigkeiten des täglichen Lebens erdacht werdenkanntürmte sich hier in den wertvollsten Exemplaren zu einem Baue aufderangesteckt und unter Absingung seltsamer Lieder zum Lobe Christides »Königsvon Florenz«vom begeisterten Volke umtanzt wurde. Alt und jung beteiligtesich. Hier war eswo Fra Bartolommeo und Lorenzo di Credi ihre eigenen Arbeitenden Flammen überliefertenwo kostbare Ausgaben des Petrarca und Virgilzerstört wurden.

Die Fasten folgten. Diesmal eine wirkliche Zeit der Buße und Zerknirschung.Tag für Tag sausten die Predigten Savonarolas durch das Volk und fachten dieglühende Schwärmerei zu frischen Flammen an. Zweimal bereits hatte der Papstihm das Predigen untersagtdie Regierung der Stadt aber und seine römischenFreunde eine Aufhebung des Verbotes erlangt. Man hatte gehofftdaß er sichmäßigen werdeaber das war wenig gewesenwas er bis dahin gesagtrückhaltlos gab er sich jetzt dem Drange hinkein Blatt mehr vor den Mund zunehmenund bezeichnete deutlicher die letzten Konsequenzen seiner Lehre. »Ichfrage dichRom«ruft er»wie es möglich sein kanndaß du noch auf demBoden der Erde dastehst?« Elftausend Kurtisanen in Romsei noch zu tiefgegriffen. Nachts wären die Priester bei diesen Frauenmorgens darauf läsensie die Messe und teilten die Sakramente aus. Alles sei in Rom käuflichalleStellen und Christi Blut selber für Geld zu haben. Er stehe da und fürchtesich nicht. Seine Feinde und Angeber möchten nur berichtenwas er gesprochenhabe; er sei ein Feuerdas sich nicht löschen ließe.

Vieles sei eingetroffen von demwas er vorausgesagt habeaber das sei daswenigste. Rom und Italien würden bis auf die Wurzeln vernichtet werdenfurchtbare Rächerbanden würden sich über das Land ergießen und den Hochmutder Fürsten bestrafen; die Kirchendie von ihren Priestern zu öffentlichenHäusern der Schande erniedrigt wärenwürden die Ställe der Pferde und desunreinen Viehes sein; Pest und Hungersnot würden kommen – so donnert er losam vierten Morgen der Fasten in einer Predigtdie heute noch einen aufregendenEindruck macht.

Wir wissen nichtin welchem Maße Michelangelo sich diesen Stimmungen hingabwohl aberdaß er zu Savonarolas Anhängern gehörte. In hohem Alter nochstudierte er seine Schriften und erinnerte sich der starken Stimmemit der ergepredigt. Als im Jahre 1495 der Saal für das Consiglio grande im Palaste derRegierung auf Savonarolas Drängen ausgebaut zu werden begannwar Michelangelounter denendie dabei zu Rate gezogen wurden. Die SangalliBaccio d'AgnoloSimone del Pollaiuolo und andere bildeten diese Kommission. Simone delPollaiuolobekannter unter dem Namen Cronacaerhielt den BauFra Bartolommeoübernahm das Gemälde für den im Saale errichteten Altarlauter AnhängerSavonarolas und Michelangelo mitten unter ihnen. Am 15. Juli wurde Cronacaerwählt. Dieses Datum gibt zugleich einen Anhaltspunkt für MichelangelosRückkehr aus Bologna. Er mußte in Florenz gerade wieder angekommen seinalser bei dieser Angelegenheit beteiligt wurde.

Trotzdem blieb er immer noch weltlich genug gesinntum den Cupido zuarbeiten. Im April oder Mai 1496 hatte er ihn vollendet. Medici war entzücktvon der Arbeit und gab ihm anauf welche Weise der beste Preis dafür zuerzielen sein würde. Er möge dem Stein das Ansehen gebenals hätte er langein der Erde gelegen. Er selber wolle ihn darauf nach Rom schickenwo er alseine Antike hoch bezahlt werden würde. Man siehtdaß den Medici trotz ihrerVornehmheit der Kaufmannsgeist nicht verloren gegangen war. Lorenzo bewährtedas noch bei anderen Gelegenheiten. Er verstand die in Florenz eintretendeTeuerung wohl zu benutzenindem er aus der Romagna Korn kommen ließ und daranein Erkleckliches verdiente.

Michelangelo ging auf den Vorschlag eingab dem Marmor ein verwittertesuraltes Aussehen und empfing bald durch Lorenzo den Bescheiddaß ihn derKardinal von San Giorgiojener selbe Raffael Riarioder in Florenz die Messelasals Guiliano von den Pazzi ermordet wurdefür dreißig Dukaten angekaufthabe. Messer Baldassare del Milanesedurch dessen Vermittelung in Rom derHandel abgeschlossen warließ Michelangelo die Summe in Florenz auszahlenwelche diesem demnach als ein vernünftiger Preis erschienen sein muß.

Das Geheimnis aber von der wirklichen Entstehung der Antike wurde nichtbewahrt. Dem Kardinal kam allerlei zu Ohren; er ärgerte sichbetrogen zu seinund schickte einen der ihm dienenden Edelleute nach Florenzum der Sache aufden Grund zu kommen. Dieser nahm den Schein anals suche er Bildhauerdie inRom beschäftigt werden solltenund lud auch Michelangelo zu sich ein. Er kamstatt jedoch mitgebrachte Arbeiten zu zeigennahm er eine Feder und zeichneteeine menschliche Hand groß aufs Papier hindaß ihm der Römer vollerErstaunen zusah. Hierauf zählte er auch die Skulpturen aufdie er bereitsvollendet hätteund nannte darunter ohne weiteres den schlafenden Cupido.

Nun eröffnete der Mannwarum er ihn eigentlich habe rufen lassen; statt derdreißig Dukatendie Messer Baldassare geschickterzählte er von zweihundertwelche der Kardinal für die Arbeit bezahlt hätteso daß sich Michelangeloebensosehr als der Kardinal selbst betrogen sah. Eingeladen von dem römischenHerrnder ihn in seinem eigenen Hause aufzunehmen verspracherfüllt vondessen Erzählungendaß man in Rom ein weites Feld findeum seine Kunst zuzeigen und Geld zu gewinnenhauptsächlich aber in der Absichtsich von MesserBaldassare die übrigen hundertsiebzig Dukaten auszahlen zu lassenmachte ersich nach Rom aufwo er am 25. Juni 1496 eintraf.

Viertes Kapitel
1496-1501

I

Das älteste Schriftstück von Michelangelos Handdas wir besitzenist derBriefin welchem er Lorenzo dei Medici seine Ankunft in Rom anzeigt.

»Ew. Magnifizenz teile ich mitdaß wir am vorigen Sonnabend gesundangekommen sind und sogleich zum Kardinal di San Giorgio gingendem ich EurenBrief überreichte. Er schien mir wohlgeneigt zu sein und begehrte auf derStelledaß ich mir verschiedene Figuren ansähewomit ich den ganzen Tagzubrachte und deshalb Eure anderen Briefe noch nicht abgab. Sonntag kam derKardinal in den neuen Bau und ließ mich rufen. Als ich kamfragte er michwasich von dem hieltewas ich gesehen hätte. Ich sagte ihm meine Meinung darüber.Es sind in der Tatscheint mirhier sehr schöne Sachen. Der Kardinal wolltenun wissenob ich mir etwas Schönes zu arbeiten getraute. Ich antwortetedaßich keine großen Versprechungen machen wolleaber er würde ja selbst sehenwas ich zu leisten imstande sei. Wir haben ein Stück Marmor für eine lebensgroßeFigur gekauftund nächsten Montag fange ich an zu arbeiten. Vergangenen Montaggab ich Eure übrigen Briefe Paolo Rucellaider mir das Geld auszahltedas ichnötig hatteund das für Cavalcanti. Dann brachte ich Baldassare den Brief undverlangte den Amor zurückich wollte ihm dafür sein Geld wiedergeben. Erantwortete mir sehr heftiglieber wolle er den Amor in tausend Stücke schlagener habe ihn gekaufter sei sein Eigentumer könne schriftlich beweisendaßer dem genug getanvon dem er ihn empfangen hätte. Kein Mensch solle ihnzwingenihn wieder herauszugeben. Er beklagte sich über Euch. Ihr hättet ihnverleumdet. Einer von unseren Florentinern hier hat sich dazwischen gelegtumuns zu vereinigenhat aber nichts ausgerichtet. Ich denke jetzt durch denKardinal die Sache durchzusetzen; Baldassare Balducci hat mir diesen Rat gegeben.Ich schreibe Euchwas weiter geschehen wird. Soviel für diesmal. Ich empfehlemich Euch. Gott behüte Euch.

Michelagnolo in Rom.«

Wie lebhaft führen uns die wenigen Worte in den Verkehr der Leute hineindie über den Handel mit der Statue aneinandergeraten. Ein geärgerter hoherHerrein wütenderbetrügerischer Kaufmanndazwischentretende Freundeunddennoch dies alles Nebensache gegen Rom selber! Michelangelo durchstreift dieStadtund über dem Anblick der Kunstwerke kommen ihm neue Gedanken zu eignenArbeiten.

Er war einundzwanzig Jahre altals er nach Rom kam.

Wie die Römer einst sagten »die Stadt«um Rom zu bezeichnensagen wirheute »Rom«um das zu nennenwas jedemder es gesehen hatals das Idealeiner Stadt erscheinen muß. Man meintals die Welt geschaffen sei mit BäumenFlüssenMeerenGebirgenTieren und Menschen endlichda hätte an dem Fleckeder Erdewo Rom stehteine Stadt aus dem Boden wachsen müssenaufsprossendohne menschliches Zutun. Bei anderen Städten könnte man denkenhier war einsteine wüsteöde Flächeein Waldein Sumpfeine stilleweitgedehnte Wiese;dann kamen Menschen und errichteten Hüttenaus denen Häuser wurdeneinsklebte sich ans andereund es ward endlich eine ungeheure Menge mit Kirchen undPalästen dazwischenaber alles zerstörbar wiederund nach Jahrhundertenkönnten da frische Bäume stehenzwischen denen nur scheues Wilddurchschlüpfte; bei Rom aber sind solche Gedanken fast eine Unmöglichkeit. Manglaubt nichtes sei hier jemals sumpfiger Grund gewesenin dessen seichtemGewässer Romulus und Remus als Kinder ausgesetzt wurdenoder es könne derrohesten Gewalt gelingendie sieben Hügel von Gebäuden zu befreien. BeiBerlinWienParis könnte ich mir einen Sturm denkender wie ein Rasiermesseralles vom Boden abmähte und tot zur Seite würfe; in Rom aber scheint esalsmüßten die Steine sich wieder zu Palästen zusammenfügenwenn sie eineErschütterung auseinanderrisseals sei es gegen die Gesetze des Daseinsdaßdie Höhe des Kapitols ohne PalästeTempel und Türme sei.

Es ist ein Übelstanddaß man sichum dergleichen Gedanken auszudrückenfester Bilder mit begrenztem Inhalte bedienen muß. Praktisch genommensind eswertlose Gedankendie hier eben vorgebracht wurdendenn Rom kann einmal so gutwie Babylon und Persepolis mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Und dennochliegt in diesen Phantasien ein Inhalt höherer Artund die Notwendigkeit istvorhandensie zu sagen. Das Gefühl des EwigenUnvergänglichen sollteausgedrückt werdendas uns in Rom beschleicht; das Gefühlals sei die Erdeein großes Reich und hier sein Mittelpunkt; die Liebe zu dieser Stadt allerStädte. Ich bin kein Katholik und spüre nichts von romantischer Verehrung vonPapst und Kirche in miraber leugnen kann ich das allmächtige Heimatsgefühlnichtdas mich in Rom ergriffen hatund die Sehnsucht dahin zurückdie ichnie verlieren werde. Die Ideedaß der junge Michelangelovoll vom Geräuschedes fanatisch bewegten Florenzin dieses Rom vom Schicksal geleitet wird undzum ersten Male den Boden betrittwo das verworrenste Treiben dennoch von derstillen Größe der Vergangenheit überboten wurdehat etwas FurchtbaresGedankenerweckendes in sich. Es war der erste Schritt seines wirklichen Lebensden er tat. Vorher ließ er sich hin- und herleiten von den Menschen und von deneigenen unklaren Absichten; jetzt auf sich selber angewiesennimmt er einenneuen Anlauf für seine Zukunft und daswas er hervorbringteröffnet dieReihe seiner Meisterwerke.

II

Welcher Art die schönen Sachen gewesen sindvon denen er gegen den Kardinaläußertedaß sie in Rom vorhanden seienläßt sich heute kaum bestimmen.Die Ausbeute des reichen Bodens hatte begonnenund viel war gefunden wordenallein die Entdeckung der meisten Antikenwelche heute als Prachtstücke derSammlungen bekannt sindfällt in spätere Zeiten; andererseits ist von demwas sich im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert in Rom angehäuft hatteinder folgenden Zeit viel nach allen Seiten hin entführt worden. Der heutigeZustand gibt keinen Maßstab für den damaligenes war ein anderes Romin dasMichelangelo eintrat. Die vorhandenen Kunstwerke waren nicht wie jetzt in Museenkalt nebeneinander gereihtsondern verteilt durch die ganze Stadtzum Schmuckder Gebäude und zur Freude der Menschenallüberall an günstigen Plätzenfrei aufgestellt. Diese Gebäude waren in einem Stile aufgeführtvon dem nurgeringe Reste übrig geblieben sind. Als Michelangelo den Felsen des Kapitolsbestiegahnte er nichtdaß er ihn einst mit Palästen besetzen würdedieseine ganze Form veränderten. Als er da drobenauf den nackten Trümmern desalten Jupitertempels sitzenddie Augen umherschweifen ließahnte er nichtdaß man von da einst die Peterskuppeldie er erdachteund die unzähligenkleineren Kuppelndie alle nach ihrem Muster gebaut sindmit den Blickenüberfliegen würde. Heute denkt manRom sei nicht möglich ohne diese Aussicht.Nichts von alledem war vorhanden. Damals stand noch die alte Basilika von SanktPeter; der prachtvollegeräumige Platz des Bernini mit den sausendenSpringbrunnen und den gewaltigen Säulengängendie ihn in ihre Arme nehmenwar mit einem wüsten Wirrwarr kleiner Häuser bedeckt. Ein Platz lag in ihrerMitteauf dem Turniere und Ringelrennen abgehalten wurden. Der langgestrecktevatikanische Palast war kaum viertel so groß als heute und festungsartigabgeschlossen. Von hier aus zog der Papst einen bedeckten gemauerten Gang nachder Engelsburgdie durch Festungswerke mit der Brückedie unter ihr über dieTiber führteng verbundensichtbarer als heute das Bild eines Kastells darbotdessen Inhaber dadurchdaß er die beiden Hälften Romsdie päpstliche neueStadt nördlich vom Flusse und das alte große Rom südlich von der Tiberjenach seinem Willen völlig voneinander trennen konnteHerr der Stadt war.

Das Kastell von Santangelo bildete die Zitadelle von Romaber doch nur eineeinzige all der geringeren Festungenvon denen eswie Florenz in alten Tagenimmer noch erfüllt war. In Florenz hatte ein freiererlichterer Stil längstfreieschöne Paläste geschaffenin Romwo der öffentliche Zustand derDinge der Stärke vor der Schönheit noch den Vorrang lassen mußtesah manerst wenige von den ausgedehnten mit Fensterreihen erfüllten Prachtfassaden.Die von hohen Türmen überragten Paläste der Kardinäle und des hohen Adelsder OrsiniColonna und anderer zeigten sich als ringsum abgeschlossenefinstere Bauwerkewohlgeeignet verteidigt zu werdenund mit allen Mittelnversehenplötzliche Überfälle abzuwehren. Der römische und florentinischePalastbau ist ein Produkt der Zeiten und der Geschichte. Die Fassade lag nachinnender Hof war der eigentliche Mittelpunkt des Gebäudesein ringsumeingeschlossener Raumwo zu allen Tageszeiten schattige Kühle waltetewo sichder Brunnen befand und die Statuen in günstigem Lichte standen. Die nach außenrauhen und düsteren Massen der Paläste öffneten sich um den Hof in leichtenoffenen Säulengängen. Hier war man sicher und hatte dennoch den freien Himmelüber sich. Die Loggien des Vatikansdie Raffael ausmaltesind die offenenBogengängewelche den Hof des päpstlichen Palastes umgeben.

Um diese Burgen der weltlichen und geistlichen Fürsten lagen die Wohnungenihrer Dienstleute und derer überhauptdie sich zu dem Herrn hieltender inihrer Mitte thronte. Die engen Straßen zwischen diesen Häusern wurden nachtsmit Ketten gesperrt. So hatte jeder Mächtige seine Stadt in der Stadt für sichseinen Hofseine Kircheseine UntertanenEdelleuteSoldatenKünstler undGelehrteund zwischen diesen Höfen all und dem päpstlichen eine ewige Flutvon Intrigen mit versteckter oder auch offen ausbrechender Feindschaft. Damalswar noch mehr als die Hälfte von Europa geistliches Eigentumlieferte nach Romseine Abgaben und empfing von dort Befehle. Heute (1859!) ist die Stadt eineWüste gegen jene Zeiten. Die Paläste stehen leerdie KardinäleLeutedienur in Ausnahmefällen Macht und Ansehen besitzenfahren in schwerfälligenKarossen durch die Straßenmeist gebrechliche Herrenderen Namen kaum in derStadt bekannt sind; damals sprengten sie in vollen Waffen mit ihren Leuten zumVatikanan ihren Kirchen vorüberwo sie zur Zeit der Papstwahl öffentlichdie silbernen und goldenen Weihgefäße verkaufen ließenweil sie Geldbrauchtenum ihre Freunde und Feinde zu bestechen. Es waren Männer aus denersten Fürstenfamilienjungstreitbar und mit glühenden Leidenschaften.Ungeheure Summen hatte der Kardinal AscanioLodovico Sforzas Bruderdarangesetztum nach Innozenz' Tode seine Wahl zum Papste durchzusetzenebensoder Kardinal Vinculader wie Ascanio seine eigene Armee ins Feld stellen konnteso mächtig waren beidedennoch besiegte sie diesmal Alexander Borgiader ammeisten vermocht hatte und zu der Zeitwo Michelangelo ankamRom beherrschte.Es war der erste Papstder öffentlich von seinen Kindern sprach; früher warimmer nur von Neffen und Nichten die Rede gewesen. Lucrezia Borgia war seineTochter. Ihrem ersten Manne wurde sie wieder abgekauftvon ihrem zweitengeschiedenihr dritter vor dem Vatikan selber niedergestoßenund als er sichdennoch zu erholen drohtevon Cesare BorgiaLucrezias Bruderder diesenÜberfall eingerichtet hatteauf seinem Krankenlager erdrosselt.

Dieser Cesare Borgiader Lieblingssohn Alexanderswar damalsfünfundzwanzig Jahre altschön von Gestalt und riesenmäßig stark. Auf einemmit Schranken umgebenen Platze vor dem Vatikan tötete er sechs wilde Stieregegen die er zu Pferde kämpfte. Dem ersten schlug er auf einen Hieb den Kopfherunter. Ganz Rom staunte. Nicht geringer aber als seine Kraft war seineWildheit. Messer Pierottoden Liebling seines Vaterserstach er unter desseneigenem Mantelwohin er sich geflüchtet hattedaß dem Papste das Blut insGesicht spritzte. Alle Morgen fand man in den Straßen vier bis fünf Leichendarunter Bischöfe und hohe Prälaten. Rom war in Schrecken vor Cesare.

Zu jener Zeit muß er den Herzog von Gandiaseinen Bruderermordet haben.Er ließ ihn erdolchen und in die Tiber werfen. Dann teilte er dem Papste selbermitdaß die Tat von ihm ausgegangen sei. Das Oberhaupt der Christenheitaußer sich vor Wut und Schmerzerscheint im Kollegium der Kardinäleheult umseinen Sohnwirft sich seine Verbrechen vordie er bis dahin begangen hatundgelobt Besserung. Das hielt vor einige Tageda war es vorüberund dieAussöhnung mit Cesare ließ nicht lange auf sich warten. Diese furchtbareFamilie war zu sehr auf einander angewiesenum in sich selbst lange uneinsbleiben zu können. Falschschamloslügnerischohne Treu und Glaubenvonunersättlicher Habgier und ruchlosem Ehrgeizegrausam bis zur Barbareisozählt Guicciardini des Papstes Laster auf. Ein solcher Charakter scheintunmöglich in unseren Tagener fände keinen Raumum seine Geierflügelvöllig auszuspannenund keine Beute mehrauf die er stoßen könnte. Sovöllig aber passen die Borgia in ihre Zeit hineindaß sie nur dann daraushervorstechenwenn wir ihre Eigenschaften aus dem Rahmen dessenwas sie umgabherausgenommen für sich betrachten. Vertiefen wir uns in die Tatendie vonanderen um sie her ausgingenso erscheinen ihre Verbrechen beinaheausgeglichenund wir gewinnen sogar die Freiheitihre guten Seiten zuwürdigendas heißt die Kraftdurch die sie die anderen überbotendievielleicht nur ihrer Schwäche wegen weniger gebrandmarkt dastehen.

»Der Papst ist siebzig Jahre alt«berichtet der venezianische Gesandte ausjener Zeit»alle Tage scheint er jünger zu werdenkeine Sorge behält erüber Nacht im Herzener ist heiter von Naturund was er tutschlägt ihm zumVorteil aus.« Alexander hatte einen Riesenkörpereinen durchdringenden Blickfür den Sachverhalt der Dinge und für die rechten Mitteldie zum Zweckeführtenauf wunderbare Weise wußte er den Leuten die Überzeugung zuverleihener meine es redlich mit ihnen. Ebenso geschickt war CesareLucreziaaber besaß soviel Schönheit und solche Gaben des Geistesdaß sich selbstheute noch Verehrer gefunden habendie an ihre Verbrechen nicht glauben wollen.Sie berufen sich auf ihre Briefeihren Verkehr mit den edelsten MännernItaliensihre spätere Laufbahnwie sie als Herzogin von Ferrara lange Jahredie beste Gattin und Mutter gewesen sei. So sehr überstrahlen die Gaben desGeistes die dunklen Handlungendenen wir uns schuldig machen. Doch will es unsnicht scheinenals ob die Verbrechen dieser Familie jemals zu übertünchenwären.

III

Das waren die Menschendie im Vatikan wohntenals Michelangelo nach Romkam. Von Künstlerndie er dort antrafsind die bedeutendsten zweiFlorentinerAntonio Pollaiuoloder noch unter Ghiberti an den goldenen Türenmitgearbeitet hatteund sein jüngerer Bruder Pierovöllig eingebürgertwohlhabend und willensihre Tage in Rom zu beschließen. Piero muß um die Zeitgestorben seinals Michelangelo ankam; Antonio jedochder bedeutenderelebtenoch bis 1498. Er begann als Goldschmiedward berühmt seiner Zeichnungenwegennach denen viele Künstler arbeitetenbekam selber Lust zu malenmodelliertebildhauerte und goß in Erz. Nach Papst Sixtus' Tode wurde er vomKardinal Vincula nach Rom berufenum ein Grabmonument für ihn auszufahren.Dies geschah 1494. Pollaiuolos umfangreiches Bronzewerk zeigte den Papst langausgestreckt auf einem Unterbaueder mit korinthischem Blätterschmuckmeisterhaft umkleidet ist. Nach seiner Vollendung übertrug man ihm die gleicheArbeit für Innozenz den Achtender mit Lorenzo dei Medici in einem Jahreverschied und den er in sitzender Gestalt arbeitete. Außerdem sind viele Werkeseiner Hand in den römischen kleineren Kirchen zu finden; jene beiden Monumentewurden in der Basilika von Sankt Peter errichtetwo sie noch zu sehen sind.

Pollaiuolos Stärke war die Strenge der Zeichnungseine Farbe ist kalt undundurchsichtig. In den Figuren aber liegt ein Zug zum Großen und Einfachendassonst den Florentiner Meistern weniger eigen war als denen der umbrischenMalerschule. In San Miniato zu Florenz befand sich ein zehn Ellen hoher heiligerChristoph von seiner Handden Michelangelo zu wiederholten Malen kopiert habensoll. Es ist daher wohl anzunehmendaß er sich jetzt in Rom an Pollaiuolopersönlich anschloß. Dies vielleicht um so mehrals er mit CronacadessenSchüler und nahem Verwandtenin Florenz bekannt war.

Indessenwie dem auch seidie Brüder Pollaiuolo waren nicht die Männerihn künstlerisch auf eine höhere Stufe zu heben. Dagegen lernt er in Rom jetztdie Arbeiten zweier Meister kennenderen Art und Weise weit abliegt von derAuffassung der florentinischen Kunst und deren Werke nicht ohne Einfluß auf ihnbleiben konntenMantegna und Melozzo da Forli.

Mantegna gehörte zu den allerersten. Eine Tiefe der Empfindung liegt inseinen Bildernein Adel in seinen Liniendaß man sogleich fühlter sei keinMannder übertroffen oder nachgeahmt werden könnewohl aber eine Naturderen belebenden Einfluß jeder empfinden mußteder von ihr berührt zu werdenfähig war. Mantegna lebte in Mantuawo die Gonzaga seine Gönner waren. Er kamwährend der achtziger Jahre nach Rom. Die Kapelledie er für den Papstausmalteist heute nicht mehr vorhandenaber man darf annehmendaß dieseArbeitzu der er eine Reihe von Jahren brauchtenicht geringer gewesen sei alsdie übrigen. Während in Florenz die Einwirkung der Antike auf dieKunstanschauung nicht von ersichtlicher Stärke warsondern die freie Bewegungdes LebendigenNatürlichen die Quelle bliebaus der man schöpftegestatteteMantegna dem Stil der antiken Meister auffallenden Einflußsetzte ihrer Kraftaber eine so entschiedene Eigentümlichkeit entgegendaß auch hier vonNachahmung keine Rede sein kann. Seine Farbengebung ist einfachbeinahe kaltund ordnet sich durchaus der Zeichnung unterdiese Zeichnung aber läßt dieGestalten so durchdringend zur Erscheinung kommendaß sie fast eine typischeGewalt empfangen. Man meintes sei nicht möglicheine Szene andersaufzufassenals er getan. Wenn man vor dem vom Kreuze genommenen Christusstehtden wir von seiner Hand in Berlin besitzenso scheint das Gefühl desgrausamsten Todesder dennoch eine lächelnde himmlische Ruhe zurückließerschöpft zu sein durch die Kunst des Meistersund kein Gedanke bleibt übrigan andere Künstlerdenen es besser hätte gelingen können und die noch tieferin unsere Seele drängen. Mantegna ist befangen in einer gewissen Steifheitdieerst Leonardo und Michelangelo überwandenvon denen beiden dann Raffael dieglücklich errungene Freiheit empfing. Das aber verhindert nichtMantegna mitjenen drei in eine Reihe zu stellen. Und so wurde auch von Anfang an in Italiengeurteilt.

Melozzo da Forli reicht nicht an Mantegna heran in demwas er leisteteindem aberwas er leisten wollteübertrifft er vielleicht alle Künstler vorMichelangelo. Es sind nur wenige von seinen Werken übrig gebliebenund von dengrößten nur geringe Bruchstücke. Forlisein Geburtsortliegt in derRomagnanicht weit von Urbinowo Giovanni SantiRaffaels Vaterlebte.Dieserein genauer Freund Melozzoszeigt dieselben strengen Formen in seinenBilderndenselben erdigen Tonder mehr auf Mantegna als auf die FlorentinerSchule hinweist. Die Romagnadurch das Gebirge von Toskana getrenntempfingaus dem Norden größere Anregung als vom Nachbarlande. Forli gehörte demGrafen Girolamo Riariodem Neffen des Papstes Sixtus. Durch ihn wurde Melozzonach Rom gebracht. Die Ernennung zum Maler des Papstes folgteendlich dieErhebung in den Ritterstand. Dazu ein reiches Gehalt und großartige Aufträge.Es befindet sich ein Bild von ihm im Vatikandas den Papst umgeben von seinenNeffen darstellt. Es sind dieselbendie mit den Pazzi Lorenzo dei Mediciermorden wollten; gerade in jenen Zeiten malte sie Melozzo. Unter ihnen auch derKardinal Vinculajung und unbärtig. Der Papst selber im Profilein scharfesvolles Gesichtder Mannder den Italienern Respekt einflößte weil er seineFamilie so energisch in die Höhe brachte. Das Hauptwerk MelozzoseineHimmelfahrt Christidie ehedem die Altarwand der Kirche San Apostoli einnahmist heute zerstörtund nur einzelne Stückedie in der Sakristei von SanktPeter und im Lateran aufbewahrt werdengewähren eine Idee der grandiosenZusammenstellung kolossaler Figurenaus denen das Gemälde bestand. DiesenGestalten wüßte ichwas die Kühnheit der Komposition anlangtnichtsGleichzeitiges an die Seite zu stellen. Denn eine Phantasiewelcher menschlicheKörper in so kühnen Verkürzungen vorschwebtenund eine Handwie sie derKünstler besaßder so frei und fest hinzeichnetewas er im Geiste erblicktefinde ich bis dahin bei keinem Maler vereinigt. Dennoch nimmt Melozzo kaum einenPlatz in der Kunstgeschichte einweil zu geringe Überbleibsel seinerTätigkeit vorhanden sind; Vasari erwähnt ihn erst in der zweiten Auflageseines Werkesund auch da beinahe nur um zu sagendaß er nichts von ihmwisse. Wie mir nach den vorhandenen Resten der Mann vor Augen stehtist er alsKünstler und Charakter gleich groß und verdient die Vergessenheit nichtindie sein Name hinabsank. Man begreiftdaß dieser wilde Papst mit seinen ebensotollen Neffen (oder Söhnenwie man will) vor dem Genie Melozzos Respekt hatteund ihn nicht mit Geld allein abfandwie Pollaiuolo etwader bei seinem Todejeder seiner Töchter fünftausend Dukaten hinterlassen konnte. Wie geringerscheint Pollaiuolo mit aller seiner umfassenden Tätigkeit neben Melozzodessen Christus und Apostel emporstiegenals durchbrechen sie das Kirchendach!Es sind noch eine Anzahl Fragmente von den Engeln erhaltendie wahrscheinlichin vollem Chor den anlangenden Sohn Gottes in den Gewölben empfingen. Siespielen auf verschiedenen Instrumenten und singen dazu; auch sie beugen sich inschönen Verkürzungen niederlauter edleschöne Mädchengestalten. Zweierschienen mir besonders reizend. Die eine mit beiden Armen ein Tamburinemporhaltenddas sie schlägtund mit dem Körper weit zurückgebogen; einlila Gewand über grünem Unterkleide umfliegt sie in freiengroßen Falten;nichts ist gemein natürlich daranund doch keine Spur leererkonventionellerGroßartigkeit. Die andere sitzt auf dem Gewölk und schaut vorgeneigt in dieTiefe niederwährend sie auf einer Laute spielt. Sie hat braunestumpfabgerundete Eulenflügelganz wie nach der Natur gemalt. Melozzo war schon zweiJahre totals Michelangelo nach Rom kam. Die Neffen des ehemaligen Papsteslagen mit Alexander Borgia und seinen Söhnen im Kriege. Der Kardinal Vinculasaß in Ostiaseiner Residenz. Damals kann Michelangelo deshalb noch nicht mitihm bekannt geworden seinder später sein berühmter Freund und Beschützerward.

Sollte aufgezählt werdenwas er außer den Werken Mantegnas und Melozzosallein an Arbeiten florentinischer Künstler in Rom fandso würde das einenlangen Katalog füllen. Sie hatten fast sämtlich hier gearbeitetvon Giottobis auf Ghirlandaio herabund die Kirchen waren voll von Denkmälern ihrerTätigkeit; persönlich anwesend aber war gerade keiner. Doch sind wir nicht sogenau unterrichtetum diewelche in Rom zu jenen Zeiten arbeitetenalle zukennen. Wir haben auf dem Berliner Museum eine überlebensgroße PorträtbüsteAlexander des Sechstenwelche damals entstanden sein muß. Das Werk ist injeder Beziehung eines großen Meisters würdigja von solcher Vortrefflichkeitdaß es für Pollaiuolo zu gut erscheint. Aus Mangel an Nachrichten aber bleibtdieser dennoch der einzige bedeutende Künstlervon dem wir annehmen dürfendaß er mit Michelangelo zusammentraf.

IV

Der Kardinal di San Giorgiovon dem Michelangelo so gut aufgenommen wordenwargab sich in der Folge trotzdem nicht als den Mann zu erkennenvon demetwas zu erwarten gewesen wäre. Er ließ zu der Zeitals Michelangelo in Romankamin der Nähe des Campo del Fiore einen umfangreichen Palast bauenan demer ihn leicht hätte beschäftigen können. Dies muß der »neue Bau« seinvondem im Briefe an Lorenzo dei Medici die Rede ist. Schien der Kardinal anfangsMichelangelo dabei benutzen zu wollenwie gleichfalls aus dem Briefehervorgehtso gab er ihm in der Folge trotzdem keine Aufträge. Auch zog ersich aus der Affäre mit Messer Baldassare auf wenig fürstliche Weise heraus.Er nötigte den Kaufmanndas Geld wieder herzugeben und die Statuezurückzunehmen. Michelangelo hatte erwartetder Kardinal würde den Baldassarezwingenihm den unterschlagenen Rest zu zahlen. Nun war er vielleicht frohseine dreißig Dukaten behalten zu dürfen. Auch von der lebensgroßen Figurzuder er gleich in den ersten Tagen Marmor kaufte und die offenbar vom Kardinalbestellt worden warwird nichts weiter gesagt. Es muß zwischen ihnen beidenirgend etwas vorgefallen seinwas dem Verhältnis einen Stoß gab. DennCondivider nach Michelangelos eigenen Worten schriebspricht sich hart überdas Benehmen des Kardinals ausohne jedoch nähere Angaben zumachen.

Nur in sehr mittelbarer Weise machte sich Michelangelo im Hause San Giorgiosgeltend. Vasari erzähltderselbe habe einen Barbier gehabtder sich aufsMalen gelegtaber vom Zeichnen nichts verstanden hätte. Diesem habeMichelangelo den Karton zu dem heiligen Franziskuswie er in der Verzückungdie Wundmale empfängtangefertigt. Varchi lobt das Bild in seiner Leichenredeauf Michelangelo. Lomazzo will den Karton gesehen haben und sagtes sei einstrahlenausstreuender Serafim mit sechs Flügeln darauf. Da jedoch Condividarüber schweigt und von Varchi und Lomazzo nicht bekannt istob sie es in Romselbst gesehen oder nur in Vasaris Buche darüber gelesen habenso bleibt dieSache ungewiß. Möglich wäredaß der heute in San Piero in Montoriowo dasGemälde sich in der ersten Kapelle linker Hand befunden haben sollsichtbareheilige Franziskus die letzten Reste dieser Malerei unter sich trägt.

Dagegen möchte ich in diese ersten römischen Zeiten eine Arbeit setzenvonder freilich niemand etwas erzähltdie aber unzweifelhaft von Michelangelogeschaffen worden ist und sich allen Merkmalen nach am besten hier einreiht: dieMadonna des Nationalmuseums in Londonwelcheehe sie an dieser Stelle einenfesten Platz erhieltin den Händen verschiedener Besitzer warnach denen siezeitweise genannt worden ist.

Es ist ein Temperabild und unvollendet. Die Komposition zerfällt in dreiTeile: in der Mitte die Madonnarechts und links von ihr je zwei jugendlicheGestalten dicht nebeneinanderEngel wenn man will. Die zur Linken sind nur inUmrissen dadie auf der anderen Seite aber vollendet und von so rührenderSchönheitdaß sie zu dem Besten gehörendas Michelangelo hervorgebrachthat. Sei stehen dicht nebeneinanderzwei Knaben zwischen vierzehn und fünfzehnJahren etwader vorn stehende im Profil sichtbar – die ganze Gestalt herab–der hinter ihm en face; dieser hat seinem Genossen beide Hände auf dieSchulter gelegt und blickt mit ihm zugleich auf ein Pergamentblattdas derselbemit beiden Händen vor sich hältals läse er darinauch hat er den Kopfetwas vorgeneigt und die Augen darauf niedergeheftet. Ein Notenblatt vielleichtvon dem beide singen; die halbgeöffneten Lippen könnten es andeuten. Dienackten Armedie Händedie das Blatt haltenvon jugendlicher Magerkeitbeideaber mit einer Naturbeobachtung gemaltdie zu loben oder zu beschreibenunmöglich istreichten allein hinum dieser Gestalt den höchsten Wert zugeben. Dazu aber der Kopfdie köstlich schlanke Figurdas leichte Gewand inanliegendenvielfach geknickten Falten bis über die Knie herabdann das Knieund das Bein und der Fuß; – es gibt eine Darstellung der Naturdie etwasfast zu Ergreifendes hat– man fühlt tief im Herzen eine Liebe zu diesemKinde und möchte die Hand ins Feuer legendaß es rein und unschuldig sei. DasGewand des anderen ist dunkeles liegt ein Schatten über den Augen und im Augeselbst ein ganz anderer Charakterdoch nicht weniger liebenswürdig. Auch dasHaar andersdie Locken dichterdunkler und in Häkchen ausfahrendwährenddie des ersten sanfter und vollerhinter das Ohr zurückgestrichenauf demNacken liegen.

Die Jungfrau sehen wir ganz von vorn. Ein heller Mantel ist auf der linkenSchulter mit den Zipfeln zu einem starken Knoten zusammengebundenverhüllt denrechten Arm beinahe und ist unten weitfaltig um und über die Knie geschlagen.Auf dem dunklen Haar liegt ein weißer Schleierdoch sodaß es ringsumsichtbar bleibt. Über ihren Schoß hin greift das Jesuskind nach dem Buchedasdie Mutter in der Linken haltend ihm entziehtwobei die Rechteunter demMantel vorkommendihr behilflich wird. Es istals hätte auch sie selbst imChor mitgesungen und eben das Blatt umwenden wollenals das Kind ihr ins Buchgriffdas sie leise nach links emporhält. Johannes steht rechts neben demJesuskinde mehr im Hintergrunde; ein Tierfell ist um das kleine Körperchengeschlagendoch fast ohne es irgendwo zu verhüllen. Das Licht kommt von derLinkendadurch fällt der Schattenden die Gestalt der heiligen Jungfrauwirftein geringes über ihn.

Die beiden nur mit wenigen Linien angedeuteten Gestalten auf der anderenSeite neben der Madonna waren vielleicht Mädchenim Gegensatze zu den Knabendort. Von der Farbe kann ich nichts sagenda ich nur Photographien vor Augenhatte.

Michelangelo hat viel unvollendete Werke hinterlassen. Seine heftigeoftabspringende Natur war schuld daran. Hier vielleicht mögen besondere Umständemitgewirkt habendie seinem Gedächtnisse jedoch wie das Bild selbst und dieganze so entfernt liegende Zeit nicht mehr zurückkehrten. Wüßte manwoherdie Tafel stammtso ließe sich möglicherweise dadurch mehr Licht gewinnen.

Michelangelos erste notorische Arbeitdie er in Rom ausgeführt hatistseine Statue des trunkenen Bacchusdie Arbeit wohlan der er im August 1497beschäftigt war. Er schreibt seinem Vater darüber. Nachdem er im Juligemeldetman solle ihn in Florenz nicht sobald zurückerwartenweil derKardinal noch immer nicht bezahlen wolle und man bei großen Herren nurallmählich mit seinen Ansprüchen aufkommemeldet er sieben Wochen späterwie es ihm mit Piero dei Medici gegangen sei. Dieser habe ihm eine Statue inAuftrag gegebendoch sei nichts daraus geworden»weil ihm von seiten Pierosnicht gehalten worden seiwas er ihm anfangs zugesagt«und deshalbnachdemer obendrein bei dem Marmor Unglück gehabt und Geld verloren habearbeite erzu seinem eigenen Vergnügen jetzt an einer Figur.

Ist in der Tat der Bacchus hier gemeintso fand sich auch ein Abnehmerdafür in der Person des Jacopo Gallivon Condivi ein Gentiluomo Romano »dibello ingegno« genanntein gebildetervornehmer Mann also. Dieser ließ dasWerk für sich ausführendas heute noch in unversehrtem Zustande erhalten isteine lebensgroße Gestaltvon der Michelangelos Zeitgenossen mit Bewunderungredenwährend Neuere in diese unbedingte Anerkennung nicht einstimmen wollen.

Es ist kein göttlicher Rauschvon dem wir den Gott durchströmt sehenkeinheiliges Feuer der Trunkenheitvon dessen Gluten umhaucht uns die alten Dichterden die Welt durchziehenden Dionysos erblicken lassensondern das Taumeln einesweinerfüllten Menschender mit lächelndem Munde und matten Gliedern sichaufrecht zu erhalten strebt. Dennoch aber kein alter dicker BauchnichtsAufgeschwemmtessondern ein jugendlich schöngebildeter Körper. Mit der Antikeverglichenein beinahe widerliches Abbild irdischer Schwächemit der Naturzusammengehaltentrotzdem das ideale Bild der von Wein erzeugtenzu den Wolkentragenden Fröhlichkeit.

Hören wir Condivi. »In jeder Hinsicht«schreibt er»ist dieser Bacchusder Gestalt und dem Ausdrucke nach den Worten der antiken Autoren entsprechendhingestellt. Das Antlitz voll heiterer Seligkeitden Blick üppig undverlangendwie bei denen der Fall zu sein pflegtdie den Wein liebenhält erin der Rechten eine Schaleals wollte er trinkenund sieht sie analsschlürfte er in Gedanken den Wein schondessen Schöpfer er ist. Deshalbträgt seine Stirne auch einen Kranz von Weinlaub. Über dem linken Arm hängtein Tigerfellweil ihm der Tigerder den Wein liebtheilig war. Mit der Handhat er eine Traube gefaßtvon der ein kleiner hinter ihm stehender Satyrgewandt und listig die Beeren abnascht. Der Satyr ist wie ein siebenjährigesKindder Gott selber wie ein achtzehnjähriger Jüngling.«

Daß Condivi sich nur auf die antiken Schriftsteller und nicht auch auf dieantiken Skulpturen beruftist ein Zeichen der Unbefangenheitmit der manselbst in seinen Zeiten noch dem Altertum frei gegenüberstand. Man benutztewas es darbotsich aber durch es bestimmen zu lassenfiel niemand ein. Szenenaus der griechischen Götterwelt wurden ebenso in die neueste Geschichteverlegtwie dies mit den biblischen Erzählungen geschah. Mars ist ein nackterFlorentinerVenus eine nackte jugendliche FlorentinerinCupido ein Kind ohneKleider. Dem Künstler kam es nicht in den Sinndie Naturdie er vor sich sahetwa auf antike Muster hin verbessern zu wollenzu »idealisieren«wie heuteder Handwerksausdruck lautet. Es wäre eine Unnatur gewesenhätte Michelangeloeinen trunkenen Bacchus anders darstellen wollen. Es ist ein vom Weinberauschternackter Jüngling. Er ist aufs Feinste ausgearbeitet. Seine Gliedersind rein und tadellos. Immerhin mag man sagendie Natur des alten Donatellohabe hier im jungen Michelangelo gewaltet. Aber wenn das Antlitz der Statueetwas gemein Natürliches an sich hatso findet das darin seinen Grunddaß ereinen silenenhaften Familienzug mildeaber erkenntlich hineinlegen wollte.

Gedenken wir aber noch einmal des schwärmenden Gottes der Griechendessenleuchtende Schönheit die empörten Schiffer bändigt und der die Tränen derverlassenen Ariadne trocknet. Durchdrungen von derartigen Anschauungen undbefangen außerdem von der Erinnerung an die Werke der griechischen Bildhauerderen zu Michelangelos Zeiten nur wenige bekannt warenmüssen wir heute unskünstlich erst auf seinen Standpunkt versetzenum ihm Gerechtigkeitwiderfahren zu lassen. Michelangelos Statue steht heute in der Nationalgaleriein ebenso ungünstigem Lichte wie früher in den Uffizien. Shelleyder großeenglische Dichternennt sie in einem seiner Briefe ein empörendesMißverständnis des Geistes und der Idee des Bacchus. Betrunkenbrutalalbernsei sie ein Bild der abscheulichsten Völlerei. Die untere Hälftesteifdie Artwie die Schultern an Hals und Brust ansetzenunharmonisch;kurzdie zusammenhanglose Phantasie eines Katholikender einen Bacchusgöttlich habe darstellen wollen.

So ungerecht macht die Unkenntnis der näheren Umstände. Shelley kanntekeine einzige der Bedingungenunter denen dieses Werk entstanden war. Dennochwiderruft er sein Urteil selbst. »Die Arbeit aberan sich betrachtethatVerdienste«bemerkt er weiter. »Die Arme sind von vollendeter männlicherSchönheitder Körper ist energisch modelliertund alle Linien fließen kühnund wahrhaftig empfunden eine in die andere. Als Kunstwerk fehlt ihm nur dieEinheitals Bacchus alles.« Dieser Mangel an Einheit erschien Shelleys Augengewiß nur deshalb als ein Fehlerweil die Statue am falschen Orte stand. ImHofe des Palazzo Galli in Romwo sie noch zu Condivis Zeiten befindlich warmuß sie von der kühl hinunterströmenden Helligkeit des freien Himmels ganzanders umleuchtet gewesen sein. Der im Berliner Museum aufgestellte Abgußerlaubtdie Arbeit nun auch von der Rückseite zu betrachten. Die Beine und derRücken zeigen hier eine bewunderungswürdige Feinheit der Ausführung.

Für denselben Galli arbeitete Michelangelo einen Cupidodernach fast dreiJahrhunderten des Verstecktseinsim Kensington-Museum wiederaufgetaucht istwohin er aus der Sammlung Campana in Rom gelangte. Daß er in dieser vorhandenwar und woher er in sie kamweiß und wußte niemand.

Ich kenne die Arbeit aus einem Gipsabguß sowie aus zwei vorzüglichenPhotographien. Mit dem einen Knie auf dem Boden ruhendstemmt Amor sich mit demstraffen Arme gegen die vordere Lehne des Wagensauf dem er fährtwährend ermit der anderen erhobenen Hand – die freilich heute restauriert ist – dieZügel der Tauben leicht hältdie einst vor dem Wagen vorn als Gespannsichtbar waren. Offenbar war er für einen hohen Standpunkt berechnet und darfdeshalb auch im Abgusse nur von unten auf betrachtet werden. Wir haben nichtsvor uns in ihm als einen Knaben von acht bis zehn Jahrenmit unendlicherSorgfalt der Natur nachgebildet. ArmeRückenSchulterKnie: alles flößtBewunderung ein. Das Fleisch scheint weichdie Muskeln sind wie beweglichdasMomentane der Stellung ist in wunderbarer Kunst wiedergegeben.

V

Steht der Bacchus in unvorteilhaftem Lichteso ist er doch wenigstenssichtbar. Michelangelos Hauptwerk aberdiejenige Arbeitdurch die erplötzlich aus einem geachteten Künstler zum berühmtesten Bildhauer Italienswardist heute so gut wie verhüllt: die trauernde Maria mit dem toten Sohne imSchoße»la Pietà«wie die Italiener eine solche Gruppe nennen. DerCardinal von San Dionigiein Franzosebestellte sie bei ihmund Jacopo Gallivermittelte den Auftrag. Im Kontrakteden wir noch habenverbürgte sichdieser dafürMichelangelo werde ein Werk zustande bringenschöner alsirgendein in Rom vorhandenesund besser als irgendeiner unter den lebendenBildhauern es herstellen könnte. Selten ist die Schönheit eines anerkanntenMeisterwerkes in solchem Maße durch eine ungünstige Aufstellungbeeinträchtigt worden. Zuerst in eine Seitenkapelle der alten Basilika vonSankt Peter postierterhielt die Statue beim Umbau der Kirche einen anderenPlatz und steht jetzt wiederum in einer Seitenkapelle des Sankt Peter so hochund in so verzwicktem Lichtedaß es nur mit Mühe möglich istaus der Näheoder aus der Ferne ihres Anblickes teilhaftig zu werden. Kopienwelcheverschiedene Bildhauer für römische und florentinische Kirchen anfertigtenkommen nicht in Betracht. Es bleibt für die genauere Untersuchung nichtsübrigals sich an Abgüsse zu halten.

Das Material aber ist ein wesentlicher Bestandteil einer Bildhauerarbeit.HolzMarmorBronze bedingen jedes eigentümliche Behandlung. Es kann eineBronzearbeit nicht mechanisch in Marmor kopiert werdenohne einen Teil ihresInhaltes einzubüßennoch weniger verträgt ein Marmorwerk die mechanischeNachbildung in Metall. Gips aber ist gar kein Materialein negativertoterStoffder statt der weichendurchsichtigenfast bewegten Oberfläche desMarmors nur eine starrelastende Ruhe gibt. Die ideale Ähnlichkeit mit dermenschlichen Hautderen sanfteleicht wechselnde Flächen und Linien derschöne Stein anzunehmen befähigt istgeht beim Gips verlorenund dennoch ister unentbehrlichwie die Gelegenheitbei der er eben so arg geschmäht wirdam besten darlegt.

Was sich bei näherer Betrachtung der Pietà zuerst zeigtist die ungemeineVollendung des Einzelnenverbunden mit einer wunderbaren Harmonie des Ganzen.Von allen Seiten bietet die Gruppe edle Linien. Die Stellung der beidenGestalten zueinander ist die hergebrachteviele Maler haben vor MichelangeloMaria und Christus ähnlich dargestellt. Aber wie sehr übertrifft Michelangelosie sämtlich. Die Lage des auf den Knien der Frau ruhenden Körpersdie Faltenihres Gewandesdas ein quer über die Brust laufendes Band andrücktdieNeigung des Hauptesdas sich trostlos und so erhaben zu dem Sohne herabneigtoder das seinigedas toterschöpft und mit milden Zügen in ihren Armen ruht:man fühltjeder Zug ist zum ersten Male geschaffen von Michelangelound dasworin er andere nachahmte in dieser Gruppewar nur ein allgemeines Eigentumdas er benutzteweil seine Anwendung hergebracht war. Nur Handwerker undStümper reden von gestohlenen Ideen. Das geistige Eigentum besteht nicht indemwas sich einem Meister nehmen läßtsondern in demwas ihm niemandrauben kannund wenn er es selber gestatten wollte. Michelangelo wäre garnicht imstande gewesendie Gedanken anderer anzuwenden. Sie würden auf ihmgelastet habenstatt ihn zu fördern.

Unser tiefstes Mitleid wird erweckt durch den Anblick Christi. Die beidenBeine mit matten Füßen darandie über dem Knie der Mutter seitwärtsherabbaumelnder hängende Armder eingeknicktegesunkene Leibdas vom Halsehinterrücks gefallene Hauptdie Windung des ganzen Manneskörpersderdaliegtals wäre er durch den Tod wieder zum Kinde gewordendas die Mutter inihre Arme genommen hatdabei im Antlitz eine wunderbare Vermischung desalthergebrachten byzantinischen Typusin länglichen Zügen mit geteiltemBarteund der edelsten Bestandteile des jüdischen Nationalausdruckes: –Keiner vor Michelangelo wäre darauf verfallen; je öfter man das Werkbetrachtetum so rührender wird seine Schönheit; überall die reinste Naturderen Inneres und Äußeres ineinander gehen. Was vor dieser Arbeit in Italienvon Bildhauern geleistet worden isttritt in Schatten und nimmt das Ansehen vonVersuchen andenen es irgendwo fehltsei es am Gedanken oder in derAusführung: hier deckt sich beides. KünstlerWerk und Zeitumstände greifenineinander einund es entstand etwasdas vollkommen genannt zu werdenverdient. Michelangelo zählte vierundzwanzig Jahreals er seine Pietàbeendete. Er war der erste Meister in Italiender erste der Welt von nun ansagt Condivi; ja man ging soweit zu behauptensagt er weiterdaß Michelangelodie antiken Meister übertroffen habe.

Wie war es möglichdaß in einer Zeitwo die Auflösung aller politischensittlichenäußerlich und innerlich religiösen Zustände zu erwarten sindinRomdem Mittelpunkte der Verderbnisein Werk wie diese Madonna geschaffentief empfunden in ihrer Schönheitund von einem jener Kardinäle mit teuremGolde bezahlt werden konnte?

Es wurden bei dem Werke damals Fragen aufgebrachtan die heute niemanddenken würde. Man fand die Maria zu jung im Verhältnis zum Sohne. Uns stehenbeide Gestalten so fern in betreff ihres irdisch-äußerlichen Lebensdaßdergleichen heute kaum auffallen würdeden Italienern aber von damals war dieSache wichtigund es wurde darüber gestritten. Condivi wandte sich anMichelangelo selbstund dieser gab ihm die Erklärungdie wir in seineneigenen Worten niedergeschrieben finden. »Weißt du nicht«antwortete er mir(sagt Condivi)»daß keusche Frauen sich viel frischer halten als diewelchedas nicht sind? Um wieviel mehr aber eine Jungfrauwelcher sich niemals diegeringste sündhafte Begierde in die Seele verirrte! Aber noch mehrwenn einesolche Jugendblüte auf die natürlichste Weise schon in ihr erhalten bliebsomüssen wir glaubendaß die göttliche Kraft ihr noch zu Hilfe kamdamit derWelt die Jungfräulichkeit und unvergängliche Reinheit der Mutter Gottes um sodeutlicher erschiene. Nicht so notwendig war das bei dem Sohne; im Gegenteilgezeigt sollte werdenwie er in Wahrheit menschliche Gestalt annahm und allemausgesetzt warwas einem sterblichen Manne begegnen kanndie Sündeausgenommen. So war es hier nicht nötigdas göttliche Teil an ihm vor demirdischen zu bevorzugensondern er mußte in dem Alter dargestellt werdendasdem Laufe der Jahre nach ihm zukam. Deshalb darf es dir nicht wunderbarerscheinenwenn ich die heiligste Jungfrau und Mutter Gottes im Vergleich zumSohne viel jünger darstellteals die Rücksicht auf das gewöhnlicheÄlterwerden des Menschen verlangt hätteund daß ich den Sohn in seinemnatürlichen Alter ließ.«

Es ist den romanischen Völkern eigendas Reich der Religion körperlicherzu empfindenals uns möglich wäre. Bei uns fallen Religion und Sittlichkeitzusammenbei den Romanen sind es getrennte Gebiete. Das Reich Gottesdas inunserer Seele jeder Gestaltung widerstrebtist den Romanen ein über den Wolkengelegenes Reichein ideales Abbild menschlichen Treibens enthaltend. Um denThron Gottes (des sommo Giovewie ihn Dante nennt) lagern sich die Heiligen inverschiedenen Rangstufen bis hinunter zu den geringeren Seelenwie um den Papstdie Fürstender Adel und das niedrige Volk sich scharten. Die Verzückung istder Wegder dahinführt. Das Bedürfnisin diesem paradiesischen Staate einsteinen sicheren Platz zu erhaltenist jedem Romanen angeborenund die römischeReligion enthält die Lehre von seinem Wesen und von den Wegendie zu ihmhinaufleiten. So ist dem Romanen seine Unsterblichkeit in Bildern bereitsvorausgezeigt. Verhüllterwenn er sie klar bedenktsichererwenn ihn die vonder Phantasie erfüllte Sehnsucht zu ihr auf ihre Flügel nimmt. Er träumt vonGlanz und Gold und Edelsteinenzittert vor einem Meer brennenden Feuers oderbadet sich mit vorauseilender Sinnlichkeit in den Sonnenfluten der Erkenntnis.Was besitzen wir Germanen dagegen? Einsam muß da jeder seinen Weg sich selbstsuchen. Eine stille Erwartung mit der Gewißheitnichts zu wissenaber dennochkeine vergebene Hoffnung auf höheres Dasein gehegt zu habenist alleswas andie Stelle jener festenstrahlenden Bilder tritt. Das Heilige zeigt sich unsmehr in Gedanken und Tatenund Christus selberwenn wir lesenwie er aufErden umherging und lebtetritt uns dennoch nicht mit festem Antlitz und inirdischer Gestalt entgegendaß wir seine Händedie Falten seines Gewandesden Gang seiner Füße in scharfen Linien zu sehen begehrtensondern wir suchendie Gedanken zu ahnendie er hegteund begleiten ihn bis zu seinen letztenAugenblicken. Das äußerliche Bild seiner Qualen ist zu ergreifend beinahalsdaß wir seine bildliche Darstellung ertragen könnten.

Bei den Romanen tritt dies Innerliche mehr zurück. In dem Maßeals sie dasKörperliche vor Augen sehenverschwimmen ihnen die Gedanken zu allgemeinerenGefühlen. Bei uns war gerade das Entgegengesetzte der Fall. Und diese Gefühledie weniger demwas tagtäglich getan und gedacht wirdentspringensondernwie eine ewige höhere Atmosphäre über ihren Herzen schwebensind ihnennotwendig wie die Luftdie sie atmen. Auch in jenen Zeiten der höchstenVerderbnis mangelten sie nicht. Verworfen war nur die Geistlichkeitdie sichgerade am Ruder befand und die Religion repräsentierte: die Sehnsucht nach demReinenGöttlichen war immer vorhandenund das Aufhorchen von ganz Italien beider Stimme Savonarolas beweist am bestenwelch ein Drang die Gemütererfülltesich frei zu machen von der Last jener parasitischen Vertreter Gottesauf Erden und zu dem reinen Inhalte des wahren Christentums zurückzukehren.

Jaes kann behauptet werdendaß jene Zeiten befähigter waren als dieunsrigendie Gestalten und Ereignisse zu begreifenderen Zusammenhang im NeuenTestamente erzählt wird. Was gehört nicht dazuum die Verklärungauszudrücken auf dem Antlitze Christidie dem Kampfe folgteder seit achtzehnJahrhunderten die Welt zu Tränen rührt. Man spricht uns heute zuerst davon alsKindernwo wir nicht wissen könnenwas Verrat und Verlassenheitwas Lebenund Sterben bedeutet. Und auch unser folgendes Lebenselbst wenn wirSchiffbruch leidenläßt uns nie so offen gegen die Felsen anprallen. Es sindimmer nur gemischte Gefühledie uns bewegenwenige von uns werden durchpersönliches Schicksal auf die Tragödie vom Leiden Christi hingewiesendiealles erschöpftdessen unsere Phantasie an Mitleid fähig ist. Zu sterben wieder niedrigste Verbrecher zwischen Verbrechernverraten zu sein und verleugnetaus der Mitte der nächsten Freundeendlich selbst zu zweifeln und sich vonGott verlassen zu fühleneinen Moment langund in ihm den Trost entbehren zumüssender einzig treu blieb! Und das alles der Lohn wofür? Daß man stillund rein seinen Weg verfolgteden Menschen hilfreich war und keinen beleidigte.Wer geht heute durch Ereignisse hindurchdie ihn einen Abglanz wenigstensdieses furchtbaren Geschickes erleben ließen?

Solche Zeiten waren die Michelangelos aber. Nun erfüllten sich dieProphezeiungendie Savonarola über sich selbst getan. Er hatte mehr als einmalverkündetdaß seine Laufbahn ihm den Tod bringen müsse. Schritt für Schrittnäherte er sich diesem Ausgangbis er eintraf Und in Romwo man dieNachrichten aus Florenz täglich und in den genauesten Einzelheiten erfuhrwaren sie daswas unaufhörlich die Gedanken Michelangelos erfüllen mußtewährend er an seiner Pietà beschäftigt war.

Das Jahr 96in dem er Florenz verließwar noch ein ruhiges gewesen imVergleich zu dem folgenden. Die Piagnonendiesen Namen führte die ParteiSavonarolashatten das Übergewichtund weder die Pest und Hungersnot in derStadt noch der Krieg mit Pisa oder die Drohungen des italienischen Bundesvermochten sie irre zu machen. Sie hofften auf Frankreichwo man zu einem neuenFeldzuge rüstete. Auch die Herkunft des römischen Königs erschütterte sienicht.

Der italienische Feldzug Maximilians entsprang einer der romantischen Ideenwelche diesen Fürsten zu Unternehmungen veranlaßtenaus denen nichts wurde.Er hatte Lodovico Sforza als Herzog von Mailand anerkannt und belehntnachdemder junge Viscontian dessen Leben der Besitz hingendlich zugrunde gegangenwar. Lodovicoder auf alle Weise Pisa wiederzugewinnen suchte und sich gegendie Venezianerdie denselben Zweck verfolgtenbeide einstweilen vereint gegenFlorenznicht stark genug fühltewollte Max in seinem Interesse benutzen undwußte ihm klar zu machendaß ein Zug nach Italien die großartigsten Folgenhaben müßte. Pisa und Florenz wären alte kaiserliche Lehen; käme ersowürde er zu entscheiden haben. Die Verbündeten würden sich natürlicherweiseseinem Worte unterordnen und auch Florenz sich ihm fügenund soindem erdurch die Schlichtung der wichtigsten Streitigkeit seine eigene Autoritätstärkeverhelfe er ihmseinem treuesten Bundesgenossenzum Besitze Pisasdas in anderen Händen nur ein Machtzuwachs seiner Feinde sei. Max hatte wederGeld noch Truppenbeides stellte ihm Lodovico in Aussicht. So erschien er dannund segelte von Genua auf Livorno losdas die Florentiner hielten. Der Erfolgentsprach seinen Erwartungen nicht. Die Venezianerstatt sich zu fügenschickten frische Truppen nach Pisadie Florentiner wiesen ihn absolut zurückund er mußtewie er gekommen warnach Deutschland wieder abziehen.

Als man aber in Florenz erfuhrdaß des Königs von Frankreich neuerKriegszug sich ins Ungewisse hinauszieheals die Getreideschiffe derflorentinischen Kaufleutedie aus der Provence anlangtendicht vor Livornoweggefangen oder zurückgescheucht wurden und die Pest zunahmtraten dieParteien immer schärfer sich entgegen. Es gab deren drei in der Stadt: dieFreunde der Medicidie Feinde Savonarolasund seine Anhänger. Die ersterennach dem Wappen der Medicidas aus einer Anzahl KugelnpallebestanddiePallesken genannt. Die Gegner Savonarolasdie Arrabiatidas heißt dieWütendener selbst hatte ihnen den Namen gegeben. Die Piagnonen aberüberboten beide. Ihre Prozessionen erfüllten die Stadtihre Gebete und diePredigten ihres Führers waren die Hauptwaffenmit denen sie siegten. Er aberherrschteund alles befestigte nur seine Macht und sein Ansehen. Als dieAnerbietungen des italienischen Bundes immer lockender und die Aussicht auf dasKommen der französischen Armee immer unsicherer wurdenhielt er an derHoffnung fest und bestand auf seinem Willen. Mitten in der Hungersnotdie dieStadt und Umgegend überdecktedaß die Landleute in Scharen hereinkamen undhalbtot vor Erschöpfung in den Straßen lagenorganisierte er dieWohltätigkeit der Seinigen. Die Karnevalsumzügewo die Kinder mitBlumenkränzenin weißen Kleidern und mit roten Kreuzen in den Händen Gabensammeltenschlossen mit einer Verteilung an die verschämten Armen. Einmalalsdie Not am größten warim Jahre 96ließ er eine ungeheure Prozessionveranstaltenund geradeals alle Straßen voll von Menschen sindkommt einKurier durch das Tor gesprengt mit der Nachrichtdaß eins der erwartetenGetreideschiffe angelangt sei. Es hat etwas Rührendes zu lesenwie der Reitereinen grünen Zweig hoch in der Hand haltenddurch das begeisterte Gedrängesich durcharbeitet über die Arnobrücke das Ufer entlang zum Palaste derRegierung. Solche augenscheinliche Wunder erhöhten die Macht Savonarolas insUnbegrenzte. Es findet sich aber keine Spurdaß er sie mißbraucht hätte.

Zu Weihnachten 1496 versammelte er mehr als dreizehnhundert Knaben undMädchen bis zu achtzehn Jahren in Santa Maria del Fiore und ließ siekommunizieren. Die Frömmigkeit der Kinder mitten in der drohenden Zeit rührtedas Volkdas sie umgabsodaß es in laute Tränen ausbrach. Der Karneval 97brachte eine Wiederholung der geistlichen Spiele des vorigen Jahres. Abermalseine Pyramideaus Gegenständen der Verdammnis aufgebaut in lichten Flammen undeine Segnung der Häuseraus denen man dazu beigesteuertabermals TänzeAbsingen geistlicher Lieder und das Geschrei: viva Cristo il rè di Firenze!viva Maria la regina! Zu Zeiten aber wurde dies Geschrei Savonarola selber zuvielund er warnte von der Kanzel gegen den Mißbrauch der heiligen Worte.

Die Begeisterungdie er erregtehatte ihre ziemlich nüchternen Seiten.Wenn wir von den Tänzen hören und die Lieder ansehendie zu diesen Festen derhöheren Tollheitmaggior pazziawie er es selber nanntegedichtet wurdenwenn wir uns vorstellenwie Jung und Alt dahineingezogen wardwie er dieKinder gegen ihre unfrommen Eltern aufhetztesie zu einer öffentlichenSittenwache gestaltetedaß sie die Leute auf der Straße anreden und in dieHäuser eindringen durftenwie Gebet und Gesang das Leben des Tagesunaufhörlich unterbrechenso scheint alles auf den Kopf gestellt und dieHerrschaft krankhafter Ideen durchgeführtderen Steigerung zur Verrücktheitführen muß; genauer betrachtet aber stellen sich die Dinge anders dar. DieGrundlage seiner Lehre ist keine puritanische Moralsondern die Bekämpfung desLasters und Aufrechthaltung der öffentlichen Sittlichkeitwie sie etwa heutebei uns überall ohne Widerspruch durchgeführt wird. Nirgends verlangt erAußerordentliches von den Leutenaber freilich war das öffentliche Leben derArtdaß den Florentinern Beschränkungendie uns natürlich erscheinenunerträglich dünkten. Seine Anweisungenwie man den Tag zu beginnen und seineGeschäfte zu betreiben habewie man im Hause und auf der Straße auf denAnstand achten sollesind kaum der Rede wert; wo sie seltsam erscheinenliegtdies mehr in den allgemeinen Sitten der Zeit als darindaß unerhörte neueDinge von ihm ersonnen werden. Nirgends tritt er kategorisch befehlend aufsondern die Abscheulichkeit der Laster und der übermäßigen Leidenschaftenerklärt er logisch aus sich selbst. Nirgends gibt er pedantische Normensondern appelliert an die eigene Einsicht der Zuhörer. Er wettert gegen seineFeinde und fordert aufsich gegen sie zu kehren wie er selber tueaber esläßt sich kein Wort nachweisenwomit er zur Gewalt gegen sie aufgereizt. Jaes geht aus seinen Predigten hervordaß er auch in den Zeitenwo er wirklichalles vermochtekeinen Zwang ausübte. Wenn er ehrbare Frauen immer wiederermahntsich züchtig anzuziehen und auf der Straße den Dirnen und Kurtisanennicht aus dem Wege zu weichensondern sie stolz und furchtlos zur Seite zudrängenso sieht man schon darauswie wenig er die Üppigkeit in Florenz zuüberwältigen vermochtedenn diese Aufforderung finden wir ununterbrochen inseinen Predigtenein Zeichendaß die Dirnen sich nicht abhalten ließenaufden Straßen eine Rolle zu spielen.

So auch der Kampf der Parteien gegeneinanderder im Consiglio grandeunablässig auf- und abwogte. Er zeigtwie frei man sich bewegte und wievorsichtig die Piagnonen trotz ihrer Übermacht sich von einem feindlichenZusammenstoße zurückhielten. Sogar die Tänze haben etwas Natürliches. Es wareine alte Vorstellungsich die ewige Seligkeit als einen Tanz zu denken.Fiesole malt die Freuden des Paradieses in Gestalt von Tänzen der Engeldieabwechselnd mit frommen Mönchen Hand in Hand lange Ketten bilden und singendemporschweben. Dies war die Idee der Aufzügezu denen Savonarola in den Sittender Stadt eine Aufforderung fand. Wenn er in früherenstilleren Zeiten alsPrior seines Klosters mit den Mönchen hinaus ins Freie gezogen war und sie imWalde sitzend zuerst über theologische Dinge gelehrter Weise disputiert undseine Worte gehört hattenließ er sie nach beendigten Übungen einen Tanzausführen. Endlich die gesungenen Lieder mit ihren seltsamen Worten dürfennicht nach gemeinem Sinne genommen werdensie hegen einen tieferen mystischenInhaltwie er gleichfalls den damaligen theologischen Anschauungen natürlichwar.

Gerade diese Zurückhaltung der Piagnonen machte den Arrabiaten eine immerwirksamere Opposition möglich. Man arbeitete von Florenz aus in Rom darauf hinSavonarola das Handwerk legen zu lassen. Ende 96 war die dritte Ermahnung vomPapste eingetroffensich des Predigens zu enthalten. Savonarola hatte sieschriftlich beantwortet und sich eine Zeitlang still gehaltendann aber aufBitten der florentinischen Regierung trotz dem Papste die Kanzel aufs neuebestiegen. Vielleicht hätte er die Sache durchsetzen könnendenn man fühltein Rom zu tief die Notwendigkeit einer Reform und wollte zugleich dieFlorentiner durch Nachgeben herüberziehen. Wir haben einen Brief Michelangelosan seinen Bruder Buonarrotoder die gerade in jenen Tagen in Rom herrschendeStimmung beschreibt. Alle Welt spreche dort von Savonarola und erkläre ihn füreinen stinkenden Ketzer. Am besten würde seinwenn er in Person erscheinen undals Prophet auftreten wolle: man werde ihn dann zum Heiligen machen. Freilichschimpfe Fra Mariano auf ihnund es seien neulich erst fünf Ketzer gehangenwordenaber er möge nur den Mut nicht verlieren. Aus dem Schreiben klingtrecht herausdaß die Anhänger Savonarolas damals noch obenauf waren und denMut nicht verloren hatten. Savonarola aber tat jetzt nach anderer Seite hinetwas Entscheidendes. Er begann sich tiefer in die Verfassungsverhältnisse derStadt einzumischenseine Partei beging Fehler auf diesem Gebiete und trugselber zu seinem Sturze bei.

Die Vereinigung der Arrabiaten und Pallesken war allmählich eine sovollständige gewordendaß sie im Consiglio grande die Majorität bildeten.Aus dem Schoße des Consiglio aber wurden die Staatsämter besetztund dieMajorität gab den Ausschlag. Bisher hatten die Pallesken mit den Piagnonenzusammengestimmtweil sie unter einer Signorie von Piagnonen besser für dieMedici wühlen konnten als unter den Arrabiatendie sich energisch nach beidenSeiten hin kehrten und die Freiheit ohne Savonarolaaber auch ohne die Mediciverlangten. Die Piagnonen dagegen mußten zum Danke für die geleistete Hilfestets einige von den Pallesken in die Signorie hineinlassenund hierauf hattePiero dei Medici seine Pläne gebaut.

Die Piagnonen wußten das. Sie wollten nun keine Pallesken mehr in derSignorie haben. Die Arrabiatenderen Wut gegen Savonarola täglich wuchsmachten den Pallesken Konzessionenund so kam es zu gemeinschaftlichem Handelnder beiden gegen das Zentrum.

Die Piagnonen sahen sich in der Minorität und sannen daraufsich zuverstärken. Francesco Valorider für Januar und Februar 97 Gonfalonier warsetzte eine Verfassungsänderung durchdie seiner Partei das verloreneÜbergewicht einbringen sollte. Valori stand in so enger Verbindung mitSavonaroladaß anzunehmen istvon diesem sei der Plan erdacht oder wenigstensgutgeheißen worden.

Bisher war ein Alter von dreißig Jahren erforderlich gewesenum Eintritt indas Consiglio zu erlangen. Von jetzt ab sollte das zurückgelegtevierundzwanzigste genügen. Savonarola zählt auf die begeisterte Jugendaufdie jungen Männerwelche ihn als Kinder gehörtund auf die Kinderwelcheihn noch hörten und rasch heranwuchsen.

Um den Vorschlag durchzubringenhatten sich die Pallesken noch einmal zurVerbindung mit den Piagnonen bereitfinden lassenverlangten dafür abersichin die Signorie für März und April in bedeutendem Maße gewählt zu sehen. Siehatten ihre geheimen Pläne. Die Hungersnot hielt die Stadt in Aufregung; am 10.März wurde der Markt vom gemeinen Volk gestürmt; die Massen waren den Mediciimmer günstig gewesenund die Pallesken taten das ihrigeum das Andenken andie altenmilden Herren nicht einschlafen zu lassen.

Um ja nicht den mindesten Verdacht zu erregenbefürwortete die Regierungdem Papste gegenüber die Sache Savonarolas. Im stillen verhandelten sie mitPiero. Geheime Boten gingen hin und her mit Briefen. Es wurde festgesetztwenner vor der Stadt eintreffen sollewenn er die Tore offen finden würde. DieOrsini hatten die nötigen Truppen aufgebracht. An einem Festtagewennjedermann auf dem Lande wäresollte der Überfall ausgeführt werden. Am 28.April geschah es. Piero erschien mit seinen Reitern vor dem Tore San Piero diGattolini; sperrweit standen die Flügel offenund er konnte die Straßeentlang bis tief in die Stadt sehendie niemand verteidigte. Vier Stunden aberstand er so und wagte sie nicht zu betretendenn keine Seele regte sich zuseinen Gunsten.

Derweilen hatte man drinnen Zeit gehabtsich zu fassen. Die Signorie warschon vorher verdächtig erschienenjetzt hielt man die Herren im Palaste festschloß die Tore der Stadt und fuhr Kanonen auf. Piero machte kehrt mit seinenReitern und kam abends in Siena wieder anwie er früh morgens ausgeritten war.Gegen die Signoren hatte man in Florenz keine Beweise in der Hand. Ihre Amtszeitwar abgelaufensie traten ab und die gesetzlichen Nachfolger an ihre Stelle.Diesmal aber waren es die Arrabiatendie ans Ruder kamen!

Valoris Maßregel war schuld daran. Die neuen jugendlichen Mitglieder desConsiglio hatten zum ersten Male mitgestimmt. Statt jedoch für Savonarolaentflammt zu seinoffenbarten sie eine ganz andere Gesinnung. Junge Männersind keine Kinder mehr. Bis dahin hatten sie die Abbestellung des altenfröhlichen Lebens still ertragen müssenjetzt besaßen sie StimmeMacht undEinflußund indem sie mit klingendem Spiel in das feindliche Lager einzogenbewirkten siedaß mit einem Male die Situation umschlugund während von denfrüheren Regierungen alles für Savonarola geschehen warnun nichts versäumtwurdewodurch man ihn unterdrücken zu können vermeinte. Pasquille undSportgedichte gegen ihn tauchten auf. In Romwo der florentinische Gesandtebisher auf das künstlichste die beabsichtigte Exkommunikation aufzuhaltengewußt hattetrafen plötzlich entgegengesetzt lautende Instruktionen ein. FraMariano da Genazzanoder einst in Lorenzos Auftrage gegen Savonarola gepredigthatte und kürzlich aus Florenz verwiesen worden warweil er den verunglücktenAufstand zu Gunsten Pieros vorbereiten halfdrängte im Vatikan zuentscheidenden Maßregeln. Die Franziskaner- und Augustinermönche in Florenzdie alten Feinde der Dominikanererhoben sich mit ungewohnter Kühnheitundbald kam es so weit in der Stadtdaß Savonarolas persönliche Sicherheitgefährdet schien.

Unter den vornehmenjüngeren Leuten der Florentiner Bürgerschaft bildetesich eine Verbindungdie Genossengli compagnaccigenannt. Ihr Zweck wardenalten Florentiner Straßenunfug wieder herzustellen. Am 1. Mai war die neueSignorie eingetretenund am dritten bereitsals Savonarola im Dome predigtekam es durch die Compagnacci zu öffentlichem Skandal. Er wollte die Kanzelbesteigen und fand sie mit einer Eselshaut behangen und mit Unrat beschmutzt.Man entfernte dasdie Predigt begannmittendrin brach ein höllischer Lärmaus; Savonarola mußte aufhören. Umgeben von seinen Anhängerndie bewaffnetmit ihm zogenkehrte er nach San Marco zurückund in derselben imponierendenBegleitung erschien er tags darauf im Dome wiederwo diesmal die Ruhe nichtgestört wurde.

Am 12. Mai unterzeichnete Alexander Borgia die Exkommunikation. Die Nachsichtsei erschöpftSavonarolas Ausstoßung solle öffentlich bekannt gemacht undihm das Predigen mit Gewalt unmöglich gemacht werden. Aber der Kommissar desPapstes wagte es nichtdie Exkommunikation persönlich nach Florenz zu bringen;von Siena aus ließ er sie der Signorie einhändigendie sie gleichfallsöffentlich anzuschlagen nicht den Mut besaß. Sie entschuldigte sich damitdaß man sie ihr nicht direktsondern durch zweite Hand habe zukommen lassen.Dagegen erklärten die Augustiner und Franziskanersie würden sich an dergroßen Prozession des Sankt Johannisfestes nicht beteiligenwenn dieDominikaner zugelassen würden. Man deutete deshalb diesen ansich an jenemTage zu Hause zu halten.

Savonarola abernachdem der Schlag endlich gefallen warfühlte sich nunaller Fesseln frei und ledig. Auf die Bannbulle des Papstes erließ er eineAntwortworin er Fra Marianoden geistigen Urheber dieses Verdammungsbriefesals einen Menschen darstelltder gegen den Papst selber die schändlichstenDinge aussagt und verräterisch gegen ihn gehandelt habe. In einem offenenBriefeder an alle Christen gerichtet istverwahrt er sich gegen den Vorwurfketzerische Dinge gepredigt und dem Papste und der Kirche den Gehorsamverweigert zu haben. Die Exkommunikation sei ungültig. Nur dann dürfe manseinen Oberen gehorchenwenn ihre Befehle nicht gegen Gottes Wort verstoßen.

Damit aber sagte er sich allerdings vom Gehorsam los. Um jedoch den Beweisdafür zu gebenwie notwendig seine Handlungsweise seidonnerte er nun gegendie Laster Roms mit einer Schärfe und Offenherzigkeitgegen die seinefrüheren Predigten nur verblümte Andeutungen erscheinen. Und ihm zur Seiteversuchten seine literarischen Freunde die Kompetenz des Papstes in Frage zustellen.

Mai und Juni gingen hin. Die Arrabiaten hatten trotz ihrer Energie nichtsEntscheidendes bewirken können. Die Pallesken lösten sich wieder los von ihnenund schufen vereinigt mit den Piagnonen für Juli und August eine Signoriediesogleich alles rückgängig machtewas die Arrabiaten vor sich gebracht. In Romwurde das Unmögliche aufgeboteneine Rücknahme der Kirchenstrafe zu erwirken.Einflußreiche Kardinäle verwandten sich in diesem Sinne. Die Dominikaner vonSan Marco verfaßten eine Verteidigungsschriftdie mit einer langen Listebeistimmender Unterschriften versehen nach Rom abging.

Borgia aber hatte seine eigene Methode. Er bestand daraufSavonarola sollesich persönlich stellen. Entschuldige er sich hinreichendso werde er ihn mitseinem Segen entlassen; werde er schuldig befundenso wolle er ihn gerechtaber barmherzig bestrafen. Jedermann aber wußtewas Segen und Barmherzigkeithier zu bedeuten hatten. Einfacher war das Mitteldas der Kardinal Piccolominivorschlug. Fünftausend Goldgulden würden den Papst umstimmenmeinte er. DieSumme hätte sich leicht aufbringen lassen. Savonarola schlug das auswie erfrüher den Kardinalshut ausgeschlagenmit dem sein Stillschweigen erkauftwerden sollte.

So unterhandelte man zwischen Rom und Florenzals hier plötzlichGeheimnisse zutage kamenwelche den Streit der Parteien zur Wut aufstachelten.Die Verschwörungdurch welche Piero im April sich der Stadt hatte bemächtigenwollenwurde entdeckt. Es stellte sich herausdaß die Signorie für März undApril den Umsturz der Dinge vorbereitet hatteund das Ärgstedaß für MitteAugust eine neue Erhebung zugunsten der Medici in Vorbereitung war.

Fünf Männer von den ersten Familiendarunter der ehemalige Gonfalonierwurden eingezogen und nach rascher Verhandlung zum Tode verurteilt. Der Plan lagoffen dadie Schuld war nicht abzuleugnen. Alles wurde verratennicht nur derverabredete Tagsondern die Liste der Familienderen Häuser und Paläste derZerstörung des niederen Volkes preisgegeben werden sollten. Noch mehrzwei vonden VerurteiltenGianozzo Pucci und Lorenzo Tornabuonidie bis dahin als diegläubigsten Anhänger Savonarolas aufgetreten warenhattenwie nun zumVorschein kamdiese Maske angenommenum sich in die Beratungen der Piagnoneneinzudrängen und ihre Geheimnisse zu besitzen. Denen war zumuteals hättensie auf einem Vulkan geruht. Um sich zu rächenbrauchten sie nur Gerechtigkeitfordern.

Aber den Verurteilten stand ein Ausweg offen: die Appellation an dasConsiglio grande. Valori hatte diese Berufung selbst eingeführt. Jetzt trat zumzweiten Male der Fall eindaß Institutedie seine Partei zu ihren eigenenGunsten gemacht hattevon entgegengesetzter Wirkung waren. Die TornabuoniPucciCambiRidolfi gehörten zu den ersten Häusern der Stadt und konnten aufihren Anhang im Volke rechnen. Bernardo del Neroder hochverrätischeGonfalonierein ehrwürdigerdie aus alter Freundschaft und Dankbarkeiterwachsene Anhänglichkeit an die Medici ausgenommenrein und unbescholtendastehender Mann von fünfundsiebzig Jahrenhatte nicht vergebens das Mitleidder Bürger angesprochenzu welcher Partei sie auch gehören mochten.

Die Signorie war in der schwierigsten Lage. Die Freisprechung der Angeklagtendurch das Consiglio grande hätte die Piagnonen dahin gebrachtsich in Waffenzu erhebenum die Rache zu vollziehenwelche die Regierung verweigerte. DieAppellation aber nicht zu gestattenwar gegen das Gesetz. In Romin Mailandin Frankreich boten die Medici alle Kräfte aufum ein Interesse für die Opferihrer Politik heraufzubeschwören. Francesco Valori jedoch machte jedenRettungsversuch zunichte. Sein Haus war unter denen gewesendie gestürmt undgeplündert werden sollten. Giovio behauptetder brennende Haß dieses Mannesgegen Bernardo del Nero habe den Ausschlag gegeben. Die übrigen vier wärenseine Freunde gewesenaber um diesen einen zu treffenhabe er sie mitgeopfert.Nach den heftigsten Szenen im Schoße der Regierung gab diese die Erklärung abdaß die höhere Rücksicht auf das Wohl des Staates die Suspension des Gesetzesfür den vorliegenden Fall notwendig macheund die Fünfe wurden vom Leben zumTode gebracht.

Ob Savonarola diese Tat herbeiführte oder ob er sie verhindern konnteseinen Einfluß jedoch geltend zu machen unterließist nicht festzustellen.Sicher ist nurdaß man schwankte und daß Valoris Energie den Ausschlag gab.Erals eifrigster Anhänger Savonarolaswälzt auf diesen eine höhereVerantwortung. Es liegt das in der Natur der Sache und so wurde geurteilt.Savonarola erschien als der Urheber des Entschlussesund seine Schuld strahltezurück über die Sekte der Piagnonen. Sie hatten das Gesetz gemachtsie esumgangen. Es gab keine schwerere Anklage in dem auf Beobachtung der Gesetze sopeinlich gerichteten Kaufmannsstaate. Ein Vorwurf ließ sich erheben von nun ander nicht zurückzuweisen war. Mochten die Verhältnisse noch so zwingendgewesen seindas Gesetz war mißachtet worden. Von diesem Momente ansagtMachiavelliging es abwärts mit Savonarola.

Dennoch blieb die Regierung bis zum März 98 im Besitze seiner Anhänger. ZuRom dieselben Verhältnisse. Der Papst verlangt persönliches ErscheinenSavonarola antwortet mit Briefen und Büchern. Die Geistlichkeit von Santa Mariadel Fioreder Erzbischof voranwollen nicht duldendaß ein Exkommunizierterihre Kanzel besteigedie Regierung beseitigt ihren Widerspruch. Der Andrang desVolkes war ungeheuerwenn Savonarola predigte. Der Karneval wurde zum drittenMale nach dem Ritus gefeiertden er vorgeschriebenniemals erschien die Machtdes Mannes so groß als in diesen Tagenund doch standen die so nahe bevordiedie letzten seines Wirkens und seines Lebens werden sollten.

VI

Ich findewo von Savonarola die Rede istseinen Untergang zu sehr als dasResultat der Bemühungen seiner Feinde und des päpstlichen Zornes dargestellt.Die zwingendste Ursache seines Falles war das Erlöschen seiner persönlichenGewalt. Das Volk ermüdete. Er mußte stärker und stärker auf die Geistereinwirken. Es gelang eine Zeitlangdie einschlafende Begeisterung wiederemporzureizen. Aber während sie nach außen hin sogar zu wachsen schienzehrtesie doch von ihren letzten Kräften. Savonarola kam auf den Punktwo erübermenschlich stark hätte sein müssenum sich ferner zu behaupten.

Die großen Familien der Stadt gehörten von Anfang an zu den Anhängern derMedici oder doch zu Savonarolas systematischen Gegnernden Arrabiaten; nurwenige hielten sich zu den Piagnonensolchedie ebensosehr der Ehrgeiz als dieinnige Überzeugung auf Savonarolas Seite stellten. Seit der Einführung desConsiglio grandein welchem jeder Bürgerarm oder reichseine eine Stimmehatteempfand der Adel tagtäglichwieviel er bei der Neugestaltung desStaates verloren. Niedrige PersönlichkeitenHandwerkerdie aus ihrerWerkstatt kamengelangten durch die Stimmenmehrheit ihrer Partei zu denhöchsten Staatsämtern. Die Strengemit welcher die Luxusgesetze durchgeführtwurdenerschien wie eine Rache der weniger Begüterten gegen die Reichen.Diesen Anschein einer Rache nahm auch die Hinrichtung der fünf Verschworenenan: es sollte auf eklatante Weise gezeigt werdendaß sie durch ihren Rang undihr Vermögen nicht geschützt seien. Immer mehr mischten sich solche Gefühlemit der zuerst rein religiösen Begeisterung. Man war für Savonarolaaber manwar auch für Valori und für die anderendie neben ihm von oben herab dieMenge leiteten. Und so hatten also doch wieder einige wenige vornehme Familiendurch Savonarola die Führung des Staates usurpiert und die geringeren nach sichgezogen.

Nach außen hin kam man nicht vorwärts. Pisa blieb verloren; Karl der Achtekehrte nicht zurück; mit dem Papste war kein Übereinkommen zu treffen.Hungersnot und Pest hatten die Stadt stark angegriffender Handel konnte diedauernde Unsicherheit nicht länger tragen. Es zogen sich die Wolken zusammengegen Savonarola wie gegen Piero einstund das Gefühl machte sich geltenddaß der allgemeine Zustand nicht der richtige sei.

Savonarola überblickte die Lage der Dinge. Er hatte seinen Untergangvorausgewußt und verkündetaber er war nicht willensohne Kampf zu weichen.Die Opposition in Florenz konnte er bewältigenseine Feinde im Vatikan aberblieben unverwundbarsolange der Papst nicht selber beiseite geschafft wordenwar; ihn mußte er treffen. In energischen Sendschreiben an die höchstenFürsten der Christenheit: den Kaiser und die Könige von EnglandSpanien undFrankreich forderte ermit Berufung auf die anerkannte Verworfenheit Borgiasund die Notwendigkeit einer Reform des Kirchenregimentesdie Konstituierungeines Konzilsauf welchem der Papst gerichtet und abgesetzt würde. Einendieser Briefeden an Karl den Achten gerichtetenfing Lodovico Sforza auf undließ ihn in den Vatikan gelangen.

Die scharfen Predigten Savonarolas hatten dem Papst keine Unruhe verursachtbis dahin. Borgia kümmerte sich wenig darumseine Taten zu verbergenoder umdaswas darüber geurteilt wurde. Großartigere Dinge hatte er im Sinne als denStreit mit diesem Prior von San Marco. Ein Konzil aber war die wunde Stelleseiner Machtdas einzige was die Päpste fürchteten. Denn die Anschauungbehauptete sich damals noch als die herrschendedaß die versammeltenKardinäle den Papst zur Verantwortung ziehen und absetzen könnten.

Alexander forderte die Regierung von Florenz kategorisch aufSavonarola dasPredigen zu untersagen und ihn nach Rom auszuliefern. Keiner schriftlichenRechtfertigungsondern tatsächlichem Gehorsam sehe er entgegen. Er werde dieStadt mit dem Interdikt belegen im Weigerungsfalle. Savonarola predigte vonjetzt an im Dome nicht weiterin der Kirche seines Klosters aber um soheftiger. Dies geschah in den ersten Tagen des März 98. Er drang von der Kanzelherab auf die Berufung des Konzils. Wütend erließ der Papst eine erneuerteAufforderung nach Florenzer werde es die florentinischen Kaufleute in Rombüßen lassen! – aber die neue Signorieobgleich ihrer Majorität nach ausArrabiaten gebildetwagte nicht sogleich einzuschreiten. Nach stürmischenBeratungen wurde Savonarola dann aber dennoch auch das Predigen im Klosterverboten. Mehr wagte man nicht gegen ihn. Am 18. März predigte er zum letztenMaleund indem er dem Papsteder römischen Wirtschaft und den Florentinerndas Eintreffen göttlicher Strafen voraussagtenahm erbewegt zu gleicher Zeitvon der Ahnung seines baldigen UntergangesAbschied von der Gemeinde.

Liest man diese letzten Predigtenso kann man nicht andersals den Mannbewundernder inmitten einer Wüste unklarer Leidenschaften die reine Straßeseiner Überzeugungen wandelnd sich freiwillig zum Opfer für seine Lehrenhingibt. Er hätte noch immer das Volk zur Wut bringen und einen Kampfheraufbeschwören könnendessen Ausgang zweifelhaft gewesen wäre. Doch erverschmähte andere Waffen als diewelche in der Seele des Menschen liegen. Erwollte nur aussprechenwas ihm klar vorstand. Mochte dann daraus werdenwasgut war. Immer blieben seine politischen Ansichten deutlich und einfach. Intrigeund Eigennutz kannte er nicht. Seinen Bruderder durch seine FürspracheKarriere zu machen wünschtewies er ab. Die einfachste Lebensart führte er.Ein Ton der Wahrhaftigkeit klingt aus seinen Wortenderen herzgewinnende Machtheute noch auf traurig seltsame Weise anlockt und versöhnend das Widerstrebendas wir empfindenin Bedauern auflöst.

Man begreift die Täuschung so sehrder er sich hingab. Zuerst begeisterteer das Volkdas er mit der Ahnung eines edleren Daseins erfüllte. Er vergaßdaß die menschliche Natur nur zu vorübergehenden Augenblicken des Aufschwungesbefähigt istdaß diese Momente sich vielleicht verlängern und einige Zeitfesthalten lassen – er aber wollte ihr plötzliches Aufflammen in dauerndeGluten verwandelner schürteer goß den Florentinern sein eigenes Feuer indie Aderndas ihn selber doch verzehrteer schuf einen Fanatismusden erbetrogen durch seine Kraft und Beständigkeitfür das wirkliche Eintreten derreineren Natur hielt. Und da endlichwo er selber ermattend sich auf dieseStärke stützen wolltemußte er gewahrendaß er allein und einzig die Kraftgewesen und daß das Echo nicht selber eine Stimme geworden wardie fortsprachals seine eigenen Worte verstummten. Sein beobachtender Geist war zu klaralsdaß ihm nicht immer eine Ahnung dieses Endes der Dinge geblieben wäreseinunerbittlich scharfer Blick ließ es ihn jetzt sogleich gewahren. Deshalb redeter von seinem Untergange mit solcher Gewißheit und schreibt zu Ende seinesBriefes an den Papstder noch in vollem Selbstgefühl und zu einer Zeitverfaßt worden istwo er nichts zu befürchten Grund hattedaß er mitinniger Sehnsucht den Tod erwarte.

Die Signorie erachtete sich nach Savonarolas freiwilliger Resignationweiterer Schritte überhoben. Sie ließ dem Papste durch ihren Gesandtennotifizierendaß seinen Wünschen gemäß verfahren worden seiund manberuhigte sich dabei für den Augenblick. Allein jetzt begann in Florenz undinnerhalb der Partei der Piagnonen selber aus dem Samenden Savonarolagestreuteine Saat zu wachsendie das Gift trugdas ihn tötete.

Er hatte sich nie für einen Propheten ausgegebenwohl aber alsauserwähltes Werkzeug Gottes hingestelltdurch welches die Zukunft verkündetwürde. Er lehnte eigentlich nur den Namen eines Propheten abum nichtdes Hochmutes bezichtigt zu werdenals wolle er sich den Propheten des AltenTestamentes anreihen. In seinen Predigten redete er einzelne anals durchschaueer ihre Seele ganz und garvon Wundern hatte er gesprochendurch welche dieStadt errettet werden würdeVisionen hatte er mitgeteiltdie ihm den WillenGottes offenbartenund die Idee nicht zurückgewiesendaß durch ihn selbstWunder geschehen könnten.

Daran glaubten die Piagnonen wie an eine unumstößliche Wahrheit. Sievertrauten auf die Macht seiner Persönlichkeit. Als Piero damals vor der Stadterschienen wardie unverteidigt offenstandund man mit der Nachricht zuSavonarola stürzteantwortete er ruhigsie brauchten die Tore Pieros wegennicht zu schließendieser werde die Stadt dennoch nicht zu betreten wagen. UndMedici hatte kehrt gemacht nach Siena! Dem Volke war Savonarola als der Prophetder Zaubererder Heiligeder Manndem Gott die Verfassung der Stadt offenbarthatteder alles wußtealles konnteund dem keine Gewalt etwas anzuhabenvermochte. Seine Feinde aber hielten ihn für einen Betrügerder dem Volkediesen Aberglauben mit Schlauheit aufzudrängen verstand.

Nun aber liegt es in der Natur der großen Mengedaß sie von Zeit zu Zeitglänzende Beweise von der Machtfülle des Mannes zu sehen verlangtden siefür so mächtig hält. Savonarola hatte die Ankunft der Franzosen vorausgesagthatte das Eintreffen von Getreideschiffen während der Hungersnot vorherverkündethatte manches gesagt und gewußtwas derden es betraffür seininnerstes Geheimnis hieltaber das war allmählich alt geworden und manbegehrte frische Taten. Man verlangte etwasworan man sich von neuem berauschenkönntedessen bloße Erwähnung alles zu Boden schlügewas SavonarolasFeinde vorbrachten. Die Signorie hatte ihm das Predigen untersagt und er sichzurückgezogen. Man hegte die Erwartunger werde mit einer ungeheuren Tatplötzlich neu hervortreten undwie so oft geschehenglänzend triumphierenüber seine Gegner.

So dachte man während der Fastenzeit 98als Domenico da Pesciaseintreuester Anhänger und Genossestatt seiner in San Marco predigtewährend inden übrigen Kirchen die anders gesinnte Geistlichkeit laut gegen ihn die Stimmeerhob. Ein Franziskanerder in Santa Croce predigteFrancesco da Pugliaforderte Savonarola herausdurch ein Wunder die Echtheit seiner Lehre zubeweisen. Auf der Stelle entgegnete Domenicoer wolle durchs Feuer gehen fürSavonarola. Das Worteinmal ausgesprochengreift dämonisch um sichund baldwar die Sache so gedrehtdaß Savonarola selber durch die Flammen schreitenwerde; seine Freunde drängten ebensosehr als seine Gegnerund so gewiß warendie Piagnonen ihrer Sachedaß alle die dreihundert Mönche von San Marco nebsteiner Anzahl von NonnenMännernFrauen und Kindern in Gemeinschaft mit ihmdie Probe zu bestehen begehrten.

Die Signorie nahm die Angelegenheit in die Hand. Es wurde angefragt beiSavonarola. Er lehnte die Probe abgedrängt aber von Freunden wohl noch mehrals von der Gegenparteierklärte er sich endlich bereit. Ein Scheiterhaufensollte auf der Piazza errichtet werden und von der einen Seite Savonarolavonder anderen der Franziskanerder seine Person gegen ihn einsetzen wollteindie Flammen steigen.

Die Sätzefür die Savonarola so mit seinem Leben einstandwaren folgende:»Die Kirche bedarf der Umgestaltung und Erneuung. – Die Kirche wird von Gottgezüchtigt werden. – Danach wird sie umgestalteterneuet und blühendwerden. – Die Ungläubigen dann bekehrt werden. – Florenz wird gezüchtigtwerdensich dann erneuen und frisch aufblühen. – Alles dies in unserenTagen. – Die verhängte Exkommunikation ist ungültig. – Wer sich nicht ansie kehrtsündigt nicht.« – Wichtig war nun der letzte Satz als eineVerneinung der päpstlichen Macht in einem besonderen Falleder aber doch füralle Fälle gelten konnte.

Savonarola ahnte nichtals er am 7. April auf der Piazza erschiendaß zuderselben Stunde König Karl von Frankreich sein Leben aushauchte. EinSchlagfluß raffte ihn hin zu Amboise. Wäre es nach Savonarola gegangensohätte er Italien noch einmal befreitPisa den Florentinern zurückgegebeneinKonzil berufeneinen anderen Papst eingesetztdann weiter die Ungläubigenbekämpftbesiegt und bekehrt. Viele mächtige Männer teilten diese Ideewennauch aus weniger erhabenen Ursachen. So aber war nichts geschehender Königstarb hinund das Schicksal kehrte sich nicht an die Gedanken dererdie dieZukunft nach ihrem Willen zu gestalten dachten.

Man hatte quer über die Piazza einen erhöhten Pfad bereitetder zu beidenSeiten mit brennbaren Stoffen umschichtetin eine Allee von Flammen verwandeltwerden konnte. Bewaffnete sperrten den Platzdas Volk umdrängte ihn undfüllte die Fenster und Dächer der umliegenden Gebäude. Franziskaner undDominikaner zogen aufschweigend jenediese mit geistlichen Liedern. Die Probesollte beginnen. Da erhoben die Franziskaner Einwendungen. Savonarola solle dieKleider wechseln. Man vermutete einen Zauber darin. Man untersuchte ihn bis aufdie nackte Haut. Man strittdie Zeit vergingUngeduld und Hunger ermüdete dasVolk; es fing an zu regnender Tag war abgenutztohne daß etwas geschah; dasGerücht verbreitete sichSavonarolas Feigheit sei schuld an dieserVerzögerung. Endlich wurde verkündetdaß es nichts sei für heute mit derFeuerprobe.

Die Piagnonen waren diejenigenwelche das Gefühl der allgemeinenEnttäuschung am stärksten empfanden. Sie hatten auf glänzende Befriedigungihres Stolzes gerechnetnun trugen sie Spott davon und hatten nichts zuerwidern. Niemand verfiel daraufwas später oft behauptet worden istdieVerzögerung sei eine künstlichevon der Signorie im Einverständnis mit denFranziskanern herbeigeführt gewesenderen Effekt manwie er eintraferwartete. Ohne daß ihnen ein Härchen versengt worden wärezogen dieFranziskaner triumphierend abwährend Savonarola auf dem Wege nach San Marcomit den Waffen gegen die andrängende Menge geschützt werden mußte. Dortangekommenbetrat er die Kanzelerzählte alles was sich begeben hatteundentließ seine Anhänger.

Soviel steht fest: bereits am 30. Märzeine Woche also vor diesenEreignissenhatte die Signorie den geheimen Beschluß gefaßtdaß die Brüdervon San Marco oder die Franziskanerje nachdem das Gottesurteil ausfallenwürdedas florentinische Gebiet verlassen müßten. Am 6. Aprilals nur vonDomenico da Pescia und von Savonarola noch nicht die Rede gewesen warhatte manden zweiten Beschluß gefaßtdaß Savonarolafalls Domenico im Feuer umkämebinnen drei Stunden fort müßte. Endlich soll ein dritter Beschluß zustandegekommen seindes Inhaltes: dem Franziskaner dürfe unter keinen Umständengestattet werdendie Probe zu bestehen. Man fürchtete also das Eintreffeneines Wunders und glaubte im Lager der Feinde selbst an Savonarolas göttlicheKraft. Doch bleibt das Dasein dieses letzten Beschlusses noch zu beweisen.

Viele von den Piagnonen flohen auf der Stelleandere hielten sich bewaffnetin den Häusern oder zogen ins Kloster von San Marcowo man sich inVerteidigungszustand setzte. Es war nichts Seltsames damalsdaß Klöster inFestungen verwandelt wurden. Aus den angesehensten Familien waren die Söhne inSan Marco eingetretenum sich dem geistlichen Stande zu weihen; ihre Verwandtenkamen jetztum an ihrer Seite den Sturm zu erwarten und zurückzuschlagen.

Der nächste Tag8. Aprilwar der Palmsonntag. Von ihm ist der Beschlußder Signorie datiertdaß Savonarola aus Florenz verbannt sein sollte. Morgensfrüh predigte er in der Kirche des Klosters. Am Schlusse verkündete er vorauswas geschehen würdenahm Abschied von den Seinigen und gab ihnen seinen Segen.Erst gegen Abend regten sich die Arrabiaten. Im Dome predigte ein Dominikaner.Die Compagnacci sprangen aufschrien und drängten auf die Piagnonen eindieflüchtend ins Freie stürzten. Draußen stand eine ungeheure Mengeder Rufertönte plötzlich von allen Seiten: zu den Waffenzu den Waffen! nach SanMarconach San Marco! Dort war die Kirche gefülltvon draußen schlug man dieTüren zusammen und stürmte hineinvon innen leistete man Widerstand undwehrte sich. Da erschien die Garde des Palastes. Sie fand die Eingänge desKlosters verrammelt und verzweifelte Verteidiger hinter den TorenMönche mitPanzern über ihren Kutten und mit Arkebusenaus denen sie Feuer gabenundmitten darunter die Frauen und Kinderdie die Kirche nicht hatten verlassenkönnen und deren Geschrei dem Gebrüll der Menge draußen antwortete. Einjungerblondbärtiger DeutscherHeinrich mit Namenwar der tapferste unterden Mönchen von San Marco und wußte mit seiner Büchse besonders gutumzugehen.

Nachdem die Diener der Signorie sich Gehör verschafftverkündeten sie denBefehldaß alle diewelche nicht ins Kloster gehörtendasselbe zu verlassenhätten. Wer nicht gingewürde als Hochverräter behandelt werden. Vielegehorchten. Savonarola wollte sich freiwillig ausliefernaber die Seinigenhielten ihn gegen seinen Willen zurück. Sie fürchtetendas Volk möchte ihnin Stücke zerreißen. Das Kloster hatte eine kleine Gartentürdurch diesesuchten einige der angesehensten Piagnonen zu entrinnen. Unter ihnen FrancescoValori. Dem aber paßten die TornabuoniPucci und Ridolfi auf mit den anderendie diesen Tag der Rache so sehnsüchtig erwartet hatten. Umringtwird ersogleich zu Boden geschlagendaß er tot liegen bleibtund weiter geht es nunzu seinem Palaste. Seine Fraudie oben am Fenster standerschießen sie vonder Straße aus mit einer Armbruststürmen das Hausplündern es underdrosseln ein Enkelkind Francescosdas noch in der Wiege lag. Besser erging esden Soderinis. Hier trat der Bischof von Volterrader ein Soderini warimvollen Ornate den sich heranwälzenden Massen entgegen und brachte sie durchseinen Anblick und donnernde Rede zur Umkehr.

Vor San Marco war es stiller gewordendie Nacht lag längst über demKlosterals das wütende Volk dahin zurückkehrte. Feuer wurde angelegtdieTore verbrannt und durchbrochen und Savonarola von den Leuten der Signorieohnederen Schutz er verloren gewesen wärein den Palast abgeführt. Mit ihmDomenico da Pescia und ein dritter DominikanerSilvestro mit Namen. Kaumvermochte man ihn vor Mißhandlungen des Pöbels zu schützen. Sie stießen ihnund schrien lachender solle doch prophezeienwer es gewesen sei. Sie riefen:Arzt hilf dir selber! Auf dem Platze vor dem Kloster lagen Tote und Verwundete.Die Mönche kamen heraus und trugen sie zu sich hineinum ihnen zu helfen odersie zu begraben.

Und nun begann ein Prozeßder kurz waraber der unendlich erscheintwennman Schritt vor Schritt den Qualen folgtdie Savonarola zu erdulden hatte. DerPapst verlangte ihn nach Rombequemte sich jedocheinen Kommissar zu schicken.Savonarola ward gefoltert; es wird genau berichtet auf welche Weise; die Kräfteverließen ihn unter den Händen seiner Peinigerdenn er war eine zartekränkliche Natur; kaum losgelassen widerrief er alles. In diesem Zustande nochverfaßte er rührende Schriften. Die Tortur wiederholte sich zu verschiedenenMalen. Nardider in seinen Angaben sehr gewissenhaft istversicherteer habeaus den besten Quellen gehörtdaß die Akten gleich beim Niederschreibengefälscht seien. Der Kommissar des Papstes gestand später gleichgültig offeneinSavonarola sei ohne Schuld gewesen und der Prozeß erfundenden dieFlorentiner nur ihrer Rechtfertigung wegen hätten drucken lassen. Savonarolawurde zum Tode verurteilt und am 23. Mai 1498am Himmelfahrtstagedas Urteilvollzogen.

Auf dem Platze vor dem Palaste der Regierung war der Scheiterhaufenerrichtet. Aus seiner Mitte ragte ein hoher Pfahl mit drei Armendie sich nachverschiedenen Seiten ausstreckten. Als die drei Männer über eine Art fliegendeBrücke zu diesem Galgen hinschrittensteckte der florentinische Pöbel spitzePflöcke von unten auf zwischen den Brettern des Ganges hindurchin die sie mitihren nackten Füßen hineintraten. Savonarolas letzte Worte waren Trost fürseine Genossendie mit ihm duldeten. Da hingen sie nun alle drei und dieFlammen schlugen zu ihnen auf. Ein mächtiger Windstoß trieb diese noch einmalzur Seite; einen Moment lang glaubten die Piagnonenein Wunder werde sichereignen. Doch schon hatte sie das Feuer wieder verhülltund bald stürztensie mit dem brennenden Gerüste in die Glut nieder. Ihre Asche wurde von deralten Brücke herab in den Arno geschüttet. Welche Gedanken müssen SavonarolasSeele bewegt habenals das Volkdas er Jahre lang gespornt oder gezügelthattedas er so völlig mit seinen Lippen beherrschtestumpf und teilnahmlosumherstand.

VII

Das härtestedessen man Savonarola beschuldigt hatist der Vorwurferhabe seine Partei angestacheltihre Gegner mit Gewalt aus dem Wege zu räumen.Dies sagt Machiavelli. Es sei nur darum nichts daraus gewordenbehauptet erweil das Volk seine Andeutungen nicht scharf genug verstanden habe. Darauf istzu antwortendaß die Piagnonen zu verschiedenen Malen im Begriff standenmitden Waffen dreinzuschlagenund daß Savonarola sie zurückhielt. Es ist fernerzu erwiderndaß Machiavellidessen Unbefangenheit in anderen Fällen sobewunderungswürdig erscheintsich dennoch diesem Manne gegenüber vom Haß derPartei zu einseitigen Behauptungen verführen ließ. Er gehörte zu denendieSavonarola für einen bewußten Lügner hielten und nach Rom über ihn in diesemSinne berichteten. Das älteste Schriftstückdas wir von Machiavelli habenist ein Brief über Vorgänge aus jenen stürmischen Tagen. Gründlicher Haßatmet aus diesem Schreiben. Machiavelli war damals noch nicht dreißig Jahre altund eben in den Staatsdienst eingetreten.

Wo liegt nun dasdas über die Verehrungdie der Mann einflößtdennocheinen trüben Schatten wirft? Ich will ihn mit einem anderen Mönche von SanMarco vergleichender lange vor ihm lebte und der das Kloster nicht wenigerberühmt gemacht hat als er. Die Wände seiner Gängeseiner Kapellenniedrigerdunkler Zellen sogarsind bedeckt von den Malereien Fiesoleseinesvon den Nachahmern Giottosdessen Werkeerfüllt von reizender Reinheit derEmpfindung und verklärt durch eine Art süßerin sich selbst beschlossenerBegeisterungzu den merkwürdigsten und ergreifendsten Denkmalen einerKünstlerseele gehören.

Seine Arbeiten sind in der Tat beinahe nicht zu zählen; in gleichmäßigersanfter Schwärmerei scheint er ohne Aufhören seine Träume dargestellt zuhaben. Die Gestalten trugen etwas Ätherisches an sich. Er malt Mönchedie amKreuze niedersinkendmit zitternder Inbrunst seinen Stamm umarmener maltScharen von Engelndie aneinandergedrängt die Luft durchschwebenals wärensie alle ein langgestrecktes Gewölkdessen Anblick uns mit Sehnsucht erfüllt.Es waltet ein so unmittelbares Verhältnis zwischen demwas er darstellenwollteund demwas er zu malen vermochteund zugleich war daswas er wolltestets so einfach und verständlichdaß seine Bilder auf jeden einenunmittelbarenunvergeßlichen Eindruck machenund so manche Naturen indieselbe Begeisterung zu versetzen fähig sindin der sie selbst geschaffen zusein scheinen.

Im Jahre 1387 geborenalso ein Zeitgenosse Ghibertis und Brunelleschislegte Fiesole mit einundzwanzig Jahren sein Gelübde ab; achtundsechzigjährigstarb er in Romwo sein Grabmal noch vorhanden ist. Eigentlich war erMiniaturmalerman sieht das auch seinen Freskobildern an. Sein Leben nachVasaris Beschreibung klingt wie eine Legende aus uralten frommen Zeiten. Ersollte Prior des Klosters werdenlehnte jedoch die Würde demütig abund allseine Schicksale und Werke spiegeln das Gefühldas ihn so bescheidenzurücktreten ließ. Und dennoch war die Wirkungdie von ihm ausginggroß unddauert jetzt noch.

Vergleichen wir den Geist seiner Gemälde mit dem der Predigten Savonarolasdie dieser inmitten der Klosterhallen hieltvon deren Wänden die WerkeFiesoles niederschautenso empfinden wir am schärfstenwas Fiesole besaß undwas Savonarola fehltewas ihn bei seinen Gegnern so furchtbar verhaßt machte.Ein heiliger Eifer für das GuteWahreSittlicheGroße entflammte sein Herzaber daß ohne die Schönheit das Gute nicht gutdas Wahre nicht wahrdasHeilige selbst nicht heilig seidas entging ihm. So wurde erdas weichsteGemütunversöhnlich und zwang seine Gegneres auch zu seinund sovernichtete er sich. Er vergaßdaß daswas die Menschen am meisten zwingtund bildetnicht der bewußte Gehorsamder heftig unterdrückte Hang zumBösendas gewaltsam sich selbst leitende Beharren auf einer scharf gezogenenLinie istdie zu Gott leiten sollsondern daß das unbewußte Aufnehmen einesfreundlichen Beispielsdas leise Nachgebenwenn das Gute und Schöne mitlockender Stimme redetund das schmetterlingsartige FortflatterndemGöttlichen dennoch immer zugewandtdie Mächte eigentlich sinddie dieMenschheit geheimnisvollaber sicher weiterführen. Und so haben Fiesolessanftestumme Bilder mehr getan als Savonarolas Donnerdie beinahe spurlosverhallten. Kaum aber war Savonarola gestorbenso umgab ein Heiligenscheinseine Gestaltder Inhalt seiner letzten Tage wurde als das ruhmvolle Leideneines Märtyrers von Mund zu Mund getragen und mit Erzählungen von Wundernuntermischt. Wie sein Herz nicht mit verbranntaus den Tiefen des Arno wiederemporgewirbelt und von seinen Verehrern unversehrt aufgefischt worden sei. DemUnterliegen in den Qualen der Tortur setzte man das Beispiel des Apostel Petrusentgegender unter weniger dringenden Umständen den Herrn verleugnet hätte.Dagegen der jämmerliche Tod des Königs von Frankreichder hingerafft wurdenachdem ihm sein Kind vorausgegangen warerschien als die unmittelbare Strafedes Himmelsdie Savonarola vorausverkündete. Savonarolas Bild mit einerStrahlenkrone ums Haupt wurde in Rom selber auf den Straßen feilgeboten.

Der Gedanke drängt sich uns aufdaß sein Leiden und sein Tod auf denschaffenden Künstlergeist Michelangelos nicht ohne Einwirkung geblieben sei. ImNovember 1498 ging er nach Carraraum den Marmor für die Pietà selbst zuholen. An Ort und Stelle dort scheint er die erste Arbeit getan zu haben und imApril mit dem Blocke nach Rom zurückgekommen zu sein. Nur ein Jahr war für dieAusführung bedungen wordenüber zwei Jahre jedoch sehen wir Michelangelo vomBeginn der Arbeit an in Rom noch bleiben: ohne Zweifelweil die Vollendungseines Werkes ihn dort festhielt.

Fünftes Kapitel
1501-1504

I

Der Tod des Königs von Frankreich war für Florenz von glücklichen Folgengewesen. Seinem Nachfolgerdem Herzog von Orleansder als Ludwig der Zwölfteden Thron bestiegstanden die geistigen Fähigkeiten zu Gebotederen Karl derAchte ermangelte. Es hatte ein Ende mit dem dilettantischen Erringenwollen vonRuhm und Königreichen. Ludwig warals er die Regierung antratein gereifterManndessen langgehegte Pläne nun mit systematischer Arbeit ausgeführtwurden. Seine Gedanken waren längst in vollem Maße Italien zugewandt. LudwigsGroßmutter war eine Visconti gewesendaraufhin machte er Ansprüche aufMailand geltendund zu gleicher Zeit bereitete er sich vorden Krieg um Neapelmit frischen Kräften aufzunehmen.

Jetzt belohnt sich die Treue der Florentiner gegen Frankreich. Zwei Feindedrohten der Stadtdie Medici und Cesare Borgiadessen mittelitalischenReichendas er für sich zu gründen im Begriff warFlorenz nicht fehlensollte. Medici und Borgia standen beide vortrefflich mit Frankreich und hofftenauf die Hilfe des Königsder ihnen gerade so viel Hoffnungen ließals esbedurfteum sie an seine Politik zu fesselndennoch aber keinem von beidengestatteteden Florentinern ernstlich zu Leibe zu gehen. Denn die französischeGesinnung der freien Bürger erschien dem Könige mit Recht als eine sicherereBürgschaft für die Anhänglichkeit der Stadtals die Dankbarkeit Pieros oderCesaresdie er aus Erfahrung kannte.

So stand es denn gut in Florenz. Mit Venedig hatte man sich geeinigtesunterstützte Pisa nicht weiterLudwig schickte sogar Hilfstruppen. Auch imInnern der Bürgerschaft waren bessere Verhältnisse eingetreten. Anfangs ginges den Piagnonen freilich schlecht und am übelsten den armen Klosterbrüdernvon San Marco. Bittschriften der gemeinsten Unterwürfigkeit an den Papsterforderte esum Verzeihung zu erwirken. Ihre Glockedie Piagnona genanntward als Verbrecherin rechtskräftig verurteilt und aus dem Kloster fortgenommenund der arme Cronaca mit Ausführung des Urteils beauftragt; man schonte dieAnhänger des gestürzten Propheten also nichtsondern ließ sie selber Handanlegen. Die Arrabiaten räucherten die entweihten Kirchen mit Schwefel ausdurch Santa Maria del Fiore jagten sie ein Pferd und töteten es am Ausgange.Die Piagnonen selbergedrücktuneins und voll Furchtwagten kaumsich aufder Straße zu zeigenwo die alte Üppigkeit in glänzenden Kleidern wiedertriumphierend einherzog.

Jedoch verhöhnte man sie zuerst auch und wurden sie durch den Tod und dieVerbannung ihrer Häupter als politische Partei vernichtet; dennoch gab mandenenwelche die Schriften Savonarolas hatten ausliefern müssenbald ihreBücher zurück. Gegen den König von Frankreich entschuldigte die Signorie dieHinrichtung und wälzte die Schuld von sich ab. Die Piagnonen entrissen durchdie Auflösungder sie anheimfielenden Arrabiaten das Banddas diese ihnengegenüber vereinigte. Die Parteien fanden sich alsbald zu anderen Verbindungenzusammenes kam wieder darauf anden Pallesken Widerstand zu leisten und zuverhinderndaß sie die Oberhand gewännen. Das Consiglio grande Savonarolaswurde beibehalten.

Für den Augenblick wagten die Medici nichts gegen die Freiheit derFlorentinerwohl aber hatten diese Pisa zu erobern und Frankreich bei gutemWillen zu erhalten. Darauf wendete sich ihre Politik mit allen Kräften. DieVerhältnisse waren schwieriger Naturoft hingen die finsteren Wolken dichtüber der Stadt und drohten gewaltigGoldGlück und Gewandtheit aber leitetendie Blitze gefahrlos nebenabund mitten in den kriegerischen Unruhendie ganzItalien ringsum bis dicht an ihre eigenen Mauern erfülltenherrschte das alteunvermeidliche Jagen nach ReichtumEhre und Lebensgenuß.

Unter diesen Umständen kam im Jahre 1501 ein neues Unheildas mit einemSchlage all die Vorteile der eben überwundenen harten Zeit hätte vernichtenkönnen. Cesare Borgia hatte siegreich in der Romagna gekämpft und wollte sichgegen Bologna wenden. Die Bentivogli aber erkauften den Schutz Frankreichsundder König befahl dem Herzogvon seinem Plane zurückzutreten. Statt dessenwollte sich Cesare nun zur Eroberung von Piombino aufmachenund dazu mußte erquer durch Toskana und das Gebiet von Florenz ziehen. Er unterhandelte darüberaufs freundschaftlichstedenn die Florentiner hielten die Pässe der Apenninenbesetzt und konnten ihm den Eintritt verwehren. Kaum jedoch hatte er erreichtwas er wollteals er andere Saiten aufzog und brandschatzend in das flache Landhinunterkam.

Plötzlich waren nun auch die Medici bei ihmdie mit ihren Freunden inFlorenz diesen Moment für den günstigsten erachteten. Die Verabredung mit denPallesken in Florenz war getroffen und Überrumpelung der StadtBerufung einesParlamentes und Umsturz der Verfassung die drei Stufendie man rasch zuersteigen hoffte. Und wie die Medici auch darin stets den richtigen Moment zutreffen suchtendaß sie Zeiten wähltenin denen das gemeine Volk aufgeregtwarso kamen sie jetzt während einer furchtbaren Trockenheitwo die Früchteauf dem Felde verdorrten und eine Mißernte und Teuerung zu erwarten stand.

Cesare verlangtedaß das Verbannungsdekret gegen die Medici zurückgenommenwerde. Er stand so drohend dadaß die Regierung schwanktewelche Antwort zugeben sei. Die Medici hatten nur das eine bescheidene Begehren gestelltmansolle ihnen den Aufenthalt in ihrer Vaterstadt wieder erlauben; sie besaßenFreunde in allen Kreisen der Bürgerschaftdie ihre Bitte unterstützten.Unruhe bemächtigte sich des Volkes. Man begriff nichtdaß über die Antwortdie man Cesare zu geben hätteauch nur beraten werden könne. Die Häuserwurden in Verteidigungszustand gesetzt und die Waffen in Bereitschaft. EinesTages kommt von den Mitgliedern der Regierung einer erhitzt aus der Türe desPalastes. Man fragt ihn unten auf dem Platzewas er habe. Er wolle nicht dabeiseinantwortete erwenn da oben verhandelt würdeob man das Vaterlandverraten sollte. Diese Worte erfüllten die ganze Stadt. Man wußtedaß naheVerwandte der Medici unter den Signoren säßen. Die Stimmung wurde eine sogefährlichedaß Cesares Vorschlag verworfen ward. Aber man wolle über dieHöhe der Summe mit ihm unterhandelnwurde geantwortetfür die er alsOberbefehlshaber der florentinischen Truppen auch fernerhin der Freund derBürgerschaft bliebe. Mit anderen Wortenman wollte sich loskaufen.

Cesaredem es mit der Restitution der Medici nicht so ganz Ernst warließsich das gefallen. Vielleicht hatte er nur gedroht mit den alten Feindenumsowohl von diesen die Summe zu beziehenmit denen sie seine Hilfe unfehlbar imvoraus bezahlt hattenals auch von der Stadt günstigere Geldbedingungen zuerlangen. Man kam auf 36 000 Gulden überein; dafür trat er alsOberbefehlshaber der florentinischen Truppen dem Namen nach in die Dienste derStadt und zog nach Piombino weiterdas er Anfang September einnahm.

Piero blieb nichts als die Hoffnung auf bessere Zeiten. Es ist seltsamwiedas Mißlingen auch dieses Handstreichs wiederum durch den Stolz und Hochmutseines Charakterswenn auch auf weiten Umwegenherbeigeführt worden ist. Zuder Zeit nämlichwo er noch in Florenz fest saß und Alexander BorgiaErzbischof von Pampelona warstudierte Cesaredessen Zukunft damals wenigerversprachdas kanonische Recht auf der Universität zu Pisa. In Sachen einesFreundesder in einen peinlichen Prozeß verwickelt warkam er nach Florenzherüber und begehrte bei Piero vorgelassen zu werden. Man ließ ihn einigeStunden warten und endlich wieder fortgehenso daß er unverrichteter Dingenach Pisa zurückkam. Das soll er Piero nie vergessen haben.

In die Zeitals Cesare Borgia das florentinische Gebiet verließ und in dasvon Piombino einfielfällt die Bestellung des David bei Michelangelo.

Vor langen Jahren hatte man einen neun Ellen hohen Marmorblock von Carraranach Florenz geschafftaus dem die Konsuln der Wollenweberzunftin derenBesitz die Kirche Santa Maria del Fiore wareinen Propheten arbeiten zu lassenbeabsichtigtenals eine der Figurenwelche die Kuppel der Kirche außenumgeben sollten. Die Bestellung war in der Folge zurückgenommen wordenderStein aber bereits behauen und für eine andere Gestalt nicht zu gebrauchen.Vergebens hatte man ihn einst Donatello angetragenkein Bildhauer glaubte sichimstandeetwas Rechtes daraus zu machenund so lag er seit Menschengedenken imHofe der Werkstätte für Dombauarbeiten.

Jetzt aber meldete sich jemandder es damit wagen wollte. Unter der Zahldererdie im Garten der Medici gelernt hattenbefand sich ein Bildhauerdervon Lorenzo dem Könige von Portugal gesandt wurdeund nachdem er dortgroßartige Bauten und Skulpturen zustande gebrachtum 1500 wieder nach Florenzzurückgekehrt war. Andrea Contucci del Monte Sansovinoso hieß der Mannbatman möge ihm den Marmor übergeben. Die Konsuln aberehe sie auf diesVerlangen eingingenwollten erst Michelangelos Meinung hörenob er nichtselber vielleicht etwas Gutes aus dem Marmor zu schaffen wüßte.

Michelangelo hatte soeben über eine andere Arbeit abgeschlossen. DerKardinal Piccolominidessen Familie aus Siena stammtewollte im dortigen Domeeine Grabkapelle mit Werken der Skulptur ausschmücken und bestellte fünfzehnMarmorstatuen in Lebensgröße bei Michelangelo. Der Kontraktein interessantesAktenstückdas die genauesten Bestimmungen enthältwar am 19. Juni 1501 inRom unterzeichnet worden. Jacopo GalliMichelangelos römischer Freundvermittelte auch hier und verbürgte die eventuelle Rückerstattungvorausempfangener Gelderfalls die bedungenen Ablieferungstermine nichteingehalten würden oder die Qualität der Statuen dem Vertrage nichtentsprechend erschiene. Michelangelo aberals er den ungeheurenprächtigenStein vor Augen sah und den Ruhm erwogden er durch eine Arbeit dieserAusdehnung in Florenz erwerben könnteließ die fünfzehn Statuen für Sienaauf sich beruhenunterwarf den Marmor einer sorgfältigen Prüfung undübernahm die Arbeit. Sansovino hatte doch nur unter der Bedingung daran gehenwollendaß er den Block durch Anfügung einiger anderer Marmorstückevervollständigte. Michelangelo aber erklärtedaß er ohne jede Zutat arbeitenwürde. Dies gab vielleicht die Entscheidung. Am 16. August 1501 wurde derAuftrag ausgefertigt.

Zwei Jahre sind ihm darin zugestandenvom 1. September an gerechnetundmonatlichso lange er arbeitetesechs schwere Goldgulden Gehalt. Was am Endenoch nachzuzahlen seisollte dem Gutdünken und Gewissen der Auftraggeberüberlassen bleiben. Am 13. September morgens in der Frühees war an einemMontagebrach er den Stein an. Einzige Vorbereitung für seine Arbeit war dieAnfertigung eines kleinen Wachsmodellsdas in den Uffizien noch vorhanden ist.So meißelte er im Vertrauen auf sein gutes Auge darauf losund Ende Februar1503 war schon soviel geschafft wordendaß er seine Arbeit als halb vollendetzeigen konnte. Er bat bei dieser Gelegenheit um Feststellung des Gesamtpreisesund man vereinigte sich über vierhundert Goldgulden.

Während Michelangeloder nichtwie es heute geschiehtden Stein bis aufdie letzte Überarbeitung fremden Händen überließsondern vom ersten Anfangan bis zur letzten Vollendung alles allein tatso in seine Arbeit versenkt warwurde im Jahre 1502 von den Medici ein neuer Versuch gemachtsich der Stadt zubemächtigen. Diesmal kamen sie weitersie hatten bessere Verbündete undgrößere Mittel. Die Petruccidie in Siena herrschende Familiedie Baglionivon Perugiadie Vitelli und Orsini standen ihnen zur Seite. Arezzo und Cortonazwei florentinische Städtehatten sie bereits eingenommenund der Papst mitCesare Borgia schien ihren Fortschritten kein Hindernis in den Weg zu legen. Indieser Not wandte sich die Republik an Frankreichund ihre Vorstellungen vonder Wichtigkeit der eigenen unabhängigen Existenz für den König wirkten soschlagenddaß sie auf seine drohenden Befehle hin die verlorenen Städtezurückerhielt. Michelangelo aber trug diese neue Schuld der Dankbarkeit gegenFrankreich eine neue Arbeit ein.

Zu den Mitteln nämlichmit denen man am Hofe des Königs operiertegehörten nicht bloß verlockende Geldsummensondern auch Werke der Kunstdiezu Geschenken verwandt wurden. Schon im Jahre 1501 hatten die florentinischenGesandten am Hofe des Königs aus Lyon geschriebender Herzog von Remourswünsche lebhaft eine Bronzekopie des von Donatello gearbeiteten und im Hofe desRegierungspalastes stehenden Davids zu besitzen; zwar wolle der Herr die Kostenwiedererstattenscheine aber nicht abgeneigtdas Werk als ein Geschenkanzunehmen. Der Herzog hatte übrigens schon 1499 eine Anzahl Marmor- undBronzebüsten als Geschenk der Stadt erhaltendarunter einedie Kaiser Karlden Großen darstellte.

Die Signorie antwortete auf dieses vom 22. Juni datierte Schreiben am 2.Julies sei augenblicklich Mangel an guten Meistern in der Stadtdie einensolchen Guß auszuführen imstande wärendoch werde man die Sache jedenfallsim Auge behalten. Dabei blieb es. Als jetzt aber im Sommer 1502 die Not mit denMedici einbrach und es mehr als jemals auf den guten Willen Frankreichs ankamfand sich auch alsbald ein guter Meister für diesen Guß. Michelangeloübernahm ihn am 2. August des Jahresgerade als die Franzosen zugunsten derFlorentiner in Arezzo einrückten.

Die Statue sollte dritthalb Ellen hoch sein und in sechs Monaten fertigabgeliefert werden. Das Metall gibt die Regierung. Fünfzig Gulden werdenangezahltder endgültige Preis wie gewöhnlich erst nach Vollendung des Ganzenbestimmt. In der Folge indessen wurde auch durch diesen Kontrakt die Sehnsuchtdes Herzogs von Nemours nach seinem David nicht erfüllt. Die Gesandtenerinnerndie Signorie entschuldigt sichendlich wird die Statue bestimmt zuJohanni 1503 in Aussicht gestelltvorausgesetztdaß der Meister Michelangelosein Versprechen halteaber es sei freilich bei der »Denkungsart solcherLeute« auf Versprechungen nicht viel zu geben. Dieser Vorbehalt erwies sich alsbegründet. Der Herzog erhielt nichtser fiel beim König in Ungnadeund alsJahre später die Arbeit endlich vollendet worden warwurde sie einem anderenhohen Herrn am französischen Hofe dargebracht. Heute weiß man nichts mehr vonihr. Ebensowenig von einer zweiten Bronzearbeitdie Michelangelo damals fürPiero Soderiniden Gonfalonier der Stadtvollendet und die gleichfalls nachFrankreich ging. Condivi sagt nicht einmalwas sie darstellte.

Dagegen müssen in diese Jahre zwei andere Arbeiten gesetzt werdendieStatue und ein Gemäldewelche beide wohlerhalten dastehen und von denen dieerstere zu Michelangelos schönsten Werken gehört. Pierre Moscroneinflandrischer Kaufmannkaufte sie ihm abund Michelangelo sandte das Werk nachBrüggewo die Madonna heute noch stehtrein und unberührtals wäre sieeben aus seinen Händen gekommen. Pierre Moscron ließ sie dort im Domeaufstellennachdem die Kapellederen Altar sie schmücken sollteauf eigeneKosten von ihm erbaut worden war. Schon 1521als Albrecht Dürer durch Brüggekamstand Michelangelos Werk im Domeund er wurde hingeführtum es zubewundern.

Diese Madonna ist mit ungemeiner Sorgfalt ausgeführt. Sie ist einfacher alsdie römische. Sie ist lebensgroß. Sie sitzt davon der zartesten Gewandungumhülltdas Kind steht zwischen ihren Knienan das linke angelehntdessenFuß auf einen Steinblock auftrittso daß es um ein geringeres höher als dasrechte aufragt. Auf diesem Steine steht auch das Kindund zwar als wollte eseben herabsteigen. Seine Mutter hält es mit der linken Hand zurückwährenddie Rechte mit einem Buche in ihrem Schoße ruht. Sie blickt geradeausein Tuchist ihr über das Haar gelegt und fällt zu beiden Seiten auf Hals und Schulternanschmiegsam herab. In ihrem Antlitzihren Blicken hegt sie eine wunderbareHoheiteinen königlichen Ernstals fühle sie die tausend frommen Blicke desVolkesdas zum Altare zu ihr aufsieht. Wollte man ihrwie es Sitte istvonirgendeinem kleinen Abzeichen einen Beinamen gebenso könnte dies von derstraffen Falte ihres Gewandes seindie von der Spitze des linken Knies durchdas darauftretende Kind seitwärts niedergezogen wird. Das Kind aber gleichtdurchaus dem kleinen Johannes auf dem Gemälde der Nationalgalerie zu London.Die Ähnlichkeit erscheint so auffallenddaß die Verwandtschaft der Arbeiteneiner doppelten Blüte gleichsamdie demselben Gedanken entsprangkaumabzuweisen ist.

Wir haben einen Abguß der Madonna in Berlin. Ich ging eines Morgens in dasMuseumals die bleiche Januarsonne auf die Statue fiel. Ein leichtes goldnesLicht streifte sie von der Seitedas sanft leuchteteohne das übrige inSchatten zu bringen. Ein wunderbares Leben sah ich über die Gestaltausgegossen. Das Antlitzals atmete esein liebliches Profileine entzückendsanfte Modellierung des Mundes und des Kinnes. Die Hände so weich; derFaltenwurf ist leicht. Besonders schön die Handin deren Finger die des Kindeshineingreift. Dabei bot sich die Gestaltvon allen Seiten ringsum betrachtetin vollendeter Durchführung dar.

Verwandt mit der Madonna in Brügge auch ist ein in Florenz befindlichesunvollendetes Basrelief einer sitzenden Madonnavor deren Knien das Jesuskindstehtdas Händchen auf ein offenes Buch gelegt. Unvollendete Werke großerMeister erwecken in der Phantasie des Betrachtenden immer unbestimmteErwartungen: auch hier möchte man vermutenes könne etwas zustande gekommenseinwas andere Arbeiten Michelangelos vielleicht noch übertroffen hätte.

Das Gemäldedas ich in die gleiche Zeit setzeist für Angelo Doni gemaltworden und steht heuteebenfalls in vorzüglichem Zustandein der Tribüne derUffizien zu Florenz. Die Jungfrau kniet dem Zuschauer entgegen mit beiden Knienauf den Boden und empfängt nach rückwärts gewandt in ihre Arme das Kindwelches ihr Joseph über ihre rechte Schulter von hinten herreicht. Die Figurensind etwas weniger als lebensgroß genommen. Johannes kommt von weitem heranklein und ohne Zusammenhang mit der Hauptgruppe; den Hintergrund füllt eineAnzahl nackter männlicher Gestaltendiein verschiedenen Bewegungen imHalbkreise stehend oder sitzenddurchaus nichts mit der heiligen Familie zu tunhaben. Sie sind entfernt und kleinaber mit großer Sorgfalt gemalt undmusterhaft gezeichnet. Die Gruppierung der heiligen Familie selbst dagegenerscheint mir gesucht. Die Farben sind mit der erdenklichsten Sorgfaltaufgetragenaber das Kolorit hat an der Stellewo das Gemälde stehtnichtsFrischesBlühendes. Ich sah es einmalaber in einem der helleren Seitenräumeder Tribuna. Nun erschien es ganz licht und unglaublich zart ausgeführt. Allesfeinerdurchsichtigerja anmutigerals ich es vorher je gesehen. Angelo Donibezahlte es mit siebzig Dukaten. Die Angabe dieser Summe bei Condivi widerlegtdie Anekdotewelche Vasari erzähltderzufolge Michelangelo von Doni zweimalsiebzig Dukaten erhalten hätte. Es ist derselbe Donidessen Porträtsamt demseiner FrauRaffael wenig Jahre später gemalt hatder in Donis Hause wohlaufgenommen war; Gesichterdie wenig Neugier Erweckendes für die Welt habenwürdenwenn sie nicht durch die Hand eines solchen Mannes der Vergessenheitentrissen worden wären. Dreißig Jahre später ward Michelangelos Gemälde fürzweihundertzwanzig Scudi weiterverkauftund der Käufer hoffte mehr noch dafürwiederzuerhalten. Aus Lyonwo dieser Handel damals abgeschlossen wurdemuß esdann nach Florenz zurückgekehrt sein.

Was diesem Werke noch ein besonderes Interesse verleihtist der Umstanddaß die Malerei und auch die Auffassung an einigen Teilen lebhaft an Signorellierinnert. Und nun findet sichdaß zu der Zeit geradewo Michelangelo aus Romnach Florenz zurückkehrteLuca Signorelli im Dome zu Orvieto die Wandgemäldeschufauf denen heute sein Ruhm zumeist beruht. Orvieto liegt so sicher an derStraße von Rom nach Florenzdaß es nicht umgangen werden kann: der Weg führtdurch das Städtchenund Michelangeloden wir später als alten BekanntenSignorellis wiederfindenkann ihn dort bei der Arbeit getroffen haben. DieseMalerei muß Eindruck auf ihn gemacht haben: wir würden das sogar annehmenauch wenn wir keinen Beweis dafür hätten. Michelangelos Heilige Familie aberliefert ihn in bester Form. Und nicht diese allein: noch ein zweites Gemäldefreilich ein elend verdorbenesunfertiges Stückwird heute Michelangelozugeschriebendas in jener Zeit entstanden sein kann und was eine nochgrößere Verwandtschaft mit Signorelli bekundet. Es ist eine GrablegunginBesitz der englischen Nationalgalerie. Die am besten erhaltene Figurdie einesManneswelcher den Leichnam Christi in das Grab heruntertragen hilftist einebewunderungswürdige Gestalt. Über die Farbe kann ich nichts sagenda mir dasWerk nur aus einer Photographie bekannt ist.

Die Komposition weist schon deshalb auf Michelangelo hinweil hier einVersuch vorliegtbei einer Szene des Neuen Testamentes die typische Darstellungzu ignorieren und von fremder Seite her etwas Neues zu geben. Das MotivdenLeichnam Christi in schwebender Stellung tragen zu lassenwar unerhört in derKunst bis dahin und ist es auch in der Folge geblieben. Wie heidnisch imtiefsten Herzenwas die Vermischung des rein Formalen anlangtMichelangelosJahrhundert wartritt hier in fast abschreckender Weise hervor. Das von ihm indieser Grablegung ausgebeutete Motiv nämlich ist einer Komposition Mantegnasentnommen worden: einem Bacchanalewo wir einen trunkenen Silen von zwei Faunenfast in derselben Weise fortgeschleppt sehen.

Wir wissenwie tief religiös Michelangelo dachte und fühlte. Wenn erdeshalb unbefangen hier Mantegna benutzteso liefert das eben nur den Beweisdafürwie sehr kirchliches und heidnisches Altertum damals zusammenflossen undwie wenig manwo es sich um Kunstformen handelteauf den Inhalt achteteandem sie zur Erscheinung kamen. Nicht anders ist es zu erklärenwenn Raffaelspäter dieselben Kindergestalten hier als Engel mit einer Maria und dort alsAmoren bei einer Venus erscheinen läßt.

Daß solche Arbeiten neben Michelangelos großen Schöpfungen zur Entstehungkamendarf nicht wundernehmen bei seinem Fleiße. Er war in unablässigerTätigkeit. Eine ganz andere Aufgabeals diese einzelnen Werke botenwurde ihmin der Bestellung von zwölf Statuen der Apostel zuteiljeder vier und eineviertel Elle hochüber welche dieselben Konsuln der Wollenweberzunftfür dieMichelangelo den David arbeiteteim Frühling 1503 einen Kontrakt mit ihmabschlossen. Ein Jahr gerade vor Vollendung des David. Die Leute kannten ihnjetzt einigermaßen und erfanden ein geniales Mittelihn zuverlässig zumachen. Alle Jahre sollte ein Apostel abgeliefert werden. Michelangelo würdeauf Kosten der Besteller nach Carrara gehen und die Blöcke auswählen. DerPreis bliebe dem Gutdünken überlassen. Dagegen ginge mit jeder Statue einZwölftel des Eigentums an einem Hause auf Michelangelo überdas derKirchenvorstand nach seinen Vorschlägen als Werkstätte für ihn erbauen ließso daß es mit der Ablieferung des letzten Apostels völlig in seinen Besitzgelangte. Dies war gewiß lockendund trotzdem kam nichts zustande als derApostel Matthäus in den gröbsten Umrissender heute im Hofe der Akademie vonFlorenz steht.

Michelangelo wollte seinen David fertig bringen. Hier hielt er Wort. Zwarvollendete er ihn nichtwie Condivi sagtin achtzehn Monatenauch nicht inden bedungenen zwei Jahren: die Arbeit dauerte einige Monate darüber hinaus;aber wenn man die unruhigen Verhältnisse der Stadt bedenkt und dieZwischenaufträgedenen Michelangelo sich nicht zu entziehen vermochtesoerscheint dieser Zeitraum gering genug. Er arbeitete so fleißigdaß er nachtsoft angekleidet schliefwie er von der Arbeit hinfielum anderen Tages gleichwieder daranzugehen. Am 25. Januar 1504 beriefen die Konsuln derWollenweberzunft eine Versammlung der ersten florentinischen Künstler. DerDavid des Michelangelo sei so gut wie fertig: es solle beraten werdenwo er ambesten aufzustellen sei.

Das hierüber geführte Protokoll ist noch vorhanden. Es teilt den Wortlautder vorgebrachten Meinungen mit und ist auch deshalb wichtigweil es über denPersonalbestand der im Jahre 1504 zu Florenz befindlichen Künstler vonBedeutung Auskunft gibt. Es führt uns in die Bewegung jenes Tagesan demMichelangelo zum ersten Male sein Werk den Blicken der Meister preisgab. In derWerkstätte angesichts der Statue traten die Männer zusammen. Michelangelohatte die letzte Zeit einen Bretterzaun um sein Werk gezogen und niemandemZutritt gestattetjetzt aber stand der jugendliche Riese unverhüllt vor allerAugen und forderte Lob und Tadel von denendie in der ganzen Stadt zu einemUrteil die Berufensten schienen.

Messer Francescoerster Herold der Signorieeröffnete die Sitzung. »Ichhabe die Sache in meinem Geiste hin und her überlegt und reiflich erwogen«beginnt er. »Zwei Orte habt ihrwo die Statue stehen kannentweder dawo dieJudith stehtoder im Hofe des Palasteswo der David steht.« Eingeschaltet seihier die Bemerkungdaß beides Werke Donatellos sind. Die JuditheinBronzegußder jetzt unter einem Bogen der Loggia bei Lanzi seinen Platz hatwurde im Jahre 1495 aus dem Palaste Medici fortgenommen und neben dem Eingangedes Regierungspalastes aufgestellteine mehr seltsame als anziehende Arbeit.Der Davidder mit dem einen Fuße auf das Haupt Goliaths tritt und in der Handein Schwert hältist dieselbe Statuedie Michelangelo für den Herzog vonNemours zu kopieren hatte. Der Hof des Palastesin dem sie damals befindlichwarist engweil das Gebäude sich so hoch erhebt und von schönerArchitekturund das Lichtdas aus der Höhe herabfälltvon eigentümlichbläulichem Schimmer. – »Für den ersten Ort«fährt Messer Francesco fort»sprichtdaß er für die Judithals ein böses Omennicht geeignet ist.Denn unsere Abzeichen sind das Kreuz und die Lilieund es ist nicht gutdaßda eine Frau stehewelche einen Mann tötet. Auch wurde sie unter einerungünstigen Konstellation daselbst aufgestellt. Deshalb ist es auch seit derZeit immer schlechter und schlechter bei uns gegangen und Pisa verloren worden.Was dagegen den David im Hofe des Palastes anbetrifftso ist er unvollkommendenn von hinten angesehenbietet sein eines Bein einen häßlichen Anblick dar.Deshalb geht mein Rat dahindem Giganten einen dieser beiden Plätze zu gebenam liebsten denwo die Judith steht.«

Wie seltsam klingt der politische Aberglaube dieses Mannes! So war der Bodenbeschaffenauf dem Savonarola festen Grund gefunden zu haben glaubte. Ein Wustsolcher Ideen flatterte in der Atmosphäre jener Zeit umher und umspann Hoch undNiedrig mit seinen Fäden.

Der Architekt Monciatto ist der Zweiteder seine Meinung abgibt. »Ichglaube«sagt er»daß alle Dinge ihren Zweck haben und daß sie dafürangefertigt werden. Da nun diese Statue dafür gemacht worden istum auf einemvon den Pilastern außerhalb der Kirche oder auf einem der inneren Pfeiler ihrenPlatz zu findenso sehe ich keinen Grund einsie jetzt daselbst nichtaufzustellen. Sie schiene mir da als ehrenvolle Zierde der Kirche und desKirchenvorstandes und auch an einem vom Verkehre berührten Orte zu stehen.Indessenda ihr doch einmal von der ersten Ansicht abgegangen seidso sageichman möge sie im Palaste oder im Inneren der Kirche aufstellen. Da ichübrigens nicht sicher hinwo sie am besten stehen wirdso halte ich mich andaswas die anderen sagen: die Zeit war zu kurzum über einen besseren Platznachzudenken.«

Nach ihm nimmt Cosimo Roselli das Worteiner der älteren Meisterder etwassteif und hölzern in seinen Bildern erscheint. Er drückt sich ebenso konfuswie sein Vorgänger aus. Er stimme den beiden Herren bei. Am besten würde dieStatue im Inneren des Palastes stehen. Übrigens sei seine Ansicht gewesenmansolle sie an der Treppe vor der Kirche rechter Hand auf einen hohen verziertenUnterbau stellen. Da würde er sie hinbringenwenn er zu bestimmen hätte.

Sandro Botticelli äußerte hieraufRoselli habe gerade den Ort getroffenden er auch meine. Alle Vorübergehenden sähen den David da am besten. AlsPendant auf die andere Seite könne man eine Judith hinstellen. Doch meint erauch unter der Loggia neben dem Palaste der Regierung sei ein guter Platz fürsie.

Nun kommt Guiliano di Sangallo zu Worteeiner der berühmtesten Architektenund Ingenieure in Italien. Er und sein ebenso berühmter Bruder Antonio standenin Diensten der Republik und waren oft mit der Errichtung von Festungswerkenoder städtischen Bauten beauftragt. Er ist dafürdie Statue unter denmittelsten Bogen der Loggia zu stellen. Der Marmor sei zart und durch dieWitterung bereits angegriffener müsse bedeckt stehen. Doch könne man sieauch an die innere Rückwand der Loggia bringen mit einer schwarz ausgemaltenNische dahinter.

Diese Meinungdaß der David ein Dach über sich haben müsseerhälterneute Wichtigkeitweil seine heutige Versetzung zum Teil ähnlicher Gründewegen erfolgt ist. Sangallo wurde nicht gehört. Drei Jahrhunderte lang standdie Statue an der freien Luftbis ihr Zustand es notwendig machtesie unterDach und Fach zu schaffen. Die heutigen Florentiner waren dagegenweil derDavid auf seinem alten Platze bleiben müsse. Damals hätte man besser getanihn unter die Loggia zu stellen.

Am 25. Januar 1504 hatte man die wichtigsten Bedenken gegen die Loggia. Derzweite Herold der Signorie tat sofort Einspruch. Die Loggia werde zuöffentlichen Feierlichkeiten gebraucht; sollte der David durchaus darunterstehenso möge man ihn unter ihren offenen Seitenbogen nach dem Palaste hinaufstellen. Da stände er unter einem Dache und zugleich niemandem im Wege. Auchmachte er den Vorschlagob die versammelten Herrschaften sich nicht lieberbevor sie einen Beschluß faßtenan die Herren von der Regierung selber wendenwolltenunter denen Leute wärendie mit solchen Dingen Bescheid wüßten.

Nachdem eine Anzahl anderer Künstler nichts Neues vorgebrachtbegegnen wirjetzt einem Manneder sich in dieser Versammlung durch seine Worte allerdingsnicht hervortatder aber als der größte aller damals lebenden Künstler nachkurzer Zeit auch Michelangelo gegenüber hohe Bedeutung gewinnt: Leonardo daVinci.

Leonardo war schon im Jahre 1499 nach Florenz zurückgekehrt und vielleichtbereits dort anwesendals Michelangelo aus Rom kam. Lodovico Sforzasein Herrdem er beinahe zwanzig Jahre lang gedientfiel als das Opfer der eigenenränkevollen Politik. Die Franzosen nahmen ihm sein Lander flüchtete nachDeutschlandkam zurückwurde abermals geschlagenerkanntals er inerbärmlicher Verkleidung davonzukommen versuchteund nach Frankreichgeschlepptwo er nach zehn Jahren elenden Gefängnisses abstarb.

Leonardo nahm an des Herzogs Hofe und in Mailand eine Stellung einwie ersie nirgends wiederzufinden hoffen durfte. Bei allen künstlerischenUnternehmungen zu Rate gezogenals Baumeister am Dome angestelltals Gründereiner Malerakademieals Ingenieur für Wasserbauten und Kriegswesen imhöchsten Ansehenmalte er Bild auf Bild zur Vergrößerung seines Ruhmes undkrönte zuletzt alleswas er geleistetdurch das Abendmahl im Kloster SantaMaria delle Graziewo dies Gemälde eine Wand des Speisesaals einnimmt. Es warhergebracht in den italienischen Klösterneine solche Darstellung an dieserbestimmten Stelle anbringen zu lassen.

Heute nochwo das Werk beinahe verschwunden istwirkt es mitunwiderstehlicher Gewalt durch die Bewegung der Gestalten und durch die Kunstmit der sie zu Gruppen verbunden sind. Christus bildet die Mitte; zur Rechtenund zur Linken zwei Gruppenjede von drei Gestalten. Dadurch nundaß imganzen die größtefast architektonische Symmetrie herrschtim einzelnen abereine Freiheitdurch die in der Stellung jeder Figur ihr ganzer Charakter zumAusdruck kommtentsteht eine Wirkungdie in Momenten der Bewunderung zu derBehauptung nötigen könntees sei dies die schönste und erhabensteKompositiondie jemals ein italienischer Meister zustande brachte. Sicherlichist sie das früheste Werk jenes großartigen neuen Stilesin dem Michelangelound Raffael später maltendenen dies Gemälde jedoch niemals zu Gesicht kamda keiner von beiden in Mailand gewesen ist.

Leonardos Lieblingsarbeit aber war eine Reiterstatuedie Francesco Sforzaden Vater des Herzogs Lodovicodarstellte. Sechzehn Jahre brauchte erum dasModell zu verfertigen. Im Jahre 1493als Bianca Sforza den Kaiser Maximilianheiratete und die Hochzeit in Mailand prachtvoll begangen wurdewar es untereinem Triumphbogen ausgestellt. Und jetztbei der Eroberung der Stadt durch dieFranzosenhatte es den gascognischen Armbrustschützen zum Ziel für ihreBolzen gedient. Der Herzog war gefangenLeonardo verließ die Stadt. Er hatUnglück gehabt mit seinem Ruhme. Denn es war doch nur eine böse Laune desSchicksalsdaß dieses Werkan dem er zuletzt auf eigene Kosten hatte arbeitenlassenweil dem Herzog das Geld ausgingnun so verlassen werden mußteunddaß das Abendmahl von der feuchten Mauerauf die es gemalt worden istvorzeitig abblättertewährend viel ältere Malereien in demselben Saaleunversehrt geblieben sind. Von dem Modelle der Statue hören wir zuletzt 1501wo der Herzog Ercole von Ferrara sich vergeblich bemühtedas Pferd fürFerrara zu erhaltendas er zu seiner eigenen Statue verwenden wollte.

Dennoch besitzen wir noch genug Werke des großen Meistersum dieErzählungen vom Zauber seiner Kunst nicht als inhaltslose Übertreibungenbetrachten zu müssen. Man ist immer geneigthier ungläubig zu sein. LeonardosGemälde aber sind von solchem Reizedaß die wahrhaftigste Beschreibung hinterihnen zurückbliebe. Man würde es nicht für möglich haltenwenn man es nichtmit Augen sähe. Er besitzt das Geheimnisdas Klopfen des Herzens beinahe ausdem Antlitze derer lesen zu lassendie er darstellt. Er scheint die Natur inewigem Sonntagsglanze zu erblickengar nicht anders. Wirweil unsere Sinnesich abstumpfen allgemach und weil wir denselben Verlust bei unseren Freundenentdeckenglauben zuletztder frischefrühlingsreine Anblick der Natur unddes Lebensder sich uns auftatsolange wir Kinder warensei nur eineTäuschung des Glücks gewesenund das gedämpftere Lichtin dem sie unsspäter erscheinengewähre die wahrhaftigere Betrachtung. Aber treten wir vorLeonardos schönste Werkeob da nicht die Träume idealen Daseins wiedernatürlich und inhaltsreich erscheinen! Wie einem Magneteder durcheisenhaltigen Sand fährtdie Splitter des Metalls zufliegen und in tausendfeinen Spitzen an ihm haften bleibenwährend die Sandkörner machtlosabfallengibt es Menschendiedurch das tote Gewühl des ewigen Verkehrshinstreifenddie Spuren des echten Metalls darin allein mit sich forttragenwillenlosnur ihrer Natur nachdie es von allen Seiten her aufsaugt. Es sindseltenebevorzugte Männerdenen das zuteil ward. Leonardo gehörte zu diesenBegünstigten des Schicksals. In Begleitung eines wunderschönen Jünglingserschien er jetzt in FlorenzSalainosder ihm aus Mailand dahin gefolgt warnach dessen krausenineinander geringelten Locken (begli capelli ricci einanellatisagt Vasari) er das goldschimmernde Haar mancher Engelsgestaltengemalt hat. Salaino war sein Schüler; noch deutlicher aber offenbart sich derGrundsatzdaß das Gleiche Gleiches an sich ziehein einem anderen seinerSchülereinem schönenjungen Mailänder aus guter FamilieFrancesco Melzimit Namendessen Gemälde von denen Leonardos kaum zu unterscheiden waren. Aberer malte wenigweil er reich war. Beinahe dasselbe kann von Boltraffioeinemanderen seiner Schüler und mailändischem Edelmannegesagt werden.

Als Leonardo nach Florenz kamwar er der erste Maler Italiens. FilippinoLippi trat ihm eine Bestellung abein Altarbild für die Kirche eines Klostersin dem Leonardo mit seiner Dienerschaft sich einquartiertedann aber langezögerteehe er seine Arbeit in Angriff nahm. Ganz ebenso hatte er es inMailand gemachtehe er das Abendmahl begann. Tagelang saß er dortohne dieHand zu rührenvor seinem angefangenen Werkein Betrachtungen verlorenunderwartete den Momentwo sich ihm das Antlitz Christi so offenbaren würdewieer es im Geiste zu erblicken wünschte. Es half nichtsdaß der Prior desKlosters sich beim Herzog selber beklagte.

Endlich brachte er auch in Florenz etwas zustandeeinen KartonChristusMaria und die heilige Anna. Das Volk von Florenz strömte in das Klosterumdieses Werk zu bewundern. Sein höchster Triumph aber war das Bildnis der MonaLisader Frau des Francesco del Giocondoeine Schöpfungdie allesübertrifftwas die Kunst in dieser Richtung geschaffen hat. Franz der Ersteerkaufte es nach Frankreichwo es heute noch im Louvre zu sehen ist. AlleBeschreibung würde vergeblich sein. Wie das Antlitz der sixtinischen Madonnadie reinste Jungfräulichkeit darstelltso sehen wir hier die schönste Frauweltlichirdischohne Erhabenheitohne Schwärmereiaber von einer stillenruhenden Gelassenheitmit einem Blickeinem Lächelneinem sanften Stolzeder sie umgibtdaß man mit unendlichem Vergnügen ihr gegenübersteht. Es istals schlummerten in ihr die Gedankenals lägen LiebeSehnsuchtHaßalleswas ein Herz erregen kanneingesummt vom Gefühle genügsamen Glückes. VierJahre arbeitete er daran und gab das Bilddas die höchste Stufe derVollkommenheit erreicht zu haben scheintals unvollendet hin. Wenn er daranmaltemußte immer Saitenspiel und Gesang im Gemache seinoder er ludgeistreiche Leute einum die schöne Frau zu erheitern und den melancholischenZug verschwinden zu lassender sich so leicht in ein Gesicht einschleichtdasstillhältum gemalt zu werden. Ein solches Porträt war nicht geschaffenwordensolange es Künstler in Italien gab. Und so wuchs der Ruhmden Leonardoaus Mailand mitgebrachtdurch denden er nun in seiner Vaterstadt frischdazuerwarb.

Michelangelo konnte sich ihm als Maler nicht im Entferntesten vergleichen.Als Bildhauer aber nahm er die erste Stelle ein. Dennoch war es nicht möglichdaß die Gebiete scharf geschieden bliebenda jeder von beiden Bildhauer undMaler zugleich war. Dazu die Differenz des Naturells und des Alters.Michelangelos noch keine Dreißigstolz und voll Bewußtsein dessenwas ergetan hatte und tun wollte: Leonardoein bald fünfzigjähriger Mannder seitlangen Jahren am Hofe des reichsten Fürsten von Italien die erste Stelleeingenommenempfindlich von Naturdurch die letzten Erfahrungen vielleichtsogar erbittert und nicht gewilltmit einem anderen das Gebiet zu teilendaser allein zu beherrschen gewohnt gewesen.

Bei dem Marmorblockeden Sansovino gefordert hattegeriet Michelangelo(wenn Vasari wahr ist) mit Leonardo zuerst zusammendem der Stein gleichfallszugedacht gewesen war. Es wäre jedoch zuviel gewagtwollten wir annehmendaßLeonardos Abwesenheit im Jahre 1502 und im folgenden schon durch Eifersucht aufMichelangelo herbeigeführt worden sei. Während dieser Zeit stand er inDiensten Cesare Borgias als Architekt und General-Ingenieur der Romagna.Leonardo kannte den Festungsbau und was dazu gehört von Grund auses verlangteihn nach einer Tätigkeitdie seine Kräfte in Anspruch nähmeendlicher wardaran gewöhnteinem Fürsten zu dienen. Keinen besseren Herrn konnte er findenals den Herzogdessen edlere Eigenschaften den seinigen entsprachen. DieselbeStärke war auch Leonardo eigender ein Hufeisen wie Blei zusammenbog. Cesarewar von königlicher Freigebigkeit und einer der schönsten Männer. Seineausgezeichneten Feldherrngaben erkannte jeder anseine Armeedie Artilleriebesondersgalt für die beste in Italien. Seine Zukunft schien gesichert. Erwollte sich ein Königreich zusammenerobernund der Anfangden er gemachthatteließ große Dinge erwarten.

Damals nämlichals die Medici im Jahre 1502 mit ihrer Expeditionverunglückt warenund auch ihm selber das florentinische Gebiet vom König vonFrankreich als unangreifbare Ware erklärt worden warhatte er sich gegenUrbino gewandt und dieses Herzogtum in seine Gewalt gebracht. Immer noch alsFreund der Republikdie ihn sogar mit Mannschaften dabei unterstützte.Leonardos Dienst also war keine Verräterei an seinem Vaterlandeobgleich dasnicht zu leugnen bliebdaß Cesares Absichten auf die Stadt sich nichtändertensondern nur aufgeschoben wurden.

Wie lange Zeit er beim Herzoge bliebist nicht genau anzugeben. 1503 findenwir ihn im florentinischen Lager vor Pisa und 1504 endlich wieder in der Stadtselbstwo er neben anderen Arbeiten noch immer mit dem Porträt der Mona Lisabeschäftigt war.

In der Versammlung spricht er nur wenig Wortemit denen er sich fürSangallos Ansicht erklärt; die Statue sei unter die Loggia zu stellen; es werdesich schon so einrichten lassendaß die öffentlichen Festlichkeiten nichtdarunter zu leiden hätten. Diese Meinung hatte an jenem Tage die Majoritätfür sichscheint es. Zur Annahme gelangte sie jedoch nicht. Einer von denHerrender Goldschmied Salvestrotrat mit dem Vorschlage aufman möge dochdenjenigender die Bildsäule gearbeitet hätteauch den Ort bestimmen lassenden sie künftig einnehmen solle. Er würde am besten wissenwohin sie paßte.Darauf scheint man späterhin zurückgekommen zu sein. Michelangelos Ansichtenaber stimmten mit denen des ersten Herolds der Signorie überein. Er verlangteden Platz neben der Türe des Palastesund dafür entschied man sich.

Aus der Zahl dererwelche versammelt warennenne ich noch Filippino LippiGranacciPier di CosimoLorenzo di Credi und zuletzt dender nach Leonardoder wichtigste istPietro Perugino. Er und Leonardo waren Jugendfreunde und beiVerrocchio zusammen in der Lehre gewesen. Peruginoschon an sechzig Jahre althatte sich Ruhm und Geld erworben und besaß ein Haus in Florenzwo erumgebenvon Schülern und von Bestellungen überhäuftdas tätigste Dasein führte. Erhatte in Florenz eine neue festere Manier an die Stelle der hergebrachtenDelikatesse zu setzen gewußt und wird als der Gründer derjenigen Richtungbetrachtetin der Raffael so Großes leistete. Mit kräftigem Schatten rundeteer seine Gestalten und löste sie los vom Hintergrundestatt des üblichenGedränges von Figurendas die Gemälde der florentinischen Meister zuerfüllen pflegtgab er geordnete Gruppendie weniger zahlreichabervollendeter erschienen. Seiner Natur nach war er derbzu handwerksmäßigerAusbeutung seiner Kunst immer stärker hinneigend und ohne die GabeseinenArbeiten den geheimnisvollen Reiz zu gebender den Werken der größten Meisterinnewohnt.

Nehmen wir ihn in erneuter Verbindung mit Leonardozählen wir die Schülerund Genossen hinzudie sich zu beiden hieltenund denken wir sie in Oppositiongegen Michelangeloso sehen wir diesen allein einer gewaltigen Gegnerschaftgegenüber. Es wäre nicht zulässigdergleichen anzunehmen und die Gefühledie durch spätere Ereignisse erregt wurdenauf diese Zeiten schonzurückzudatierenwenn nicht die bestimmtesten Andeutungen vorlägendie dazuberechtigten. Denn noch war der David nicht auf seiner Stelleund all der Ruhmder Michelangelo daraus erwuchs und den Neid der anderen hätte erweckenkönnenkaum im Entstehen begriffenals schon der bittere Haß gegen ihn zumDurchbruch kan.

Die Statue hatte ein Gewicht von 18 000 Pfund. Cronaca erfand das Gerüstumsie fortzuschaffenein Balkengestellinnerhalb dessen sie an hänfenenStricken ausgehangen war. Sie blieb so in leise schaukelnder Bewegung ohneanzustoßenwährend das Ganzeauf vierzehn geölten Balken liegenddurchWinden langsam fortgezogen wurde. Vierzig Mann arbeiteten daran. Vasari lobt dieeigentümlich geschlungene Schleife des Strickesdie sich bequem umlegte undvon selbst immer fester anzog.

Am 14. Mai abends um Ave Maria wurde die Statue aus der Werkstätte ins Freiegezogen. Die Mauer über dem Tor hatte müssen durchbrochen werdenum denAusgang zu ermöglichen. Die Figur hing aufrecht schwebend inmitten desGerüstes. Man kam langsam vorwärts und verließ sie mit einbrechender Nachtum am Morgen weiterzuarbeiten. Nun zeigte sichwas Giovanni Pifferoeiner derberatenden Meister vielleicht damit gemeintals er gesagtes könne ihrwennsie in der Loggia ständeleicht ein schlechter Kerl mit einer Stange einenStoß versetzen: denn bei Nacht wurde jetzt mit Steinen nach ihr geworfen. EineWache mußte geordert werdenum sie zu schützen. Drei Tage dauerte der Zugdurch die Straßen und nachts die Angriffe. Man attackierte die Wachenund achtvon denendie ergriffen wurdenkamen ins Gefängnis. Kein Gedanke darandaßLeonardo oder Perugino auch nur eine Ahnung von diesen Schändlichkeiten gehabtzu natürlich aber die Annahmedaß die später offen ausbrechende Feindschaftzweier künstlerischer Parteien beginnend hier schon ihren Einfluß geäußert.

Am 18. Mai 1504 mit Anbruch des Tages langte man auf dem Platze an. DieJudith des Donatello wurde beiseite geschafft und der David an ihre Stellegesetzt. Michelangelo hatte die Größe des Blockes so vollständig benutztdaß oben auf dem Haupte der Statue ein Stückchen von der natürlichen Rindedes rohen Steins sichtbar geblieben war. Der David steht einfach da. Mitscharfem Blicke scheint er ein Ziel ins Auge gefaßt zu haben. Der rechte Armin dessen Hand die Schleuder liegtfällt in natürlicher Ruhe an der Seiteherab. Die Linke ist vor der Brust erhobenals wolle sie einen Stein in dieSchleuder legen. Sonst nichts Fremdes an ihm; völlig nackt ist erdasungeheure Bild eines etwa sechzehnjährigen Jünglings.

Seine Aufstellung war ein Naturereignisnach dem das Volk zu rechnenpflegte. Man findet: so und so viel Jahre nach der Aufstellung des Giganten. Daswird angeführt in Aufzeichnungenin denen sonst keine Zeile für die Kunstübrig war. Seit Jahrhunderten stand der David nun an der Tür des dunklengewaltigen Palastesdie Schicksale der Stadt sind mit an ihm vorübergegangenund die Florentiner hatten rechtden David als den guten Genius ihrer Stadt zubetrachtender da stehen bleiben solltewohin der Meister selber ihn gestellthatte.

Es hat dreißigjähriger Verhandlungen bedurftehe man sich entschließenkonnteihn heute dennoch von seinem Posten hinwegzunehmen. Es zeigten sichRisse im Marmorwelchewenn die Statue nicht an einen geschätzten Ortgebracht wurdeverderblich zu werden drohten. Wie bei jener ersten Verhandlungder alten florentinischen Meister wurde nun abermals die Loggia dei Lanzi inVorschlag gebrachtendlich aber der Bau eines besonderen Saales in der Akademieder Künste beschlossenwohin das Werk im Jahre 1876 gestellt worden ist und woesgereinigt und vortrefflich aufgestelltgrößer und schöner erscheint alsvor dem Palasteda der Marmor an vielen Stellen schmutzig oder dunkel gewordenwarso daß einzelne Teilebesonders das Antlitzverändert und entstellterschienen.

Um die Stadt für den Verlust jedoch zu entschädigenhat man die Statue inErz gießen lassen und sie auf erhabenem Postamente inmitten des nachMichelangelo genannten neuen Platzes aufgestelltderam nördlichen Abhangevon San Miniato gelegenjetzt einen schönen Blick weit über das Land bietet.Von hier aus beherrscht die Gestalt Florenz und das Tal des Arnobis fern zuden Gebirgendie es nach rechts hin abschließenund weit in die Ebene hineindie sichzur Linkennach Pisa hin auftut. Alleswas Michelangelo an seinerVaterstadt teuer warumspannt unser Auge hier in leichter Bewegung. Die Statueselber in ihrem dunklen Erzemit dem lichten Himmel oder auch mit Gewölk alsHintergrundscheint wie in ein neues Element erhoben zu sein: sie wirktkolossaler als sie unten auf dem Platze getan. Sie erscheint schlankerund dasMomentane der Bewegung tritt schärfer hervor.

Jaes ließe sich behauptendaß das Erz günstiger für die Gestalt seials der Marmorund daß Michelangelowenn er heute lebtedie Vertauschung desMateriales nicht mißbilligt hätte.

II

Die Vollendung des David traf in einer Weise mit der Befreiung der Stadt vonihren drei gefährlichen Feinden zusammendaß seine Aufstellung auch dadurchzu einem denkwürdigen Moment ward.

Die beiden erstendie zugrunde gingenwaren die BorgiaVater und Sohn.Cesare Borgia oderwie er nach seiner Heirat mit einer französischen Prinzeßgemeinhin genannt wurdeder Duca Valentino stand im Jahre 1503 auf dem Gipfelseiner Macht. Die RomagnaUrbino und Piombino gehorchten ihmFerrara demGemahle seiner SchwesterPisaSiena und Florenz lag die Schlinge um den Halsmit Venedig stand man in gutem Einvernehmen; Neapel war der letzte große Fangden er zu tun hoffte. Einstweilenim Herbste des Jahreshatte er auf Pisa seinAuge geworfenan dem sich Florenz noch immer fruchtlos abarbeitete.

Er verstärkte seine Truppen und schaffte mehr Geld zusammen. Vater und Sohnbedienten sich verschiedener Mittel zu diesem Endzweck. Reiche Leutedenen sichbeikommen ließvergifteten sie und setzten sich in Besitz der Erbschaft. DasGiftdessen sich der höchste Priester der Christenheit zu diesem Zweckegewöhnlich bedientewar ein schneeweißes Pulver von großer Feinheit undangenehmem Geschmackedas langsam wirkend in den Körper übergingaber sicherbis zum gewünschten Ende fortwirkte. In anderen Fällen wandte man raschereMittel an. Am beliebtesten war der einfache Mordder dann sogar notwendigerschienwenn derjenigeauf den die Borgia es abgesehenin Essen und TrinkenVorsicht anwandte. Denn man suchte sich zu schützen. Es kam vordaß großeHerrenwelche von den Päpsten gefangen gesetzt wurdenbeinahe verhungertenweil sie sich die fremden Speisen anzurühren weigerten.

Der 15. August 1503 war zu einer jener stilleren Hinrichtungen bestimmtderKardinal von Corneto das ausersehene Opfer. Der Papst gab sich gegen Abend nachseiner dicht beim Vatikan gelegenen Villadem Belvederewo man sich von derHitze des Tages erholen wollte. Einige Flaschen vergifteter Wein waren vomHerzoge einem der aufwartenden Diener mit der Weisung übergeben wordennur denKardinal und keinem anderen daraus einzuschenken.

Die Hitze war großder Papst fühlte sich ermattet und durstigdieMahlzeit war noch nicht bereitja der Mundvorratden man erwartetenoch garnicht eingetroffen. Er verlangte zu trinken; nur einige Flaschen Wein fand manvorniemand wußtewie gefährlich sie warenoder diewelche es wußtenwollten sich nicht daran erinnern – er trank davon und Cesareder dazukamließ sich ebenfalls verlocken. Der Papst stürzte sogleich wie tot zu Boden undwurde sterbend in den Vatikan getragen. Am dritten Morgen lag seine Leiche inSankt Peter. Ungeheurer Jubel erfüllte die Stadtdie Römer stürzten herbeiund konnten sich nicht sättigen an dem Anblick dieses Mannesderblau undaufgedunsenendlich machtlos und vernichtet war wie eine Schlange. die sich mitihrem eigenen Gifte getötet hatte.

Cesare kam davon. Er kannte Gegenmittel und war rechtzeitig damit versehenworden. Seine Riesennatur überwand den Angriffaber jetzt im wichtigstenentscheidendsten Momente seiner Laufbahn sah er sich krank und beinahe unfähigseine Macht wirken zu lassen. Daß der Papst sterben müßtehatte ervorausgewußt; die spanischen Kardinäle waren von ihm gewonnener wollte einenPapst machenwie er ihn brauchen konnte. Jetzt beklagte er sein Schicksaldaßer alle Möglichkeit berechnetnur die eine nichtdie Krankheitdie ihm dieHände fesselte.

Gewählt wurde der Kardinal Piccolominiderselbefür den Michelangelo inSiena zu arbeiten hattealt und kränklichein Auskunftsmittelweil man sichnoch nicht verständigen konnte. Er bestieg als Pius der Dritte den heiligenStuhl. Während seiner Regierung vereinigten sich die Kardinäle: er wurdevergiftet und mit seltener Einstimmigkeit nun der Kardinal Vincula an seineStelle gewählt. Mitbewerber waren die Kardinäle d'Amboise und Ascanio Sforza.Vincula trat unter dem Namen Giulio der Zweite die Regierung an. Ein alter Mannzerfressen von Leidenschaften und von der Krankheitdie damals Europa peinigte.Man hat in einem Zuge ein Bild seines Charakterswenn man erwägtdaß es ihmdem unermüdlichen Todfeinde der Borgiastrotz allem Geschehenen gelangCesaredurch Versprechungen auf seine Seite zu bringen. Nach einem solchenMeisterstücke waren die übrigen Kardinäle leichtere Arbeit. SeineVerheißungen überstiegen alles Maß und wurden doch für bar angenommen. Werihm nur irgend nützlich sein konnteempfing zugesagtwas er begehrte. SeinLeben lang war Vincula als ein Mann bekannt gewesender das gegebene Worthielt. Alexander Borgia sogar hatte das anerkannt. Jetzt verwertete er den somühsam erworbenen guten Namen. Dennoch war es kein Geizder ihn so handelnließdenn was er besaßgab er hin. Er wollte unter allen Umständen Papstwerden.

Am ärgsten wurde aber dem Herzoge mitgespieltder im Besitz der Engelsburgdie Stadt beherrschte und dessen Truppen drohend in der Romagna lagen. Cesareerhielt das Versprechenalles werde ihm erhalten bleiben; fernerseine Tochtersolle mit Maria Francesco della Roveredem Neffen des Papstesverheiratetwerden; zum Schlußer sollewozu ihn sein Vater gemachtGeneralkapitän despäpstlichen Heeres bleiben. Giulio nahm ihn zu sich in den Vatikan; sie wohntenda zusammen; in der innigsten Übereinstimmung lebendberieten sie die Zukunft.Endlich macht sich Cesare aufum seine Staaten zu erreichen. In Ostia aberholen ihn die Leute des Papstes einer müsse noch einmal mit ihnen zurück. Erwittert Unrat und rettet sich vor der Gewalt auf ein spanisches Schiffdas ihnnach Neapel bringtwo er von Gonsalvo di Cordovadem spanischen Vizekönigglänzend aufgenommen wird. Von dort will er sich nun in die Romagna begebenallein als er eben das Schiff bestiegen hattewird er plötzlich zum Gefangenenerklärt und nach Spanien geführtvon wo er nie wieder nach Italienzurückkehrte. Wie dieses Ende der Borgias ein ihrem Leben entsprechendes warso ist der Tod Piero dei Medicis mit dem seinigen im Einklang. Nach dem für ihnso beschämenden letzten Rückzuge aus Toskana hatte er Florenz einstweilenaufgegeben und war zur französischen Armee nach Neapel gegangen. Aber auch hierverfolgte ihn das Unglück. Die Spanier begannen gerade die Oberhand zugewinnen. Am 28. Dezember kommt es am Garigliano zur Schlacht. Es handelte sichdarumden Fluß mit Gewalt zu überschreiten. Die Franzosen werden geschlagenund Piero ertrinkt. In Montecassino liegt er begraben.

Den Florentinern blieb jetzt nur eine Sorge noch: Pisa war wieder zu erobern.Erlöst aber von dem Drucke der Befürchtungdie ihnen von den Borgias undMedicis erwuchskonnten sie den Krieg mit den besten Hoffnungen auf Erfolgfortsetzen

III

Nachdem Michelangelo sich in solcher Weise ausgezeichnet hattefühlte manscheint esin Florenzdaß auch Leonardo da Vinci Gelegenheit gegeben werdenmüsseetwas Großes zu tun. Soderiniseit dem Herbste 1502 zum Gonfalonierauf Lebenszeit erwähltweil die Stadt ihm und seinem Bruderdem Bischof vonVolterradie rettende Hilfe Frankreichs zu verdanken hattewar Leonardosbesonderer Freund. An Soderini lag es wohldaß man einen würdigen Auftrag alsEhrensache ansah. Er machte den Vorschlagdie leeren Wände des Saalesinwelchem das Consiglio grande tagtemit Gemälden bedecken zu lassen. AnfangsFebruar 1504kurze Zeit alsonachdem über den David beraten worden warerhielt Leonardo den Auftragdie eine große Wand des Saales auszumalen. ZurAnfertigung des Kartons richtete man ihm den sogenannten Saal des Papstes imKloster Santa Maria Novella einwo in früheren Zeiten die Päpste und andererfürstlicher Besuch abzusteigen pflegten

Über den Inhalt des von ihm geschaffenen Gemäldes sind wir nicht ganz imklarenda es samt dem Karton zugrunde gegangen ist und die vorhandene Kopienicht mit der Beschreibung stimmtwelche von Leonardos eigener Hand davon aufunsere Tage kam. Seine Worte umfassen ein kompliziertes Werk mit vielen Gruppendie sich zu einem Ganzen verbindendie Kopie dagegen gibt nur eine einzigeGruppeein Gefecht von Reiterndie wahrhaft furienmäßig ineinander verbissensind. Menschen und Pferde fallen sich an und bilden ein KnäueldessenMittelpunkt ein seine Fahne verteidigender Krieger ist. Eine Art kannibalischerMordwut erfüllt die Gesichter und die ganzen Gestalten; seltsame Rüstungennach Art der alten Römer bedecken sie; in kühnen Stellungen winden sich dieKörper – alles meisterhaft gezeichnet. Jedenfalls bildeten diese kämpfendenReiter den Mittelpunkt des Gemäldes. Die uns erhaltene Kopie ist von Rubenssehr wirkungsvoll gestochen von Edelinck. Doch wissen wir nichtwie viel Rubensvon seinem Eigenen dazutat und wie treu er sich an das Original gehalten hat.Die Florentiner müssen wie verblüfft vor dem Werk gestanden haben. Es wardurchaus etwas Neues. Niemand konnte erwartendaß derselbe Künstlerderbisher so zarte Bilder nur seiner sanft hinträumenden Phantasie entlockteinkolossalen Figuren die entfesselten Leidenschaften wütender Soldaten darstellenwürde.

Michelangelo verbrachte den Sommer 1504währenddem Leonardo mit diesemWerke beschäftigt warohne anstrengende Arbeit. Er las die Dichter unddichtete selbstsagt Condivi. Zu tun war indessen immer noch so vieldaß ervom Morgen bis zum Abend hätte arbeiten können. Der David von Bronze warteteauf seine Vollendung; für den David vor dem Palaste mußte noch das Postamentgeschafft werden: erst im September waren alle Arbeiten daran beendet; diezwölf Apostel für Santa Maria del Fiore warteten: endlich die Arbeiten fürden Dom von Siena. Hieran scheint er zunächst gedacht zu habenbewogen wohldurch Piccolominis Wahl zum Papste. Im Oktober 1504 waren vier Stück Statuenfertigandere aber bereits vorausbezahlt. Der Kontrakt wurde erneuert und mehrZeit zugestanden. In zwei Jahren sollten die übrigen elf nachgeliefert werden.Würde Michelangelo krankheißt es in dem Schriftstückeso käme dieverlorene Zeit in Abzug.

Die Klausel scheint mehr allgemeiner Vorsicht als besonderer Befürchtungentsprungen zu seindenn obgleich Michelangelo in seiner Jugend von zarterKonstitution warso änderte sich das in der Folge. Sein Körper wurde immerkräftiger. Er war magervon festen Sehnen und gedrungenem Körperbau; er hattebreite Schulternvon Natur aber war er eher klein als hoch gewachsen zu nennen.Enthaltsamkeit in jeder Beziehung und die Arbeit stählten ihn. Zu entbehrenbrauchte er nichtsdenn er verdiente große Summenaber er ließ das Geldliegen oder unterstützte seine Familie damit. »So reich ich bin«sagte ereinmal in hohem Alter zu Condivi»ich habe doch immer wie ein armer Manngelebt.« Auch darin stach er ab gegen Leonardoder im Bewußtsein seinerschönen Gestalt Luxus um sich her bedurfte und mit Gefolge einherzog.

Feurige Augen und ein prachtvoller Bart gaben diesem ein absonderlichimponierendes AussehenMichelangelos Kopf dagegen war fast abnorm gebildet. DieStirn stand mächtig vorder Schädel war breitdie untere Partie desGesichtes geringer als die obereer hatte kleinelichte Augen; was ihn abergeradezu entstelltewar die Nasedie ihm Torrigianoeiner seiner Mitschülerim Garten der Medicidurch einen Faustschlag zerschmettert hatte. Michelangelosoll ihn gereizt haben; doch wird anders behauptetes sei der bloße Neidgewesen. Er wurde damals für tot nach Hause getragen. Torrigiano mußteflüchten und durfte lange Jahre nicht nach Florenz zurückkehren. Er war einroher Menschder sich öffentlich seiner Tat rühmte (Benvenuto Cellinierzählt es) und später elend ums Leben kam.

Vielleicht war es die Entstellung seines Gesichtesdie Michelangelosnatürliche Neigung zu Melancholie und Einsamkeit erhöhte und ihn herb undironisch machte. Er war im höchsten Grade sanftduldsam und gutmütigerhatte eine natürliche Scheuden Leuten wehzutunaber in Sachen der Kunstduldete er keine Kränkung seines guten Rechtes. Er erkannte die anderenunparteiisch anaber auch sie sollten ihn nicht für leichter nehmenals er inder Tat wog. Er besaß ein gewaltiges Selbstgefühl; wo ihm deuchtedaß er derErste sein könntesollte es nicht an ihm liegendaß dies verborgen bliebe.

Dieser Gesinnung entsprachen vielleicht die Gründedie ihn zum Entschlussebrachtennun auch als Maler zu zeigenwas er vermochte. Leonardo war dergrößte: mit ihm mußte er sich messen. Leonardo malte die eine Wand desgroßen Saales; er wollte die andere malen. Die Nachrichten fehlenob seinWille oder anderer Leute Meinung den ersten Anstoß gabdaß ihm im Herbste1504 der Auftrag zukamdie zweite Wand des Saales mit einem Gemälde zuversehen. Soderini forderte ihn dazu aufMichelangelo schlug ein. DieseBestellung zeigte deutlicher als anderewelch ungemeinen Begriff man von seinerFähigkeit hegte.

Er hatte so gut wie nichts gemalt bis dahin; die beiden Madonnen waren dochkaum zu rechnen. Diese Bilderso ziemlich das einzigedas er zustandegebrachtkonnten unter gewöhnlichen Umständen nicht genügenum das Zutrauenzu erweckener werde jetzt ein kolossales Werk zu liefern imstande seinwürdigeinem Gemälde Leonardos gegenübergestellt zu werden. Und man trautees ihm dennoch zu! Leonardodem von Rechts wegenwenn er seine Aufgabe würdiglöstedie andere Wand hätte zufallen müssenmußte sich gekränkt undgleichsam im voraus aufs ungünstigste beurteilt sehendenn sein Karton warfertigals Michelangelo den seinigen begann. Man räumte diesem einen großenSaal im Spital der Färber zu Sant Onofrio ein. Einige Daten aus RechnungendieGaye auffandkommen hier sehr zustatten. Am 31. Oktober 1504 erhält derBuchbinder Bartolommeo di Sandro sieben Liren für vierzehn Bogen bologneserRoyalpapier zum Karton des Michelangelo; der Buchbinder Bernardo di Salvadorefünf Lirenum den Karton zusammenzukleben; im Dezember werden die Handwerkerbezahltdie das Papier auf das Gerüst aufgespannt haben; auch finden sich dieRechnung des Apothekers für Wachs und Terpentinwomit man Papier tränktedaszu Fenstern dienen sollte. So sehen wir Michelangelo hier zeichnenLeonardodort malenund Florenz nach innen und außen in zufriedenstellendenVerhältnissen. Niemals entwickelte sich die Blüte der Stadt ruhiger als injenen Tagennie hat die Kunst in Florenz Größeres getan und Größeresverheißen als damals.

IV

Um diesem Anblick für unsere Augen den höchsten Glanz zu verleihenstelltnun auch Raffael sich ein. Sein VaterGiovanni Santiein Mannder als Malerund Verfasser einer gereimten Chronikwelche die Geschichte seinerLandesherrender Herzöge von UrbinoenthältEhrenwerteswie man zu sagenpflegtgeleistet hatteließ ihn elfjährig als verwaistes Kind zurück. Erwurde von Hause fort zu Perugino nach Perugia in die Lehre getan und wargenötigtsich ganz auf sich selbst zu stellen. Wenig älter als zwanzig Jahrehatte er es in Perugia schon dahin gebrachtals einer der besten Meister derStadt bekannt zu sein. Er bedurfte einen größeren Wirkungskreis. SovomSchicksal gezwungensich in die Welt zu schickenund von der Natur mit einerLiebenswürdigkeit begabtdie das Wohlwollen der Menschen ihm zuwandtebetrater in Florenz den günstigen Boden für eine höhere Entwicklungund seineWerke zeigenwelch ungemeine Förderung ihm dort zuteil ward.

Wie kostbar wäre eine nähere Mitteilung aus dem Florentiner Leben dieseseinzigen Winterswo die drei größten Künstler der neueren Zeitzusammentrafen. Leonardo im Begriffmit Michelangelo einen Zweikampfeinzugehenin dem es sich um eine ungeheure Beute von Ruhm handelteRaffaelzwischen beiden noch ohne feste Pläne und eigene Gedanken und nur mit einerAhnung der großen Zukunft erst im Herzender er entgegenging. Wichtig wäredie nähere Kenntnis jener Epocheweil in ihr die Keime zu den späterenpersönlichen Verhältnissen der drei Meister zu liegen scheinen. Raffaelsverstorbener Vater war mit Leonardo näher bekannt gewesenPeruginoRaffaelsLehrermit ihm befreundet. Raffaeljungfeuriganschmiegsamsieht zumersten Male die erstaunlichen Werke da Vincis und gerät hinein in dieeifersüchtige Erregung der Parteien. War es nicht natürlichdaß erstatt andas zu glaubenwas der Gegner all seiner Freunde und Gönner erst tun wolltesich an das hieltwas diese selbst bereits geleistet hatten? Es ist so viel vondem gesprochenwas Raffael und Michelangelo in der Folge getrennt hielt: diesaber waren die Umständeunter denen sie sich zum ersten Mal begegneten.

Wie verschiedenartig ist die Jugend dieser drei Männer und die Artwie siein die Kunst hineinkamen. Michelangelo gegen die Wünsche seiner Eltern durchunbeugsamen eigenen Willen; Leonardo als ein reicherjunger Mensch mit seinemTalente spielend; Raffael als der Sohn eines Malersunter Farbentöpfenaufwachsendals gäbe es auf der Welt nur diese eine Tätigkeit. Michelangelovon Anfang an selbständigeigene Ideen verfolgend und in Opposition gegenEltern und Meister; Leonardo nicht weniger eigenwillig seiner Phantasienachgehend und im ganzen Gebiete des geistigen Schaffens umhersuchend nachAufgabendie ihn zur Erprobung seines Geistes verlockten; Raffael in einerstillen Nachahmung gegebener Vorbilder so sehr befangendaß seine Werke kaumvon den Arbeiten derer zu unterscheiden sindmit denen er sich zusammenfand.Und auch die Zukunftdie sich diese Drei bereitetendoch nur ein Produkt deseinen hervorstehenden Charakterzugesder genialen Launenhaftigkeit beiLeonardodes heftigen Willens bei Michelangelo und einer fast weiblichenHingabe an die Verhältnissedie sein Schicksal gestaltetenbei Raffael.

Bei allen Dreien sollte hierin bald eine entscheidende Wendung eintretenundzwar am ersten bei Michelangeloden das Jahr 1505 mit dem Manne bekannt werdenließdurch den er in seiner ganzen Größe erkannt und in allen seinenFähigkeiten zur höchsten Entwicklung gezwungen ward.

Sechstes Kapitel

I

Die Politik des Vatikans hatte durch den Wechsel der Personen keineallzugroße Veränderung erlitten. Cesare Borgias Zweck war die Herstellungeines nationalen einigen Reiches gewesenGiulio der Zweite wollte nichtsanderes. Auch er hatte eine Familiedie er groß zu machen suchteauch ihnunterstützte GiftMordVerstellung und offene Gewaltsamkeit. Wie die Borgiasmußte er zwischen Spanien und Frankreich die vorteilhafteste Mitte zu haltensuchen. In zwei Punkten aber unterschied er sich vom Papste Alexander: er ließnicht durch andere Krieg führensondern zog in eigener Person zu Feldeundwas er erobertesollte der Kirche gehören und nicht den RoveresseinerFamilie. Diese beschränkte er auf Urbinoihr Herzogtum. Als er starbhinterließ er einen Schatz in den Gewölben der Engelsburgden seineVerwandten nicht berühren durftenden kein andererals der auf ihn folgendePapst besitzen sollte. Eine rauhestolze Würde liegt in Giulios Auftretenundseine Wildheit artet nie in Grausamkeit aus. Was ihn aber vor allen anderenPäpsten vor ihm und nach ihm geadelt hatist seine Freude an den Werkengroßer Künstler und der Blickmit dem er sie erkannte und zu sich emporzog.

Unter den Männerndie er sogleich nach Rom beriefwar einer dervornehmsten Giuliano di Sangallo. Dieser hatte in früheren Zeiten Ostia fürihn als Kardinal Vincula befestigt. Man setzt diese Bauten in den Anfang derAchtziger Jahre. Sangallo kamals er damals nach Ostia berufen wardausNeapelwo er im Auftrage des alten Lorenzo dei Medici einen Palast für denHerzog von Kalabrienden Sohn des Königs baute. Er gehörte zu denglücklichen Leutendie überall Ruhm und fürstliches Wohlwollen finden. InMailand war er von Lodovico Sforza glänzend empfangen wordenin Rom mußte erfür Vincula einen Palast bauenAlexander der Sechste beschäftigte ihnCesareBorgia desgleichen; in Savonadem Geburtsorte der Roverebaute er für Vinculawiederumdem er dann nach Frankreich folgtewo ihm der König wohlgeneigt warendlich nach Florenz zurückgekehrtwurde er von der Regierung mitfortlaufenden Aufträgen versehenbis ihn jetzt sein alter Gönner abermalsnach Rom befahl.

Sangallo machte den Papst auf Michelangelo aufmerksamund mitten aus derArbeit am Karton heraus wurde dieser jetzt nach Rom berufen. Hundert ScudiReisegeld zahlte man ihm auf der Stelle aus. Anfang März 1505 ist er in Romeingetroffen.

Giulio wußtetrotz der Eilemit der er ihn verlangt hattenicht gleichwas er ihm zu tun geben sollte. Einige Zeit ging darüber hinbis er ihm denAuftrag zu einem kolossalen Grabmonument erteiltedas er für sich selber imSankt Peter errichten lassen wollte. Michelangelo entwarf eine Zeichnungundder Papstentzückt davonbefahl ihmin der Basilika von Sankt Peter sogleichden besten Platz für das Monument ausfindig zu machen.

Diese Kircheein ungeheures Werk aus den ältesten Zeiten des Christentumsan dem Jahrhunderte hindurch weiter gebaut worden warbesaß eine Fülle vonKunstschätzen. Giotto hatte Mosaikbilder für sie geliefertdie Pollaiuolliwaren unter den letzten Florentinerndie in ihr arbeiteten. In einer ihrerNebenkapellenderjenigenwelche der heiligen Petronella geweiht warstandMichelangelos Pietà. Mit all ihren NebengebäudenKlöstern und KapellendenWohnungen der Geistlichkeit und dem vatikanischen Palaste selberder dicht ansie stießbildete die Basilika von Sankt Peter eine Art geistlicher Festungwie sie denn mehr als einmal mit Gewalt verteidigt und erobert worden ist. Inihr wurden die Kaiser gekröntdie Tribute der Länder in Empfang genommendieBannflüche ausgesprochen oder aufgehoben. Zwei lange Reihen antiker Säulentrugen das Gebälke des Dachstuhls. In dem von Säulengängen umschlossenen Hofevor ihr stand der ungeheure bronzene Pinienapfelder einst die Spitze desMausoleums des Hadrian gebildet hatte und jetzt hier zu einem Brunnen dientedessen Wasser zwischen den Facetten herabrieselte. Die Fassade der Kirche mitihren sechs Eingängen war mit Fresken geschmückt. Unaufhörlich wurde andiesem Zentralheiligtum der christlichen Welt gearbeitet und im Großen oderKleinen Altes verändert und Neues hinzugefügtwie das überhaupt bei denitalienischen Kirchen der Fall zu sein pflegt.

Nikolaus der Fünfte faßte zuerst den Plan einer Umgestaltunger wolltePalast und Kirche von Grund aus erneuern. Ein Modell wurde angefertigt und derBau im Jahre 1450 begonnen. Fünf Jahre später jedoch starb der Papst. Paul derZweite baute nach ihm weiter. Alleswas bei Michelangelos Ankunft hergestelltworden warbestand aus dem Anfange einer neuen Tribünederen begonnenesMauerwerk hinter der alten Basilika wenige Fuß über dem Erdboden emporragte.

Michelangelo sah sich die Arbeit an und erklärteam geratensten würdeseindiese Tribüne zu vollenden und das Monument darin aufzustellen. Der Papstfragtewie viel es kosten könne. 100 000 Scudimeinte Michelangelo. »Sagenwir 200 000«rief Giulio aus und gab Sangallo Befehldie Lokalitäten inAugenschein zu nehmen.

Allein er beauftragte damit nicht bloß Sangallosondern ordnete diesemeinen zweiten Architekten beiden er ebenfalls in seine Dienste genommen hatteund der in Rom den Ruf als einer der ersten Baumeister seiner Zeit genoß:Bramante von Urbino. Dieser stand mit Sangallo in einem Alter. In Mailand hatteer zuerst gebautdann in Rom für die Borgia und verschiedene KardinäleKirchen und Paläste. An jenem Palastden der Kardinal di San Giorgioausführen ließals Michelangelo nach Rom kamwar Bramante mit beschäftigt.Jetzt hatte der Papst großartige Arbeiten für ihn vorden Ausbau desvatikanischen Palastesder mit dem durch ein Tal von ihm getrennten Belvederezu einem großen Ganzen verbunden werden sollte.

Bramante und Sangallodie einem Manne gegenüberstandendem das Gewaltigsteeben groß genug warbrachten die Sache dahindaß der Beschluß gefaßtwurdedie gesamte Basilika umzustürzen und einen neuen gewaltigen Tempel anihre Stelle zu setzen. Beide entwarfen Zeichnungen dazu. Bramantes Vorschlägegefielen dem Papste besser als die Sangallosdem der Bau bereits zugesagtworden war. Bramantes Pläne waren auch in der Tat von ausgezeichneter Güte;Michelangelo gibt ihm in späteren Zeiten dieses Lober sagtdaß jederdersich von seinen Zeichnungen entfernt hättesich von der Wahrheit entfernthabe. Sangallo abernichtsdestoweniger tief beleidigtnahm seinen Abschied undkehrteohne sich durch Versprechungen halten zu lassennach Florenz zurückwo er von Soderini mit offenen Armen aufgenommen ward.

Bramante behauptete das Feld. Sein Charakter läßt sich in starken Umrissenzeichnen. Erfindungsreichunermüdlich und gewandtwußte er sich trefflich indie Launen seines Herrn zu schickendessen ungeduldiger Hasteinen merklichenFortgang der unternommenen umfangreichen Arbeiten mit Augen zu gewahrenersogar durch Kunststücke zu genügen wußte. Auch blieb ersolange der Papstlebtein Gnaden bei ihmund es kam damals nicht zutagedaß er zu schwacheFundamente gelegt und für hohe Bezahlung schlechtes Mauerwerk geliefert hatte.Er war lebenslustig und brauchte Geld und suchteim Gefühl seiner Schwächenmißtrauischdie zu entfernenvon deren Scharfblick er Enthüllungenerwartete.

Diesem Manne mußte Michelangelo jetzt schon dadurch verdächtig erscheinendaß er so jung so Bedeutendes geleistet hatteverdächtig in noch höheremGradeweil der Papst Gefallen an ihm fand. Durch Sangallo war er empfohlen undnach Rom gebracht. Was war natürlicherals daß er diesen zurückzubringenstrebte? Intrigante Naturen wittern überall heimliche Gegenbestrebungen.Bramantes nächste Sorge ging dahindeshalb nun auch Michelangelo wiederfortzuschaffen.

Von dem Grabdenkmale des Papsteswie es von Michelangelo damals projektiertworden warhaben wir die Beschreibungen der Biographenund von seiner eigenenHandscheint eseine getuschte Federzeichnungdie nach mannigfachem Wechselder Besitzer jetzt in der Sammlung der Uffizien in Florenz aufbewahrt wird. Zwarbedurfte es vieler Entwürfeehe der Papst sich entschiedund es ist nichtsicherob das uns vorliegende Blatt gerade dasjenige warauf das hin Giuliodas Ganze für 10 000 Scudi in Auftrag gab. Alleinda die Zeichnung mitCondivis Beschreibung stimmt und keine abweichende Auffassung bekannt istsodarf sie wohl einstweilen als die authentische betrachtet werden.

Das Monument bestand aus drei sich übereinander türmenden Teilen. Zuerstein dreizehn Fuß hoher Unterbau auf einer Grundfläche von sechsunddreißigFuß Breite zu einer Tiefe von vierundzwanzig. Die Florentiner Skizze stellt dasWerk von einer der beiden schmaleren Seiten aus gesehen darund zwar wiederumnur zwei von den drei übereinander liegenden Teilen; das Papier scheint obenabgetrennt zu sein; die Spitze fehlt also. Wir sehen den Unterbau auf dieserZeichnung in zwei architektonische Gruppen geteiltdienebeneinander liegenddie uns zugewandte Fläche bilden. Rechts und links zwei Nischen mit Statuendarinzu beiden Seiten einer jeden Nische auf viereckigenvorspringendenPiedestalen nackte Jünglingsgestaltenmit den Rücken an flachen Halbsäulenruhendan die sie wie Gefangene angefesselt sindund die über ihren Köpfennach Art der Hermenzu Gestalten römisch gepanzerter Männer werdenüberderen Köpfen wiederum das den ganzen Unterbau umschließendestarkvorspringende Gesims liegt. Die Statuen in den Nischen sind Siegesgottheiten mitden besiegten Städten unter ihren Füßendie nackten Jünglinge bedeuten dieKünste und Wissenschaftendie mit dem Tode des Papstes zugleich ihr Lebenaushauchen.

Sehen wir also auf der uns zugewandten Seite vier Jünglingevier nach obenin Männergestalten auslaufende Säulen und zwei Viktorienund denken wir dieseAnzahl viermal wiederholtentsprechend den vier Seiten des Denkmalssoerhalten wir für dies mächtige Piedestal des übrigen Werkes vierzig Statuenallein.

Jede der beiden Nischen mit StatuenBasis und Krönung bildet ein Ganzesbeide Ganze nebeneinander liegend die eine Seitenfläche. Doch stoßen sie nichtunmittelbar aneinandersondern es liegt ein Raum dazwischender etwaszurücktritt und auf der Skizze eine glatte Fläche zeigt. An den beidenbreiteren Seiten mußte dieser Zwischenraum bedeutend breiter seinfast sobreit als die beiden architektonischen Gruppen selbstzwischen denen er lag.Ich vermutedaß in diese Flächen die Bronzetafeln mit Basreliefs undInschriften eingelassen werden solltendie Condivi im allgemeinen als zu demWerke gehörig anführt.

Mitten auf diesem Unterbau erhebt sich das zweite Stockwerkdas eigentlicheGrabgewölbein welchem der Sarkophag mit dem Leichnam ruhen sollte. Es istoffen an den Seitenso daß man den Sarkophag darin erblickt. Wir sehen aufunserer Skizze das Kopfende desselben. An den vier Ecken dieses Grabgewölbessitzen je zwei kolossale Gestaltenimmer zwei nach jeder Seite hingewandtundzwar so postiertdaß jede in der Mitte über einer jener architektonischenGruppen des Unterbaues ihren Stand erhält. Man könnte danach das Ganze auch sobeschreiben: es seien vier gewaltige Piedestale ziemlich nahe zusammengerücktauf deren jedem zwei sitzende Gestalten erscheinenan den vier Ecken einesMonumentesdasmitten auf diese Masse gesetztauf jedem der vier Piedestalemit einer Ecke aufstände.

Die acht sitzenden Statuen sind MosesPaulusdas tätige und dasbeschauliche Lebenmehr werden nicht genannt. Vasari und Condivi behauptenesseien überhaupt im ganzen nur vier Statuenan jeder Ecke eine alsogewesen.Die Zeichnung aber deutet deren acht bestimmt anwas auch der Idee und denVerhältnissen entsprechend erscheint.

Von demwas sich endlich als Spitze über diesem zweiten Aufbau erhobhabenwir nur die Beschreibung. Zwei Engelgestalten sollten da gesehen werdenwelcheeinen offenen Sarkophag mit der Statue des in Todesschlaf versunkenen Papstesdarin auf ihren Schultern trügen; Vasari gibt ihnen den Namen Cielo und Cybele;Cybeleder Genius der Erdeweinendweil die Erde einen solchen Mann verlorenhatCieloder Himmellächelndweil die Seligen bei Giulios Eintritt inEntzücken geraten.

Rechnet man die Höhe des Unterbaues dreizehn Fußdie des zweiten daraufruhenden Teiles neundie des obersten etwa siebenso ergeben sich dreißigFuß für das gesamte Werk eher zu tief als zu hoch gegriffen. Über fünfzigStatuenreichliche Bronzearbeiten und die feinste ornamentale Verzierung derArchitektur durch ArabeskenBlumen und andere Ornamente –: ein Menschenlebenscheint kaum ausreichend zur Ausführung eines solchen Projektes. Aberdergleichen Berechnungen schreckten weder den Künstler noch den Papst abderin hohen Jahren dennoch auftratals wollte er von frischem ein langesruhmgekröntes Leben beginnen.

II

Giulio drängte zu sofortiger Abreise nach Carrara. Michelangelo erhielt eineAnweisung auf tausend Dukaten an ein Florentiner Haus und verließ Rom.

Carrara liegt im nördlichen Teile von Toskana an der Grenze des genuesischenGebieteswo die Apenninen dicht an das Ufer des tyrrhenischen Meeres stoßennicht weit davon Sarzana und Pietrasanta. Acht Monate blieb Michelangelo in denSteinbrüchen dort. Er hatte zwei Diener und ein Gespann Pferde bei sich. Zweivon den an die Säulen angefesselten Gestalten ließ er dort schon im Grobenzuhauender übrige Marmor wurde in Blöcken fortgeschafft. Der Kontrakt mitSchiffseigentümern aus Lavagnaeinem nördlich gelegenen genuesischenKüstenstädtchenlautet vom 12. November 1505. Für zweiundzwanzig Golddukatenübernehmen es die Leuteden Marmor nach Rom zu schaffen. Einen Teil der Steineschickte Michelangelo jedoch nach Florenzwo die Arbeit bequemer und billigerzu haben war. Auch bei diesen ließ sich der Transport bis an Ort und Stelle zuWasser bewerkstelligen.

Als er im Januar 1506 in Rom wieder ankamlag ein Teil seiner Blöcke schonam Tiberufer; dennoch ging es schlecht mit dem Transport der übrigenwie einam letzten des Monats an seinen Vater geschriebener Brief zeigt. »Hier würdeich ganz zufrieden sein«heißt es darin»wenn nur mein Marmor kommenwollte. Ich habe Unglück bei der Sachenicht zwei Tageso lange ich wiederhier binist gutes Wetter gewesen. Vor einigen Tagen wäre eine Barkediegerade ankamum ein Haar zugrunde gegangen. Als darauf bei schlechtem Wetterdie Blöcke ans Land geschafft warentrat der Fluß über und setzte sie unterWasserso daß ich bis heute noch nichts habe tun können. Den Papst muß ichdurch Redensarten hinzuhalten suchendamit ihm nicht die gute Laune ausgeht.Hoffentlich ist bald alles in Ordnungund ich kann einen Anfang machen mit derArbeit. Gott gebe es.«

»Nehmt alle meine Zeichnungen«fährt er fort»das heißt die Blätterdie ich in den Sack zusammenpacktevon dem ich euch sagte; macht ein Paketdaraus und schickt es mir durch einen Fuhrmann. Aber verwahrt es gutdamit dieFeuchtigkeit keinen Schaden tutund paßt aufdaß auch nicht das kleinsteBlättchen davon fortkommebindet es dem Fuhrmann auf die Seeledenn es sindSachen von großer Wichtigkeit für mich dabei. Schreibt auchdurch wen ihr esschickt und was ich dem Manne zu zahlen habe. Michele (wahrscheinlich einer vonden Arbeitern für das Denkmal) hatte ich brieflich gebetenmeine Kiste aneinen sichern und bedeckten Ort zu schaffen und dann hierher nach Rom zu kommenund mich unter keinen Umständen im Stiche zu lassen. Ich weiß nichtwasdarauf geschehen istbitteerinnert ihn daranund überhauptdarum bitte ichbesonderslaßt euch zwei Dinge recht sehr angelegen sein: einmaldaß dieKiste ganz sicher steheund zweitensdaß ihr meine Madonna von Marmor zu euchins Haus schaffen laßt und daß sie kein Mensch zu sehen bekommt. Ich schickekein Geld mit für die Auslagenweil sie nur unbedeutend sein können. Aberselbst wenn ihr es borgen müßtetnur recht schnell. Sobald mein Marmor hieristbekommt ihr Geld für alles.

Bittet Gottdaß meine Angelegenheiten hier günstigen Verlauf nehmenundlegtwenn es irgend möglich istbis zu 1000 Dukaten in Ländereien anwiewir ausgemacht haben.«

Wir sehenwie er von seinem Gelde gleich eine bedeutende Summe dem Vater indie Hände gibt.

Mit dem Marmor scheint es bald besser gegangen zu sein. Michelangelo ließdie Steine auf den Platz vor der Basilika von Sankt Peter hinter Santa Caterinabringenwo er wohnte. Ganz Rom staunte die Blöcke andie den Platz bedecktenvor allem aber hatte der Papst seine Freude darandie er Michelangelo durchherablassende Vertraulichkeit zu erkennen gab. Oft besuchte er ihn in seinerWerkstättesaß dort bei ihm und besprach die Arbeit oder andere Dinge;endlichum es bequemer zu habenließ er vom Palasteder in der Nähe lageinen Gang mit einer Zugbrücke einrichten und kam so zu ihmohne daß esjemand gewahr ward.

Wenn irgendein Geist damals in Italien den hohen Gedanken gewachsen warwelche Giulio hegteso war es Michelangelo. Was er wollteging noch über diePeterskirche hinaus. Er hätte ganze Gebirge zu Kunstwerken umgestaltetwennihm freie Hand gelassen worden wäre. Einen Felsender bei Carrara am Ufer sicherhebend fern auf dem Meere sichtbar bliebwollte er in einen Koloß umwandelnder den Schiffern als Wahrzeichen dienen sollte. Von da war es nicht mehr weitzu Gedankenwie sie ein griechischer Künstler hegteder einen Berg in eineStatue Alexanders des Großen verwandeln wolltedie in der Hand eine Stadthielte.

Michelangelo galt damals für den ersten Bildhauer in Rom. Nur einenNebenbuhler finden wir genanntCristoforo Romanoein Künstlerderwenn ernicht zufällig noch an anderer Stelle erwähnt würde (im Cortigiano des GrafenCastiglionewo er zu der in Urbino versammelten geistreichen Gesellschaftgehörtaus deren Gesprächen das Buch besteht)in der Kunstgeschichte längstverloren und vergessen wäredenn das Grabmal der Visconti in der Certosa zuPaviaan dem sich sein Name befindetwird ihm trotzdem kaum zugeschrieben.Zugleich mit Michelangelo aber kommt er jetzt in einem Briefe vorden CesareTrivulzio aus Rom an Pomponio Trivulzio über den neuesten antiquarischen Funddie Entdeckung des Laokoon schrieb.

Im Frühling 1506 wurde die berühmte Gruppe in den Ruinen des Tituspalastesvom Eigentümer des Platzeseinem römischen Bürgerentdeckt. Sie stecktenoch im Boden drinals der Fund schon dem Papste gemeldet ward. Dieser schicktzu Giuliano di Sangalloer möge gehen und nachsehenwas es gäbe. Francescoder Sohn Giulianoserzählt es. »Michelangelo«sagt er»der fast immer beiuns im Hause war (mein Vater hatte ihn kommen lassen und ihm die Bestellung desGrabmals verschafft)war gerade da. Mein Vater bat ihn mitzugehenund somachten wir uns alle dreiich auf dem Rücken meines Vatersauf den Weg. Alswir herunterstiegenwo die Statue lagsagte mein Vater sogleichdas ist derLaokoonvon dem Plinius spricht. Man erweiterte nun die Öffnungso daß erherausgeholt werden konnte. Nachdem wir ihn dann betrachtetgingen wir nachHause und frühstückten.«

Der Eigentümer der Figur will das Werk an einen Kardinal verkaufenfür 500Scudials der Papst dazwischentrittden Preis zahlt und im Belvedere eine»Art Kapelle« für die Gruppe einrichten läßt. Nun soll erprobt werdenobPlinius' Behauptungdaß die Gruppe aus einem einzigen Stücke gearbeitet seimit der Wahrheit stimme. Cristoforo Romano und Michelangelodie »erstenBildhauer in Rom«werden herbeigeholt. Sie erklärendaß die Gruppe ausmehreren Stücken bestände und zeigen vier Nähtedie aber so fein verstecktsind und deren Verkittung sich als eine so ausgezeichnete erweistdaß Pliniusals in verzeihlichem Irrtum befangenfreigesprochen wirdes sei denndaß erabsichtlich die Unwahrheit gesagt habeum das Werk berühmter zu machen.

Der Laokoon bewegte ganz Rom damals. Beigelegt waren dem Briefe die Versedie von den ersten Gelehrten zum Lobe der Gruppe gemacht wurdenvon SadoletBeroalda und Jacopo Sincero. Von einem dieser Gedichte sagt Trivulzioes sei sovortrefflichdaß manwenn man es gelesen hätteden Anblick der Arbeitselbst entbehren könne. Wahrscheinlich meinte er die (in einer Anmerkung zuLessings Laokoon am bequemsten abgedruckte) poetische Beschreibung des Werkesvon Sadoletzu deren Ruhme Lessing zufällig auch sagtdaß sie die Stelleeiner Abbildung vertreten könnte.

Heute liegt neben der Gruppewie sie neu restauriert im Vatikan stehteinim Groben zugehauener Arm mit Schlangenvon dem gesagt wirddaß er ein WerkMichelangelos seiund derwas die Bewegung anlangtrichtiger ist als derwelcher aus anderer Hand der Schulter des Laokoon angesetzt worden ist. Alleinda sich dieser Versuch Michelangelos nirgends erwähnt findetso bleibe dieWahrheit der Angabe dahingestellt. Rührt der Arm von ihm herso müßte er inviel späterer Zeit entstanden sein.

Mitten in der Blüte seiner Gunst bei Giulio kam nun jedoch ein plötzlicherAbbruch dieser Verbindung. War es Bramante gelungenüber Giuliano di Sangallobeim Bau der Peterskirche den Sieg davonzutragenso sollte nun auch SangallosGünstlingMichelangeloaus der schon begonnenen Arbeit herausgedrängtwerden. Von zwei Seiten her wurde der Papst darauf hin bearbeitetund in beidenRichtungen gelang der Plan.

Man leitete Giulio die Meinung zudaß es von übler Vorbedeutung seisichbei eignen Lebzeiten ein Grabmonument aufzurichten. Schon im Herbste 1505 mußMichelangelo Zeichen eines möglichen Sinneswechsels beim Papst beobachtethaben. Indem Kontrakte vom 10. Dezemberworin er die Überführung vonMarmorblöcken aus Carrara nach Rom stipuliertwird der doppelte Fallvorgesehen: einmaldaß der Papst nicht leben bliebeoderdaß er zwar lebenbliebedas Grabmonument aber nicht errichten ließe. Mit der Vorsichtwelchewir in allem Geschäftlichen bei Michelangelo beobachtenhatte erfalls daseine oder andere einträteden Kontrakt im voraus für ungültig erklärenlassen.

Als im Frühjahr 1506 die Blöcke nun ankamensollte sich zeigenob dieAbkühlung des Eifersmit welchen Giulio die Unternehmung zuerst betriebenhatteweitere Fortschritte gemacht. Die Barken mit dem neuen Marmor legten anMichelangelo war zur Stelleer brauchte Geldum die Schiffer zu bezahlen. DerPapst hatte zu mehrerer Bequemlichkeit angeordnetdaß Michelangelo jederzeitunangemeldet vorgelassen würde. Jetzt aber macht man ihm Schwierigkeitenundals er den Einlaß durchgesetztempfängt er dennoch kein Geld. Er wargezwungensich an Jacopo Galli zu wendender ihm die hundertundfünfzig biszweihundert Dukaten vorschoßderen er benötigt war.

Nun stellten sich die Marmorarbeiter eindie er in Florenz gemietet hatte.Er brachte sie in seinem Hause unterdie Arbeit sollte vorwärts gehenaberGiulio war wie verwandelter drängte nicht mehrnoch wollte er Geld geben.Dagegen kam er mit einem ganz neuen Plane zum Vorschein: Michelangelo sollte dieWölbung der Sixtinischen Kapelleso genanntweil Papst SixtusGiulios Oheimsie (1473) gebaut hattemit den noch mangelnden Gemälden versehen.

Denn daß damals irgendeine Wandwelche Raum für Malerei botungemaltgeblieben wärewar nicht denkbar.

Bramante wollte Michelangelo mit seinem Grabdenkmale auf diesem Wege aus derPeterskirche herausschaffen und ihn zugleich auf ein Feld lockenauf dem seineErfolge zweifelhaft wären.

Und so kam es denn wirklich zu der Szenewelche Michelangelos Feindezwischen ihm und dem Papste herbeiführen wollten. An einem SonnabendEndeAprilals der Papstwährend er sein Mittagessen einnahmmit allerlei Leutenlaufende Geschäfte besprachhörte ihn Michelangelo zu einem anwesendenGoldarbeiter sagener habe keine Lust mehrauch nur einen Pfennig für Steineauszugebenweder für kleine noch für große. Michelangeloder dabei standwußte sofortwas Giulio ihm hatte zu verstehen geben wollenund als er mitdem eigenen Anliegen selber nun an die Reihe kam und Geld für seine Arbeiterverlangtehieß es nuner möge Montag wiederkommen.

»Und nun«wie es in dem Briefe heißtin welchem er kurz darauf seineErlebnisse beschrieb»kam ich am Montag wiederund kam Dienstag undDonnerstagwie der Papst recht gut wußteund endlicham Freitage wurde ichfortgewiesend. h. herausgeworfen.«

Wie es bei dieser letzten Audienz am Freitage zuginghat Michelangelo mehrals einmal erzählt. Er hat es Condivi diktiert und es beinahe mit denselbenWorten in einem seiner Briefe wiederholtman fühlt aus dem Tonein dem erredetwie sich das Erlebnis für alle Zeiten in sein Gedächtnis eingestempelthatte. In anderen Briefenwo er bei weiten dazwischen liegenden Zeiträumen aufdie damals erlittene Schmach zurückkommtwechselt er mit Einzelheitenläßtfortsetzt zuwie ihm im Momente die Phantasie das Geschehene ins Gedächtniszurückruft. Wir sehendaß er die Dinge nicht vergessen konnte und wie sieimmer anders gewandt in seiner Erinnerung sich herumwälzen.

Michelangelo will in den Palast eintretenals einer von den Diensthabendenihn zurückweist. Ein hoher Geistlicherwelcher zugegen istfährt den Mannanob er nicht wissewer Michelangelo sei. »Gewiß weiß ich es«antworteteer»aber mein Dienst istauszuführenwas mir befohlen wird und nicht weiternachzufragenwarum?« »Nun«ruft Michelangelo aus»so sagt dem Papstewenn er mich in Zukunft brauchemöge er mich suchenwo ich zu finden bin.«Dreht umgeht nach Hausebefiehlt den beiden Dienerndie er hatteseineHabseligkeiten zu verkaufen und ihm dann nachzukommensetzt sich zu Pferde undreitet ohne Aufenthaltbis er auf florentinischem Gebiete ist.

Hier erreichen ihn die Leutedie von Rom aus hinter ihm drein geschicktworden sind. Sie sollten ihn mit Gewalt wiederbringen; in Poggibonsi aberwosie jetzt mit ihm unterhandeltendurften sie sich nichts herausnehmen.Michelangelo war florentinischer Bürger und drohtsie niederhauen zu lassenwenn sie ihn anrührten. Sie legen sich aufs Bittenerreichen aber nichtsalsdaß er den Brief des Papstes schriftlich beantwortetdamit sie selber sich mitder Unmöglichkeit entschuldigen könnten. Der Papst hatte geschriebenangesichts dieses solle er sich auf der Stelle nach Rom zurückverfügen oderseiner Ungnade gewärtig sein. Michelangelo erwiderteer werde nun undnimmermehr zurückkehren; er habe für die guten und treuen Dienstedie ergeleisteteinen solchen Umschlag nicht verdientwie ein Verbrecher SeinerHeiligkeit aus dem Angesicht gejagt zu werdenund da Seiner Heiligkeit an derAusführung des Grabmonuments nichts mehr gelegen seiso betrachte er auch sichals seiner Verpflichtungen entbunden und habe keine Lustandere einzugehen.Hiermit entläßt er die Leute Giulios und geht nach Florenz.

Von hier aus schreibt er jetztden zweiten Maijenen Brief an Giuliano diSangallovon dem ein Stück oben mitgeteilt worden ist. Es habe sich ihmheißt es weiter darindas Gefühl aufgedrängtnicht um das Grabmal desPapstes als vielmehr um sein eignes Grab werde es sich bald handelnwenn erlänger in Rom bleibe. Ihm seienals man ihm so den Palast verbotenjene Wortewieder eingefallenwelche der Papstdie großen und die kleinen Steinebetreffendeine Woche früher getanund es habe sich Verzweiflung seinerbemächtigt. Übrigens sei noch etwas anderes an seinem plötzlichenVerschwinden schuldworüber er sich schriftlich nicht aussprechen wolle.

»Jetzt nun«fährt Michelangelo fort»schreibt Ihr mir im Namen desPapstesund somit bitte ichauch diese meine Antwort dem Papste vorzulegen:möge Seiner Heiligkeit überzeugt seindaß ich den besten Willen habedasGrabmal weiterzuführenbesseren Willen als jemalsaber daßwenn der Papstes aufzurichten wahr- und wahrhaftig im Sinne hates ihm ja gleichgültig seinkannan welcher Stelle ich dafür arbeite. Die Hauptsache istdaß es in fünfJahren fertig aufgemauert dasteheim Sankt Peterwo es dem Papst am bestengefälltund daß es schön sei. Was dies anlangtgebe ich mein Versprechen:es wird in der ganzen Welt nichts seinwas dagegen aufkommt.«

»Nun aberwenn Seine Heiligkeit in der Sache weitergehen willso mögendie nötigen Gelder hier in Florenz angewiesen werdenmir steht in Carraragenügender Marmor zur Verfügungden ich zu meinem bereits vorhandenen Vorrathierher dirigieren lasse und Seiner Heiligkeit gutschreibeganz abgesehenobich Schaden dabei habe oder nicht; was dann an Arbeit für das Grabmal fertigwirdsende ich Stück auf Stück einund Seine Heiligkeit hätte ihre Freudedarangerade soals wenn ich selber in Rom wäreoder vielmehr besser sodenn Seine Heiligkeit sähewas fertig dastehtund hätte weiter keinen Ärgerdavon. Was das deponierte Geld und das Grabmal überhaupt anlangtso würde ichganz nach Seiner Heiligkeit Befehl jede irgend erforderliche Garantie stellen:ganz Florenz würde dafür einstehen. Noch eins: käme in Betrachtdaß dieUnternehmung für Rom zu teuer wäreso würde sie das für Florenz nicht seinda mir alles hier viel bequemer liegt; ja ich würde hier besser und lieberarbeitenda mir nicht soviel dabei zur Last läge. Und somitteuersterGiulianolaßt michbitterecht bald günstige Antwort hören.«

So einfachwie Michelangelo diesem Briefe zufolge glaubte oder zu glaubenvorgabstanden die Dinge in Rom jedoch nicht. Offenbar gingen viele Botschaftenhin und hervon denen wir nichts mehr besitzen. Nur ein Brief ist nocherhaltenwelcher eine Woche nach dem eben mitgeteilten aus Rom nach Florenzgeschrieben wurde von der Hand eines derjenigendie im Vatikan MichelangelosSache vertraten. Hier lesen wir:

»Teuerster Freund und Bruder. Viele Grüße und Empfehlungen zuvor. Ich undBramante hatten letzten Sonnabend dem Papste bei Tafel über allerleiZeichnungen Vortrag zu halten; erst ichund nach Tische wurde Bramante gerufenund der Papst sagte ihm: morgen geht der Sangallo nach Florenz und bringtMichelangelo wieder mit. Und Bramante sagte: heiligster VaterSangallo wirdsich hütenich kenne Michelangelo aus Erfahrunger hat mehr als einmalgesagter denke nicht darandie Kapelle zu malen; Eure Heiligkeit wollten esihm zwar aufbürdener jedoch werde sich auf keine andere Arbeit einlassen alsauf das Grabmal. Und weiter sagte Bramante: heiligster Vaterich glaubeergetraut es sich nichtdenn es müssen da Figuren gemalt werdendie man aus derTiefe sieht und wo viel Verkürzungen vorkommendas ist etwas anderesalsunten zu malen. Darauf sagte der Papst: kommt er nichtso tut er mir einenSchimpf anund deshalb glaube ichdaß er unter allen Umständen kommen wird.Jetzt zeigte ichdaß ich auch da seiund nannte Bramante vor dem Papste einenSchurkenetwa wie Ihr gesprochen haben würdetwenn Ihr statt meinerdagestanden hättetund Bramante war so auf den Mund geschlagendaß er stillschwiegweil er einsahdaß er schlecht gesprochen hatte. Endlich sagte er:heiliger Vaterder da hat nie mit Michelangelo über diese Dinge verhandeltund wenn ich die Unwahrheit gesagt habeso laßt mir den Kopf vor die Füßelegen; ich bleibe dabeidaß der da niemals mit Michelangelo darübergesprochen hat; freilichwenn Eure Heiligkeit den Willen dransetztwird erschon wiederkommen. Damit hatte die Sache ein Endeund weiter ist nichtsmitzuteilen. Gott sei mit Euch. Kann ich etwas für Euch tunso laßt es michwissenich will es gern tun. Meine Empfehlungen an Simone Pollaiuolo.«

Wir sehendaß der Hauptanstoß immer noch in dem Willen des Papstes laglieber die Kapelle malen zu lassenals das Grabmal aufzurichtenund zugleichdaß die Ausmalung der Kapelle erst nach Michelangelos Abreise offen aufs Tapetgebracht worden warsonst würde sich Michelangelo über diesen Punkt Sangallogegenüber deutlicher ausgesprochen haben. Vielleicht aber auch sollte demPapste dadurch angedeutet werdendiese Malerei liege ihm so ferndaß erdarüber gar nicht verhandeln wolle. Aus einem Schreiben eines anderenFlorentiners an Michelangelowelches zu gleicher Zeit mit diesem Briefe aus Roman ihn gelangt sein mußersehen wirwie Sangallo dafür einstandder Papstwolle das Grabmal weiterführenund Michelangelo werde bald wieder da sein.

Dieser indessen hatte in Florenz sofort wieder zu arbeiten begonnen.

Zu tun fand er genug; der Karton nahm die erste Stelle ein. Kaum hatte erangefangenals ein Schreiben des Papstes an die Regierung einlief »GeliebteSöhne«redet Giulio die Signoren an»alles Heil und meinen apostolischenSegen zuvor. Michelangeloder Bildhauerder uns leichtsinniger undunbedachtsamer Weise verlassen hatfürchtet sichwie wir hörenzurückzukehren. Wir hegen keinen Zorn gegen denselbenda wir die Manierendieser Art Menschen kennen. Damit er jedoch jeglichen Verdacht fahren lasseerinnern wir euch an eure uns schuldige Ergebenheit und fordern euch aufihm inunserem Namen das Versprechen zu gebendaßwenn er zu uns zurückkehrenwolleer frei und ungefährdet kommen könne und daß wir ihn mit derselbenGnade aufnehmen werdendie ihm vor seinem Fortgehen von uns zuteil ward. Rom am8. Juli 1506unserer Regierung im Dritten.«

Soderini antwortete daraufMichelangelo sei dermaßen in Furcht gesetztdaß es trotz der im Briefe enthaltenen Zusicherungen einer besonderenErklärung Seiner Heiligkeit bedürfedaß er sicher und unverletzt bleibenwerde. Er habe alles bei ihm versuchtum ihn zur Rückkehr zu bewegenundsetze diese Versuche noch immer fortallein er wisse zu gutdaßwenn man mitMichelangelo nicht ganz sanft umgingedieser die Flucht ergreifen würde.Zweimal sei er bereits nahe daran gewesen.

Man denke hier nicht an daswas bei uns gewöhnlich Furcht genannt wirdwenn Soderini Michelangelo impauritovon Furcht erfüllt nennt. Dieser hattevolle Ursache dem Papste nicht zu trauen. Solche Versprechungenja dieheiligsten Schwüre auf Ehre und Gewissen waren die gewöhnliche Kriegslistdiejenigenderen man habhaft werden wolltein die Falle zu locken. Giuliohatte zu vielen gegenüber öffentlich bewiesenwas auf seine Beteuerungen zugeben seiMichelangelo folgte den einfachsten Regeln der Klugheitwenn er dermilden Sprache nicht traute. Ein zweites Schreiben von Rom lief ein. Soderiniließ ihn zu sich kommen. »Du bist mit dem Papst auf eine Weise umgegangenwiees der König von Frankreich nicht gewagt haben würde! Es hat ein Ende jetztmit dem Sichbittenlassen! Wir wollen deinetwegen keinen Krieg anfangen und dasWohl des Staates aufs Spiel setzen. Richte dich einnach Rom zurückzukehren!«

Michelangelo dachteals die Sache diese Wendung nahmernsthaft an Flucht.Der Sultanzu dem sein Ruf gedrungen warhatte ihm Anerbietungen machenlassen. Er sollte ihm eine Brücke von Konstantinopel nach Pera bauen. EinFranziskanermönch machte den Unterhändler bei dieser Berufung. Die Florentinerstanden seit der Eroberung von Byzanz mit den Sultanen im besten Einvernehmen.Ohne eigene Flotte und Politik in der Levanteflößten sieanders als dieGenuesen und Venezianerkein Mißtrauen ein; dadurch aberdaß sie obendreinzu gelegener Zeit die Pläne dieser beiden Nebenbuhler verrietenhatten siesich Vertrauen erworben. Eine große Anzahl florentinischer Häuser war inKonstantinopel etabliert und der Verkehr zwischen Florenz und dort einlebhafter. Öfter schon waren italienische Meister so berufen worden.Michelangelo hätte BeschäftigungGunst und Freunde gefunden.

Der Gonfalonier berichtete nach Romdaß nichts mit ihm anzufangen sei. DerPapst müsse feste Garantien bietensonst käme er ihm nicht. Doch werde ernoch einmal mit ihm sprechenda die launenhafte Natur des Mannes vielleichteine Änderung seiner Entschlüsse hoffen lasse.

Guilios dritter Brief scheint enthalten zu habenwas man wünschte. Soderinihörte nun auch von Michelangelos türkischer Reise. Er stellte ihm vorwieviel besser es seinach Rom zu gehenwäre es auchum dort zu sterbenalsbeim Sultan sein Leben zu verbringen. Aber er brauche nichts zu besorgen. DerPapst sei milde von Naturer verlange ihn zurückweil er ihm wohlwolleundwenn er allen Versicherungen keinen Glauben schenkewerde ihn die Regierung inder Eigenschaft ihres Gesandten reisen lassen. Wer ihm dann etwas zuleide täteder habe die florentinische Republik in eigner Person beleidigt. Da Michelangeloseiner Geburt und seinem Alter nach längst Mitglied des Consiglio grande warund als solches zu jedem Staatsamte die Fähigkeit besaßso erscheintSoderinis Vorschlag durchaus praktisch. Man würde heute vielleicht einenangesehenen Mann in ähnlicher Weise einer auswärtigen Gesandtschaft zuordnen.

Michelangelo ging darauf ein. Die Regierung gab ihm ein besonderesEmpfehlungsschreiben an den Kardinal von Paviades Papstes Günstlingmitdurch den die Verhandlungen seinetwegen vorzugsweise geführt worden waren. Indiesem Briefe steht allerdings nichts davondaß er als Gesandter kommealleinda er nur des Namens wegen zum ambasciadore ernannt werden sollteso ist dieskein Beweis dagegendaß ihm überhaupt diese Eigenschaft beigelegt worden sei.Datiert ist der Brief vom 21. August 1506; allein schon am 27. hatte der PapstRom verlassenum den Krieg zu beginnenwelcher der Anfang der Kämpfe warindenen er seine alte kriegerische Laufbahn mit all der Energie wieder aufnahmderen er fähig war.

III

Man war erstaunt gewesen über die stillen Anfänge seiner Herrschaft. SeinemCharakter nach hätte er längst die Waffen ergreifen müssen. Doch es schiensich seine Natur geändert zu haben und er von der alten Rache nichts mehr zuwissendie er an so vielen Feinden nehmen wollte. Giulio aber sammelte in derStille Geld für die Soldaten. Die Papstwahl hatte ihn zu viel gekostet. Ermußte erst wieder die Taschen voll haben. Bis dahin suchte er unter der Handdie Dinge so zu lenkendaß sie ihmwenn er endlich gerüstet aufträtesobequem als möglich lägen.

So herrschte eine Zeitlangden ewigen Krieg der Florentiner gegen PisaausgenommenFriede in Italien. Doch wie der Papst seine geheimen Pläne machtefehlten sie auch den übrigen nicht.

Mailand gehörte Frankreich; Ludwig der Zwölfte war vom Kaiser damit belehntworden. Florenz erfreute sich des französischen Schutzes in erster Linie; unddennochmit dem Besitze Genuas und der Lombardei hatte Ludwig sich die Politikder Sforzas und Viscontis aneignen müssendie gleichsam an der Schollehaftete: er mußte nach dem Besitze der italischen Westküste streben und Pisazu gewinnen suchen. Dabei blieben die hergebrachten Ansprüche auf NeapeldasGonsalvoder große Capitanofür Spanien glänzend zurückerobert hatte undals Vizekönig regierte. Hinter dem allen aber lauerte der größte Gedanke: dasKaisertum! Ludwig wollte in Rom als Kaiser gekrönt werdenes war auch das diealte Sehnsucht seiner Vorgängerdie auf ihn überging und die seine Nachfolgernoch drei Jahrhunderte fruchtlos hegtenbis Napoleon sie zur Erfüllungbrachte.

Solange Giulio regiertewar dergleichen aber nicht möglich. Deshalb mußtedieser beseitigt werden. Der Kardinal von AmboiseGiulios einstiger Nebenbuhlerbei der Papstwahl (nebst Ascanio Sforzader als Gefangener in Frankreich an derPest starbd. h. vergiftet ward)sollte ihm dazu behilflich sein. Ein Konzilwürde Giulio absetzenrechnete der Königund Amboise an seine Stellewählen. Es waren noch keine festen Plänenur leitende Ideendie man hegteaber wie es natürlich wardaß sie Ludwig im Sinne lagenebenso natürlichwar esdaß Giulio selber sie erkannte und sich zu schützen suchte.

Und dies zeigte sich einstweilen nicht so schwierig. Dem Könige standen zweiMächte gegenüberwelche dafür sorgtendaß auch nicht ein Schritt vonFrankreich getan würdezu dem sie nicht zuvor ihre Einwilligung gegeben.Spanien in erster Liniedas heißt Aragondas nach Isabellens Tode vonKastilien wieder getrenntmit Neapel dagegen nun vereinigt dem alten KönigeFerdinand gehorchte. Maximilian sodannder römische Königdessen SohnHerzog Philipp von Burgundzur Zeit Kastilien innehatte. Philipp regierte dortfür seinen Sohn Karlnochmaligen Kaiser Karl den Fünften. Der kastilischeAdelder für seine Rechte fürchtetehatte ihn ins Land gerufen. Denn auchKönig Ferdinand wollte in Kastilien für Karl regierender auch sein Enkelwar. In aller Kürze hier die Verwandtschaft: Max heiratete Marie von Burgund;Philippder Sohn aus dieser Eheeine Tochter Ferdinands und Isabellens.Dadurch hatte Karlder Ferdinands und Maximilians Enkel zugleich warAnwartschaft auf beide SpanienBurgund und auf die Kaiserkronewas ihm auch inder Folge alles zufiel.

Damals aberwo Karls Mutter eben im Wahnsinn gestorben und er selber einzartes Kind warhatten die Aussichten vorläufig nur die Folgedaß Maximiliansich kräftiger dem Süden zuwandte. Das deutsche Kaisertum wollte er wieder zuEhren bringenMailand natürlich einst für Karl zurückerwerbenVenedigdemütigen und den Papst in seine alte abhängige Stellung zurückdrängen.

Das waren die habsburgischen Ideen jener Tage. Und um sie mit denfranzösischen vielleicht zu versöhnenwurde an einer Heirat zwischen Karl undClaudeder Tochter Ludwigsgearbeitet.

Zwischen zwei solchen Gewalten stehendderen Politik ganz Europa umfaßteblieb den Päpsten geringer Spielraum. Sie mußten der einen oder der anderenanheimfallen. Es stand wieder wie in jenen längst verflossenen Jahrhundertenwo Frankreich und Deutschland jedes seinen eigenen Papst zu machen strebte.Indessendie Dinge gestalteten sich erst. Ferdinand von Aragons sowie VenedigsDasein bewirktendaß immer vier an der Partie mitspielten; auch England griffein. So blieb Gelegenheit für Koalitionenund in der allgemeinen Verwirrungboten sich Schlachtfelder für Giulios Ehrgeiz.

Seine Natur bedurfte gewaltsamer Aufregungendies ist der letzte Grundseiner Taten. Er warf sich auf das Nächstliegende. Nach dem Sturze der Borgiashatten die Venezianer einen Teil der Romagna an sich gerissenRavennaCerviaRiminidrei wichtige Küstenstädteund Faenza im Inneren. Die beiden besaßenSalzwerkedie ungemeine Einkünfte gewährten. Rimini bot Venedig noch im Jahre1504 freiwillig anGiulio aber antwortetedaß er sie sämtlich mit Gewalt ansich zu bringen hoffe. Zu Anfang 1505 zeigten sich die Venezianer noch willigersie wollten jetzt alles bis auf Rimini und Faenza ausliefernnur möchte derPapst die Gesandten der Stadtdie in den Kirchenbann getan worden warenin Romzu Gnaden wieder aufnehmen. Hierauf ging er einstweilen einohne Frankreichkonnte er nichts gegen Venedig tunund so gern Ludwig die Venezianergedemütigt gesehen hätteso wenig wünschte er doch Maximilian nach Italienzu ziehender sich bei einem Kriege gegen die Stadt sogleich in Bewegunggesetzt haben würde.

Giulio konnte deshalb nach dieser Seite hin vorderhand nichts unternehmen.Aber er wollte einen Krieg haben. Er beschloßBologna und Perugiazweipäpstliche Städtedie sich seit langen Jahren unter den Bentivoglis undBaglionis zu selbständiger Politik erhoben hattenin seine Gewaltzurückzubringen. Gegen beide Familien hegte er persönliche FeindschaftundFrankreich zeigte sich hier geneigtertätige Hilfe zu gewährendenn esfürchtete eine Verbindung Giulios mit Venedig.

Begleitet von den Kardinälenzog der Papst mit der Armee von Rom ausgegenPerugia zuerstdas auf halbem Wege nach Bologna liegt. Er hatte nicht mehr alsfünfhundert Lanzen bei sichdas heißt fünfhundert schwerbewaffnete Ritterwelche mit ihrem Gefolge eine ziemliche Armee repräsentierten. Der Zuzug derVerbündeten sollte sich unterwegs anschließen. Gianpagolo Baglioni dagegenein alter Kriegsunternehmerstand so wohlversorgt mit Soldaten dadaß erseine Stadt getrost hätte verteidigen können. Dennoch kam er Giulio schon inOrvieto entgegenunterwarf sich und wurde mit seinen Leuten in Sold genommen.Inmitten des Hofstaates und der Kardinäle zog der Papst feierlich in Perugiaeinals einzige Bedeckung seine Leibgarde um sich. Baglioni hätte ihn jetztmit seiner ganzen Umgebung fangen können. Es wäre vielleicht ein gutesGeschäft gewesen. Aber dieser Mannder alle seine Verwandten meuchlingsumgebracht hattefühlte sich gelähmt durch die Persönlichkeit Giulios undließwie Machiavelli sagtdie schöne Gelegenheitsich die Bewunderung derZeitgenossen und ewigen Ruhm zu erwerbenungenutzt vorübergehennur weil ihmder Mut fehlteso verbrecherisch zu seinals es der Moment erforderte. Unddamit dieses Urteil nicht als eine absonderliche Ansicht Machiavellis erscheinesei bemerktdaß auch Guiccardini den Mangel an augenblicklicher Tatkraft beiBaglioni rügt. So war das Zeitalter. Es fiel keinem von beiden einauch nurdaran zu erinnernwelch eine Schmach es gewesen seidas Oberhaupt derChristenheit hinterlistig gefangenzunehmen.

In Perugia erschien der Kardinal von Narbonne im Namen des Königs vonFrankreich. Giulio möge sein Unternehmen gegen Bologna wenigstens verschieben.Der Papst hatte Rom verlassennoch ehe ihm Ludwig seine Hilfe fest zugesagt.Die Bentivogli standen gut mit Frankreich. Aber es hatte die einlaufende Mahnungkeine andere Wirkungals daß der Papst von allen Seiten Soldaten heranzogumdesto rascher vorzugehen. Der König gab nach. Giulio mußte versprechenVenedig nicht anzugreifenunter dieser Bedingung lieferte Ludwig sechshundertRitter und dreitausend Mann Infanterie. Hundertundfünfzig Ritter führteBaglionihundert schickten die Florentiner unter Marcanton Colonnahundert derHerzog von Ferraraaus Neapel kamen Stradioten (eine Art berittenergriechischer Mietstruppenderen sich Venedig meistens bediente)zweihundertleichte Reiter endlich führte Francesco Gonzaga zuder zum Oberbefehlshaberder Armee ernannt wurde.

Der alte Bentivoglio mit seinen Söhnendie sich von allen Seitenangegriffen sahenwartete den Sturm nicht ab. Als sie von dem feindlichenAnrücken der Franzosen hörtenflüchteten sie diesen entgegen und wurdengegen gute Bezahlung in Schutz genommen. Ihren Palast plündert und zerstörtdas Volk. Giulio wird in prachtvollem Geleite in die Stadt eingeholt. DieBürger erhalten ihre Freiheiten zurück. Der Papst kam als »Befreier vonItalien«. Das Wetter war so herrlich in jenen Tagendaß alles in Blütestandund die begeisterten Bürger den Papst als den Herrn des Himmels und derPlaneten begrüßten. Giulio aber traf trotzdem die nötigen MaßregelnBolognaauch für die Folgewenn diese Stimmung etwa umschlagen könntegut päpstlichzu erhalten. Er setzte sich einstweilen da fest und blickte um sich. Die Reihekam nun doch an die Venezianer. Für den Augenblick aber ruhten die Dingeundman fand Zeitsich der Kunst und Michelangelos zu erinnern.

Während der Papst Krieg führtehatte dieser in Florenz am Kartonweitergezeichnet und ihn zu Ende gebracht. Die Kämpfe mit Pisa nahmen damalsdas öffentliche Interesse ganz in Anspruch. Michelangelo hatte seinen Stoff ausdem Kreise der Kriege gewähltdie seit Jahrhunderten zwischen beiden Städtenwalteten. Um die Zeit etwawo Salvestro bei Medici lebtewandte sich einenglischer Kriegsunternehmer nach ItalienHawkwoodvon den Italienern Agutogenanntein berühmter tapferer Manndessen Grabdenkmal heute noch in SantaMaria del Fiore zu sehen ist. Dieser mischte sich in die Kämpfe seiner Zeit; eskam ihm auf Arbeit an und nicht auf die Sacheder er diente: ehe er zu denFlorentinern übertrathatte er im Solde der Pisaner Krieg gegen sie geführtund während dieser Periode seiner Tätigkeit ereignete sich der VorfalldenMichelangelo dargestellt hat.

Die Truppen standen sich in der Nähe von Pisa gegenüber. Es war sehr heißdie Florentiner legten die Rüstungen ab und badeten im Arno. Aguto benutztdiese Gelegenheit zu einem Überfall. Noch zur rechten Zeit aber eilt MannoDonati herbei und verkündet die drohende Gefahr. Die Badenden stürzten ansUfer und in die Waffen – diesen Moment ergriff Michelangelo. Jung und Altdurcheinander – einige können mit den nassen Gliedern nicht in dieanklebenden Kleider hineinandere haben schon die Rüstung auf dem Leibe undschnallen das Riemenzeug fest; dort erklimmt einer eben das Uferstemmt sichmit beiden Armen auf und blickt in die Ferne – man sieht die ganze Gestaltdie uns den Rücken zudrehtund ihre wundervolle Bewegung; ein andererderschon mit den Kleidern beschäftigt istunterbricht einen Augenblick die Arbeitdes Anziehensdreht den Kopf um nach der Gegendwoher Gefahr drohtund deutetdahin; wieder einerder noch ganz nackt istkniet auf der Höhe des Ufers undreckt den linken Arm tief hinab einem anderen Arme entgegender mitverlangenden Fingern tief aus dem Wasser emporkommt – mit dem rechten Arm undden Knien sucht er sich oben Widerstand zu schaffen. Es ist nicht möglichdieeinzelnen Gestalten alle zu beschreibendie Verkürzungendie Kühnheitmitder immer das Schwierigste gewolltdie Kunstmit der es erreicht worden ist:dieser Karton war die Schule für eine ganze Künstlergenerationdie nach ihmihre Anschauungen formte.

Ausgeführt wurde er niemals. Ein Teil des Kartons istwenn Borghini nichtfalsch berichtetgegen Ende des 16. Jahrhunderts noch auf einer Villa beiFlorenz vorhanden gewesen. Heute existiert vom Gemälde nichts als eine Kopiegeringen Umfangesdie nur im allgemeinen die Stellung der Figuren erkennenläßt. Einige Gestalten dagegendie eine Gruppe bildenhat Marcantongestochen. Es ist eines seiner schönsten Blätter und läßt wohl ahnenwelchein prachtvolles Werk der Karton gewesen sein muß. Ein zweiter Stichder einenanderengrößeren Teil des Ganzen wiedergibtist von Agostino VenezianoMarcantons Schüler. Aber während jenes Blatt im Jahre 1510 noch nach demOriginal gezeichnet sein konnteweiß man bei diesem nichtwoher die Zeichnungstammt. Als eine Eigentümlichkeit der Komposition tritt noch die alteflorentinische Manier hervormehr ein breites Gedränge als eine sich der Mittezu aufbauende symmetrisch gegliederte Anordnung zu geben. Die Schönheit derArbeit lagabgesehen vom geistigen Inhalteim Reichtum unverhüllterKörperwendungen. Leonardo hatte darin längst Großes geleistetdie Anatomieund das Studium der Verkürzungen waren von ihm vor Michelangelos Auftreten mitMeisterschaft betrieben wordendennoch mußte er sich von diesem nunübertroffen sehen.

Die Meinungen teilten sich in Florenz natürlicherweise. Es wurde mitHeftigkeit für und wider die beiden Meister gestritten. Erregt eine großeKraft nur erst das Vertrauendaß man sich ohne Bedenken auf sie verlassenkönnedann ist auch die Partei um sie her gebildet. Der Karton muß denFreunden Michelangelos dies Gefühl der Sicherheit gegeben habenauf das esankam. Michelangelo stand fortan nicht mehr einsam der Schule Leonardos entgegenund hatte das Glück auf seiner Seite.

Es ging schlecht mit Leonardos Malerei im Saale des Palastesbei der erstatt al fresco zu malenÖlfarben anwandte. Die Kompositionmit der die Mauerzu diesem Zwecke von ihm behandelt worden warhielt nicht; die Arbeit verdarbihm unter den Händen. Dazu kam das Mißlingen des Projektesdem Arno ein neuesBett zu graben und die Pisaner durch die Ableitung des ihre Stadtdurchschneidenden Flusses zur Übergabe zu zwingen. Zweitausend Erdarbeiterwaren aufgewandt worden; zuletzt stellte sich herausdaß man bei derNivellierung Rechenfehler begangen hatte. Leonardo warscheint esdabeibeteiligt. Empfindlichkeiten zwischen ihm und Soderini machten das Leben inFlorenz vollends unbehaglich. Er hatte seinen Gehalt abholen lassen und lauterRollen von Kupferstücken empfangen. Mit einer stolzen Antwort sandte er dasGeld zurück: er sei kein Malerden man mit Dreiern bezahle. Es kam so weitdaß der Gonfalonier den Vorwurf aussprachLeonardo habe Geld erhaltenohneArbeit zu liefern. Dieser brachte jetzt ein Summe zusammendie allem entsprachwas er überhaupt je empfangen hatteund stellte sie Soderini zur Verfügungder sie anzunehmen verweigerte. Aus Mailand dagegen kamen dringende Einladungen.Leonardo ließ sich Urlaub geben und gingohne sein Gemälde beendet zu habenvon Florenz fortum sich zu der alten Stätte seines Ruhmes zurückzuwendenwoer vom Statthalter des Königs von Frankreich glänzend aufgenommen wurde. DenAufforderungen Soderiniswiederzukommen und den eingegangenen Verpflichtungenzu genügensetzte jener hohe Herr selber die höflichsten Ablehnungenentgegen. Leonardo erhielt den Titel eines Malers seiner AllerchristlichstenMajestätkam in dieser Eigenschaft noch einmal nach Florenz im Jahre 1507ordnete seine Verhältnisse und begab sich nach Frankreichwohin ihn sein neuerGebieter berufen hatte. Solchen Wünschen gegenüber konnte sich der Gonfaloniernur nachgiebig verhalten. Leonardos Gemälde im Saale des Palastes ist nievollendet wordenund was davon fertig warallmählich zugrunde gegangen.

Michelangelo blieb Herr des Schlachtfeldesaber auch ihn rief nun der Willedes Papstes aus Florenz fort. Kaum war Bologna eingenommenim November 1506sotraf ein Schreiben des Kardinals von Pavia eindie Signorie von Florenz würdeSeiner Heiligkeit einen großen Gefallen erweisenwenn sie Michelangelo auf derStelle nach Bologna senden wolleund dieser selbst dürfe sich über den ihmbevorstehenden Empfang nicht zu beklagen haben. Eine Woche später gingMichelangelo dahin abversehen mit einem außerordentlichenEmpfehlungsschreiben des Gonfaloniers an seinen Bruderden Bischof vonVolterra. »Wir können versichern«heißt es darin»daß Michelangelo einausgezeichneter Mann istder erste seines Handwerks in Italienja vielleichtin der ganzen Welt. Wir können ihn nicht angelegentlich genug empfehlen. Beifreundlichen Worten und sanfter Begegnung kann man alles von ihm erreichen. Manmuß ihn nur merken lassendaß man ihn liebt und günstig gegen ihn gestimmtseiund er wird staunenswerte Arbeit liefern. Hier hat er jetzt die Zeichnungzu einem Gemälde gemachtdas ein ganz ausgezeichnetes Werk sein wirddesgleichen ist er mit zwölf Aposteln beschäftigtzu neun Fuß ein jederdievorzüglich ausfallen werden. Noch einmal empfehlen wir ihn euch.« Und imNachsatz: »Michelangelo kommt im Vertrauen auf unser gegebenes Wort.« So wenigverließ man sich immer noch auf die sanfte Weise des Papstes.

Neben diesem Briefe erhielt Michelangelo einen zweitenenergischer lautendenan den Kardinal von Pavia. Er blieb unschlüssig bis zu den letzten Tagen. Nochkurze Zeit vor dem Datum jener Briefe hatte der Gonfalonier geschriebendaß erMichelangelo »zu der Reise zu bringen hoffe«. »Ich ging«sagte Michelangelovon sich selbst»mit dem Riemen um den Hals.« Das heißt alsowie ein Hundder gezogen wird. Zu Ende des Monats mag er in Bologna eingetroffen sein.

Sein erster Gang war nach San Petronioum die Messe zu hören. Hier wurde ervon einem der päpstlichen Diener erkannt und gleich zu Seiner Heiligkeitmitgenommen. Giulio saß im Palaste der Regierung bei Tische und ließMichelangelo hereinführen. Um die nun folgende Szene ganz zu begreifenmußman den Charakter des Papstes verstehen. »Er ist«schreibt im Jahre 1506einer der Gesandten an seinem Hofe»terriblement colerique und schwer zubehandeln. Er hat nicht die Geduldruhig anzuhörenwas man sagen willunddie Menschen zu nehmenwie sie sind. Aber wer ihn zu behandeln weiß und wem ereinmal Vertrauen geschenkt hatder findet stets den besten Willen bei ihm.«

Bei Michelangelos Anblick konnte Giulio den aufsteigenden Zorn nichtbemeistern. »So lange also hast du gewartet«fuhr er ihn an»bis wir selberkämenum dich aufzusuchen?« Bologna nämlich liegt näher bei Florenz alsdieses bei Romund der Papstwenn er so wolltewar Michelangeloentgegengekommen.

Michelangelo kniete nieder und erbat die Verzeihung Seiner Heiligkeit. Er seinicht aus bösem Willen fortgegangensondern weil er sich beleidigt gefühlt.Es sei ihm unerträglich gewesensich fortjagen zu lassenwie ihm geschehensei. Giulio sah finster vor sich nieder und gab keine Antwortals einer von dengeistlichen Herrender vom Kardinal Soderini gebeten warsich nötigenfallsins Mittel zu legendas Wort ergriff. Seine Heiligkeit möge den FehlerMichelangelos nicht zu hoch aufnehmen; er sei ein Mensch ohne Erziehung; dasKünstlervolk wisse wenigwie man sich zu verhalten habewo es nicht dieeigene Kunst beträfe; sie wären alle nicht anders. Wütend wandte sich derPapst jetzt gegen den unberufenen Fürbitter. »Du wagst es«schrie er auf»diesem Manne Dinge zu sagendie ich ihm selbst nicht gesagt haben würde? Duselber bist ein Mensch ohne Erziehungdu ein elender Kerl; und er nicht! Miraus den Augen mit deinem Ungeschick!« Und als der arme Herr wie angedonnertstehen bleibtmüssen ihn die Diener zum Saale herausschaffen. Er war noch gutgenug davongekommenwenn es wahr istwas man in Rom erzähltedaß der Papstbei Tafel Kardinäle selber durchgeprügelt hatte. Dem Zorne Giulios war damitein Genüge geschehen. Gnädig winkte er Michelangelo herbei und schenkte ihmseine Verzeihung. Er solle Bologna nicht wieder verlassenals bis er seineAufträge empfangen hätte.

Giuliano di Sangallo war mit dem Papste in Bologna. Vielleicht verdankteMichelangelo dem Einflusse dieses Mannesdaß ihm die Gunst des heiligen Vatersunvermindert von neuem zuteil ward. Sangallo brachte Giulio auf den Gedankensich eine kolossale Bronzestatue in Bologna errichten zu lassen. Michelangeloerhielt Befehlsie auszuführen. Was es kosten würdewollte der Papst wissen.Es sei nicht sein Handwerkerwiderte Michelangelodoch denke er sie für 3000Dukaten zu schaffen; ob der Guß aber gelingen werdedafür könne er nichteinstehen. »Du wirst sie so oft gießenbis es gelingt«antwortete derPapst»und wirst soviel ausgezahlt erhaltenals du bedarfst.« Was dasanlangteso brauchte der Papst nicht zu knausernda die Statue natürlich vom»Volke von Bologna« gesetzt ward. Die 3000 Dukaten wurden auf der Stelleangewiesenund Michelangelo machte sich an die Arbeit.

Über keins seiner Werke haben wir so viel Berichte von seiner Hand. DerVerkehr zwischen ihm und den Seinigen in Florenz war lebhaftund die gesamteKorrespondenz liegt endlich nun gedruckt vor.

Der erste Brief ist vom 19. Dezember 1506wenige Wochen also nach seinerAnkunft geschriebenund zwar an den um zwei Jahre jüngeren Lieblingsbruderwelcher nach einer in der Familie bestehenden Gewohnheit den Namen Buonarrotoals Vornamen führte. Michelangelo bittet ihnPiero Orlandini zu sagendaß esihm unmöglich seidie bestellte Dolchklinge selber zu arbeiten. Orlandiniwünsche etwas ganz Außerordentliches zu habenallein erstens liege derAuftrag außerhalb seiner Kunstund zweitens fehle ihm die Zeitihnauszuführen. Doch solle innerhalb eines Monats die Klinge geschafft werdenundzwar so gut als sie nur immer in Bologna zu haben sei. – Eingelegte Degen- undDolchklingen gehörten jenerzeit wie kostbare Panzer zum notwendigen Besitzeines reichen Edelmannsund es wurden große Summen darauf verwandt. Manarbeitete diese Klingen nach verschiedenen Mustern; in der Lombardei ahmten dieGoldschmiede den Efeu und Wein in seinen Reben und Ranken nachin Rom denAkanthusund wieder andere Pflanzen fanden sich in den Arabesken dertürkischen Dolche. Über Piero Orlandini ist mir nichts weiter bekanntalsdaß er fünfzehn Jahre später in Florenz enthauptet wurdeweil er über dielegitime Geburt Clemens des Siebenten Verdächte geäußert.

Michelangelo hoffte damalsschon zu Ostern 1507 in Bologna fertig zu seinund nach Florenz zurückzukommen.

Der Brief zeigt ihn als den eigentlichen Mittelpunkt der Familie. Buonarrotohat über Giovansimoneeinen wieder um anderthalb Jahre jüngeren Brudergeschriebenden ich später einmal als »gefälligen Dichter« genannt findeund derwie es scheinteben in den Anfangsgründen einer bestimmten Laufbahnstand. Michelangelo antworteter freue sichdaß Giovansimone bei Buonarrotoim Geschäft guten Willen zeige. Er werde ihnwie sie allestetsunterstützenwenn Gott Kraft dazu gebeund ihnen haltenwas er zugesagthabe. Wenn Giovansimone aber die Absicht hegeihn in Bologna aufzusuchensomüsse er ihm ernstlich abraten. Seine Wohnung sei erbärmliches befinde sichnur ein einziges Bett darinin welchem sie zu vieren schliefen. Giovansimonesolle sich geduldenbis die Statue gegossen seidann wolle er ihm ein Pferdschicken und ihn abholen lassen. Bis dahin möchten sie Gott bittendaß allesseinen guten Fortgang nehme. Dies der gewöhnliche Schluß seiner Briefedarumaber keine bloße Redensartwie aus anderen Stellen ersichtlich ist. Etwaswunderlich klingt das Abholenlassen bei dem Bruderder damals etwa 28 Jahrezählte. Ich möchte vermutenohne darum dem Andenken Giovansimones zunahezutretenderselbe sei vom Schicksale dazu bestimmt gewesenwie nichtselten in ähnlichen Fällen beobachtet wirdMichelangelos außerordentlicheGaben für das praktische Leben durch einen entsprechenden Mangel daran in derFamilie gleichsam wieder auszugleichen.

Von den 3000 Dukaten war sogleich ein bedeutender Teil nach Florenzabgegangen. Es verblieb übrigens in der Folge bei dieser ZahlungobgleichMichelangelo sich zu starken Nachforderungen an den Papst berechtigt glaubte. Am22. Januar 1507 bereits beantwortet Michelangelo einen Brief Buonarrotosworindieser über den Ankauf eines Grundstücks durch den Vater berichtet hatte.Giovansimone besteht daraufnach Bologna zu kommenMichelangelo weist ihnabermals zurück: erst müsse er den Guß hinter sich haben. Zu Mittfasten hoffeer sicherwürde es soweit sein; Ostern käme er nach Florenz. Die Dolchklingefür Orlandini sei dem besten Meister zu Bologna in Auftrag gegebenfalle sienicht gut ausso werde er sie umarbeiten lassen. Was diese Klinge anlangtwelche in den Briefen noch oft erwähnt wirdso sei gleich gesagtdaß sieendlich fertig und abgesandt wurdedem Besteller nun aber nicht gefielso daßMichelangelo sie zurücknahm.

Das waren die Dinge etwadie Michelangelo nebenbei im Kopfe hattewährender an dem Modell der Statue arbeitete. Der Papst muß ihm doch ab und zugesessen haben. Wie anders die Gedankendie Giulio während dieser Zeit durchdie Seele gingen. Er betrieb von Bologna aus die Allianz mit Frankreich gegendie Venezianer. Er wollte die ganze Romagna zurückhaben. Der König zeigte sichjetzt geneigter. Philipp von Burgund war in Kastilien plötzlich gestorben.Maximilians Plänein Italien einzufallen undvon Kastilien unterstütztalsHerr und Kaiser aufzutretenverloren ihre Furchtbarkeit. Ludwig durfte darandenken gegen Venedig vorzugehen und der Republik die Teile des mailändischenGebietes wieder abzunehmenwelche sie in Besitz genommen. Eine Zusammenkunftzwischen ihm und dem Papste in Bologna wurde ausgemachtbei der das Näheremündlich verabredet werden sollte.

Nun aber kamen dem Papste ganz andere Dinge zu Ohren. Genua hatte sich gegenden König von Frankreich erhobendas Volk den Adelder sich an ihn anlehntesamt der französischen Besatzung aus den Mauern getriebenals altesReichslehen den kaiserlichen Adler aufgepflanzt und sich unter MaximiliansSchutz gestellt. Giuliovon Geburt ein Genueseseiner Neigung nach Demokratwie er denn auch in Bologna als Beschützer des Volkes gegen die Übergewalt desAdels aufgetreten warunterstützte heimlich die Aufständischen. Er drang beimKönig auf einen Vergleich statt gewaltsamer Schritte gegen die Stadt. Jetztvernahm erdaß Ludwigunter dem ScheineGenua zum Gehorsam zurückzuführenumfangreiche Rüstungen machederen eigentlicher Zweck ein durchgreifender Zugnach Italien sei. Toskana solle eingenommen werdenin Pisa dann ein Konzilzusammentreten und der Kardinal d'Amboise als Papst daraus hervorgehen. DieseNachrichten und zugleich diedaß Maximilian mit Ludwig halb und halb imEinverständnisse seigelangten durch die Venezianer nach Bologna.

Giulio vereinigte sich sogleich mit ihnen. Gemeinsame Schritte beim Kaiserwurden verabredetum Schutz gegen Frankreich zu erreichen. Des drohendenKonzils wegen erschien des Papstes Anwesenheit in Rom notwendig. Der Kardinalvon San Vitale wurde in Bologna als Legat eingesetzt; Giulio legte noch denGrundstein der neuen Zitadelledie er zu bauen beabsichtigteund zog EndeFebruar 1507 nach Rom ab. Als Vorwand mußte die Erklärung der Ärzte dienendaß ihm die Luft in Bologna nicht zuträglich sei. Auch wolle er fortbehauptete manweil die Einkünfte in Rom ausbliebenwenn er nicht in Persondort zugegen sei.

Ehe er abreistesah er noch das Modell Michelangelos. »Am letzten Freitagewar der Papst bei mir im Atelier«heißt es in einem vom 1. Februar datiertenBriefe. »Er gab mir zu verstehendaß die Arbeit seinen Beifall habe. BittetGottdaß sie gut geratedenn wenn dies geschiehthoffe ich beim Papstegroße Gnade zu gewinnen. Er wird in diesem Karneval noch Bologna verlassensowenigstens geht bei den Leuten hier die Rede. Die Klinge schicke ichsobald siefertig istdurch sichere Gelegenheit.«

Michelangelo hatte den Papst in mehr als dreifacher Lebensgrößedargestellt. Die Rechte war erhobenin betreff der Linken hegte er Bedenkenwas man am besten hineingebe. »Ob Sr. Heiligkeit vielleicht ein Buch genehmsei?« »Gib mir ein Schwert hinein«rief der Papst aus»ich bin keinGelehrter!« Auch wollte er wissenwas die erhobene Rechte bedeuteob er Fluchoder Segen austeile. Es war hergebracht nämlichdaß bei den Darstellungen desJüngsten Gerichtes Christus als Richter mit erhobener Rechten die Mitte desGemäldes bildete. Daran mochte der Papst sich erinnern. »Du rätst dem Volkevon Bologna weise zu sein«antwortete Michelangelo und nahm Abschied vonseinem Herrnder am Palmsonntage in Rom wieder eintrafwo er festlichempfangen ward. Vor dem Vatikan stand ein Triumphbogeneine Nachahmung desKonstantinbogens am Kolosseumdessen Inschrift ihn als Sieger und Befreierbegrüßte.

Genuawo die unterste Klasse des Volkes den Herrn spieltewurde jetztangefeuertstandzuhalten. Ferdinand von Aragon hoffte der Papst auf seine Seitezu ziehen. Dieser war damals nach Neapel gegangenweil Philipp von KastilienGonsalvoden Vizekönigaufgefordert hattedem Könige von Aragon denGehorsam zu verweigern und ihm selbst vielmehr das Königreich auszuliefern.Gonsalvo dachte nach Philipps Tode daranNeapel für sich zu behaltenhuldigteaber Ferdinandals dieser in Person erschienund folgte ihm nach Spanien.Giulio dachte den König in Ostia zu sehenwo die spanischen Galeerenvorüberkommen mußten. Zwar hatte er als derjenigeder die Investitur vonNeapel erteilteGonsalvo angetriebensich zu erheben und mit ihm gemeine Sachezu machentrotzdem wollte er nun mit Ferdinand unterhandeln. Dieser abersegelteohne anzulegenvorbei nach San Savonawo er mit Ludwig zusammentrafder siegreich von Genua kam. Der Papst schickte den Kardinal von Pavia nachSavonader aber bei den dortigen geheimen Verhandlungen gar nicht zugelassenward. Nur das brachte er mit nach Rom zurückdaß die beiden Herrscher sich iminnigsten Einverständnisse befändenund der gefürchtete Kardinal d'Amboiseder einzige Dritte bei ihren Unterhandlungen gewesen sei.

Zu bemerken ist hierdaß es in betreff Neapels schon längere Zeit zu einerVerständigung zwischen Aragon und Frankreich gekommen war. Die französischgesinnten Barone kehrten zurück und erhielten ihre Güter wieder; Neapelverblieb Ferdinandder dagegen eine französische Prinzeß heirateteso alt erwarund eine Entschädigung in barem Gelde leistete.

Den Papst retteten die kollidierenden Interessen Frankreichs und Maximilians.Gegen Venedig waren beide einer Gesinnunghatten sich auch wohl über Burgundund über Kastilien geeinigtwo Max im Namen seines Enkels die Regierungverlangtewährend Ferdinand sie zugleich in Anspruch nahm; aber daß Ludwigdas Kaisertum für sich und die päpstliche Würde für Amboise als letztes Zielvor Augen hattewährend Max sogar die seltsame Idee faßtesich in Rom nichtnur zum Kaiser krönen zu lassensondern dort zu gleicher Zeit selber Papst zuwerdenmachte das Einverständnis unmöglich. Giulio unterhandelte stets mitbeidener haßte sie gleichmäßig und hätte am liebsten gesehenwenn siesich einander zum Vorteile Italiens aufgerieben hätten. Immer verlangte erHilfe von einemwenn der andere drohteimmer stemmte er sich dennoch dagegenwenn einer von beiden bewaffnet zu seinem Schutz erscheinen wollte. Während erdurch den Kardinal von Pavia in Savona zu unterhandeln suchtesandte er einenanderen Kardinal zum Reichstage nach Kostnitzden Maximilian zusammenberufenhatteweil er Geld und Soldaten für den italienischen Feldzug brauchte.

Diese Ereignisse füllten für Giulio den Sommer 1507. Bei MichelangelosWerke war unterdessen eingetretenwas er als Möglichkeit vorausgesagt hatte:der Guß verunglückte. Von Anfang an hatte er Widerwärtigkeiten bei derArbeit. In jenem Briefeder den Besuch des Papstes meldetist am Schluß vonVerdrießlichkeiten die Rededie ihm durch seine Leute verursacht wurden.»Wenn Lapo«schreibt er»und Ludovicodie hier in meinen Diensten standenetwa mit dem Vater reden solltenso sage ihmer möge sich nicht um daskümmernwas sie aufstelltenbesonders was Lapo vorbrächteund sich durchnichts aufregen lassen. Sobald ich Zeit zum Schreiben hättewürde ich ihmalles auseinandersetzen.«

Trotzdem traf einwas er hatte verhüten wollendenn ein an den Vatergerichteter Brief vom 8. Februar zeigtdaß dieser nicht nur den Klagen derbeiden fortgeschickten Leute williges Gehör geliehensondern auch den Sohndarüber zur Rede gestellt hatte. Michelangelo gibt nun Auskunft. Zuerstverweist er den Vater auf einen an Granacci gerichteten Briefwelchen er sichzeigen lassen sollein einem Postskriptum jedoch kommt erwie dies öfter beiihm der Fall istauf die Sache zurück und erzähltwie ihn Lapo beim Ankaufevon 120 Pfund Wachs hätte betrügen wollen.

Diese Angabe gewährt Einblick in den Stand der Arbeit. Sie zeigtdaß derGuß der Statue damals vorbereitet wurde. Zuerst bedurfte es hierzu einesTonmodells. War es getrocknetso ersetzte manwas auf diese Weise geschwundenwardurch aufgetragenes Wachsbis das Modell wieder seine volle Gestaltbesaßund umgab es mit einem dicken Überzuge von Lehm. Saß dieserwohlgetrocknet und fest darüberso wurde das Ganze erhitztTon und Lehm sogendas flüssig gewordene Wachs aufund der frei gewordenedie ganze Figurumgebende hohle Raum nahm das Metall auf. Dies ist die einfachere Art zugießendie Benvenuto Cellini angibt. Die kompliziertere kann bei ihmwie beiVasarigleichfalls nachgelesen werden.

Den Guß getraute sich Michelangelo indessen nicht auf eigene Faustauszuführen. Es gehörten dazu Erfahrungendie nur langjährige Arbeit gebenkonnteund die Sache war diesmal zu wichtigum es auf einen Versuch ankommenzu lassen. Michelangelo wandte sich an die Regierung von Florenz und erbatMeister Bernardinoder dem Geschützwesen der Republik vorstandzur Hilfe. Dadie Ehre der Stadtsowohl dem Papste als den bologneser Künstlern gegenübermit auf dem Spiele standkonnte ein solches Verlangen wohl gestellt werden. Am20. April schreibt er jedoch seinem Bruderer möge die Regierung wissenlassendaß erda auf sein Gesuch keine Antwort eingelaufen seiund er darausentnehmedaß Meister Bernardino wahrscheinlich aus Furcht vor der Pest nichtkommen wolleeinen Franzosen in Dienst genommen habe. Es sei ihm unmöglichgewesenlänger zu warten und untätig dazustehen.

In der Tat hatte im März das Sterben in Bologna begonnen. Es starben nichtviele – nur von vierzig Fällen hatte Michelangelo gehörtals er den 26.März schrieb – aberwen die Pest einmal gefaßt hatsetzt er hinzudenläßt sie nicht wieder los.

Fünf Wochen später kommt der Geschützmeister dann dochder Mitte Mai erstUrlaub erhalten hatteund Anfang Juli wird unter seiner Leitung der Gußvorgenommen.

Der Erfolg war kein erfreulicher. »Buonarroto«beginnt der Briefder diesmeldet»wissedaß wir meine Figur gegossen und dabei Unglück gehabt habenda Meister Bernardinosei es aus Mangel an Sachkenntnis oder weil es einungünstiges Geschick so wolltedas Metall nicht gehörig geschmolzen hatte. Esließe sich ein langes und breites darüber schreiben: genugdie Figur ist nurbis zum Gürtel gekommenund das übrige Metalld. h. die andere Hälfteblieb im Ofen steckenweil es nicht flüssig warso daß ichum esherauszubekommenden Ofen einschlagen muß. Dies sowie die Herstellung der Formwird in dieser Woche noch vorgenommenund bringen wir hoffentlich alles wiederin Ordnungfreilich nicht ohne große ArbeitAnstrengung und Ausgaben. Ich warmeiner Sache so gewißdaß ich Meister Bernardino zugetraut hätteer könnedas Metall ohne Feuer schmelzen; auch will ich nicht sagendaß er einschlechter Meister sei und nicht das rechte Interesse daran gehabt habeaberIrren ist menschlichdas ist diesmal bei ihm zur Wahrheit gewordenzu meinemund seinem eigenen großen Nachteil. Denn man hat hier in einer Weise über ihngesprochendaß er sich vor den Leuten kaum sehen lassen darf«

»Lies diesen Brief Baccio d'Agnolo vorwenn du ihn siehstund ersuche ihndem Sangallo in Rom darüber Nachricht zu geben. Empfiehl mich ihmGiovanni daRicasoli und Granaccio. Wenn jetzt alles gut abläufthoffe ich in vierzehnTagen bis drei Wochen fertig zu sein und nach Florenz zu kommengeht es nichtgutso muß ich noch einmal ganz von vorn anfangen. Ich gebe dir Nachricht.Schreibe mirwie sich Giovansimone befindet. Der Einschluß ist ein Brief anGiuliano di Sangallo nach Rom. Sende ihn so gut und so schnell als möglich aboderwenn er in Florenz istgib ihn ihm.«

Sehr bald war das Versehen nun wieder gutgemacht. Der obere Teil der Statuewurde zum zweiten Male gegossen. Am 6. Juli hatte Michelangelo das Mißlingengemeldet: schon am 30. konnte er vom neuen Gusse berichten. Noch sei die Formfreilich so heißdaß man nicht daran rühren dürfeund sogar abermals eineWoche später war die nun wohlgelungene Statue nur zur Hälfte aufgedeckt. Eshätte der Guß viel besseraber auch viel schlechter ausfallen könnenschreibt Michelangeloindem er zugleich seinen Bruder dringend bittetihm dieFlorentiner Erzgießer vom Halse zu haltenwelche sich sofort zu ihm auf denWeg hatten machen wollen. Den 2. August endlich teilt er mitdie Statue seifrei und besser ausgefallenals er erwartet habe.

Michelangelos hauptsächlichster Korrespondent war damals freilich Sangalloan welchen die Briefe durch Buonarroto nach Rom gingen. Diese besitzen wir nichtmehr. Ohne Zweifel verfolgten Michelangelos Freunde in Rom den Gang der Dingemit Spannung. Er selbst fühlte sich unbehaglich und sehnte sich nach demAbschlusse der Arbeit. Tausend Jahre deuchte es ihn nochdaß er dies elendeLeben weiter zu ertragen habe. Ein einziges Malseit er überhaupt in Bolognaseihabe es geregnetund eine Hitze herrschewie er sie nie für möglichgehalten. Dabei sie der Wein teurer wie in Florenz und ein jämmerlichesGetränk.

Im Oktober schreibt er sehr zufrieden über den Stand der Dingeer hoffejetzt rasch zu Ende zu kommen und große Ehre einzulegen. Im November abergewinnt die trübe Stimmung wieder die Oberhand. Buonarroto hatte wegenFamilienangelegenheiten Michelangelos baldige Rückkehr verlangt. Er selberantwortete dieserwünsche wohl noch mehr als siedaß er kommen könne. »Ichbefinde mich«lauteten seine Worte»hier in der unangenehmsten Lage. Wennich diese angestrengte Arbeitdie mir Tag und Nacht keine Ruhe läßtzumzweiten Male tun sollteich glaube kaumdaß ich es durchzusetzen imstandewäre. Ich bin überzeugtkein andererdem diese ungeheure Last aufgelegtworden wärehätte sie ertragen. Mein Glaube istdaß eure Gebete michaufrecht und gesund erhalten haben. Denn niemand in Bolognaselbst nach demglücklichen Verlauf des Gusses nichtglaubtedaß ich mit der Statue gut zuEnde käme; vorher glaubte kein Menschdaß der Guß gelingen würde. Bis zueinem gewissen Punkte habe ich sie nun gebrachtvollenden werde ich sie jedochin diesem Monat nichtim nächsten aber jedenfallsund dann komme ich. Bisdahin seid gutes Mutesich werde haltenwas ich versprochen habe. Versicheredies dem Vater und Giovansimone in meinem Namenund schreibe mirwie es mitGiovansimone geht; lernt ordentlich und gebt euch Mühe im Geschäftdamit ihrwenn es darauf ankommtund das wird bald der Fall seindie nötige Erfahrunghabt.«

Der folgende Brief vom 20. Dezember enthält die Bitteein beigelegtesSchreiben rasch und sicher an den Kardinal von Pavia nach Rom gelangen zulassen; er könne nicht fort von Bolognaohne Antwort darauf zu haben. Am 5.Januar 1508 dankt er für die pünktliche Besorgung. Er hofft in vierzehn Tagenabzureisen; tausend Jahre schienen ihm zu sein bis dahindenn seine Lage seiderartdaßwenn Buonarroto sie säheer ihn bedauern würde. Dies sei derletzte Brief aus Bologna.

Es wäre interessant zu wissenwas er dem Kardinal Alidosi mitzuteilengehabtdenn gerade dieser traf bald darauf in Bologna einund zwar infolge vonEreignissendurch die der Winter dort zu einer bewegten Zeit gemacht wurde. DieBentivoglidie in Mailand saßenund ihre Anhänger in Bologna hatten dasMögliche versuchtdie verlorene Herrschaft zurückzugewinnen. Da Frankreichdas mit Giulio noch keineswegs öffentlich gebrochen hattenicht zugabdaßsie ihre Pläne unverdeckt betriebenso nahm man zu heimlichen Mitteln seineZuflucht. Sie versuchten den Papst zu vergiften. Sie warben in der StilleTruppen und verabredeten mit ihren Anhängern in der Stadt einen Überfall. Vorallem wollten sie sich an den Marescottisihren bittersten Feindenrächendie das Signal zum Anzünden des Palastes gegeben hatten. Auf das Volk hofftensieweil der Legat sich durch Habsucht unerträglich machte. Dieser Kardinalvon San Vitale war vom gemeinsten Stande so hoch erhoben wordennur weil er einLandsmann des Papstes und dessen williger Diener war.

Anfang 1508 sollte die Verschwörung zum Ausbruche kommen. Die Umtriebe derBentivogli aber blieben nicht unbemerkt. Die Marescottidie am meisten zufürchten hattenwaren am scharfsichtigsten gewesen. Sie sahen die DingekommenErcole Marescotti ging nach Romum besondere Maßregeln des Papstes zumSchutze der Seinigen zu erbitten. Jetzt war Eile nötig. Nachts wird der Palastder Marescotti umzingelt. Was man darin fändewolle man umbringen und dann dieBentivogli in die Stadt lassen. Aber die im Schlafe ÜberraschtenMännerFrauen und Kinderflüchten halbnackt über die Dächer anstoßender Häusernur zwei Diener werden ergriffen und niedergemacht. Dann mit zwei Kanonendiesie im Palaste vorgefundenziehen sich die Aufrührer in eins der befestigtenTore der Stadt zurück – Stadttore waren in jenen Zeiten immer kleineZitadellen – und setzten sich in Verteidigungszustand.

Päpstliche Truppen lagen nicht in der Stadt. Nur in den seltensten Fällengestatteten damals die Bürger einer Stadt geworbenen Soldaten den Eintritt inihre Mauernnicht einmal denendie sie selbst bezahlten. Die Zitadelle desPapstes stand noch unfertig da. Der Kardinal wußte nicht mehrwas zu tun sein.Dagegen unterhandelte nun der Senat mit den Anführerndie vergebens auf dieBentivogli gewartet hatten und sich endlich aus ihrer Position am Tore in ihreHäuser zurückzogen.

Der Papst verzieh alles von Rom ausberief San Vitale zurücknahm ihm dieerpreßten Summen ab und steckte ihn in die Engelsburg. Der Kardinal von PaviaFrancesco Alidosigefürchtet wie Giulio selbermächtig wie er undhabgieriger noch als sein Vorgängertraf als neuernannter Legat in Bolognaein. Er legte achthundert Mann in die Stadtbeschleunigte den Bau derZitadelleließ den Palast der Marescotti auf öffentliche Kostenwiederherstellen und einer Anzahl Bürgern nach kurzer Prozedur auf dem Marktedie Köpfe herunterschlagen. So stand es in Bologna zu der Zeitwo dieBildsäule des Papstes fertig über dem Hauptportal von San Petronio aufgestelltward. Am 21. Februar 1508 geschah esnachdem sie eine Woche vorher bereits andie Kirche geschafft worden war. Noch am 18. hatte Michelangelo seinem Brudergeklagtnunda alles fertig seiziehe man ihn mit den Arbeiten wieder hinund er dürfe nicht abreisenweil Giulio ihm befohlen habenicht eher vonBologna fortzugehenals bis die Statue an Ort und Stelle sei. Diese Wochewollte er noch wartendann aber abreisenohne sich an den Papst zu kehren.

Nur drei Tage brauchte er noch zu warten. Unter GlockengeläuteGetön vonTrompetenPfeifenTrommeln und Geschrei des Volkes ging die Enthüllung vorsichgenau in dem Augenblickewelchen die Astrologen als den günstigstenbezeichnet hatten. Mit Erleuchtung der StadtFeuerwerk und Festlichkeiten wurdeder Tag geschlossen. Der Papst hielt weder Schwert noch Buch in der Linkensondern die Schlüssel des heiligen Petruswährend er mit der Rechten deinVolke den Segen gab.

Das Portalauf dem die Statue standdas mittelste der drei gotischenKirchentorewelche die unvollendete Fassade der Kirche schmückenist ein WerkJacopo della Querciaseines von denendie um die Türen San Giovannimitkonkurrierten. Als Ghiberti den Preis erhieltging Jacopo nach Bolognawoihm durch Giovanni Bentivoglis Fürsprache das Tor von San Petronio übertragenward. Dreitausend Goldgulden erhielt er dafür und freien Marmor. So trafüberall wieder toskanische Arbeit mit ihresgleichen zusammen in Italien.

Michelangelodessen Werk nun also vollendet warkehrte nach Florenzzurück. Wem er in Bologna etwa nahe gestanden während der Zeitdie er dortarbeitetewissen wir nicht; über seinen ferneren Zusammenhang mit MesserAldovrandi etwa wird nichts mitgeteilt. Doch finden wir diesen als Mitglied dervon der Bürgerschaft dem siegreichen Papste entgegengesandten Deputation.

Das dagegen kann als ziemlich sicher angenommen werdendaß Michelangelo mitden Künstlern der Stadtderen Neid ihn das erste Mal davontriebauch diesmalkeine Freundschaften schloß.

Francesco Franciader berühmte GoldschmiedMaler und Stempelschneiderwardas Haupt der bolognesischen Schule. Er kam zu Michelangelo in die Werkstätteund besah sich die Statue. Ohne über anderes zu redenäußerte er nurdasMetall sei gut. »Wenn es gut ist«antwortete Michelangelo»so kann ich michbeim Papste dafür bedankender es mir geliefert hatgerade so wie ihr euchbeim Kaufmannbei dem ihr die Farben kauftfür eure Bilder bedanken könnt.«

Franciaein heitererherzlicher Mannder fremdes Verdienst gernanerkanntemag dennoch von Anfang an Michelangelo nicht unbefangengegenübergestanden haben. Die Eifersucht der Parteien spielte vielleicht nachBologna hinüber. Als ein Freund Peruginosdem er durch gemeinsame trefflicheSchüler verbunden warist es nicht zweifelhaftauf welcher Seite er stand.Und hierzu stimmtdaß er sich später als einen begeisterten Freund Raffaelszu erkennen gab.

Wie scharf es aber zwischen Michelangelo und Perugino hergingzeigt einVorfallden ich hier erwähneweil die Zeitin der er sich ereignetevonVasari nicht näher angegeben wird. Perugino hatte sich mit beleidigendem Spotteüber Michelangelos Arbeiten ausgesprochenund dieser darauf gesagtdaß erihn in seiner Kunst für einen rohenunwissenden Menschen halte. Perugino gehtvor Gericht und verklagt ihnwird aber mit seiner Klage auf eine Weiseabgewiesendie noch empfindlicher für ihn als Michelangelos Worte waren.Dieser hatte recht; er sagte nurwas sich nicht leugnen ließ. Perugino warseit 1500 etwanachdem er bis dahin ausgezeichnete Werke vollendet hatteineine schwunghafte Bilderfabrikation hineingeratendie ihm jenen Vorwurf um soeher eintragen konnteals erin einer stämmigenhandwerksmäßigen Art undWeise auftretenddiejenigen obendrein verhöhntediemühsamer undgewissenhafter arbeitendihn zu übertreffen suchtenwie er selbst jedoch dieSache auffaßte: seinen wohlerworbenen Ruf zu untergraben trachteten.

Michelangelodem die Kunst das Höchste auf Erden wardem ihre Erniedrigungum des Geldgewinns willen verächtlich schienmußte sich um so tieferbeleidigt fühlen durch den Anblick eines Meistersder so Vortrefflichesfrüher zustande gebracht und nunstatt weiterzuschreitenrückwärts ging.Und dies nicht etwaweil die Not ihn triebsondern weil er daswas er sichbereits erworbenbequem und rasch zu vermehren wünschte. Aus Ärger über denbeschämenden Erfolg seines Vorgehens bei Gericht soll Perugino die Stadt damalsverlassen haben. Es kann übrigenswenn es überhaupt geschahdoch nur fürkurze Zeit gewesen seindenn er taucht bis in die spätesten Zeiten seinesAlters in Florenz immer wieder auf.

Mochte nun Francias Zusammenhang mit Perugino schuld sein an seinerVerstimmung gegen Michelangelokeinenfalls scheint dieser selbst etwas dazugetan zu habenFrancia sich geneigter zu machen. Wenn wir Vasari glaubenwollender obiges Zusammentreffen auch erzähltso ist es dabei noch vielschlimmer zugegangen. Nach ihm hätte Michelangelo dem guten Francia die derbeAntwort erstens im Beisein anderer Leute gegebenzweitens aber noch einallgemeines Urteil über ihn und seinen Schüler Costa hinzugefügtdas nichtwegwerfender gedacht werden kann. Vasari mildert die Ausdrücke etwas in derzweiten Auflage seines Bucheswonach Michelangelo nur das eine Wort gebrauchthaben sollmit dem er auch Perugino taxiertedaß Francia ein goffoein roherHandwerker sei. Wollen wir aber auch alles für eine von jenenKlatschgeschichten haltendie niemals in Wirklichkeit so vorgefallen sindwieman sie wiedererzählen hörtso bleibt doch immer der letzte EindruckMichelangelo habe rücksichtslos seine Meinung ausgesprochen und sich nicht vieldarum gekümmertob es in derben Worten geschah. Francia gegenüber scheint ersich aber ganz besondere Gewissenhaftigkeit zur Pflicht gemacht zu haben. Durchden eigenen Sohneinen schönen Knabenließ er Francia sagenseinelebendigen Gestalten gerieten ihm besser als diewelche auf seinen Bildern zusehen seien. Auch das erzählt Condivi. Wohl möglichdaß die Stimmungdiesich unter diesen Umständen erzeugtean dem traurigen Schicksale Anteil hattedem die Statuedie Michelangelo eben mit so großen Mühen vollendeteeinigeJahre später anheimfiel.

Denn es will mir scheinenals sei Francias Abneigung gegen Michelangelo unddie zweideutige Artdessen Werk anzuerkennenauch die Folge politischerGereiztheit gewesen. War die Familie Bentivogli den Bürgern verhaßt gewesen:den Künstlern hat sie stets reichlich zu tun gegeben. Francia besonders war vonihnen geliebt und geehrt worden. Jetzt lag ihr Palast in Trümmernin dem erselbst gemaltund die große Glocke seines Turmes war in die Form der Statuedes Papstes miteingeflossen. Jetzt mußte Franciader früher die Stempel derbentivoglischen Münzen geschnittenals besoldeter Vorsteher der Münze zurArbeit verpflichtetdie Münzen schneidenauf denen Giulios Kopf zu sehen warund deren Inschrift ihn als den Befreier der Stadt von den Tyrannen pries.Übermäßig betrübt war Francia durch diese Erlebnissewußte sich aberwieVasari gleichfalls erzähltals verständiger Mann still in sein Schicksal zufinden. Einem allein gegenüber jedoch konnte ihm das nicht gelingendemderjetzt als fremder Künstler in Bologna erschienum das Bild dessen zu gießender dieses Unglück über die Stadt gebracht. Und obendrein diese Statue einaußerordentliches Werk! Franciadas Haupt der bolognesischen Künstlerschaftdurfte sich kaum anders als feindlich Michelangelo gegenüberstellen.

Möglichdaß noch etwas anderes durch diese Lage der Dinge herbeigeführtward: in demselben Winter 1506 auf 7in welchem Michelangelo seine Arbeit inBologna begannerscheint dort zum Besuch von Venedig aus Albrecht Dürer undwird von den Künstlern mit großer Auszeichnung aufgenommen. Ehe er von seinerzweiten italienischen Reise zurückkehrteunternahm er diesen Abstecher;nirgends aber eine Spurdaß er mit Michelangelo zusammengetroffen sei. AlsAnknüpfungspunkt hätte Martin Schongauer dienen könnennach dessen StichMichelangelo seine erste Malerei zustande gebrachtwährend DürerderSchongauer hoch verehrtenichts mehr bedauerteals des Glückes nichtteilhaftig geworden zu seinbei ihm als Schüler gelernt zu haben. Eineunbefangene Begegnung beider aber wäre vielleicht kaum möglich gewesen.Hätten es die einheimischen Künstler nicht getandie in Bologna studierendenDeutschen würden Dürer zurückgehalten haben. Denn diese empfanden dieMißachtung schmerzlichin der der deutsche Kaiser damals in Italien standundsahen den Papstin dessen Diensten Michelangelo standfür den Teufel anderauch für sie an allem Unheil schuld war.

So betrachtet erscheint Michelangelos Einsamkeit als ein natürliches Produktder Verhältnisse. Aber auch ohne diese Einwirkung würde er sich still und zuHause gehalten habenwie er am liebsten tat. Wir sehendaß die Sorge um seineFamilie auf ihm lastete. Die Traurigkeitdie den Grundzug seines Wesens bildetfand nur Trost in der Hingebung an seine Arbeit. Wüßte man ein einzigesBeispiel anzuführendaß er der großartigen Idee treulos geworden seidie ervon der Mission eines Künstlers hegteso müßte sein Benehmen seinemStandesgenossen gegenüber hochmütig und roh genannt werdenund gerade daß erihn an Talent so weit überragtespräche am stärksten gegen ihn. Aber demGefühldas ihn so streng urteilen ließgenügte er selbst in vollem Maße.Er wies jede Bestellung zurückdie er nicht würdig erfüllen zu könnenglaubte. Er kam auf das freundlichste denen zu Hilfedie seine Hilfe inAnspruch nahmen. Die Kindlichkeit seines Charakters bricht überall durchwowir ihn näher kennenlernenund Soderinis Brief enthielt kein Lobdas mit derWahrheit im Widerspruch stand. Tief versunken jederzeit in seine Pläne und vollLiebe zu demwas er zur Erscheinung bringen wolltewar es ihm unerträglichanderen zu begegnendie anders dachten. Ohne zu wollen und zu wissenvielleichtwie sehr er sie verletztetat er dann Aussprüchedurch die er dieZahl seiner Feinde vermehrtewelche ihm sein überragendes Talent allein schonerzeugen mußte.

Siebentes Kapitel
1508-1509

I

Michelangelo fandals er nach Florenz zurückkameine Reihe von Arbeitenvorderen Fortführung notwendig war. Der Karton mußte gemaltder Bronzedavidbeendigt werden; die zwölf Apostel für den Dom waren kaum begonnen. Bei diesenhatten die Besteller einstweilen die Hoffnung aufgegeben und das dafür gebauteHaus vermietet. Michelangelo nahm es jetzt selber auf ein Jahr für zehnGoldguldendoch wohl zu keinem anderen Zweckeals um die Arbeit darinvorwärts zu bringen. EndlichSoderini hatte einen großen Plan: es sollte einekolossale Statue auf den Platz vor dem Regierungspalaste kommen und Michelangelosie ausführen. Über den Block verhandelte man bereits mit dem Besitzer vonCarraradem Marchese Malaspina.

Alles dies mußte jedoch zurückstehen gegen das Grabdenkmal Giulios.Michelangelo blieb nur den März 1508 in seiner Vaterstadt und ging dann wiedernach Rom. Er dachte nicht andersals seine Kräfte ganz dem großen Werke zuwidmendas er vor zwei Jahren verlassen hatteallein davon war keine Redejetzt im Vatikan. Dem Papste war nicht wieder auszuredendie Aufstellung einesGrabdenkmales bei seinen Lebzeiten sei ein böses Omen. Michelangelo sollte dieWölbung der Sixtinischen Kapelle malen. Es war der alte Wunsch Giuliosauf dener wieder zurückkam.

Der Auftrag war Michelangelo durchaus nicht zu Sinne. Er erwidertedaß erin Farbe nie etwas getan habe und um andere Arbeit bitten müsse. SeinWiderspruch jedoch machte den Papst nur um so hartnäckigerund Giuliano diSangallos vermittelnder Einfluß brachte es diesmal dahindaß Michelangelo aufdie Sache einging.

Die Sixtinische Kapelleheute durch verschiedene Bauten späteren Datums somit dem vatikanischen Palaste verbundendaß ihre äußere Architektur in demgroßen Ganzen völlig drinstecktist ein viereckiger Raumüber das Doppelteso lang als breit und von bedeutender Erhebungso daß er hoch und schmalerscheint. Die Wände sind glattdie Fensterje sechs an der Zahlverhältnismäßig schmal und niedrig und dicht unter der gewölbten Decke anden beiden längeren Seiten angebracht. Nahe unter ihnen bildet ein schmalerkrönungsartig vorspringender Mauerabsatzder heute mit einer niedrigenmetallnen Balustrade geschützt isteine Galerieauf der sich entlang zudrängen viele schwindlig machen würde. Die Fenster sind oben gerundet. Überihnen setzt das glatte Gewölbe der Decke an die Seitenwände anund zwar sodaß die Zwickel immer zwischen den Fenstern spitz in die Wand herab verlaufen.

Zuerst ging die Absicht des Papstes nur dahinden mittleren Teil derDeckenwölbung mit Gemälden von geringer Figurenzahl ausfüllen zu lassen. Eskam ein Kontrakt zustandenach welchem der Preis für alles in allem auf 3000Scudi festgestellt wurde. »Heuteam 30. Mai 1508«lautet eine auf unsgekommene Notiz»habe ichMichelangeloder Bildhauervon Seiner HeiligkeitPapst Giulio dem Zweiten fünfhundert Dukaten erhaltenwelche mir MesserCarlinoder Kämmererund Messer Carlo Albizzi auf Rechnung der Malereiausgezahlt habenmit der ich heutigentages in der Kapelle des Papstes Sixtusbeginneund zwar unter den kontraktlichen Bedingungenwelche Monsignor vonPavia aufgesetzt und ich mit eigener Hand unterschrieben habe.«

Michelangelo begann daraufseine Entwürfe zu machen. Bald überzeugte ersichdaß die Malerei in dieser Weise ausgeführtzu einfach und erbärmlicherscheinen müsseund der Papst stimmte ihm bei. Es wurde nun beschlossendenganzen Raum bis zu den Fenstern mit Gemälden zu bedeckenund Michelangelofreigestelltdie Kompositionen nach eigenem Gutdünken zu schaffen. Ein neuerKontrakt erhöhte den Preis dafür auf das Doppelteund die Arbeit in derKapelle wurde in Angriff genommen.

Ehe es jedoch hier zum Malen kamwaren eine Anzahl Schwierigkeiten zuüberwindenderen erste in der Errichtung eines brauchbaren Gerüstes bestand.Bramante hatte Löcher durch die Wölbung der Decke geschlagenStrickehindurchgelassen und auf diese Weise ein schwebendes Gerüst hergestellt.Michelangelo fragtewie er es denn bei der Malerei mit den Löchern haltensolle? Bramante gab den Übelstand zuohne jedoch zu wissenwie ihm abzuhelfensei. Es scheint nichtdaß es Übelwollen von seiten Bramantes warwenn erkein besseres Gerüst bauen zu können erklärte. Das einfachste wäre gewesenes vom Boden aus auf Balken in die Höhe zu bringen. Daraus aberdaß diesnicht geschah und daß man nicht einmal daran dachteergibt sich vielleichtdaß es bei seiner Errichtung zugleich darauf ankamdie Kapelle unten frei zulassendamit durch die Arbeit ihre Benutzung für gottesdienstliche Zweckenicht verhindert würde.

Michelangelo erklärte dem Papsteso ginge die Sache nicht. Giulioerwiderteer möge selber etwas Besseres erfindenwenn er könne. Bramantestand dabei. Michelangelo ließ hierauf alles wieder fortnehmenwas diesereingerichtet hatteund stellte ohne Stricke und Löcher ein Gerüst herdasseinem Zwecke aufs Angemessenste entsprach und damals als eine ganz neueErfindung galt. Aus der einen Bemerkung Condivisdaß das Gerüstje mehr manes belastet habeum so besser gehalten hätteläßt sich erkennendaß esein sogenanntes Sprengewerk war; wahrscheinlich gab der Mauervorsprung unter denFenstern die Stützpunkte für die Balken abdieje zwei schräg gegeneinanderlaufend und durch einen dritten keilartig zwischeneingelegten Balkenauseinandergestemmtfeste Spannungen bildetenauf denen sich vermittelstquergelegter Bretter der Boden des Gerüstes herstellen ließ. Vasari aberderauch hier Condivi ausschreibtvon dem Seinigen jedoch dazu tutsagtdieBalken hätten auf Stützen geruhtum die Mauer nicht berühren zu müssen.Vielleicht hatte er den Mauervorsprung nur vergessendenn hätte diesergefehltso wäre allerdings die Aufrichtung von Balken an den Wänden nötiggewesenauf deren Köpfen die das Sprengewerk bildenden Hölzer ihre Stützegefunden hätten.

Von dieser Gerüstkonstruktion sagt Condivisie habe Bramante die Augengeöffnet und ihm später beim Bau des Sankt Peter wesentliche Dienstegeleistet. Michelangelo aber hätte dabei so viel Stricke erübrigtdaß einarmer Zimmermanndessen Hilfe er sich bei der Arbeit bediente und dem er dasTauwerk zum Geschenk gemachtseinen zwei Töchtern mit dem daraus gezogenenGelde eine Aussteuer schaffen konnte.

Die zweite Not bestand in der Wahl tüchtiger Gehilfen. Michelangelo ließeine Anzahl Maler aus Florenz kommenderen Namen deshalb von Interesse sindweil sie uns einen Teil der buonarrotischen Partei unter den dortigen Künstlernzeigen. Zuerst sein ältester Freund Granaccioüber dessen Werke undLebenslauf im übrigen wenig zu sagen bleibt. Er fuhr fortwie er angefangenhatte; wo es sich um feierliche EinholungenAufführung von KomödienErrichtung von Triumphbögen oder um Maskeraden handeltezeichnete er sich ausals Künstler hat er weniger geleistet. Sodann Bugiardinider gleichfalls imGarten von San Marco und bei Grillandaio mit in der Lehre gewesen war und dessenFleißHerzensgüte und einfaches Wesendem sich keine Spur von Neid oderMißgunst beimischtedie Grundlage lebenslänglicher Freundschaft mitMichelangelo bildeten. Ein großer Genius war Bugiardini nicht. Michelangelosagte im Scherz von ihmer sei ein glücklicher Menschweil er immer sozufrieden sei mit demwas er zustande gebracht habewährend er selbst niemalsein Werk zu völligereigener Befriedigung vollendet hätte.

Indaco fernerauch dieser aus der Schule des Grillandaio her Michelangelosgenauer Freund. Einen anderen Anspruch auf Berühmtheit hat er heute nicht mehr.Von Jacopo del Tedesco ist weiter nichts bekanntals daß er möglicherweiseein Schüler Grillandaios warund bei Agnolo di Donnino versagen Quellen undVermutungen jede Auskunft. Der bedeutendste von denen aberdie damals nach Romkamenwar Bastiano di Sangalloein Schwestersohn jener berühmten Brüder undGönner Michelangeloszugleich ein Künstlerder als erklärter Renegat dieSchule Peruginos verlassen hattein dessen Atelier er 1500 arbeiteteund zuMichelangelo übergegangen war. Der Karton der badenden Soldaten hatte ihmhöhere Ansichten eingeflößt. Er gehörte zu Michelangelos eifrigstenAnhängern. Keiner zeichnete mit solchem Eifer nach dem Karton. Er ist dereinzige gewesender ihn seinem ganzen Umfange nach kopiertewährend anderenur einzelne Gruppen zeichneten. Die in England befindliche kleinegrau in graugemalte Kopie des Werkes wird für seine Arbeit ausgegeben. So gescheit undeingehend soll er über die anatomische Richtigkeit und die Verkürzungen derFiguren darauf gesprochen habendaß man ihm in Florenz den ObernamenAristotile gabunter dem er gewöhnlich angeführt wird. Als Architekt undMaler spielte er in späteren Jahren eine Rolle in Rom und Florenzund sein vonVasari beschriebenes Leben nimmt viele Seiten ein.

Mit diesem halben Dutzend versuchte es Michelangelo. Bald bemerkte erdaßdie Arbeit nichts wert sei. Die Artwie er sie nun wieder los zu werden suchteist charakteristisch. Er war fest und unbeugsam in seinen Überzeugungen Feindengegenüberaber schüchtern von Natur bei gewöhnlichen Gelegenheiten. Wo essich darum handelteandere zu verteidigen oder für die eigene Ehre schroffeinzutretenfehlten ihm Entschlossenheit und Stärke nichtwo aber dieseErregung des Geistes nicht zum Ausbruch kommen konnte und das Gefühl einegewisse mittlere Temperatur behieltertrug er die Dinge und war leicht inVerlegenheit zu setzen.

So hatte er diesmal nicht das Herzseinen Freunden einzugestehendaß ersie nicht brauchen könne. Gleich bei ihrer Berufung war der Fall ins Augegefaßt wordendaß manwie die eigenen Worte Michelangelos lauten: sichveruneinigte und die Abfindung festgesetztmit der sie sich zu begnügenhätten: Michelangelo aberstatt sich auszusprechenging ihnen plötzlich ausdem Wege und war nirgends aufzufinden. Die Kapelleals sie zur Arbeit wiegewöhnlich kamenfand sich verschlossen. Endlich merkten sie die Sacheundsie machten sich still wieder auf den Weg nach Florenz. Es wird nicht erzähltob sie es ihm später nachgetragen haben. Von Granaccio wissen wirdaß esnicht der Fall war. Er blieb der Freund der Familie. Von einem andern freilichzeigen die Londoner Briefedaß er die Sache krumm nahmund zwar von demselbenJacopoderweil er vielleicht der unbedeutendste warsich am meistenbeleidigt fühlte. Der Briefdatiert vom Januar ohne weitere Zahlaber ohneZweifel ins Jahr 1509 zu setzenist an den alten Lodovico gerichtet: »Schonein Jahr ist es«schreibt Michelangelo»daß ich keinen Groschen vom Papsteerhalten habe. Ich bitte nicht darumweil es mit dem Werke nicht vorwärts willund ich mir keinen Anspruch auf Lohn zu haben scheine. Schuld daran hat dieSchwierigkeit der Arbeit und daß sie nicht mein Handwerk ist. So verliere ichumsonst meine ZeitGott helfe mir. Wenn ihr Geld brauchtso geht zumSpitalmeister und laßt euch fünfzehn Dukaten auszahlen und schreibt mirwieviel übrigbleibt.« Dieser Spitalmeister von Santa Maria Nuova war derVertrauensmanndem Michelangelo seine Gelder zur Aufbewahrung und ohne Zinsendafür zu empfangen überlieferteund von dem er den Seinigenwas siebedurftenin die Hände geben ließ.

»Dieser Tage«heißt es im Briefe weiter»ist von hier der Maler Jacopoabgereistden ich herzukommen veranlaßteund der sich sehr über mich beklagthat. Er wird sich auch wohl bei euch beschweren. Macht nichts daraus. Er istumes kurz zu sagentausendfach im Unrecht gegen michund ich könnte imhöchsten Grade Klage über ihn führen. Tutals sähet ihr ihn nicht.«

Das Auskunftsmitteldas er gegen Jacopos Klagen vorschlägtentspricht ganzder Art und Weisewie er ihn und die anderen fortgeschickt hatte. Die traurigeStimmungin der er sich befandund das Verzweifeln am Fortschritte der Malereiaber hatte in einem Umstande seinen Grundder ihn damals gerade beinahe dahingebracht hättedas Ganze aufzugeben.

Er hatte heruntergeschlagenwas die Florentiner Künstler gemalt. Von jetztan sollte ihm außer seinem Farbenreiberden er nicht entbehren konnteundaußer dem Papsteder sich nicht abweisen ließkein Mensch auf die Gerüstekommen. Kaum aber hatte er einen Teil des ersten Gemäldes zustande gebrachtals beim Eintreten eines heftigen Nordwindes die Mauer innen auszuschlagenbegann und die Farben unter dem Schimmel verschwanden. Längst war ihm die ganzeSache zur Last gewordenjetzt erschien ihm das neueste Unheil alsentscheidender Grundsich dem Auftrage dennoch zu entziehen. Er ging zum Papsteund meldetewas geschehen sei. »Ich hatte es Eurer Heiligkeit gleich gesagtdaß Malerei nicht mein Handwerk sei; alleswas ich gemalt habeist verdorben.Wenn Ihr es nicht glauben wolltso sendet hin und laßt nachsehen.«

Der Papst schickte Giuliano di Sangallo in die Kapelleder die Ursache desÜbels erkannte. Michelangelo hatte den Kalk zu naß aufgetragendieFeuchtigkeit sich gesenkt und auf der äußeren Fläche Schimmel angesetztderweiter keinen Schaden tat. Michelangelo konnte sich nicht mehr entschuldigen undmußte wieder hinauf an seine Arbeit.

Aus dem Jahre 1508in dem eswie wir sahennoch kaum zum Malen gekommenwarund aus den folgenden Jahren bieten die Londoner Manuskripte viele Briefewelche über die Verhältnisseunter denen Michelangelo arbeiteteAufschlußgeben.

Zuerst ein Schreiben vom 2. Juli 1508 an Buonarroti. Es soll einem jungenspanischen Künstler zur Empfehlung dienender von Rom nach Florenz gingumdort seine Studien fortzusetzen. »Er hat mich gebeten«schreibt Michelangelo»ihm doch die Ansicht des Kartons zu verschaffenden ich im Saal begonnenhabe. Suche ihm deshalb unter allen Umständen die Schlüssel zu verschaffenund kannst du ihm sonst guten Rat gebenso tue es mir zuliebedenn es ist einvortrefflicher Mann.«

»Giovansimone«fährt er fort»ist hier. Vergangene Woche war er krankund hat mir zu allemwas ich ohnedies schon zu tragen habekeinen geringenZuwachs an Sorge gemacht. Jetzt geht es besser mit ihm. Hört er auf meinen Ratso kehrt er bald nach Florenz zurückdenn die Luft hier bekommt ihm nicht.«Zum Schlusse nennt er noch einige Namen von Freundendenen ihn Buonarrotoempfehlen solle.

Der Sommer 1508 muß besonders verderblich gewesen sein (der erstevielleichtden Raffael in Rom zubrachte)denn ein anderer Brief handelt voneinem neuen Krankheitsfalle. Sein Diener Pierbasso ist der bösen Luftunterlegen und hat sichkrank wie er warnach Florenz aufgemachtwar aber soelend bei der Abreisedaß Michelangelo fürchtetder Mensch möchte unterwegsliegengeblieben sein. Er verlangt einen andern Dienerund zwar raschda er soallein nicht mehr fortwirtschaften könne. Er gibt Anweisungen wegen derErbschaft Francesco Buonarrotisältesten Bruders seines Vatersderkinderloswie es scheintin seinem 75. Jahre gestorben war. Er bittetblaue Farbe fürihn zu kaufenMitte August werde er das Geld dafür schicken. Schließlicherhabe gehörtdaß man dem Spanier den Eintritt in den Saalwo der Kartonstandverweigere; es sei ihm das sehr liebund er bitte BuonarrotidenHerrenwelche darüber zu bestimmen hättengelegentlich zu sagensiemöchten es jedermann gegenüber so halten. Als Nachschriftden einliegendenBrief möge er Granaccio zukommen lassener sei von Wichtigkeit.

Datiert ist der Brief vom letzten Juli. Aus dem AuftrageFarbe zu kaufenkönnte man schließenMichelangelo habe mit der Malerei bereits den Anfanggemacht. Allein es handelte sich wohl nur um die Vorbereitungenund der Briefan Granaccio enthielt wahrscheinlich die Einladungzu kommen und zu helfen.Auffallend istdaß der Karton so streng verschlossen wurdedaß dieEmpfehlung des Meisters selber keinen Nachlaß bewirkte. Zu jener Zeit alsokönnen die jungen Florentiner Künstler noch nicht davor gesessen undgezeichnet haben.

Ein anderer Brief ist vom August. Wieder Geschäftsangelegenheiten. Mansiehtwie Michelangelo von seiner Familie um das Geringste befragt wirdundwie er den Florentiner Haushalt von Rom aus dirigiert. Ein Feldarbeiter hattediesmal seine Pflicht nicht getanMichelangelo drohtselbst zu kommen undnachzusehen. Er fragtob Pierbasso endlich angelangt sei. Diese Briefegewähren immer nur plötzliche Einblicke in eine Wirtschaftdie man doch nichtverstehen lerntihr Wert liegt am meisten darindaß sie die Stellung zeigendie Michelangelo zum Vater und zu den Brüdern einnimmtund das Gefühlausdem er handelt. Die Datierung und Zusammengehörigkeit dieser Briefe ergibt sichaus der Stimmungvon der sie erfüllt sind. Die tief in Michelangelos Seeleliegende Trauerdie er meistens versteckte oder mildertebricht hier einmaldurch und zeigt den Mann in der Zeitwo er am Größten arbeitete was diemoderne Malerei geschaffen hatin einem Zustandeder unser Mitleid fordert.

In einem dieser Briefeder kein anderes Datum als die aufgeschriebeneBemerkung trägtdaß er am 17. Oktober in Florenz angekommen seiwird derjüngere Bruder Gismondo erwähntmit dem Michelangelo von Anfang an in keinemguten Verhältnisse gestanden zu haben scheint. Er vernehmeschreibt erdaßGismondo nach Rom kommen wolle. Buonarroto möge ihm in seinem Namen sagendaßer sich bei dieser Reise in keiner Art auf ihn verlassen dürfe. Nicht daß erihn nicht als seinen Bruder liebesondern weil er ihn in der Tat mit nichtsunterstützen könne. Er sei gezwungenjetzt einzig und allein auf seine eigenePerson Rücksicht zu nehmenkaum daß er für sich selbst seine Bedürfnisse zuschaffen imstande sei. Mit Sorgen und körperlicher Arbeit überlastethabe erkeinen Freund in Rombrauche auch keinenfinde kaum Zeitsein bißchen Essenzu sich zu nehmenund deshalb solle man ihm nicht noch mehr aufbürden. KeinLot schwerer vermöge er zu tragenals ihm jetzt schon auf dem Rücken liege.Er mußnur um für die Seinigen zu sparendas erbärmlichste Leben geführthaben.

In dieselbe Zeit scheint der Brief zu gehörenworin Michelangelo auchseinem Bruder Giovansimone den Kopf zurechtsetzt. »Giovansimone«schreibt er»man pflegt zu sagenein guter Mensch werde besserwenn man ihn gut behandleein schlechter aber noch viel schlechter dadurch. Wieviel Jahre nun schon habeich in allem Gutem vergebens versuchtdich mit deinem Vater und uns andern imGuten zu halten. Für dich aber ist das nur ein Anlaß gewesenes immer ärgerzu treiben. Ich will nicht geradezu behauptendaß du schlecht seiestaber dulebst sodaß du mir und den andern ein fortwährender Anstoß bist. Ich willdir keine lange Rede darüber halten: es würden doch immer nur Worte seinderen ich schon genug verschwendet habe: Folgendes aber will ich dir als diedürre Wahrheit hiermit aussprechen. Auch nicht das Geringste hast du inHändenwas dir gehörte! Alleswas du gekostet hast und daß du wieder nachHause kommen konntestverdankst du mir allein! Ich schenke es dirund du hastüberhaupt bis heute von dem gelebtwas ich dir geschenkt habeum Gotteswillen und weil ich dich als meinen Bruder liebte wie die andern. Jetzt abersehe ich dich nicht mehr als meinen Bruder an. Denn wenn du wirklich mein Bruderwärestwürdest du meinem Vater nicht gedroht habenwie du getan hast. Dubist ein Tier– anzi sei una bestia – und als ein Tier sollst du von mirbehandelt werden. Du weißt wohldaßwenn man die Hand gegen seinen Vatererhebtes auf Leben und Tod geht. Damit laß dir genug sein.« (Ein Tier hatkeine Seele nämlich und verfällt deshalbitalienischer Anschauung zufolgeewiger Vernichtung.)

»Das also weißt dudaß du nicht einen Pfennig hastder dir selbergehörte. Kommt mir noch ein Wort zu Ohren über dichso setze ich mich auf underscheine selbst in Florenz und will dir die Sache noch klarer machen. Ich willdich dann lehrendein Hab und Gut verschleudern und Feuer im Hause anlegen undin den Güternvon denen du auch nicht eine Scholle selber erworben hast.Meinst duauf deinem Grund und Boden zu stehen? Laß mich nur kommendu sollstmitten aus deinem Übermute heraus wie ein Kind wieder heulen lernen.«

»Zugleich aber wiederhole ich dir: wenn du mir versprechen willsteinanderes Leben zu beginnen und deinen Vater ehrfurchtsvoll zu behandelnso werdeich dir ferner beistehen wie den andern und werde dir sobald als möglich einGeschäft zu gründen suchen. Willst du das aber nichtso komme ich und bringedie Sachen selber in Ordnungund du wirst dann merkenwas du hast und was dubistanders als du es bisher gewußt hastund meine Sorge soll dann auch seinfür die Zukunft dir aufzupassen. Genug. Wozu so viel Wortedie Erfahrung wirddir gründlicher zeigenwas ich im Sinne habe.

Michelangelo in Rom.«

»Nur das noch sollst du jetzt hören. Zwölf Jahre sind es nundaß ich imElend durch ganz Italien von einem Orte zum andern gehejede Mißhandlungerduldetjeder Entbehrung mich unterzogen habemit abgemarterten Gliedern undtausendmal in Lebensgefahr: und alles nur für die Meinigen. Und nun endlichwoes mir gelingteuch ein wenig in die Höhe zu bringenmöchtest du allein ineiner Stunde wieder zunichte machenwas mich aufzurichten so viele Jahre undsoviel Anstrengungen gekostet hat. Aber beim Leichnam Christidas soll nichtsein! Es sollten zehntausend kommenwie du bistich wollte mit ihnen schonfertig werdenwenn es sein müßte. Und nun sei vernünftig und rühre michnicht ander ich stärkere Arme und Schultern für die Lasten des Daseinshabe.«

Wem das zu hart erscheinen möchteder lese in andern Briefenauf welcheWeise Michelangelo den Seinigen in der Tat zu Hilfe kamdie all ihreBedrängnis ihm zutrugen als demjenigender gleichsam verpflichtet seiihnenbeizuspringen. Giovansimone hatte in leichtsinniger Weise gewirtschaftetund esgaltihn und die andern Brüder und den Vater aus ihrer traurigen Lage zuziehen. Wir haben auch den Briefworin Michelangelo seinen Vater überGiovansimone zu trösten suchtwie wir denn überhaupt jetztwo soumfangreiche Korrespondenzen vorliegenin all diese Verhältnisse tiefhineingehen. Ich teile diesen Brief nicht mitda er nichts enthältwasMichelangelo in neuem Lichte zeigte. Dagegen möge das Folgende hier noch Platzfinden.

»Ich habe«schreibt Michelangelo»Giovanni Balducci 350 schwere Dukatenin Gold gegebendamit sie euch ausgezahlt werden. Geht mit diesem meinem Briefezu Bonifaciound wenn ihr von ihm die Summe empfangen habtbringt sie zumSpitalmeister und laßt sie eintragen wie mein anderes Geld. Es bleiben dabeinoch einige überzählige Dukaten für euch übrigvon denen ich schriebihrsolltet sie nehmenhabt ihr es unterlassenso tut es nunund braucht ihrmehrso nehmt was ihr nötig habtdenn was ihr brauchtdas schenke ich euchund wenn es soviel wäreals ich überhaupt habe. Und ist es nötigdaß ichdem Spitalmeister darüber schreibeso laßt es mich wissen.«

»Aus eurem letzten Briefe ersehe ichwie die Dinge stehen. Es tut mir leidgenugaber ich kann euch in andrer Weise nicht zu Hilfe kommen. Doch verliertden Mut nichtund es darf auch nicht eine Spur innerlicher Betrübnis deshalbin euch aufkommendenn wenn man auch Hab und Gut verloren hatso ist darumnoch nicht das Leben verlorenund ich werde mehr für euch schaffenals allesdas wert istwas ihr verlieren sollt. Aber verlaßt euch nicht darauf. es istimmer doch eine unbestimmte Sache. Wendet vielmehr alle mögliche Vorsicht anund dankt Gottdaßda einmal diese Strafe des Himmels kommen solltesiejetzt zu einer Zeit kommtwo ihr euch besser herausreißen könntals ihrvielleicht früher imstande gewesen wäret. Sorgt für eure Gesundheitundlaßt lieber allen Besitz fahrenehe ihr euch Entbehrungen auferlegt. Denn mirist mehr daran gelegendaß ihrwenn auch als arme Leuteam Leben bleibtalsdaß ihr um alles Geld in der Welt zugrunde ginget. Und wenn die Leute schwatzenund zischelnso laßt sie redenes sind Leute ohne Gewissen und ohne Liebe imHerzen.

Euer Michelangelo.

Was dies Geschwätz anlangtso hatte es damit in Florenz etwas auf sich.Nirgends waren soviel böse Zungen in Bewegung. Es wird erzähltwie auf denBänken an den Häusern die alten Männer saßendie sich von den Geschäftenzurückgezogen hattenund über die Vorkommnisse des Tages ihre scharfenBemerkungen machten. Denn was heute durch jedem die Zeitungen still ins Hausgetragen wirddas mußte man sich damals aus mündlichem Verkehrzusammensuchenund es konnte vieles nicht verheimlicht werdenwas heuteweiles ungedruckt bleibtnicht unter die Leute kommt.

So erklärt sich auch das Postskriptum des Briefes: »Wenn ihr das Geld zumSpitalmeister tragtso nehmt Buonarroto mitund keiner von euch beiden sageeiner Menschenseele davonaus guten Gründen. Das will sagenweder ihr nochBuonarroto sollt irgend jemand wissen lassendaß ich Geld geschickt habeweder in bezug auf das jetzt gesandte noch auf das frühere.« Mit sehrunleserlicher Schriftvon der ich das letzte so gut wie erraten mußteist aufdem Briefe bemerkt: »Ich soll mir soviel Geld nehmen als ich braucheundsoviel als ich nähmeschenkte er mir.« Wohl die Handschrift des Vaters.

Unter solchen Gedanken bei der Arbeit kam Michelangelo vorwärts. Dazu diequälende Ungeduld des Papstes. Als wolle er durch die Hastmit der er seineUnternehmungen betriebden geringen Jahrendie er noch zu leben hattedoppelten Inhalt gebenverlangte erdaß die Körnerdie eben erst gesäetwarenvor seinen Augen aus dem Boden wüchsen. Beim Bauen verwöhnte ihnBramanteder das Unmögliche leistete. Nachts ließ dieser die Steine desMauerwerks derart vorbereitendaßwenn sie tags zusammengesetzt wurdendieWände zusehends sich erhobenweil Fuge in Fuge paßte. Michelangeloverschmähte alle Kunststücke. Er malte raschaber ohne Beihilfe. Der Papstkam zu ihm aufs Gerüstauf Leitern hinaufsteigenddaß Michelangelo ihm dieHand reichen mußtedamit er die letzte Höhe erkletterteund reizte ihn durchFragenob er bald fertig wäre. Vom Frühling 1509 bis zum Herbste desselbenJahres war die Hälfte der ganzen Arbeit vollendet worden. Die Ungeduld Giulioskannte keine Grenzen mehr. Die Gerüste sollten herunterum wenigstens diesenAnfang den Römern zeigen zu können. Mitten in der Verwirrung und im Staubeder die Kapelle erfülltestand der Papst da und bewunderte die Malerei. GanzRom strömte herbeium das Wunderwerk anzustaunen.

II

Will man einen Begriff von der Kunst Giottos und seiner Schüler habenArchitektur und Malerei in eins genommenso muß man das Camposanto von Pisabetreten; verlangt man dagegen ein Meisterstück der darauf folgendenKunstperiodeder weitgestreckten Entwickelungdie zwischen Masaccio undMichelangelo liegtso gewährt das die Sixtinische Kapelle. Die bestenKünstler haben in ihr gearbeitetvon den älteren nenne ich BotticelliSignorelliGhirlandaioPerugino: lauter großeumfangreiche Kompositionendenen man aber doch den ersten Ursprungdas KleineMiniaturhafte in denGedanken anmerkt. Erst Perugino lenkt zum Größeren hin. Seine Übermacht überdie anderen wird hierwo die Vergleichung sich so einfach und schlagenddarbietetdenn die Gemälde bildeteneins ans andere stoßendeinen unter denFenstern herlaufenden breiten Gürtel an allen vier Wändenin auffallenderWeise erkennbar: seine Einfachheitseine Symmetrieseine in wohlbedachterWeise abgetrennten Figurenwährend bei den anderen die einzelnen Gestalteninnerhalb der Massen kaum zur Geltung kommen.

Michelangelos Deckengemälde bezeichnen den Anbruch neuer Anschauungen. DerKarton der badenden Soldaten mag das Beste seinwas er je geschaffen hatwirwollen das Benvenuto Cellini glaubender es so frank behauptetseine Gemäldein der Sixtina jedoch haben am meisten gewirktsie sind der Beginn derspäteren Malerei. Was erwas Raffael und Leonardo vorher tatenist immer nochder florentinischen Manier entsprossenerhaben darüberaber dennoch den Grundund Boden nicht verleugnendauf dem es gewachsen isthier aber geschah eineneue Tatvielleicht die größtedie ein Künstler gewagt hat. Die Phantasiedie hier wartetewar ebenso ergiebig als die Kunstdie ihren Ideen nachkam.Michelangelo hatte kein Muster vor sichan das er sich hätte anlehnen könnener erfand seine Methode und erschöpfte sie zugleich. Niemand von späterenMeistern kommt dagegen aufkeiner von den früheren versuchte Ähnliches.Dafür wurde sein Werk aber auch mit Aufbietung von Kräften geschaffendie indieser Vereinigung keinem Künstler zu Gebote standenso lange wir von Kunstwissenund die in erstaunlicher Weise angespannt worden sind.

Man hatte bisher gewölbte Deckendie ausgemalt werden sollteninverschiedene Felder zerlegt und diese einzeln mit Darstellungen ausgefüllt.Michelangelo erfand ein neues Prinzip. Er ignorierte gleichsam die Wölbungrichtete die Malerei so einals wäre der Raum oben offen und ohne Dachbauteeine neue Architektur in die freie Luft hineinalles durch perspektivischeTäuschungund verband die imaginären Marmormauerndie er ringsum mit einemprachtvollen Gesimse versehen hattedurch luftigesdurchbrochenes Bogenwerkdas sich von einer Marmorbrüstung zur andern hinüberspannte.

Der freie Raum zwischen diesen Bögen war mit Gemälden ausgefülltauchdiese teilweise perspektivisch gehaltenals geschähen die Dinge hoch imHimmelzu dem man zwischenhindurch aufblickteoder als wären sie aufausgespannten Teppichen sichtbardie da ihren Platz gefunden. Unmöglich wäreesin einer Beschreibung die Figuren alle an der richtigen Stelle zu nennendie allein zur Ausschmückung des architektonischen Teiles der Malerei dienten:die Bronzemedaillonsdie in den Marmor eingelassen erscheinendie gewaltigenSklavengestaltenwelchedie Blättergirlanden tragendneben denBogenspannungen auf dem Rande des Gesimses sitzendie karyatidenartigenFigurendie den Rand des Gesimses zu stützen scheinendie bildlichenDarstellungen endlichwelche zwischen den Fenstern und um sie her die Wändebedecken. Denn kein Fleck auf der ganzen ungemeinen Flächeder unbenutztgeblieben wäre. Ein Reichtum bietet sichden nur oberflächlich zu bewältigenviele Tage des aufmerksamsten Studiums nötig sind. Heute ist die Decke derSixtinischen Kapelle teils durch den aufsteigenden Rauch und Staub in derKlarheit ihrer Farben beeinträchtigtteils durch die Länge der Zeitausgeblaßt. In der Wölbung des Daches haben sich Risse gebildetund es istWasser durchgesickert. Über drei und ein halbes Jahrhundert stehen dieMalereien daes ist nicht möglichder langsamen Verderbnisder sieanheimfallen müssenetwas entgegenzusetzen. Dennoch ist ihnen noch einglückliches Schicksal zuteil gewordenda sie Menschenhänden durchausunzugänglich bleiben; man hätte nach ihnen schießen oder von oben her dasDach durchbrechen müssenum sie absichtlich zu beschädigen. Wie jammervollsind dagegen die Malereien Raffaels in den Zimmern des Vatikans zugerichtetnicht nur durch diewelche sie zerstießenzerkratzten und durch Betastenschmutzig machtensondern auch durch die Mühe derjenigenwelche ihreWiederherstellung unternahmen.

In dem ersten der großen Gemäldewelche die Mitte der Decke in derSixtinischen Kapelle einnehmensehen wir Gott Vaterwie er über dem Wasserschwebend Licht und Finsternis auseinanderreißt. Im zweitenwie er die beidenhöchsten Lichter des HimmelsMond und Sonne schafft. Es bleibt dieselbeGestalt. Hier im zweiten Gemälde aber ist die still in sich schwebende Persondes höchsten Wesenswie wir sie im ersten erblickenvon einem ungeheurenSturmwind ergriffen und so durch den unendlichen Raum getrieben dargestellt. Derweiße Bart wehenddie Arme befehlend ausgestreckt und ein Drang nach Vorwärtsin dem Ganzenals wenn ein furchtbares Gestirngegen das die Sonne nur einStaubkorn wäredonnernd dahinsausteund alle die niederen Welten wie leichteFunken aus seinen uranfänglichen Flammen absprühten. Und zwar erblicken wirdie Gestalt Gottes doppelt auf diesem zweiten Gemäldeindem wir ihr einmalentgegendas andere Mal ihr in den Rücken sehen. Gleichsam als drückte dieerste das Herannahendie zweite das Davoneilen aus. Beide Figuren sind in derVerkürzung gezeichnet.

Im dritten Bilde schwebt Gott über den Wassern. Immer die eine Gestaltimmer ein anderer Ausdruck des verschiedenen Willensder sie erfüllt. Hierals müßte er inmitten der gärenden Kräfteaus deren Ineinandergreifen sichdie Welt zusammengefügtein wilderes Ansehen habenals er mit dem Verkehr mitden Menschen annimmtwenn er ihnen sichtbar wird. So erscheint er auf demvierten Bilde in dem Momentewo er dem ersten Menschen das Leben verleiht.

Adam liegt auf einem dunkeln Berggipfel. Seine Gestaltung ist vollendet.Nichts bleibt mehr übrigals daß er sich erhebe und zum ersten Male empfindewas Erwachen und Leben sei. Es istals durchzuckte ihn die erste Regung desneuen Zustandesals ahnte erfast noch in Träumen liegendwas mit ihmvorgeht. Gott schwebt aus der Höhe herab ihm entgegen in langsamer Bewegungwie eine Abendwolke langsam sanft herankommt. Engelsgestalten umringen ihn vonallen Seitendicht an ihn gedrängtals trügen sie ihnund sein Mantelwievon einem vollen Windstoße aufgebauschtbildet ein fliegendes Zelt um sie alleher. Diese Engel sind Kinder von Ansehenmit lieblichen Gesichterndie einenunterstützen ihn von untendie andern blicken ihm über die Schultern.Wunderbarer noch als der Mantel aberder sie alle umschließtist das Gewanddas Gottes eigene Gestalt bedecktein violettgrauesdurchsichtigeswie ausNebeln zusammengewebtes Kleiddas den gewaltig schönen Leib mit geringemFaltenwurfe dichtanliegend umgibtihn ganz verhülltbis über die Knie herabund dennoch jede Muskel durchscheinen läßt. Ich habe nie das Bildnis einesmenschlichen Körpers gesehendas diese Schönheit erreichte. Cornelius sagtemit Rechtdaß seit Phidias dergleichen nicht gebildet worden seiund vondessen Werken wissen wir doch nur vom Hörensagen. Der Kopf aber im weißenvollen Haare des Hauptes und Bartes drückt so völlig die Hoheit ausderenAbbild er sein solldaß es mich hier zum ersten Male nicht befremdet hatdenhöchsten Geistderwie gesagt wirddie Menschen nach seinem Bilde schufinmenschliche Form herabgezogen zu sehen. Allmächtige Kraftvereint mit mildemErbarmenleuchtet aus seinem Wesen. So streckt er die rechte Hand weit ausdemliegenden Menschen entgegender die Linke erhebtwillenlos und im Schlafescheint esund an der äußersten Spitze seines Zeigefingers vom Finger Gottesbeinahe berührt wird.

Diese sich entgegenströmende Bewegung enthält eine Fülle von Gedankenderen jeder im Moment erschöpfend scheintbald aber von einem anderenverdrängt wird. Alles echt Symbolische hat etwas Unnahbares an sichund dieseBegegnung Gottes und des Menschen ist im reinsten Sinne symbolisch. Gottbefiehlt und Adam gehorcht. Er winkt ihm aufzustehenund Adam greift nachseiner Handum sich emporziehen zu lassen. Gott läßt wie durch eineelektrische Berührung einen Funken seines Geistes in den Körper Adamslebenverleihend einspringen. Adam hat willenlos dagelegen; der Geist regt sichin ihmer wendet sein Haupt auf und zum Schöpfer hinwie eine Blume sich derSonne zuwendetvon jener wunderbaren Macht getriebendie weder Wille nochGehorsam ist. Er macht mit dem ganzen Oberkörper den Versuchsichaufzurichtener stützt sichwährend er die Linke ausstrecktauf den rechtenArmauf dem er ruhend lag; das rechte Bein ist lang ausgestrecktdas linke haterum sich vom Boden loszulösendicht angezogenso daß das Knie aufrechtemporsteht: Alles die natürliche erste Bewegung eines Menschender sicherheben will. Da gibt ihm Gott die Hand; man denktsie würdeohne daß dieFinger ihn erfaßtenihn dennoch wie ein Magnet ergreifensanft wiederzurückschwebend würde er ihn nach sich ziehenbis die Gestalt aufrecht aufihren Füßen stände.

Condivi sagt sehr kindlichdie ausgestreckte Hand Gottes bedeutedaß GottAdam gute Lehren darüber gebewas er tun und lassen solle. Es ist nichtseinzuwenden dagegen; die einfachsten Erklärungen haben großen Kunstwerkengegenüber dieselbe Berechtigung wie das Verständnisdas am tiefsten zugreifen glaubt und im Vergleich zu den Gedanken des Künstlers selber doch nichttiefer dringt als die Bergwerke in das Herz der Erdederen äußerste Schalesie kaum durchbohren.

Im nächsten Gemälde die Erschaffung Evas. Adam liegt in Schlaf versunkenauf seiner rechten Seite und dem Betrachtenden völlig zugekehrt. Der eine Armfällt ihm schlaff über die Brust herüber und knickt mit dem Rücken dieFinger auf dem Boden auf. Der Oberkörper wird durch den Felsenan demschlafend er anlehntetwas emporgehobenund der Kopf eben dadurch zur linkenSchulter aufgedrängt.

Zu seinen Füßen steht Gott Vater. Je mehr er sich den Menschen nähertumso menschlicher erscheint er. Er schwebt nicht mehrer steht auf dem Boden derErde und wandelt; sein langerhellgrau violetter Mantel fällt in großenFalten auf seine Füße; wohlwollend ist das Haupt gelinde vorgesenkt und dieRechte erhobendenn ihm entgegengewandt steht Evader er im Momente das Lebenverliehen hat. Sie steht hinter Adamganz im Profil erblickt man sie; ihreFüße sind durch Adams liegende Gestalt verhülltman könnte denkensieträte aus seiner Seite herauswie es ältere Meister geradezu dargestellthaben. Man fühlt sich versucht zu sagensie sei das schönste Bild einer Fraudas von der Kunst geschaffen wurde. Den Oberkörper leise vorgebeugtdie beidenArme mit betend vereinten Händen aufgehobendas linke Bein ein wenigvortretendweil sie sich verneigtdas rechte rückwärts mit eingeknicktemKnie gegen den Felsen tretenddas lange blonde Haar über den wundervollenRücken rollend und vorn über die Brust herab zwischen den beiden Armenhinunter – blickt sie geradeausund man fühltdaß sie zum ersten Maleatmetaber als habe das Leben sie noch nicht ganz durchflossenals sei dieanbetendeGott zugewandte Stellung nicht nur die erste träumerische Bewegungsondern als hätte sie der Schöpfer selbst in dieser Stellung geformt undwachgerufen.

Noch einmal erscheint sie so groß und schön auf dem nächsten Bilde. DerBaum mit der Schlange teilt dasselbe in zwei Hälften. Links ist dieVerführungrechts die Vertreibung aus dem Paradiese gemalt. Ein doppelterAnblick derselben Gestalten. Ein feistergelblich schimmernder Schlangenbalgwickelt sich um den Stamm des Baumes und wird oben zu einem Weibedas sich ausden Ästen herniederbeugt. Mit der rechten Hand hält es sichrückwärtsgreifend festin der anderen tiefherabreichend den Apfelden Evadie Finger der geöffneten Hand verlangend emporgerichtetauffangen willfastals winkte sie damit der Begierde. Sie sitzt unter dem Baumeals hätte siegekniet und wäre so auf die Seite gesunken. Die Richtung ihrer Knie aber istdem Baume abgewandtsie muß sich umdrehen zur Schlangeund so wendet sie denwundervollen Kopf mit aufgestecktem Haar auf dem prächtigen Halse zur Schlangehin und hebt die Arme zu ihr aufder Frucht entgegen. Adam steht neben ihr.Auch er beugt sich zum Baume; dicht über sie hinüber hat er einen Ast gepacktund hält ihn herabgezogen fest; mit der anderen Hand greift er über dem Kopfeder sich zu Eva beugenden Schlange in das Laub des Baumesden Zeigefingervorwärtsgekrümmtals wenn er etwas pflücken wollte. Der Sinn der Bewegungscheint derdaß während Adam noch im Zweifel dastehtob er zugreifen solleoder nichtEva die Tat bereits vollbracht hat. Evas ganzes Aussehen istverschieden von demdas sie auf dem früheren Bilde hatte. Festere Formen hier;schlankerausgewachsenerfrauenhafter erscheint sie; nichts mehr von demehrfurchtsvollen zitternden Wesensondern sichere Gedanken und feste Sehnsucht.

Welche Vernichtung aber in der Szene dicht daneben! Der Engel hat den Arm mitdem Schwerte lang über ihnen ausgestrecktdaß Arm und Schwert einehorizontale Linie bilden. So treibt er sie beide vor sich herdie dort stolzblühend und königlichhier mit eingezogenen Knien und gesenktem Haupteschleichenden Schrittes forteilen. Adam mit beiden Armen und Händen einebittend abwehrende Bewegung gegen den Engel versuchendEva abernoch tieferals er das Haupt gebeugt und den schönen Rücken emporgekrümmt wie eingeschlagenes Tier; verzweiflungsvoll kreuzt sie die Arme vor dem Busen undgreift mit der Faust in die goldenen Haare. Dennoch aber sieht sie sich nach demEngel um. Adam wagt es nichter kann den Anblick der strafenden Gerechtigkeitund des verlorenen Paradieses nicht ertragener schreitet dumpf vorwärtsdieAugen auf seinen Weg geheftet; sie aber blickt von der Seite zurück und zumEngel auf: durchblitzt ihre Verzweiflung auch hier noch ein Schimmer vonNeugier? Mit starken Schritten schreiten sie so dahinund der Jammer lastet aufihren Schulternaber es sind doch mehr vertriebene Titanen als unglücklicheMenschenund Evas von Trauer verhüllte Schönheit leuchtet um so gewaltiger.

Auf dem nächsten Gemälde Abels und Kains verschiedene Opferauf dem darauffolgenden die Sündflut. Jenes hat nichts besonders Hervorstechendes in sichdieses verliert durch einen anderen Umstand von seiner Wirkung: es istdasjenigemit dem Michelangelo begann. Es fehlte ihm noch die Erfahrung fürdas Maß der Gestalten im Verhältnis zu der Tiefeaus der sie späterbetrachtet wurden. Deshalb zeichnete er sie in weniger kolossalenVerhältnissenwir finden eine Menge Figurenwelche neben denen der anderenGemälde winzig erscheinen. In der Mitte des Gewässers sieht man die Archeihrer Breite nach und Menschendie sich an sie anklammern. Im Vordergrunde einSchiffdasmit Unglücklichen überladenWasser geschöpft hat und zugrundegeht. Ganz vorn den Gipfel eines Bergeswie eine Insel aus den Wellenaufragend. Flüchtlinge klettern an ihm empor; einige haben ein Tuch über einenBaum geworfenum ein Zelt zu bildendas ihnen Schutz gegen Sturm und Regengewährt. Das letzte Bild stellt die Trunkenheit Noahs dar. Ich rede von allendreien weniger ausführlichweil sie im Vergleich zu den anderen zurücktreten.Mehr aber um ihres Inhaltes willenals weil sich mindere Kraft in ihnenoffenbarte. Neben jenen ersten hält nichts den Vergleich ausund da es nichtdarauf ankommtein Verzeichnis dessen zu gebenwas Michelangelo gemalt hatsondern nur das genau beschrieben werden sollwas als eine sichtbare Stufe zuerhöhter Vollkommenheit erkenntlich istso wird auch aus dem Reichtum desÜbrigen nur das Größte hervorgehoben werden.

III

Es war gesagtdaß die Zwickel des Gewölbes immer zwischen den Fensternhinab in die Seitenwände verliefen. An den breiten Wänden sind es deren jefünfan den schmaleren ist es nur einerder gerade in der Mitte liegt. Aufdiese zwölf Gewölbespitzen hat Michelangelo zwölf ungeheure Gestalten gemaltdiemit den Häuptern bis empor ans Gesims der von ihm erfundenen Architekturreichendperspektivisch so gezeichnet sindals säßen sie rings im Innern desgroßen Marmortempels droben und bedächten den Inhalt der Gemäldedie überihnen in der Mitte der Decke liegen.

In den Märchen von den ältesten Zeiten der Erde erscheinen die Menschenschönerriesenhafter und von einfacheren gewaltigeren Leidenschaften erfülltals heute. Nur wenige waren esdieüber den unberührten Boden der Länderwandelnddamals wie einsame Löwen dahingingen. Griechenland ist wie eineinziger Frühlingswaldaus dem der Olymp und die anderen Berge aufragenvondenen zu den Wellen eines sonnigen Meeres hinabrauschende Flüsse eilen; Asienein ungeheurer Weidegrund für die Herden Abrahams oder der Schauplatz derKämpfe vor Ilionvon deren Gedröhn die ganze Erde zittertedaß Menschen undGötter ringsum heraneilenum den Ausgang des Streites zu erwarten.

In den Sagen der Völker gibt es eine Epochewo das Menschliche undGöttliche sich vermählend eine solche riesenhafte Titanengeneration erschafftdie der unsrigen weit vorangehendseit Jahrtausenden in tiefen Höhlen sitztum eines Tages neu heraufzusteigen.

Es istals hätte Michelangelo diese Schöpfung im Geiste gesehenals erseine Sibyllen und Propheten malte. Lesendsinnend oder zur Begeisterungentzücktsitzen sie auf ihren Plätzenals erfüllten sie Gedankenüberdenen sich Jahrtausende brüten ließe. Man könnte denkenvor langen Zeitenseien diese Männer und Frauen hinabgestiegen in die verborgenen Klüfte derErdeund in Nachdenken versinkend fänden siewenn sie einst erwachend neuemporsteigen werdendie Erde dann wieder rein und unberührt und ahnten garnichts von demwas innerhalb der zehn- oder zwanzigtausend Jahredie sieverträumtenan menschlicher Geschichte da oben vorgegangen sei.

Ich beschreibe diese Gestalten nichtderen ganze Reihe in Wortenauszudrücken wohl möglich wäredennochwenn es richtig geschehen sollteein Stück Arbeitdem ich mich kaum gewachsen fühle. Denn es erforderte nichtbloß eine deutliche Aufzählung dessenwas man von äußeren Attributen undvon der Bewegung des Körpers an ihnen bemerktsondern eine Geschichte ihrerDarstellung in der italienischen Kunst und eine Vergleichung ihres Charakterswie ihn die alten Schriften zeigenmit Michelangelos Auffassung. Er kannte dieBibel und las sie immer wiederer fand außerdem eine kirchliche Tradition vorüber die Persönlichkeiten der Sibyllen und Propheten. Es bedürfte genauererStudienals ich sie gemacht habeum hier zu erkennenwas ihm gegeben ward undwas er aus sich selbst nahm.

Alle zwölf Gestalten zusammen scheinen die Vertiefung des menschlichenGeistes in die biblischen Geheimnisse auszudrückenund zwar vom träumendenAhnen der Dinge andurch alle Stufen des bewußten Denkens hindurch bis zumSchauen der Wahrheit selber im Rausche der höchsten Entzückung. Die IdeedieStufen irdischer Erkenntnis in verschiedenen Personen anwachsend gleichsamdarzustellenwar keine ungewöhnliche. Reizend ist die Artwie man dieTätigkeit der erhabensten Schriftstellerei in den vier Evangelisten darstellte.Das Kreuzgewölbe einer Kapelle teilt sich in vier zusammenstoßende Dreiecke.In der Mitte malte man das Symbol der Dreieinigkeitin jedes der Dreiecke einenEvangelisten. Den einenwie er einem Engel lauschtdessen Worte ihm derAufzeichnung wert erscheinenden zweitenwie er die Hand erhebtum die Federeinzutauchenden drittenwie er sie eintauchtden vierten endlichwie er dieHand mit der Feder aufs Blatt gelegt und zu schreiben begonnen hat.

Hier aberwo es sich um viel Höheres handeltegenügten zwölf Figurenkaum. Wir sehen den Propheten Jeremiasdie Füße unter sich gekreuztvorgebeugtden Ellenbogen des linken Armes auf den Schenkel aufsetzend und dieHand über dem Munde in den gewaltigen Bart des sich aufstützenden Hauptesvergrabendas Bild des tiefsten ruhigen Nachdenkens. Wir sehen im folgendenZwickel des Gewölbes die persische Sibylleeine altein Gewänder verhüllteFraudie mit beiden Händen das Buchin dem sie liestdicht vor die Augenhinaufhält. Dann Ezechielmit heftig vorgeneigtem Oberkörperdie rechte Handbeweisend vorgestrecktin der linken ein entrolltes Pergament haltend; es istals sähe man die Gedanken sich in seinem Geiste durcheinanderwälzen. Dannwieder ein Bildwie die bloße Aufmerksamkeit unmerklich zur Begeisterungschwillt: die erythreische Sibylleeine wundervolle jugendliche Frauengestalt.

Sie sitztim Profil gesehennach rechts gewandt; das eine Bein mitschwebendemunbekleidetem Fuße ist über das andere gelegtund in dieschöngestreckten Falten des Gewandesdie durch diese Stellung um sie hergezogen werdentaucht die Hand des nacktenherabsinkenden rechten Armes einals ruhte sie darin. Vorgebeugt blättert sie mit der Rechten in einem Buchedas auf einem Pulte vor ihr liegt. Eine in Ketten darüber hängende Lampezündet ein nackter Knabe mit einer Fackel an.

Dann der Prophet Joelmit beiden Händen breit unter seinen Augen einPergament entrollend und um den unbärtigen Mund das Spiel der Muskelndie dasinnerlich abwägende Zurechtlegen des Gelesenen andeuten. Dann Zachariasinsein Buch ganz vertieftals würde er nie wieder zu lesen aufhören. Dann diedelphische Sibyllejungschönganz von vornden begeisterten Blickemporgerichtetwährend ein sanfter Windstoß ihr Haar zur Seite wirftüberdas ein meergrüner Schleier hängtund den bläulichen Mantel gleichfalls wieein Segel zu sanftervoller Rundung aufbläst. Prachtvoll sind die Falten desdicht unter der Brust von einem Gürtel geschlossenen Gewandes. Dann Esaiasmitleicht gerunzelter Stirndie linke Hand mit aufgestrecktem Zeigefingerdierechte in die Blätter eines geschlossenen Buches greifend. Dann die cumäischeSibyllemit halbgeöffnetem Munde unbewußt aussprechendwas sie liest. DannDaniel.

Vor ihm ein Knabeder auf dem Rücken ein aufgeschlagenes Buch ihm unterseine Augen hält; er aberein schöner Jünglingseitwärts daran vorüber indie Tiefe starrendscheint den Worten zu lauschendie zu ihm auftönenundvergessenddaß er gar keine Feder in den Händen haltemacht er mit derRechten die Bewegung des Schreibens auf einem anderen Buchedas zu seinerRechten auf einem Pulte liegt.

Dann die libysche Sibylledie mit rascher Bewegung des ganzen Körpers nacheinem hinter ihr liegenden Buche greiftals müsse sie auf der Stelle etwasnachlesen. Endlich Jonasder rückwärts liegendbeinahe nackteben demRachen des Fisches entschleudert worden istder hinter ihm sichtbar wird. Daswiedergeschenkte Licht des Tages erfüllt ihn mit blendendem Entzücken; sosehen wir ihn im Sinne der Kirche als ein irdisches Symbol der Auferstehung undder Unsterblichkeit. Überaus kunstvoll ist die Verkürzung der Gestaltdieauf der sich uns zuneigenden Wölbung gemaltdennoch zurückzuweichen scheint.

Unter diesem Prophetender die Mitte über einer der schmaleren Wände derKapelle einnimmtmalte Michelangelo dreißig Jahre später das jüngsteGerichtdas die ganze Wand von oben bis unten bedecktdas Hauptwerk seinesAlterswie die Gemälde der Decke die Tat seiner Jugend sind. Würdige Symbolebeides der Lebenszeitin der er sie geschaffen hat. Denn wie es natürlicherscheinen mußdaß er in jüngeren Jahren den weit zurückliegendengöttlichen Anfang der Dinge ergriff und gestalteteebenso angemessen ist esdaß er als Greis den Schluß der unendlichen Zukunft darzustellen versuchte.

IV

Von all den übrigen Gemälden wähle ich nur noch zwei ausum sie zubeschreiben. In den vier Ecken der Kapelle bildet die Wölbung vier Dreieckeauf denen der Tod Hamansdie Schlange in der Wüsteder Tod Goliaths undJudith und Holofernes dargestellt sind. Mit welcher Kunst weiß Michelangeloauch das eigentlich Historischehier möchte man es im Gegensatz zu jenenerhabenen Werken fast Genre nennenaufzufassen.

Er packt immer den entscheidenden Momentdender so vollgesogen von derHandlung istdaß das vorher Geschehene und nachher zu Erwartende gerade in ihmzusammengefaßt zugleich zur Erscheinung kommt. Wenig Stoffe aber sind wohl indem Maße geeignetdiese Kraftdie wahre Mitte einer Tat zu erfassenoffenbarwerden zu lassenals die Sage von der Judith. Dies Drama enthält eine Füllevon Situationendurch welche die Phantasie herausgefordert wirdund in derWahl derjenigendie hier am einfachsten den ganzen Inhalt gibtzeigt sich dasGenie Michelangelos.

Wir sehen Holofernes auf einem Bette liegenüber das ein weißes Lakengedeckt ist. Der eine Arm ist schlaff herabgesunken und stößt mit demHandgelenk auf den Erdbodender andere greift über sich in die Luftalssuchte er nach dem Hauptedas nicht mehr da ist. Das eine Bein fälltim Kniegeknicktlang über das Fußende des Bettes hinals wäre ihm das Bette zukurzdas andere steht mit angezogenem Knie aufwärts und der Fuß tritt auf dasLager.

Dieses sehen wir linksetwas zurück im Innern eines Zelteszu dem einigeStufen aufführen. Judith steigt sie eben hinabaus dem Zelte hervortretend.Sie dreht uns den Rücken zuweil siesich umwendendnach Holoferneshinsiehtwährend sie nach der anderen Seite hin mit aufgehobenen Händen einTuch ausgebreitet hältum es über den abgeschnittenen Kopf zu legenden dieMagd in einer großen flachen Schüssel auf dem Kopfe trägt. Die Magd hat eingoldiggelbes Kleid andas sich in starken schweren Falten brichtdenn siesteht mit etwas gebogenen Kniendamit ihre Herrin den Kopf in der Schüsselbequemer mit dem Tuche bedecken könne. Mit beiden Armen hält sie die Schüsselüber sich fest. Ein lichtblaues Tuch ist ihr über das Kleid um den Leibgewunden.

Judith trägt einen graublauen Überwurf über Brust und Schulternauf demdie Lichter mit Gold aufgesetzt sind. Die Stellung der Magdwie sie sichniedriger zu machen suchtzugleich aber sich steif im Rücken hältum dieLast auf dem Kopfe nicht aus dem Gleichgewicht kommen zu lassendas doppelteGefühl Judithsdieim Begriff das Tuch rasch über das abgeschnittene Hauptzu werfen und dann fortzueilenplötzlich von dem Gedanken erschreckt wirderkönne dennoch wieder erwachenund mit erhobenen Händen den Blick noch einmalzu ihm wendetist im höchsten Grade sprechend und erregend. Die gewaltigenackte Gestaltdie wie ein gestürztes Vieh daliegtläßt den plötzlichenSchauder der Frau begreifen und mitempfinden. Ein in Schlaf versunkener Kriegerim Hintergrunde deutet die Nacht anin deren Schutze die Tat vollbracht wordenist.

Enthält dieser Moment nicht alles? Vorwärts fühlt manwas geschehen wird:die von Zittern gedämpfte Eilemit der die Frauen durchs dunkle Lagerschleichen; rückwärts die Verstellungdie Angstden Fanatismusder ihrenschwachen Arm stählte. Und dem gegenüber die gedankenlose Stärke des Mannesder zum Opfer ersehen war. Das ist der Kern des Gedichtes. Als üppigesverführerisches Weib ist Judith unerträglichals zitternde Frau mit einemWillen aberder gewaltiger als ihre Furcht wirkteine ergreifende wahrePersönlichkeit. So erfaßte sie Michelangelo.

Mit derselben Wahrhaftigkeit stellt er Goliath darüber den David dieOberhand gewinnt. Wie der Koloß daliegtlang auf dem Bauchewährend Davidihm die Spitze seines Knies in den Rücken hineinbohrtgewinnt man dieÜberzeugungdaß die Bewegungen der gewaltigen Arme und der Beinedie sichzum Widerstand wieder emporstemmen möchtenvergeblich sein müssen. Mit derLinken packt ihm David ins Haarmit der Rechten schwingt er ein kurzesbreitesmesserartiges Schwert; man glaubt es pfeifen zu hörenwie es die Luftdurchschneidetund weiß im vorausdaß es tödlich durch den Halshindurchfahren wird. Goliath trägt ein grünesanliegendespanzerartigesGewandBeine und Füße in derselben Weise dunkelgrau bedecktden Arm weißmit goldenen Riemen; David ein lichtblaues Unterkleid und einen gelblichgrünenmantelartigen Überwurfauf der Schulter in einem Knoten zusammengebunden.Dieses Gemälde und das der Judith ist bei jedem Lichte hell und erkennbarwieauch die Darstellungen des mittleren Gewölbes sämtlichund deshalb tretendiese dem Auge als der eigentliche Inhalt der Sixtinischen Malereien entgegen.Die Propheten und Sibyllen sind der Mehrzahl nach schwieriger zu sehen; dasaberwas noch tiefer als sie dicht um die Fenster gemalt worden istwird erstnach mühsamer Betrachtung dem suchenden Auge in seinen Umrissen erkenntlich.Man muß die schmale Galerie besteigen und von hier aus noch ein gutes Glas zuHilfe nehmenwenn sich die ganze Größe dieser Arbeiten enthüllen soll.Freilich sieht man so nahe herantretend all die kleinen Risse und Fleckediesich wie ein Schleier über die Malereien zu ziehen scheinendoppelt genauzugleich aber den Schwung der Linien reiner und die einfachen Mitteldurchwelche die leichteluftige Färbung erreicht warddie für Deckengemäldewenn sie aus solcher Entfernung wirken sollenunentbehrlich ist.

Im Herbste 1509wie schon gesagt worden istwar die erste Hälfte desgewaltigen Werkes vollendet. Einstweilen ruhte die Arbeit. Die Gerüste wurdenabgebrochen und die Kapelle für den Gottesdienst wieder eingerichtet. Zu denSibyllen und Prophetensowie den Vorfahren der Maria waren damals noch nichteinmal die Kartons gezeichnet.

Kurz vor Aufdeckung der Gemälde schreibt Michelangelo an Buonarroto: »MeineMalerei wird die nächste Woche fertig seindas heißt der Teilsoweit ich siein Angriff nahm; sobald ich sie aufgedeckt habehoffe ich Geld zu erhalten undwerde es so einzurichten suchendaß ich auf einen Monat Urlaub nach Florenzbekomme. Ich weiß nichtob etwas daraus wird; brauchen könnte ich esdennmit meiner Gesundheit steht es nicht zum besten.«

Michelangelo hatte sich rasend angestrengt. Eines seiner Sonette beschreibtin burlesker Weise seinen Zustandwie er Tag für Tag auf dem Rücken lag undihm die Farbe aufs Gesicht herabtropfte. Seine Augen hatten sich so sehr darangewöhntüber sich zu blickendaß er geraume Zeit hinterher Geschriebenes indie Höhe halten mußteum es mit zurückgezogenem Kopfe zu leseneine Folgederartiger Arbeitdie Vasari aus eigener Erfahrung bestätigt.

Man fände unter den Briefen so gern einender von der Befriedigungsprächemit der die vollendete Arbeit ihn erfüllte. Wir müssen uns an derTatsache genügen lassendaß diese erste Hälfte des Werkes sofort zu denvornehmsten Dingen gerechnet wurdewelche in Rom gesehen werden mußten.

Es war ein großer Tagals Michelangelo dem römischen Volke zum erstenmalezeigtewas er auch als Maler vermöge. Unter denen aberdie dastanden und zuseinen Figuren emporblicktenwar einerder uns heute wichtiger ist als alleübrigen. Raffaelder nun vorgeschoben werden sollteum das zu vollendenwasan den Deckengemälden zu tun noch übrig war. Die große Konkurrenz zwischenRaffael und Michelangelo nahm ihren Anfang.

Achtes Kapitel
1510 -1512

I

Wer darauf bestehtdie beiden großen Künstler als zänkische Widersacherzu denkender könnte das wenigewas uns von ihrem persönlichen Verhaltengegeneinander aufbewahrt worden istin diesem Sinne allenfalls zurechtlegen.Solche Folgerungen aber bleiben unrichtig in sich. Wir sehen Raffael undMichelangelo freilich zu Parteihäuptern gemacht. Raffael erscheint von Anfangan als befangen: er hatte Leute um sichdie gegen Michelangelo hetzten; und beidiesem selbst entdecken wir nichts von entgegenkommendem Wesen: er stieß abwas ihm nicht zusagte. Seine Anhänger und die Raffaels bekämpften sich. KeineSpur aberdaß die beiden Meister die Rollen wirklich angenommen hattendieihnen so von den Ihrigen aufgedrängt wurden. Was man in dieser Hinsicht anderszu deuten suchteist falsch gedeutetweil es gegen ein Naturgesetz verstößtdas keinen Widerspruch duldet. Vortrefflichkeit bildet zwischen denendie siebesitzeneine unzerstörbare Gemeinschaft. Alles Großedie niedere Waffe derSterblichen Überragendefühlt sich unauflöslich vereinigtes ist zu einsamum einander nicht um jeden Preis aufzusuchen. In der Umgebung beider Männermögen Neid und Eifersucht in Intrigen sich Luft gemacht habenin den hohenRegionen ihrer wahrsten Natur aber fühlte jeder zu gutwas er selbst und wasder andere wert seiund so ferne sie sich blieben äußerlich betrachtetsonah standen sie dennoch zusammenweil in jene Höhe nichts mehr reichtedassie auseinanderzuhalten genug gewesen wäre.

Raffael jagte dem Ruhme Michelangelos nachwie dieser eben erst LeonardosGröße zu überbieten getrachtet. Raffael malte in den Zimmern des Vatikanswenige Schritte entfernt von der Kapellein der Michelangelos Gerüste standen.Sie müssen sich oft begegnet sein im Palastedurch den der Weg zur Kapelleführte; wie blickten sie einander in die Augen? In Michelangelos Äußerungdie er lange nach dem Tode Raffaels getan: was Raffael in Sachen der Architekturgewußthabe er von ihm gelerntliegt nichts Herabsetzendes. Corneille konntedasselbe von Racine sagender so viel jünger warohne ihn in seiner Größezu verringernGoethe sich so über Schiller aussprechen. Wo Leute wieMichelangeloCorneille und Goethe vorangegangen sindda muß alleswasjünger istin ihre Fußtapfen tretenauch das ist ein Naturgesetzso sicherwirkendals wenn es sich um chemische Verwandtschaften handelte. Viel wichtigerist Michelangelos Wort: Raffael sei nicht durch sein Geniesondern durch seinenFleiß so weit gekommenals er kam. Es erscheint als die höchste Anerkennungaus seinem Munde.

Fleiß kann hier nichts anderes bedeuten als das Glückdas ein Künstler inunermüdlicher Vervollkommnung seines Werkes sucht. Fleiß ist nicht anhaltendeTätigkeit oder Arbeitsamkeit im allgemeinendie sich keine Ruhe gönntsondern Versenkung in das Einedas vollendet werden sollschöpferischeSehnsuchtdas geistige Bild in sichtbare Formen ganz hineinzuarbeitenGenußam Gleichgewichte des Inhaltes mit der äußeren Erscheinung und der DrangKraft zu gewinnen und ihn zu befriedigen. Was gemeinhin Fleiß genannt wirdistdie emsige Sorgfaltdas Material zu bewältigenum in einem Tage sichtbarrecht weit zu kommen; verglichen mit jenem geistigen Fleiße aberdenMichelangelo Raffael zusprichtsinkt dieser materielle Fleiß nur zu einerVoraussetzung herabdie sich von selbst versteht. Ein Künstlerwie ihnMichelangelo denktgibt nach der höchsten Anstrengung sein Werk dennoch alsunvollendet. Er sagtich mußte damals stillstehenich konnte nicht weiter. Amgewissenhaftesten war hier wohl Leonardoder gern keines seiner Bilder aus denHänden gegeben hättesolange er lebte. So arbeitete auch Goetheder bis insein Alter jung begonnene Werke zurückhieltweil das Gefühl niemalsnachließwie viel noch an ihnen zu bessern sei.

Michelangelo stand allein in Romals er die Sixtina malte. Er hatte nur denPapst als Partei hinter sich: um Raffael und Bramante scharten sich dieKünstler. Michelangelo war nicht mehr ganz jungfinsterscharfmitunerbittlicher Strenge das Echte vom Unechten sondernd; Raffael im Beginn derZwanzigliebenswürdigheiterhilfreich und mit dem Zauber siegreicherÜberlegenheit umgebenvon der Liebe erweckt wirdund die neidlos selber denNeid der anderen in Zuneigung auflöst. Dabei am Hofe nicht bloß von Bramanteprotegiertsondern vom Herzoge von Urbino und dessen Damendie als naheVerwandte des Papstes in Rom eine glänzende Rolle spieltenbegünstigt und indie höchste Geselligkeit emporgezogen.

Raffael hatte einen Vorzugden vielleicht so lange die Welt steht keinanderer Künstler in solchem Grade besessen hat: seine Werke entsprechen demDurchschnittsmaße des menschlichen Geistes. Sie stehen keine Linie darübernoch darunter. Michelangelos Ideale gehören einer höheren stärkerenGeneration anals hätte er Halbgötter im Geiste beherbergtwie auchSchillers poetische Gestalten in anderer Weise oft das Maß desGemeinmenschlichen überschreiten; Raffael aber traf das Richtige wieShakespeare. Er scheint zu schaffenwie die Natur schafft. KeineWolkenpalästein denen man sich zu klein dünktsondern menschliche Wohnungenerrichtet erdurch deren Türen man eingeht und fühltdaß man da zu Hausesei. Er ist verständlich in jeder Bewegunger schmiegt sich demSchönheitsgefühle der Menschen an mit seinen Linienals sei es unmöglichsie anders zu ziehenund das Behagendas er so auf die Beschauenden ausgießtdie sich entzückt als seinesgleichen fühlengibt den Werken die Allmacht undseiner Person den Schimmer glückseliger Vollkommenheit. Obgleich er unendlichviel getan hatmöchte man nicht glaubendaß er sich jemals groß angestrengthabe; man würde nicht zugebendaß er je unglücklich gewesen seiwie man esauch Goethe und Shakespeare nicht glauben würde. Es klebt ihm gar nichtsAbsonderliches anman späht umsonst nach dunklen Ecken in seiner Seeleindenen die traurigen Gedanken sich festnisten könnten wie Spinnweben inverlassenen dumpfigen Gemächern. Zufrieden wie ein Baumdermit Früchtenschwer behangentrotz seiner seufzenden Äste glücklich scheintsteht er daund die Bewunderungdie ihn umgibtist nichtswas sein Glück erhöhte oderes vermindertewenn man sie ihm versagen wollte.

Solche Menschen gehen durchs Lebenwie ein Vogel durch die Luft fliegt. Eshindert sie nichts. Es ist dem Strome einerleiob er glatt in langer Liniedurch die Ebene fließt oder in gekrümmtem Laufe sich um Felsen schlängelnmuß. Es ist kein Umweg für ihnso in weite Schleifen rechts und linksgedrängt zu werdenkein Aufenthaltwenn der Lauf sich ihm völlig staute:behaglich schwellend breitete er sich zum See ausund endlich bräche erdennoch einen Weg für seine Wogenund die Gewaltmit der er nundahinschießtist ebenso natürlich als die Ruhemit der er seine Bahnwandelte vorher. RaffaelGoethe und Shakespeare hatten kaum äußereSchicksale. Sie griffen mit sichtbarer Gewalt nicht ein in die Kämpfe ihresVolkes. Sie genossen das Lebensie arbeitetensie gingen ihren Weg und zwangenniemandihnen zu folgen. Keinem drängten sie sich auf und forderten die Weltnicht aufsie zu betrachten oder zu tunwie sie getan. Aber die anderen allekamen von selbst und schöpften aus ihren erfrischenden Fluten. Man nenne einegewaltige Tat RaffaelsGoethes oder Shakespeares? Goetheder so tiefverflochten scheint in alleswas uns angehtder der Schöpfer unserergeistigen Kultur isthat sich nirgends gegen die Ereignisse gestemmt; er wandtesich dahinwo er am bequemsten vorwärtskam. Er war fleißig. Er hatte dieVollendung seiner Werke im Sinn; Schiller wollte wirken und eingreifenMichelangelo wollte handeln und duldete nichtdaß Geringe vorn ständenüberdenen er sich Meister fühlte. Der Gang der Ereignisse bewegte Michelangelo undbeteuerte oder dämpfte seine Gedanken. Die Betrachtung seines Lebens ist nichtmöglich herausgerissen aus dem Gange der Weltereignissewährend sich RaffaelsLeben abgesondert wie ein Idyll erzählen ließe.

Wir wissen nicht viel von Raffaels Erlebnissen; es ist an tatsächlichenNachrichten über ihn fast ebensowenig vorhanden als bei Leonardo. Die Phantasiedes Volkes aber hat sich daran nicht gekehrt. Wir haben ein Hauswo er wohntein Romeine Kneipewo er verkehrteein Haus seiner Geliebtenderen Name undderen Verhältnisse berichtet werdenhaben Erzählungenderen Mittelpunkt erbildetvon seinem kindlichen Alter in Urbino an bis zu seinem Todeder ihn inder Blüte des Lebens in Rom fortnahm. Wie dem Volke Friedrich der Große immerals der alte König mit dem Krückstocke erscheintso steht Raffael als derschöne Jüngling dawie eine irdische Ausgabe beinahe des ErzengelsdessenNamen er trägt; und so sehr hat jederder sich mit ihm beschäftigtevon derFreiheit Gebrauch gemachtder Idee nachdie er von ihm hegtedie Tatsachen zubeurteilen und zurechtzulegendaß am Ende Wahrheit und Dichtung nicht mehr zuunterscheiden sind.

Raffael kam wohl 1507 zuerst nach Rom. Er trat nicht so jung in die Stadt einwie Michelangeloals dieser sie zuerst erblickte. Welch eine Masse von Arbeitenaber hatte Raffael bereits hinter sichgegen das Wenigedoch GewaltigerewasMichelangelo in demselben Alter getan. Michelangelo arbeitete stoßweise: zuZeiten mit ungemeiner Anstrengungdann wieder lange brach liegendin Bücherund philosophische Gedanken vertieft; Raffael kannte keine Jahreszeiten: immerBlüten und Früchte zu gleicher Zeit tragendscheint er eine unerschöpflicheFülle von Lebenskraft in sich gefühlt und auf alles um sich her ausgeströmtzu haben.

Das ist eswas schon aus seinen frühsten Bildern herausleuchtet.Eigentümlich in Form und Gedanken sind sie gar nicht. Leonardo suchte dasAbenteuerlicheMichelangelo das SchwierigeGroße aufbeide arbeiten mitdurchdringender Genauigkeitbeide gehen ihre eigenen Wege und drücken ihrenWerken den Stempel ihrer Natur auf: Raffael lehnt sich angeht in derVollendung oft nur bis zu einem gewissen Punktebei dem er sich beruhigtundscheint nicht eifersüchtig daraufmit anderen verwechselt zu werden. Er maltzuerst in den Formen Peruginos und Porträts in der feinen Manier Leonardos –ein gewisser Liebreiz ist beinahe das einzige Kennzeichen seiner Werke –endlich findet er sich in Rom allein Michelangelo gegenüber: da erst bricht diewahre Quelle der Kraft hervor in seinem Geisteund er schafft Werkedie sohoch über den früheren Arbeiten stehendaß die Luft von Romdie ereinatmeteWunder an ihm gewirkt zu haben scheint. Und so ging es von da insteigender Linie vorwärts.

Michelangelos Einfluß kann allerdings für den allerersten römischenAufschwung noch nicht in Betracht kommendagegen aber auch nicht mehr vonPerugino die Rede sein. Raffael kam schon als selbständiger Mannder eineneigenen Weg gefunden hat. Wenn er einem älteren Künstler dabei zu dankenhatteso ist es dem Fra Bartolommeodessen Freund er in Florenz warderselbeder vor Zeiten Savonarola zuliebe seine Arbeiten ins Feuer trugzugleich einAnhänger da Vincisdessen Manier er sich anzueignen strebte. Beim Sturm vonSan Marco gehörte er zu denendie das Kloster verteidigen wolltenund als derKampf beganntat er das GelübdeMönch zu werdenwenn er glücklichdavonkäme. Im Jahre 1500 trat er dann ein und entsagte auf einige Zeit derMalerei gänzlichwandte sich ihr in der Folge jedoch wieder zu und brachteeine große Anzahl ausgezeichneter Werke hervorwelche in Komposition undKolorit hoch über denen Peruginos stehen. Dürfen wir aus seinem Charakter aufden Raffaels zurückschließenda zwischen beiden ein dauerndesvielleichtinniges Verhältnis bestandso mag Raffael sich in Florenzehe er nach Romgingals zartschüchtern und von sanft anschmiegsamem Wesen gezeigt habenSeeleneigenschaftendie sich aus Fra Bartolommeos Werken ebenso deutlich alsschön herauslesen lassen und die den Florentiner Gemälden Raffaels nichtminder eigentümlich sind; in Rom aber kam das Leben anders an die herandie inseinem Strome schwammenund es ist nirgends gesagtdaß Raffael furchtsamabseits am Ufer gesessen habe.

Raffael alsoauf Bramantes Empfehlung berufenbegann für die Camera dellaSegnatura im Vatikan zu arbeitenwo Schule von Athen und Disputa einandergegenüber die Hauptwände einnehmenwährend an der dritten Wandzwischenbeidender Parnaß thront. Dies die Anfänge seiner römischen Tätigkeit. ImVatikan läßt sich am schönsten verfolgenwie Raffael von Jahr zu Jahr inimmer großartigerem Wachstum sich entfaltete. Denn bald breitete er sich aus imPalasteund Schüler und Gehilfen umgaben ihn. Die vorhandenen DeckengemäldePeruginos rettete erals sie ihm im Wege zu stehen begannenvon den übrigenließ er Kopien anfertigenehe sie der Zerstörung anheimgegeben wurden. An denZimmern des vatikanischen Palastes hat Raffael so lange gearbeitet und arbeitenlassenals er lebte.

Diese Räumeviereckigaber von unregelmäßiger Grundflächestoßen ineiner Reihe aneinanderdurch ziemlich unscheinbare Türen verbundenwährenddie Fensterehemals mit gemalten Scheiben ausgefülltbreit und hoch in dieMauern einschneiden. Marmorbänke sind vor ihnen angebrachtmit kostbarengeschnitzten Läden lassen sie sich schließen. Der Fußboden ist MosaikdieWölbung der Decke die schönste Kreuzung zweier Bogenso daß sich die vierWände des Gemaches nach oben hin in vollem Halbkreise abschneidenwährend inden Ecken die Zwickel des Gewölbes sich tief hinunterstrecken. Obgleich allesverkratztbeschmutzt und verwittert erscheintso haust hier doch noch einHauch der alten Zeit in den Winkeln des Palastes. Man könnte im Traume dieFarben wieder frischdas Gold der Verzierungen neu und glänzend und die Sonnein den glühend bunten Glasscheiben der Fenster spielen sehen. Und durch dieTüre träte Giulio eingebeugt ein wenigaber mit kräftigen Schrittenundsein glatterfeinerschneeweißer Bart fiele auf den purpursamtenen Kragenden er über dem langenweißgefälteten Unterkleide trägtan seiner Handaber glänzte der große Rubinund sein blitzendes Auge überflöge dieGemäldedie sein Befehl hervorrief. Giulio liebte Raffael. Er gab ihm in jederWeise die Gunst zu erkennenderen er ihn würdig hielt.

Raffael widersprach ihm gewiß nichtwie Michelangelo tat. Er war keinSchmeichleraber seine Natur drängte ihn dazudas Wohlwollen der Menschen zugewinnen. Wie kindlichja schmeichlerisch schreibt er in jenen ernsten Tagenaus Rom an Francesco Francia nach Bolognaden er doch längst überholt hatteund dessen Werke und Tätigkeit er trotzdem über die seinigen erhebtals wennes sich wie die natürlichste Sache von selbst verstände. Francia aber sendetihm ein Sonettworin er seine Größe so schön und in so einfach starkenWorten anerkenntdaß man aus diesem Zeugnis eines gleichzeitigen Künstlersden strahlenden Ruhm ermessen kannden das Genie dieses glücklichenJünglingsfortunato garzonwie er von Francia genannt wirdplötzlich umsich verbreitete.

Dies Sonettdas mit den Worten beginnt: »Weder Zeuxis noch Apelles bin ichnoch einer von jenen großen Meisterndaß ich mit solchem Namen genannt zuwerden verdientenoch ist mein Talent und meine Kraft des unsterblichen Lobeswürdigdas ein Raffael ihr zuerteilt« – scheint anzudeutendaß es dieAntwort auf ein von Raffael gesandtes Sonett warin welchem Francia mit soüberschwenglichen Vergleichen angeredet wurde. Doch ist keine Spur mehr davonvorhanden. Nur vier Sonette im ganzen haben wir von RaffaelLiebesgedichteaufStudienblätter hingekritzeltwelche zur Disputa dientenalso im erstenFrühling oder Sommer gedichtetden er in Rom zubrachte. Es steckt ein ganzerRoman in diesen Gedichten. Alle vier haben denselben Inhalt: leidenschaftlicheErinnerung an das Glückdas in den Armen einer Frau gefunden wardzu der dieRückkehr unmöglich ist. Die Resignationdie Sehnsuchtdie ihn erfülltdieWonne dann wiedermit der er die Stunden sich zurückruftals sie kamtief inder Nachtund sein warsind in seine Verse hineingeflossen. Man fühltdaßer viermal dasselbe sagen mußteweil es unmöglich warin Worten dieEmpfindung zu erschöpfenund in den oftmals ausgestrichenen Reihen selberausdenen er die Sonette aufzubauen suchtliegt die Glut der großen Flammevonder er sagtdaß sie an seinem Leben zehre. Kein einziges der GedichteMichelangelos enthält so glühende Leidenschaft.

War es eine vornehme Fraudie Raffael liebtedie ein einziges Mal zu ihmkam: »um Mitternachtals die Sonne längst hinabsankkam siewie eine andereSonne aufgehtmehr zu Taten geschaffen als zu Worten«? Plötzlich war sieverschwundenund nun sucht er den dilettoso affannodie entzückende QualinWorte zu fassenderer Opfer er geworden. Schweigen wolle erverspricht erwiePaulus von den Geheimnissen des Himmelsals er aus ihnen hinabstieg; redenmüsse er dennochsagt er im anderen Gedichteaber je mehr ihn verlange zuredenum so unmöglicher sei esund als einzigen Trost findet er am Ende dasBedenkendaß es zu großestödliches Glück vielleicht wäredas nocheinmal zu genießen; schweigen wolle erablassen aber könne er nicht von ihrmit den Gedanken. Und wie war das auch möglichwo er das sanfte Joch ihrerArme noch zu tragen glaubtdie seinen Hals umschlangenund die Verzweiflungihn noch durchzucktals sie sich losmachte und er im Dunkel einsam zurückbliebwie ein Schiffer auf dem Meereder seinen Stern verloren hat.

Wir wissen nichtob er ihr jemals wieder begegnete. Keine Andeutung findetsich in seinen Briefen oder bei Vasarikein Bildnis einer Frauin der wirdiese Gestalt vermuten dürften. Es ist von vielen Frauen die Rededie Raffaelliebteaber von allen wird nichts weiter gesagt als nurdaß sie lebten unddaß sie seine Geliebten waren.

Eine von ihnen befand sich in seinem Hauseals er starb; er setzte ihrreichlich zu leben auswie ein guter Christsagt Vasari. Eine andere liebteerals er in dem Gartenhause Chigis malte. Von dieser soll er so völligbefangen gewesen seindaß sie ihn von der Arbeit abzog und seine Freundezuletzt keinen besseren Rat wußtenals sie zu ihm aufs Gerüst zu bringen. Dahatte er sie den Tag über immer um sich und hielt aus bei der Arbeit.

Raffael malte in Rom die Frauen anders als in Florenz. In den Porträtsdieer dort hinterließliegt die heitere Ruhedie Leonardo so schönauszudrücken wußte. Dagegen das Frauenbildnis im Palaste Barberini! – das ervielleicht in seinen ersten römischen Tagen malte und das wohl seine Geliebtedarstelltwenn auch nicht die Fornarinawie Spätere sie getauft haben.Fornarina ist kein Frauenname; das Wort bedeutet die Bäckerin oder dieBäckerstochter und hat seinen Ursprung aus der Geschichtedaß Raffael dieTochter Bäckers in Trastevere geliebt habe.

Das Bildnis des jungen Mädchens oder Frau im Palaste Barberini ist einwunderbares Gemälde. Ich nenne es soweil es in hohem Grade die Eigenschaftenrätselhafter Unergründlichkeit in sich trägt. Man möchte es immer von neuembetrachten. Sie sitzt uns zugewandtbeinahe nacktaber doch nicht unbekleidetda; bis unter die Knie ist sie sichtbar. Ein rotes Kleid mit finsterenSchattenfalten ist über ihren Schoß gelegt: mit der rechten Hand hält sie eindünnesdurchsichtigesweißes Gewebedas über den Leib in die Höhe gezogenistsanft an die Brustaber man fühlt: eine Bewegung – und alles istabgeworfen. Diese rechte Hand scheint mit dem Finger gleichsam einen anderen Tonanzuschlagen. Sie liegt unter dem Busenmit dem Daumen allein drückt sie dasspinnwebleichte Zeug an sich fest; der Zeigefinger berührt etwas aufgehoben dielinke Brust und drückt eine leichte Telle hinein; die anderen drei Fingerlosegespreiztliegen darunter und scheinen sie leise emporzudrängen. Die linkeHand dagegen ist in den Schoß herabgesunkenaber nicht etwa sodaß sieaufdem Rücken liegendnach oben geöffnet wäresondern mit der Fläche nachunten hinals habe sie über das Gewand zu den Knien fortstreichen wollen undsei mitten in der Bewegung ins Stocken geraten. Matt auseinandergerissen liegendie Finger auf dem dunklen Purpurdie Wurzel der Hand auf der Höhe des einenSchenkelsdie Spitzen der Finger auf dem anderen drübenals bildeten sielauter Brücken hinüber.

Den Arm dieser Hand umgibt nicht weit von der Schulter ein schmales Bandgrün mit goldenen Rändern und in goldener Schrift steht RAPHAEL. VRBINAS.darauf Das Band scheint ein wenig zu engdenn es drückt die Muskeln des Armesetwasüber denen es herläuftdaß er sich gelinde aufgebauscht zeigtalswäre esum nicht herabzurutschenknapp darum gelegt.

Wollte Raffael seinen Besitz damit andeuten wie bei einem schönen Tieredemer ein Band anlegtedamit er mit Augen sähedaß es sein sei? Denn höhersteht dies Mädchen nicht. Nur Leidenschaften und keine Gedanken scheint seineStirn zu beherbergen. Und der üppiggespannte Munddessen Winkel sich in dieWangen grabendie rabenschwarzen großen Augenherüberblickend von der Seitezugleich und etwas von unten empor aufschauenddie ausgeprägten Nasenflügelund vollen Nüstern – es leuchtet eine göttlich unschuldige Sinnlichkeitdarauswie die Göttinnen und Nymphen der Griechen sinnlich waren und ohnezweifelnde Gedanken rein dahingingenweil sie niemals einen Gegensatz ahnten zuden einfachen glühenden Gefühlenderen Stimme sie wie Befehlen des Schicksalsgehorchten.

Die Wangen sind leise angebräunt wie auch Arme und Händealso war siegewohntsie in der freien Luft zu gebrauchen; die Augenbrauen dunkel wie dieNachtals wäre jedes mit einem einzigen kühnen Federzuge gezogen. Das Haarist glänzend schwarzgeteilt über der Stirn und glatt an den Schläfen herhinter das Ohr gestrichen; der Kopf mit einem bunten Tuche turbanartig umwundendessen Knoten an der einen Seite über dem Ohre liegtdas er ein wenig durchseine Schwere drückt.

Sanft vorgebeugt ist ihre Haltung. So sitzt sie damit ihren zartenSchultern ein wenig nach links gewendet; sie scheint verstohlen nach demGeliebten zu blickenum ihn anzusehenwenn er maltund sich doch ja nicht vonder Stelle zu rührenweil er es verboten hat. Ihm aber scheint es ein Quelldes innigsten Vergnügens gewesen zu seinsie aufs genaueste nachzubilden undin keinem Pünktchen anders darzustellenals er sie vor sich sieht. Man glaubtihr die Eifersuchtdie Heftigkeitdas Lachendie unverwüstliche gute Launeund den Stolz anzufühlen auf das Glückvon ihm geliebt zu werden. Er abermalte alles hineinweil er dieser Gefühle selber so bis in ihre Tiefen hinabfähig war. Wenn es seine Bilder nicht verrietendie Gedichte verrieten es. –

Fehlte Michelangelo diese Seite des Charakters völlig? Man ist gewöhntdenNamen Vittoria Colonna auszusprechenwenn eine Frau neben ihm genannt wird.Aber als er sie kennenlerntewar er fast ein alter Mann und sie nicht wenigerin den Jahren. Es verband sie gleiche Gesinnung in schwierigen Zeiten. Sie aberblieb immer die Fürstinund niemals war die Rede von Liebe zwischen ihnen.Vittoria lebte als Witwe halb wie eine Nonne schon und stand im Begriff insKloster zu gehen.

Nur die Gedichte Michelangelos gewähren eine Antwort. Es sindleidenschaftliche darunteraber es fehlt fast überall das Datum ihrerEntstehung; die meistenwo es sich bestimmen läßtfallen in seine spätenJahre. Condivi erzählt jedochdaß er schon früh zu dichten begonnen habe.

Aber in den Versendie er als alter Mann schriebspricht er von seinerJugend und den Leidenschaftendie sein Herz damals zerrissen. »Das war dasschlimmste Teil meiner jungen Jahre«sagt er»daß ich blindlings und ohneWarnung anzunehmen in Glut geriet.« »Wenn du mich zu besiegen gedenkst«redet er in einem anderen die Liebe selbst an»so bringe mich zurück in dieZeitenin denen die blinde Leidenschaft kein Zügel aufhieltgib mir meinhimmlisch heiteres Antlitz wiederdem die Natur jetzt alle Kraft genommen hat.Und die Schrittedie mich meine Angst unnütz vergeuden ließund das Feuergib mir zurück in meinen Busen und die Tränenwenn du begehrstdaß ich nocheinmal glühen und weinen soll.«

»Das waren Zeiten«beginnt ein anderes»als ich zu tausend Malentödlich verwundetdennoch unbesiegt und unermüdet bliebund nunda meineHaare weiß gewordenkommst du noch einmal? Wie oft zwangst du meinen Willenund gabst ihm wieder seine Freiheitsporntest mich wie ein Pferd zur Wildheitließest mich erblassen und meine Brust mit Tränen baden; und nunda ich altbinkommst du wieder?« So wären noch viele Stellen anzuführen. Immer redetMichelangelo jedoch von seinen Qualenseiner verzehrenden Glut und von denTränen: von der Erfüllung seiner Wünsche niemals. Kein Gedichtaus demwieaus Raffaels sehnsuchtsvollen Zeilender süße Saft berauschenden Glückes wieaus einer reifen Frucht hervorquillt.

Es ist eins von Michelangelo vorhandenworin er die Schönheit einer Fraubeschreibtaber man weiß nichtob er nicht etwa ein Bild anredet und ob dieletzten Reihen mehr als dichterische Reflexion sind:

Der goldne Kranzsiehwie er voll Entzücken Das blonde Haar mitBlüten rings umfängt; Es darf die Blumedie am tiefsten hängtDenersten Kuß auf deine Stirne drücken. Wie freudig das Gewand den langenTag Sich um die Schultern schließt und wieder weitet Am Halszu dem dasHaar herniedergleitetDas dir die Wangen gern berühren mag. Sieh aberhierwie mit verschränkten Schnüren Nachgiebig und doch eng das seidneBand Beglückt istdeinen Busen zu berühren. Der Gürtel spricht: laßmich die Lust genießenDaß ewig meine Haft dich so umspannt – Wiewürden da erst Arme dich umschließen!

Wer ist diese Frau gewesen? Der goldene Kranz war bei den Florentiner Damensehr gebräuchlich. Domenico Grillandaios Vaterein Goldschmiedsoll diesenSchmuckdie ghirlanda aureain Florenz erfunden und daher seinen Namenerhalten haben. Das Gedicht findet sich auf der Rückseite eines Briefes an denBruder Buonarroto vom 24. Dezember 1507. Nichts aber verrätob Michelangeloglücklich oder unglücklich war in den Wünschendie er aussprach.

Nach einer andern Richtung suchen die Gedanken eine Deutung seinerLeidenschaftdie so einsam immer in sich selbst zurückkehrt. Er sagt in demGedichtedessen Worte ich vorhin zuerst anführte: »gib mir das himmlischreine Antlitz wiederaus dem die Natur alle Schönheit fortgenommen hat«ondea natura ogni virtude è tolta. Ich übersetze virtude mit Schönheitdas Wortbedeutet TrefflichkeitTüchtigkeitKunstKraftwir haben keinengleichbedeutenden Ausdruck. Bezieht sich das auf den Schlagden er als Knabe inFlorenz erhielt und der ihn entstellte? War er so überzeugt von seinerHäßlichkeitdaß er um ihretwillen nicht wagtewas er sonst vielleichtgewagt hätte? Saß er einsam und über sein Geschick nachdenkend? Zwang er dieTränen heimlich zur Quelle zurück? Wir wissen es nicht. Es braucht auch nichtgewußt zu werden. Aber es widerspricht dem Bilde seines Charakters nichtihnso mit sich allein zu denkendaß die Abgeschlossenheit früh ein Bedürfnisfür ihn wardund er die Menschendie er aus voller Seele liebtedennoch vonsich entfernt hieltweil er sich für ihr Glück und ihren leichten Verkehrnicht geschaffen fühlte. Deshalb ist es wohl möglichdaß er auch Raffaelimmer nur eine ernste Stirn zeigte und ihm gegenüber nie daran dachteeinZeichen zu gebendaß er ihn verstände und sich selbst von ihm verstandenfühle.

II

Condivi ist esder berichtetdaß Raffael durch Bramante die Fortsetzungder Sixtinischen Deckenmalerei für sich zu erlangen gesucht habe. Daß Bramantediesen Auftrag für Raffael zu erwirken strebtebezweifle ich nichtob er esjedoch auf dessen Antrieb getankonnte Condivi nicht wissen und selbstMichelangelo kaum. Bei solchen Fragen muß man lebhaft vor Augen habendaß essich um Dinge handeltdie beinahe fünfzig Jahrenachdem sie vorgefallen sindaufgeschrieben werdenund daß dies durch einen blindlings für Michelangeloeingenommenenjungen Menschen geschiehtder hierunschuldigerweisevielleichtmehr hörteals ihm erzählt ward. Denn das Abwägen beiderMännerRaffaels und Michelangeloswar mit der Zeit in Italien eine Fragegewordenwie bei uns dieob Goethe oder Schiller größer seiund wenn wirCondivi für noch so gewissenhaft haltenin diesem Punkte kann er parteiischgewesen sein. Allein Condivi auch wieder hatte berichtetMichelangelo habealser den Auftrag nicht annehmen wollteRaffael vorgeschlagen. Nur das Gefühl vomKönnen Raffaels hätte einzig doch Michelangelo vermochtRaffaels Namen zunennen.

Nehmen wir also die Tatsachenwie sie aus den Charakteren der Männerherfließen. Sicher war keine Seele in Romdie so tief als Raffael empfandwasin der Sixtina von Michelangelo getan worden sei. Anzunehmendaß Raffael sichder Erkenntnis verschlossen habees sei in der Sixtina etwas geleistet wordenwas weder er selbst noch irgend jemand anders hätte leisten könnenundzugleichdaß er den Trieb nicht in sich gefühlt habevon dieser Gewalt sichanzueignenwas erreichbar seihieße die Größe Raffaels verkennen; es wäreBeschränktheit gewesensich ablehnend zu verhalten; ein Zeichen natürlicherKühnheit war essich hinzugeben. Auch urteilte man in RomRaffaelnachdem erdie Werke Michelangelos gesehenhabe einen anderen Stil angenommen.

Es könnte diese Änderung des Stils bei Raffael in Äußerlichem gesuchtwerden: im energischen Studium des Nackten und der Verkürzungendenn beideswar Raffaels Stärke nicht. Die Schule des Perugino wußte wenig von denSchwierigkeitendie Michelangelo in die Kunst hineinbrachte; willige Gewänderdeckten in hergebrachter Faltenlage die Gestalten zu und erleichterten dieArbeit. Deshalb waren Michelangelos badende Soldaten eine so große Neuerung undPeruginos Opposition gegen ihn eine so hartnäckige gewesen. Aber der Umschwunghatte tiefere Gründe; die alte Schule merktedaß es ihr ans Leben ging.

In Raffaels Grablegung Christivollendet im Jahre 1507gewahren wir dieersten Spuren des Einflussesder von Michelangelo ausging. Die anfänglichenEntwürfe fallen in frühere Zeit und zeigen in den nackten Teilen die altehier im Gegensatz fast hölzern erscheinende Auffassung des PeruginospätereZeichnungen aber bewunderungswürdig realistische Freiheit. Michelangelos Kartonstand in überraschender Größe und Freiheit Raffael vor Augen und ergriff ihn.Dann aber sank er wieder zurück in die alte Weisevielleicht weil Aufträgefehltendie ihn sich völlig freizumachen zwangenund die Disputa im Vatikanbesonders die ersten Skizzen dazulassen ihn als den Schüler Fra Bartolommeoserscheinen – klassisch große Gewandung und ruhig zusammengestellte Gruppensind dessenihn von anderen Meistern unterscheidendes Verdienst. Da decktMichelangelo die Wölbung der Sixtinischen Kapelle aufund in einer letztenUmgestaltung der Kompositionen für die Camera della Segnatura tut jetzt Raffaeleinen neuen Schritt vorwärts. Seine Studienblätter beweisenin wie völligveränderter Auffassung er nun arbeitet.

Doch nicht das läßt diese Gemälde in meinen Augen als ein Denkmal dereinwirkenden Kraft Michelangelos erscheinen. Der Fortschritt Raffaels liegtnicht in dem sich äußerlich zeigenden Unterschiede von früheren Werkensondern eine andere Eigenschaftdie von jetzt an seinen Kompositioneninnewohntist der wirkliche und im höchsten Grade wertvolle Gewinnden dasZusammentreffen mit Michelangelo für ihn abwirft: er verläßt nun auch imGeiste die kleinlichere Auffassung seiner früheren Lehrer und Vorbilder undbeginnt die Gestaltendie er maltgleich so groß zu denkenwie er sie zurAusführung bringt.

Wie ich dies versteheist bereits bei Leonardo da Vinci gesagt wordendessen Abendmahl in Mailand das erste wirklich groß gedachte italienische Bildist. Michelangelo kam nach ihm. Man sieht Werken der Kunst anin welchemMaßstab sie erdacht sindunabhängig von demin welchem sie ausgeführtwerden. Verhältnismäßig kleine Gebäude vermögen geistig den Eindruck fastkolossaler Größe hervorzubringen: die Tempel von Pästum zeigen das amdeutlichsten. Sie schwellen an in der Erinnerungdie sie aufnimmtman hältsie für größerals ihre Maße sie erscheinen lassen. Andere Werke dagegenschwinden unwillkürlich zusammenweil sie klein gedachtnur durch mehrfacheVerdoppelung ihrer Verhältnisse äußerlich umfangreicher gemacht worden sindohne größer an sich zu werden.

Die florentinische Malerschule neigte zum Kleinen. Perugino erhob sich überseine Vorgängeraber auch seine größten Werke machen keinen großartigenEindruck. Fra Bartolommeodem vorgeworfen wurdedaß sein Stil kleinlich seiversuchte es anders und malte einen kolossalen heiligen Markusheute im PalastePitti zu Florenzdoch man sieht der Gestalt sogleich andaß sie nichts alseine Multiplikation geringerer Maße ist. Seine und Peruginos Auffassung hattedie Raffaels bisher bestimmt; in der Camera della Segnatura aber zeigt sich diegroßartigere Anschauung Michelangelosdie von da an die herrschende bleibt.Raffael steigerte sich nicht zum Kolossalen; er ahmte Michelangelo nichtäußerlich nachaber es istals hätte ervon der Freiheit dieses Mannesberührtsich selbst der Freiheit endlich hingegebenvon der ihn das Beispielanderer bisher zurückgehalten. Nur ein einziges Mal ließ er sich bis zuräußerlichen Nachahmung hinreißen: er malte in San Agostino den kolossalenPropheten Esaiasheute verdorben und übermaltaber auch den Linien nach vongeringer Anziehungskraft. Dagegen zeigt sich in den Sibyllen der Kirche Mariadella Pace und in den Gemälden der folgenden vatikanischen Gemächer die volleKraft und Schönheitdie aus der Vermählung Michelangeloschen Geistes undRaffaelscher Phantasie entsprungen ist. –

Raffaels Phantasie bedurfte lebendigen Zusammenhangs mit demwas geradeseine Umgebung bildete. Aus den Männern und Frauendie er vor sich hatteentstanden seine frischesten Kompositionen. Er stellte sie im höchsten Glanzeihres Daseins daraber er ging nicht in jene andere Welt überin derMichelangelo zu Hause war. Am besten und liebsten malte er das Kostümin demer die römischen Männer und Frauen sich in den Straßen der Stadt und denPalästen bewegen sah. »Ich muß viele Frauen gesehen habendie schön sinddaraus bildet sich dann in mir das Bild einer einzigen«schreibt er dem GrafenCastiglione und nennt dies so entstandene Bild una certe ideakorrekt im SinnePlatosder unter Idee das den einzelnen Dingen innewohnende Bild verstehtwelches siesie in ihrer Vollkommenheit darstellendwie ein leuchtenderSchatten gleichsam begleitet. Michelangelowenn er sich einmal an die Naturanlehnen willkopiert sie wissenschaftlich genauohne sie zu erhöhenundgeht da mit derselben Ungeschminktheit zu Werkedie man Donatello zum Vorwurfmachte. Wenn er sich aber schöpferisch in den eigenen Geist versenktentstehenseine Bilder von Anfang anwie am reinen Himmel sich Wolkengebilde plötzlichaus unsichtbaren Dünsten zusammenballen. Raffaels Gestalten wohnt jeder einbestimmter irdischer Kern innedessen Hülle sie verherrlichen. In ähnlicherArtwie Raffael gemalt hatdichtete Goethewährend Schillermehr im GeisteMichelangelos arbeitendsich ihm auch darin nicht ungleich zeigtdaß erwenneinmal die Natur treu nachgezeichnet werden solltebei weitem handgreiflicherals Goethe wird. Michelangelo wäre nicht imstande gewesenein Gemälde zuschaffen wie die Messe von Bolsena im zweiten Gemache des vatikanischenPalastes. Wir sehen den Papstdie Kardinäledie Schweizer und das Volk vonRom leibhaftig; als dürfte man die Gestalten bei ihren Namen nennenso irdischdeutlich erscheint das Lebendas jeden einzelnen erfüllt; Shakespeare läßtseine Figuren nicht natürlicher auftreten. Und selbst dawo Raffael in derFarnesina nackte Götter und Göttinnen vorbringtsind es nur die gewandlosenrömischen Männer und Weiber; darum aber nicht weniger würdigin den goldenenPalästen des Olymp zu wohnen.

BeideRaffael wie Michelangelostanden mitten in einer Bewegung des Lebensdurch die ununterbrochen die tiefsten Gefühle der Menschen herausgefordert undfast mit Gewalt auf die Oberfläche getrieben wurden. Die Welt zwängte sichnicht in die lügnerischen Formen späterer Jahrhunderte; MännerFrauen tratenaufwie sie warenund was sie begehrtendarnach streckten sie offen die Armeaus; frei noch von dem drückenden Gefühldas von da an Jahrhunderte hindurchdie Völker belastet hat: dem Kummer um die verlorene Freiheitsah manVergangenheit und Zukunft in gleichgültiger Dämmerungund die Gegenwartstrahlte im Sonnenlicht.

Bramante kümmerte es wenigob die richtende Nachwelt ihre Unzufriedenheitzu erkennen geben werde: er wollte Michelangelo fort habener selbst undRaffael sollten die Ersten in Rom sein. Soweit die Kunstgeschichte bekannt istsoweit finden wir solche geheime Triebfedernalle Zeiten gleichen sich darinund die Erlebnisse der letzten Tage werden einst nicht anders erscheinen.Michelangelo aber war nicht der Manngutwillig zurückzuweichen. In Gegenwartdes Papstes kam es zu einer heftigen Szene. Michelangelo nahm kein Blatt vor denMund und warf Bramante alles ins Gesicht vorwas er von ihm auszustehen gehabtdann abervon den Klagen über seine Intrigen zu heftigeren Vorwürfenvorschreitendforderte er ihn aufsich zu verantwortenwarum er beim Abbruchder alten Basilika von Sankt Peter die prachtvollen antiken Säulen habeumstürzen lassenwelche die Decke der Kirche trugenohne sich um ihren Wertzu kümmerndie nun zerbrochen auf dem Boden herumlägen und zugrunde gingen.Millionen Backsteine einen auf den anderen zu setzensei keine Kunsteineeinzige solche Säule aber zu arbeiten eine große Kunstund in diesem Tonefortfahrend schüttete er sein Herz aus.

Die Mißachtungmit der Bramante die Werke des Altertums behandelteistnotorisch. Zu dem Palaste des Kardinals di San Giorgio hatte er antike Bauwerkeder Stadt zerstörtum Steine zu gewinnen. Im Sankt Peter aber warf er allesdurcheinanderMalereienMosaikenDenkmäler; ja sogar Grabmäler der Päpsteverschonte er nichtso daß Michelangelos Vorwürfe nur das bedeutendsteberührten.

Der Papst schützte Raffaelder in nicht minderem Grade als Michelangelo dieBewunderung Roms geworden waraber er empfand den Unterschied der Naturenbeider Künstler und wußte jedem seine Stelle zu geben. Michelangelo durftereden wie ihm seine Leidenschaft die Worte eingab. Giulio duldete daser kanntesein Naturell und war zu eifersüchtig auf seinen Besitzum ihn nicht unterallen Umständen in Rom festzuhalten. Er ließ ihn anprallen und wußtedaß ersich beruhigen werde. Der Papst selber war einer von denendie sich austobenmußten zu Zeiten. Man betrachte das Bildnisdas Raffael von ihm gemacht hat.Dieser weiße Löwederunter Stürmen alt gewordenseine Haupttaten dennocherst zu vollbringen hoffteließ sich nicht beirren durch die Heftigkeit einesGeistesder äußerlich betrachtetihm untergeordnet waraber dem er deshalbgerade zuerst nachgab wie Michelangelo selbst der nachgiebige Teil gewesenwärewenn das Schicksal ihn zum Papst und Giulio nur zum Bildhauer SeinerHeiligkeit geschaffen hätte.

III

Giulio war der letzte Papst im alten Sinne des guelfischen streitbarenPapsttums. Nach seinen Tagen verschwindet überhaupt das Heldenmäßige aus dereuropäischen Geschichte. Wo die Herrscher von nun an selbst in den Krieg ziehenund die Schlachten leitenspielt ihre persönliche Laune doch keine Rolle mehrdas Schwert in den Händen adligerschwer bewaffneter Reiter unterliegt derentscheidenden Macht der Artilleriedie Männer geben sich nicht mehr ganz undgar den Ereignissen hinund die Furchtim Kriege besiegt zu werdenwar diegrößte nicht mehr für das Oberhaupt eines Staates. Es herrschte in denfolgenden Zeiten eine Furchtdie größer war als jede andere: die vor derGewalt des Geistes in den Köpfen der eigenen Untertanen. Durch dies Gefühlwerden alle Fürstenauch wenn sie gegeneinander im Kriege liegenzu stillenVerbündeten gemacht: mit dieser gemeinsamen Unterdrückung des Geistes plagtensich die Könige damals noch nichtund die Verhältnisse waren reiner undnatürlicher.

Giulio wußtedaß es auf seine päpstliche Krone abgesehen sei. Doch daskümmerte ihn wenig. Die Gefahr war sein liebstes Element geworden. Sein hohesAlter entledigte ihn der Sorgen für eine lange Zukunft. Es lag in der Luft zujenen Zeitendie eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Leute von ruhigerMäßigung stehen als besondere Erscheinungen da; Kraftwenn auch mitHinterlist und Grausamkeit gepaartflößt Respekt einHabsucht wird niemandenverdachtMilde und Versöhnlichkeit aber verspottet. Machiavellider in jenenTagen seiner praktischen Tätigkeit die Erfahrungen sammeltderen Resultat dasBild eines Fürsten istwie er sein müßte wenn er sich in einem Staate wieFlorenz behaupten wolltegibt als obersten Grundzug fürstlichen Charakters dieFähigkeit andie Dinge vorauszusehen und ihnen durch rücksichtsloses Handelnzuvorzukommen. Diese Politik des Drauflosgehens wurde befolgt bis in diekleinsten Verhältnisse herab. Die Degen saßen lose in der Scheide; niemandhoffte durch Nachgiebigkeit zu seinem Rechte zu kommen.

Im Jahre 1508 war der Papst dem Bündnisse von Cambrai beigetretendessenInhalt die Vereinigung Maximilians und des Königs von Frankreich zurVernichtung der venezianischen Macht war. Im nächsten Jahre schon stand erverbündet mit Venedig und SpanienFrankreich und Maximilian gegenüber. DerHerzog von Urbino ging mit den päpstlichen Truppen gegen Ferrara vordas unterfranzösischer Protektion stand. Die venezianische und spanische Flotte sollteGenua angreifen und revoltierenendlichdie von Ludwig vernachlässigtenSchweizer würden sechstausend Mann stark in die Lombardei einbrechenhoffteman. Alles mißglückte. Gegen Ferrara wurde nichts getandie SchweizervonLudwig und Maximilian bewogenmachten kehrt; der Angriff auf Genua mißlang.Dennoch drang Giulioder sich bald auch von Spanien so gut wie verlassen sahauf Fortsetzung des Krieges. Im September 1510 ist er selbst wieder in Bolognaund greiftunterstützt von der venezianischen Land- und SeemachtFerrara an;die Franzosen und ihre Verbündeten werden mit dem Kirchenbann belegt.

Die französische Geistlichkeit lehnte sich auf dagegen: unter denKardinälen trat eine Spaltung ein. Eine Anzahl von ihnen wußte vom PapsteUrlaub auf unbestimmte Zeit zu erwirken und kehrte nicht zu ihm zurück. DerKardinal von PaviaGiulios Schatzmeister und innigster Vertrauter – der einsteine hohe Summe ausgeschlagenmit der ihn Cesare Borgia bestechen wollteGiulio Gift zu geben – geriet jetzt in den Verdacht der Verräterei. DerHerzog von Urbino warf ihm seine Umtriebe mit den Franzosen ins Gesicht vor undführte ihn mit Gewalt von der Armee fort nach Bologna; dort jedoch wußte derKardinal sich vor dem Papste zu reinigen.

Die Päpstlichen standen in Modenanordöstlich von Bologna an der großenStraße nach Parma hin; Chaumontder Vizekönig der Lombardeider FreundLeonardo da Vincisrückte ihnen von Parma her entgegen. Der Herzog von Urbinowollte sich nicht schlagenohne die spanischen und venezianischen Hilfstruppenabgewartet zu haben; in Chaumonts Interesse lag esvorher ein Zusammentreffenherbeizuführen. Er kam näher und näherdie Päpstlichen rührten sich nichtals er auf Betreiben der Bentivoglidie sich bei ihm befandenden Entschlußfaßteden Herzog von Urbino ruhig sitzen zu lassen und mit Umgehung Modenasauf Bologna loszumarschierenwo sich der Papst mit den Prälaten befand und imKastell nur eine geringe Besatzung lagwährend die Freunde der Bentivogli inder Stadt wohlgerüstet die Ankunft der alten Herren erwarteten.

Die Hauptstraße wurde demnach von den Franzosen verlassendie kleinerenÖrter mit päpstlichen Besatzungen überrumpelt: plötzlich stand die Armee vorBolognawo der Papstkrankinmitten der erschreckten Kardinäle der einzigeMann warder seine Energie behielt. Er hoffte stündlich auf die Ankunft derVenezianer; was an Truppen in der Umgegend aufzutreiben warzog er an sich undforderte die versammelten Behörden der Stadt aufmit ihm gegen dieheranrückenden Tyrannen ihre Mauern zu verteidigen.

Aber das bolognesische Volk wollte die Waffen nicht ergreifen; die Gesandtendes Kaisersdes Königs von SpanienVenedigs und Englands redeten zumit denFranzosen einen Vergleich einzugehendie Kardinäle flehten ihn an; endlichverstand er sich dazumit Chaumont in Unterhandlungen zu treten. Lorenzo Pucciseinem Datarioübergab er die päpstliche Kronedie von Edelsteinen starrteum sie nach Florenz zu retten und dort in einem Kloster aufzubewahren; er sandtezu Chaumont; er konnte sich nicht entschließendessen Bedingungen anzunehmen;daim letzten Momentekommen die Venezianer herandas Volk von Bologna regtsich zu seinen Gunstendie Hilfstruppen der Spanier treffen einMut und Kraftkehren in Giulios Herz zurückund eine hochmütige Antwort erfolgt aufChaumonts Vorschläge. Diesem fangen an die Lebensmittel knapp zu werdenundunter dem Vorwandedaß er den Papst um so freier über die Proposition desKönigs entscheiden lassen wollezieht er sich mit der Armee von Bolognazurück.

Was Ludwig vom Papste verlangtewar so ziemlich ein Sündenbekenntnis undZurückgabe alles Genommenen. Giulio dachte aber nicht mehr an dergleichen. Lautbeschuldigte er den König von Frankreich des Wortbruchs und der Verräterei undschritt zur Weiterführung des Krieges. Die Päpstlichen rückten wieder vor.Mit Entzücken lauschte der Papst am Fenster seines Zimmers in Bologna demfernen Donner der Kanonenmit denen seine Leute Sassuolo beschossen und dieFranzosen daraus vertrieben. Ferrara sollte nun erobert werdenaber es wurdedavon abgestandenum erst Mirandula zu nehmen. Dies geschah im Dezember 1510.Und während man so gegen den Herzog von Ferrara in seinem eigenen Lande mit denWaffen strittkamen nach anderen Seiten hin andere Mittel zur Anwendung.Florenz hatte auf Anstiften der beiden gründlich französisch gesinntenSoderinides Gonfaloniers und des Kardinalsden Franzosen Truppen geliefert.Der Kardinal dei Medici brachte aus der Ferne ein Komplott in der Stadtzustandeden Gonfalonier zu vergiften. Der Papst wußte darumaber derAnschlag gelang nicht.

Mirandula leistete Widerstand. Im Januar 1511 ging der Papst selber insLager. Er wohnte in der Hütte eines Bauerndie im Bereiche der feindlichenKugeln lag. Den ganzen Tag war er zu Pferde; mitten im stürmischen Wettererschien er bald hierbald dort und hielt die Leute hinter den Kanonen in Atem.Schnee und Kälte wurden immer gewaltigerdie Soldaten hätten sie nichtertragender unverwüstliche Greis aber feuerte sie an und versprach ihnen dieStadt zur Plünderung. Eine Stückkugel schlug in eine kleine Kirche einin derer sich dicht bei seinen Batterien einquartiert hatteund tötete nicht weitvon ihm zwei seiner Leute. Er suchte nun ein anderes Unterkommenkehrte aberschon am folgenden Tage zurückwährend die in der Festungdie ihn erkannteneine große Kanone auf die Stelle richteten und ihn abermals zwangenmit derStellung zu wechseln. Aber Giulio gab nicht nach. Je mehr die Hindernissewuchsenum so fester war sein Wille und um so unerschütterlicher seineZuversicht.

IV

Auf Michelangelos Malerei in der Kapelle war unterdessen der Krieg nicht ohneEinfluß gewesen. Im September 1510 hatte der Papst Rom verlassen. Alsbaldstockten die Zahlungen. »Lieber Vater«schreibt Michelangelo»heute morgenam 5. Septemberhabe ich Euren Brief empfangen und mit großer Betrübnisgelesen. Buonarroto ist krankbitte schreibt mir auf der Stellewie es mit ihmsteht. Hat er sich nicht gebessertso komme ich nächste Woche nach Florenz.Freilich könnte mir die Reise zum größten Nachteil ausschlagendenn ich habekontraktmäßig noch 500 Dukaten zu erhaltenund ebensoviel war mir der Papstfür die zweite Hälfte des Werkes schuldignun aber ist er abgereistohneirgendwelche Verfügungen zu hinterlassenso daß ich ohne Geld dastehe undnicht weißwas ich tun soll. Gehe ich fortso könnte er das übel aufnehmenund ich dabei um das Meinige kommen oder sonst Verdruß haben. Ich habe an denPapst geschrieben und warte auf Antwort. Ist Buonarroto aber noch in Gefahrsoschreibtund ich lasse alles stehen und liegen. Sorgt für allessollte Geldfehlenso geht zum Spitalmeister von Santa Maria Nuovazeigt ihm diesen Briefwenn er Euch ohne das nicht glauben willund laßt Euch 150 Dukaten auszahlensoviel Ihr brauchtscheut keine Ausgabe. Und somit hofft das Beste: Gott hatuns nicht geschaffenum uns in der Not zu verlassen. Antwortet umgehendundschreibt deutlichob ich kommen soll oder nicht.«

Zwei Tage darauf ein neuer Brief an seinen Vaterfast wörtlich desselbenInhalts und nur mit der genaueren Angabedaß ihm die 500 Dukaten sowohl fürdie Malereien als für das Gerüst vom Papste geschuldet wurden. Michelangeloscheint gefürchtet zu habendaß der erste Brief verloren gegangen sei.

Am 10. Oktober meldet er Buonarrotodessen Krankheit mithin keinen bösenVerlauf genommen hattedaß er durch den Datario des Papstes 500 Dukatenempfangen habe. Den größten Teil des Geldes sendet er zugleich nach Hause. Wiewenig trotz dieser günstigen Wendung Michelangelo dennoch zu jener Zeit aufRosen gebettet gewesen seizeigt das Ende des darauf folgenden Briefes. »Wenndu Michelangelo Tanagli siehstso sag ihm von mirich hätte während derbeiden letzten Monate so viel Verdruß gehabtdaß es mir unmöglich gewesenihm zu schreiben. Ich würde jedoch alles aufbietenum einen Karneol oder einegute Medaille für ihn aufzutreibenund ließe mich für den Käse bedanken.Nächsten Posttag würde ich schreiben. Den 26. Oktober 1510.«

Der Posttag war immer der Sonnabend. Die Briefe wurden mit einer Oblategesiegeltzugleich aber noch ein Bindfaden umgeschlagen und dessen Enden in dasSiegel mit eingedrückt.

Im Januar 1511 brachte Michelangelo endlich die Sache zum Abschluß. Ermachte sich in Person auf. Bramante war als Ingenieur beim Papste damalsvielleicht daß Michelangelo gerade deshalb persönlich gehen zu müssenglaubteum die Auszahlung der Gelder zu bewirken. Da die Belagerung vonMirandula bis zum 20. Januar dauerteMichelangelo aber den 10. bereits wiederin Rom warkann er den Papst nur im Lager vor Mirandula gesehen haben. Es istseltsamdaß ihmCondivi gegenüberdiese Reise ganz aus der Erinnerunggeschwunden war.

»Vorigen Dienstag«schreibt er am 11. Januar von Rom an seinen Bruder»bin ich glücklich wieder angekommenund das Geld ist mir ausgezahltworden.« Anliegend sende er einen Wechsel über 228 Dukaten. Dem Araldo solleBuonarroto sagener möge ihn dem Gonfalonier empfehlenihm danken undmitteilendaß er nächsten Sonnabend schreiben würde. Zum Schluß: »Haltedie Kiste in gutem Verschluß und meine Kleiderdamit sie mir nicht wieGismondo gestohlen werden.« Michelangelo warscheint esüber Florenzgegangen und hatte mit Soderini verhandelt. Die Jahreszahl 1510welche derBrief trägtließ Zweifel aufsteigenob der Brief nicht ein Jahr früher zusetzen seiaber der Umstanddaß dieselbe Zahl bei der Empfangsangabe desBriefes von Buonarroto außen auf das Kuvert gesetzt worden istzeigtdaßMichelangelo diesmal die florentinische Rechnung beibehalten hatte und daßmithin nach römischer 1511 zu verstehen sei.

Am 20. Januar also hatte Mirandula kapituliert. Mit sechzig Pfund Goldeswurde den Päpstlichen die Plünderung abgekauft. Jetzt kam Ferrara an dieReihe. Der Papst aber mußte nach Bologna zurückweil er den Strapazenunterlag.

Ein Brief Michelangelos vom 23. Februar läßt es ungewißob er jetzt denPapst zum zweitenmale aufsuchte. »Ich glaube«schreibt er an Buonarroto»daß ich binnen kurzem noch einmal nach Bologna werde zurück müssendennder Datario des Papstesmit dem ich von dort kamversprach mirals er vonhier zurückginger werde dafür Sorge tragendaß ich fortarbeiten könnte.Nun aber ist er schon einen Monat fortund ich höre kein Wort von ihm. Ichwill es diese Woche noch abwartendann aberwenn nichts dazwischenkommtgeheich nach Bologna ab und komme bei euch durch. Teile es dem Vater mit!« Jetztendlich erlangte Michelangelo in Bolognawas er wollte. Er fand Leute in derUmgebung des Papstesdenen er seine Lage überzeugend darstellte. Von den paartausend Scudiwelche er durch sie erlangtegab er dem einen hundertdemanderen fünfzig ab und machte sich nach Rom zurückwo er im Februar 1511 dieMalerei wieder aufnahmdie er nun in 20 Monaten zu Ende führte. Wir habenviele Briefe aus diesem Zeitraume. Einigemale schreibt er ganz verzweifelt. Ernennt sich kranker sagt von sichdaß er mehr trageals je ein Menschgetragen habeaber er brachte es zum erwünschten Ziele.

Man begreift allerdingswarum es Michelangelo so schwer gefallen wardenPapst in Bologna für seine römischen Malereien wieder zu erwärmen. Giuliohatte den Kopf voll andrer Dinge. Im Februar 1511 trat in Mantua der Kongreßzusammender den Frieden feststellen sollteder Krieg aber nahm trotzdemseinen Fortgang und der Papst tätigen Anteil. Der Kaiser und der König vonFrankreich hatten für das Frühjahr einen Feldzug gegen Venedig vor und wolltenden Papst zwingensich ihnen anzuschließen. Wenn nichtwar man entschlossenein Konzil zu berufendas heißtGiulio abzusetzen. Dieser dagegen hoffteVenedig und den Kaiser auszusöhnen und mit dem Hinzutritt Spaniens eineallgemeine Koalition gegen die Franzosen ins Werk zu setzen.

Der Erzbischof von Gurk wurde als Abgesandter des Kaisers mit ausgezeichnetenEhren in Bologna vom Papste empfangen; kaum aber begann er von Ferrara zu redenals Giulio ihn wütend unterbrach. Ehe er hier seine Ansprüche aufgebewolleer lieber das Leben und die Krone verlieren. Man vereinigte sich nicht.Trivulzioder nach Chaumonts Tode die Truppen des Königs von Frankreich in derLombardei befehligterückte wieder los auf Bologna und trieb die kampfloszurückweichende Armee des Papstes vor sich her auf die Stadt zu. Der Papstsuchte sie zum Stehen zu bringener wollte selbst in ihre Mitte eilenaber dieGefahr war zu dringenddenn seine spanischen Hilfstruppen erklärtenplötzlichdaß sie abziehen würden. Der Erzbischof von Gurk hatte das inBologna beim spanischen Gesandten erwirkt. Giulioschon auf dem Wege zu seinenLeutenmußte umkehren auf diese Nachricht. Wiederum ließ er die Behörden derStadt zusammentretenhielt ihnen die Lage der Dinge vor und wich dann ausBologna nach Ravenna. Den Kardinal von Pavia ließ er in Bologna zurück. Diepäpstliche Armee lag außerhalb der Stadt. Die Bürger erklärtenkeinenSoldaten Einlaß in die Stadt gewähren zu wollensie würden sich alleinverteidigen.

Der Kardinal hatte ein paar hundert leichte Reiter und gegen tausend MannInfanterieungenügendeinen so umfangreichen Platz zu besetzen. Mit Urbinoder draußen lagertestand er im schlechtesten Verhältnisse. Jeder hätte mitFreuden den Ruin des andern gesehen. Der Kardinal nahm jetzt einen Teil desbewaffneten Volkes in seine Dienste und gab einige Punkte der Stadt in dieHände dieser Leute. Eines der Tore kam so in den Besitz der Anhänger derBentivoglidenen man sogleich ins französische Lager Botschaft sandtederEintritt in die Stadt stehe freisie sollten kommen. Der Kardinal erkannteseinen Fehler und hoffte ihn dadurch wieder gutzumachendaß er demneugeworbenen Volke den Befehl gabsich auf der Stelle zum Herzog ins Lager zubegebendieser habe es verlangt. Man antwortetedaß man die Stadt zu behütenhabe und seinen Posten nicht aufgeben werde. Nun versuchte er tausend Mannerprobter Truppen von draußen hereinzubringendenen aber öffnete man die Torenicht. Mit dem Gefühledie Gewalt verloren zu haben und im BewußtseindurchGrausamkeit und Habsucht verhaßt zu seinwarf sich der Kardinal jetzt in dasKastellso raschdaß er seine Kassen und Edelsteine mitzunehmen vergaßerinnerte sich jedoch noch beizeiten daranließ sie nachholenpackte zusammenund flüchtete von wenigen Reitern begleitet in südwestlicher Richtung nachImola.

Sogleich verbreitete sich die Nachrichtdaß er fort sei. Das Volk erhobsich. Die Bentivogli draußen erfuhrenwie es stände und machten sich auf. UmMitternacht trafen sie in Bologna ein. Mit Fackeln ging der Zug durch dieStraßen nach dem Palaste der Regierung. Eine Statue des Papstesdie ausvergoldetem Holze gefertigt über der Türe des Palastes aufgestellt warwurdeheruntergerissenauf dem Platze umhergeschleift und verbranntwährend mannach dem Werke Michelangelos die Musketen abschoß.

Kaum hatte Urbino im Lager die Flucht des Kardinals vernommenals er selberunverzüglich aufbrach. Alles ließ er im Stich; fünfzehn Stück schweresGeschützdie FahnenWagenGepäck und selbst die Habseligkeiten der letztenAbzüglerdie von den Franzosen aufgegriffen wurdenfielen in die Hände desFeindes. Die Zitadelle von Bologna kapituliertenachdem sie sich noch vierzehnTage gehaltenund wurde vom Volke niedergerissen.

In Ravennawo der Papst sich befandtrafen Urbino und der Kardinal vonPavia zusammen. Auf offener Straßewo sie sich begegnetenerstach der Herzogden Kardinal mitten unter seinen Begleitern. Der Papst schrie auf zum Himmel undheultedaß ihm sein bester Freund geraubt worden seider Herzog dagegenschwor heilige EidePavia sei ein Verräter gewesen und trage Schuld an allemUnheil. Zu gleicher Zeit kam die Nachrichtauch der Herzog von Ferrara habesein Herzogtum wieder in Besitz genommenund Trivulzio stehe mit der Armee ander Grenze des Gebietes zwischen Ravenna und Bologna. Er erwarte nichts als dieAnweisung seines Königsum in die offen daliegenden päpstlichen Staateneinzurücken.

Ludwig aber war sehr darum zu tunden Schein des gehorsamen Sohnes derKirche zu bewahren. Statt gewaltsam vorzugehenbegann er zu unterhandeln. Auchdie Bentivogli mußten dem Papst erklärendaß sie Bologna nur als gehorsameSöhne der Kirche in Besitz hielten. Der Papst machte sich auf nach Rom. InRimini hörte er zuerstdaß in BolognaModena und anderweitig schon diePlakate öffentlich angeschlagen wärenauf denen er vor das Konzil nach Pisagefordert würdewo sich die Kardinäle zu versammeln begannen. So traf er inRom wieder einohne Heerohne Bolognaohne den Kardinal von Paviaaltkrankangeklagt und vor Gericht gefordertaber in der Seele die alteHartnäckigkeit und die Begierdean seinen Feinden Rache zu nehmen.

V

Es liegt ein Element der Unverwüstlichkeit im Papsttumdas vorhalten wirdsolange es katholische Fürsten mit widerstreitenden Interessen gibt. Der Papststeht zwischen ihnen als die einzige ideale Machtdie zäh an ihrem Willenhaftetwährend ihn die unsicherevon Anfang an durch niederen Ehrgeizzerrissene Masse umflutetdie vielleicht seine Personaber nicht sein Amtvernichten kann. Das Papsttum der alten Zeit wird untergehenwenn alle Romanensich zu einem einzigen Reiche verbinden und dieses Volk sich dann auf eine Höhegeistiger Kultur erhebtdaß weltliche Herrschaft in geistlichen Händen alseine Absurdität erscheint.

Am Vorabend des Fronleichnamsfestes 1511 war der Papst in Rom wiederangekommen. Er wollte bei den Feierlichkeiten selbst fungieren. In voller Prachtsetzte er seine ruhige gekrönte Stirn der beweglichen Ungeduld entgegenmitder das Volk die Ereignisse erwartete. Damals malte Raffael die Messe vonBolsenadie Bekehrung eines Priesters darstellendder an die Wandlung derHostie nicht glauben will. Das Wunder ereignete sich vor Jahrhundertennichtsdestoweniger ist Giulio als gegenwärtig gemalt: wir sehen ihn knien amAltarean dessen anderer Seite der beschämte Priester steht; symbolisch solltegezeigt werdenwie er festhalte am Vertrauen auf die wunderbare Hilfe desHimmels und daß die Zweifelndengleich dem Priester mit der Hostiereumütigeinst die Wahrheit erkennen würden.

Er sammelte ein neues Heer; unterhandelte mit Frankreichdas zum Krieg wenigLust hatte; mit dem Kaiserdessen Schwanken in politischen Dingen weltkundigwar; mit Venedigdas mit Ludwig und Max noch immer im Kriege lag; mit Ferdinandund mit dem Könige von EnglandFrankreichs natürlichen Gegnern. Während erim Gegensatze zu dem in Pisa angesagten Konzil selbst ein Laterankonzil in Romausschrieb und über die abtrünnigen Kardinäle den Fluch der Kirche aussprachunterhandelte er dennoch wieder mit jedem einzeln und stellte lockendePropositionenwenn sie nach Rom kommen und sich ihm anschließen wollten.Endlich knüpfte er in Bologna geheime Verbindungen anum die Bentivogli durcheinen Aufstand wieder hinauszutreiben.

Da plötzlich ein neuer Schlag. Mitte August eines Tages durchfliegt dieNeuigkeit Romder Papst sei tot. Giulio lag krank und ohne Bewußtsein; manerwartete sein Ende. Die Kardinälestatt nach Pisa zu ziehenmachten sichnach Rom auf. Dort aber versammelte sich das Volk auf dem Kapitol; Reden werdengehaltenendlich das verhaßte Priesterregiment ganz abzuschütteln und sichdes alten Namens würdig als freie Nation zu konstituieren.

Es schien zu Ende mit der ewigen Herrschaft der Geistlichkeit. Man meintdamals hätte es nur eines kräftigen Fußes bedurftum die altenunauslöschlich glimmenden Kohlen des Vatikans nun für immer auszutreten. Deraber war ein Vulkan. Der Papst stand wieder frisch auf von seinem Krankenlager.Er schloß ein Bündnis mit Aragon und Venedigdas im Oktober 1511 publiziertwurde und dessen ausgesprochener Zweck der Schutz der eigenen Kirche war. Diedurch das Pisaner Konzil drohende Trennung sollte verhindertBologna undFerrara wieder erobert und diejenigendie sich dem widersetztenaus Italienvertrieben werden. Das waren die Franzosenunter deren Schurze die Bentivogliund die Este standen! Die Losung der päpstlichen Partei war: Die Barbarenmüssen aus Italien verjagt werden! eine Ideedie begeisternd auf das Volkwirkte und den Namen des Papstes mit erneutem populärem Glanze umgab. Das istder Inhalt der berühmten Vertreibung des Heliodor aus dem TempeldesWandgemäldes im Vatikandas Raffael in dem Jahre begann. Heliodor ist derKönig der Franzosender als Tempelschänder bestraft und davongetrieben wirdwährend gegenüber Giulio siegreich heranzieht. Wenn wir die Werke Raffaels soentstehen sehenverlieren sie den Anschein von Allegorienzu derenVerständnisse es Erklärungen bedarf. Raffael stand mit dem Papste mitten inden Ereignissen; ihre Darstellung durch seine Hand war kein gleichgültigerSchmuck eines gleichgültigen Palastessondern ein symbolisches Zusammenfassendessenwas die Zeit im Moment am tiefsten bewegte und dem Volke verständlichwar.

In demselben Oktober 1511 wurde in Rom das Konzil eröffnet. Giulio erwartetenur die spanischen Truppen um loszubrechen. Diesmal aber sollten nicht nurBologna und Ferrara daransondern auch Florenz. Soderini hatte Pisa zumVersammlungsorte des ketzerischen Konzils hergegebenGiulio die Stadt mit demInterdikt belegtder Gonfalonier aber an das ketzerische Pisaner Konzil selberappelliert und daraufhin die Florentiner Geistlichkeit gezwungenihreFunktionen weiter zu versehen. Nicht nur die beiden Soderini sollten den Verratbüßensondern auch die Bürgerschaft. Und dazu wählte der Papst einempfindliches Mittel: er setzte ihnen die Mediciihre alten Herrenwieder aufdie Schultern. Giovannider Kardinalwurde zum Legaten in Bologna ernannt undihm die Befugnis erteiltnach Wiedereroberung der Stadt gegen die Florentinervorzugehen.

Soderini war im Jahre 1502 zum Gonfalonier auf Lebenszeit erwählt worden.Die aristokratische Parteidie früheren Arrabiatenvereint mit den Palleskensetzten ihn gegen die Popolarendie früheren Piagnonen durch. Soderini war einVerwandter der Medicimildeaber gewiegt in den Geschäftenreichalt undkinderlos. Sobald er im Amte saßschlug er um. Man hatte auf seinemediceischen und aristokratischen Neigungen beiderseits gerechnet: mit einemMale stand er über den Parteienund diejenigendie ihn erhoben hattenerfuhren bei ihm keine größere Berücksichtigung als die Popolarendie sichder Wahl widersetzten. Mit Mäßigung und Versöhnlichkeit in der äußeren undinneren Politik ließ er den Zwiespalt der Bürgerschaft niemals zum Bruchekommen und verhinderte die Versuche der Medicisich in die Stadt wiedereinzuschleichen. Er war freundlich und sanft in seinem Wesen. Einewohlerhaltenenach dem Leben mit Farben bemalte Tonbüste auf dem BerlinerMuseum läßt ihn fast wie einen Lebenden erscheinenso genau gibt sie seineZüge wieder. Es ist das edle Antlitz eines Mannesdem allerdings mehr Güteund Geist innewohnen als heftige Energieein Mangel im Charakter SoderinisdenMachiavelli mit schonungslosem Spotte unsterblich gemacht hat. Als derBeschützer Leonardos und Michelangelos scheint er von beiden dennoch nichtbesonders respektiert worden zu sein. Denn über Leonardo beklagt er sich heftigund zeiht ihn der UndankbareitMichelangelo aber macht sich einmal sogaröffentlich über ihn lustig. Soderini sah sich den David an und meintean derNase sei wohl noch etwas vom Steine fortzunehmen. Michelangelo sagt»jawohl«nimmt die Feile und zugleich etwas Marmorstaub in die Hand undindem er an derNase herumzuarbeiten schienläßt er das weiße Pulver herabfallenworaufsich der Gonfalonier sehr zufriedengestellt über den günstigen Effekt der vonihm angegebenen Verbesserung äußert.

Die Vornehmen sahen sich durch Soderinis unerwartetes Auftreten empfindlichgetäuscht. Sie hatten mit seiner Wahl das Consiglio grande zu beseitigengehofftdiese demokratische eine Kammerwo die Stimmenmehrheit siegte und inder sieobgleich nach Savonarolas Abgang ein strengerer Wahlmodus eingeführtwurdesich ohne Mühe nicht behaupten konnten. Wiederum war ihre Hoffnungzunichte gewordeneine Aristokratie der reichsten Familie an die Spitze desStaates zu stellen. Deshalbsobald Soderinis Abfall offenbar geworden warbegann er denen verhaßt zu werdendie ihn befördert hattenund derehrgeizige jüngere Adel der Stadt (die alten Compagnacci) nahmen einefeindselige Haltung ein und sannen auf Umsturz der Verfassung.

Diese Stimmung machten sich die Medici zunutze. Nach Pieros Tode war derKardinal das Haupt der Familieein echter Medici seinem Charakter nach. DerGeist des alten Cosmo und Lorenzos lebte wieder auf in dem seinigenund ganz inihrem Sinne wurde von jetzt an gegen die Florentiner verfahren.

An gewaltsame Wiederherstellung der Dinge schienen die Medici gar nicht mehrzu denken. In Rom am Hofe Giulios residierte der Kardinal; freigebig undprachtvoll hielt er offenes Haus; wer aus Florenz kam und sich meldetewar wohlaufgenommenund es bedurfte keines politischen Glaubensbekenntnissesum sichals Freund der Familie zu legitimieren. Alle waren sie seine lieben Landsleutevergessen die Streitigkeiten der Parteien und die Pläne Pieros. Der Kardinalwußte zu reden und zu schenken. Es kümmerte ihn kaum. daß das Vermögen derFamilie stark auf die Neige ging.

Zu gleicher Zeit aber arbeiteten in Florenz seine Verwandtenvor allen seineSchwester Lucreziadiemit Jocopo Salviati vermähltsich zum Mittelpunktedes gegen Soderini grollenden Adels machte. Denn schließlich müssen diesereichen Familien Adlige genannt werdenwenn auch Soderini mit Recht geantwortethatteals man gesagtder Adel befinde sich schlecht in Florenz: »Wir habenkeinen Adel hiersondern nur Bürger; in Venedig gibt es Edelleute.« Auchsteckte in der Tat hinter dem Namen des Adels nichts als Geld bei denFlorentinerndenn keiner dieser großen Herren hatte Schlösser und Untertanenüber die ihm die Jurisdiktion zustand.

Der Name der Medici verlor den gehässigen Klang in Florenz. Sie waren nichtmehr die rachgierigen Feindedie in Frankreich und Italien gegen die Stadthetzten und wie Füchse um den Taubenschlag schlichen: mit dem Andenken Pierosverschwand die Furchteine neue Generation wuchs herandie sich mehr an dieglänzenden Tugenden Lorenzos als an die Fehler seines unglücklichen Sohneserinnerte. Man sehnte sich nach den guten alten Zeitenwo der Adel Teil hattean der Macht eines für ihn rücksichtsvollenaus seiner Mitte hervorgegangenenOberhaupteswährend man sich jetzt einem mit dem Volke kokettierendenAbtrünnigen unterordnen mußte –: man hätte die Medici zurückrufen mögennur um Soderini zu stürzen.

Die Ernennung des Kardinals zum Legaten in Bologna traf zur rechten Zeit ein.Sein Vermögen ging eben zu Endeer hätte ohne diesen Posten das glänzendeLeben nicht fortführen können. In Bologna ließ sich schon etwaszusammenbringenso daßwenn auch die Pläne auf Florenz fehlschlugendiepekuniäre Hilfe eine gewaltige war. Im Sommer 1512 erschien Medici mit denspanischen Hilfstruppen vor Bologna und begann die Belagerung. Drin saßen dieBentivoglider Herzog von Ferrara und Lautrec von seiten Frankreichs. Jetztging es der Statue Michelangelos übel. Am vorletzten Tage des Jahres 1511erschien ein der Armee vorausgesandter Herold in der Stadt und verlangtesofortige Übergabe in so stolzen Ausdrückendaß die Bentivogli ihn insGefängnis warfen und erst auf Zureden ihrer Freunde wieder losgaben. DieBildsäule des Papstes aber wurde an diesem Tage herabgestürzt. Stroh undFaschinen waren darunter angehäuftdamit ihr gewaltiges Gewicht dieKirchentreppe nicht zerstöre. »Die schönste Statue Italiens« nennt sie einebolognesische Chronik. Sie wurde in Stücke geschlagenund der Kopf rollteüber den Platz hin. Der Herzog von Ferrara bekam das Erz zum Eintausch gegenKanonendie er lieferte. Der Kopf alleinder sechshundert Pfund wogblieberhalten und war noch lange Zeit in Ferrara zu sehen. Das übrige wurdeeingeschmolzen.

Am 26. Januar begann das Bombardementzugleich wurden die Mauern mit Minenuntergraben. Am 2. Februar aber gelang es Gaston de Foixder aus der Lombardeimit französischen Hilfstruppen kamso geheim in die Stadt einzuziehendaßdie Spanier draußen nicht eher von seiner Anwesenheit erfuhrenals bis erlängst in den Toren war. Auf der Stelle beschlossen sie jetztdie Belagerungaufzuheben. Am 6. zogen sie ab. Die Franzosen verfolgten sieerbeuteten PferdeKanonen und Kriegsgerät und würden die Armee aufgerieben habenwenn sie sichaus Besorgnis einer Kriegslist nicht zurückgehalten hätten.

Sobald sich Gaston de Foix nach diesem Erfolge jedoch in die Lombardeizurückwandtewo er die Venezianer schlugerschien der Kardinal wieder vorBologna. Abermals zeigen sich auch die Franzosenim März geschah dasabermalsweichen die Spanierde Foix hinter ihnen drein bis Ravenna. Dort kommt es amersten Ostertage 1512 zu einer Schlachtin der die Spanier glänzend geschlagenwerdender französische Oberbefehlshaber aber sein Leben verliert. Er warjungschön und ritterlicheine von den poetischen Gestalten jener Tage.

Diese Schlacht ist so berühmt gewordenweil so furchtbar in ihr gekämpftwurde. Die Spanier galten damals nach den Schweizern für die ersten Soldatender Weltes kostete den Franzosen ungeheure Anstrengungden Siegdavonzutragen. Auf beiden Seiten war die Nationalehre im Spiel. Zehntausend Toteblieben auf dem Platze. Eine Anzahl vornehmer Spanier gerieten in französischeGefangenschaft. Der Kardinal Medici wurde von den Stradioten aufgebracht und demKardinal von San Severino überliefertder gleich ihmim Namen des PisanerKonzils jedochLegat von Bologna war. Die ganze Romagna fiel den Franzosen zuund wieder stand ihnen der Weg nach Rom offen.

Am 13. April langte die Trauerbotschaft dort an. Die Kardinäle stürzten zumPapste und beschworen ihnden Frieden anzunehmendenn nicht nur diesiegreichen Feindesondern auch der römische Adeldie ColonnaSavelli undanderedie von Ludwig Geld empfangen hattendrohten dem Papste unmittelbareGefahr. Die Gesandten von Venedig und von Spanien widerriefen voreiligeEntschlüsse. Giulio schwankteer saß auf der Engelsburgvon den Kardinälenwaren einige schon nach Neapel geflohenda kam Giuliano dei Medicider Vetterdes gefangenen Kardinalsein unehelicher Sohn des von den Pazzis ermordetenGiulianoin Rom an und berichtete über die Plünderung Ravennaszugleichjedoch brachte er die Nachrichtdaß die Führer der Franzosen uneins untersichmit dem Kardinal von San Severino im Streite lägen und daß dieSchweizerum deren Gunst sich päpstlichekaiserliche und königlicheGesandten abmühtensich für den Papst entschieden hätten und in dieLombardei einzubrechen bereit wären. Wenn das erfolgtestellte sich allesanders. Die französische Armee war dann im Norden notwendigBologna und dieRomagna wieder mögliche Beute. Dennoch zögerte der Papst noch lange und zeigtesich geneigtmit dem Könige von Frankreich zu akkordieren. Vielleicht nur einKunstgriffum die Franzosen von Rom abzuhalten und völlig sichere Nachrichtenaus der Schweiz abzuwarten. Endlich erfuhr erdie französischen Truppen seiennach dem Norden abmarschiert. Nun verschwand die Furcht und mit ihr der guteWille gegen Ludwig. Die römischen Baronedie Geld vom Könige empfangen hattenund im Begriff warenzu rebellierentraten mit ihren Leuten in den Dienst desPapstesder Krieg wurde neu aufgenommen und am 3. Mai das lateranische Konzilin Rom mit außerordentlicher Pracht eröffnetwährend der Kardinal Medici inMailandwo er mehr wie ein Sieger als wie ein Gefangener eingezogen wardieSoldatenwelche gegen die heilige Kirche gestritten hattenabsolvierte.Giuliano dei Medicider wieder bei ihm warhatte die Vollmacht dazumitgebracht. Die Sekretäre waren kaum imstandedie betreffenden Ablaßbriefeeinzeln alle auszufertigen. So machte damals der rohe Stoffmit dem man dieKriege führteder gemeineverachtete Söldnerdie Fragen der hohen Politikabhängig vom religiösen Bedürfnisse seines kirchlich geschulten Geistes. Dennverbunden mit diesem Ablasse war ein Gelöbnis des Empfängersgegen die Kirchekeine Dienste mehr zu tun. Und dies geschah unter den Augen des Pisaner Konzilsdas sich nach Mailand zurückgezogen hatte.

Bald erfolgte nun die Vereinigung der Schweizer mit den Venezianern.Maximilian gestattete den Durchmarsch durch Tirol. Die Franzosen zogen sichzurück. Es hießMailand solle für die Söhne Sforzasseine rechtmäßigenHerrenzurückerobert werden. Medicider von der französischen Armeemitgenommen wurdeentkamdie ganze Lombardei bis auf wenige Plätze ging demKönige verloren. Aus Genua entfloh der Gouverneurund ein Fregoso wurde zumDogen eingesetzt. Die französische Politik war wieder in eines jener Stadieneingetretenwo sich Verluste auf Verluste häufen

An die glückliche Flucht des Kardinals erinnert das spätere GemäldeRaffaels in den vatikanischen Zimmerndas die Befreiung Petri aus demGefängnisse darstellt; an die Niederlage der Franzosen der von himmlischenMächten aufgehaltene Heerzug Attilasbeides die ersten WandgemäldedieMedicinachdem er Papst geworden warausführen ließ.

Bologna war nun wehrlos. Der Herzog von Urbino rückte vor die StadtdieBürgerschaft bewog die Bentivogli fortzugehen; sie zogen mit tausend Pferdennach Ferrara abdessen Herzogverlassen wie sie selbereiner bedenklichenZukunft entgegensah. Der Papst erklärte sogleich alle Örter als dem Bann derKirche verfallenin denen die Bentivogli Aufnahme fänden. Bologna tat dasMöglicheGiulio zu besänftigen. Seine schimpflich zerschlagene Bildsäuleaber konnte man nicht wieder herbeizaubern. Er war so wütenddaß er die Stadtvon Grund aus zerstören und die Bürger auf einer andern Stelle ansiedelnwollte.

Indessen auch jetztwo er die Dinge so ganz zu beherrschen schiendurfte ernichtwie er wollte. Der mächtigste Mann im Lande war der König von Spanienund Neapelder seine Truppen für 40 000 Scudi monatlich dem Papste zurVerfügung ließ. Ihm mußte zugestanden werdendaß Ferrara unbelästigtbliebe. In Ferdinands Händen lag nun auch das Schicksal der Florentinergegendie der Kardinal Medici die spanische Armee zu gebrauchen wünschte.

In Mantuawo ein Kongreß der bei der Unternehmung gegen Frankreichbeteiligten Mächte stattfandwurde Florenz verkauft. Maximilian wollte seineKrönungsfahrt nach Rom unternehmener brauchte Geld dazu und verlangte einebestimmte Summe. Der König von Spanien mußte Geld habenum seine Soldaten zubezahlen. Die Medici boten reichlich anwas beide verlangtenwenn sie ihnennur erst zum Besitze der Stadt verholfen hättender König mit den Truppender Kaiser mit seiner Autoritätdenn Florenz war altes Reichslehn. Hätten dieFlorentiner selbst auf der Stelle diese Summen hergegebenso wäre der Königvon Spanien mit dem Bleiben des Gonfaloniers und dem Fortbestande der Verfassungeinverstanden gewesendenn obgleich er dem Papste zum Sieg verholfen hattelagihm jetzt nicht so sehr darandessen Macht in hohem Grade zu verstärken. DemKaiser konnte es vollends gleichgültig seinwoher das Geld kämewenn esüberhaupt nur kam. Der Kardinal Soderini war in Mantua und unterhandelte. Inseinen Berichten drängte er seinen Brudersich zu entscheiden. Aber diePerfidie der Parteien machte dem Gonfalonier unmöglicheinen Entschlußherbeizuführen. Man ließ ihn im Sticheund der Kardinal blieb ohne Anweisung.

Unterdessen fingen die spanischen Truppen an zu revoltieren. Den Raimondo diCordonader Befehlshabermußte auf jede Bedingung hin Geld zu schaffensuchenum ihnen den Sold zu zahlen. Die Medici machten sich die zweifelhaftenUmstände zunutzeund ehe der Kardinal Soderini in Mantua selbst nur ahntedaß die Sache abgeschlossen seibrach das spanische Heer über Bologna inToskana einmit der offenkundigen Absichtdie Verfassung von Florenz zustürzen und den Medici ihre alte Stellung wiederzugeben.

Es war unmöglichden Spaniern eine Armee im freien Felde entgegenzusetzen.Kaum daß sich Lebensmittel in der Stadt fanden. Zeit und Geld indessen hättendie Gefahr abwendetwären die Spanier draußen die einzigen Feinde gewesen.Die Partei der Aristokraten aber war die Herrin der Ereignisse. Mit einerUnbefangenheit betrieben sie ihre Sachedie nur bei dem überaus mildenCharakter Soderinis erklärlich erscheint. Sie verhinderten jeden Entschluß imSchoße der Regierung; stellten die Lage der Dinge so darals sei es von denMedici nur darauf abgesehensich das Recht zu gewinnenals bloße Privatleutedie Stadt bewohnen zu dürfen. Der Gonfalonier wollte alles der Entscheidung desVolkes anheimgeben. In einer rührenden Rede sprach er über sich und seineAbsichtendie Tränen stiegen ihm aufer war ein alter Mannder keinepersönlichen Feinde hatteden nicht der Ehrgeizsondern die Güte leitete. Erbegehrte sein Amt niederlegen zu dürfen. Unter keinen Umständen wollte man dasgestatten. Die Medici könnten zurückkehrenurteilte man; als Privatleutejaaber als mehr nicht. Man beschloß zu rüsten und mit den vorhandenenMannschaften die kleinen Festungen um die Stadt und diese selbst zu verteidigen.

Die Volkspartei hatte bei diesen Entschlüssen scheinbar noch die Oberhandihrer Ausführung aber wußten die Pallesken lähmende Hindernisse in den Weg zulegen. Eine dumpfe Stimmungein Gefühl von Unsicherheit bemächtigte sich derBürgerund all das bewegliche Auftreten des Gonfaloniers vermochte seinenMangel an belebender Energie nicht zu ersetzen.

Cordona kam bis Pratodaswenige Meilen von Florenz entferntbesetzt undbefestigt war. Weiter konnte er nicht vorwärts. Im Spätsommer bot das flacheLand keinen Unterhaltdie Lebensmittel lagerten in Florenz und den kleinerenStädten. Hunger und Krankheiten stellten sich ein. Cordona schlug mildereSaiten an: Soderini solle bleiben und der Bürgerschaft durchaus die Bestimmungder Bedingungen vorbehalten bleibenunter denen die zurückkehrenden MediciAufnahme fänden. Für sich begehre er eine mäßige Summenur um seineSoldaten zu bezahlen und das Land zu verlassen. Zu diesem Entschlusse trug derUmstand beidaß König Ferdinand die Unterwerfung von Florenz immer mehr alseine zu starke Konzession an den Papst erachtete und zu zweifeln begannob ersie gestatten solleeine Stimmungdie bald so sehr die Oberhand gewanndaßer Cordona den festen Befehl zukommen ließumzukehren und die Dinge in Toskanabeim alten zu lassen.

Aber ehe diese letzten Entschließungen eintrafenhatte Cordona gehandelt.Die Stadt verweigerte ihm Lebensmittelderen er dringend bedürftig war.Baldasare Carducciden der Gonfalonier ins spanische Lager geschickt hatteschloß einen Akkord; die Pallesken in der Stadt aber verzögerten seine Annahmevon seiten der Bürgerschaft. Cordonain der übelsten Lageversuchte einenGewaltstreichgriff Pratodas in Florenz für uneinnehmbar gehalten wurdeunversehens anstürmte es und gestattete den Soldaten die Plünderung.Furchtbar wurde da gewirtschaftet. Ein Schrecken durchlief Florenz bei dieserNachricht wie damals nach den ersten Taten der Franzosen im Jahre 94. Auch jetzthatten seltsame Gewitterschläge die drohende Zukunft vorausverkündetauchdiesmal herrschte die geistige Schwülewelche die Haltlosigkeit desallgemeinen Zustandes bekundetedazu kein Mann an der Spitze des Staatesderals natürlicher Rückhalt schwacher Geister dastandund als höhnischeBegleitung der großen Ratlosigkeit der steigende Übermut der Palleskendiemit den Medici draußen im Lager in geheimem Verkehr das Zusammengreifen einergemeinschaftlichen Politik verabredeten.

Die Eroberung von Prato änderte die Forderungen Cordonas sogleich. Geld undLebensmittel hatten sich vorgefundenauch verstand sich das naheliegendePistoiaangesichts der Grausamkeitendie von den Spaniern in Prato verübtworden warenzu freiwilliger Lieferung dessenwas das Heer bedurfte. Florenzgegenüber begehrte man jetzt: Soderini fort; 50 000 Dukaten für den Kaiser; 50000 für Cordona; 50 000 für die Armee. Die Medici dagegen verlangten immernoch nur das eine: ohne alle Vorrechte als einfache Privatleute in ihreVaterstadt zurückkehren zu dürfen.

Hätte man rasch gezahltso wäre auch jetzt noch die Freiheit zu rettengewesendenn den Spaniern kam es auf das Geld an; die mediceische Partei jedochließ es zu nichts Förderlichem kommen. Die Pallesken begannen bereitspersönlich die Stadt zu verlassenund berieten mit Giuliano dei Mediciwie ambesten zu verfahren sei. Am zweiten Morgen nach der Erstürmung von Pratodrangen Bartolommeo und Paolo Valorizwei energische junge Männerdenen ihrergroßen Schulden wegen ein Umsturz der Dinge das Erwünschteste warins Zimmerdes Gonfaloniers ein und stellten ihm die Wahl zu sterben oder sich auf dieFlucht zu machenwozu sie ihm behilflich sein wollten. Soderini hatte längstweichen wollenseine Freunde aber verhinderten ihndiesen Schritt zu tunjetzt ließ er sich in das Haus der Vettori schaffendie mit den Valori dieHauptanstifter dieses Planes warenund von vielen Mitgliedern seiner Familiebegleitetmit einem Schutze außerdem von vierzig Bogenschützenritt er inder Nacht des 30. August davon. Seine ausgesprochene Absicht warüber Sienanach Rom zu gehenwo der Papst ihm Schutz zugesichert hatte. Sein BruderderKardinalaber warnte ihn bei guter Zeit. Der Papst wollte ihn nur seinerReichtümer wegen nach Rom in die Falle locken. Unterwegs schwenkte derGonfalonier plötzlich von der Straße nach Rom ab und gelangte glücklich nachAnconavon wo er über das Meer nach Ragusa ging.

Durch ihre DrohungSoderini ein Leid anzutunhatten die Freunde der Medicidie Signorie dahin gebrachtam selben Tage noch den Gonfalonier für abgesetztzu erklären. Die Stadt akkordierte mit Cordona; die Medici kehrten auf ihrausdrückliches Begehren nur als Privatleute zurück; Florenz trat dem Bundegegen Frankreich bei; der Kaiser erhielt 40 000das spanische Heer 80 000DukatenCordona 20 000 zu eigener Verfügung. Bei der ersten Anzahlungverpflichtete er sichdas florentinische Gebiet zu räumen. Auch in betreff dermediceischenvom Fiskus verkauften Güter wünschten die ehemaligen Herrennichts weiterals daß ihnen gestattet sein solltesie innerhalb einerbestimmten Frist gegen bar zurückzukaufen.

Während über diese Bestimmungen verhandelt wurde und noch nichtsabgeschlossen warkam Giuliano dei Medici in die Stadt und durchrittumgebenvon seinen Anhängerndie Straßen. Dem Gesetz nach hätte man ihn tötendürfendenn noch immer war er ein Verbannter. Bald erschien auch CordonavonPaolo Vettori in das Consiglio grande feierlich eingeführtwo er mitten unterden Signoren auf Soderinis leerem Sessel Platz nahm und in einer Anrede daraufdrangman solle durch geeignete Maßregeln die Stellung der Medici in der Stadtzu einer sicheren machen. Näher erklärte er sich nicht. Man nahm diese Wortemit ungünstigem Erstaunen aufdas Odium aber fiel mehr auf Vettoridurch denCordona gleichsam in das Consiglio hineingedrängt worden war.

Ich erzähle diese Begebenheiten genauerweil die Taktik der Medici ausihnen mit so großer Deutlichkeit hervortritt. Immer bescheiden zurückstehenimmer andere vorschiebennie etwas fordernalles sich aufdrängen lassen unddabei die Dinge völlig in der Hand haben: so verfuhren sie. Besonders wichtigaber ist zu bemerkenwie sie das Mittel des Temporisierens anwenden. Sie kennendie Natur der Bürgerschaft genaudie lieber den ungesetzlichsten Boden fürlegal nimmtsobald sich auf ihm bestimmte Propositionen regelrecht verhandelnlassenals vor allen Dingen eine solide Basis zu fordern. Deshalb widersprechendie Medici selten und lassen die guten Leute reden und beschließen; wunderbarwie man ihnen darauf hin gestattetdie eigentlichen Grundlagen des ganzenZustandes umzuschaffen und nach Belieben einen neuen Bau aufzuführen.

Cordona hatte im Consiglio nichts zu tun und nichts zu redendennochdebattiert man seine Vorschläge. Es sollten eine Anzahl Bürger als Vertreterder Stadt gewählt und eine gleiche Anzahl von den Medicis genannt werdendiein Verbindung mit Cordonader als unparteiischer Dritter dazwischenständediktatorische Gewalt erhieltendie Ämter frisch zu besetzen. Dies einVorschlag. Oder es sollte aus denenwelche bisher die höchsten Staatsämterbekleidet hättensowie aus fünfzig Bürgernwelche von den momentanfungierenden höchsten Kollegien zu ernennen wärenein Senat erwählt werden.Auch möchte man acht junge Leutedenen das gehörige Alter fehltefüramtsfähig erklärenum die guten Dienste einiger jüngeren Pallesken zubelohnen. Endliches sollte ein Gonfalonier auf ein Jahr mit vierhundertDukaten Gehalt erwählt werden; und so weiter. Bei solchen Vorschlägen vergingdie Zeit. Im Consiglio grande wurde mit einer Majorität von drei gegen zwei einRidolfi zum Gonfalonier auf ein Jahr gemachtein naher Verwandter der Mediciaber zugleich ein Piagnone. Die Wahl erregte allgemeine Zufriedenheit.Unterdessen blieben die Spanier im Lande. Die Soldaten kamen häufiger in dieStadt. Auf Wagen brachten sie den Raub aus Prato herein und boten ihn feil. Dasdauerte in den September. Am 15. abends sollte der Kardinal feierlich in denPalast der Signoren eingeführt werden. Die Herren versammeln sich und warten.Er bleibt aus. Man fängt an Unheil zu fürchten. Im Palast der Medici ist allesdunkel und still; man beruhigt sich. Am anderen Morgen aber kommen die Medici.Fremde und einheimische Freunde in Waffen umgeben sieunter dem Geschrei palle!palle! ziehen sie auf den Platz. Oben sitzen die Signoren; Giuliano dei Medicitritt in den Saalandere folgen ihm. Was er begehre. Nichts als seineSicherheit verlange er! eine Antwortdie seine Begleiter im Chor wiederholen.Fragen und Antworten folgen jetzt rasch aufeinander. Das Parlament soll berufenwerdenbeschließt man.

Die große Glocke wird gerührt. Die Bürger kommen bewaffnet auf dem Platzezusammen. Die Feinde der Medici hüteten sich da wohldraußen sichtbar zuwerden. Die Signorie stand auf der Rednerbühne neben dem Tore des Palastes(dies war die erste Revolutiondie der David des Michelangelo mitansah)Giuliano stand da auchdie große Fahne in den Händenund die Fünfundzwanzigwurden gewählt. Die Fremden und Soldaten stimmten so gut mit wie die Bürgerdenn die Truppen der Republik hatten sich von draußen alle in die Stadtgezogenum sich den Medicisden neuen Herren der Stadtdienstwillig zuerweisen. Die Fünfundzwanzig annullieren das Consiglio grandebesetzen dieÄmter neu und heben die eingeführte Nationalbewaffnung aufeine Art Landwehrbei deren Zustandekommen Machiavelli besonders beteiligt war. DerRegierungspalast erhält eine Besatzung spanischer Truppen unter Paolo Vettori.Im Palaste der Medici findet sich endlich die vertriebene Familie zusammen: dieStadt war auf die legitimste Weise unter ihre Botmäßigkeit zurückgekehrt. –

Es sind genug Briefe erhaltenum erkennen zu lassenwie Michelangelo vonRom aus an allen Schicksalen Toskanas teilnahm. Ununterbrochen empfing erMitteilungen von den Seinigen und gab Antwort. Im Septemberals die Dingeschlimm standenwar seine Meinungsie sollten alles im Stiche lassen und nachSiena entfliehendenn das Leben sei mehr wert als Besitzund wenn ihnen Geldfehlewolle er dafür sorgen.

Vierzehn Tage späterals die Medici eingezogen warenerachtet er dieGefahr für beseitigtdie von den spanischen Truppen gedroht hatte. Nun dagegenermahnt er Vater und Bruder wieder zur Sparsamkeitdenn wenn ihnen auch zuDiensten stehewas er besitzeso gelte das doch nur für den äußersten Fall.Sie möchten still weiter leben und sich mit niemanden einlassen; niemandenweder Freundschaft noch Vertrauen zeigendenn kein Mensch wisse das Endedasdiese Dinge nehmen könnten.

Unter solchen fortwährenden Kämpfen um das Geschick der Seinigen und desVaterlandes malte Michelangelo an seinen Sibyllen und Propheten. Wiederumdrängte der Papst auf Abschluß und wollte keinen Urlaub gestatten. Eines Tageserscheint er oben und wünscht zu wissenwann Michelangelo denn endlich fertigsein werde. »Wenn ich kann«antwortet dieser. »Du hast wohl große Lustdaß ich dich von dem Gerüst herunterwerfen lasse?« donnert ihn jetzt Giulioan. Michelangelo geht nach Hause und macht sich fertigohne weiteresabzureisen. Da stürzt der junge Accursioder Lieblingspage des Papstes herbeibringt fünfzig Scudientschuldigt den heiligen Vaterso gut es gehen willund besänftigt Michelangeloder nun auf einige Tage nach Florenz geht und sichdann zur Arbeit in Rom wieder einfindet. Condivi erzählt nicht genauwann dasvorfiel. Im September 1512 teilt Michelangelo seinem Vater mit: die Kapelle seibeendet und der Papst in hohem Grade zufriedengestellt. »Im übrigen«fährter fort»gehen die Dinge nichtwie ich wünschteaber die Zeiten tragenSchulddie unserer Kunst nicht günstig sind. Zu Allerheiligen werde ichdiesmal nicht nach Florenz kommen können. Sorgt für euch selberund kümmerteuch nicht um die Sorgen anderer Leute.« Zu Allerheiligen 1512 wurde dieKapelle geöffnetin welcher der Papst Hochamt hielt und wo wiederum ganz Romzusammenströmteum das vollendete Werk anzustaunen.

Dennoch war Giulio noch nicht zufrieden. Seine Ungeduld war schuld darangewesendaß Michelangelo die Malerei für fertig erklärt hatteehe dieletzten Retouchen mit Ultramarin und Gold darauf angebracht worden waren. Jetztsollte das Gerüst wieder aufgeschlagen und die Versäumnis nachgeholt werden.Michelangelo widersetzte sich. »Das seien keine Leute gewesendie er da gemalthabewelche Gold getragen hätten.« Aber es werde ärmlich aussehenerwiderteGiulio. »Auch waren es ja nur Leute ohne irdisches Hab und Gut«entgegneteMichelangelound die Sache unterblieb.

Dies ist das letztewas Michelangelo für Papst Giulio arbeitete.

Neuntes Kapitel
1512-1525

I

Freilich wollte Giulio nichts wissen von Tod. Er trug sich mit politischenPlänenals ständen ihm noch Dutzende von Jahren in Aussicht. Er hatte Sienadem Kaiser abgekauft für den Herzog von Urbinodas heißt Siena war alteskaiserliches Lehenund Maximilian gab für eine bestimmte Summe den notwendigenVorwand zum Kriege her. Giulio hatte ferner die Spanier zum Feldzuge gegenFerrara im Solde. Er wollte die Medici wieder aus Florenz forthabenweil siesich dort so unabhängig gebärdeten; er wollte in Genua einen andern Dogeneinsetzen: alles im Frühjahr 1513. Und doch lag er seit Weihnachten schon zuBette. Aber es gibt Naturenderen Energie die Schwäche des Körpersüberwindet und Wachs in Stahl umschmiedet. Die letzten Taten des Papstes zeigenihn als einen solchen Mann. Mitten aus dem Fieber hatte er sich vor kurzem nochin die Kälte des Winters gestürztdas Volk von Bologna stauntewenn er aufeinem widerspenstigen Pferde dennoch fest durch die Straßen sprengte. Er wolltedie Franzosen aus Italien haben: die Barbaren sollten fortdie ihn sein Lebenlang in seinen Plänen aufgehaltenobgleich er ihre Hilfe benutzte; alsErlöser Italiens von äußeren und inneren Tyrannen erschien er sich selbst zunotwendig an seinem Platzeals daß ihn aus dieser sich nach frischen Tatensehnenden Kraft der Tod mit sich führen könnte. Am 21. Februar 1513 aber trafdas Ende aller Dinge doch ein. Der Papst war wirklich tot diesmal und täuschtedie Welt nicht wieder.

Bis zum Äußersten hielt er fest an seinen Herrschergedanken. Ich finde eineÄhnlichkeit mit Friedrich dem Großen in seinem Charakterdessen Alter auchkein Abnehmen des Geistes bekundeteder wie Giulio eines Tages zerbrachweilder einen Hälfte unseres Wesens nur beschränkte Dauerhaftigkeit zugemessenistund der eine Stirn voll kühner Gedanken zur Befreiung Deutschlands mit insGrab nahmzu denen sich lange kein Erbe meldete. Je mehr Giulio wagtejetreuer schien ihm das Glückje heftiger ward er selber. Auch Friedrich wurdeimmer gewaltsamer mit zunehmenden Jahren. Sie lernten beide mehr und mehrdaßHandeln die einzige Art seidie Dinge zu fördernund daß raschesblitzartiges Vorgehen die einzige Art zu handeln sein dürfeendlich aberdaßdas Glück oder das Schicksaloder wie man die Macht nennen willvon der derirdische Ausgang der Dinge abhängig istdadurch zu einer fast dienenden Gewaltgemacht werdedaß man sie herausfordere und von vornherein als Bundesgenossinbetrachte. Denn der allein darf handelnder eine Ahnung hegt vom Gelingenseines Anschlagsund dem Unglücke geht der Zweifel an der eigenenÜberlegenheit voran.

Wenn irgendein Mann den Geist Giulios zu begreifen fähig warso ist esMichelangelo. Gleich nach dem Tode des Papstesden man nun wohl seinen altenFreund nennen darfnahm er die Arbeit am Grabmonument wieder auf. Bei seinemLeben hatte Giulio nicht wieder daran gewollt: in seinem Testamente aber wargesagtMichelangelo solle das Werk fortführen.

Zwischen Michelangelo und den Erben des Papstes wurde den 6. Mai 1513 einKontrakt geschlossendemzufolge das Werk in anderer Gestalt errichtet werdensollte. Das dafür angefertigte Modell ist nicht mehr vorhandenaber imKontrakte selber ist es beschrieben. Das Grabmal sollte nicht mehr frei in derKirche stehensondern mit einer der schmäleren Seiten an die Wand anstoßen.Während die beiden unteren Stockwerke ziemlich der Darstellung entsprechendieCondivi vom ersten Entwurfe gibt und die von der noch vorhandenen Zeichnungbestätigt wirdwar für die dritte Etage ein an die Wand sich anlehnenderAbschluß von bedeutender Höhe beabsichtigt. Deshalb auch wohl nenntMichelangelo das neue Projekt »größer« als das früheremaggior cosaeineGrößedie allerdings nur durch die Benutzung der Wand erzielt worden war. EinPreis von 16 500 Kammer-Dukaten wurde festgesetzt. Soviel Bronzeteile solltendabei in Anwendung kommendaß Michelangelo seinen Bedarf dafür auf mehr als200 Zentner Metall berechnete.

In den Jahren 1513 bis 1516 sehen wir ihn dieser Arbeit zumeist hingegeben.Er ließ die Blöcke aus seiner Werkstätte am Vatikan weit herüber zum Maceldei Corvi schaffenunweit des Kapitolswo viele Bildhauerwerkstätten lagenund wo er ein eigenes Haus inne hattedas er bis zu seinem Tode bewohnt hat.Auch bot dieser Umzug den Vorteildaß er aus der ungesunden leoninischenVorstadt in einen der gesündesten Teile Roms versetzt wurde.

Ich nehme andaß er anfangs mit dem Moses vorzüglich beschäftigt warobgleich die Statue nach dieser Zeit noch vierzig Jahre in seiner Werkstattblieb. Es ist als wäre diese Gestalt die Verklärung all der gewaltigenLeidenschaftendie die Seele des Papstes erfülltendas Abbild seiner idealenPersönlichkeit unter der Gestalt des größtengewaltigsten Volksführersderjemals eine Nation aus der Knechtschaft zu eigener Stärke wieder emporgebracht.

Wer die Statue einmal gesehen hatdem muß ihr Eindruck für immer haftenbleiben. Eine Hoheit erfüllt sieein Selbstbewußtseinein Gefühlalsständen diesem Manne die Donner des Himmels zu Gebotedoch er bezwänge sichehe er sie entfesselteerwartend ob die Feindedie er vernichten willihnanzugreifen wagten.

Er sitzt daals wollte er eben aufspringendas Haupt stolz aus denSchultern in die Höhe gerecktmit der Handunter deren Arme dieGesetzestafeln ruhenin den Bart greifendder in schweren Strömen auf dieBrust sinktmit weit atmenden Nüstern und mit einem Mundeauf dessen Lippendie Worte zu zittern scheinen. Ein solcher Mann vermochte wohl ein empörtesVolk zu dämpfen und wie ein wandelnder Magnet es mitten durch die Wüste unddurch das Meer selber sich nachzuziehen.

Was bedarf es der Nachrichtender Briefeder Rechnungender Urkunden überMichelangelowenn wir ein solches Werk besitzendessen jede Linie einSchriftzug seines Geistes ist?

Der Moses ist die Krone der modernen Skulptur! Nicht allein dem Gedankennachsondern auch in Anbetracht der Arbeitdievon unvergleichlicherDurchführungsich zu einer Feinheit steigertdie kaum weiter getrieben werdenkönnte. Welch ein Paar Schultern mit den Armen daran! Welch ein Antlitz! Diedrohend sich zusammenballenden Stirnmuskelnder Blickals überflöge er eineganze Ebene voll Volkes und beherrschte esdie Muskeln der Armederenunbändige Kraft man empfindet! Was meißelte Michelangelo in diese Gestalthinein? Sich selbst und Giulio: beide scheinen sie drinzustecken. All die Kraftdie Michelangelo besaßunverstanden von der Weltzeigte er in diesenGliedernund die dämonisch aufbrausende Gewaltsamkeit Giulios in seinemAntlitz. Man fühltwie Ulrich von Hutten von diesem Papste in bewundernderIronie sagen konnteer habe den Himmel mit Gewalt stürmen wollenals man ihmoben den Eintritt verweigerte.

Sicher wissen wirdaß Michelangelo im ersten Jahre Papst Leos auch an einemder beiden gefesselten Jünglinge arbeitetewelche damals noch für das Grabmalbestimmtspäterals die Maße verkleinert wurdenals zu kolossal fortbliebenund nach Frankreich kamen. König Franz schenkte sie dem Connetable vonMontmorencyder sie als äußerlichen Schmuck seines Schlosses in Ecouenaufstellte. Von dort brachte sie der Kardinal Richelieu in eins seinerSchlösser von Poitouseine Schwester sie in späteren Zeiten nach Paris1793wurden sie dort öffentlich verkauft und für das Museum des Louvre erstandenin dem sie heute befindlich sind.

Die eine dieser beiden Statuen ist esdie als Gegensatz des Moses angeführtwerden solldamit es nicht den Anschein habeals ob die Bewunderung diesesWerkes zugleich alles erschöpftewas bei Michelangelo im höchsten Sinnebewundert werden kann: die Darstellung des GroßenÜberwältigendenFurchtbarendes terribile mit einem Wort. Vielleicht ist die zarte Schönheitdieses sterbenden Jünglings noch durchdringender als die Gewalt des Moses.

Persönliches Gefühl kann hier allein den Ausschlag geben. Wenn ichaussprechedaß sie für mich das erhabenste Stück Bildhauerarbeit istdasich kenneso tue ich das in Erinnerung an die Meisterwerke der antiken Kunst.Der Mensch bleibt immer beschränkt. Es ist unmöglichim weitesten Leben allesvor Augen zu habenund daswas man gesehen hatstets in der bestenwürdigsten Stimmung betrachtet zu haben. Allein es gibt ein unbewußtesWiederkäuen dessenwas man erlebteneben dem bewußten Genusse derBetrachtungund was als endliches Resultat dieser willenlos arbeitendenTätigkeit in der Seele zurückbleibtist es am Endeworauf man sich alleinals auf das Resultat der Erfahrung berufen kann. Frage ich michwelches Werkder Skulptur nennst du zuerstwenn das beste genannt werden sollso liegt aufder Stelle die Antwort da: den sterbenden Jüngling des Michelangelo.

An Unschuld in Auffassung der Natur lassen sich mit dieser Gestalt nur diebesten griechischen Arbeiten vergleichenin denen sich ebenfalls keine Spur vonSchaustellung dessenwas man zu schaffen imstande seisondern der einfachsteangemessenste Ausdruck der Natur darbietetwie sie der Künstler empfand undsich allein zur Freude nachbilden wollte. Welches Werk eines antiken Meistersaber besitzen oder kennen wirdas uns so nahe stände als diesesdas unstiefer in die Seele griffe wie diese Verklärung des höchsten und letztenmenschlichen Kampfes in einer eben erblühenden Männergestalt? Dieseräußerste Moment zwischen Leben und Unsterblichkeitdieser Schauder desAbschieds zugleich und der Ankunftdies Zusammensinken kraftvollerjugendlicher Gliederdiewie ein leererprachtvoller Panzergleichsam vonder Seele fortgestoßen werdendie sich emporschwingtund nunindem sie ihrenInhalt verlierenihn dennoch so ganz noch zu umhüllen scheinen.

Mit einem über die Brust unter den Achseln herlaufenden Bande ist er an dieSäule gefesseltes schwinden ihm eben die Kräftedas Band hält ihnaufrechter hängt beinahe darindie eine Achsel wird emporgezwängtzu derder rückwärts sinkende Kopf sich seitwärts hinneigt. Die Hand dieses Armesist auf die Brust gelegtder andere erhebt sich eingeknickt hinter dem Hauptein der Stellungwie man im Schlafe den Arm zu einem Kissen des Kopfes machtund ist so am Gelenk angefesselt. Die Kniedicht aneinander gedrängthabenkeinen Halt mehr; keine Muskel ist angespanntalles kehrt in die Ruhe zurückdie den Tod bedeutet. –

Die Räumewelche im Berliner Neuen Museum für die Gipsabgüsse bestimmtsindbestehen aus aneinanderstoßenden Sälenwelchemit den Erzeugnissengriechischer Kunst beginnendbis auf die der heutigen Zeit führen. Tritt manaus der Mitte der griechischen Werke unter diejenigenwelche in den Zeiten derrömischen Kaiser von den Nachkommen jener ältesten Generationen griechischerKünstler gearbeitet worden sindso kann man sich des Eindruckes der Kälte undder kühlen Eleganz nicht erwehrendie an die Stelle des herzlichstenZusammenhanges mit der Natur und der unschuldigen Grazie getreten sind. Jenespäteren spekulierten auf das unfreie römische Publikumdie Griechen dachtenan das eigene freie Volk. Die griechischen Werke atmen eine in sich zufriedeneglückliche Kräftigkeit ausdie römischen den künstlichen Parfümvollendeter Virtuosität: es sind Leistungensiegreiche Lösungen schwierigerAufgabendas Gefühl aber mangeltdaß der Künstlerder hier formtesichseinem eigenen Herzen zu genügen sehnte. Seine Statuen waren nur dieverhüllenden Ornamente des toten Mauerwerksaus dem die römische Gesellschaftin den Tagen der Kaiserherrschaft gebaut war.

Dagegen die Griechen! Ich betrachtevon Figur zu Figur fortschreitenddenFestzug des Parthenonfrieses: die sprengenden Reiter– wie die Verse einesherrlichen Gedichtes scheinen sie dahinzufluten! – die Jünglingewelche dieStiere führendie Jungfrauen mit den Gefäßen: es liegt viel Zeit zwischenheute und damalsaber ich glaube mitten unter dem Volke gelebt zu habenunderstwenn ich zu den Römern kommedrängt sich das Gefühl der Vergangenheitwieder auf.

Dieser Unterschied zwischen griechischer und römischer Kunst wiederholtesich in den modernen Zeiten. Wir erblicken die ersten Bemühungen desMittelalters: unbehilfliche Anfängedie sich zu der vollendeten Technik derantiken Meister ähnlich verhalten wie die ältesten Werke der Griechenvielleicht zu denen der Ägypterdie seit undenklichen Jahren freieaufsfeinste der Natur nachgearbeitete Skulpturen lieferten. Eine seltsame Mischungeingentümlicher Nachbildung des Lebendigen und bewußter Benutzung der in denÜberresten der antiken Kunst gebotenen Vorbilder tritt uns in den Werken derältesten Italiener entgegen. Immer umfangreicher wird dann die erneuteBekanntschaft mit den aus den Tiefen der Erde wieder ans Licht gezogenenSkulpturen der Altendie hier wie eine verlorengegangene Schöpfunggötterartig jetzt über dem stehenwas man aus eigener Kenntnis zu schaffenvermag; zugleich aberim Kampfe mit der sich hingebenden Nachahmungein immererneuterimmer glücklicherer Anschluß an die Natur. Ghiberti sehen wir sichfügsamer den Alten unterordnenDonatello widerstrebenderendlich inMichelangelo die Versöhnung beider Richtungenund durch den Hinzutritt dereigenen Kraft aus allemwas bisher geschehen wardie Blüte einer neuen Kunstdie über die vorher geschaffenen Werke größere hinstellt.

Wie die Meister der alten Griechen arbeitete Michelangelo als Mitglied einesschönen mächtigen Volkes zu dessen Verherrlichung. Im Herzen den nochungebrochenen Stolz auf die Freiheit des Vaterlandessah er sich von Männernumgebenwelche dachten wie erund einen Fürsten sich zur Seitedessen Devisedie Wiederherstellung der Freiheit von Italien war.

So wahrhaft die für das Grabmonument dieses Mannes bestimmte Statue desMoses seinen Willenseine Kraft und seine Sehnsucht zum Ausdruck bringtebensowahrhaftig ist auch die Gestalt des sterbenden Jünglings kein bloßes Symbolgeblieben: mit dem Tode Giulio des Zweiten starben die Künste hin. Nach ihm kamkein Fürst mehrder würdige Aufgaben für große Künstler zu ersinnenvermochteund keine Zeit der Freiheit brach ein in irgendeinem Landedurch dieden Werken der bildenden Kunst jener letzte Schimmer der Vollendung undgroßartigerhinreißender Inhalt allein verliehen werden kann.

II

Das Emporkommen der Medici in Florenz und in Rom brachte Michelangelo diedoppelte Aufgabenicht nur als römischer Künstler mit Papst Leosondern auchals Florentiner Bürger sich mit den neuen Gebietern von Florenz gut zu stellen.

Denn als Künstler blieb ihm in Florenz nichts mehr zu tun. Von den altenunerledigten Aufträgen hatte er sich frei gemacht. Die zwölf Apostel fürSanta Maria del Fiore waren schon 15I2 unter eine Anzahl jüngerer Bildhauerverteilt wordendie sie im Laufe der nächsten zehn Jahre zustande brachten.Von der kolossalen Statue für den Platz am Regierungspalaste war keine Redemehr. Ebensowenig von der Malerei im Saale des Consiglio grande. Soderini war jafortdas Consiglio aufgehoben und der Saalseiner früheren Würde entkleidetabsichtlich zum Aufenthalte von Soldaten erniedrigtderen an die Wändeanstoßende Piken vielleicht die Schuld trugendaß Leonardos bereitsvollendetes Werk zu verschwinden begann.

Über beide berühmte Kartons muß hier noch ein Wort gesagt werden.

Fest stehtdaß sie zerstört und verschwunden sindnachdem sie eine kurzeReihe von Jahren als Musterdenkmal gleichsam dessenwas die florentinischeKunst zu schaffen vermochteLeonardos Werk im Saale der PäpsteMichelangelosKarton im großen Saale des Regierungspalastes aufgestellt gewesen waren. Eineganze Reihe heranwachsender Künstler zeichnete vor ihnen und empfing aus ihrenLinien die ersten Eindrücke. Einer von diesen jungen Leuten wird von Vasari desVerbrechens angeklagtMichelangelos Karton böswillig zerschnitten zu haben.Und zwar soll die Tat im Jahre 1512 begangen worden seinin jenen Tagen derUnruhenals niemand für die Werke der Kunst Zeit und Gedanken übrig hatte.

Bandinelli ist sein Name. Wir kennen ihn aus Cellinis Lebensbeschreibungderauf genügende Weise dafür gesorgt hatden unausstehlichen Charakter diesesBildhauers zu verewigen. Vasari urteilt nicht besser über ihn. Beides aberkönnten die Erzählungen neidischer Kunstgenossen sein. Doch es ist eine langeFolge von Bandinellis eignen Briefen erhaltenhinreichendden neidischenfalschenverleumderischen Geist und die alberne Eitelkeit des Mannes offenbarzu machen. Dazu treten seine geschmacklosen Werke noch. Nur eins muß man ihmlassen: unermüdliche Arbeitsamkeit; und von einem Verbrechen dürfen wir ihnfreisprechenmögen auch die anderen Niederträchtigkeiten wahr sein: er kannden Karton des Michelangelo im Jahre 1512 nicht zerschnitten haben.

Vasari erzählt allerdings ganz genauwie Bandinelli sich den Schlüsselverschafftwie er als ein Anhänger der Leonardoschen Partei Michelangelogehaßt und beneidet habeund was die Stadt dazu gesagtnachdem die Tatbegangen war. Aber es ist gelogen. Vasari zeigt sich erbärmlich bei dieserGelegenheit. In der ersten Ausgabe seines Buches findet sich Bandinellis Lebennicht. In dem Michelangelos wird da nur gesagtder Karton sei im Jahre 1517als der Herzog Giuliano im Sterben gelegen und niemand Zeit gehabt hättesichdarum zu kümmernzerschnitten worden; die einzelnen Stücke seienverlorengegangen. Als die zweite Ausgabe des Bandes erschienwar Bandinelliinzwischen gestorbenund seine Biographie wurde den andern beigefügt. Hier nunerscheint in Bandinellis Leben die Anklagedaß er 1512als in Florenz allesdrüber und drunter gingin den Saal des Palastes geschlichen sei und denKarton zerschnitten habewährend zugleich im Leben Michelangelos die alteAngabe von demwas 1517 vorgefallen seivon Vasari gedankenlos wiederholtwird.

Also in demselben Buche schon ein Widerspruch. So stark aber war der Eindruckvon Bandinellis unerträglichem Wesendaß man die Anklage als begründetangenommen und was für ihn zu sagen waraußer acht gelassen hat. ZweiUmstände sprechen ihn frei. Erstens Condivis Schweigen. Condivi sagtderKarton sei verloren gegangenman wisse nicht wie. Hätte Bandinelli die TatbegangenCondivi (Michelangelo selbst also) würde sie wenigstens angedeutethaben. Zweitens aber gibt uns Benvenuto Cellini selbst das Mittel an die Handnoch schärferen Gegenbeweis zu führen.

Cellini erzähltwie er sich erst im Jahre 1513 ernstlich entschieden habebei der Goldschmiedekunst zu bleiben; wie er darauf in SienaBologna und Pisagearbeitet und endlichnach Florenz zurückgekehrtvor dem Karton desMichelangelo und dem Leonardos gezeichnet habe. Dies muß also notwendigerweisenoch 1513 gewesen sein. Hätte Bandinelli aber statt 15121517 die Tatbegangenso wäre auch Cellini nicht der Mann gewesensie unerwähnt zulassendenn er haßte Bandinelli wie Gift und verehrte Michelangelos Karton alsdas Höchstewas jemals von diesem geschaffen worden sei.

Diese böse Erinnerung also brachte die Rückkehr der alten herrschendenFamilie für Michelangelo nicht mit sich. Überhaupt scheint er das abermaligeEmporkommen der Medici zu jener Zeit nicht mit ungünstigen Augen betrachtet zuhaben.

»Teuerster Vater«hatte er nach dem Wiedereintritte der ehemaligen Herrenin die Stadt an den alten Lodovico geschrieben»in Eurem letzten Briefe stehtich möchte kein Geld bei mir im Hause halten und keins bei mir tragenunddannes sei bei Euch darüber gesprochen wordendaß ich mich in ungünstigerWeise über die Medici geäußert hätte. Was das Geld anbelangtso liegtsoviel ich davon habein der Bank bei den Balduccisund ich führe bei mir zuHause oder in der Tasche nurwas ich zu den täglichen Ausgaben bedarf. Was dieMedici anlangtso habe ich niemals gegen sie gesprochenes sei dennwie alleWelt über sie geurteilt hat. So zum Beispiel über daswas in Prato geschehenist. Darüber aber würden die harten Steine geredet habenwenn sie Stimmehätten. Und in der Art ist viel über sie gesagt wordenwas ich gehört undwiederholt habe: ob es wahr seidaß sie so auftreten und so übelwirtschaften; doch will ich nicht sagendaß ich es geglaubt hätteund Gottgebedaß es gelogen sei. Vor vier Wochen aber hat jemandder sich meinenbesten Freund nanntesehr stark bei mir gegen sie losgezogenich verbat mirdas jedoch und sagte ihmes sei nicht recht so zu redenund er mögestillschweigen. Es wäre doch gutwenn Buonarroto unter der Handherausbrächtevon wem man die Angabe haben willdaß ich gegen die Medicigesprochenich könnte dann nachforschenob es von einem von denen kommtdiesich so freundschaftlich an mich heranmachtenund kann mich in Zukunftvorsehen. Ich bin gegenwärtig ohne Arbeit und warte abdaß mir der Papsteinen Auftrag gebe.«

So hatte Michelangelos Meinung Ende 1512 oder Anfang 1513 gelautetals PapstGiulio noch lebte. In dem Maße aberals die Medici sich mehr und mehr in ihreralten Heimat festsetztenkehrte größeres Vertrauen zu ihnen zurückundMichelangeloder in ihrem Hause aufgewachsen war und sie alle persönlichkanntehatte keinen Grund. sich auf Seiten ihrer Gegner zu stellen.

In der Tat benahmen sich die Medici unter der Leitung des Kardinals so gutdaß selbst ihre Feinde ihnen die Anerkennung nicht versagen konntenes werdevon ihnen in altgewohntervollendeter Staatsweisheit die richtige Mitteinnegehalten.

Sie verfuhren als ausgelernte Kenner des florentinischen Naturells. DieStellungdie ihnen bei ihrem ersten Auftreten gegeben worden warerschien baldnur als das Resultat der drängenden Aufforderungen Cordonasdenen sich nichtausweichen ließ; der Staatsstreich und die Berufung des Parlamentes alsGewaltmaßregelnzu denen sie die Uneinigkeit des Consiglio grande geradezugezwungen hatte; das Nachfolgende war das Werk der freien Bürgerschaft gewesen.Die spanischen Truppen führten freilich fünfhundert GefangeneMänner undWeibermit sich fort und brandschatzten das Landeine greuliche Bande dieseArmeemit Türken und allem möglichen Gesindel darunteran barem Gelde hattensie von Florenz allein 150 000 Dukaten bezogendas abgerechnetwas Lucca undSiena zahltenum sich loszukaufenaber die Medici waren esdie ihren Abzugvermitteltenwährend die Soderini ja daran schuld gewesendaß sie ins Landkamen! Denn der Kardinal Giovanni hatte nur als Legat den Befehlen des PapstesgehorchtGiulio dei Medici nichts getanals den Pallesken in Florenz guten RatgegebenGiuliano diente beim Heereund LorenzoPieros Sohnfür den dieStadt eigentlich erobert wurdehatte sich gar nicht bei den Ereignissenbeteiligt. Dieser stellte sich dann erst einals alles abgemacht warundbetrat die Stadt als ein Jünglingder von nichts gewußt und zu nichtsverholfen hatte.

Begnadigungen der verurteilten Bürger waren die erste Handlung der Medici.Anhänger der Soderinidie in äußerster Furcht schwebtenwurden persönlichaufgesuchtmit Versicherungen der Hochachtung beruhigt oder gar in Schutzgenommen; die Verbannung der Soderini in der mildesten Form ausgesprochen. DerGonfalonier sollte auf fünf Jahre Ragusa nicht verlassen dürfendie anderenkamen mit zwei Jahren durch. Es handelte sich ja nur um die Sicherheit desStaates; die Medici dachten nicht daranRache zu nehmen.

Zu gleicher Zeit die Entfaltung äußerlichen Glanzes. Giuliano und Lorenzoerrichteten zwei Verbindungen junger reicher Leute zum Zwecke öffentlicherVergnügungen. Die Gesellschaft Giulianos hieß die compagnia del diamanteweilder Diamant das Zeichen Lorenzosseines seligen Vatersgewesen warwährenddie compagnia del bronconeLorenzos Schardas Symbol des verstorbenen Pieroeinen Zweigführte. Diese beiden verherrlichten den Karneval des Jahres 13.Während Papst Giulio zu Rom im Sterben lagbezeichneten prachtvolle Feste daserneute Aufblühen der Medici in Florenz. Das sind die romantischen Zeitenvondenen Vasari so gern sprichtder damals geboren wurde und in seinenKinderjahren sich erzählen ließwelch eine pompöse Rolle die FlorentinerKünstlerschaft dabei spielte.

Hinter dieser Delikatesse und Zurückhaltung aber lauerte die äußersteVorsichtund wo diese besorgt zu werden beganngriff unter dem Sammetmantelhervor eine Tatze mit scharfen Krallendie keine Rücksicht kannte. Die Parteider Pallesken begann sich zu sondernnachdem die Medici endlich wieder obensaßen. Unter den Soderinis war es gleichsam Mode gewordenPalleske zu seinmehr aus Opposition gegen den halb demokratischen Gonfalonier als ausAnhänglichkeit an die verflossene Herrschaft der seit beinahe zwanzig Jahrenvertriebenen Familie. Nun war sie wieder da und Soderini fortdie eine Gewaltersetzt durch die andere: die alten Arrabiatendie weder die Demokratie nochdie Medicisondern sich selbst oligarchisch an der Spitze der Dinge sehenwolltenfingen an in der Stille zu wühlen. Die CapponiAlbizzi und die altenErbfeindedie nach Vertreibung Pieros rehabilitierten Pazziwaren die Häupterder Opposition. Gleich anfangs hatten sie die Berufung des Parlaments zu hinderngesuchtjetzt verdichtete sich die allgemeine Unzufriedenheit zu einerVerschwörung.

Diese wird entdeckt. Und nun KerkerTorturHinrichtungenVerbannungen. DieMedici zeigen sich hier so unerbittlichdaß einer von den ValoriseinerFamilievon der der Umschwung zu ihren Gunsten hauptsächlich ausgegangen warnur deshalb erst zum Todedann zu ewigem Gefängnis verurteilt wirdweil erdie Anträge der Verschworenen abgelehnt hatteohne sie zu denunzieren. Unterden gefänglich Eingezogenen befand sich auch Machiavelliderdurch SoderinisAbgang aus seiner amtlichen Tätigkeit herausgerissenzu den Unzufriedenengehörte. Glücklicherweise wurde der Kardinal Medici bald zum Papste gewählt:Leo der Zehnte. Nun fühlte man sich sicherer und behandelte die Gefangenenmilderbis endlich die Amnestie erfolgte.

Die Verschwörung fällt in Papst Giulios letzte Tagedie Wahl Medicis aufden 11. März. Einstimmig wurde er gewähltund wer es am meisten betriebenhattewar der Kardinal Soderinimit dem man sich versöhnte. Gleich nach desneuen Papstes Thronbesteigung wurde auch der Gonfalonier aus Ragusa nach Romberufen und freundschaftlich empfangen. Ein Jubel herrschte in Romwie er seitden Tagen der alten Kaiser nicht erlebt warund in Florenz nicht minderwodurch die Ehredie der Stadt mit dieser Wahl widerfuhralles ausgelöschtschienwas man gegen die Medici auf dem Herzen hatte. Leider lesen wirdaßdie habsüchtige Kaufmannsnatur des Volkes den größten Anteil an dieserZufriedenheit trugdenn jedermann hoffte durch den Papst emporzukommen und Geldzu verdienen. Eine Art Raserei von Servilismus beherrschte plötzlich dieGemüter; überall wurden die alten Wappen der Stadtdie roten Kreuzewelchedie Freiheit bedeutetenherabgerissen und die mediceischen Kugeln an derenStelle gesetzt; in Rom drängte sich halb Florenz in den Vatikan und küßte demPapste die heiligen Füße. Leo äußerte ziemlich verachtungsvollnur zweiLeuten sei er begegnetdie es gut mit der Stadt gemeint und ihm die Wahrungihrer Freiheit ans Herz gelegt hätten: der eineein als öffentlicher Narrbekannter armer Teufelund der andereSoderinider Gonfalonierderin Rombis an sein Ende lebenddiesen Titel fortführte.

Die Freiheit schien aber auch in der Tat ein unmöglicher Besitz für dieFlorentiner geworden zu sein. Denn sogleich wurden nun von den Medicis die altenPlänedie schon die Borgias hegtenwieder vorgenommen. Ihren Gedanken nachzerfiel Italien jetzt in zwei Königreiche: Neapeldas Giuliano haben sollteund die anderenördliche Hälfte der Halbinselmit der Hauptstadt Florenzals die Beute Lorenzos. Ganz ebenso hatte Alexander der Sechste einst das Landunter seine Söhne zu teilen gehofftjetzt lenkte Leo mit der Kraft einesMannesder von Jugend auf für seine große Rolle eingeübt worden warein indie Spuren dieser Vorgänger.

Der neue Herr glich dem verstorbenen wenig. Leo der Zehnte war ein Mann vonGeschmack und Bildungliebte geistreiche Leute und fand sein Behagen inverschwenderischem Geldausgebenaber er wäre in Sachen der Kunst nichtimstande gewesendie großen Meister zu wählen wie Giuliohätte nicht wiedieser gesagtdies kann Michelangelo alleindies Raffael leisten. Musik warseine Leidenschaftallerlei Narrheiten und Witze sein unentbehrlicherZeitvertreib. Schlau und rücksichtslos in politischen Dingenerreichte ervielaber seine Erfolge scheinen ärmlich den Taten Giulios gegenüber. Fettmit gewaltigem Oberkörper und schwammig riesenhaft geschnittenenGesichtszügenstand er auf schwächlicheren Beinenseine blödenkurzsichtigen Augen drangen froschartig vordie dicken Lippen packten wie zweiFäuste ineinander: wie anders die tiefliegendendurchdringenden Blicke Giuliosund dessen energischer Mund mit den eingebohrtendreieckigen Winkeln. Leo desZehnten Bild von Raffael ist geschmeichelt; auf Münzen und Medaillen erscheinter weniger geistig in seiner ganzen wanstartigen Fülle. Wenn man diesesgedunsenegroße Gesicht sieht und sich denktwie der Papst mit einer Brilleauf der Nase mitten unter schmeichelnden Musikern die erste Stimme singtwieerewig in Transpiration und mit den von Ringen blitzenden Händenauf derenSchönheit er eitel warherumkokettierendüber die Späße seinerTischgesellschaft lachtwie er einem wackerenweitgereisten deutschenEdelmanne Audienz gibtder ihmnach abgetanem Fußkusse sich aufrichtend unterdie Nase stößtso wird er fast lächerlich; ekelhaft sogarwenn wir vonseinen Krankheiten lesen; – Raffaels bloßes Dasein aber macht alles wiederguter erhebt den Papst und ganz Rom in eine ideale Sphäre.

Wie der Geist Shakespeares die Zeit der Königin Elisabeth mit einem Firnisüberglänztder das unscheinbarste frisch und neugiererregend machtsoverleiht die Gegenwart Raffaels dem Hofe Leo des Zehnten den Anstrichjugendlicher Anmut. Es ist als hätte sich das sonst trübe hinfließendeGewässer des Lebens in lauter sonnenblitzende Springbrunnen verwandelt.Raffaels Porträt des Papstesund wenn wir es noch so sehr für geschmeichelthaltengewinnt den Schein der wahrsten Wirklichkeitund der gesamte Charakterdes Mannesalles in allemetwas FreiesUnabhängigesja Großartiges. DennPapa Lione war von fürstlicherunwiderstehlich einschmeichelnder Herablassunggegen Niedereein vollendeter Diplomat aber Fürsten gegenüber. Nichts vonFeigheit liegt in seinem Wesen. In schwierigen Lagen war er kaltblütigaufgetreten. Als er im Kardinalskollegium die Zettel vorzulegen hatteund essich zeigtedaß er selber der gewählte Papst seilas er ruhig weiterohnedaß seiner Stimme die mindeste innere Bewegung anzumerken gewesen wäre. Ererkannte die Charaktere der Menschener lenkte und benutzte sieund seineprachtvolle ArtRom als den Mittelpunkt der zivilisierten Welt darzustellenhat sich so erfolgreich erwiesendaß erder für die bildenden Künste nurwenig getan hatdennoch Giulios Ruhm beinahe ganz auf sich zu übertragen undin der Geschichte als der Mann aufzutreten verstandohne dessen Namen von derBlüte der modernen Kunst nicht gesprochen werden kann.

Nennen wir Glück ein erhebendes Gefühl der Gegenwart mit der Aussicht aufeine Zukunftderen sich mehrende Vorteile ein ins Unendliche fortschreitendesWachstum erwünschter Zustände darbietenso daß die Erinnerung an dieVergänglichkeit des Irdischen und an die zerstörerische Ironie des Schicksalsleicht von der Seele gescheucht wirdals ließe die gewaltige Regel dennochAusnahmen zudann war die Familie Medici vollkommen glücklich in jenen Tagenals Leo der Zehnte im November 1515 in Florenz einzog. Giulianoden Gonfalonierder Kirchehatte er mit einer französischen Prinzessin vermählt. Lorenzo istGeneralkapitän der florentinischen Republik (gegen die Gesetzedenn keinEingeborner durfte diese Würde erhalten; das aber kümmerte ihn wenig)erkommandierte die Stadt so unumschränktals wenn er ihr Herzog wäre. Giuliodei Medici ist Erzbischof von FlorenzKardinal und Legat in Bologna. InFrankreich ist Ludwig der Zwölfte gestorben. Seine Rüstungen zurWiedereroberung der Lombardei sind dem Herzoge von Angoulème zugute gekommender als Franz der Erste im Beginn des Jahres 1515 den Thron besteigtmit einemHeere in Italien erscheintin der Schlacht von Marignan das Beispielglänzender siegreicher Tapferkeit gibt undnachdem er Frankreich abermals zumHerren der italienischen Politik gemacht hatden Papst und die Medicidieanfangs gegen ihn mit dem Kaiser zu Felde gezogen sindzu seinen Freundenumschafft. Jetztim Herbste 1515will Franz mit dem Papste in Bolognazusammentreffenund auf der Reise dahin betritt Leo zum ersten Male nach seinerErhöhung die Vaterstadt wiederderen Bürger im Entzücken über seine Ankunftdie Mauer einreißenum ein neues Tor zu schaffen: Leos Einzug in Florenzschien die Besiegelung der in Dienstbarkeit verwandelten Freiheitsliebe.

Damals war esdaß Machiavelli sein zwei Jahre früher begonnenes Buch überden Fürstenil Principedem jungen Lorenzo zueigneteein Aktder in jenenZeiten weniger als heute eine bloße Höflichkeit bedeutete. In diesem Fürstendessen Begabung der venezianische Gesandte mit der Cesare Borgias vergleichterblickte Machiavelli den zukünftigen Herrn und Retter Italiens. Das Buchsoobjektiv und allgemein es gehalten scheintist im Grunde doch nur für Florenzund Lorenzo berechnet – und für Machiavelli selber. Denn er wollte sich alsbrauchbaren Mann darstellen und auf alle Fälle wieder in aktive Dienste treten.Das aber gelang ihm doch nicht. Die Medici urteilten vielleichtdaß ein Geistder so genau die Mittel und Wege und Leidenschaften der Fürsten kannteein zubedenklicher Beobachter in ihrer nächsten Nähe sei.

Den 11. November war Leowie Michelangelo seinem Bruder Buonarroto schreibtvon Rom nach Florenz abgereist. Buonarroto dann wiederum schildert ihm in einemlangen Briefe die Pracht des Einzugesder übrigens in einem besonderen Bucheoffiziell der Welt mitgeteilt wurde.

Zwölf Triumphbögen erwarten den Papst in den Straßen von FlorenzTempelSäulenStatuenFahnenBlumenTeppichedie Stadt erschien wie ein einzigergeschmückter Palast und die Bürgerschaftin ausgesucht prachtvoller Kleidungwie eine Schar glückseliger Kinderdie ihrem Vater entgegenjubeln.

Damals war auch Granaccio wieder bei der Hand und errichtete einen derTriumphbögengrau und grau die Malereien und freie Statuen daraufer undAristotile di Sangallo hatten diese Arbeit vollbrachtdie Staunen erregte;Giuliallo und Antonio di Sangallo vor dem Palaste der Regierung einen Tempelaufgebaut; RossoMontelupoPuntormolauter Namen einer Generationsichbeteiligt. Das Prachtvollste aber war eine aus Holz aufgebautemarmorartiggemalte Fassade vor Santa Maria del Fiorevon Sansovino nach den Zeichnungendes alten Lorenzo dei Medici errichtetder sich wohl auf die Architekturverstand. An diesen Herrlichkeiten vorüber wälzt sich der schimmernde Zug desPapstesin dessen Gefolge sich Raffael befindet. Diese Reise auch bot deinPapste Gelegenheitzum erstenmale Michelangelos Dienste in Anspruch zu nehmen.

III

Michelangelo hatte schon vor dem Regierungsantritte des neuen Herrn imVatikan nichts mehr zu tun gehabtRaffaelder von Würde zu Würde stiegwardort allmächtig. Selbst in die Sixtinische Kapelle einzudringenwar Raffaelendlich gelungen. Er arbeitete an den Kartons für die Teppichewelche dentiefsten Teil der Mauer rings herum bedecken solltenWerkedie durch innereGrößeEinfachheit und Beherrschung aller Körperformen das Bedeutendste sindwas er geschaffen hat. Hier tritt er am nächsten an Michelangelo heranundwenn Raffaels Absicht warihn durch eine gewaltige Leistung zu bekämpfensogelang es ihm. Ob Leo jedochRaffael für den vorzüglicheren Künstlerhaltenddeshalb so viel Gunst auf ihn gehäuftoder ob dies nur die Folgejener zweiten Kunst wardie Raffael im höchsten Grade besaß: die Menschenunwiderstehlich anzuziehenist ungewiß. Es scheintdaß Leos undMichelangelos Naturen einander leise abstießen. Es gehörte ein Mann wie GiulioII. dazuum bei persönlicher Frage und Antwort Michelangelo zu überbietenLeo scheute sich vor ihm. Er sprach offen ausMichelangelo sei so wildund eslasse sich mit ihm nicht verkehren. IndessenLeo war Papst und Michelangelo warMichelangelo. Er nahm eine Stellung einwelche Aufträge für ihn wie eineNotwendigkeit erscheinen ließen

Auch erwartete Michelangelo diese Aufträge als etwas Sicheres und suchtesich für den Falldaß sie erfolgtendie Schultern frei zu machen. Mit dergrößten Anstrengung wurde die Fortführung der Grabmalarbeiten betrieben. ImSommer 1515 werden von Buonarroto 1500 Dukaten als Betrag aller beimSpitalmeister niedergelegten Gelder nach Rom gesandt. Michelangelo wollte dasMetall zu den Bronzeteilen des Monumentes dafür kaufen. Er müsse rasch fertigwerdenschreibt erdenn der neue Papst werde nächstens seine Dienste inAnspruch nehmen. Er mahnt die Seinigensich einzuschränken und keine unsichernSpekulationen zu unternehmen. Der Spitalmeisterhöre erhabe sich beklagtdaß er so große Summen verlange. Der Spitalmeister sei verrückt: so langeJahre habe der Mann das Geld ohne Zinsen von ihm gehabtund nunwo man seinEigentum verlangeräsoniere er. Oft sind Michelangelos Briefe jetzt im hellenÄrger geschriebenwenn die zu Hause seinen Anordnungen nicht nachgekommenwarenimmer aber voll Sorge um das Wohl der Familie. Vom 21. April 1516 habenwir ein kurzes Billet des Kardinals Aginense an ihneines derTestamentsexekutoren Giuliosder in Ausdrückenwelche eine gewisseÄngstlichkeit verratendie Bitte aussprichtMichelangelo möge doch dieHerzogin von Urbino nicht mit dem unangenehmen Gefühle von Rom abreisen lassennichts von dem Monumente gesehen zu haben. Am 8. Juli desselben Jahres wird mitden Erben Giulios ein neuer Kontrakt vereinbartdemzufolge das Grabmal abermalsneue Gestalt erhalten soll. Jetzt soll es ganz dicht an die Wand gerücktwerden. Der Preis 16 500 Dukatenvon denen 3 500 bereits gezahlt worden waren.Die Arbeitszeit neun Jahre. Fälle von Krankheit oder andere Verhinderungenbesonders vorgesehen. Versprechen angestrengter Tätigkeit von seiten desMeisters zugesagtder nach Belieben in RomPisaFlorenz oder Carrara arbeitendürfe: all das aber wiederum umsonstdenn es ergeht der Ruf an Michelangeloim Vatikan die Befehle des Papstes für Erbauung einer Marmorfassade der KircheSan Lorenzo in Florenz in Empfang zu nehmen.

Michelangelo befand sich im Herbste 1516 in Carrarawo unter seiner LeitungMarmor für das Grabdenkmal gebrochen wurdeals ihm zwei Nachrichtengleichzeitig zukamen: die eine aus Romjener Befehl des Papstes; die andere ausFlorenzdaß sein Vater lebensgefährlich erkrankt sei. »Buonarroto«schreibt er am 23. November 1516 aus dem Gebirge an seinen Bruder»ich erseheaus deinem letzten Briefdaß der Vater todkrank gewesen ist und daß der Arztihn jetztfalls keine bösen Zwischenfälle eintretenaußer Gefahr erklärthat. Ich komme deshalb nun nicht nach Florenzich stecke zu tief in der Arbeitwenn sich aber sein Zustand verschlimmern sollteso will ich ihn auf alleFälle vor seinem Hinscheiden noch gesehen habenund wenn ich selber mit ihmsterben müßte. Doch hoffe iches geht gutund komme deshalb nicht. Sollteaberwovor Gott ihn und uns bewahren mögeein Rückfall eintretenso sorgedafürdaß ihm die letzten Tröstungen und das Sakrament gereicht werdenundlaß dir von ihm sagenob es sein Wunsch istdaß von uns etwas für das Heilseiner Seele geschähe. Sorge auch dafürdaß ihm zu seiner Pflege nichtsmangeledenn ich habe mich für ihn allein abgemühtum ihm bis zu seinem Todeein sorgenfreies Leben zu schaffen. Auch deine Frau muß sich seiner annehmenund auf seine Bedürfnisse achthabenund ihr allewenn es darauf ankommtdürft keine Ausgaben scheuenund sollte es unser Vermögen kosten. Gebt mirbald Nachrichtdenn ich bin in großer Besorgnis.«

Diesem Briefe beigeschlossen war ein andererwelchen Borgherini so rasch alsmöglich nach Rom befördern solleda wichtige Dinge darin enthalten seien. Am5. Dezember geht Michelangelo selbst dahin abvernimmt die Absichten desPapstes und fertigt eine Zeichnung anauf welche hin er mit dem Bau der Fassadebeauftragt wird.

Michelangelo hat alles auf den Fassadenbau Bezügliche in einer Denkschriftzusammengestelltderen größter Teil erhalten blieb. Dies ist deshalbbesonders wichtigweil dadurch eine Anschuldigung gegen seinen Charakter alsgrundlos beseitigt werden kannwelche verschiedenfach formuliert immer wiederaufs neue gegen ihn erhoben worden ist.

In Vasaris Leben des Leonardo da Vinci lesen wir: Zwischen Leonardo undMichelangelo herrschte Gereiztheit und Übelwollen. Und deshalbalsMichelangelo vom Papste zur Konkurrenz für die Fassade von San Lorenzo nach Romberufen wardging ermit Erlaubnis des Herzogs Giulianovon Florenz dahin;Leonardoals er dies hörteverließ Rom und reiste nach Frankreich.

Neuere Biographen Leonardos habenwas Vasari sagtzu einer Erzählungausgebildetderen Widerlegung nicht zu umgehen war. Man berichtet: kaum habeMichelangelo in Florenz Nachricht empfangendaß Leonardo in Rom seials ersich sofort dahin aufmachteum dem Einflusse seines alten Gegnersentgegenzuwirken. Um vom Herzog Giuliano aber die Erlaubnis zu dieser Reise zuerlangenhabe er bei demselben vorgegebendaß er vom Papst der Fassade wegennach Rom berufen sei. Diese Mühe jedoch (Leonardo zu verdrängen nämlich) seiihm von Leonardo selbst erspart wordender sichsobald er von seines altenNebenbuhlers Ankunft gehörtfreiwillig von Rom fortbegeben habe.

Ist nun zwarwas uns auf diese Weise als eine ausgemachte Sache vorgetragenwirdschon dadurch zu beseitigendaß ein Mißverständnis der italienischenSprache nachgewiesen werden kann (denn es ist immer noch besserhier Unkenntnisstatt absichtlicher Verdrehung vorauszusetzen)so darf jetzt jedoch mitSicherheit behauptet werdendaß auch Vasaris Angabe eine Unmöglichkeitenthält. Wir besitzen eine eigenhändige Notiz Leonardosderzufolge ernachdem er in Rom das nicht gefundenwas er erwartetbereits Ende Januar 1516für immer von dort wieder fortzog. Ende November 1516 aber erst erging der Rufdes Papstes an Michelangelo. Sollte Leonardo aber florentinisch gerechnet habenso daß nach römischer Zählung der Januar 1517 als die Zeit seiner Abreiseanzunehmen wäreso stimmte das ebensowenig zu jenen Behauptungen. Denn dannwäre zur Zeit seines Fortgehens die Bestellung längst erfolgt und Michelangelobereits wieder in Carrara gewesen.

Leonardo war im Jahre 13als Giuliano dei Medici zur Krönung Leos nach Romzogmit diesem dorthin gegangenvom Papste jedoch seiner zögernden Art zuarbeiten wegen ohne größere Aufträge gelassen worden. Nicht durchMichelangelosondern durch Raffael würde er verdrängt worden seinwenn erwirklich aus Eifersucht Rom verlassen hätte. Doch auch das ist nur eine leereVermutung. Warum durchaus immer auf solche Persönlichkeiten kommen? An nichtswird lieber geglaubt als an kleinliche Leidenschaften und Fehler großer Männerund nichts sorgfältiger ausgebeutet als die darauf hinzielenden Andeutungen derBiographen. Wieviel mag in Vasaris Erzählungen stehenwo wir nicht einmalahnendaß es falsch istum vielleicht niemals aufgeklärt zu werden. Denn esgibt Charaktere unter seinen Zeitgenossendie Vasariweil er die einzigeQuelle istaus der wir sie kennen lernengeradezu vernichtet haben kann.

Als Michelangelo im Dezember 1516 in Rom eintraffand er dort eine Anzahlvon Künstlern versammeltderen Zeichnungen gleich der seinigen für dieprojektierte Fassade eingefordert worden waren. Die Ausführung dieses letztenfehlenden Schmuckes der mediceischen Familienkirchein der Brunelleschi undDonatello sich verewigtenwar oft beabsichtigt worden. Lorenzo Medici hatteseinerzeit selbst eine Zeichnung dafür entworfen. Man führte Kirchenbautendamals nicht selten in dieser Weise ausdaß die Fassade von vornherein außerAnschlag kam und ihre Errichtung späteren Zeiten mit neuen Geldmittelnaufgespart blieb. Kostbarefertig ausgebaute Kirchen bieten so in italienischenStädten häufig den sonderbarsten Anblick. Auch Santa Maria del Fioreringsummit dem prachtvollsten Marmorgetäfel bekleidetzeigte bis auf die neuere Zeitals Fassade eine häßliche kahle Wanddie nun freilich mit einer ungeheurenschneeweißen Marmordekoration zugedeckt worden ist. Deshalb war auch bei LeosEinzug die Holzfassade des Sansovino der passendste Schmuck zur Verschönerungdes Domes und der ganzen Stadtder sich nur ersinnen ließ.

Die Aufführung der Fassade von San Lorenzo bildete eine gewaltige Aufgabe.Hätte Michelangelo sie übernommenso wäre an eine Rückkehr zum GrabdenkmaleGiulios einstweilen gar nicht zu denken gewesen. Er stellte dies Leo vor undberief sich auf seine Verpflichtungen gegen die Familie Rovere; er seikontraktlich gebunden und habe bereits Geld empfangenman fordere Arbeitdafür. Der Papst erwiderteer möge ihn nur gewähren lassen; mit den Roverewolle er schon fertig werdendaß sie die Einwilligung gäben. Diesen bliebdenn auch nichts anderes übrigals ja zu sagen; das einzigewas sieerreichtenwar das Zugeständnisdaß Michelangelo gestattet wurdewährender mit dem neuen Auftrage beschäftigt seizugleich am Grabdenkmale wenigstensweiterzuarbeiten. Denn gemeinhin wurden die Kontrakte so abgefaßtdaß bis zurVollendung der Arbeitum die es sich handelteinzwischen keine andereangerührt werden durfte.

Zusammengefunden hatten sich zur Konkurrenz vorerst Raffaelseit demvergangenen Jahre oberster Baumeister am Sankt Peter und vom Papsteausdrücklich mit nach Florenz geführt. Die beiden Sansovini fernerNeffe undOnkeldie Sangalliendlich Baccio d'Agnolo. Michelangelos Entwurfder nochvorhanden istwie auch einige der übrigen Zeichnungennur daß bei diesennicht entschieden feststehtwelchen Meistern sie einzeln zuzuteilen sindtrugden Sieg davon. Der Papst gab ihm den Auftragversuchte jedoch die Sache zudrehendaß Michelangelo als Leiter des Ganzen andere Meister unter sicharbeiten ließe und besonders in Betracht der Skulpturen jüngeren Bildhauerndie Modelle lieferte. Davon wollte Michelangelo unter keiner Bedingung hören.Entweder er allein oder gar nichtdabei blieb er und setzte es durch. Aberdiese Ausschließlichkeit machte böses Blut und wurde ihm von vielen Seitennachgetragen. Am 31. Dezember ist er schon in Carrara zurück. Am 8. Januar 1517empfängt er dort 1000 Dukaten zum Beginn der Arbeiten; der Gonfalonier mußtesie ihm durch einen Expressen nachsendenweil Michelangeloals er sich inFlorenz des Geldes wegen bei ihm gemeldet hatte und im Vorzimmer warten sollteohne weiteres abgereist war.

Die nun folgende Zeit wird durch die Beaufsichtigung des Marmorbrechens imGebirge ausgefüllt.

Die neue Tätigkeitin welche Michelangelo durch den Auftrag Leo des Zehntenversetzt worden warforderte nicht nur einen Bildhauer und Baumeistersonderneinen Ingenieur und dazu einen Mannder Leuten zu befehlen verstand. DieFassade einer Kirchewie der von San Lorenzomit Skulpturen zu bedeckenwareine Aufgabeneben der das Grabdenkmal Giulios ein bescheidenes Ansehenannimmt. Dazu kamdaß Michelangelo sich auch bei diesem von niemand wolltehelfen lassen. Frühling und Sommer 1517 verstreichen ihm im Gebirge. In Carrarasowohl läßt er arbeiten als bei Pietrasanta und Serravezzaan Plätzendieer selbst herausgefundenSteinbrüche auftun. Im August kommt er nach Florenzum auf den Wunsch des Papstes ein Modell der Fassade anfertigen zu lassen.Baccio d'Agnolo stellt das Architektonische aus Holz herMichelangelo arbeitetdie Figuren in Wachs dazu. Dazwischen erkrankt er. Endlich sendet er das Ganzedurch seinen Diener nach Romwohin er vom Papste durch besonderen Befehl dannselbst entboten wird. Jetzt erst werden die näheren Bedingungen der Bestellungverabredet. Michelangelo erlangtdaß die Arbeiten für das Grabdenkmalnebenher fortlaufen dürfen. Er läßtum dies zu ermöglichendas dafürbestimmte Marmormaterial nach Florenz schaffen und erhält diein der Folgefreilich nicht gehaltene Zusagees würden die Fortschaffungskosten sowohl alsdie beim Rücktransporte nach Rom zu erhebenden Eingangszölle vom Papstegetragen werden.

IV

Einen Teil des Winters 1517 und 18 blieb Michelangelo in Romum dort seinHauswesen aufzulösen und den Umzug nach Florenz zu bewerkstelligen. Durchdiesen Aufenthaltbei dem von ungnädiger Gesinnung des Papstes so wenig dieRede sein kann als bei früheren Gelegenheitenverschwinden nun auch dieVermutungen über Leo des Zehnten und Raffaels feindschaftliches Verhältnis zuMichelangelo.

Die beiden großen Künstler standen einander nicht im Wege. Jeder besaßseinen Wirkungskreis. Sie hatten beide zu Gewaltiges geleistetum sichverkennen zu dürfen. Ihre Gegnerschaft kann nur im Auftreten ihrer Anhängerwidereinander beruht haben. Was ist über Goethes Verhältnis zu Schiller nichtbis auf unsere Tage erzählt und geglaubt wordenund endlichnachdem ganz indie Tiefe gedrungen und jede Äußerung beider an die richtige Stelle gesetztwardwie rein erschienen sie in ihren Gefühlen zueinander. Es gibt einefalsche Vergötterung großer Menschen; ebenso falsch aber ist essie allzusehrnach dem gewöhnlichen Maße zu nehmen und die Feindschaftdie bei bloßenTalenten vielleicht natürlich erscheintbei denen für möglich zu haltendiein zu vollem Maße begabt wurden mit eigenem Besitztumum auch die reichstenneben sich beneiden zu dürfen.

Ohne Nebenbuhler in Romumgeben von einem Hofstaate lernender undmitarbeitender Künstlerentfaltete Raffael eine umfangreiche Tätigkeit. Erbaute am Sankt Peter; er malte im Vatikan; er stand an der Spitze derAusgrabungen und gab sich diesem Geschäfte mit besonderem Eifer hin. Esgenügte nichtdaß jeder antike Marmor in Rom bei Strafe vorher ihm gezeigtwerden mußteehe er verwandt werden durfte: durch Italien bis Griechenlandhatte er seine Leutedie für ihn zeichnetenwo antike Werke vorhanden warenoder gefunden wurden. Das alleinwas Raffael nebenbei abtathätte andereMänner ganz und gar in Beschlag genommen mit ihren Gedanken. Für ihn aberscheint es wie ein Spiel gewesen zu sein. Vom Morgen bis zum Abend muß seineTage ein Wirbel von GeschäftenArbeiten und Besuchendie er empfing oderabstatteteerfüllt habenniemals Ruheimmer vorwärtsund trotz dieserFlüchtigkeit tief in seinem Herzen die Machtsich ganz zu versenken in seineWerke und die Dinge so still und rein zu erfassenals hätte er wie ein Mönchin der Zelle gesessen und gearbeitet.

Jener Bibbienader einst den armen Improvisator Cardiere so hart angefahrenhattedann den Medicis in das Exil folgte und am Hofe von Urbino den fidelenGesellschafter abgabder alle Welt närrisch machtewar jetzt Kardinal.Bekannt ist er in der Literaturgeschichte als Verfasser des ältesten gedrucktenitalienischen Lustspieles. Seine Nichte Maria hatte er Raffael zur Gemahlinzugedacht. Es finden sich einige Briefe BembosGeheimschreibers des Papstesandiesenworin von Raffael die Rede istund dieobwohl sie ihn kaum erwähnendennoch zeigenwie eingelebt er in diese höchsten Kreise war. »Der Papst«lautet der Schluß eines Schreibens vom 3. April 1516»befindet sich wohlmorgen wird er wahrscheinlich auf drei bis vier Tage nach Palo auf die Jagdgehen. IchNavigeroder Graf Castiglione und Raffael wollen morgen nachTivoliwo ich vor siebenundzwanzig Jahren zuletzt gewesen bin.« Am 19. Aprilmeldet er die Ankunft der herzoglichen Herrschaften aus Urbino: »Gestern warich bei der Herzoginder ich übrigensso oft ich kannmeine Aufwartungmache. Sie empfiehlt sich Ihnen und Madonna Emilia gleichfalls. Signor Unico istdort als beständiger Verehrer stets zu finden. Immer noch die alteLeidenschaftdie nun schon drei und halbes Lustrum alt istwie er selbsteingesteht. Diesmal aber ist er hoffnungsreicher als jemalsdie Herzogin hatihn aufgefordertvor ihr zu improvisierenund er denkt bei dieser Gelegenheitihr steinernes Herz zu rühren. Raffaelder sich Ihnen empfehlen läßthatvon unserem Tebaldeo ein so vortreffliches Porträt geliefertdaß es einSpiegel nicht ähnlicher zeigen könnte. Ich habe nie eine solche Ähnlichkeitauf einem Bilde gesehen. Die Porträts des Grafen Castiglione und unseresseligen Herzogs sehen dagegen ausals wenn sie von Raffaels Lehrjungen gemachtworden wärensowohl was die Ähnlichkeit an sich betrifftals auch imVergleich zu dem Tebaldeos. Ich beneide ihn förmlich und gedenke mich einesTages auch malen zu lassen. Ebenwie ich soweit geschrieben habekommt Raffaelselberer muß geahnt habendaß von ihm in dem Briefe die Rede warundbittet mich zu bemerkenSie möchten ihm doch die Angaben zu den übrigenGemälden zukommen lassendie in Ihrem Zimmer ausgeführt werden sollen;diejenigenüber welche Sie bereits bestimmt hättenwürden diese Wochefertig werden. Wahrhaftiges ist keine Lügein diesem Augenblicke erscheintauch Graf Castiglione! Ich soll Ihnen seinerseits vermeldener würdeum seinealten guten Gewohnheiten nicht zu unterbrechendiesen Sommer in Rom bleiben.«

Das gemalte Zimmervon dem die Rede istscheint das Badezimmer desKardinals Bibbiena im Vatikan zu sein. Damals stand Raffael imdreiunddreißigsten Jahre. Er war stärker und voller geworden. Er hatte seineneigenen Palastund wenn er nach dem Vatikan gingsagt Vasaribildetenfünfzig Maler sein Gefolge. Seine Liebenswürdigkeit aber war so großdaßaller Neid und jede Mißgunst zwischen den Künstlern zu Boden gehalten wurde.

Keines seiner Werke ist so charakteristisch für jene Tage als einsdas alsihre freiesten reizendste Ausgeburt auch jetzt nochverdorben und übermaltden Hauch des römischen Lebens in sich trägtdem Raffael sich damals hingab.Er hat das meiste daran nicht einmal selbst gemaltsondern nur die Zeichnungengeliefert. Aber auch das gehört zu seinem Wesendaß er andere arbeiten ließundwas sie auf sein Geheiß geschafft hattenmit wenigen Meisterstrichen zuseinem Eigentum stempelte.

In Trastevere (jenseits der Tiber) liegt das Gartenhaus des Bankiers desPapstesdes reichsten Mannes seiner ZeitAgostino Chigisheute die Farnesinagenanntweil es in späteren Jahren in den Besitz der Familie Farnese kam.Mitten in den Gärten steckt esdie sich den Fluß entlangziehenan dessenanderes Ufer dichtan die vollen Häusermassen der Stadt anstoßen.Hinüberfahrend ist man aus den stillen Gebüschen in lärmende Gassen versetzt.Das war vor Jahrhunderten wohl nicht anders als heute.

Erbaut hatte das Haus Baldassare Peruzziaus Siena gebürtigdas heutenochreichlich geschmückt von den Werken dieses Meistersüberhaupt nebenFlorenz den Ruhm beanspruchen darfdie Mutter tüchtiger Künstler gewesen zusein. Peruzzi arbeitete unter den Borgias in Rom und für Papst Giulio in Ostiaals er noch Kardinal war. Nach dessen Erhebung wurde er von Bramante beim Baudes vatikanischen Palastes verwandt. Er paßte durchaus in die frischeproduktivedrauflosarbeitende Wirtschaft in Rommalte HäuserfassadenBilderfür Kirchen und Privatpersonenbaute und zeigte in seinem Stilder gleich demBramantes und Sangallos eine heiteredoch bei ihm mehr zierliche Nachahmung derAntike isteigentümlichen Charakter. Seine Gemälde weisen ihn in RaffaelsSchulebewahren jedoch eine aus dem Meister selbst stammende edle Einfachheit.Er ist ein Mannder für sich allein steht.

Auch Peruzzis schönstes Bauwerk ist die Farnesina. Vasari sagt mit Rechtsie scheine nicht gemauertsondern aus dem Boden geboren zu seinso ganzvollkommen steht sie da in ihrer reizenden Einsamkeit. Heute [1857] ist sieverlassenihre offenen Hallen sind zugemauertihre Malereien der Anßenwändeverblichen oder mit dem Kalke abgefallenund in den schlecht gepflegtenGärtenzu denen eine verrostete Eisentüre aufgeschlossen wirdsieht man diealten Springbrunnen kaum noch von dürftigem Gewässer angefeuchtet odervertrocknet und die leeren Postamente ohne Statuen. Auch die breiteEingangshallederen Decke Raffael malteist verschlossen: man hat zwischen denSäulen Wände gezogen und obenin den BogenFenster grob eingesetzt.Allmählich aberwenn man sich in die Gemälde vertieftschwindet das Gefühlder Vergänglichkeit.

Die Decke ist wie die der Sixtina ein glattes Tonnengewölbedas in rundenBogen ringsum an die Wände ansetzt. Raffael hatte bei Michelangelo gelernt.Auch er nahm die Wölbung als die blauelichte Luftin die er eine neueArchitektur hineinbaute. Aber er führte sie aus Blumenkränzen auf. Über jedemrunden Bogen malte er einen emporstrebenden Spitzbogen aus Girlandenwerkgebildetund die sämtlichensich einander zuneigenden Spitzen verband erdurch einen umlaufenden Kranzderweil das Gewölbe gleich dem der Sixtinalang und schmal istin der Mitte einen langen viereckigen Raum bildete. Diesenteilte er quer durch und spannte in den beiden immer noch länglichen Viereckenzwei Teppiche ausauf denen wir die Hauptgemälde erblickenwährend dasÜbrige innerhalb der durch die aneinander stoßenden Spitzbogen gebildetenDreiecke gemalt istperspektivisch so gehaltenals schwebten die Figuren hochin den Lüftenzu denen man durch die Girlanden emporschaut.

Den Inhalt all dieser Gemälde bildet die Geschichte Amors und Psychesdasbekanntereizende Märchen des Altertums. Psyche ist die Tochter einesKönigspaaresdasverblendet von der Schönheit ihres KindesdessenSchönheit über die der Venus selber setzt und dadurch den Zorn der Göttinherabfordert. Jeder hat gelesenwie es dahin kommtdaß das arme Kindauf derSpitze eines Felsens verlassenseinen Tod erwartetwie sanfte Zephyre esniedertragenwie Psychein einen Zauberpalast geleitetAmors Gemahlin wirdwie ihre Schwestern sie verführenden im Dunkel der Nacht verhüllten Gattenmit der Lampe heimlich zu betrachtenwie Amor fliehtwie sie verzweiflungsvollihn sucht und nach den grausamsten Proben neu mit ihm vereinigt wird. UnendlicheBilder scheinen in der Erzählung zu liegen. Raffael hatte nur eine kleineAnzahl Räume damit zu füllen. Wie ging er zu Werke?

Es scheintals hätte er von demwas sich zunächst aufdrängtgar nichtsgezeigt. Der Stolz der Elternihre VerzweiflungPsyche trostlos verlassendann im Palaste von unsichtbaren Händen bedientdann Amor belauschenddann inTränen umherirrendvon einer Prüfung zur anderen: – nichts davon. Raffaelfühltedaß die Geschichte drei Hauptpersonen habe: die erzürnte Venusdieunschuldig liebende Psyche und Amor: und daß sich in diesen dreien der Gang derFabel konzentriert. Venus muß besänftigt werdenPsyche um Amor leidenAmorsich endlich wieder mit ihr vereinigen. So erblicken wir Venus zuerstdie aufeiner Wolke sitzend auf etwas deutetdas in der Tiefe unten vorgeht. Sie zeigtihrem Sohne das verblendete Volkdas entzückt von Psyches Anblickihr wieeiner Gottheit Opfer bringtwährend Venus' eigene Altäre vernachlässigtbleiben. Amorneben ihr stehendblickt kühn hinabwohin ihr Finger seinenAugen den Weg weist. Ein fünfzehnjähriger Jüngling; mit der rechten ganzenFaust hat erwie man eine Lanze angreifteinen Pfeil gefaßtals wolle er ihnals einen Speer hinabstoßenum die zu zermalmendie seine Mutter beleidigten.Man fühlter hat verstandenwas sie meintund verspricht ihrdie Rache zuvollführen.

Raffael hat das Märchen gleichsam in ein Drama verwandelt. Hier gibt er dieerste Szene. Wir wissen was geschehen istwir erwarten was geschieht.

Die zweite Szene stellt einen Moment darder in der Erzählung ganz fehlt:Amorden drei Grazien Psyche aus der Ferne zeigend. Die Göttinnen sitzen vorihm auf zusammengeballten Wolken. Die erstevorderste hat uns den Rückenzugewandt und blickt seitwärts herab. Ihr im Profil erscheinendes Gesicht istbis zum Auge von der Schulter bedeckt. Die zweite sieht zu Amor aufder aus derHöhe herab auf Psyche deutetdie wiederum unsichtbar in der Tiefe gedachtwird. Sie scheint Amor lieber zuzuhören alswie die erstehinabzugehen. Siehat ein Bein über das andere gelegtund ihre rechte Hand ruht auf dem Knie;ihre Haarflechten sind vorn am Halse unter der Kehle zusammengeknotet und fallenin blonden Löckchen in die Brust herab. Die dritteetwas höher als die beidenandernist die reizendste. Ihr Kopf ist zu drei Viertel sichtbarund diekühne Schönheit einer unschuldigen Natur erfüllt ihn. Amor braucht die rechteHand um herabzudeutenmit der linken redet erdas heißtihre Finger sind ineiner Weise gestelltdaß man sogleich die Geste erkenntmit der er seinenWorten Ausdruck geben will. Er scheint zu sagen: sehtwie schön sie ist!Scheint euch nicht auch natürlichdaß ich Psyche zu meiner Geliebten machestatt sie zu vernichten? Und alle drei sind damit einverstanden.

Zwischen dieser und der dritten Szene ist geschehenwas scheinbar denSchwerpunkt der Fabel bildet. Psyche ist Amors Gattin geworden; die Schwesternhaben sie verleitetnachts mit der Lampe ihn zu beschleichen; er ist entflohen;verwundet von dem abgesprungenen glühenden Funkengeplagt von den Schmerzender Wunde und von der Leidenschaft zu der verlorenen Geliebtenliegt er imPalaste seiner Mutter. Eine Möwe aber taucht in die Tiefen des Meereswo Venushaustund verrät ihrwas geschehen sei. Von Wut entflammt darüberdaßAmorstatt ihre Feindin ins Verderben zu stürzenvon ihrer Schönheit selbstgefesselt worden istund im festen Entschlussedie Vereinigung beider nun undnimmermehr zuzugebenstürzt sie (wütend wie eine alte Fürstin von gutem Adeletwadie gehört hatdaß ihr Sohn ein Bauernmädchen heiraten wolle) empor inihren alten Palastläßt über Amor einen Strom von Schimpf und Drohungen ausund eilt weiterum Psyche zu suchen und an ihr selber ihren Zorn auszulassen.Da begegnen ihr Juno und Ceres. Was sie hätte? wohin sie wolle? warum sieerzürnt sei? Sie trägt den Fall vor und verlangt ihre HilfePsyche vorher nurerst ausfindig zu machen. Höhnisch aber wird sie von den beiden Göttinnengebetensich doch ihrer eigenen Aventuren zu erinnern und ihren Sohn tun zulassenwozu er Lust habe.

Dies ist die dritte Szene. Prächtig die Bewegung der Juno; ein rötlichesTuch umfliegt ihr Haupt und ist leicht über das Haar gedeckt. Ceresmit demKörper von Venus abgewandtsich mit dem Kopfe aber nach ihr umdrehendhat eingoldnesbis zum Halse reichendes Gewand an und goldne Ähren wie einen Kranz imHaare. Mit Juno zu gleicher Zeit redet sie Venus an und läßt die Händemitsprechen. Venus steht vor ihnen. Ein rötlich und golden schimmerndes Gewandflattert wie ein langer Streifen Zeug um sie herden sie mit den Armen an sichfesthält.

Verspottet von den Göttinnen und mit ihrer Bitte abgewieseneilt sie nunauf den Olympum sie Jupiter selbst vorzutragen.

Ihre Reise empor durch die Lüfte zeigt die vierte Darstellung. Sie steht ineinem goldenen Wagenein in grau und roten Schatten wechselndes Gewanddas umsie her fliegthält sie mit der Linkenmit der Rechten den Fadenan dem einTaubenpaar den Wagen hinaufzieht. Sie ist eine vollekräftigedoch nichtüppige Frau. Wie verwandelt aber sehen wir sie in der folgenden Szene! Wie einarmesunschuldiges Mädchendem alle Welt Leides antun willsteht sie vorJupiter. Die Schultern ein wenig aufgezücktdie Knie zusammengedrücktdieArme an sich gezogen und nur die beiden Hände schüchtern auseinander nachunten hin; den Kopf hält sie nach der Seite gelehnt– es ist als sähe mandie personifizierte scheueschmeichlerische Bitte gegenüber der allmächtigenGewalt. Jupitermit dem Flammenbündel im Armhört die Göttin wohlwollendanblickt halb auf siehalb sinnend in die Luft und überdenktwie die Sacheam besten zu behandeln sei. Ganz wie ein regierender Herrderin eineFamiliensache hineingezogenbeschwichtigend das Seinige zu tun versprichtumdie gefürchtete Mesalliance zu verhindern.

Den Erfolg sehen wir in der nächsten Szene: Merkurder hinabschwebtum dasallgemeine Gebot zu verkündenwodurch jeder Sterbliche bei Strafe verpflichtetwirddie flüchtige Königstochter im Betretungsfalle anzuhalten undauszuliefern. Mit ausgebreiteten Armen schwebt der Gott herabsein Mantelgolden und braunwird vom Winde in schönen Falten nach oben hin gerissenmansieht den Sturz der Gestalt aus den Lüften nieder; die linke Hand erhebt er mitausgebreiteten Fingern als Botschafterin der rechten hält er eine Tuba; dergeflügelte Helmden er trägtläßt einen Schatten auf sein Gesicht fallenals schwebte er eben unter der Sonne fort.

Nunim siebenten Bildeerblicken wir Psyche zum ersten Mal. Sie ist langeumhergeirrthat sich der grausamen Venus zuletzt freiwillig ausgeliefert unddie furchtbarsten Mißhandlungen erduldet. Unmögliche Dinge befiehlt ihr dieGöttinaber die Tiere helfen ihr; die Ameisen sortieren ihr einen ausverschiedenen Getreidearten durcheinander aufgeschütteten KörnerhaufendieSchwalbe holt ihr die Flocke aus dem Felle des goldenen WiddersendlichderTurmvon dem sie sich beim dritten Auftrageder ihr ganz unausführbarscheintherabstürzen willbeginnt zu reden und gibt ihr guten Ratwie sieaus der Unterwelt die Büchse mit einem Teilchen von der Schönheit derProserpina zurückbringen könnte.

Ihre Rückkehr aus den finstern Höhlen der Unterwelt zeigt die folgendeSzene. Wiederum hat Raffael eine neue Episode des Märchens geschaffendenn essteht nichts davon zu lesendaß Psyche von Genien aus den Tiefen der Erde zumPalaste der Venus zurückgetragen sei. Einer der kleinen Liebesgötterder sichihr unter die Achsel drängtum sie emporzutragengehört zu den reizendstenKindergestalten Raffaels die ich kenne: dunkle kühne Augen und ein himmlischerTrotz in dem kleinen Munde. Psychevon einem lichtgrünen Gewande kaum bedecktscheint ganz willenlos. Sie blickt mit stillbeglücktem Ausdruck vor sichniederdas Gefäß hält sie hoch über sich mit der linken Handeines dergeflügelten Kinder unterstützt den Ellenbogendamit sie nicht ermüde; denandern Arm hat sie dem kleinen Geniusder sich mit der Schulter unter ihreAchsel drücktüber den Rücken gelegt.

Nun trifft sie mit Venus wieder zusammen. Knienddie Hand auf die Brustgelegtblickt sie wehmütig zu ihr empor und überreicht die Büchse derProserpina. Über ihrem Haupte flattern die Tauben der Göttindie beide Armehoch erhoben hält. Nicht bloß vor Erstaunenscheint essondern auch als seies eine Wonne für siePsyche dadurch noch zu quälendaß sie das Gefäßnicht annehmen will.

Unterdessen aber hat sich Amorvon Sehnsucht gequältseinesteils auch zumVater der Götter aufgemachtund klagend über die Härte seiner Mutter bitteter um Gnade für sich und für die Geliebte. Diese Szene ist eine derherrlichsten und mit Recht berühmt. Jupiter nimmt den guten Jungen beim Kopfküßt ihn auf die Wange und tröstet ihn. Amor blickt dem alten König desHimmels und der Erde so zuversichtlich froh ins Auge; Jupiters schneeweißesLockenhaar und Bart berühren sich so schön mit der blühenden Wange. Er sitztmit übergeschlagenen Beinenein violettgraues Gewand liegt über seinemSchoßhinter ihm der Adlerden Schnabel voll Blitze. Amors eine Handmit demBogen darinruht in Jupiters Schoßedie anderemit einem senkrecht ruhendenPfeil zwischen den Fingernfällt glatt an seiner Seite herab; er steht imProfilder vordere Flügelden man ganz übersiehtliegt im Schattenderanderedessen Spitze und oberer Rücken dahinter hervorgehenleuchtet ganzhell.

Zum Schluß: Merkurder Psyche zum Olymp trägt. Sie hat die Arme auf derBrust gekreuztdie Augen wenden sich emporsie lächeltes ist als lauschtesie den Worten Merkursder ihr im Fluge schon allerlei von den Palästen derGötter erzählt. Sein Haupt wird im Profil über dem ihrigen sichtbar. Mit demCaduceus deutet er nach obenman sieht jedoch nur seine Hand mit dem Stiel desStabes darin. Wiederum umfliegt ihn der braungoldne Mantelund auf seinesilberne Flügelkappe scheint das Licht scharf herabdaß ihm ein Schattenüber das Gesicht fällt. Die Flügel des Helmes sind goldenseine flatterndenLocken blond; Psyches Haar aberdas gleichfalls sonnenblond erscheintist ihrüber dem Haupte in einen sanften Knoten geschlungenund was davon frei bliebfliegt nach obenals trügen wirbelnde Lüfte sie beide aufwärts.

Auf den großen Bilderndie eins neben dem andern die Mitte der Wölbungeinnehmen: die Darstellung Psyches im Kreise der Götter und ihre Vermählung.Es sind vollefigurenreiche Kompositionenam schönsten die letzterewo wirdie Götter und Göttinnen alle um den goldnenauf zartvioletten Wolkenruhenden Tisch zum Hochzeitsmahle gelagert sehen. Wenn irgend etwas einSpiegelbild der Zeit bietetin der diese Werke entstandenso sind sie es. Dieganze heidnische Pracht des damaligen Daseins drücken sie ausden Schluß derüppigen Wiedergeburt des alten Römer- und Griechentums in Romdas nach diesenTagen allmählich wieder in Verfall geriet.

Ich habe die Gemäldefolge so genau beschriebenweil sie am wenigstenbekannt ist und weil sie Raffaels Talent bewundern läßt für die Wahl derMomentein denen geistig der Umschwung des Märchens liegt. Doch wir gewinnennoch ein anderes Resultat. Wie Homer in der Ilias nicht die Eroberung Trojassondern den Zorn des Achilles besangso malte Raffael nicht die Leiden derPsychesondern den Zorn der Venus. Steht das aber festso wird es fast zueiner Notwendigkeitsein berühmtesunter dem Namen Galatea bekanntesWandgemälde im Zimmer nebenan nicht als eine Darstellung dieser Nymphesondernals den Zug der Venus über den Ozean aufzufassenwie er zu Anfang desMärchens von der Psyche bei Apulejus genau beschrieben steht. Dieses Bilderöffnet das Ganze und gehört so notwendig dazuals die letzten großenGemälde in der Mitte der Deckedie den Abschluß bilden. Auch begreift sichnunwarum diese Darstellung von Raffael in früheren Jahren zuerst gemalt unddas folgendedas längst versprochen und immer aufgeschoben warin späterenZeiten dazugesetzt wurde.

Noch eines bestimmte michso ganz abgehend von Michelangelo ein WerkRaffaels hier völlig auszubreiten. Kein anderes legt in solchem Grade Zeugnisab von der glücklichen Stimmung jener Tage. Chigis Gartenhaus war derSchauplatz von Festlichkeitendenen der Papst beiwohntenach deren Schluß diegoldenen Schüsselnvon denen man gespeistin die Tiber geschleudert wurdenSchüsselnzu denen vielleicht auch Raffael die Zeichnungen geliefert. Chigidem die Juwelen der päpstlichen Krone versetzt worden warender alle Künstlerbeschütztedessen Haus die Dichter besangen und der von einem sienischenKaufmann zu einem der ersten römischen Adligen emporstieg. Wir habenwenn wirder damaligen Zeiten gedenkenzu sehr die innere Fäulnis im Sinne. Schon umRaffaels willen müssen wir anders urteilen. Was Raffael gedacht und wie ergehandeltwissen wir nicht. Die überlieferten Zeugnisse geben nurÄußerlichkeiten. Aber daß er mitten in der Gesellschaft Leos drinsteckend alldie herrlichen Werke schufderen Adel und Reinheit uns noch im frischestenGlanze vor Augen stehenläßt sich nicht leugnenund daß erobgleich dieQuelle seiner Kunst nur in seinem Herzen lagdennoch unmöglich dem Einflußdessenwas seine tägliche Gewohnheit warsich entziehen konntewird niemandannehmen. Was aber war eswas die römische Gesellschaft unter Giulio und Leoso fruchtbar für die Geister gemacht hat?

Es sind drei Mächte stetswelche die Welt regieren: GeldGeist und Gewalt.Diese feinden sich an untereinander. Steht ihr Einfluß auf die Geschicke einesVolkes aber in solchem Verhältnis zueinanderdaß keine die andereüberbietetdann offenbart sich die Blüte eines Volkes. Man könnte sie auchbenennen: EnergieGenie und Geburtoder Erwerbende KraftWissenschaft undAdel: es sind immer die drei Zeichendurch die das Schicksal Menschen erhöhtindem es sie reich machtihnen überragende Seelenkräfte oder eine erhabeneStellung durch die Geburt verleiht. Immer wo einer dieser drei Titel mehr giltals der anderekrankt die freie Entfaltung eines Volkesweil sie den richtigenSchwerpunkt verloren hat.

Wie heute in England etwa oder wie in Griechenland einstso in Italien zuAnfang des sechzehnten Jahrhunderts hielt sich der Einfluß dieser drei Mächteim Gleichgewichte. Raffael war Maleraber konnte Kardinal werden. Nirgends istes so leicht gewesen für eine bedeutende Persönlichkeitsich zu jederStellung emporzuschwingenals in Rom damals. Der familienlosevielgestaltetegeistliche Staat bildete den Durchgang zu allem Erreichbaren. Eine lebendigeZirkulation aller menschlichen Kräfte fand statt. Das PedantischeVoraussichtliche heutiger Laufbahnen verschwand. Jeder Übergang war möglich.Man konnte mit geringer Anstrengung seine Vergangenheit vernichtenmankompromittierte sich durch nichts auf die Dauerauch durch die furchtbarstenVerbrechen nichtso erfüllt war der Moment stets vom Geräusch desGegenwärtigendaß keiner sich auf die Melodie des vorhergehenden Tagesbesonnen hätte. Vorwärts strebten die Menschen. Wie im Laufe die Kleiderfliegenso zeigt sich jeder bald unverhülltbald in den prächtigsten Faltenwiederund indem jeder das Leben kanntelernte er sich schützen gegen dieGefahrendie es mit sich brachte. Das Verstecken des wahren Charaktersdas beiuns mit kalter Faulheit oft ein Leben lang leicht vollbracht wirdwar dortunmöglich oder gelang nur dem Geschicktesten. Man erkannte deutlicherwasdrohteund vermied esmit furchtloser Kühnheit den sicheren Weg wählend.

Wenn wir heute von den verwerflichen Dingen hören oder sie selbst erlebendie Paris und London in sich tragenso zweifeln wir dennoch nichtwelcheVorteile es mit sich bringedort gerade für das Leben geschult zu werdenundfür dender dort aufgewachsen istwird sich die Voraussetzung nicht bildener habe teil an der moralischen Verwilderungin deren Mitte er sich bewegteund wenn er sie noch so dicht gestreift hätte.

Eine solche Erziehung war esdie Raffael in Rom empfing. Seine Werke sinddie Schöpfungen eines Mannesdem nichts Schranken setzteder sich vollkommenin seinem Elemente fühltderwie es die Stunde verlangtgehenringenreitenschwimmen oder sogar fliegen kann. Nur das Rom Leo des Zehnten war imStandedas aus ihm zu machen und das ihm zu gewährendahingegen Michelangeloder einsam gingnur das besaßwas die Stille und Einsamkeit in einer großenSeele zeitigen.

V

Auch Michelangelo arbeitete wieder als Maler in den drei Monaten seinesrömischen Aufenthaltes im Winter 1517 auf 18. Bei jenen Geldsendungen ausFlorenz nach Rom wird Francesco Borgherini von ihm erwähntein florentinischerin Rom ansässiger Bankierdurch den das Geld ausgezahlt werden könne.Michelangelo nennt ihn »einen in Wahrheit vortrefflichen Manndem kein anderervon den Florentinern in Rom gleich komme«. Für diesen hatte er damals einGemälde auszuführen. Er bezeichnet es in seinem Briefe nicht näherallein dadie Kapelle in San Pietro in Montoriowo Sebastian die Geißelung Christimalteden Borgherinis gehörteda Michelangelo um jene Zeit nichts anderesgemalt hat und es bekannt istdaß Sebastians Werk um diese Zeit etwa nacheinem Karton Michelangelos entstandso wird unzweifelhaft für michwelchesWerk in den Briefen gemeint war. Sebastian malte den gegeißelten Christus andie halbrunde Wand der Nischewelche die Kapelle bildeter führte dasGemälde in Öl ausdie Farben haben stark nachgedunkeltsonst aber hat eswenig gelitten und ist ein prachtvolles Denkmal der Malerei seiner Zeit.

Daß Michelangelo nicht nur die Skizze machtesondern den Umriß der Figurenauf die Wand zeichneteglaube ich zu erkennen. Mit geneigtem Haupte an eineSäule angebundenkrümmt sich der Erlöser unter den Schlägen seinerPeinigeraber man gewahrt beinahe nur das Bemühensich winden zu wollen: diegebundenen Glieder sind nicht imstandedie Bewegung wirklich auszuführen. Daslebendige venezianische Kolorit aber hebt die Zeichnung so sehrdaß Sebastiandas meiste an dem Bilde getan zu haben scheint. Oben darüberin der Wölbungder Altarnischeeine Himmelfahrt Christiebenfalls von Michelangelounbedeutender in der Malereials Komposition jedoch ganz gewaltig undwie mirscheinen willein Werkdas Raffael bewußt oder unbewußt in den Gedanken lagals er die seinige malte.

Die Neuheit der Malereider Reiz des Helldunkelsdie Tiefe und Glut derFarbe erregten Aufsehen in Rom und gaben Sebastian von nun an eine bedeutendeStellungdie durch andere Werkezu denen Michelangelo öfter die Zeichnungenliefertenoch gehoben wurde. Ich nenne aus ihrer Zahl den vom Kreuz genommenenChristus in den Armen Josephs von Arimathia mit Maria danebeneine Kompositionvon kolossalen Formenin prachtvoll kräftiger Pinselführung ausgeführt undzu den kostbarsten Besitztümern des Berliner Museums zählend. Hier gerade umso besser an der richtigen Stelleals Sebastian durch eine Menge unbedeutenderWerkewelche auf vielen Galerien ohne Grund mit seinem Namen bezeichnet wordensindbei uns den Anschein eines mittelmäßigen Künstlers gewonnen hatdemsich ohne weiteres dies oder jenes zuerteilen lasse. Man muß seineunzweifelhaften Werke allein vor Augen habenum ihn richtig zu schätzenetwadas Bildnis des Admiral Doria im Palaste Doria in Romdie Darstellung einesMannes wie sie Tizian nicht zu geben vermocht hätteso gewaltig ist dieZeichnung und so männlich stark der heldenmäßige Ausdruck des Charakters indiesem Bilde.

Für Sebastian del Piombo fand sich durch Michelangelos Vermittlung jetzt einneuer Auftrag. Der Kardinal Medici bestellte bei ihm eine Auferweckung desLazarus. Michelangelo zeichnete den Karton. Wir finden nicht besonders bemerktwann er mit dieser Arbeit beschäftigt waraber da wiederum die Zeit zutrifftund nichts anderes vorliegtwas ihn den Winter über in Rom beschäftigt habenkönnteso darf hier mit einiger Bestimmtheit gesprochen werden. Auch zeichneteer gewiß nicht bloß die Figur des Lazarusvon der zufällig eine einzelneSkizze erhalten bliebsondern die ganze Kompositiondie durchaus in seinemGeiste erdacht und zusammengeschlossen worden ist. In diesem Winter erstam 19.Februar 1518 wurde der Kontrakt über die Fassade von San Lorenzo abgeschlossenderen beabsichtigte Form sich im Schriftstücke genau beschrieben findet. AnfangFebruar erhebt Michelangelo Geld dafür in Florenz und geht nach Carrara weiterwo in seinem Auftrage die Arbeiten ihren Fortgang genommen hatten.

Michelangelo war in Carrara zu Hause. Er kannte das Gebirge genauund dieCarraresen kannten ihn. TopolinoSteinmetz und Bildhauer dazuwar sein guterFreund dort. Keiner hatte so große Massen Marmor von Carrara bezogen alsMichelangelokeiner sich so sehr selber darum bekümmertdaß die Sendungender Bestellung entsprächen. Der Grundweshalb er sich hier so wenig alsmöglich auf andere verließlag auch darindaß er peinlich genau in seinenAusgaben war und sich nicht betrügen lassen wollte. In einem Briefe aus demJahre 1515 beklagt er sich über einen solchen Handel: »Gib den anliegendenBrief an Michele«schreibt er von Rom an Buonarroto»ich weiß recht gutdaß er ein unverschämter Narr istaber ich muß mich an ihn wendenweil ichMarmor brauche und nicht weißwie ich anders welchen bekommen soll. NachCarrara gehen will ich nichtweil es mir unmöglich istschicken kann ichniemand dahinder Bescheid wüßtedenn entweder lassen sie sich betrügenoder betrügen selberwie Bernardinoder Schuftder mich zuletzt hier um 300Dukaten betrog und hinterher noch in ganz Rom über mich herumlamentiertewieich erfahren habe. Nehmt euch wie vor dem Feuer vor ihm in acht und laßt ihneuch nicht ins Haus kommen.« Solche Geschichten mögen oft vorgefallen sein.Die Italiener lassen beim gewöhnlichen Handel und Wandel eine so große Summevon TäuschungGeschrei und Leidenschaft mit einfließendaß ein Nordländersich erst langsam daran gewöhnen muß. Auch Michelangelo widerstrebte diesVerfahren. Er war die Redlichkeit selbst in allen seinen Verhältnissenaberbestand daraufdaß die Bedingungenunter denen er auf ein Geschäfteingegangen warstreng innegehalten würden. Deshalb ließ er sich auch ungernauf verwickelte Kontrakte ein; für eine bestimmte Summe am liebsten übernahmer seine Aufträge in Pausch und Bogen. Bei Zahlungen notierte er auf Heller undPfennig seine Ausgaben. Wo er mit seinen Brüdern aneinanderkamgeschah esdeshalbweil dieseentweder direkt oder durch den Vaterihn zu unklarenSpekulationen zu bewegen versuchtenund wo er sich mit den Auftraggebernentzweitelag der Grund darindaß man die Kontrakte anders auslegteals siegemeint gewesen waren. Michelangelo bestand überall auf seinem Rechteund sogroß die Summen gewesen sind die er verschenkt hatund so unbekümmert er siefortgabebenso hartnäckig leistete er Widerstandwenn ihm das Geringsteunrechtmäßigerweise vorenthalten wurde.

Und glaubte er bei solchen Gelegenheitendaß ihm Unrecht geschehen seisowar ihm dann allerdings der härteste Ausdruck der liebste. Es sind schon Probendieser Offenherzigkeit mitgeteilt worden: Michelangelo schonte den Papst selbernicht. Im Jahre 1518 hatte er von einer geistlichen Körperschaft in Florenz einStück Terrain gekauft und war dabei seiner Meinung nach übervorteilt worden.Die Herren beriefen sich auf eine Bulle des Papsteswelche ihnen formellesRecht zu ihrem Verfahren gäbe. Jetzt schreibt Michelangelo an den KardinalMedici. Wenn der Papstheißt es in dem BriefeBullen erlassewelche dasRecht gäbenRaub und Diebstahl zu treibendann wolle er doch gleichfalls umeinen solchen Freibrief für sich gebeten haben. Habe der Papst aber dieseGewohnheit nichtdann verlange erdaß ihm zu seinem Rechte verholfen werde.Es begreift sichdaß mit jemandder einen solchen Stil schriebnicht leichtzu verhandeln war.

Als Michelangelo Ende Februar 1518 in Carrara ankamfand er die bedungenenArbeiten nicht kontraktmäßig ausgeführt. Er geriet mit den Reedern in Streitdenen der Transport der Blöcke übertragen worden war. Rasch entschlossen gehter nach Genua und mietet dort eine Anzahl Barken. Sie langen anihre Mannschaftaber wird von den Carraresen bestochenund es kommt so weitdaß Michelangeloin seiner Wohnung angegriffen und belagert gehalten wird. Sie wollen ihn nichtfortlassenwenn er nicht nachgäbe. Jetzt wendet er sich nach Florenzmanmöge aus Pisa Fahrzeuge sendengeht selbst dahinum die Sache zu betreibenund setzt endlich seinen Willen durch. Nun aber will er den Carraresen zeigendaß sie entbehrlich seien: er wendet sich nach dem nahenauf florentinischemGebiete gelegenen Serravezza und Pietrasanta und beginnt dort Marmorbrüche zueröffnen.

Dies Unternehmen wurde eine Lieblingsidee des Papstes. 1515 war durch einenGemeindebeschluß der Serravezzaner dem florentinischen Volke alles Terraingeschenkt wordendessen man für die anzulegenden Arbeiten bedurfte. 1517 hatteMichelangelo Untersuchungen über die Natur des Gesteins anstellen müssen undsich von dessen Brauchbarkeit überzeugt. Der Papst wolltedaß das Materialfür die Florentiner Kirche auf florentinischem Gebiet gewachsen wäre.Michelangelo aberdem mehr darum zu tun war zu arbeitenals die Ausbeutungzweifelhafter Steingruben zu leitenhatte anfangs solchen Widerstand geleistetdaß es (im Februar 1517) zu einer Korrespondenz zwischen ihm und dem KardinalMedici kamin der scharfe Dinge ausgesprochen wurden. Er scheinelesen wir daden Marmor von Pietrasanta seines eigenen persönlichen Interesses wegen gegenden von Carrara herabzusetzen. Der Gonfalonier Salviati habe den Stein an Ortund Stelle untersucht und vortrefflich befunden. Der Papst sei rücksichtslosentschlossenkeinen anderen beim Bau von San Lorenzo zur Anwendung zu bringenund man werde alle weiteren Einreden Michelangelos als offenes Aufsagen desGehorsams betrachten.

Also eigennützige Absichten zugunsten Carraras! Michelangelo scheint sichdennoch an diese Drohungen nicht gekehrt zu habendenn erst vom März 1518 istein anderes Schreiben des Kardinalsder nun in den gnädigsten Ausdrücken dieZufriedenheit des Papstes zu erkennen gibtdaß in Pietrasanta soausgezeichneter Marmor entdeckt worden seiund der zugleich die Zusageenthältalle Schwierigkeitendie Straße betreffendwürden rasch beseitigtwerden. Es handelt sich nun nämlichund zwar beinahe wie um die Hauptsacheselberum die Anlage eines fahrbaren Weges von den Bergen zum Meeresufereinkostspieliges Unternehmenda nicht nur die Steilheit des Gebirgessondern auchdie sumpfige Beschaffenheit der Ebene zu überwinden war. Der Papst suchte diebedeutenden Kosten dadurch zu ermäßigendaß er die Zunft der Wollenweberbewogfür ein neues in Santa Maria del Fiore nötiges Marmorpflaster sich ander Unternehmung zu beteiligen; alles aber in der Artdaß Michelangelo diegesamten Anlagen auf sein Risiko übernahmund indem er mit dem Papste und derZunft der Wollenweber kontrahierteden Straßenbau und die Steinbrüche derSerravezza als sein eigenes Geschäft beginnen ließ.

Daß dem so seibehauptete wenigstens Michelangelo. Vielleicht haben dieverschiedenennicht näher bezeichneten Hindernissewelche sichwie seineBriefe lehrender endlichen Ausfertigung der betreffenden Kontrakteentgegensetzenin einer Verschiedenartigkeit der Auffassung bei denverhandelnden Parteien ihre Ursache gehabt. Monatelang dringt Michelangelo aufAbschlußohne seinen Zweck zu erreichen. Endlich wird es ihm zuviel. Er ist inSerravezza anwesend und will arbeiten lassen. Der Gonfalonierschreibt er anBuonarrotoscheine nichts tun zu können und deshalb die Sache zu stockenerfür sein Teil werde sich jetzt entweder an den Papst oder an den KardinalMedici wendenalles liegen und stehen lassen und nach Carrara zurückkehrenwohin man ihnals wäre er unser Herr Christus selbermit tausend Bittenzurückverlange. Man war dortscheint eszur Besinnung gekommen. Der MarcheseMalespinader Besitzer von Carraraderwütend über das Unternehmen beiPietrasantaMichelangelo so viel Unannehmlichkeiten hatte bereiten lassenzeigte sich nunda er dessen Hartnäckigkeit sahnachgiebiger. Von beidenSeiten also wurde der Verdacht gegen ihn erhobenes sei der eigene Gewinn imSpiele.

Michelangelo selber sehnte sich nicht ohne Grund nach Carrara zurück:»Diese Handarbeiter«heißt es in dem eben angeführten Briefe weiter»wissen nichts anzupacken. Hundertdreißig Dukaten hat mich ihre Arbeit schongekostetund bis jetzt ist noch kein Fuß breit brauchbarer Marmor zutagegebracht worden. Sie laufen herumtun als täten sie etwasund bringen nichtsvor sich. Dabei suchen sie heimlich für den Dombau und andere zu arbeitenwofür ich sie mit meinem Geld bezahlen muß; ich weiß nichtwer dahinterstecktaber der Papst soll genau wissenwie es hier zugeht; 300 Dukaten habeich so fortgeworfen und sehe noch nichtsdas für mich geschafft worden ist. Eswäre leichterTote wieder lebendig zu machenals Leben in dies Gebirge undetwas Kunstverstand hier unter die Leute zu bringen. Wenn mir dieWollenweberzunft 300 Dukaten alle Monate gäbewürde ich noch schlecht genugbezahlt sein für daswas ich leisteund so kann ich nicht einmal durchsetzendaß der Kontrakt zustande kommt. Empfiehl mich Salviati (dem Gonfalonier) undschreibe mir durch meinen Dienerwie die Dinge stehen. Ich muß einenEntschluß fassendenn so in der Schwebe kann ich nicht länger bleiben.«Nachschrift: »Die Barkendie ich in Pisa gemietet habesind ausgeblieben.Also auch auf dieser Seite geht alles schief. Tausendmal vermaledeit Tag undStundewo ich von Carrara fortging. Das allein ist an allem Unheil schuld. Aberich kehre dahin zurück. Wer heutzutage eine Sache gut machen willder hat nurSchaden davon.« So schreibt er am 18. April 1518. Tags zuvor erst war er inCarrara gewesenwo er einen florentinischen Bildhauer damit beauftragt hatteseine Blöcke fortschaffen zu lassen. Er scheint sich mit den Leuten dort wiederausgesöhnt zu haben und teilt fortan seine Zeit zwischen Carrara undPietrasantaläßt an beiden Stellen arbeitengeht dazwischen wieder nachFlorenzwo man den Grund der Fassade von San Lorenzo legt und wo er im Augustein Grundstück kauftauf dem ein Haus gebaut wird. In den neuen Brüchendagegen nimmt die Plage kein Ende. Krankheiten seiner LeuteBetrugFaulheitWiderspenstigkeitderen letztes Ende istdaß sie ihn ganz im Stiche lassen.Im September schreibt er rein verzweifelnd darüber. Der Regen will nichtaufhören im Gebirgees ist kaltdie Arbeit wird eingestellt. Dennoch hält erden Winter über dort ausganz alleinscheint es. Im Oktober war er selberkrank geworden und nach Florenz gegangenam letzten dieses Monats aber schonist er zurück. Im Dezember geht er dann wieder nach Florenzaber nur umWeihnachten dort zu feiern. Endlichim Frühjahr 1519hat er es so weitgebrachtdaß eine Anzahl bis auf einen gewissen Punkt bearbeiteter Säulen undBlöcke an das Meeresufer herabgeschafft worden sindum nach Florenz verschifftzu werdenwobei eine der Säulen in Stücke ging: da plötzlich aus Rom derBefehlalles liegen zu lassenweil der Bau bis auf weiteres aufgeschoben seiund keine Bezahlung!

In seiner Denkschrift über den Fassadenbau von San Lorenzo sprichtMichelangelo mit Entrüstung über die Artwie man ihn schließlich behandelthabe. »Und nun«schreibt er»untersagt mir der Kardinal Mediciim Namendes Papstesmit den Arbeiten fortzufahren. Vorgegeben wirdman wünsche michder Beschwerde zu überhebenden Marmor unter so viel Anstrengungen aus demGebirge herunterzuschaffenman werde mir in Florenz bessere Aufträge zuweisenund wolle einen neuen Kontrakt mit mir abschließen– und dabei ist esgeblieben bis zum heutigen Tag!« Und zu derselben Zeit werden von seiten derFlorentiner Dombauverwaltung Arbeiter nach Serravezza geschicktwelche sich dervon Michelangelo gebrochenen Blöcke bemächtigen und sie auf der von ihmgebauten Straße ans Meer und weiter nach Florenz bringen. Einesteils sollteSanta Maria del Fiore damit gepflastertandererseits der Bau der Fassade ohneMichelangelos Mitwirkung dennoch weiter betrieben werden.

Er behauptet nunman habe sich der Straße wegen vorher mit ihmauseinanderzusetzen. Die Dombauverwaltung will darauf nicht eingehen. Sie hätte1000 Dukaten für die Steinbrüche hergeben müssen und glaubte sich in ihremRechtewährend Michelangelo dies Verfahren als einen Eingriff ansahden ernicht zu gestatten brauche. Er dringt auf Erfüllung der Verbindlichkeiten undbetrachtet bis dahin alles als sein Eigentum. Denn er habe die Sache in Bauschund Bogen übernommen und somit für sich allein arbeiten lassen.

»Der Kardinal«fährt er fort»verlangt jetzt von mir eine Aufstellungder Kosten und Auslagendamit er sich mit mir vergleichen und den Marmor unddie Straße nach Serravezza benutzen könne. 2300 Dukaten habe ich empfangen.Wann und wobelegen die angeschlossenen Rechnungen. Davon sind 1800 ausgegeben.250 für den Transport meines Marmors von Rom nach Florenz. Außer Rechnunglasse ich dabei das nach Rom geschickte Holzmodellaußer Rechnung die dreiJahre Arbeitdie ich verloren habeaußer Rechnungdaß ich ruiniert bindurch diesen Bauaußer Rechnungin welchem Lichte ich dastehedaß man mirdas Werk übertragen und dannohne einen triftigen Grund anzugebenwiedergenommen hataußer Rechnung mein Haus in Romwo für mehr als 500 DukatenMarmorGerät und fertige Arbeit zugrunde gegangen sind: für all das bleibenmir von dem Gelde gerade 500 Dukaten übrig.«

»Aber gut so: der Papst nehme die von mir gebaute Straße samt demgebrochenen Marmorund ich behaltewas ich von Geld noch in Händen habebinmeiner Verpflichtungen quitt und ledig und setze über alles eine Schrift aufdie der Papst unterzeichnet.« So Michelangelos Vorschlag. Die Blätterworausich diese Sätze zitierescheinen das von ihm für sich selbst oder für einenseiner Freunde aufgesetzte Brouillonnach welchem die Schrift ausgearbeitetwerden solltewelche Leo zu unterzeichnen hätte. Alle Ausgabeposten sind bisauf das geringste ausgeführt. Es ist unbekanntzu welchem Ende dieAngelegenheit gediehen ist. Im Jahre 1521 kam die erste und einzige der inPietrasanta zugehauenen Säulen in Florenz an. Jahre lang lag sie dort auf demPlatze vor San Lorenzobis siewahrscheinlich nur um beseitigt zu werdenanOrt und Stelle unter die Erde gegraben ward. Die anderen lagerten noch zuVasaris Zeiten auf dem Meeresufer bei Pietrasanta. In späteren Jahren erstwurden diese Steinbrüche regelmäßiger ausgebeutet und die Transportmittelvervollkommnet. Michelangelo entdeckte im Gebirge einen buntensehr hartenaber schön zu behandelnden Marmorum dessentwillen in späteren Zeiten derHerzog Cosimo eine vier Miglien lange Fahrstraße bauen ließ. Als in dessenAuftrage 1568 die Berge dort untersucht wurdenfand man alleswie Michelangeloes verlassen und die mit M gezeichneten Steinedie wichtige Punkte bezeichnensollten.

VI

Michelangelo konnte sich mit einigem Rechte über die Medici beklagen: sehenwir die Gründe aberaus denen der Bau der Fassade in jener Zeit ins Stockengerietso bleibt doch nur das allgemeine Schicksal als der Schuldige übrig. Zuder Zeitwo der Bau beschlossen wardstand die Familie auf dem Gipfel ihrerMacht. Von 1516 an aber war der Umschlag eingetreten. Gegen die Intrigen derMenschen waren sie stark genug gewesen: gegen den Tod vermochten sie so wenigals andere Sterblicheund dieser vernichtete jetzt den stolzen AufbaudenderZukunft vorgreifenddie Familie in Gedanken für sich errichtet hatte.

1516 starb Giuliano. Lange schon hatte er sich krank und melancholischhingeschleppt. Ein Sonett von ihm ist erhaltenin dem er den Selbstmordverteidigt. Die herrschende Epidemie jener Zeiten fraß ihn langsam auf. Er warun uomo dabbeneurteilte manund indem die Italiener von damals ihm einsolches Zeugnis der Ehrenhaftigkeit ausstellenzeigen siedaß doch dasallgemeine Gefühl des Guten und Sittlichen immer gewürdigt und anerkanntwurde. Zu dem projektierten Königreiche Lorenzos war das Herzogtum Urbinodurchaus unentbehrlich. Giuliano aber wußteso lange er lebtetrotz derpolitischen Notwendigkeit zu verhinderndaß den Roveres etwas zuleidegeschähe. In den bösen Zeiten des Exils hatte er in Urbino Aufnahme gefundenund auch Leoobgleich er den verstorbenen Giulio (ganz wie dieser AlexanderBorgia) einen verfluchten Juden genanntfühlte sich dessen Familieverpflichtet. Giulianos letzte Wortedie er mit seinem päpstlichen Bruderwechseltewaren eine Bitte zugunsten der Roveres. Leo erwiderteer möge vorallem nur daran denkenbald wieder gesund zu werden. Kaum aber war Giulianototals die Galgenfrist des Herzogs von Urbino abgelaufen war. Leo erklärteder alte Mord am Kardinal von Paviaum dessentwillen Giulio seinen Neffen inden Bann getanin der Folge aber auch wieder absolviert hattesei nochungesühnttat den Herzog aufs neue in den Bannenthob ihn seiner Würde undmachte Lorenzo dei Medici zum Herzog von Urbino.

Wir könnenwas nun folgteals Unglück auffassengenauer betrachtetwartete doch nur die natürliche Rache des Schicksals. Denn Leo hatte nicht nurUnrecht getansondern auch gegen seine innerste Natur gehandelt. Er wareigentlich bequemliebte die Ruhewollte seinen Neigungen lebenim Vatikansich das Geschwätz der Stadt zutragen lassen und mithineinredenein bißchenKunst beschützenein bißchen auf die Jagd gehenein bißchen die Sitten derGeistlichen verbessern (wenn ein Geistlicher öffentlich auf den lieben Gottgeflucht oder schimpfliche oder sogar obszöne Dinge auf den Herrn Christus oderdie Jungfrau Maria gesagt hatsoll erwenn er ein öffentliches Einkommen hatdas erste Mal drei Monate davon einbüßenein Herr von Adel dagegen hat nurfünfundzwanzig Dukaten zum Besten der Peterskirche zu erlegen; dies eine Probevon den neuenverschärften Strafgesetzen) – kurzder Papst war milde undliebenswürdigund die Wortedie er nach seiner Erhebung zu Giuliano sagte:»Genießen wir nun die Herrschaftdie uns Gott gegeben hat«waren gewiß austiefster Seele gesprochen.

Lorenzo aber und dessen Mutter Alfonsina bildeten das treibende Element. Siestachelten Leoder lieber mit der Zeit gelegentlich gehandelt hättezurascherer Politik. Stolzauffahrendkriegerisch und von Ehrgeiz verzehrtnochum die Hälfte mehr ein Orsinials sein Vater Piero gewesen warverachteteLorenzo die stille Methode seiner Oheime. Er setzte den Krieg gegen Urbino durchund focht ihn aus in den Jahren 1517 und 18. Der Herzog von Urbino wirdvertriebenin Rom aber zettelt dessen Partei ein Komplott gegen das Leben desPapstes an (wieder war jener San Giorgio dabei beteiligt)die Verschwörungwird entdecktund die schuldigen Kardinälestatt zu fliehenwerfen sich mitreumütig tränenvollem Bekenntnis dem Papste zu Füßender ihnen verzeiht.Nichts zeigt so sehr den Charakter Leos. Daß man ihm in einem solchen Fallezutrauteer werde verzeihenund daß die Rechnung eine richtige warbeweistwie sehr man die geheime Schwäche seines Wesens kannte. Giulio der Zweitehätte sie alle miteinander daran glauben lassen.

Endlich hat Lorenzo nun das Herzogtum in seiner Gewalt. Eine französischePrinzessin ist seine Gemahlin. Im Jahre 1518 feiert er die Hochzeitdasfolgende aber wird sein Todesjahr. Und zu derselben Zeit sterben seine MutterAlfonsina und Magdalena CyboLeos Schwesternachdem Contessina Ridolfi schonfrüher vorangegangen war. Das war das Ende aller Pläne. Der Papst saß nunallein im Vatikanin dessen Gärten der kleine HippolytGiulianosnachgelassener unehelicher Sohnspieltesein einziges Kind überhaupt; inFlorenz übernahm der Kardinal Medici die Regierung.

Wofür sollten die beiden sich jetzt noch bemühen? Aber auch hier dieHeilung der Krankheit in dem Übel selbst wiederdas sie verursacht: Leos alteunbesorgte Natur ließ sich nicht irre machen. Nach wie vor gab er sich denDingen hindie ihm die Zeit vertriebenund statt über dem Unheil zu brütendas ihn so arg betroffen hattejagte ersang erschwatzte er und verfolgtedie allgemeine Politik der Päpste weiter: keine fremde Macht in Italienaufkommen zu lassen und sich der europäischen Fürsteneines gegen den anderenzu bedienen. Nur Geld ausgeben konnte er nicht mehr wie früher. Alles warverschwendet. Der ganze ungeheure Schatzden Giulio der Zweite aufgesammelt undLeo hinterlassen hattewar daraufgegangen. Der Krieg Lorenzos gegen Urbinohatte zuviel gekostet. Alle Tage mußte ein frischer Korb mit Goldstücken demPapste zur Hand stehender abends geleert war: 8000 Dukaten wurden dafürallein jeden Monat erfordert. Die Juwelen der Krone waren bei Chigi versetzt.Kardinalstellen wurden verkauft. Es waren wirklich die Mittel nicht mehrvorhandenden Bau der Fassade von San Lorenzo fortzuführen. Man hätte gernweitergebautwenn es möglich gewesen wäre.

Von den neuen Arbeitenmit denen Michelangelo zum Ersatz bedacht werdensollteverlautete nichts einstweilen. So mißmutig war erdaß er eineZeitlang gar nichts anrühren mochte undwas er etwa begannunfertig wiederstehen ließ. Einige seiner unvollendeten Skulpturenderen eine ziemlicheAnzahl vorhanden sindgehören vielleicht in diese Zeit. Zuletzt wandte er sichwieder zum Grabdenkmale Giuliosdessen Blöcke teilweise nun in Florenz lagen.Mit dem Kardinal Medici stand Michelangelo gut. Der Kardinal war ein ernsterMannder statt des prachtvollen Hofesin dessen Mitte Lorenzo mit seinerGemahlin regiert hatteeinsam und still im Palaste Medici saß und dieGesellschaft geistreicher liberaler Männer suchtederen Einfluß auf dieRegierung nicht verborgen blieb.

Von diesem Umschwung im geistigen Leben der Stadt gibt ein Dokument Kundedasdatiert aus dem Herbste 1519Michelangelo als einen der Männer erscheinenläßtdie die geistige Aristokratie der Stadt bildeten. Es existierte nochimmer die Stiftung des alten Lorenzodie platonische Akademie in Florenzinder philosophiert und gedichtet ward und die an öffentlichen Tagen die Blüteihrer Bestrebungen dem ganzen Volke darzulegen pflegte. Heruntergekommen aberfristete sie nur noch ein kümmerliches Dasein. Der Kardinal Medici brachteneues Leben in diese Dinge; im Oktober 1519 geht eine Bittschrift nach Rom abworin an die Gnade des Papstes appelliert wirdeinmal um die Gewährung vonGeldmittelndann aber um die ErlaubnisDantes Asche nach Florenzzurückbringen zu dürfen. Diese Bitte entsprang keiner romantischen Launeetwadaß den Florentinern mehr an dem Namen des großen Dichters als an ihm selbstgelegen hätte: Dantes Gedicht war für Florenz etwawas Homers Gesänge fürGriechenland. Seit den öffentlichen Vorlesungenwelche Boccaz über ihngehaltenfinden wir immer wieder das Verlangen auftauchenDante müsseöffentlich erklärt werden. Zu Ende des 14. Jahrhunderts sorgte der Staatselbst dafür und setzte dem für dieses Amt zu erwählenden Gelehrten 100Goldgulden jährlich auseine bedeutende Summe. Zu Anfang des 15. sehen wirdiese Bestimmung erneuert. 1495 war Dantes Urenkel von den Folgenwelche dieVerbannung seines Vorfahren etwa für ihn haben könnteentbunden worden. Jetztendlich verlangte man die Asche zurück.

Michelangelo liebte Dante vor allen anderen Dichtern. Er wußte ganzeGesänge von ihm auswendig. Seine eignen Gedichte bewegen sich in Dantes Formenund Anschauungen. Er soll ein Buch mit Umrissen zu Dante gezeichnet habendasbei einem Schiffbruche verloren ging. Wir finden Michelangelos Namen mit unterder Petition. »Ich Michelangeloder Bildhauer«schreibt er»ersuchegleichfalls Eure Heiligkeit und erbiete michdem göttlichen Dichter ein seinerwürdiges Denkmal an einem ehrenvollen Orte in der Stadt aufzurichten.«Während die anderen nur um die Asche des Dichters und um Geld bittenfaßtMichelangelo die Sache anders und will ein Denkmal für ihn liefern. Er konntedas wohldenn er war ein wohlhabender Mannder sparsam lebtefür großeZwecke aber nie sein Geld zurückhielt.

Wir sehen aus den Unterschriften dieser Supplik zugleichin welcherGesellschaft er sich damals bewegte. Die bedeutendsten Namen der Stadt findenwir da vereinigtden literarisch gebildeten Adel von Florenzalle lateinischgefaßt (statt Palla Rucellai lesen wir Pallas Oricellarius)nur Michelangeloschreibt dazwischen: io Michelagniolo schultore und so weiter. Italienischweiler Latein nicht verstand und weil er stolz auf die Sprache Dantes sie nichtzurückgesetzt wissen wollte. Öffentliche Dingesagte ermüßten in derSprache aufgezeichnet werdenin der sie mündlich verhandelt würden. Er istder einzige Künstlerder unter der Bittschrift steht. Es scheintdaß er sichaus den eigentlichen Künstlerkreisen ganz entfernt hielt. Aberwie ein großerGelehrterder sich einsam in seiner Stube hältdennoch die Seele einer ganzenUniversität sein kannso bildete er den Mittelpunkt der FlorentinerKunstbestrebungen.

Überhauptso zurückgezogen Michelangelo lebtesein Auge wachte überallemwas geschah. Er trat nur selten öffentlich aufbei solchenGelegenheiten nurwo er Einwirkung für unentbehrlich hieltdann aber auchgeschah es mit aller Energie. Sein alter Freund Baccio d'AgnoloobersterArchitekt an Santa Maria del Fiorehatte für die noch unvollendete Kuppel desDomes den Entwurf einer außenan der Stelle wo die Wölbung beginntringsumlaufenden Galerie gemachtnach welchem bereits ein ziemliches Stück Arbeitzustande gebracht worden war. Brunelleschis Zeichnung dafür war verlorengegangen. Da läßt Michelangelo seine Augen einmal wieder über Florenzhingehen und entdeckt was geschieht. Er bemerktwie man der kühnen ArtBrunelleschis entgegen und im Widerspruch gegen den ganzen Bau einen schmalenGang um die Kuppel ziehter siehtwie man die mächtigen Tragsteineabmeißeltwelche Brunelleschi für das zukünftige Werk hatte ausragen lassen.Jetzt half keine Freundschaft mehr. Was der Heuschreckenkäfig da oben solle?Etwas GewaltigesGroßartiges gehöre dahin. Er wolle zeigenwie es zu machensei.

Eine Kommission aus sachverständigen Künstlern und Bürgern verhandeltdarauf die Angelegenheit in Gegenwart des Kardinals. Michelangelo legt seineZeichnung vorwelche mit der Baccios verglichen wird. Solche Kommissionenselbst wenn die klügsten Leute dabei sindbringen nie Entscheidendes zustande:man begriffdaß Baccio etwaswenn auch gut Angelegtesdoch zu KleinesUnbedeutendes geliefert habekonnte sich aber auch nicht zu MichelangelosVorschlägen entschließen. Und so steht heute noch die Kuppel des Domes dahalb umgeben von Baccios Galeriehalb von den ausspringenden TragsteinenBrunelleschis umringt. Das ist die wahre Geschichte des ungerechten Vorwurfsden Passavant in seinem Leben Raffaels gegen Michelangelo erhebt: er habe dieVollendung der Kuppel des Doms von Florenz verhindert! Wie sehr Michelangelo dieWerke Baccio d'Agnolos zu schätzen und zu schützen wußtezeigt in spätererZeit seine Sorge um den Turm der Kirche von San Miniatoder gerade jetzt zubauen begonnen ward. Michelangelo hatte stets die Sache und niemals die Personim Auge. Daher so oft die schneidende Härtemit der er auftratvon der aberin den meisten Fällen die Betroffenen selber nicht beleidigt wurden. Sieverstanden ihn.

Noch eine unbedeutendere Arbeit für den Kardinal sei erwähntals in dieseZeit fallend. Im Erdgeschosse des Palastes Mediciden Michelozzo einst für denalten Cosmo errichtet hatte (heute unter dem Namen Palazzo Riccardi bekanntdaer in späteren Zeitenals die Medici größere Paläste zu ihrer Residenzbenutztenverkauft worden war)befand sich eine Loggiaein nach der Straßezu offener Raumin welchem die Bürger der Stadt zu gelegentlichenBesprechungen zusammenzukommen pflegten. Der Kardinal ließ sie in eingeschlossenes Zimmer verwandeln. Die offenen Bogen wurden vermauert und Fenstereingesetzt. Michelangelo machte die Zeichnung dazu. Berühmt war das nach seinerAngabe vom Goldschmied Piloto anfertigte bronzene Gitterwerk der Fenster. DasInnere des Zimmers malte Giovanni da Udine auseiner von den Gehilfen Raffaelsder ihm im Vatikan zur Hand gegangen warbesonderen Ruhm aber durch dieGirlanden an der Decke der Farnesina erwarbjene Blumenarchitekturzwischender Raffael die Geschichte der Psyche malte.

VII

Bald zeigte sichdaß der Kardinal wirklich nicht bloße Ausflüchte gemachthatteindem er Michelangelo auf würdigere Arbeit vertrösteteund es könntejetzt gleich von dem Werke die Rede seindasim Winter 1519 bedachtzu Osterndes folgenden Jahres begonnen warfiele nicht auf dieselben Ostern 1520 dasEreigniswelches diesem Jahre für die Kunstgeschichte eine traurigeBerühmtheit gegeben hat: der Tod Raffaels.

Noch um Weihnachten 1519 war Michelangelo an ihn erinnert worden. Sebastiandel Piombo schrieb aus Romdaß die Erweckung des Lazarus vollendet sei. Zuerstmeldet er die glücklich vorübergegangene Taufe seines Söhnchensdessen PateMichelangelo war. Der Kleine hatte den Namen Luciano erhalten. Sodanner habedas Gemälde in den Palast geschafft und sei mit dessen Aufnahmeaußerordentlich zufrieden. Nur die »Gewöhnlichen« hätten nichts zu sagengewußt. Damit will er die Partei des Raffael bezeichnenwie die gleichfolgende Bemerkung bestätigt: er glaubedaß sein Bild besser gezeichnet seials die eben aus Flandern angekommenen Teppiche.

Sebastians Gemälde ist nach mancherlei Schicksalen in die LondonerNationalgalerie gelangtein vielfach beschädigtes nachgedunkeltes Werkdessenaußerordentliche Farbenwirkung aber noch sehr wohl zu erkennen ist. Vorn rechtssitzt Lazarus. Eben erwacht aus dem Totenschlafe und noch halb imDämmerzustande der Betäubungsucht er die linnenen Binden von sichabzureißenmit denen er umhüllt ist. Um ihn her beschäftigte Männer wollendiese Mühe übernehmenLazarus aberwie ein Menschder sich aus einemGefängnisse rettetzerrt selber an den Tücherndie er mit der rechten Handvon dem linken Arme fortschaffen willwährend er die Zehen des rechten Fußesin die Binden einbohrtdie um das linke Schienbein sitzen. Diese Bewegungbekundet Michelangelos Anteil an dem Bilde auf den ersten Blickdenn keinanderer hätte das ersonnen und so lebendig ausgeführt.

Lazarus gegenüberauf der linken Seite des Gemäldessteht Christusdieeine Hand dem erwachenden Manne entgegengestrecktdie andere mit ausgebreitetenFingern erhoben. Vor ihm kniet Maria und blickt mit dem Ausdrucke glückseligerDankbarkeit zu ihm auf; um ihn her von allen Seiten drängen sich die Jüngerdie das Wunder mit dem Gefühl heiligen Schauers erfüllt. Den Hintergrundnehmen eine Menge von Figuren einsämtlich mit ungemeiner Lebendigkeitausdrückendwas in ihnen vorgehtkeine einzige als Nebensache behandeltunddie Ferne bildet eine Landschaftdie Ansicht einer Stadt mit einem Flusseüber den eine Brücke führtund ein mit Wolken belastetes Gebirge dahinter:– Sebastian hatte wohl Grundstolz zu sein auf das mühsame Werk. Er bittetMichelangeloin Florenz beim Kardinal die baldige Bezahlung zu bewirkenda erdes Geldes bedürftig sei.

Leider ist dies nicht der einzige Brief unter den an Michelangelo zu jenerZeit aus Rom gerichtetenwelcher Ungünstiges über Raffael enthält.Michelangelo hatte Anhänger in Romdie es sich zum Geschäfte machtenRaffaels Werke herabzusetzen. So lesen wir das Härteste über die großeMadonnawelche an Franz den Ersten gingnicht minder scharf werden dieMalereien in der Farnesina vorgenommen und schließlichnach Raffaels Todegesagtwas Raffaels Schüler im Saale des Konstantin als Probe ihrer Fertigkeitgemalt hättensei so gutdaß niemand die Gemälde Raffaels selber in denStanzen nun weiter ansehen möge. Wir müssen uns leider entschließeninSebastian del Piombo einen Meister zu erkennender neben seinen eigenen Werkendie eines Künstlersder größer war als ernicht zu beurteilen vermochte.Sebastian war nicht imstandedie Dinge weiter zu begreifenals sein Geistreichte. Er selbst hat in seinen Gemälden niemals Ideen zum Ausdruck zu bringenversucht. Das Höchstewas er erkennen konntewar die Technikin der fastsein einziges Verdienst liegtaber ein gewaltigesdenn nicht allein in derFarbeauch in der Zeichnung leistete er Vortreffliches. Michelangelo hatsicherlich anders über den Lazarus und über die Teppiche gesprochen. »DieTeppiche«sagt Goethe mit Recht»sind das einzige Werk Raffaelsdas nichtklein erscheintwenn man vor Michelangelos Decke in der Sixtina kommt.« EineMannigfaltigkeit der Komposition offenbart sich in ihnendie MichelangelosMacht im vollsten Maße gleichkommtund zugleich eine Natürlichkeit undeinfache Anmutin der er selbst sich vielleicht als übertroffen anerkannthaben würde. Wohl möglichdaß der Anblick dieser Arbeit das Eis zwischenbeiden Männern zum Schmelzen gebracht haben würdewie es ja auch bei Schillerund Goethe langer Jahre bedurfteehe sie sich in der rechten Weise erkannten.Dazu aber bot sich nun keine Gelegenheit mehr. Sie begegneten sich nicht wieder.Am Karfreitage 1520wenig Monate nach dem Briefe Sebastian del PiombosstarbRaffael und ließ den großen Michelangelo von nun an allein und ohne würdigenNebenbuhler in der Welt zurück.

Das war ein Schlagder den gemütsruhigen Papst doch aus der Fassungbrachte. Die vierzehn Tage langdie das zehrende Fieber dauertedem Raffaelerlagschickte er täglichum nach ihm zu fragenund brach in Tränen ausals er die letzte Nachricht erhielt. Aufgezehrt von einem verderblichen Fieberdas ihn bei seinen Ausgrabungen des antiken Roms befallen hatteging erzugrunde. Tot lag er da in seinem Palasteihm zu Häupten stand seine letzteArbeitdas unvollendete Gemälde von der Himmelfahrt Christi. Eine ungeheureMenschenmenge begleitete die Leiche zum Pantheonwo die Marmorinschriftdiesein Grab verschließtnoch heute zu lesen ist. Sie sagtdaß er an demselbenTage gestorben seian dem er geboren ward.

Ein Jahr früher schon war Leonardo da Vinci gestorben in FrankreichwoFranz der Erste ihm eine ehrenvolle Stellung bereitet hatte. Leonardo sahItalien nie wiederwir haben wenig Nachrichten aus seinen letzten Jahren. EinDokument aber ist vorhandenberedter als Briefe und Nachrichten: ein Porträtdas er von sich selbst gezeichnet hateine Rötelzeichnung in der Sammlung desLouvre. Ein unbeschreibbarer Zug herber Gedanken liegt in seinem Munde und einefinstere Schärfe im Blickdie genugsam beide sagendaß dieser Mann inZwiespalt lebte mit seinem Schicksal. BitterkeitVerschlossenheitÜberlegenheitetwas wie das Wesen eines Zauberers redet aus dieser Zeichnung.Wenn man Vasaris Schilderung im Sinne hatwie Leonardo in jungen Jahren so vielLiebenswürdigkeit ausströmtedaß alles sich festgehalten und mitgezogenfühltewenn wir da lesen wie er in jugendlicher Freude durch die Straßen vonFlorenz ziehend den Vogelhändlern auf dem Markte Geld gab so viel sieverlangtendamit sie ihre Käfige aufsperrtenwenn wir sehen wie sein Geistim ungemeinen Umfange seiner Kraft schwelgendschaffend und beobachtend alleserfaßtealles leisteteund wenn wir ihn im Alter damit vergleichenfern vonseinem Vaterlandeohne Freundedie ihn nur vermißten dortund ohnegroßartigen Abschluß seiner Tätigkeit in Frankreichso fühlt manwie zuden Gaben des Geistes das Glück hinzutreten mußwenn sie sich entfalten undFrüchte tragen sollen. Wie traurig mag er an Italien zurückgedacht haben.Melzi war bei ihm und zeigte den Verwandten in Florenz seinen Tod an.

Leonardos Verlust war ohne Bedeutung für die italienische KunstRaffaelsplötzliches Verschwinden ein Schlagder tief empfunden ward. Er starb zufrühnicht für seinen Ruhmaber für die Begründung seiner Schule. Erhätte doch Ungemeines schaffen und wirken können. Mit ihm erlosch ein Feuergleichsamdas den Rädern einer ausgedehnten Fabrik die treibende Bewegungzuführte. »Rom ist leer und ausgestorben für michseit Raffael nicht mehr daist«schrieb der Graf Castiglione. Wer den plötzlichen Hinweggang einergroßen geistigen Kraft jemals erlebt hat und die Leeredie sie zurückläßtder vermag sich eine Vorstellung zu bildenwieviel die Stadt an ihm verlor.Denn neben demwas täglich zur Erscheinung kommt und dankbar empfunden wirdbei so großen Naturensolange sie leben und wirkenfühlt man nach ihremVerluste erst die geheime aufrechthaltende Kraftmit der sie alles um sich hererfüllenohne daß es sie selber ahntendie sich stark durch diese fremdeStärke fühlten. Raffael diente in liebenswürdiger Nachgiebigkeit dem Hofeder ihm viel gewährte: unter der äußerlichen Hülle dieser gehorchendenFreundlichkeit aber lebte ein scharfblickender königlicher Geistder keinerGewalt sich neigte und einsam seine eigenen Wege gingwie die SeeleMichelangelos. Wir in Deutschland denken an die Dresdner Madonna zuerstwennvon Raffael die Rede isteines seiner letzten Werke mit und das ergreifendsteals hätte er nach so vielen Madonnen endlich das schönste Antlitz im Geistegesehenmit dem die übrigen sich nicht vergleichen lassen. Welch eineSchöpfung! – zu deren Lob sich nichts sagen läßtso wenig wie zu dem desgestirnten Himmels oder des Meeres oder des Frühlings. Wer davorstehtvergißtRomdie Vergangenheitdie irdischen Schicksale Raffaels. Wie ein vertrauterFreund erscheint er unsder unsere Gedanken kenntwie eine mildefreundlicheMachtdie sich der Formen und Farben nur bedienteum eine grenzenlose Füllevon Schönheit den Menschen mitzuteilen. Es gibt Naturendenen Michelangelonicht zusagtes gibt keinen Künstlerglaube ichder nicht irgendwo aufWiderstand stieße: – Raffael aber überwindet jeden; kein Menschder sichder beglückenden Gewalt seiner Werke verschließen könnte.

Wir wissen nicht durch die kleinste Äußerungwelchen Eindruck aufMichelangelo Raffaels Tod gemacht. Wiederum Sebastian del Piombo meldet dasEreignis. Sogleich kommen nun aber auch schon die praktischen Folgen desVerlustes in Rechnung. Sebastian war jetzt der Erste in Rom. Auf sein Drängenhin gab Michelangelo sich Mühedie Malerei im Vatikan seinem Schützlingezuzuschanzendoch es glückte ihm nicht. Raffaels Nachfolger legten solcheProben ihrer Befähigung abdaß der Papstso sehr er den VorschlägenMichelangelos günstiges Gehör zu leihen schienGiulio Romano und FrancescoPenniwelche das Atelier Raffaels repräsentiertenin ihrer alten Stellungerhielt. Zuletztals Sebastian einsahdaß er selber keine Hoffnung hegendürfeden Auftrag zu erlangenwollte er Michelangelo bewegendie Malereifür sich selbst zu beanspruchen. Hier aber scheiterte er vollständig:Michelangelo wies all dergleichen abund die Intrige blieb erfolglos.

Michelangelo wandte sich in dieser Sache niemals direkt an den Papstsondernan den Kardinalmit dem er damals im besten Vernehmen stand. Am letzten Märzdes Jahres waren die Maurerarbeiten für das neue ihm vom Kardinal übertrageneWerk in Angriff genommen. Die Fassadedas Denkmal des Überflusses und desStolzeshatten die Medici aufgegebenstatt ihrer sollte derselben Kirche eineKapelle mit den Gräbern Lorenzos und Giulianos zugefügt werden; ein Pendantzur alten Sakristei mit den Gräbern der älteren Medicisdie Brunelleschigebaut.

Indessenso gut der Wille des Kardinals warauch hier ließen dieVerhältnisse die Fortführung des Werkes nicht recht in Schwung kommen. DasJahr 20 über verblieb es bei den ersten Anfängen. Michelangelo muß mit derAnfertigung der Modelle beschäftigt gewesen sein. Im April 21 geht er nachCarrara und macht Bestellungen. Er entdeckt dort jetztwie Benvenuto Cellinierzählteinen neuen Bruchaus dem all der Marmor für die Figuren derSakristei herkam. Am 22. April 1521 kauft er daselbst 200 Wagenlast Marmorauswelchem drei Figurennach seinen Modellen bis auf einen gewissen GradzugehauenEnde 1523 in Florenz abgeliefert werden sollten. Er hatte dafürseine eigenen Steinmetzen an Ort und Stelle. Was abfielsolltezu Werkstückengeschnittenschon im nächsten Juli in der Stadt sein. Am 23. April kauft ereine zweite Quantität Marmor für eine sitzende Madonnadie bereits Ende 1523in Florenz erwartet wurde.

Diese Madonnadie erste Figur der gesamten Anzahlwelche ausdrücklicherwähnt wirdgehört nicht zu denendie ganz vollendet wurden. Bedeutend mehrals die letzte Überarbeitung mangelt ihr. Doch existiert ein kaum fußhohesModell (in Berlin)das als Michelangelos Arbeit gelten kann. Die heiligeJungfrau sitzt auf einem Sessel ohne Lehnesie hatmit dem Oberkörper etwasvorgebeugtein Bein über das andere geschlagenund das Kind sitzt rittlingsüber ihrem Schoße auf dem höher liegenden Schenkel. Es dreht sich um und nachder Mutter zurückdie das Antlitz ein wenig zu ihm herabneigt. Mit der rechtenHand stützt sie sich (indem der Arm nach hinten zurückgreift) auf dieSitzfläche des Sesselseine natürliche Bewegungdie hier um so anmutigerwirktals sie durch eine reiche und mannigfaltige Gewandungwie eine Zeichnungdurch Farben gleichsamin einem schöneren Lichte erscheint. Mit der linkenHand hält Maria das Kind an sichdessen Mund und Händchen nach der sich ihmzudrängenden linken Brust suchen.

Vor dem Jahre 23 aber kann Michelangelo diese Figur in Florenz nicht inArbeit genommen haben. Als er im beginnenden Sommer 21 aus Carrara zurückkamsollte jetzt erst die ganze Bestellung kontraktmäßig festgesetzt werden. Ermachte seine Vorschläge; der Kardinal war nicht zufrieden damit. Michelangeloerbot sichdas Innere der Sakristei als Modell in Holzdie Figuren in Tonanzufertigen und dann das Ganze gegen eine bestimmte Summe herzustellen. Erhatte gerade einen Ankauf von Grundstücken vor und wünschte das Geld darinanzulegen. Aber vom Kardinal war kein Entschluß zu erlangen. Nun machte derKrieg in der Lombardei seine Anwesenheit bei der Armee notwendig: diesmalsollten von Papst und Kaiser in Gemeinschaft dort einmal wieder die Franzosenherausgejagt werdenund so verläßt Medici Ende September Florenzum alsBevollmächtigter des Papstes der Kriegführung größeren Nachdruck zu geben.

Vor der Abreise sprach er mit Michelangelo und bat ihndie Ankunft desMarmors zu beschleunigenLeute anzunehmen und arbeiten zu lassendamit er beiseiner Rückkehr den Bau um ein tüchtiges Stück gefördert fände. Das ganzewar überhaupt noch so sehr in den Anfängendaß der Abschluß des Kontraktesspäterer Zeit vorbehalten bleiben konnte. Auch gab er zu verstehendaß dieAusführung der Fassade keine aufgegebene Sache sei; übrigens werde seinSchatzmeisterdem er Auftrag dazu erteilt habedie erforderlichen Gelderauszahlen.

Dieser aber will nach der Abreise des Herrn keine solchen Befehle empfangenhaben und ersucht Michelangelosich schriftlich an den Kardinal zu wenden.Hierzu jedoch läßt Michelangelo sich nicht herbei. Nun tritt der plötzlicheTod des Papstes ein. So wenig Geld ist in Rom vorhandendaß kaum eineinigermaßen würdiges Leichenbegängnis ausgerichtet werden kann. Der Kardinalkehrt zurücksiegreichdurch den Verlust dessen aberfür den er gesiegtumallen Vorteil seines Erfolges gebracht. Niemand hatte diesen Fall erwartet. Leowarwenn nicht gesunddoch kräftig und in seinen besten Jahren.Augenblicklich mußte für die Medici die Sorge in den Vordergrund tretensichselbst in Florenz zu erhaltenwo außer der allgemeinen Freiheitsliebe desVolkes der Haß der einzelnen drohtevor allem die Feindschaft der Soderinisdie in FlorenzRom und Frankreich damals so mächtig waren.

Ende Februar 1522 kam der Kardinal in der Stadt wieder an. Michelangeloerhält die besten Worte. Nichts wünsche man sehnlicherwird ihm versichertals etwas Ausgezeichnetes von seinen Händen für die Grabmäler zu besitzenkeineswegs aber übergab man ihm den ganzen Bau oder irgendwie bestimmteAufträge. Michelangelo ging endlich mit der Bemerkunger werde wiederkommenwenn die Blöcke aus Carrara angelangt wären. Er kehrte zum Grabmale Giulioszurückan welchem auch die Jahre vorher immer fortgearbeitet worden warundzu anderen Werkenvon denen wirohne sie näher zu kennenstets annehmenmüssendaß sie ihn beschäftigten; denn in einer Werkstätte wie der seinigenkonnte kein Stillstand eintreten.

Als eins von den Werkenwelche in diese Zeit fallensei die Statue des amKreuz stehenden Christus in der Kirche sopra Minerva in Rom genannt. Im Jahre1514 bereits wurde sie von einem römischen Privatmanne bestellt und gelangte zuso großer Berühmtheitdaß Franz der Erste sie später abformen ließum inParis einen Erzguß danach anfertigen zu lassen. Der äußeren Vollendung nachund als Darstellung eines nackten männlichen Körpers in seiner schönstenBlüteist sie ein bewunderungswürdiges Werkals Bild desjenigen aberan densie uns doch erinnern solldie erste Statue Michelangelosdie als manieriertbezeichnet werden muß.

Ein Kunstwerk wird manieriert genanntwenn bei ihm die Form so behandelterscheintdaß der geistige Inhalt neben ihr in die zweite Linie gedrängtwird. Die Grenze ist hier oft schwer zu finden. Auch der größte Künstler kannin die Manier verfallendenn es braucht dazu nicht bloß Nachahmung fremderEigentümlichkeit: ein leises Abweichen vom reinen Gedanken läßt das reichsteunabhängigste Genie manierierte Werke schaffen. Michelangelos Kraft beruhte inseiner Kenntnis der Anatomie. Er sezierte Körper oder zeichnete sie nach demLeben in den schwierigsten Lagenbis ihm die Bewegung der Muskeln durchausgeläufig war. Verkürzungenwelche die Meister vor ihm kaum zu denken gewagtbrachte er zur Anschauung. Er hob das alte steife Exerzierreglement auf underlaubte den Figurenfrei ihre Glieder zu brauchen. In der Skulptur trat seineMeisterschaft durch die Richtigkeit zutagemit der er bei jeder Wendung derGestalt die durchschimmernde Muskellage erscheinen ließ. Hier aber verleiteteihn seine Kunst. Der gewohnten ruhigen Stellungen müdebei denen dieunangespannten Glieder die Veränderungderen ihre unter der Haut liegendenTeile fähig sindzu wenig hervortreten lassensucht er Schwierigkeitennurum sie zu überwindenund läßt seine Gestalten Wendungen machenwelcheweniger die Bewegung des sie erfüllenden Gedankens als die Kühnheit undKenntnis Michelangelos zeigen.

Die Statue des Christus in der Minerva empfängt an ihrem Platze das insolchen Räumen hergebrachte zerstreute Lichtwelches eine richtige Ansichtselten zuläßt. Die Gestalt steht aufrechtdas aus Rohrstäben gebildete Kreuzan ihrer Seite; die rechte Hand hält es mit herabgesenktem Arm unten leichtgefaßtwährend die linkeüber die Brust herübergreifendes weiter obenberührt. Die Beine und der Unterkörper sind dabei in der Bewegung nach linksgewandtindem das linke Bein ein wenig vor-das rechte zurücktritt; derOberkörper jedoch dreht sich den Schultern mit nach der andern Seiteund dieseDrehung der Gestalt über den Hüften ist das Meisterstück der Arbeit.

Die Stellung aber entspricht nicht der Person dessenden sie erscheinenlassen soll. Nehme ich den Abguß des kleinenzart ausgeführten Modells derStatue in die Handwo Schultern und Kopf fehlenso glaube ich den Torso einesAchilles zu sehen. Eine schlankekühne Vollkommenheit männlicher Kraft läßtdiese Bildung ahnen: man denktdas Haupt müsse ein Helm bedeckt und an demfehlenden Arm ein Schild gehangen haben. Etwas kriegerisch Heldenhaftes liegt imAufstehen der beiden Füßedas uns befremdend sein muß bei einer Erscheinungdie sanft hinwandelnd über die Erde gedacht wirdals müßten sich die Blumenauf die er getretenwieder aufrichten nachherwie wenn sie nur ein Windhauchbeugte.

Dieses SanfteDuldende war Michelangelo überhaupt nicht eigen; er konntenicht in seine Werke legenwas er nicht besaß. Christus' Leichnam stellte erin zart mißhandelter Weichheit daraber wo er ihn lebendig gibtläßt er ihngroß und stark auftretenwie das auch Raffael zuweilen tutoder wie er in deruralten deutschen Übersetzung des Evangeliums einhergeht als der »starkegewaltige Herr«. Wie ein Heerführer in Waffen und die Apostel sein Gefolge vonstreitbaren Rittern. Etwas Riesenhaftes hat er oft bei Michelangelobesondersauf seinen Zeichnungen. Ich erinnere an einewo der sitzende tote Körper zurSeite hin ineinanderbrichtoder an eine anderewo er aus dem Grabe auffliegt.Die verschränkten Arme emporgehaltendas Haupt aufwärtsschauend und weitzurückgewandtdie Füße dicht nebeneinanderschwingt er sich aus dem offenenSarge auf. Eine stürmische Gewalt liegt in der Bewegung. Man meinter könntedie ganze Erde wie bei den Haaren packen und mit sich reißen. Die Wächterstieben auseinanderals wäre zwischen ihnen ein Vulkan ausgebrochen. Es hatkeinen Künstler auf der Welt gegebender das sich Bewegende in den Gestaltenso in Linien zu fassen vermochte wie Michelangelo.

Bei Beurteilung des Christus in der Minerva muß jedoch in Betracht gezogenwerdendaß er nicht ganz von ihm vollendet worden ist. Michelangelo sandte dasWerk mit einem seiner Arbeiter nach Romder es dort zu Ende bringen undaufstellen sollte. Dieser aber verdarb die Arbeit dermaßendaß ein andererrömischer Bildhauer angegangen werden mußtedie Statue wieder instand zusetzen. Ein Brief Sebastian del Piombos an Michelangelo sagtan welchen Stellendie Fehler begangen worden seien: an der Handwelche das Kreuz halteam einenFußeam Barte und so weiter. Man wußte dem dann so gut abzuhelfendaß derBesteller sich als vollkommen befriedigt erklärte. Dies war nicht das einzigeMißgeschickwelches Michelangelo bei der Statue zustieß. Er hatte sieüberhaupt von frischem in Florenz beginnen müssenweil die erstedie er inRom angefangen hattewegen eines Fehlers im Steine ganz aufgegeben werdenmußte.

Der Tätigkeit des römischen Mitarbeiters darf ein Teil des Eindruckes wohlzugeschrieben werdenden die Statue macht. Seltsam ist auch das Antlitzdaseine fast individuelle Physiognomie zeigtdazu bis in den Rückenhinabgelocktes Haar: man würde die Gestaltunbefangen davor tretendfüreinen Johannes erklären.

VIII

Die Jahre 1519 bis 22 werden zu den glücklichsten der Stadt Florenzgezählt. Endlich hatte man durch das zu erwartende Aussterben der Familie eineBefreiung von ihrer auf erbliche Herrschaft losdrängenden Tyrannei vor Augen.Der Kardinal ließals er für seinen Neffen Lorenzo eintratdessen auch schonäußerlich monarchische und mit rücksichtslosen Mitteln arbeitendeRegierungsweise fallen und richtete die Dinge wieder mehr nach der Idee desSelbstgouvernements ein. Mit allen Parteien stellte er sich gut. DerBürgerschaft ward ein Teil ihrer Befugnisse freiwillig zurückgegeben; voneiner idealen Verfassung war die Redewelche die Stadt sich in nächsterZukunft selbst zu erteilen hätteund als im Jahre 1521 die Franzosendie bisdahin die Herren in Italien gewesen warenunterlagen und die Furcht vor ihremEinflusse auf die an gewaltsamere Wege zur Freiheit etwa denkenden Bürgerverschwunden warmilderte sich die Strenge des mediceischen Regiments inunerhörter Weise.

Die Übermacht Franz des Ersten hatte seit 1515 auf dem Papste gelastet.Schon damalsals Leo nach dem Siege des Königs bei Marignan gute Miene zumbösen Spiel machen und sich ihm nachgiebig in die Arme werfen mußtewollte ermit Franz lieber in Bologna als in Florenz zusammenkommen. Die Anwesenheit desKönigs in Toskana erschien ihm als zu bedenklicher hatte das schon einmalerlebt. Die Florentiner wußten es auch recht gut und ließen es den Papst trotzder prachtvollen Empfangsfeierlichkeiten fühlen. Leo wurde nicht wohl damals inseiner treuen Stadtund er fürchtete für sieso lange die Franzosen dieitalienische Politik in Händen hatten. Seit 1519 aberwo Karl von Spanientrotz der Gegenanstrengungen des Königs von Frankreich zum deutschen Kaisergewählt worden war und das ungeheure Gebiet von SpanienBurgundDeutschlandUngarn und Neapel unter ihm zu einem einzigen Lande wurdewandten sich LeosHoffnungen der neu entstehenden Macht zu. Ein Bündnis kam zustandedas Glückwar günstig; die letzte Nachrichtwelche der Papst vor seinem Tode empfingwar die von der Niederlage der Franzosen. Hätte man nicht so gute Gründezuglaubendaß Leo an Gift starbman hätte sagen dürfener sei ausübermäßiger Freude dahingefahren.

Auf der Stelle jedoch nahmen die Anstrengungen der BesiegtenMailandzurückzuerobernihren Anfang. Von dem Tagewo Franz bei der Kaiserwahlunterlagdreht sich die Geschichte der nächsten dreißig Jahre für Europa umdie Anstrengungen der beiden Nebenbuhlereinander zu beweisenwer derStärkere sei und wem in Wahrheit die Leitung der Dinge dieser Welt gebühre.Persönliche Erbitterung war dabei im Spieledie es bis zur persönlichenHerausforderung kommen ließ. Mailand aber bildete den Zankapfelmit dessenBesitz das Übergewicht Spaniens oder Frankreichs sichtbar verbunden schien. WerMailand und die Lombardei einbüßteunterlag. Alle Künste der Politik und desKrieges lenkten auf dieses Ziel des Ehrgeizes hinund es war undenkbardaßder einesobald er hatte weichen müssennicht augenblicklich das Äußersteversuchteum dem andern dasselbe Los zu bereiten. Denn an Mailand hingenToskana und Venedig (und Genuaan Genua das Mittelländische Meer und Neapelund daran von anderer Seite wiederum Toscana und Venedig) und an allem endlichder Papstder unfehlbarzugleich mit der Laune des Schicksalsdemjenigen sichzuneigen mußteder als Herr Mailands den Schlüssel zu diesen Schätzenbesaß.

1521 aber hatten die Franzosen besondere Eiledie verlorene Stellung wiedereinzunehmen. Die Wahl des neuen Papstes war zu wichtig. Zwei Männer standensich unter den Kardinälen gegenüber: Medicials das Haupt derspanischkaiserlichen Parteiund Soderinider unermüdliche Feind der Mediciund der Freund Frankreichs. Die Entscheidung drohte sich hinzuziehen. Soderiniund die verbannten Florentiner am Hofe Franz des Ersten drängten zu eineraugenblicklichen Unternehmung gegen die Stadtund als dannmit Umgehung derbeiden Nebenbuhlerder alte niederländische geistliche Herrder sich alsBischof von Valladolid nichts von der ihm zufallenden Würde träumen ließausder Wahl hervorgingsollte nun wenigstensbevor dieser Italien erreicht hatteein Schlag geschehen.

Medici suchte sich gegen den drohenden Sturm mit den Mitteln zu haltenderenseine schlaue und zu vollendeter Verstellung erzogene Seele fähig war. SeinLeben lang hatte erauf den verschlungensten Linien wandelnddie Interessender Familie verfolgt. Jetztwo ihm niemand mehr zur Seite standspielte er amfeinsten. Soderini und Frankreich versprachen den Florentinern das Consigliograndedieses Idealan dem die Bürger hingen wie die Deutschen an der Ideeihrer Einheit: auch der Kardinal versprach es. Die geistreiche gelehrteGesellschaft der Männerwelcheim Garten der Rucellai zusammenkommendalseine Art ästhetisch liberaler Klub ihre Kontrolle über das Geschehendeausübten (unter denen Machiavelli eine der Hauptstimmen führteund zu denenauch Michelangelo gerechnet ward)suchte er durch Gesprächedie er miteinzelnen von ihnen über die Entfaltung der Florentiner Verfassung zurfreiesten Form führtean sich heranzulocken. Er forderte sie aufihreAnsichten schriftlich zu begründen. Er suchte nicht minder die AnhängerSavonarolas mit Vertrauen zu erfüllendie immer noch eine mächtige Parteibildeten. Schon war davon die Redeunter welchen Modalitätenan welchem Tagedie neue Verfassung proklamiert werden würde. Jedermann hegte HoffnungenderenMittelpunkt der freundlichegefälligeuneigennützige Kardinal warder jaselbst wenn er für seine Familie hätte intrigieren wollengar keine mehrbesaßder sogleich nach dem Tode Leos allen gefangengehaltenen Bürgern ihreFreiheit gegeben hatte und der sich jetzt ja nur deshalb nicht entscheidenkonnteweil er nicht zu wissen schienwie er die der Stadt zugedachte Wohltatgroß und schön genug gestalten sollte.

Da plötzlich kommt eine Verschwörung zutage. Der Tod des Kardinals ihrZweck. Soderinider in Rom den neuen Papst gänzlich in seinen Netzen hältihr Anstifter. Aus der Mitte jener Männer des Gartens der Rucellai ihregefährlichsten Teilnehmer. Denn dort auch durchschaute man die Verstellung amscharfsichtigsten und hielt unverbrüchlich zu Frankreich. Was die VerstellungGiulios aber anbetrifftso braucht nur an das Dasein Ippolitos und Alessandrosdei Medici erinnert zu werden. Der Kardinal dachte von Anfang an nicht darandas geringste von dem zu gewährenwas ernur weil er nicht anders konnteversprochen hatte.

Im Mai 1522 ward das Komplott entdeckt. Einige der Verschworenen retten sichdurch die Fluchtandern wird der Prozeß gemacht. Zu gleicher Zeit gelingt esSoderini im Vatikan zu stürzen. Adrian läßt ihn in die Engelsburg abführenwährend Mediciunter dem Jubel des römischen Volkes einziehendvon nun anseine Stelle einnimmt. Jetzt ist er der Notwendigkeit überhobendenFlorentinern gute Worte zu geben. Keine Rede mehr von Consiglio grande undVerfassung. Gehorsam wird gefordert.

Es ist schadedaß Nardi dawo er das Entkommen der Verschworenen erzähltdurch seine Methodestatt die Namen der Leute zu gebensie zuweilen nuranzudeutenuns im ungewissen läßtwer der »sehr berühmte Bildhauer«(scultore assai segnalato) warder damals dem flüchtigen Zanobi Buondelmontiein Obdach gewährte. Eben nämlich will dieser durch die Porta Pinti aus derStadt entfliehenals der Kardinal dort einreitet. Buondelmontider die Straßeversperrt siehttritt in eine dicht am Tore gelegene Bildhauerwerkstättedieder Kardinal selbstsowohl der Skulpturen wegenals auch weil ein schönerGarten um das Haus lagöfter zu besuchen pflegte. Diesmal geschah dasglücklicherweise nichtund der Flüchtige findet Zeitseine Kleider zuvertauschen und später in der Dunkelheit davonzukommen.

Außer Michelangelo befanden sich eine Anzahl anderer nicht unbedeutenderBildhauer in der Stadt. So Bandinelli; doch war dieser damals mit keiner Arbeitbeschäftigtwelche ein Atelier erfordertegeschweige denn daß diesesselbstwenn Bandinelli in Marmor gearbeitet hättemit Skulpturen gefüllt gewesenwäre. Außerdem hätte ihn Nardi wohl genannt; und schließlichBandinelliwürde sich ein wahres Vergnügen daraus gemacht habenBuondelmonti demKardinal auszuliefern. Ferner Jacopo Sansovinodergleich Baudinellials nachLeos Tode in Rom die fröhliche Wirtschaft ein trauriges Ende nahmsich nachFlorenz zurückzog; aber auch er dort schwerlich mit einem Atelier von Arbeiten.Weiter Benedetto da Rovezzanoder den vom Gonfalonier Soderini vor Zeiten nachFrankreich gesandten David des Michelangelo zu ziselieren hatte und dem spätereiner von den Aposteln für den Dom zuerteilt wurdedie Michelangelo wiederaufgab. Sein Atelier aber lag in einer anderen Stadtgegend. Endlich Tribolo undMino da Fiesole. Jener noch jung und dem Kardinal ergebendieser alt und ohnegroße Aufträge. Es scheintdaß Nardi Michelangelo gemeint habe. DieWerkstätte war wohl jenes besonders für ihn erbaute Hausdas nach Beendigungder Apostel sein Eigentum werden solltein der Folge aber dem Dome verblieb undvon diesem vermietet wurde. Es lag dicht an der Porta Pintidem altenZisterzienserkloster gegenüber. Möglichdaß Michelangeloder es früherschon einmal gemietet hattejetzt wieder darin arbeitete. Soviel steht festerwar mit den Verschworenen befreundet. Einer von ihnenLuigi Alamanniunterzeichnete mit ihm die Bittschrift an Leo wegen der Asche Dantes; auchNardis Name stand darunterund dieser wußte vielleicht näher um dieVerschwörungals in seinem Buche gesagt wird. Und deshalb konnte ihm gebotenerscheinenMichelangelos Namen nicht zu nennendenn er pflegt diese Art desUmschreibens da zumeist eintreten zu lassenwo es sich um ihm befreundeteMänner handelt.

Kein anderer auch hätte den Mut gehabtBuondelmonti so aufzunehmen und sichdem Gesetz gegenüber zum Mitschuldigen zu machen. Und endliches verdientMichelangelo neben jenen andern vielleicht allein die Bezeichnung »sehrberühmt«da Nardi mit dergleichen sparsam umgeht. Dennoch sind dies nurVermutungen.

IX

Obgleich es Michelangelo nur hätte lieb sein könnenvon aller dringendenArbeit freidie Beendigung des Grabdenkmales betreiben zu dürfensah er sichdoch durch äußere Gründe bewogennach einiger Zeit beim Kardinal wegenWeiterführung des Baues der Sakristei Schritte zu tun. Wie er seinenAuftraggebern stets zu langsam arbeiteteschien es nun auch den Erben Giuliosdaß er nicht rasch genug vorwärts käme. Sie hatten zurückstehen müssen imJahre 16als der Papst den Bau der Fassade anbefahlsie hattenals dieseArbeit Michelangelo bald ganz in Anspruch zu nehmen schiensich bei Leo nichtbeklagen dürfendenn der Papstnachdem er sie mit so rücksichtsloserUngerechtigkeit um ihr Herzogtum Urbino gebrachtwürde sich wahrhaftig nichtum solche Beschwerden gekümmert haben. Sie ließen Michelangelo damals privatimin Florenz mahnen. Dieser führte ihren Abgesandten ins Atelier und zeigte ihmwas bereits vollendet dastand. Als er nun aber die Sakristei mit den Grabmälernder Mediceer übernahmschien den Roveres das zu viel. Sie waren nach Leos Todenach Urbino zurückgekehrt und nahmen die alte mächtige Stellung wieder einjetzt ließen sie Papst Adrian den Fall vortragen und fordertendaß vonMichelangelo das Grabdenkmal vollendet oder das empfangene Geld herausgegebenwürde. Zu der Zeit aberals dies geschahwandte der Kardinal Medici seineGedanken wieder auf die neue Arbeitdie eine Verherrlichung seiner Familie undeine Pflicht der Dankbarkeit gegen diejenigen wardenen die Grabmäler in derSakristei errichtet werden sollten. Auch das mag ein Antrieb für Michelangelogewesen seineine Entscheidung über daswas geschehen sollteherbeizuführendaß die Blöcke aus Carrara anlangtenjener eine wenigstensder für die Statue der Jungfrau bestimmt war und Ende 1522 in Florenzabgeliefert werden mußte. Der Kardinal war in Rom. Michelangelo richtete aneinen der Herren aus seiner Umgebung ein Schreibenworin er seine Wünsche zuerkennen gab. Vor allen Dingen müsse der vom Papste ausgegangene Befehldaßentweder das Grabdenkmal Giulios jetzt vollendet oder das Geld den Rovereswiedererstattet würderückgängig gemacht werden. Sein Wille war nichtdasGrabdenkmal liegenzulassendenn nie kam es ihm in den Sinnsich einmaleingegangenen Verpflichtungen zu entziehenaber die neue Arbeit reizte ihnundbeide konnten zu gleicher Zeit betrieben werden. Deshalbschließt erauchwenn es dem Kardinal nicht gelängeihm freie Hand zu verschaffenwerde erdennoch neben demworan er übrigens zu arbeiten gezwungen seiseinenAufträgen Genüge leisten. Lieber wäre es ihmwenn sich das erstere bewirkenließe.

Der Tod Adrians machte dieser Ungewißheit ein Ende. Kein Jahr hatte er imVatikan gesessen. Unverstanden in seiner bürgerlichen Einfachheit und im gutenWillenden er nach allen Seiten geltend machen wollteohne Verständnis fürdaswas der Stadtder er das Zentrum der geistigen Bewegung sein solltewillkommen wärenicht imstande sogarmit vielen der Kardinäle nur zu redenweil sie kein Lateinisch wußtenwährend ihm das Italienische fremd warstarber unbetrauert und zur Befriedigung derer abwelche sich auf den päpstlichenHof angewiesen sahen. Nirgends paßte er weniger hin als nach Rom. Bei seinemEinzuge hatte er sich Triumphbögen verbetenes seien das heidnischeEhrenbezeugungen. Die kostbare Sammlung antiker Bildsäulen im Belvedereverschließt er; alle Türenbis auf eine einzigezu der er den Schlüssel beisich trägtwerden zugemauert. Die Decke der Sixtinischen Kapelle will erherunterschlagen lassenweil nackte Gestalten nicht in eine Kirche gehörten.Eine alte Magd hat er aus seiner Heimat mitgebrachtder er alle Tage selber einGoldstück gibtum die Ausgaben für das Haus damit zu bestreiten. SeineVerwandtendie in Hoffnung auf gute Beute ankommenschickt er mit einemmäßigen Reisegelde wieder nach Hause. Für Porträtsdie von ihm zu malenwärenhatte er einen jungen niederländischen Maler bei sichder im Vatikanarbeitete. Doch auch Sebastian del Piombo widerfuhr die Ehreihn porträtierenzu dürfen. Der Schüler Raffaels aber und der gesamte große Haufe derrömischen Künstler saßen da wie Schmetterlinge im Platzregen. Ein Schreckenergriff sie; Giulio Romano voranverließen sie die Stadt und zerstreuten sichin Italien. Es schienals sei dem römischen alten Leben für immer ein Endegemacht. Und so war es in der Tat. Denn obgleich nach Adrians Tode die Dingeäußerlich wieder ins Blühen kamen: die Sonne strahlte doch nie mit dem altenGlanze wiederund die Früchte wurden nicht so süßdie sie zeitigte. Dieneue Zeit brach ein. Adrians kurze Regierung ging wie eine prophetischeInhaltsanzeige den Ereignissen vorandie allmählich dann voller und langsamereintretendder Kunst und Freiheit in Florenz ein trauriges Ende bereiteten.

In den nun folgenden hartnäckigen Kämpfen siegte Medici. Soderini standneben ihm anfangs so sehr im Vorteildaß auf ihn gewettet wurdezuletzt aberbeugte er sich dem Mächtigeren. Im November 1523 erfolgte die Wahl. Wie beiLeos Erhebung strömte Florenz über von Freudenbezeugungen. Auch Michelangelohatte Ursachezufrieden zu sein. »Mein lieber Meister Domenico«schreibt eran seinen alten Freund Topolino in Carrara»der Überbringer dieses istBernardino da Pierbassoden ich wegen einiger Blöckederen ich bedürftigbinnach Carrara schicke. Seid so gutihn dahin zu dirigierenwo er am bestenund raschesten seinen Zweck erreicht. Nichts weiter für den Augenblick. Ihrwerdet gehört habendaß Medici Papst geworden ist. Alle Welt ist entzücktdarüberund auch mir will scheinenals würde es jetzt neue Bestellungengeben. Deshalb bedient mich diesmal gut und ehrlichdamit es ihm zur Ehregereiche.«Vielleicht wußte Michelangelo damals schon mehrals er Topolinomitteilte. Denn sofort nach der Wahl Medicis wurde der Bau der Sakristei nichtnur frisch aufgenommensondern als neue Bestellung die Ausführung derBibliothek von San Lorenzo beschlossen. Der Zeit nach trifft dies zusammen mitdem Terminewo die übrigen Blöcke aus Carrara eintrafen. Michelangelo erhältein monatliches Gehalt von fünfzig Dukaten und beginnt die beiden Statuen derHerzöge von Nemours und von Urbinodie zu den erhabensten Denkmälerngehörenwelche die Bildhauerkunst hervorgebracht hat.

Lasse ich alleswas mir von Porträtstudien bekannt istvor meinen Augenvorübergehenso finde ichdaß diese beiden Gestalten von keiner übertroffenwerden. Was ihnen an Einfachheit vielleicht abgehtersetzt die Würde derErscheinung. Dächte ich mirwas immer die äußerste Probe bleibtjenegriechische Statue des Sophokles im lateranischen Museum zwischen die sitzendenHelden gestelltsie würden ein wenig hohl werden und ihr prachtvolles Aussehenan natürlicher Grazie verlierenetwa als wollte man einem der hohenstaufischenKaiser Alexander den Großen entgegentreten lassenallein dieser Unterschiedkann als natürlich und notwendig verteidigt werden. Denn die beiden Medici sindweder Göttersöhne noch Helden gewesen. Michelangelo hat sie so hoch erhobenals sie sich erheben ließenundindem er die Nachkommenschaft seines altenGönners Lorenzo und dessen Bruder so darstelltealleswas er in ihrem Hausean Wohltaten empfingin einer Weise vergoltendie mehr als königlich ist. Dieganze Familie gewinnt durch diese Statuen ein Aussehen gewaltiger Fürstlichkeitund höheren Adelals ihr weder ihre eigenen Taten noch die Verbindungen mitden Häusern der Kaiser und Könige jemals verschaffen konnten.

Ein Beweiswie wenig von dem Andenken an daswas Lorenzo und Giuliano imLeben warenübrigbliebund wiewas sie heute sindnur in der ArbeitMichelangelos liegtist die Verwechslung der Namen bei diesen Statuendie bisauf unsere Zeiten gedauert hat. Denn sollte auch hier oder dort daraufaufmerksam gemacht worden seinwas mir jedoch nicht bekannt istso drang dieBerichtigung sicher nicht durchund die falschen Bezeichnungen hafteten.Lorenzoder hochmütigekriegerische Herzog von Urbinowird von Vasari »derin Nachdenken Versunkene« genanntund die Darstellung seines melancholischenso traurig endenden Oheims Giuliano auf ihn gedeutetwährend dieserzu dem»kühnenstolzen« Lorenzo gemachtbisher unter der Gestalt seines Neffenbetrachtet wurde.

Die Marmorbilderwie sie heute in der Sakristei von San Lorenzo stehenbilden den Gegensatz des sich in sich selbst zurückziehenden Erwägens und deszur Tat sich erhebenden Entschlusses. Beide ruhen. Aber Lorenzo sitzt da wie einFeldherr auf der Höhe eines Hügelsvon dem herab er seine kämpfendenSoldaten beobachtet und den Lärm der Schlacht vernimmtwährend Giulianotaubfür daswas um ihn her sich ereignetüber Gedanken ohne Ende zu brütenscheint.

Lorenzo war tapferwie sein Vater Piero gewesen war; er leitete in Personden Sturm auf Monteleoneals er dem Herzoge von Urbino mit Gewalt das Herzogtumabnahmdessen Titel ihm vom Papste geschenkt war. Er erscheint in der Trachteines römischen Feldherrn aus der Kaiserzeitdie Ornamente seiner Rüstungsind reich und mit reinlicher Sorgfalt ausgeführt. Der rechte Fuß trittgeradeausdaß das Knie nach vorn vorstehtder linke zurück unter den Sesselso daß das Knie hierbei gesenktem Schenkeltiefer als das andere liegt: ganzdie Stellung zum Sicherheben mit einem Rucksobald es notwendig scheint. Querüber seinen Schoß ist ein schwerer Feldherrnstab gelegtdessen eines Endeweil das rechte Knie höher stehtaufwärts über den Schenkel hinausreicht.Auf diesen Teil des Stabes lehnt sich die Handoder (man möchte so sagenobgleich es die Hand eines Mannes ist) sie ist darüber hingegossenmit sounbeschreiblicher Grazie hat Michelangelo sie dargestellt. Diese Hand – unddie anderedie auf dem andern Ende des Stabes liegtnoch nachlässiger in derBewegungmit dem Rücken ihn berührend und ohne jede Absichtzu greifen etwaoder sonst etwas zu tunwas einen Willen andeutet – sind die beidenschönsten Männerhändedie ich im Bereiche der Skulptur kenne. Schon bei demLeichnam Christi im Schoße der Mutter sind die Hände unvergleichlich zart undausdrucksvollund wenn irgendein Zweifel bei der Madonna von Brügge aufsteigenkönnteihre Hände deuteten auf die einzigen Hände wiederumdie sie zuformen imstande waren. Nichts läßt so durchaus sicher auf den ersten Blick dieStufe erkennenauf der ein Künstler stehtals seine Artdie Hände zubilden.

Was der Gestalt des Herzogs von Urbino aber den Stempel aufdrücktihrWahrzeichen gleichsamist der sich aus der viereckig geschnittenenreichverzierten Öffnung des um Brust und Schultern dicht anliegenden Panzersaufreckende HalsKraft und Stolz sind der Inhalt seiner Bewegung. Noch einmalmit einem Blicke auf die ganze Gestalt: was Gutes und Edles in LorenzosCharakter lagseine Tapferkeitseine Hoffnungdie italienischen Staaten zueinem Königreich für sich zu erobernenthält diese Statueund wer siebetrachtet und nachher den Mann selbst in seinen Schicksalendem löst sich aufdas leichteste die Fragewas unter Idealisierung einer Person zu verstehen sei.Ein Künstlerder das Ideal eines Menschen schaffen willnimmt aus ihm herauswas bleibenden Wert hattut dazu was er als Mensch und Künstler selbst istund formt daraus eine neue Erscheinung.

Wir haben kein Porträtum die Ähnlichkeit der Züge zu vergleichen.Raffael malte den Herzogdas Bild ist verlorengegangen. Doch hat sichMichelangelo nur wenig an die Natur gehalten bei beiden Statuenwie er selbsteingestand. Wer denn in tausend Jahren auftreten und beweisen wolledieHerzöge hätten anders ausgesehenantwortete erals ihm die mangelndeÄhnlichkeit vorgeworfen wurde. Er hat niemals Porträts gearbeitetes sei dennin gelegentlichen Zeichnungendie nur als Studien zu betrachten sind. Dieindividuellen Formen eines Menschen schienen ihm nicht umfassend genugum dasauszudrückenwas er in eine Arbeit hineinlegen mußtewenn diese ihn zurVollendung reizen sollte. Und sowie er die ganze Gestalt hier in höherenFormen zeigtebildete er auch den Kopf unabhängig von den individuellen Zügenals einen Teil seines neuerschaffenen Menschen.

Bei Giuliano fehlt am Gesicht die letzte Arbeit. Während Lorenzosaufstrebendes Haupt unbedeckt erscheintträgt Giuliano einen Helm von antikerFormentsprechend der römischen Rüstungin der auch er steckt. Diese aberentbehrt der Zieraten. Die Gestalt hat etwas SchweresRuhendes. Der linkeEllenbogen steht auf der vorspringenden niedrigen Lehne des Sessels aufund mitdem ausgestrecktenleicht gebogenen Zeigefinger berührt er die Lippenalsstütze er den gesenkten Kopf ein wenig damit. Der andere Arm ist mit demRücken der geknickten Hand auf den Schenkel aufgepflanztdaß sich derEllenbogen nach außen wendet; das Bein aber tritt vom Knie abwärts quer nachder andern Seite hinüberso daß die Füßeein wenig unter den Sesselgezogeneiner hinter dem andernnah zusammenstehen. Die Knie sind nacktwiebei Lorenzound das kurze mit Troddeln und Streifen überhangene Panzerhemdefällt zwischen ihnen schwer in den Schoß herab.

Michelangeloin dessen Natur etwas Überströmendes lagdas fast in jedemseiner Werkeso oder soeinen Ausweg suchteweißwie er die Bewegung einerGestalt bis zu losplatzender Heftigkeit zu steigern verstehtebensowenn erdie Ruhe darstelltsie zu einem in die Unendlichkeit sich ausdehnenden Zustandezu erhöhen. Die Sibyllen und Propheten zeigen das bei seinen MalereiendieStatue Giulianos bei den Skulpturen. Dennoch bringt die Marmorgestalt desHerzogs von Nemours einen anderen Gedanken zum Ausdruck als die gemaltenkolossalen Männer und Frauen der Sixtinischen Kapelle. Hier war das grübelndeNachdenken dargestelltdas Zusammenströmen der Gedanken auf einen Punktdiehöchste innerliche Arbeit; bei Giuliano das Auseinanderfließendas Versinkenin ein unbestimmtes Gefühlrechtals hätte gezeigt werden sollendaß fürihn der Tod eine Erlösung nach langem traurigen Kränkeln war. Er sitztalswäre er allmählich versteinert. Er lebte unter Verhältnissendie ihnzuzeiten kriegerisch aufzutreten zwangen; für die Familie mußte auch er sichanstrengenseinen Mann zu stehen; die Hochzeitsreise nach Frankreich war dasletztedas er zur Vermehrung des mediceischen Glanzes zu tun vermochte. Schondamals trug er den Keim des Todes in sich. Sehnsucht nach Ruhe und die seltsameHoffnungslosigkeitdie manchen Charakteren als ein düsteres Geschenk der Naturmitgegeben wirdwaren ihm eigen. »Keine Feigheit ist esnoch entspringt esaus Feigheitwenn ichum dem zu entfliehenwas grausamer noch mich erwartetdas eigene Leben haßte und ein Ende ersehnte.« Dies die ersten Verse seinesSonettes zur Verteidigung des Selbstmordesdas als Gedicht nicht bedeutendhier dennoch höheren Wert gewinntweil es als die einzige Äußerung diesesGeistes zurückgeblieben istdessen Verlustals er starbFreunde und Feindebeweintenund der längst in Vergessenheit gesunken wärehätte ihnMichelangelo nicht unter seine Flügel genommen.

An die Söhne der beiden Herzöge ward nun nach ihrem Tode das Schicksal vonFlorenz gekettet. Beides uneheliche Kinderdenn von ihren fürstlichenGemahlinnen hatte Giuliano keine NachkommenLorenzo nur eine Tochter. Ippolitoder älterewar der Sohn einer vornehmen Frau in Urbinoaus den ZeitenwoGiuliano als Verbannter dort lebteAlessandros Mutter dagegen von dunklerHerkunfteine zum Palaste gehörige Mulattensklavindie nicht einmal anzugebenimstande warob Lorenzo oder ein Reitknecht oder der Kardinal dei Medici selberder Vater des Kindes sei. Beide aber sind ausgezeichnete Naturen gewesen unddenjenigen im Charakter ähnlichdenen sie ihr Dasein verdankten. Dem Papstegenügtedaß sie vorhanden warenmochten sie gekommen seinwoher siewollten.

Als Leo der Zehnte den Kardinal Giulio dei Medici zum Regenten in Florenzmachtewaren die Knaben noch zu jungum selbst eine Rolle zu spielen. Längstaber stand fest im Vatikandaß Ippolito einmal eine eigene Herrschafterhielteund seine Zukunft kam bei den geheimen Unterhandlungen mit Spanien undFrankreich als stehender Artikel in Betracht. In Florenz sahen die Politikeranfangs nicht so weitbald aber sollte auch ihnen Aufklärung werden.

Im Frühjahre 24 zieht der Kardinal von Cortona als Regent und Stellvertreterdes Papstes in Florenz einund zwei Monate später folgen ihm die beideninderen Namen er fortan die Stadt beherrschtIppolito und Alessandrodieser nochein Knabejener aberals vierzehnjähriger Jünglingvon der Bürgerschaftfür fähig erklärtdie höchsten Staatsämter zu bekleiden. Alessandro solltespäter Kardinal werdenIppolito Caterinades Herzogs von Urbino nachgelasseneTochterheiratender einst die Hälfte aller mediceischen Güter zufiel unddie damals noch ganz klein war. Ippolito war im stillen dazu bestimmtdie Rolleaufzunehmendie Lorenzo bis zu Ende zu führen durch den Tod verhindert wurde.

So standen die Dinge in Florenzals Michelangelo an den Statuen Lorenzos undGiulianos arbeitete.