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Der Ungemütliche

Robert Hamerling

Ich fuhr eines Tagesauf einer Reise begriffendurch das Städtchen X.undwährend die müden Postgäule den Marktplatz entlang trabtenkam ich an einemWirtshause vorüberaus welchem soeben ein Mensch herausgeworfen wurde. DieGewalt des Wurfes war eine so heftige gewesendaß der arme Teufel auf der Straßesich nicht wieder aufrichten konnte und hilflos dalagwährend der Schwarmlustiger Gesellender ihn solchergestalt über die Schwelle befördert hattesingend und lärmend sich wieder in das Gastgemach zurückzogohne sich weiterum ihn zu kümmern. Halb aus Mitleidhalb aus Neugierde ließ ich haltenstiegaus dem Wagenhalf dem Unglücksvogel auf die Beineund da ich merktedaß ersich im Fallen stark beschädigtüberdies auch sonst das Ansehen eineskrüppelhaften Menschen hattedenn er war lahm an einem Fuße und auf einemAuge blindso nahm ich ihn zu mir ins Gefährt und erreichte gleich darauf dieHerbergein welcher ich die Nacht zuzubringen gedachte. Dort ließ ich ihn zuBette bringen und einen Arzt rufendem ich ihn empfahldenn er schien mir derPflege gar sehr zu bedürfen. Im übrigen gönnte ich ihm auchda er mühsamsprachdie nötige Ruhe und wollte ihn für den Rest des Abends mit Fragennicht weiter behelligen.

Den andern Morgen ging ich zu ihm hinfand ihn in einer ziemlich schlechtenVerfassungdenn er hatte durch den Fall eine starke Erschütterung der Brusterlittenund der Arzt erklärte unter vier Augen den allgemeinen Zustand desgebrechlichen Mannes für einen bedenklichen.

»Wie kam es nur«fragte ichmich ans Bett zu dem Kranken setzend»daßEuch von jenen Gesellen in der Schenke eine so unglimpfliche Behandlungwiderfuhr?«

»Wie es kam?« erwiderte er. »Achdas kam solieber Herr. Die munternGesellendie in jener Gaststube beisammensaßendas waren lauter gemütlicheLeuteund ichmüßt Ihr wissenHerrich binwie die Leute sageneinungemütlicher Mensch. Und das ebenHerrdas ist der Fluch meines Lebens immergewesendaß ich ein ungemütlicher Mensch binwofür ich gar nichts kanndaich mir zeitlebens alle erdenkliche Mühe gegeben habeein gemütlicher Menschzu werdenwie die andern Leuteaber vergebens. Schon als kleinen Knaben hatmein seliger VaterGott tröst' ihn! mich lahm geschlagen - daher mein Hinkenauf einem Beine - weil mein Bruder etwas verbrochen hatte. Diesen wollte ernämlich nicht schlagenweil er ein allzu gemütlicher Knabe war.

Mein Bruder wurdeeben weil er ein gemütlicher Knabe warvon allen Leutenund insbesondere von den Frauen gehätschelt und geliebkostund wenn Besucherins Haus kamenoder Verwandte und Freunde uns auf der Straße begegneten undmit uns sprachenso sahen sie immer nur meinen Bruder dabei an und richtetenihre Worte immer nur an meinen Bruder; über mich glitten sie mit den Augenhinwegals ob ich in einer Tarnkappe steckte.

In der Schule sah ichwie andere Knabenwenn sie etwas verbrochenvon denLehrern mit Lächeln zurechtgewiesenhöchstens ein wenig beim Ohrläppchengezupftoder bei den Härchen ein klein wenig gezogenoder mit der Rückseiteder flachen Hand auf die Wange getätschelt wurden - ich dagegenselbst wennich mich sehr brav benommen und ausgezeichnet hattemit sauersüßer Miene kurzbelobt und dabei mit Augen angesehen wurdeals ob ich eigentlich Prügelverdient hätte.

Wenn meine Geschwister oder Kameraden einen schlimmen Streich ausführenwolltenso nahmen sie mich nicht dazu und taten es heimlich vor mirdenn ichwar ihnen zu wenig gemütlich.

Kleine KinderHundeKatzen u. dgl. gaben sich auch nicht gerne mit mir abund wichen mir ausobgleich ich ein Freund von ihnen war. Ich machte dahervielerlei Versuchesie durch ein entgegenkommendes Benehmen für mich zugewinnenaber nichts wollte verfangen. Wenn ich die Katzen streicheltesokratzten sie michwenn ich die Hunde an mich lockteso bissen sie mich in dieWadeund sah ich ein Kindlein in der Nähe nur so ein bißchen liebreich ansobegann es zu strampeln und zu schreienals stecke es am Spieße.

Nachdem ich herangewachsenwurde ich in eine Kanzlei getan und schlug dieBeamtenlaufbahn ein. Es kam die Zeitwo ich der nächste warin eine höhereStelle vorzurücken. Aber es wurde mir derjenige meiner Kollegen vorgezogenderdem Chef der Kanzlei immer beim An- und Ausziehen des Überrocks behilflich war.Ich wollte mich in ähnlicher Weise gefällig erzeigen und reichte demVorgesetzten beim Fortgehendienstwillig vorspringendHut und Stock. Aber ersah mich grämlich an und murmelte unwirsch etwas in den Bartund meineAmtskollegen nannten mich von da ab einen Speichellecker und Heuchler. Bei dernächsten Vorrückung wurde mir derjenige vorgezogenvon welchem derVorgesetzte wegen seines guten Humors sich auf Reisen begleiten ließ; bei derdritten derjenigeauf welchen die ältliche Nichte des Vorgesetzten ein Augegeworfen hatte. Von mir ließ der Chef sich weder Hut noch Stock reichennochauf Reisen begleitennoch gab er mir seine Nichte - denn ich war einungemütlicher Mensch.

So kam ich nicht weiter im Amte und zuguterletzt wurde ich gar entlassen.Warum? Ach Gottweil ich ein ungemütlicher Mensch war.

Jetzt wendete ich mich dem Kaufmannsstande zu; aber kein Mensch wollte etwasvon mir kaufenweil ich nicht gemütlich mit den Leuten zu reden wußte.

Nach dem Tode meiner Eltern und meines höchst gemütlichenaber leider amDelirium tremens zugrunde gegangenen Bruders fiel mir ein kleines Erbe zumitwelchem ich ein Bauerngütchen ankauftedas ich nunmehr zu verwalten michanschicktewobei ich vor allem nach einer passenden Helferin undLebensgefährtin mich umsehen zu müssen vermeinte.

Ich hatte aber große Schwierigkeiteneine Frau zu bekommen. Die ländlichenSchönheiten fanden zu wenig Kurzweil bei mirschämten sich meiner auf denTanzböden und hielten sich lieber an die flottenlustigen Burschen. Wenn ichhernach mich zusammennahm und es machen wollte wie die Gemütlichenund aucheinmal einen Scherz bei solch einem Mädchen riskierteso bekam ich wohl gareine Ohrfeige.

Endlich fand sich doch ein weibliches Wesendas mich nehmen wolltevielleicht nur um unter die Haube zu kommen. Aber es war ein Geschöpf vonübelstem Humor. Und wenn ich sie aufheiternoder nach einem Zank versöhnenund beschwichtigen wollteso konnte ich ehrlicher Kerl mit aller gutgemeintenBeredsamkeit in einer Stunde nicht so viel bei ihr ausrichten als irgendeinTaugenichts mit drei verlogenenaber ›gemütlichen‹ Worten bei so einemWeiblein auszurichten vermocht haben würde.

Sie betrog mich auch und verließ mich zuletztnachdem sie mir vorher nochein Auge ausgekratzt - weshalb ichwie Ihr sehtaußer demdaß ich hinkeauch einäugig bin. Aber recht behielt sie doch vor aller Welt. Man brauchtemich ja nur anzusehen und man wußte sogleichdaß ich ein Ungeheuersie aberein Engel sein mußte...

Jaworin lag denn das eigentlichdaß ich ein so ungemütlicher Mensch war?Ich gab mir dochwie gesagtviele Mühegemütlich zu seinheiter und lustigauszusehenaberobwohl ich glaubtegeradeso oft zu lachen oder einen Scherzzu machenwie andere Leute auchso geschah es mir doch häufigdaßwenn ichlachteein Anwesender mich ganz verdutzt ansah und behauptetees sei doch eineMerkwürdigkeitmich lachen zu sehenund er hätte nicht geglaubtdaß ich eskönnte.

Ich war oft so fröhlich innerlich im Herzenhätte manchmal sogar auch hellaufjauchzen oder mitjubeln mögen mit dem Fröhlichenmitten in der schönenGottesnaturoder sonst - aber es warals ob ich keine Kehle hätte zumJauchzen und Jodeln und keine Beine zum Springen und Tanzenund da hieß esdenn: ›Der hat kein Gemüt -man sieht's ihm an - den rührt nichts und freutnichts - ein Klotz ist's und ein Griesgramein sauertöpfischer Kerl...‹

Es war wirklich an demdaß sozusagen kein Hund ein Stück Brot von mirnehmen wollte.

Und ich meinte es doch gut.

Wenn ich mich unterwegs einem Wanderer anschließen wollteso schlug eralsbald unter irgendeinem Vorwand seitwärts einen Feldweg einso ungefährwie man einem verdächtigen Menschen ausweicht.

Wenn ich einen Betrübten trösten wollteso weinte er nur noch stärker alszuvorwurde ungehalten und sagte mir Grobheitenals ob ich ihm Gott weißwelche Beleidigung angetan hätte.

Wenn ich einem Bedürftigen durch ein Darlehen aus der Not halfso äußerteer zu den Leuten mit einem Blick gen Himmeles sei traurig genugin die Händeder Geldmäkler und Wucherer zu fallen. Und wenn ich einem Armen etwas schenkteso sah er das Geldstück anob es nicht etwa falsch sei...

Duldete ich Spinnen an meinen Wändenund Schwalben die in meinem Hausenistetenso nannte man mich einen unreinlichen Patronund fegte ich sie wegso hieß es: ›Da seht den gemütlosen Menschen!‹ -Wenn ich in der Schenkeneben munteren Kumpanen saßso taten sieals ob ihnen mein Gesicht dasGetränk sauer mache.

Zuletzt wurde ich in einen großen und unangenehmen Prozeß verwickelt. Beider öffentlichen Gerichtsverhandlung wendete die ganze Sache sich sonnenklar zumeinen Gunsten; selbst der Gegner hatte sein Unrecht eingestehen müssen. Aberdie Geschworenen sprachen ihn dennoch freiweil er ein sehr gemütlichesAussehen hatte.

Infolge dieses Prozesses verlor ich das bißchendas ich besaßund da eineüberaus reiche Tanteauf die ich meine Hoffnung gesetzt hattemich zu Gunsteneines liebenswürdigen Windbeutels enterbteso zieh ich seitdem verlassenarmund krüppelhaftwie Ihr mich gefundenschier als ein Bettler in der Weltumher.«

So erzählte der Mannaber da er immer mehr ermatteteso empfahl ich ihmRuhe und entfernte mich mit einigen Trostworten.

Den nächsten Tag fand ich ihn der Auflösung nahe. Er fühlte recht gutwiees um ihn standund obwohl es ihm Mühe machtezu sprechenkam er doch wiederauf sein Schicksal zurück und flüsterte trübselig:

»Die Liebe stand an meiner Wiege nicht und auch an meinem Sarge wird sienicht stehen. Und ich war doch auch ein Menschwäre gern geliebt worden undhätte gern geliebt. Ich hatte danach zeitlebens ein Verlangenso großso heißdaß ich es nicht beschreiben kann. Aber die Natur hatte den schlimmsten allerFlüche auf mein Haupt gelegt: den der Ungemütlichkeit. Und so bin ich zu Todegezaust wordenwie die Euledie sich bei Tag unter die anderen Vögel mischenwill.«

So klagte er; nach einiger Zeit aber flog ein Lächeln über sein Antlitz under begann wieder: »Ich weiß doch einender sich nicht im geringsten darumkümmertob ich ein jovialer Burschoder ein langweiliger Kauz gewesen bin.Das ist der Todesengelder mir jetzt unter den Arm greift und mich einführtzur ewigen Ruhe. Der Tod umfaßt die Gemütlichen und die Ungemütlichen mitgleicher Milde und Freundlichkeit. Die Stätte der letzten Rast kann keinemverwehrt werden und das Recht des süßen ewigen Schlafes ist gleich für alle.«- So sprach er und verschied.

Armer Teufelwirst du recht behalten mit der Hoffnung deines letztenAugenblicks? Vielleicht täuschtest du dich und dein Schicksal ist auch jetztnoch nicht versöhnt. Ruhe dich geschwind ein wenig aus vom Ungemach deinesunglückseligen Daseins; ich fürchtenach wenigen Wochen oder Monaten wirftder Totengräber deine sterblichen Reste aus dem Grabeum an ihrer Statt dieGebeine eines gemütlichen Halunken hineinzubetten.