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Jean Pauls

Freiheits-Büchlein;
oder
dessen verbotene Zueignung an den regierenden
Herzog August von Sachsen-Gotha;
dessen Briefwechsel mit ihm; -
und
die Abhandlung über die Preßfreiheit

 

Nro. I
Untertänigstes Zueignungs-Gesucheine Ästhetik betreffendan IhreDurchlaucht den regierenden Herzog August von Sachsen-Gotha

Gnädigster Herzog

Schon da Konzipient dieses vor fünf Jahren (und nachher mehrmals) das GlückgenoßIhre Durchlaucht sowohl zu hörenja zu lesenals auch von Ihnengesehen und gelesen zu werdenfaßte er den EntschlußIhnen etwasGefeilteres zuzueignenals er selber istnämlich ein Buchdas er sehrschätzte und wovon ganze große Teile mit der schicklichsten und richtigstenManier auf Ihre Durchlaucht anzuwenden wären. Gegenwärtiges leistetedies wirklich; und Zweifler daran wären wohl leicht durch solche Programmendarin (anderer gar nicht zu gedenken) einzutreibenwelche die PhantasiePoesieden WitzHumor und Ähnliches verhandeln.

Dies aber machte nur gar zu leichtdaß Konzipient Ende vorigen Jahres eineDedikation verfertigte (sie ist sub Littera A angebogen) und mit ihrungewöhnlich genug den Druck des Werkes anheben ließohne vorher imGeringsten (er will es nicht verhehlen) bei Ihrer Durchlaucht um dieErlaubnis anzuhaltenIhnen die stärksten Wahrheiten zu sagenund zwarangenehme- welche rechten Menschen oft schwerer zu hören wie zu sagen fallenals sehr bittere.

Allerdings schützt Dedikant nicht ohne Grund vordaß Ihre Durchlaucht(wie gedacht) bei Anfang des Drucks noch Erbprinz warenals er in der Zuschriftpoetische Aurorens-Farben prieswelche nachher an der Sonnewenn sie zuregieren anfängtsich in warmes Licht verwandeln; - und so möchte die Zeitdes Drucks diese und ähnliche Lobeserhebungen in etwas entschuldigen.

Seit inzwischen Ihre Durchlaucht anfangs der zweiten Abteilung desBuchs vom Musenberg auf den nahen Thron hinaufgegangen und zum Zauberspiegel derPoesie in die andere Hand noch den Zauberstab des Zepters bekommen haben: somacht freilich die Zueignung eines Buchs mit der Zueignung eines Landes denerbärmlichsten Abstichso daß es ihr nicht besser als etwan einemLorbeerkranze ergehen kannden Apollo als Schäfer aufbekommen hätteund dener nachher mitten ins Sonnenfeuer hinauftrügevor welches er sichum es zulenkensetzt. Ist die Krone der letzte Helm Deutschlands; ist keine Art vonGeist so wichtig als ein Schutzgeist; und muß sich die Blüte der Humanitätgleich der Ananasdurch die Krone fortpflanzen: so kann wohl niemand mehr undweiter dabei leiden als Konzipient selberweil er in der angebognen Zuschriftdiese Vorzüge nur in der Ferne gewiesenund die poetischen in der Nähe.

Denn wird deswegen Dedikanten ihre Bekanntmachung abgeschlagen: so hat ernicht nur die Kosten- das halbe Buchdie Seitenzahlendie Bogenwürmerumdrucken zu lassen; sondern er muß auch zusehenwie andere den Vorteilderwie es scheintihm gehörtvon seiner Ästhetik ziehennämlich ihreangenehmsten Sachen ohne sonderlichen Aufwand von Witz - der nur in entferntenÄhnlichkeiten besteht - auf Ihre Durchlaucht zu applizieren.

Daher gelangt an Sie die untertänigste Bitte

daß die angebogene Dedikation sub Litt. A ohne kostspieligen Umdruck bleibendürfewie sie ist.

Das Schweigen wird Konzipient als einen Befehl annehmensieherauszuschneiden; und wird dann leider den Lesern nur durch den Abdruck dieserSupplik seinen guten Willen zeigen können -

Ihrer Durchlaucht

 

untertänigster Jean Paul Fr. Richter

Nro. II
Offizielle Bericht-Erstattung an den Leser von Deutschlandnebst den Briefendes Herzogs

WohledlerEhrwürdigerHochwohledlerWohlehrwürdigerHochedlerHochedelgebornerHochwohlehrwürdigerWohlgebornerHochehrwürdigerHochwohlgebornerHochehrwürdiger Reichsfreiherrl. WohlgebornerHochwürdigsterHochgeborner etc. etc. etc. Leser! - Ihre über den ganzen Adreßkalenderausgebreiteten Titelwelche noch tiefer und noch höher steigenentschuldigeneswenn ich sie alle in den einzigen einschmelze: Verehrtester!

Es zu rühmenverehrtester Leserwas Sie seit der Erfindung derSchreibkunst weit mehr als alle Ludwige XIVte für die Wissenschaftensiemochten sich in Purpurpergament oder in Lumpenpapier kleidengetan durchLesegeldist über meine Kräfte.

Alle Bibliothekenvon Lese-Bibliotheken an bis zur blauen (wenige Rats-Regiments- und Kloster-Bibliotheken ausgenommen)schaffen Sie neu anodererstehen Sie in Versteigerungenund wer anders als Sie läuft alle Werkeflüchtig durchdie man kenntvom ersten indischen Schauspiel andas inFelsen unter dem Meer gehauen warund von den Büchern im Seraildie Klafterlange sindbis zu dem Opern- und Brockenbuch und dem Kinderlesebuch und denBüchern der aner und in ana ungeachtet Sie noch zu gleicher Zeitalle AktenstöckeBrieftaschenNotenPlanetenVisitenkartenViehpässeBank-Küchen- und Komödienzettel in Deutschland zu lesen haben! Wahrlichichwünschte zu wissenwas Sie nicht läsen.

Und doch unterstützt Sie dabei niemand als zuweilen ein Lektor; denn diebeiden Leser im Reichs-Kammergericht zu Wetzlarwelche die Aktenfoliierenübergeben und aufhebenwird niemand für sonderliche chargés d'affairesund Mitarbeiter von Ihnen nehmen.

Zehntausend Mann stark soll nach Meusel das sitzende Heer jetzt seindas Sieauf den Beinen und sonst halten und besoldenteils als Referententeils alsSekretäre. Welche Ausgabe für so viele Land-Stadt-Marktflecken- undDorfschreiberda der Papst selber nicht mehr als 72 Schreiber hatdie aberAbbreviatoren heißen! Fünftausend Werke liefert das Heer jährlichwelche Siealle teils zu kaufenteils zu lesen haben. Wie schlecht ist nun jederReferendär und Sekretärder überallwo die Gerechtsamen des größtenKurators und Nutritors des Schreib- und Buchhandels leidennicht aufspringtbeschirmtausfälltaufschreibt und dann berichtet offiziell! Gibt es solchelaxe Autoren?

Endes unterzeichneter Referent wenigstens ist der Mann nichtder bei derSemester-Gagedie er von Ihnen ziehtdieses tätesondern er berichtet mitEiferwie folgt:

Zwanzig Jahre und wenige Monate mögen verflossen seinseitdem er in IhreDienste tratzuerst als Referent der grönländischen Prozesse unddarauf der Teufels Papiere- jenes in Berlindieses (6 Jahre später)in Gera. So leicht etwa damals das Gnaden-ja Ungnaden-Gehalt dafür ausfieloder so schwer das Raff- und Lese-Holz für damalige harte Winter: so reichlichhaben Sie ihn nachherda er eine leserlichere Hand schriebals IhrenEhren-Söldner salariert mit Meß-Geschenken jährlich. Wer denn sonstverehrtester Leserals Sie hat bisher für den Unterzeichneten und dessen Frauund Kinder mehr getan als alle Fürsten und dessen Vater- und Wohnstädte? Sieallein dekretierten ihm ein Fixum mit Zulage; von den Städten und Thronentrieben erst Sie als Sportularius und Pfennigmeister die Beischüsse ein.Sie wahrer Musenfreund aller schreibenden Prezisten! Wie würde es ohne Sieund ohne den Lesegroschenden Sie wöchentlich als Schreibpfennig undAlmosengeld in allen deutschen Leihbibliotheken austeilenum Schreiber undSchreiben stehen! -

Was noch heimlich und nebenher Ihre treffliche Hälftedie vergeßlicheaber unvergeßliche Leseringetano verehrtester Leserdie er dasGlück gehabt in Berlin und sonst zu sehendarf nur seine Dankbarkeit vermehrennicht seine Freimütigkeit und Redseligkeit. Beinahe in unserm ganzen Heere der10000 Xenophons ist eine Stimme darübersie Notre-Damema-DonnaHesperideTitanide zu nennennicht eine bloße Haus-Ehresondern eine Palast-und Land-Ehre - Franzosen nennen sie die Jungfer Europa - wahrlich derEnthusiasmus ist allgemein - -

Nie kann deshalb Unterzeichneter aufhörenfür die Rechte Ihres Hauses zufechtendas voll Lesezimmer ist; er stattet ihm ewig die offiziellen Berichteabdie äußerst nötig sind. Heute hat er einen der neuesten zu macheneinenIndex expurgandarum (dedicat.) betreffendden Ihnen die philosophischeFakultät in Jenaohne ein besonderes Konkordatdas bekannt wäreals Gesetzan die Flügel-Tore Ihres Lesezimmers affigieren und nageln wollte.

Das Faktum ist dieses:

Ihr ApanagistVerehrtesterVerfasser dieses und der Vorschule derÄsthetik nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit.Hamburgbei Friedrich Perthes 1804setzte dem eben gedachten Buche eineZueignung an den regierenden Herzog August von Sachsen-Gotha vorwelchedieselbe istdie der Ästhetik fehlt und diese Schrift verziert. Er schicktesie vorher an Ihnden genialen und liberalen - ein Klang- und Sinn-Reimzugleich -mit folgendem Briefe:

Gnädigster Herzog

Ihrer Durchlaucht send' ich hier eine Dedikation an Sieum Sieum die Erlaubnis des Lobes nicht sowohl - denn diese gab mir schon die Wahrheit- als um die Erlaubnis des ungewöhnlichenmehr englischen als deutschen Toneszu bittenworin ich es sage. Mögen Sie mir es verstattenzweimal rechtglücklich dediziert zu habendas erste Mal der schönsten Königindas zweitedem witzigsten Fürsten!

Das Buch ist eine - aber nach meiner Weise geschriebene - Ästhetik und meinLieblings-Kind. Es erscheint im August schon. Daher möcht' ich wohl zur großenBitte noch die kleine fügenwenn sie schicklich istmich bald entwederzu erfreuen oder zu erschrecken.

 

Ihrer Durchlaucht

Koburgden 16. Jul. 1804

 

untertänigster Jean Paul Fr. Richter

Darauf erhielt der Brief- und Schriftsteller vom Herzoge folgende Antwort...

DochVerehrtestereh' ich Ihnen die sämtlichen Akten vorlegederenEinsicht Er Ihnen erlaubtwünsch' ich Ihnen Glückdaß der Zufallder Sieum einige unbedeutende Blätter von mir bringen wollteIhnen dadurch eine Mengeinteressanter zuführt. Auch dürfen sich zwei Schreiber selber Glück wünschenwenn ihre Briefe ebenso gut in die Druckerei geschickt werden können als aufdie Post; welches hier der Fall mit den meinigen ist in Rücksicht der Gesinnungund mit den herzoglichen in Rücksicht des poetischen Gehalts.

Das Polyneonworauf sich der Anfang des folgenden Briefes beziehtist ein großes episches Märchen über die Liebevom Briefstellerwelchesalleswas große Kenntnisse und große Kräfte von Frucht- und Blumen-GewindenPerlenschnüren und Venus-Gürteln ineinander flechten könnenzu seinemZauber-Kreis der Liebe ründet. Doch daswas schildertkann nicht selbergeschildert werden; der Kreis wird zuletzt ein Trauring - der Ring ein Juwel -der Juwel ein Lichtblick - der Blick ein Geist. Der Tadelwomit man dasPolyneon so gut belegen kann als mit Lobist bloß schwerer zu verdienen als zuvermeiden. Eine geniale Phantasie istgleich dem Luftballonleicht in dieHöhe und in die Tiefe zu lenken; aber das waagrechte Richten wird bei beidenetwas schwer; indessen hielt man es bisher doch für das größere Wundersichin den Himmel zu erhebenals sich darin zu steuern.

Daß man hier nicht schmeichlesondern bloß dedizierebeweiset dieendliche Edition des ersten Dokuments:

Angebogene Antwortsub Littera zzz + x.

Panädonia bat (Pleonasmusda sie eigentlich nichts zu bitten hat)als siedas Polyneon tausendfärbig und tausendförmig aus ihrem Füllhorn schlüpfenließ; und dazumal ging es ihr wie Pandoren: es blieb ihr eine Bitte - waseinerlei ist - eine Hoffnungund diese Bitte oder diese Hoffnung kleidete sieauch in eine Weihe ein: Richter sei Freundund Freund sei Richter.Dieses Epigramm sollte griechisch und nicht deutschnicht gedrucktsondern inKupfer gestochen werdenwenn mein Unvergleichlicher (mein Vortrefflicherwürde ich sagenverglich' er nicht zuviel) es mir erlaubte. Doch ich werde mitmeinen ineinander geschachtelten Parenthesen wie unser guter W*** und endedamit mein Paulinischer Johann und mein Johannischer Paul nicht vor Langweilevor mir ende und vor meiner eignen Geduldmit der letzten der Bitten: dieseBitte wie eine leichte Luftgondel Ihrem Schatz- und Kauffahrtei-Schiffeanzuhängennichtdamit beim Schiffbruche der teure Steuermann sich darinretten möge; aber - das ist eben das Rätsel. -

Einst krümmte Hesperus einen silbernen Nachen aus seinen Strahlen und fuhrhehr und genialisch über die Milchstraße der Ahnung und warf der verblüfftenWelt Sternschnuppen in die zugestarten Augendaß die Schuppen herabfielen undeinige durch das Schlüsselloch der Zukunft in den Himmel blickten; aber nachdemsahen wir durch einen Spiegel in einen dunkeln Ort. - Das jammerte den jüngernPhosphoros; er nahm eine Riesenperleüberzog sie mit Uranusglanztauchte siein Minneglut und bevölkerte sie - Doch Sie wissen alles schonund nun habenSie mein Rätsel errathen. Wenn Ihre Vorrede vorlaut istso ist meine Rede wohlNachlaut; doch Sie sind gewohntden Weibern durch die Finger zu sehendurchdie Ihrigen und durch ihre. Phosphoros hat noch mehr Prätensions wie Siedrumhängt er sich Ihrem Schatz- und Kauffahrteischiffe als Lustgondel an. Ma addiocara anima; guberniamo il cielo é l'arcadia.

Phosphoros-Metahesperos

NB. Sie wollen wissenob ich eine Zueignung haben will? Dazu antworte ichmit Nein; aber ob ich das Überschickte sub Littera A mit meinemAdmirations - A! beantworten werdedazu sage ich Ja. Erschreckt Sie meinundemütiges Neinso bleibt die Lustgondel im Hafenund der Richterbleibt mein Freundder Freund aber nie mein Richter. - Kommen Sie in GottesNamenin Gotha zu verpissenwas Sie in Liebenstein getrunken habennurverschonen Sie meiner Minister Perruquendenn Sie wissendaß die Netze dergroßen Welt nicht so ausgepicht sind wie die Federmützen der Gelehrten. Dochverzeihen Sie diese Reminiszenz und diese Art von Plagiat Ihrem Freunde undMitsünder.

Lucifer

P. S. à propos! von BierOrtenKommen und Gehn - Es ist nicht meine Schulddaß ich geblieben bin. Sie verwechseln vielleichtguter Richtermein Abendrotmit meinem Morgenrotwie es einst Ihr Gottwalt mit dem seinigen tat. Ich habekeinen Zauberstabund der Spiegelden ich halteist nur der der Eitelkeitund doch kann ich nicht vergessendaß ich zähne-nägel- und haarelos bin.Wenn Sie recht schmeichelhaft sein wollenso nennen Sie mich einen Kleister-Aalaus dem Kleisterwo Gott seine schönsten Sonnen knetet. Dieses irländischeBonbon wird mich unendlich freuen und gewiß nicht weniger neu seinals diebritischen sinddie Sie mir auftischen wollen. Sie wollen mir einenLorbeerkranz aufsetzenund - wissen Sie denn nichtdaß eine Graciosos-Kappeeine von den Helmzierden istwelche ich das Recht zu führen habe; wie eineSäuleeine Roseeine Henneein übersatter Löwe zwischen unverzehrtenHerzen in dem feldreichen Bilderlande sinddie meinen Schild zierenund überdenen ein Rautenkranz. Diesen würde ich mir eher wie das Wiesel des Pliniuswählenwenn die schöne Otter der Männlichkeit mit AugenHerzen undGallenzahn mich zu durchbohren sucht. Auch gegen den Zahn Ihrer Witzesschlangemöchte ich mit dieser Zauberraute die Taube meiner Falschlosigkeit umpanzern.RichterSie fürchtendaß ich mich vor Ihrer Eignungsschrift fürchtenkönnteund wollen mich mit dem Wiegenliede der Schmeichelei einlullen! SagenSie Sichdaß ich als Jungfrau das Einhorn des Spottes entwaffnen kannund dasmit einem Kusse; einem Judaskusseund Sie kreuzigen; mit einem Jonathanskusseund Sie verlassen; aber auch mit einem Cyparißkusseund mit Ihnen sterben undewig leben; aber nie mit einem Krähenkussedie sich aus gleicher Schwärze dieAugen nicht auskratzen. - Mißhandeln Sie michund lassen Sie druckenwas Siewollen: VorredenBriefeja meinen Brief. Verspotten Sie mich; ich weiß es nurzu gutdaß die Freundschaft der Männer eine umfangende Jungfrau istund ihreSchmeichelei eine giftige Verleumdung. - Dochkönnen Sie mit meinem warmenKinderblutemit meinem weichen Mädchenherz und mit meinen süßen Witwen- undWaisenzähren alte Wunden aus- und alte Flecken abwaschenso tun Sie es; dennes ist keine Schande für michauf dem Altare des mächtigsten der Genien zuenden. Habe ich mir doch schon lange eine welkerosenrote Hyazinthe mit demEpigraph gewählt: kalon uper tou kalou Jnhskein. Undgern möchte ich der Hyazinthus seinnicht um Sie zu bestechenaber um Sie zuentwaffnen. Kommen Sie auf mein Herzmächtiger Sonnengottes ist keinePythische Schlange. Ihre Pfeile sind jetzt umsonst. Wenn ich gleichTaubenschwingen und eine schirmende Binde vor den geblendeten Augen trage undauf der blassen Stirne den lockigen Cyrrhus und schmucklosja kleiderlos Ihnenerscheineso bin ich dochstolzerrachgieriger Sonnenlenkerkein Gottsondern Panädoniens schwacher Schatten. - Dieses dürfen Sie Ihren Vorreden undallen Ihren Briefen anhängen; und jedes zartglühendeedle Weiberherz wirdmich gegen Ihre Schärfe beschützen!

Hierauf antwortete der Zueigner folgendes Aktenstück:

Gnädigster Herzog

Das Schreiben Ihrer Durchlaucht und dessen Bilderkabinett hat mirebenso viel Freude als Mühe gemacht; zuletzt aberda ichs ganz verstehenurFreude. Was den Streitpunkt des Witzes etc. anlangtso behaupten Siewährend Ihres Solotanzes bloßes gebe keine Bewegung und Zeno habeRecht. Indes glaubt jeder Weltkörper zu stehenob er gleich fliegt.

Da Ihre Durchlaucht durch Ihre Mischung von Scherz und Ernstmir die Erlaubnis gabenIhr Nein auszulegen und zu rangieren: so hab'ich die Meinung erwähltwelche mir die wohltuendste istund ich habe dasGanze für die schöne Erhörung meiner Bitte angesehen. Doch ist immer nochPostzeitmich durch einen ausdrücklichen Befehl um meinen schönen Traum zubringen. Indes wär' es Schadeda in Deutschland ein solcher Gegenstand undeine solche Sprache unter den Dedikationen eben nicht gewöhnlich sind.

Ihre Durchlaucht teilen - wie es fast scheint - einen flüchtigen Irrtumdes mir ewig teuern Herzogs von Meiningen über michwelcher auf Kosten meinesHerzens und Geschmacks zugleich einen einfältigen Spaß im hiesigenWochenblatte mir zuschreiben konnte. Meine Seele blieb ihm so treu wie seineGemahlin - und Koburgs Reize ... wenigstens vertausch' ich es in 14 Tagenmit Baireuth. - Verzeihen Ihre Durchlaucht diese Schreibseligkeit- empfangen Sie meinen Dank für Ihre Blätter voll Blitze undDuft - erhören Sie meine alte Bitte - und erlauben Sie mir diesüße HoffnungIhnen nicht durch meine Denkungsart (die Schreibartrechn' ich nicht zu ihr) zu mißfallen -

 

Teurer Jean

Wenn Sie von Monochoren sprechenso irren Sie Sichwenn Sie nichtvoraussetzendaß nach der Haydnisch-Mozartischen Eröffnung aus Gewittern undEngelchörenNachtigalls- und ÄolsharfenSylphenreigen und Hirtenliedern dermit unsern Genien Hesperus und Phosphoros gezierte Vorhang rauschendheraufrollend die schönste Zukunft enthüllt; daß der prophetische Prolog aufseiner Hippogryphen-Quadriga daherstürztund daß er das gespannte Herz nochhöher spanntnämlich zum Bichordion Hoffen und Wissen; daß dann der Stromaus EntzückenWehmut und Überraschung; WohlklangMinneträumen undMoralität; SylbenmaßTakt und Grazie; GesetzPhantasie und ästhetischerVollkommenheit - sich in wilden kunstreichen Kaskaden über die drei Alpen:EntspinnenVerflechten und Weben in den stillen Ozean der herrlichstenUnendlichkeit als wie der Fluß der lyrischen Euphonie ergießt und jedesbefriedigte Herz mit Hoffnung erquickt und in Freudenthränen eingelullt mit derleisen Frage: Ists Himmel? - davon schleicht und dem kleinen Prologus mitsanfter Demut durch die Tränen zugelächelt hatwie er auf seinem kleinenPerlenschiff auf Rosenwellen dahintanzteund die Rätsel lieblich singend ausden Untiefen der Ästhetik herausfischt und sie als phosphorierende Psychen derAbendfackel zuflattern läßtum sie selbst dort zu Sternen zu verglühen: -Wenn Sie alles dassage ichnicht voraus gefühlt habenso haben Sie auchnicht verstandendaß ich Sieteurer Paul FriedrichbatPanädoniensErweckungs- und Meldungs-Symphonie zu sein; und dann hängt sich nicht meineGondel an Ihr Kauffahrtei-Schiffund ich lese nur eine Ouvertureeinen Prologeine herrliche Oper in drei Aktenund es entzückt mich weder ein Ballettnochein Epilog. - Doch tun SieRichterwas Sie wollen; Sie können doch nieaufhörenmein Liebling zu sein.

Ihr Emil.


Gnädigster Herzog

Mein erster Brief in Baireuth sei ein Dank für den Ihrigender mich in Koburg unter dem Einpacken antraf und der durch seine schönePerspektive meinem Wagen gerade eine entgegengesetzte Richtung hätte gebenkönnenwenn ich der Freude und der Hoffnung mehr gehorchen dürfte als demBedürfnis. Es wäre so schönim schönen Gotha zu leben und von Ihnenund Sie selber zu hören! Aber die Zukunft hat ja noch viel Platz undviel Frühlinge.

In vier Wochen werd' ich Ihnen die Ästhetik senden können.

Man sieht oft in Gemälden eine Hand aus einer Wolke kommend. Ihr Brief istein solchesund die Wolke ist morgenrot. -

 

Ihrer Durchlaucht

Baireuth d. 16. Aug. 1804

 

untertänigster J. P. F. Richter

Hierauf antwortete der Herzog:

Gotha ist schönaber das wenigste Schöne im schönen Gotha ist Ihrarmer Emil. Ich sage nicht das Beiwort arm aus Demut alleinsondern vielmehraus Redlichkeit; auch fürchte ichdaßwenn alles vor Ihnen fälltIhnennichts mehr gefallen wirdund daß so zuletzt der Gefallende tiefer fallen wirdals die Fallenden. Was Sie von den Räumen in der Unzahl und von den Frühlingenin der Unzahl mirbester Richtersagenbeweist mirwas ich leider! schonlängst kaum zu ahnen wagteund was mich IhnenUnvergleichlicherzum Menschen- nein gar zum Manne verstellt. Doch ich greife blind wie der Glaube undzartfühlend wie die Minne und sicher wie die Rache der Könige und bestimmt wieder Wille des Todes - unter die ausgerissenen Schmetterlingsflügeldieabgestreiften Sirenenschuppendie entblätterten Rosendie ausgefallenenDrachenzähnedie Kometenfunkendie gefrornen Zährendie losen Diamantendie zerstreuten Traumbilder Ihres Polymorphäons und ziehe auch ein Gemäldehervor. Es ist auch eine Handund was mehr - eine schöne an dem reizendstenEngelarme. Schwimmend liegt sie auf dem Lichtozean der Vollkommenheit. Zwischenden rubinenglühenden Fingerspitzen hält sie prüfend und warnend eine Seeleüber das Aoma des Nichts-Ungrunds. Gott allein kennt dieses noch zu richtendeIch. Ich bin keine Hand und kein Gott; - aber bald schwebt zwischen Flammen undEis Ihre Ästhetik über das Nichts-Aoma. Zittern Sie immerRichterdenn IhrRichter will vergessendaß er Ihr Freund istund Ihr Freund soll nichterfahrendaß er Sie richtet.

den 20. August 1804

 

Julius Augustus

Zwischen beiden letztern Briefen schlug nunverehrtester Leser und Brotherrjener Strahl auf michIhren Schrift-Sassen und Sekretärherabder dieDedikation einäschertefalls sie nicht zweimal da wareinmal außereinmalin mir. Nämlich Herr Dekan und Doktor Voigt verbot sie dem Setzer; und darauftat es auch der übrige Teil der philosophischen Fakultätderen Namen ich hierim Catalogus praelectionum publice privatimque in Academia Jenensi per hiememanni 1803 inde a die XVII. Octobris habendarum. Typis Goepferdtii vor mir habe.

Ich würde wohl wenig davon haben - ausgenommen Zurechtweisungen -wenn ichmeine ersten heimlichen Ausbrüche zu öffentlichen machen und dieSeptember-Flüche über (nicht auf) Deutschland publizieren wollte. »Himmel!«flucht' ich und so weiteraber mehr nichtsondern ich nannte bloß dieDeutschen die Kleinstädter Europens - fragtewarum man irgendeinen Geistbevogten wollez. B. meinen - hielt mir fernerVerehrtesterteils den Gehaltvorden Ihre Seele hatteils denden sie gibtmir und jedemvon Ihren poetischen valets de fantaisie - lärmte stärker im Stillen undfragte mich lautwer denn eigentlich der Zensit der Zensoren seiund wußteAntworten genug.

Indes kam Zensit und Zueigner zuletzt wieder so zu sichdaß er sich stillen- die Fakultätindem er sich an ihre Stelle setzte und ein Graduierter wurderechtfertigen - und wirklich den folgenden Bericht an den Herzog mit jenerschönen Ruhe machen konntedie ihn vielleicht auszeichnet:


Gnädigster Herzog

In 14 Tagen kommt mein zweiter Brief an Ihre Durchlaucht mit derÄsthetikaber - ohne die Dedikation. Denn die philosophische Fakultät in Jenaerlaubt mir nichtSie zu loben - ausgenommen ganz gemeinnämlich dasUngemeine! Der Zensur-Dekan fuhr noch fort zu erstaunen und zu verneinenalsich ihm die Beweise zugeschicktdaß eine Persondie die Dedikation gewiß sonahe angeht als ihn selbersolche genehmigt habenämlich Sie. Was istdaraus zu machen? Nichts als einige Bogen voll Ernst und Scherzwenn IhreDurchlaucht den Bogendie den Ernst enthaltendas Imprimatur gewährendas der Dekan versagte; ich würde nämlich die Dedikation - diese ist der Ernst-samt der Geschichte ihres Isolierens - diese ist der Scherz -nebst einigenallgemeinen Anmerkungen über meine und alle Zensorenbesonders druckenund brochieren lassen; ja ich könnte diese Zueignung Ihnen wiederzueignen. Ich bitte Sie sehr um diese Erlaubnis des Isolierensda jaohnehin Ihre Vorzüge Sie daran gewöhnt habenisoliert undeinzig zu sein. Doch würd' ichs im schönen Falle des Ja? für meine Pflichthaltenvor dem Drucke Sie zu meinem ersten Leser zu machennichtaber was nur Sie und der Himmel verhüten - zu meinem letzten.

Der stärkste Grund meiner Bitte ist dieser: Ihre Durchlaucht! geben Siedas Beispiel eines fürstlichen Großsinnsdas Sie jetzt erst mir unddem philosophischen Dekan in Jena verborgen gegebendenkleinstädtischen Deutschen - öffentlichdie nicht anders zu lobenwissen als chapeau-bas und tête-bas ou basse und bas.

 

Ihrer Durchlaucht

Baireuth d. 22. Septbr. 1804

 

untertänigster verbotener Dedikator J. P. Fr. Richter

Die Fakultät findebitt' icheinen und den andern harten Leitton desBriefesder anfangs nur für gütigenicht für alle Augen geschrieben warverzeihlich und halt' ihn vielmehr für einen schönen Silberton und Silberblick.Die Antwort daraufVerehrtesterwird Sie erfreuen; denn ohne sie hätten Sienichtsund ich alles.

Dolce Giovanne

Nur Wenigesdoch dieses für alle; doch auf den zweiten Briefo mein TeurerVielesaber das Viele nur für den einzig teuern Richter.

Die Fakultät hält vermutlich Ihr Lob für Spottund das ist sehr wenigschmeichelhaft für michder eitel genug istauch aus Ihrem ScherzemeinFreundden Honig des Wohlwollens zu saugen. Doch verbieten Sielieber Richterdaß sich unsere Richter künftig um unser Lob bekümmernund versprechen Sieihnendaß wir (schweigen sie -) bei unserm Lachen nie an sie denken wollen.Aber vielleicht hat der gute Dekan nicht so Unrecht? Doch ich kann mich selbstgegen Ihren Spott vertheidigen; dies wird mein Polyneon genug beweisen und meinevorlaute Kritomanie in ihm. Mais à propos! von Spott und Scherz und Ernst; eswar mein völliger Ernstda ich Siepanoramischer Freundbatmein balderscheinendes Werk in einer lobenden Nachrede des Ihrigen dem lesendenDeutschland anzukündigen. Jetztda Sie mir allein auf chinesisch an einemTische einen Leckerbissen vorsetzenwelcher nur für die übrige Welt Neiderregendes Schauessen sein wirdso könnten Sie ja auchwie es meineästhetischen Lieblinge1) zu tunpflegender Schüssel die Invitations-Weigerungs-Nötigungs-Einwilligungs- und Danks-Charten anhängendie wir wechselten. Ich habe nochdie Abschriften der Ihrigen und der meinigen. Diese vidimierten Briefe beweisenbesser als alles andre dem Dekanwie sehr er sich irrtwenn er meine Ichheitin dem Schatten seines Doktorhuts zu sichern meint. Sagen Sie ihm dasunddrucken Sie für und von mirwas Ihnen Freundschaft und guter Geschmackund muntere Laune einflößen. Nur sagen Sie sichdaß die gute dumme Weltmanchmal böse sein willund daß ihr das Rätsel-Erraten selten gelingt. Ichumarme Sieum mit verschränkten Fingerspitzengleich klopfenden Herzen undgleich stark schwirrenden Fittichen dem Lichtziele des ächt Schönenentgegenzustreben. Stoßen Sie mich nicht zurück. Der Adler trug ja einst denleichten Troglodyt der Sonne zu. Tun Sie das auch Ihrem Freunde zu Liebe

Gotha d. 29. Septbr. 1804

 

Sebastos Phosphoros

Ich weiß aber nichtverehrtester Brotherrob Sie nicht michIhrenPanistenfür einen pflichtvergeßnen Schelm gegen Sie ansehenwenn Sie lesendaß ich darauf so antwortete:


Gnädigster Herzog

Bloß mein WunschIhrer Durchlaucht mit diesem Blatte zugleich dieÄsthetik zu schickenverzögerte meinen Dank für Ihren letztensoviel in Gegenwart und für Zukunft zugleich gebenden Brief so lange. Noch jetzthat der Buchbinder die 3te Abteilung dem Publikum nachzulieferndie der Setzerlängst vollendet; und ich warte noch mehr auf ihnum den dritten Teil einerSchuld bei Ihnen abzutragendie Sie mir vielleicht lieberschenkten.

Wenn Sie unter dem Polyneon Ihr reiches Märchen von der Liebe meinen- wie ich gewiß glaubewenn mich nicht alles Erinnern und Erraten trügt -: sowissen Siemit welcher Freude ich dem Publikum meine frühere darüber und dieseinige ankündige; aber jetzt erst werden mir ganze Stellen Ihres erstenBriefs erhellt.

An dem der Dedikation beischwimmenden Werkchen über die Preßfreiheitarbeit' ich jetzt. Ihr Imprimatur zu Ihren eignen Briefen ist fasteiner mehr und ein schönstes Geschenk für mich. Aber aus Dankbarkeit für eineGütewelche mir ebenso viel Glanz zuwürfe als dem Leser Vergnügenmuß ichanmerkendaßwenn nicht wegen des ganzen Publikumsdoch dessenwegendas Sie regierenmanche Stellen - z. B. im ersten Briefe - nichtwie Himmelssterne der Weltsondern wie Ordenssterne einem einzelnen zugehörenund bleiben müssen. Ich liebe aber solche Stellen so sehrdaß ich eben nichtden Mut hätteauch nur eine andern zu entziehen; daher bitt' ich Siewenn Sie Ihre seltene bedeutende Erlaubnis des Abdrucks Ihrergenialen Briefe fort gebenmir die Auslassungen selber zu bestimmenfernerwelche Briefe; und dabei mir die Kopien der meinigen (von denen ich nur Splitterhabe) zu sendenwelche indeswie sie auch sein mögenin die Welt tretensollenweil Sie schon die Welt für sie gewesenund weil zweitens einBuch-Vaterwie ichnichts zu regieren hat als sich und etwa 32 Bände.

In 14 Tagen hoff' ich Ihnen die 3te Abteilungin 21 - das neueManuskript zu senden. - Da ein Fürst immer so glücklich ist - was einPrivatmann selten wird -jemand zu findender aufschneidet und korrigiertsobitt' ich Siees bei diesem Werke voll Druckfehler - in der Vorredeangezeigten - tun zu lassenbevor Sie die größern finden -

 

Ihrer Durchlaucht

Baireuth d. 18. Okt. 1804

 

untertänigster J. P. Fr. Richter

- Hierauf kam folgende Entscheidung:

Lieber richtender Freund!

Hier die Briefedie Sie so gütig sindauf dem Balkon der Publizitätbleichen zu wollen. Was mit dem Kleesalz der Kritik noch von Flecken auszuziehenistdas ziehen Sie aus. Schneiden Siestopfen Sieflicken Siesäumen Sieund plätten Siewas zu schneidenzu stopfenzu flickenzu säumen und zuplätten istund machen Sie es wie der hochselige und in Gott ruhende HofjunkerArouetFreiherr zu Ferneyob Sie gleich kein FranzoseIhre Tochter keineMamselle ist und Ihr Schwiegersohn keine Ahnen ou ânes hat und ich kein Spaniolschnupfender Hundefreund bin. Laugen Sie meine schmutzige Wäsche aus. WessenHerzen im gleichen Takte die Lebensruder bewegtes sei unser Mulmul feiner alsneunmal gespaltene Spinnegewebe oder aus Segeltau geflochtener Zwillichdarfsich tadeln und bessern. Bei dem Tadeln und Bessern fällt mir Ihre Kunst zubestimmen ein. Ich sage nichts darüberda ich schon alles selbst längstgefühltgedachtaber noch nicht auswendig gelernt habeund da ich mich nieselber lobeals wenn man mir schmeicheln will. Hier alsowas Sie michschreiben machten. Sie ändern so wenigals Sie können. Nur verbitte ich miralle Gedankenstriche- denn die Welt denkt nurum zu verleumden; - und jedeLakune- denn die Welt sieht sie für einen ausgetrockneten Morast anden siegern wieder mit ihrer Ichheit füllt. Auch diesen Brief haben Sie die Güteunter die schwarze Wäsche zu mischennur nicht mein Herzmeine KüssemeineLiebe und meine treue Anhänglichkeit an Ihnenteurer Richter. Noch einGeständnisehe ich unterschreibe. Ich suchte umsonst meinen Platz auf denBänken Ihrer Vorschule.

8. Okt. 1804

August

Ihr Referendarverehrtester Leserhat hierauf nichts zu berichten alszweierleierstlichdaß die gedachte Wäsche aus Asbest oder Steinflachs ebendarum in kein Feuer zum Weißglühen zu werfen warweil sie schon aus demstärksten eben herkam - und daß bloß zwei Stellen weggebeten worden sinddurch deren Auslassung niemand etwas verlieren kann als SieverehrtesterLeser! -

Somit ist nunLesermeiner Pflicht gegen Sie genug getan; nicht zumkleinsten Feldzuge mehr gegen die Fakultät bin ich verpflichtetsondernhöchstens zu einem artigen Friedensfest. Sie allein fechten und siegen; ichhingegen lege mich - während ihres Siegens - ruhig und neutral aufphilosophische Materienworunter ich diesesmal am liebsten eine Untersuchungüber die Rechte und Grenzen der Preß-Freiheit erlese. Ich überfeile nämlichin meiner glücklichen Neutralität eine Probeschrift über die Freiheit sowohlder Presse als der Zensur - welche ich im Frühling nach -en abgeschickt -umsie dieser Berichterstattung anzuhängen.

Ihr Verfasser - eben der gegenwärtige - hattewie er glaubtgute Gründezu ihrsowohl logische als ökonomische. Er wollte besonders in dieserSelbst-Einladungsschrift dem ** Bücherzensurkollegium seine Grundsätze überBücherfreilassungen vorlegenum sich vielleicht damit (noch hofft ers) den Wegzu einem Amte - nämlich eines Zensors - zu bahnenda er leider (denn seinLegations- oder Ambassaden-Rat ist mehr Titel) nichtwie so viele Tausendeseiner glücklichern Mitbrüder um ihn hereinen Posten hat. Herr v. - nahm diedissertatiuncula pro loco (so heißt sie) selber nach -en mitübergab undempfahl sie dem Bücherkommissarius sehr gütig; nun tut sie da ihre Wirkungenund ich lasse mich gern in dem süßen Wahn hingehendaß sie mir dortvielleicht nach zwanzig und mehr Jahrengerade in der Not des Alterswo manBücher nicht mehr zeugensondern nur verbieten und erlauben kannin ein gutesZensor-Ämtchen hineinhelfe und ich doch als Beamter abfahre. Hier ist sie mitsehr wenigen Abänderungen.

Nro. III
Dissertatiuncula pro loco

Erster Abschnitt
Allgemeine geographische Einleitung in die philosophische Untersuchung

Nichts hat mich von jeher mehr erfreuetals wenn ich im übrigen Deutschlanddie stärksten und einfältigsten Ausfälle auf die *** Staaten in Bezug ihrerLeseknechtschaft zu hören bekamweil ich bloß den Mund aufzumachen brauchteum zu erweisendaß eine Zensur und folglich eine Lese-Freiheit da herrschewelche durchaus nicht uneingeschränkter sein kann. Ich ließ daher gewöhnlich- bevor ich den Hauptschlag tat - die Spaßvögel erst auskrähen und fielselber boshaft genug mit seinsollenden Einfällen einals z. B. damitdaß manallda nicht die Preßfreiheit hättedie Preßfreiheit zu lobenja nur dencatalogus prohibitorum in dem in ein geistiges Gefängnis auf Wasser und Brotgesetzten Lande zu nennenso wie in der Fastenzeit die Isländer (nach Olaffenund Povelsen) von Fleisch nicht einmal das Wort in den Mund nehmen - und daßalsdann die Literatur dem am Franziskanerkloster bei Montpellier liegenden Seevoll stummer Frösche gleich seiwelchen der heilige Antonius von Padua dasQuaken verboten1) - - Aber (sounterfuhr ich plötzlich selber meine Zufuhr) setzt dieses Stummen-Institutnicht eine doppelte größte Sprechfreiheit vorausdie der Frösche und die desHeiligen? -

Denn so ist es in der Tat. Es ist ein schönes und unerwartetes Schauspielnämlich jene herrliche zensur-freie Lesefreiheit eben gedachter Staatenwelcheso weit gehtdaß es durchaus kein Werk gibt - sei es noch so zynischweltweiseja gottes-staaten- und fürsten-lästerlich -welches sie nichtnur frei zu lesen erlaubten allen dortigen Zensoren (denn vom Pöbelsprech' ich hier nicht)sondern sogar auch geböten. Diese Freiheitalles zulesenwas geschrieben wird- eine größere ist überhaupt nicht denklich -genießt nicht nur ein glücklicher Zensorsondern ganze Zensurkollegien;gleichsam als wolle der Fürst die letztern - sehr verschieden von einem Sultander sein Glück mit 40 verschnittenen Stummen umringt - als ebenso vieleverschneidende Redende um sich stellen. (Denn Denken ist Reden - leisesnachPlatner.)

Kann der Staat besser zeigendaß er die alten Besorgnisse von zufälligemEinflusse eines Buchs auf schwache Gemüter u. s. w. verachteals wenn er diegrößte Lesefreiheit allen Zensoren ohne Unterschied gewährtwozu unmöglichlauter Götterhäupter zu vozieren sindsondern auch Gassen- und Straßen-Köpfeja wohl Austern- und Milben-Köpfchendenen gerade die heimliche Lektüre derzügellosesten Manuskripte am ersten daswas sie ihr Gehirn nennenversengenkönnte? Rottete sich diese in so viele Städte gelegte Schar zusammen: wiegefährlich könnte sie werdenwenn das Lesen gefährlich machte! Aber dasGegenteil wird so gewiß vorausgesetztdaß man solchen All-Lesern dieallgemeine Sorge für die Orthodoxiewie in Frankreich den Setzern die für dieOrthographieruhig anvertraut. In der Tat sind sie die Menschendie einsolches Vertrauen rechtfertigen und belohnen; denn unter ihnen ist jedeGeneration eine neue unveränderte Auflage der vorigenindes sie selber durchLektüre mit der Zeit so fortschreitenda sie zuletzt geistesarme Werke sohäufig verbieten als ihre Vorfahren geistreiche; - wodurch sie den Wunsch unddie Ehreverboten zu werdenleise schwächen; da sonst Verbieten und Verschließenden Büchern so viel schadete als der Landmann den Raupenwenn er sieum sieauszurottenin die Erde grubworin sie sich eben verwandeln. So hörte inGriechenland der Ostrazismus aufweil er zuletzt statt großer Männerschlechte verjagtez. B. den Aristobulus.

Genau genommen ist jede Klage über Lese-Knechtschaft falschda eine heiligeNotwendigkeit der Natur unsauf welchen Umwegen es auch seistets zur Freiheitführt. Denn so wie es keinen reinknechtischen Staat voll Knechte gibtsondernim Sklavenschiff stets einen freien Kapitäneinen Bey und Deyder als dereinzige Träger der Menschenrechte sie desto reicher entfaltet: so ist auch einStaat voll lauter Lesesklaveneine ecclesia pressa ohne eine ecclesia premenskurz ein Kerker nicht möglichworin der Schließer selber mit eingeschlossenwäresondern freiere Schrift-Sassendie Zensorengenießen undbehaupten eben das Glück und Rechtdas man vermissen will

Dieselben innern und äußernvor Mißbrauch bewahrenden Gesetzeauf welchesich z. B. der liberale preußische Staat bei den Lesern der Druckschwärzeverläßtsetzet jeder als illiberal verschriene bei den Lesern der Dintevoraus und nimmtwie sonst Buchdrucker nichts Heterodoxes zu drucken schwurenohne den Wiederdruck eine Widerlegungletztereaber nur innen beigefügtbeijedem Zensor an. Immerhin mögen dann solche freie Staaten des Dinten-Lesens dieübrigen gemeinenzu keinem Zensieren besoldeten Seelen scharfen Verordnungenunterwerfen; sie sollen immerhin Menschendie nicht einmal von weitem zu demZensurkollegium gehören (etwa als Bücher-TrägerOffizianten etc.)allesganz strenge verbieten und ihnen Denk-Knebel und statt des Fußblockes denKopfblock anlegen: mich dünktsie werden hier doch nichts tunals was dieGriechen längst getanwelche nicht littendaß Gesänge und Freiheitüberhaupt Gedichte von den Sklaven gesungen wurden.

Anstatt also in den ** Staaten Verringerung der Zensoren zu bestellenhatder Freund der Freiheit nichts zu wünschen und zu betreiben als dieungeheuerste Vermehrung derselben. In jeder Landstadtin jedem Marktfleckensollte alle Weltwenigstens wer Geschriebenes lesen kannverbunden sein undsich selber anbietenSachen zu zensieren und vorher durchzulaufenteils um demStaate zu zeigendaß er so gesund ist wie jeder andere Zensorteils umgemeinschaftlich für die geistige Gesundheit der übrigennicht lesendenStaatsbürger sorgen und verbieten zu helfen. Nur möchtewenn man so vieleZensoren anstellteals es jetzt Leser gibtvon Sachverständigen zu erwägenseinob der Umlauf eines Manuskriptsdie Abnutzungdie Verspätung desselbendesgleichen die unleserliche Handüberhaupt die Schreibzeichen nicht esrätlicher machtenwenn für die Zensorend. h. für die hier möglichen Leser- 300000 deutsche Leser soll es nach Feßlers Zählung geben - der Schnellewegen die Handschrift vervielfältigt würdeso daß wenigstens 100 Leser ihrebesondere und also 300000 ungefähr 3000 Exemplare hätten; was in unsern Zeitenja so leicht zu machen istdurch die Druckpressewelcher keine Abschreibfedernachkommt. Solche leserlich gedruckte Manuskripte für sämtliche Zensoren -gleich Lavaters gedruckten Manuskripten für Freunde - könnten alsdann dieBuchhändlerals Offizianten der Zensurkollegienausgebenund der Staathätte keinen Heller Ausgabe; ja anstatt des Zensurgroschens pro Bogen müßteder Leser selber einen Lesegroschen pro Band erlegen. Längst wurde daher auchdiese Einrichtung schon von Staaten und Städtendie mehr geistig reich sindals leiblichz. B. in Berlin und Weimar getroffen; nur daß sie eben darum dasganze Zensier-Geschäft - wie Athen die Kriegs-Zurüstungen - bloßPrivat-Instituten überließenwelche unter dem Namen Rezensuren oderRezensionen meines Wissens durch ganz Deutschland bekannt genug sindund welcheeben stets das lesenwas nicht zu lesen istsondern zu verbieten.

Zweiter Abschnitt
Unterschied der Denk-Schreib-Druck- und Lese-Freiheit

Gegenwärtige Lokal-Dissertatiunkel geht nunihrer Bestimmung nachtieferin die Materie und verlässet die besondere Beziehung auf die ** Staaten.Inzwischen wird doch auch der letztern Sache unter der Hand fort verfochten;denn die höchste Lese-Freiheitwelche die Abhandlung den Menschen überhaupterstreitet und zusichertkommt also auch z. B. den böhmischenmährischenungarischen Zensoren und den Staatsgründen ihrer Einsetzung zu Gute.

Wahrscheinlich muß ich - zumal da ich in der Universität der größtendeutschen Stadt zwar nicht einen Gradaber doch ein Ämtchen suche - vorherscharfsinnig absondern und feststellen; ich zergliedere daher das Wort Freiheitin die in der Aufschrift angezeigten vier Weltgegenden und Weltteile. Die erstedie Denkfreiheithat meines Wissens bisher niemand verboten als derSchlafder Rausch und die Tollheit; das Bettedie Bier- oder Weinbank und diepetites maisons sind die Ruderbänke und Sklavenschiffe des Denk-Ichs - KeineZensur und keine Inquisition setzen in einen solchen wahren Personal-Arrestals gedachte böse Drei. - Auch die Schreib-Freiheit wird - wenige Kerkerausgenommen - in ganz Europa jedem frei gelassenschon weil sonst die Zensorensobald nicht alles geschrieben werden könnteantizipiert wären und nichts zuverbieten hätten und mithin ihre Gehalte mit Sünden zögen; sie wären dannebensogut Polizei-Lieutenants im Himmel.

Hingegen Druckfreiheit und Lesefreiheit! - Aber wie verschiedensind beideso verwandt sie auch scheinen! Es läßt sichwenigstens imAllgemeinendenken und rettendaß ein Staat sich von Ketten der Zeit und derStelle zum Verboteein an sich schätzbares Werk zu lesengezogenglaube; aber kann er darum den Druck verbieten und so das Verbot desLesens auf alle fremde Staaten und Zeiten ausdehnen? Ja gesetztalle lebendeStaaten hätten dasselbe Bedürfnis des Verbots: woher bekommen sie das Rechtdamit künftige Zeiten zu beherrschen? Dürfte ein sthenisch krankes Land darumalle Weinberge und Tierreiche ausrotten - anstatt sie zu untersagen -oder alleHunde - wie Briten die Wölfe -weil sie wütig werden?

Ein Buch gehört der Menschheit an und der ganzen Zeitnicht seinemzufälligen Geburtsort und Geburtsjahr; es wird wie die moralische Handlung zwarin der Zeitaber nicht für siesondern für die Ewigkeit geboren. Das Meerund der volle Buchdruckerkessel sind Welteigentumund nur die Küsten habenHerren. Wie kommt nun ein unbekannter Zensor dazuder RichterLehrer undgeistige Eß-König einer ganzen Ewigkeit zu seinder Regent einesunabsehlichen Geisterreichs? Denn darf er nicht das bloße Lesensondern den Druckan sich verbieten: so darfs jeder andere Zensor und in jeder andern Zeit ja auchund folglich wär' es ganz leicht und ganz gesetzmäßigdas Werk selber zuvernichtenz. B. eine Spinoza's - Ethikeine Kants-Kritikoder die Bibelselberoder alle Bibliotheken in der Welt. Denn der Zensors- undOmars-Vertilgungskrieg gegen Bücher gilt bloß - allen. Aber Himmel! Warumverbot man dann überhaupt nicht gleich früher lieber statt eines Drucks dieBuchdruckerkunst überhaupt? und statt eines Lesebuchs Buchlesen insgesamt? -Denn jede Einschränkung wäre eine viel zu gefällige Nachsicht für Menschenwelche gern zeigen möchtenwas sie aus ihrem Abc-Buch geschöpft habennämlich nicht nur die übrigen Buchstaben d e f ff g h i etc.sondern auchflinkes Lesen.

Jene Zensur-Maxime aber angenommenso wird jeder Literatorder nur eingelehrtes SachsenNiedersachsenEngland schreibtgeschweige ein gelehrtesEuropaAsienAfrikaAmerikawissen und fühlenwas eingebüßet werden kannschon aus demwas schon verloren gegangen. »Wie« (darf er sagen) »mansollte keine neuen Bücher zu Rate halten und zum Druck befördernda schon sounzählige alte umgekommen sindnach Morhof (Polyhist. c. V. de ordine biblioth.)klassische gerade 100000; - und sonst die vielen andernz. B. die vomsinesischen Kaiser Xiu verbrannten; die von Cromwell eingeäscherte Bibliothekin Oxford; die vom Kardinal Ximenes bei der Einnahme von Granada verbrannten5000 Korans - wiewohl doch der Urtext restiert -; die aus den Zeiten derschwäbischen Kaiser eingeäscherten Dokumente und überhaupt die Makulatur vonJahr zu Jahr? O wie würden wir alle die Sterblichkeit und die Würde einesBuches mehr wahrnehmenerschiene in beiden Messen nur eines und das andere!«

»Aber«könnte man sagen»den zufälligen Geistermord z. B. an KantsKritik konnte auch der Zufall verüben am Manuskriptals es auf dem Postwagennach Riga ging; ja Kants Kopf hing ja noch früher von der Wehmutter abdieals er das Licht der Welt erblickteam ersten machen konntedaß er kein Lichtder Welt wurdeindem sie mit einer nicht schreibendennur pressenden Hand ihnfür alle Systeme so zuründetedaß er Jahrzehende später nichts geschriebenhätte als JaJa!« - Ganz gewiß! Und dies ist eben die Größe der Gottheitund ihrer Weltdaß sie das Größte ans KleinsteWelten an LichtfadendieEwigkeit an Minuten hängt- sich bewußt ihrer Überfülle von KraftZeit undRaum; aber darf der kleine Mensch seinen Bruder lebendig begrabenweil es dasErdbeben tut? - »Folglich«könnte man fortfahren»wurde noch nie eineWahrheit unterdrückt auf der unabsehlichen Erde voller Geister und Zeiten!« -Ich glaubte es selberwäre die Erde die Welt; aber eben der Reichtum des Seinsdie Welt voll Welten verstattet so gut das Aussterben eines Gedanken auf derErde als das des Mammuttiers - ja sogar ein Mensch kann nur einmalauf der Erde erschienen seinsogar im Mondeim Jupiterim Saturn und dessenRingenund wo denn nicht? Im Universum selber. Wer fühlt in sich eineNotwendigkeit der Wiederholung in der Zeitlichkeit?

Folglich gehe der zeitliche Mensch fromm zu jedem Lichtstrahlder hie und daaus der hohlen Wolkendecke auf seine Erde und Erdenstelle fährtund spanneunter dem Gewölke nicht vollends den Sonnenschirm der Zensur auf.

Dritter Abschnitt
Zensur des Philosophierens über Wahrheiten überhaupt

Um nichts vorauszusetzenmuß von neuem sehr glücklich eingeteilt undauseinander gerückt werden. Es gibt nur drei Gegenstände der Zensur: 1) Wissenschaft(oder Philosophie)2) Kunst3) Geschichte im engsten undweitesten Sinn; und nur zwei Zensur-Beziehungen derselbenentweder auf ihreObjekteoder auf deren Behandlung.

Zuerst ist vom Philosophieren zu handeln und zu fragenob ihm dieZensur über die Objekte - MoralRegierungsform und Landes-Religion- zu verbieten habe.

Wer überhaupt zu philosophieren anfängtkann sich nichtohne auf derSchwelle umzukehrenirgendein Objekt als Grenze setzenweil ein Grenz-Objektschon ein Resultat wäreda er doch eben philosophieretum eines zu finden; jain derselben Minute hätt' er schon über das Objekt hinausphilosophiertsichaber nur gefürchtetschärfer und länger in den dunkeln Raum darhinter zublicken. Und was berechtigte nun den Menschen zu irgendeiner Scheu vorResultaten? Wer als wahr voraussetztdaß irgendeine feindselige Wahrheit wieein Basilisk in einem dunkeln Universums-Winkel lauere und rüstewelcheansLicht getriebenjeden vergiftetwelcher sie ansieht: der hat selber schon dengiftigsten Basilisken ins Leben gejagtnämlich die zweite Voraussetzung - dieMutter der ersten -daß in der Ewigkeit ein urböses Prinzipein vermummterWürge-Gottdas Universum in seinen Tatzen halte und aussauge; welches unterallen Gedankendie der Mensch haben kanndurchaus der gräßlichste ist. Kämedieser Basilisk nicht an seinem eignen Widerschein umso müßte man sich vornichts mehr hütenals die Augen darzutunund müßte so lange zitternalsman dächte. Da aber doch alle Menschen die Wahrheit ohne Fürchten suchen: soentdeckt man freudig das allgemeine kindliche Vertrauenes könne uns Kindernim widerhallenden Weltgebäude kein Riese begegnen als der Vater.

Was darf sich dem Auge der Wissenschaft entziehenda sie nicht nur ihr Augeselber bis zum Skeptizismus wieder prüftsondern sogar das Heiligsteworaufdie Geister ruhendas Gewissen? - So groß sind diese Rechte der Wissenschaftdaß ihr gegenüber die Moral (die Mutter der Rechte) ihre eigne Vernichtungwenn sie zufällig aus dem Wissen hervor zu gehen schienerecht heißenmüßteobwohl eben dadurch wieder aufhöbe. Allein dieselbe Moraldie demPhilosophen nicht verböteihr Gegenteilwenn er eines erträumt hättebekannt zu machenbeföhle ihm gleichwohlmit Moral gegen die Moral zuschreiben; sein schreibendes Handeln dürfte sich nicht an sein schreibendesDenken kehren. So tief und fest wurzelt das Geister-Herz in uns und gibt denfeindlichen Kopf frei und doch nie sich gefangen; und so frei und unschädlichträgt wieder der Wahrheits-Geist sein Haupteine ernste Stellungdie nurihren Feind versteinert mit dem Medusen-Kopf des Schilds.

Da kein Zensor das Recht seiner Verbote auf den Besitz und Schirm von Wahrheitengründen kann - weil sonst alles Schreiben und Prüfen zu spät und unnützkäme und man statt aller NachtwachenGaben und Bibliotheken nichts brauchteals bloß beim Zensor einzusprechen und sich von ihm die nötigen Wahrheitenabzuholen; weil man ferner sonst alle Bücher besser in lettres toutes prêtes1)verwandeln würde; weil die Zensoren in verschiedenen Ländern als Päpste undGegenpäpste einander die Unfehlbarkeit bestreiten; weil der neue Zensor oft vondem ältern verboten wirdindem die Menschen und er sich auf den Zeiten heben;und endlich weil die ganze Sache eine allgemein anerkannte Narrheit istnämlich die Voraussetzungdaß der Zensor bloß Irrtümer verbietedieWahrheiten folglich besitze -: so muß er sein Rechtdie Untersuchung zubeherrschenauf etwas anderes stützen als auf den Wert oder Unwert derAusbeute. Dieses andere ist nun deren Einfluß - nicht auf diePhilosophen selber; denn hier ist jeder der Zensor des andernund jedes ächtegewaltige Systemz. B. das kritischemachtwie die Vesuvs-Aschenur dieersten Gewächse welk und siechspäter aber alles fruchtbar; sondern - auf dasVolk.

Das arme Volk! Überall wird es in den Schloßhof geladenwo die größtenLasten des Friedens und des Kriegs wegzutragen sind; überall wirds ausdemselben gejagtwo die größten Güter auszuteilen sindz. B. LichtKunstGenußja bloße dritte Feiertage. Wenn man nun fragtwie viel Mann stark dasVolk ist: so schwindet gegen seine Volks-Menge die regierende und gelehrteMannschaft ganz weg. Was ist das noch für eine Erde! Bricht man sie wie jenenneuesten Planetenin ihre drei Stücke auseinanderin die (herrschende) Junoin die (gelehrte) Pallas und in die (ackernde) Ceres: so kommenzwei Erdkörnchen und ein Erdkörper herauswelcher als Trabant und Nebenplanetum beide Körner läuftum teils erleuchtetteils bewegt zu werden.

Mit welchem Rechte fodert irgendein Stand den ausschließenden Besitz desLichts - dieser geistigen Luft -wenn er nicht etwa eines aus dem Unrechtmachen willdesto besser aus dem Hellen hinab zu regieren ins Dunkel?

Kann ein Staat - ohne sich heimlich zu einem Sklavenschiffe auszubauen oderauszurufenwelches Freiheitshüte wegnimmtum Zuckerhüte zu bekommen - dieEntwicklung der Menschheit nur einzelnen erlaubenals schenk' er dieMenschheitwie Orden und Gnadengehalteerst her und könne deren Entfaltungwie Erfindungerst patentieren? - Vielmehr ist umgekehrt das Recht zurEntwicklung desto stärkerje kleiner sie istdas zur ersten dringender alsdas zur höchsten; so wie der Untertan mit mehr Recht den Proviantbäcker alsden Zuckerbäcker fodertmit mehr Recht großes Tränen- und Gnadenbrot als diepetits soupers.

Aber hierauf existiert eine der ältesten Einwendungen - die wahre graueKronbeamte des ersten Despoten-Throns -daß nämlich das Volkwie Pferde undVögelgeblendet viel schöner in der Roßmühle und auf dem Vogelherde dienesowohl dem Selbstinteresse als dem Staatsinteresse; »braucht man denn mehr«fährt man mit besonderm auffallenden Feuer fort und fragt»als die neuesteGeschichte und jede vorherum zu sehen und zu hörenwie das Volk vom Wusteunverarbeiteter Kenntnisse sich nur blähestatt nähreund mit der Luft desKleefuttersdas ihm die Schreiber und Herren von Kleefeld gebensich so langequälebis ihm der Staat mit dem Flinten- oder Windzapfen-Spieß2)zu Hülfe lauft? Gott! Wie gefährlich war Frankreich aufgeblähtda kaumwenige Frösche davon wenige Lilien eingeschluckt hattenund wie schwer wurdeder großen Nation die falsche Größe geheilt! Das bedenke aber jederdereintunkt!«

Diese böse Alte vom Bergenämlich die Objektionsetzt spitzbübischerstlich vorausdaß das Sonnenlicht nur auf den Bergen nützein den Tälernaber schadeund daß Mangel an Kultur nicht die höhernsondern die niedernStände gegen Ausartung beschirmewie nach den Orientalern Gott die Menschendarum von Sinnen kommen läßtdamit sie nicht sündigen können - daß dasLicht allewelche SteuerruderKompasseMastkörbe innen habennichtverblende und verbrennesondern nur solchedie Segel und Ruder zu bewegenhaben - und daß endlich mißverstandene Wahrheit nur unten beim Volke zu einermißgebrauchten Wahrheit werde - -

Ob aber von den obersten Ständen die Wahrheit nicht ebensogut mißverstandenwerden könneerwähnt die Alte vom Berge und Throne aus Absicht nicht;vielleicht aus Höflichkeitweil sonstdenkt siedie Zensur zuweilen manchesebensogut einem Fürsten als einem Volke zu verbieten hättez. B. dengeistreichen Machiavell und den geistreichen Weinund zwar umso mehrda einböses Buch leichter und gefährlicher ein regierendes Haupt beherrschtals tausend Bücher tausend regierte Köpfe. - -

Aber der Punkt ohne weiteres Punktieren ist der: die Tieredie Gott einmalals solche anstellen will in seiner zweiten Welthat er mit den deutlichstenMarken auf diese gesetztz. B. Maul-Stink-Pflanzen- und andere Tiere; wasklüger werden solltesieht ganz wie ein Mensch ausz. B. der Bauer. -Mißverstandne Wahrheit ist freilich zu untersagen als solcheweil sie ja einIrrtum istso wie ein verstandner Irrtum ja keiner. Aber dann liegt folglichdoch nur das Mißverstehennicht das Verständigen der Wahrheiten dem Staate zuverhüten ob; oder er müßte ein RechtWahrheiten zu verbietenkennendasfolglich ein zweites einschlösseIrrtümer zu gebietenund zwar dienützlichen jedes Jahrhundertsz. B. im neunzehnten die des neunten.

So gut irgendeine Menschen-Masse über das Mißverstehen hinüberkamso mußes jede andere ebensowohl vermögen und auf dieselbe Weise; nämlich dadurchdaß die Erleuchtung ihre Grade durchgehtund daß man nicht die Sonne demMondedem Morgensterne und der Aurora vorausschickt. Der Staatwie eineErziehung die Entwicklung bloß negativ besorgendhat nur abzuwendendaß dasVolk nicht von hinten und in der Mitte anfangenicht das Facit statt desRechnens lerne.

Da nun das Volk weniger lieset als hört und die Kanzeln seine Buchlädensind: so bezieht sich für dasselbe das theologische Zensorat auf Prediger undauf keine andern Bücher als auf die symbolischen. Von dieser Untersuchunggehört nichts hieher als die kürzeste Meinung: symbolische Bücher sind jederpositiven Religion unentbehrlichnur aber sollen sie von Zeit zu Zeit eineverbesserte Auflage erleben durch den geistigen Staatnicht durch einPfarramt. Daher kann der Schwur auf symbolische Bücherwenn er nicht einensinn- und ehrlosen Gehorsam3) oderein Versprechen eines künftigenalso ewigen Glaubensd. h. einer jetzigenUnfehlbarkeit ansinntnichts an sich schließen und bedeuten alsstatt jenesMeineids gegen sich selberdas höhere Versprechenden Unterricht desVolks an dessen lebendigen Glauben zu knüpfennicht aber umgekehrtdiesen Glaubender den ganzen heiligen Lebens-Kern und den Schatz aller Zukunftund Hoffnung in der dürftigenvon enger Gegenwart erzogenen Seele in sichschließtdurch ein flaches Nein wie ein Herz aus der Brust zu ziehen und nundie ausgeleerte Brusthöhle ohne Schwerpunkt auf dem Weltmeer alles Meinenstreiben und schwimmen zu lassen. Gibt es etwas Grausameres als dieKandidaten-Sittedem Volke den Glaubensboden zu veschieben oder zu versenken inein kühles Wort-Meer einer herabgetropften aufgefangenen System-Wolke - und nunauf das bodenlose Wasser doch Samenkörner auszustreuen? Kommt der leere Ertragdes Echo-Neins auf fünf oder sechs orthodoxe Irrtümer in Betrachtung gegen dasköstliche Aufopfern und Auswurzeln eines alten Glaubensder lebte und belebte?Erstattet ein Meinen irgendein Fühlen? Und wovon will man denn Impfreiserernähren wenn man den wilden Stamm aushöhlet? Wahrhaftigwürde nicht zumGlück dem Nachsprecher auf der Kanzel nur wieder nachgesprochen in denKirchenstühlensondern verstände das Volk genugsam die ihm dargereichteUnverständlichkeit: so müßte der Riß unheimlicher Meinungen in dieeinheimischen das Innere so schmerzlich auseinander teilenals bei unsgeschähewenn in unser Erkennen und Erproben der gegenwärtigen Weltplötzlich ein unheimlicher Geist einbräche mit seinen Sätzen einer zweitendrittenvierten Welt.

Eine andere Untersuchung wäre es - die aber seitwärts bleiben mußwennnicht eine in die andere fahren soll -ob folglich nicht der Schulmeister- undLehrstuhl größere Freiheit zu fremder Entwicklung besitze und begehre als derKanzelstuhl. Denn dem Kinde ist jede Welt zu gebenindes im Vater bloß einegegebene alte zu bewegen und zu befruchten ist; das Alter besteht aus lauterGegenwart der Vergangenheitdie Jugend aus Gegenwart der Zukunft. - Das Kindohne Zeit wie ohne Sprache geborennimmt die fernste so leicht an als dienächste; ja der Schullehrer kann noch leichter in Zuhörern als der Autor inLesern Jahrhunderte antizipieren. Nur gebietet diese zweite Untersuchungdienicht hieher gehörtvollends eine drittenoch fremderewie nämlich hier dasLehren gegen das feindliche Leben auszurüsten seidie antizipierte Zukunftgegen die eindringende Gegenwart; obgleich dies bei der Jugendfür welche dasLernen eben ein Stück Leben und die Schulstube ein Weltteil istleichterangeht als bei dem Alteran welchem eine neueste Schule zugleich eine ältesteund ein reifes Leben bekriegen muß.

Doch erlaube man mirauf einen Augenblick in die auseinander gerückteSchulstubenämlich in den akademischen Hörsaal hineinzuhörenum zu wissenwelche Lehrverbote an dessen Türen anzuschlagen sind. Man kann fragen: wenn derStaat ein Recht hatdie Bildung des Volks und folglich zwar nicht dasSchreibendas der Welt und allen Zeiten angehörtaber doch das Sprechen öderLehrendas nur einer bestimmten Zeit und Menge dientzu bewachen: wo kann erden Hebelder die hörende Volksmasse bewegtbesser ansetzen als auf derAkademiewo der künftige Lehrer des Volks selber erst gelehrt wird und derSäemann gesäetnicht der Same? Ein akademischer Lehrer wirkt bei gleichenKräften tief er in den Staat hinein und hinunter als tausend Autorendie ernoch dazu mit bilden half; auf seinem Lehrstuhle dreht er eine Spinnmaschine vontausend Spindeln um. Eine Akademie ist die eigentliche innere Staatsmission undPropagandabesonders da sie eben die rüstigeleicht empfangende und langefortgebärende Jugend mit ganzen Generationen befruchtet.

Auf der andern Seite ist zu sagen: eben darumeben weil die Akademie nochder einzige hüpfende Punktwo noch der geistige Bildungstriebgestaltetin den neuern Staaten istdie nur durch Gewalt abformen undausmünzen: so taste die Macht die letztern Staubfäden organischer Bildungnicht mit ihren ScherenPoussiergriffeln und Lad- und Prägstöcken an. DerStaat lasse doch einmal den innern Menschen sich die lebendigen Gliedmaßenselber zubildeneh' er ihm später die nötigen Holzbeinefausses gorgesventres postichesbarbes postiches und goldenen Hüften anschienet. Warumverliehen unsere sinnvollen Alten den Musensitzen ihre akademische magna charta?- weil sie Sonnenlehn des Musen- oder Sonnen-Gottes sindweil derErkenntnisbaum nur als Freiheitsbaum wächsetweil die Musen als Göttinnen ineiner salpetrière oder Frohnveste und Wachstube sich nicht zum besten befinden.Man hat nämlich unsern ewig-jungen Alten bei den Meß-Freiheitendie sieseinen Musenbergen und Musentälern gabennur politische Rücksichtenuntergelegtohne die höhere anzurechnendie jeden Jüngling noch beglücktder auf einer Akademie nicht geboren wurdesondern erst inskribiert. Dieakademische Zeit ist die Zeit der ersten Liebe gegen die Wissenschaften;denn wie die andere erste Liebe sogar vor dem gewichtigen realenGeschäftsmarine und Geschäftsweibe mit einem fremden Mai-Scheinmit einemDichtungs-Frührote auf der schwarzen Moor-Erde umherfließtund dannplötzlich verfliegt und versiegtweil der Frühregen einfällt und denLebenstag dumm-grau anstreicht: so ist die akademische Zeit einepoetisch-wissenschaftlichewelche (wenigstens bei den Schülern) nie mehrwiederkehrt - es ist der kurze Durchgang eines erdigen Wandelsterns durch dieSonne des Sonnengottes - und das nicht einmal bloßsondern es ist das frischedämmernde Leben vor dem Morgensternderwie dem Herzenso dem Denken dieschöne Aurora verkündigtdie später nichts verkündigt als nur eineTags-Sonne - Alle Fackeln des Wissens sind der Jugend nur Brautfackelndiekünftiges Leben bloß anzündennicht einäschern - Der Glanz verbirgt demJüngling die Handels-Kriegs- und andere Stadtdie sich um seinen Musenbergmauertund der Lehrstuhl reicht ihm über jede Höhesogar den Fürstenstuhlhinauf - und die politischen Sorge- und Weber-Stühle stehen und schnarren weitvon ihm in der Heimat.

Wenn nun der Staat die Jugend als das Lebens-Herz seiner Zukunft schonenmußdem er nicht genug Nervengeist und Blut zuführen kanndamit es unter derQuetschform hoher Akten-Kästenwelche dem Präsidentendem Departementsrat u.s. w. wie einem Griechen nichts mehr zu lesen erlaubt als Geschriebenesnochein wenig geistig-munter schlagenicht in einem Winterschlaf nachzucke: sodürfen die Sitze auf dem göttlichen Musenberge nicht in Bänke vonBürgerschulen umgebauet werden; gegen die flüchtige Aurora des Idealscheinssind die Jalousie-Läden der hölzernen Realität nicht nötig. In Rücksichtder Lehrer sollte über die Fragewie die Gewalt den Geist zu rektifizierenhabewenigstens der Geist früher als die Gewalt entscheiden. Der gemeineLehrer bedarf selten der Zensurweil er meistens von selber das istwas sienicht verbeut; höchstens würde an ihm ein Johanniswürmchen zu konfiszierenseindas den Mondschein unterbricht. Der geniale Lehrer brauchtgesetzt diebejahrte Menge wollte der Riesenkraft nicht erlaubensich und andere zuemanzipierenindes dieselbe Menge von derselben Kraft Freilassungen annähmewenn sie jünger wäreein solcher Lehrer braucht über seinen Geist keinerAufsichtzumal von Körpern; - kein genialer Geist als solcher kann sündigenund schadennur das Talent; bloß Engelnicht Götter können abfallen undaufhören. Man sollte deswegen vorherehe man über ein zufälligesLehrgebäude erschrickt und gebeutdas ein Genius in junge Gemüter wirftsicherinnernda diese Gebäudediese umgekehrten Städte und Länder und Säulenals morganische Feen von selber verrauchenindes die gebärende Sonne bleibtund steigtwelche den Jünglings-Morgen mit den Gestalten ausfüllte; mansollte nämlich erwägendaß der Jüngling besser jedes durchgreifende Lehr-ja Irrgebäude bewohnt als gar keinesweil der systematische Körper verfliegtund der ideale Geist zurückbleibt. Was ist denn an irgendeiner Meinungüberhaupt von Bedeutung ohne den Geistder sie mitteiltund dender sieauffängt? Ist nicht dieselbe heiligste Religion mit denselben Meinungen undStrahlen bald wie Frühlingswärmebald wie Mordbrand auf die Welt gefallenjenach dem Wechsel der Geistes-Mediendurch welche die Strahlen fuhren?

Vierter Abschnitt
Zensur des Philosophierens über Regierungsform

Wenn die Vernunft Götter und zweite Welten in ihr Zergliederungshaus forderndarf: so hat sie auch ein Rechtdasselbe feine Messer an den Staat undseine Form zu legengesetzt sogar sie zöge daraus lauter Mängel ans Licht.Denn die Vernunft kennt in ihren Forderungen nur eine Menschheitnicht eineneinzelnen oder eine Menge. Ja jede Staatsform würde sich für Un-Formerklärenwenn sie fürchtetevor dem Lichtewie Hornsilberschwarz zuwerden und zu verlieren. Aber dieses Rechtsogar zu schadenwürde wohlkeiner Philosophie den Weg in Staaten bahnendie es lieber allein ausübenwäre nicht zu erweisendaß die ächte ihnen nichts bringen kann als nur Nutzen.

Nie hat Philosophie mit ihrem weiten Tageslichtdessen Allgemeinheitnirgends auf die engen Punkte der Zeit verdichtet fallen kanndie Früchte derLeidenschaft reifen können. Das Licht hat keine Schwere und sucht statt derdicken Erde den leichten Himmel. Eben die philosophische Weite gibtwie diedichterischedie duldende Überschauung der Menschheit und folglich jedeseinzelnen Aktionisten daran. Die Philosophie lösetwie alle auflösendenSäurendas schwere Metall - hier ists Krone und Zepter - so durchsichtig insich aufdaß man nur das Menstruumnicht irgendeinen Körper darin sieht.

Warum glaubt man überhauptdaß verderbliche Bücher so großes Unheilstiften können? Ich wünschtesie könnten dies stark und schnell; dannbrächten gute desto leichter Heil; ja noch reicher; denn das Gute bliebe stetsauf der Seite der Kraftweil es nicht dumme Engelnur dumme Teufel gibt. AberWissenschaft und Kunst gleichen eben jeder Musikwelche im großen Luftmeer nurliebliche sanfte Schwingungen machtdie nichts beugen und wegnehmenindes dieFaktion und Leidenschaft dem Winde ähnlich istder im Luftmeer strömt undniederreißt und heult.

Ist nicht alles Stärkste über alles schon tausendmal gesagtund kann einBuch verboten werdendas nicht ein Nachdruck der Vorzeit wäre?

Wuchsen die Staats-Umwälzungen seit dem Nachtschatten des Mittelalters mitdem Verdünnen desselben in Halbschattenin Viertels-Achtels-Schatten? NahmDenken mit Empören in gleichem Verhältnis zu? In umgekehrtem höchstens.

Wankten und fielen vor der Erfindung des Drucks Thronen nicht öfter? Stiegennicht die größten Wetterveränderungen in dem Dunstkreise des Geisterreichsohne Dinte und Druckerschwärze auf durch Sonnen wie ChristusSokratesPythagoraswelche sämtlich nicht schrieben? Nur erst unter seiner Auflösungfing der pythagoräische Bund zu schreiben an1).

Und doch war nur damals ein Autor daswozu Friedrich der Einzige denspätern Autor ausriefnämlich ein Regent des Publikums; und die Feder damalsein Zepter. Jetzt hingegen ist der Preßbengel ein sehr niedrigerRegenten-Thron. Bücher wirken jetzt wegen ihrer Menge wenigereben weil siedadurch einander entgegen und folglich aufhebend wirken. Indes bleibt stets einSieges-Übergewicht (warum litte man sonst einen Drucker?)und zwar desschönern; denn eben die Menge der Bücher führtwie und als dieMenge der Zeiten und Menschenihr blühendes Gegengift gegen jede vergiftendeEinzelheit bei sich. Wäre die Zeit - der Exponent der Menschheit - nicht eineArzenei der Erdesondern ihr Gift: so müßte dieses Giftda es täglichzunimmtuns mit jedem Jahrhundert fortschreitend mehr zersetzt und aufgeriebenhabenund die Geschichte würde bloß der Krankenzettel eines großen Körpersseinder immer mehr abstürbe.

Wenn die päpstliche Kammer bloß auf solche Memorialedie sie abschlägtlectum (gelesen) setzt: so tun dies wohl die meisten Lesezimmer. Ja dieObern setzen es voraus; denn sonst gäben sie keinem Zensor und Drucker »dieErlaubnis der Obern«; sonst könnte ja überhaupt der Bücherverleiher heute ineiner Stadt so viele Engel leihenals er Leihgroschen bekäme für einEngels-Werk; morgen ebenso viele gefallene durch ein gefallenesund so die guteStadt wechselsweise in den Himmel und in die Hölle tauchenhin und her sielichtend und schwärzend.

»Gesetzt nun aberum zurückzukommen« - fragt hier Opponent - »einPhilosoph untergrübe das Prinzip einer Verfassungden weiten schweren Throngleichsam mit seiner schwarzen feinen Rabenfeder: sollte in solchem Fall einStaat nicht das Federmesser gegen die Feder ziehen dürfen? das fragtOpponent.«

Neinwenn anders der Staat nicht den Arm des Stroms statt des Stroms selberabgraben oder wie Xerxes geiseln will. Der Geistder Staaten umwarfwar derGeist der Zeitnicht der Bücher; die er ja selber erst schuf und säugte. Wirddenn der Autor nicht früher als sein Buch gemacht? Werther erschoß sichohnenoch von Werthers Leiden eine Zeile gelesen zu haben. Christus bekam vonJohannes die Taufebevor er sie einsetzte. Hat je das beste Buch eine einzigeMode des Mode-Journalsnämlich des ewigenpariserbesiegt? - Nie durch sichsondern nur durch die Zeitdie aber kein Buch istsondern höchstens einBuchladen.

Gewöhnlich wird die französische Umwälzung als ein Beweiswie leichtSchreibfedern zu Spring- und Schlagfedern werdenvorgeführt. Aber der nochstärkere Beweisdaß alle Schreiber nicht die Gewittermateriesondern nur dieElektrizitäts-Zeiger einer schon vorhandenen - obgleich folglich die Trägereiner kleinen - sindsollte allen andern lesenden Staaten dies seindaß siesich selber gleich bleiben und den gallischen sich gleich machen wollten. Diefranzösische Literatur war in ganz Europadie Umwälzung nur in Frankreich.Und was wurde denn selber unter dem gallischen Sturmwinde - der aus derSandwüste endlich den höchsten Berg zusammen wehte - Neues gesagtwas nichtvon den GriechenRömern und besonders von den Parliamenten unter Karl I. schonmehrmals wäre erneuert geworden? - Warum lieset man jetzt diese Bücherzensurfreisogar in Frankreichund wird nicht umgewälzt? - Darumweil dieMeinung zwar die Königinaber auch die Tochter der Zeit ist - weil dasSonnenlicht der Untersuchung Völker wie den Diamant still durchfließtindesdas elektrische der Faktionen zerschmetternd einfährt.

Wer empört sich denn gewöhnlich? Gerade die beiden Klassenwelche amwenigsten lesenweil die Bücherin die Mitte des Staats angeschlagenvondenenwelche die Wurzel und welche den Wipfel bewohnenschwer herab oderhinauf zu sehen sindich meine vom Volke und vom hohen Adel. Doch wird derNebel und Dunstder aus dem platten Meere des Volkes aufdringtnicht eher zueinem Wolkenbruche gesammelt als am nächsten Berge eines Großen. - Hingegenwer liesetdie Gelehrtendie Mittelklasse - die Welt sageob alle Fakultistenje etwas anders gemacht haben als Manifeste bloß für andereals Deduktionenzwar gegen den einen Fürstenaber doch für den andern Fürsten; oder obandere logische Schlüsse als Friedensschlüsse. Stets unschuldig weißwie einHahnenkamm im Wintersteigen die Gelehrten auf ihren Schreibtischder einKriegs-Schachbrett mit rhetorischen Figuren istnie selber mit ihrer eignen.Sie sehenwie Predigergern Ketten über alle Gassen gespanntdamitkein Lärm unter ihr feuriges Predigen einfahre; und die Lähmungwelche Setzervon den bleiernen Buchstaben erhaltenkommt ihnen früher durch diegeschriebenen an die Hand.

Der einzige Fallwo das Licht der Bücher gewalttätig wirktist dawo esgehindert und wo die matte Lichtspitze durch die Umkrümmung mit dem Lötrohr zuSchmelzfeuer verdichtet wird. Das stumme Frankreich bekam plötzlich eine Zungewie der stumme Sohn des Krösus; nur andersteils vor einem Morde desVaterlandsteils zu einem eines Vaterlandsvaters. Aber desto schlimmerwenn die ungestüme Notwendigkeit sprichtnicht die lange sanfte Freiheit; wennnicht der fromme Kirchnersondern ein Erdbeben die Glocken läutet.

Wie verwandt ist damit eine Erscheinungan welcher schon mehrere großefreilassende Staaten irre wurden! Österreich unter Joseph II. ist der erste.Wenn nämlich plötzlich ein Volk ins Sprachzimmer und vors Sprachgittergelassen wird aus der Zensur-Zelleso weiß es kaum vor Überlustwas es sagensoll oder sagt; es gleicht Knabendie nie mutwilliger toben als auf dem Wegeaus dem Gehorsam der Schule heraus. Allerdings muß man VölkerwieWochenkindernie schnell weckenweil sie nach den Ärzten jähzornigwerden. Ferner ist dann die Presse eine wahre Kelterdie auf einmal die reifenund halbreifen Beeren einer Traube ausdrückt. Mögen aber nie Alexander undMaximilian Joseph anders fortfahrenals sie anfingenoder als Friedrich derEinzige noch fortfährtund mögen beide sich gegen den Zufall damit tröstenund rüstendaß nirgends mehr Wind weht als eben unter der Schwelleund daß folglich das Licht am leichtesten erlischtwenn man es über sieträgt! - Was kann ein edler Fürst an seinem Thron-Himmel Schöneres sehen alseine Sonnedie er selber daran als Sonnengott vorüberführt? Seine einzigeVorsicht bei plötzlichem Freigeben der Federn sei bloß eine nicht zu kurzeNachsicht! -

Fünfter Abschnitt
Eintritt der Zensur

Sie kommt mit dem Kriege. Der Krieg istwie man in Frankreich siehtder Kaiser-Schnittder Menschheit: er entbindet gewaltsam die Geister; folglich mag in ihm einefliehende Diktatur - da er selber die schlimmste ist - gebietenauch denBüchern. Hier stehen fliegende Blätter selber unter dem Petalismus;1)denn ein einziges steigt aus dem Loh-Boden der kriegerischen Zeit leicht alswilder Baum empor. Ein Blatt kann als Exponent der öffentlichen Stimmunggleich einem Stammbuchsblatt - pagina jungit amicos -die Gleichgesinntenverknüpfen und decken und nähren. So sehr die Wahrheitwie oben gedachtnureine tönendenicht wehende und bewegende Luft istso kann doch ein bloßerTonwenn er ein Gefäß von demselben Tone findetes durch langesVerstärken auseinander schreien.

Derselbe Kriegder bei dem freien Engländer den Preßgang oder das Pressender Matrosen entschuldigtmag alsoda es leider kein Wort-Spiel isteinenganz andern Preßgang und ein anderes Pressen dem Drucker untersagen. Im Sturmder Staaten wie der Schiffe wird alles angebunden.

Allein es kann also nur in einer Zeit verboten werdendie selber zuverbieten wäre: und keinen Schriften ist das Leben zu nehmen nötig als ebendenendie das kürzeste haben.

Sechster Abschnitt
Philosophieren über die Religion

Religion ist etwas anders als Religionsmeinungen; es gibt nur eineReligionaber unzählige Religions-Meinungen. Allein der geistliche Stand ließsonst gern beide vermengenum die heilige Unveränderlichkeitwelche derReligion angehörtauf die Meinungen hinüber zu spielen. Die Kirchenglocke wareine Präsidentenglockewelche nur läutetdamit man nicht rede. Wie sonst dieKühe die heilige Bundeslade den rechten Weg zogen: so glaubte man inKlösterndas Wunder ändere sich nicht sehr mit dem Geschlecht. Jetztseitdem man nicht mehr das theologische System für einen Strumpfwirkerstuhlansiehtder sogleich so vollkommen wurdeals er noch dastehtlässet man denBüchern ihren Lauf. Aber ich behaupte: nicht einmal Religions-Meinungen werdendurch Bücher alleinohne die Sonne der Zeitwelk oder reif. Luthers Werkeveränderten das halbe Europabloß weil sie das Ganze schon verändertvorfandenund weil er den theologischen Doktorhut mit dem sächsischen Kurhutdecken konnte.

Der Staat werfe dochum nichts von Büchern für seine Landes-Religion zubefürchteneinen Blick in die Reichsstädte voll Parität hinab. Die Mengelutherischer Streitbücher hat bis diesen Tag darin die Katholikenund dieMenge der katholischen die Protestanten unverändert bestehen lassenja beidenur schärfer gesondert. - So waren die Judenals der Nürnberger Rindfleischnoch gegen sie so predigte wie gegen die Schweizer Ochszu nichts zubekehren; erwidern sie nicht aber jetzt die höfliche Berliner Parität mit dengrößten Anerbietungensich nicht mehr auszuzeichnen durch Religion? -Buchhändler habenwie Holländeralle mögliche Grundsätze und Religionen imLaden und in Händenteils als Sortimentteils als Eigen-Verlag; changierensie aber je ihre Glaubensartikel mit ihren Handelsartikeln? Verlegen sie nichtleicht entgegengesetzte Systeme und die Satiren daraufohne erschüttert zuwerdenda sie in ihrem Handelsbuche schon den höhern synthetischen Standpunktfür alle Systeme zu besitzen hoffen? - Nirgends wohnt so viel Glaube als inEnglandwo ebenso viel gegen ihn geschrieben wurdegerade wie dort diePreßfreiheit gegen die Regierung mit der Achtung für dieselbe und für denKönig in gleichem Verhältnis steht.

Der Kern der Religionihr geistiges Herzblut und Gehirnmarkwelchesfortpulsiert unter den zufälligen Herzbeuteln und Gehirnhäuten allerLandes-Regionenist von allen Bestreitungen der letztern unabhängig und lebtbloß von der Sitte und vom Herzen. Nur aber an diesem moralischen Marke undBlute kann dem eigensüchtigsten Staate gelegen seinweil er sehen kanndaßdie Fürsten aller drei Reichs-Religionsparteien in Deutschland gleich festbestehenund die Regenten auf der ganzen heterodoxen Erde gleichfalls. Religionals solche kann von Philosophie nicht erzeugt und erklärtfolglich nichtvernichtet werden; umgekehrt gibt erst Religion dem Denken Richtung und Stoff.Alles Denken kann nur das Gemeinenie das Göttlichenur das Totenicht dasLebendige auflösen und ändern; so wie uns nur die runde Erdenie dergewölbte Himmel eben und platt erscheinen kann.

Ich wünschteein Staat ernennte eine Kommissionwelche Haussuchung nachReligion täte: so würde befunden werdendaß die stärkste gerade in derMittelklasse vorrätig seiwelche eben am meisten liest und lehrt. Die höhereWelt ist eine quai de Voltairenicht aber eben das Buchhändlergäßchen; dennsie hat wichtigere Dinge zu lesen - als Bücher -z. B. Gesichter und dieZukunft. Wo waren im Mittelalter die rechten Atheisten zu suchen als neben undauf dem heiligen Stuhlewo der Statthalter vom Sohne des Gottes saßden er leugnete? Ich glaube nichtdaß im Ganzen ein Kardinal so viel liestund glaubt als ein Gelehrter. Die Zensur sollte also weniger einen censuscapitum als morum ausschreibenkeine Kopf-sondern Herzenssteuer.

Bloß zweimal kann eine Religionsmeinung dem Staate bedeutend werdenerstlich wenn sie schnell ein-zweitens wenn sie schnell abfährtso wie daselektrische Licht oder der Blitz nur beim Ein- und nur beim Absprungezerschmettert. Aber dies vermögen nur lebendige BücherAuflagen von einemExemplarkurz Sprechernicht Schreiber. Will demnach ein Staat verbieten -wiewohl jeder Magen schon schwach istdem man verbieten muß -so führe ernicht Bücher-sondern Menschen-Zensur ein und lasse statt der Schreibfingerdie Zungen abnehmen. Alle großen Revolutionen machte die Stimmekeine derBuchstabeder nur nachschreibtwas jene vorsprach. In diesem Fall ist aber einReligions-Krieg; - und das obige Kriegsrecht der Zensur entscheidet umso mehrda durch die Geistlichen alles zugleich länger (denn ein Religionshaß und-druck überlebt jede politische Zensur)damit schneller und heftiger brausetund gärt. Zuweilen scheint die sanfte heilige Taube über ihren Köpfen nur einZeichen zu seindaß sie eben aus ihnen ausgeflogen. So verteilt fast typischauf den holländischen Kriegsschiffen der Schiffsprediger unter der Seeschlachtdas Schießpulver.

Siebenter Abschnitt
Zensur der Manier

In vielen Zensur-Edikten wird freiesstilles Untersuchen der Wahrheit undder Wahrheiten verstattetnur aber fügen sie beiin gemäßigtem Tone ohneLeidenschaft und Spott. Da nun kein Edikt eine Wahrheit voraussetzen kann - dennsonst braucht' es keines Prüfens mehr -so kann die Foderung des gemäßigtenspaß- und feuerlosen Tons unmöglich nur einer Partei befehlensondernjederauch der herrschendenfolglich einem Pastor Göze so gut als seinenGegnern. Mithin fällt der unschickliche Ton - gleichgültig worüber - inPolizeistrafeinsofern hier nicht eben die Rücksicht und Nachsicht eintrittwelche Sachwaltern Derbheiten gegen die feindliche Partei und Predigern auf derKanzel einen Schimpf-Eifer gegen ganze Stände erlaubt. Aber zweitens kann dasVerbot des Tons - der partiell gestraft werde - nicht ein Verbot der Sacheeinschließen. Ich wähle das stärkste Beispiel: ein philosophisches Werk seiin Blasphemien eingekleidet. Erlaubt es! sag' ich; denn eine gelesene ist keinegewollte. Ist denn eine gehörtegeschauete Sünde die meinige? Eher meineErhebung kann sie werden. Gebt also dem lästernden Autor seine Freiheit undseine - Strafe; und lasset dem Leser den Rest.

In Paris kam einmal jederder einen Wagen hattein die Kirche1)um die schrecklichen Blasphemien anzuhörendie ein Besessener unter seinengeistlichen Kur-Krisen ausstieß. Vielleicht waren damals durch den Gegensatzmehr religiöse und anbetende Gefühle in der Kirche als unter dem kaltenLobpreisen der Predigerwelche den Unendlichen in ihrer Paradewiege wiegenwollen. Auch lässet sich streitenob man nicht in großen Städten gegen dieKälte der Kirchenandacht etwas tätewenn man von Zeit zu Zeit an höhernFesten irgendeinen Besessenen als Gesandtschaftsprediger die Kanzel besteigenließe zum Lästern und dadurch das kalte Anhören und laue Nachbeten abwendete.- Um zurückzukommenich spreche also gar nicht dagegendaß manwie sonstdemder Gott lästertdie Zunge ausschneide; aber siewie die Zensur tutdemMenschen vorher ausreißendamit er nicht damit lästereheißt ihn durchunhöfliche Voraussetzungen nicht delikat genug behandeln.

Achter Abschnitt
Zensur der Kunst

Ist von wahren Kunstwerken die Redenicht von Kunststückenso verlohnt einReligions-Edikt darüber nicht einmal der Druckkostenweil ja in manchemdeutschen Kreise und Jahrzehend kein einziges erscheint. Wer wird einPilatus-Gericht Jahre lang niedersetzen und teuer besoldendamit es einmaleinen göttlichen Sohn verhöre? Jaists sogarwenn er kommtnicht besserihn nicht zu richten und hinzurichten? - Ein getötetes oder verstümmeltesKunstwerk ist Raub an der Ewigkeit; eine unterdrückte Wahrheit wahrscheinlichernur einer an der Zeit; weil kein gemeines Individuumgeschweige ein ungemeineswiederkommt; weil der Zufall wohl eine Wahrheitaber nie ein ganzes Kunstwerkverleiht; weil mehrere Baumeister leicht dasselbe ähnliche Lehrgebäudezimmernaber nicht Väter denselben ähnlichen Sohn erschaffen.

Daß ein Kunstwerk als solches nie unsittlich sein kann - so wenig als eineBlume oder die Schöpfung - und daß jede partielle Unsittlichkeit sichwiepartielle Geschmacklosigkeitdurch den Geist des Ganzen in sein Widerspielauflösetbrauchte z. B. gestern weniger bewiesen zu werden als vorgestern.Auch könnte ferner ein wahres Kunstwerk mit seinem Scheine nur dem Volkeschaden; aber eben diesem kann es ja nicht einmal damit gefallen; ihm folglicheinen TacitusPersiusPlato verbietenheißet dem Blindgebornen Tizians Venusuntersagen. Die längste Schürze für Thümmels adamitische Grazie ist dasAugenfell der Menge.

Dasselbe gilt für das Lachen der Kunst; und ich berufe mich hier (doch mitEinschränkungen auf Zeit und Ort) auf Schlegels Worte über das griechischeBelachen der Götter1). Goldonibittet in der Vorrede zu seiner Komödiealleswas darin etwa gegen dieReligion vorkommebloß für Späße dagegen zu halten. - »Das verbieten wireben«würde der deutsche Zensor sagen. Doch sobald er von gespieltennichtvon gelesenen Lustspielen sprächehätt' er mehr Recht; aber leider auf Kostenunserer unsittlichen Zeit. Denn wenn in Griechenland bei den olympischen Spielenjedes Kunstwerk zensurfrei gedrucktnämlich vorgelesen werden konnte demganzen Volk; und wenn folglich in diesem Falle entweder das Volk keiner Zensurbedurfteoder das Werk keineroder eigentlich beide: so beweiset der deutscheFallwie schlecht die Zeit sowohl lese als schreibe.

Hingegen jene Werkedie keine Kunstwerkesondern nur LyonerNürnbergerAugsburger Arbeit sindweniger zum Kunsthandel als zur Handelskunst gehörigdem Volke aus den Augen gestohlen und sich eben daher ihm wieder ins Herzstehlendürfen schon der Menge ihrer Leser und ihrer eignen wegen nur an denkürzesten Zügeln und Ketten der Zensur ins Freie gelassen werdensobald siedie Unsittlichkeit aushauchenwozu ihnen das Gegengift fehlt. - Und doch geradediese reißenden Tiere gehen ohne Käficht reißend ab und aufdie strengenZensoren erlauben eher die Befleckung eines Lese-Volks als eines Fürsten-Namen.Aber lieber werde selber Gott als die Unschuld beleidigt; denn eine gedachte(gelesene) Blasphemie stimmt die Phantasie zu nichts (höchstens zum Gegenteil)aber eine gelesene Unzüchtigkeit überreizt die junge Seele im Treibhaus desKörpers zur Fortsetzung. - Wenigstens sollte es Verbotewenn nicht mancherBücherdoch mancher Leser gebennämlich für Leihbibliotheken.

Neunter Abschnitt
Zensur der Geschichte

Jetzt kommen wir erst ins innere Reich und Afrika der Zensur; die armenZeitungsschreiber halten sich darin auf und zuweilen ein Magnat vonGeschichtschreiberein Großkreuz unter Kleinkreuzen.

Denn was Religion und Sittlichkeit anlangtso ist es wohl nichts als Pflichtder Dankbarkeitwenn man freudig behauptetdaß beide jetzt ohne alle Gefahrvon jedem anzufallen sindviel leichter als irgendein Kleinkonsul einesReichsdörfchens. Gegen den Regenten der Regenten - nur ein atheistischerFranzose kann mich hier mißdeuten - ist zum Glück alles zu sagen erlaubtnurgegen dessen irdische Ebenbilder und Pro-Konsuls und Unter-Imperatoren wenigerso wie man etwa in einer türkischen Provinz unschädlicher gegen denGroß-Herrn als gegen dessen Klein-Herren und Beys eintunkt.

Bei dieser richtigen Entgegensetzung des Himmelsthrons und des Thronhimmelsist nichts so sehr zu meidenals sie über die Grenzen zu treiben und dadurchauf zwei Abwege auf einmal zu geraten.

Der eine ist der kleinere und weniger bedeutendeda er sich bloß aufReligionnicht auf Fürsten bezieht. Da nämlich jetzt den Betglocken nicht dasGlockenseilaber doch der Klöppel fehlt und man kein Läuten hört - da wirimmer mehr aus letzten Christen wieder zu ersten werdenwelche TaufeAbendmahlund alle ihre Gebräuche äußerst geheim hielten vor Heiden - und da so vielerAnschein istdaß die Seetaufe der Linie die Landtaufe überlebeund daßwiesonst die Bibliotheken in Göttertempelnam Ende die Tempel nur in Bibliothekenaufbewahrt werden: so kann es unmöglich zu jener Überfurchtdie man denBerliner Monatsschriftstellern als diseurs de mauvaise aventure gegen Jesuitenund Katholiken schuldgabgerechnet werdenwenn man sich denktes könntedahin kommen - freilich nur künftignicht jetzt -daß auf dem umgekehrtenWege die Bibel zum zweiten Male verboten würdeaber von Protestanten als zureligiös und schwärmerisch (was wohl schwer zu leugnen)und daß man siewiein England unter Heinrich III.wenigstens BedientenLehrjungenTaglöhnernWeibern untersagteindes man sie wohl aufgeklärtern höhern Ständen in derHoffnung zuließedaß sie eswie das Buch de tribus impostoribusmehr alsSeltenheit und literarisches curiosum und mehr der Form wegen studieren würden.

Noch ist diese Furcht viel zu früh; in den österreichischensächsischenund andern Staaten ist große Preßfreiheit für die Religion erlaubt undnichts weniger zu befahren als ein Ir-Religions-Ediktvom 9. Jul.

Aber der andere Abweg ist abschüssiger. Wenn wir die Bücherdie dieTürken zu drucken verbietennämlich die religiösenerlauben: so verbietenwir schon mehr diewelche bei den Ägyptern allein (denn die Wissenschaftenkamen auf Stein) auf Papier geschrieben wurdennämlich die geschichtlichen.Noch wird nicht jedes historische Geschriebene als verpestet durch den Essig derZensur gezogenz. B. eben Briefe. Wenn die venezianische Staats-Inquisitionjedem untersagtedie Regierung sowohl zu tadeln als zu lobenso haben wir nochimmer bisher unsere alte Freiheiteine Regierung zu lobenals das größereÜberbleibsel des ächtdeutschen Geistes zu verfechten gewußt und sie mit demVerluste der kleinern Hälfte wohlfeil genug erkauft.

Uebrigens ist Deutschland jetzt wie bei den Alten die Leäna abzubildenalseine Löwin ohne Zunge - ihr Verwandterder englische Wappen-Löwehat außernoch größeren und schärfern Dingen auch eine rauhe Zunge im Rachen -; dochbleibt uns noch die Geistersprache; denn Paracelsus sagt sehr schön: dieSprache der Geister ist Schweigen.

Was uns dahin gebracht und uns die musa tacita der Römer als die zehntegegeben zum Gleichgewichte gegen unsere neun: dieses darf nicht einmal vomgegenwärtigen Verfasserso deutschfrei er sonst hier sprichtgenannt oder vonweitem bezeichnet werden. Wie unterscheidet sich dagegen von uns Frankreichwelches mit so großer Freimüthigkeit sowohl über deutsche Staaten spricht alsüber andere fremde! Möge dieser urbane Staat uns auch hierin Gesetz und Mustersein und uns so freimütig machenals er selber ist!

Zehnter Abschnitt
Zensur der Reisebeschreiber

Man weißwas sonst ZürichBernReichs- und andere Städtchen von ihrenBürgern foderten: es solltewie in Lesezimmernnicht gesprochen werdenundwie in Gesellschaftszimmernnicht gelesen. Kleine Staaten und Fürsten hieltenalles Erkennen für böses Rekognoszieren der Dokumente und Truppen (vonJuristen und von Feinden) und das Verraten der Gesetzeder EinkünftederProzesse für ein Verraten der Parole; gleichsam als gäb' es nichtsÖffentliches als den Krieg und die Gewalt. Jetzt hat Preußens Muster - vonwelchem sich unsere Jahre der geistigen Freiheit und der habeas-corpus-Aktedatieren - und später Schlözers Briefwechsel - der uns einige Freiheiten derenglischen Kirche zuwarf und dessen Verdienst um deutsche Freiheit bloßdadurchdaß er sich eine nahmunschätzbar ist - die deutschen Städte dochso weit hingewöhntdaß sie einem Reisebeschreiberder durch sie mit demDintenfaß in der Linken und mit der Feder in der Rechten ziehtalles zuschreiben verstatten über alle Städtewas nicht gerade die betrifftwelcheüber die andern frei zu schreiben erlaubt; - so daß ein solcher Mann seinTagebuch ganz unbeschädigt durch alle Städte durchbringtwenn er nur jederdas Blatt aufopfertdas über sie selber handelt.

Eine Reichsstadtworin sich die deutsche Reichs- und Kleinstädterei amlängsten erhält - ausgenommen die beiden Reichs-Pole des deutschen Anglizismusund Gallizismusnämlich Hamburg und Frankfurt -lässet ungern etwasnotifizierenaußer in Regensburg Kaiser und Reich durch den Gesandten; sie hatnoch solche Gesetzgeber wie Spartanämlich Lykurgedie nicht bewilligendaßihre Gesetze geschrieben werden; regiert von gelassenen Personen mit der Federim Mundsehen sie den Mund in der Feder nicht gerne. -

Landstädte sehen nichts mit mehr Verdruß durch ihr Tor reiten - wenn sieeines haben - als einen Reisebeschreiberwelcher der Weltdie der Sache schonunter dem Lesen vergißtindes das Städtchen sie Jahrzehende lang repetiertalles vorerzähltwas man darin kaum leise zu denken wagte neben seinemGevatter. Das Städtchen glaubtes sei den Fremden (d. h. der restierendenErdkugel) so bedeutend als ein Fremder ihm. Da es nicht vermagüber eingedrucktes Buch sich wegzusetzenweil selten ein Buch in der Stadtdiese nochseltener in einem Buch vorkommt: so glaubt der gute freundliche OrtdasSchlimme seiwenigstens für die Weltschon erwiesenweil es gedruckt sei.Überhaupt ist der Deutsche so gern zu Hause und so bänglich vor jedemEhrenfleckdaß er sich nicht ohne Grausen in die größte Gesellschaft ziehenläßtdie es gibtin die von 300 000 Lesern; er kennt offne Türen nur beiAbbitten und Todesurteln. Kurz die Stadt will nirgends gedruckt erscheinen alsauf der Landkarte; und etwa in der Reiseroute ihres Regenten.

Dörfer sind stillerja still zu allemwas laut wird von ihnen.

Residenzstädte - falls eine Reise-ein Zeitungs-ein sonstiger Schreibersie abschattet und projektiert - sind liberaler und vertragen mehr Publizitätvon Wahrheitenzumal von angenehmen. Jasogar an Verfasser von bittern suchtmanso wie man Klötzchen an Schlüssel knüpftum sie nicht zu verlierenebenfalls (es sind lebendige Schlüssel des Staatssagt man) etwas ähnlichesentweder Schweres zu knüpfenz. B. Fußblöckeum solche immer zu behaltenoder etwas Lauteswie an kostbare Falken Fuß-Schellendamit sie sich nichtversteigen.

Eilfter Abschnitt
Zensur der Hof-Zensuren

Es gibt eine doppelte Publizitätdie über die geheiligte Staatsperson desFürsten und die über dessen Finanz-Kriegs- und Regierungs-Operationen. DieZensier-Freunde sehen gern die zweite mit der ersten verwechseltum überalldas Ventilregister des Schweigens zu ziehen und jede Untersuchung zu einerMajestäts-Injurie zu verkehrenals ob der Beweis des Irrenser werde übereinen Autor oder über einen Fürsten geführteine Beleidigung für die Ehrewäre. Kann ein Regent mehrere Ehrenpforten für seine Talente begehren als einPlatoLeibnitzMontesquieuRousseauwelchen allen man verschiedene Irrtümerins Gesicht bewiesen? Mich dünktein bescheidener Fürst müßte sich eherjenen Großen gleich setzen als ihnen überlegen.

Da ein Regent allen alles befiehlt: so kann er leicht glauben oder fürnötig haltenauch alles zu wissen; allein niemand fodert diese Überzeugung.Wenn Friedrich der Einzige die deutsche Literatur rezensiert; wenn Bonapartenach einem 2 Seiten starken Auszug aus Kants Kritik nichts sagt als sie seipleine de bizarreriessans suitesans conséquence et sans but: so ist klardaß beiden Großen - ungeachtet ihrer Falkenblicke durch die lange Zukunft undüber die breite Gegenwart - dennochim Falle der eine ästhetischeProfessurender andere philosophische organisieren wollteeinige Maßregelnvon ungekrönten Köpfen von wahrem Nutzen wären. Folglich erlaube der Regentüber jede seiner Operationen die freieste öffentliche Untersuchung; dennentweder seine Untertanen werden gegen ihn überzeugt: so handelt er wieim Falle des Kriegsgegen welchen alle Moralisten seit Jahrtausenden schreibenund schreienund in welchen doch alles vom Größten bis zum Kleinstenmitziehtund allen ist Körperzwang durch Geisterfreiheit versüßt; oder siewerden für ihn gewonnen: so gesellt sich das Licht zur Macht. Ob er nunüberhaupt lieber der Mond sein willder die Flut nach Kartesius durch Drückenerregtoder der Mondder nach Newton sie durch Ziehen hebtist leichtentschieden. Will man nicht Städte und Dörfer als bloße Wirtschaftsgebäudedes Thronschlosses stehen lassen: so setzt jedes Verbergen ein Bewußtseinvorausdas selber noch mehr zu verbergen wäre; es ist eine Kriegslist mittenim - Frieden.

Eine andere Publizität ist die der Zeitungsschreiber.

Wenn man hörtwie frei der Engländer in Zeitungen und im Parliament alleandere Höfe behandeltund wie frei seinen eignen Staatworin eine stehendeOpposition ohne ein stehendes Heerwie bei uns dieses ohne jene ist; und wennman doch vernimmtdaß die Minister und der Hof und der König alle Nebelniederglänzenwelche jedes Abend- und Morgenblatt aufsteigen lässet: sobegreift man nichtwarum irgendein Hof furchtsamer ist bei kleinern Folgendieihm jede freie Presse schicken kannwelche bei seinen Untertanen dochnur die Gespräche wiederholt. Oft verbieten große Höfe Nachrichtendie nirgends bekannt sind als in Europaals ob das Gespräch nicht schlimmerwäreda es alle Stärke der Heimlichkeit und alle Verworrenheit undEinseitigkeit der augenblicklichen Geburt und der gemeinen Väter behält.

Es werden mehr Lügen gesagt als gedruckt; und die mündlichen sind kaumumzubringenaber die schriftliche leicht. Da Fürsten eigentlich nur nachHöfen und Thronhimmeln fragen und sehenweniger nach dem tiefen Bodenwo dasVolk wimmelt: so scheint esmüßten sie statt aller Zeitungendie nur diesesbelehrenlieber die Gesandten zensieren und fürchtendie jenen vierWochen früher sowohl die größten historischen Wahrheiten als Nachrichtenzufertigen. Welche schwarze Schreckbilder können sie überhaupt im Dintenfaßund Druckerkessel erblickenwenn sie in ihrem eignen Lande den feindlichenManifesten - die immer mit wahrer Freimütigkeit geschrieben sind - umzulaufenzugestehenwährend der Feind mit Körpern an der Grenze stehtdem sie eineWerbung der Seelen auf ihrem Territorium verstatten? - Und doch machts der Feindebensound nichts schadet. Dies setze nur jeder Regent des Landes voraus; ervergleiche sich nur kühn mit den Regenten des Publikums - wie Friedrich II.der auf jede Weise regierteuns Autoren zusammen benennt -: Himmelwie werdenwir Karten- und Schützen-Könige der Welt von den vielen Zeitungenwelchejetzt von den Mitlesern gehalten werdenzerrissen und verstäubt - mitImpfnadeln zerstochenmit Wundspritzen befleckt - in effigie an unsernOrdensketten aufgehangen - auf Federnals Schandpfählenlebendig gepfählt -nach Siberien geschicktauf dem Kopf mit Sanbenitos voll Flammen - kurz vielärger zerstückt und beschmutzt als die niedlichste Kleiderpuppedie ein KindJahre lang herumgetragen und ausgezogenoder als alte Ordensbänderdie einJude zu Wickelbändern verkauft! - Und doch wachsenwenn man einen solchendurchschossenen Regenten der Welt selber besiehtihm täglich lustige schwereZweigeund seine Farbe ist sehr munter und grün - er wiegt seinen Gipfel ruhig- er weiß kaum etwas vom Waffen-Tanz um seine Rinde und ist gar nicht zuverwüsten.

Warum scheuet aber ein Fürst politische Zeitungen mehr als ein Autorgelehrte und erlaubt nicht jene so frei als dieser diese? Denn wenn er vierzigBlätter zu Eselsohren eingebogen hatund doch das 41tez. B. britischenichtkrümmen kannsondern es wie einen Eilboten aus London fliegen lassen muß: washilft ihm die Quarantäne einer Vierziger-Mannschaftwovon der 41te ansteckt? -Es hilft ihm nichtsaber nur darumweil das Gegenteil ihm nicht schadenwürde: denn an der Zeit stirbt die ZeitungKronos verschlingt sogleich seinKind. Ja wie ein gekrönter Schutzengel der Menschheit aus wohlwollendenGründenso wird ein Würgengel derselbenwie Tiberiusaus selbstsüchtigender Sprech- und Schreibsucht alles erlaubenals den besten Ableitern derHandelssucht. - Aber wozu dieser düstere Beweis? Der Ruhm und Ruf einesFürsten - wie jeder historische - ruht ja nicht auf einzelnen zufälligenTatsachendie so leicht zu erschütternzu verdecken und zu erdichten sindsondern auf dem unwandelbaren unverhehlbaren Geistder durch ein ganzes Lebenzieht. Der Geschichte können Faktaaber nie Geister entwischen; und ein Geistwelcher fähig wärezumal in der Höhe des Thronsgleich einer Sonne dieganze Wüste seiner Natur mit lauter Lichtwolken zu überdecken durch ein ganzesLeben hindurchnun ein solcher wäre denn ebenso großdaß er nur eine Sonnenämlich ein lebendes wohltätiges Gestirn sein könnte und kein feindseliges.

Soll endlich nie eine wahre freie Geschichte geschrieben werden als langenach dem Tode des Heldenwenn schon Zeugen und Erinnerungen vergangen undProben unmöglich sind? Und ist zum Tadel des Helden eine so alte Vergangenheiterforderlich als zur Epopee desselben? - Und wie alt muß sie sein? - So vielist leicht zu entscheidendaß der Hofprediger noch sehr zu loben hat alsLeichenprediger; aber schwerer läßt sich sagenwennunter welchen Regenteneines Hauses die Independenzakte der Wahrheit über die vorigen eintrete inGültigkeit. In Paris z. B. getraute sich wohl jeder unter Ludwig XIV. über dieKarolingischen Könige alles frei zu schreibenwas man eben davon weiß; beiwelchem aber unter den Capetingischen Königen die Freiheiteinen davon zumessenaufhörtob bei Heinrich IV. oder erst bei Ludwig XIII.ist einegefährlichere Untersuchung. Was wird aber aus der Geschichtewenn sie einregierendes Stammhaus nicht eher beerben kannals bis es ausgestorben ist?Sollwie in Italien bei einem Leichenbegängnisbloß der Tote aufgedecktundalle Begleiter desselben verlarvt ziehen? - Ebenso viele Inkonsequenzen des Tonsgibts im Raume. Große Staaten erlauben über kleine alle Freiheiten derSprache; kleine aber nicht über jene; als ob das Recht nach der Areal-Größewechselte. - Ferner: über Reichsstädte und Republiken gaben die Monarchen gernden Autoren den Binde- und den Löse-Schlüssel zugleich - über sich denletztern -; und für wie frei die Deutschen die kaiserliche Republik ansehenbeweiset am besten der Tonwomit sie von Bonaparte als von einem ersten Cäsarsprechender andern Cäsarn seinen Namen leiht.

Über die 13 vereinigten Staaten wird von allen deutschen Thronenweil jene unterihnen sindsogar topographischund noch dazu freiein freies Wortnachgesehen. - Führen zwei Monarchien Kriegso können Gelehrte so langemanche feindliche Gebrechen aufdeckenbis man den Frieden schließt und damitihnen den Mund. Aber ganz mit Unrecht; denn so wie der römische Bürgerbestraft wurdederohne Soldat zu seinden Feind umbrachteso kann - den vomStaate bevollmächtigten Gelehrten ausgenommender das Manifest aufsetzt -keine Privatperson vom Kriege andere Rechte zur Freimütigkeit gegen diefeindliche Souveränität erhaltenals er schon vom Frieden hatte.

Allerdings ist der erste kalte Schauderder auch einen besten Fürsten voreinem aufgeschlagenen Buche überläuftzu denken und zu retten. Er hat schonvon seines Gleichen her keinen andern Ton gewohnt als den geselligstendernichts stärker fürchtetals sich oder andere zu verstimmen; wie viel mehrfolglich von seines Ungleichen! Seine ganze Erziehung (durch Hofmeister und Hof)ist fast eine für die feinere Geselligkeit; jede Stundedie er älter wirdschafft er mehr Gesellschafter an und mehr Hofmeister abbis er zuletzt dieRolle der letztern allein übernehmen mußund (wie die Zöglinge beweisen)nicht ohne Glückinsofern ein Hofmeister wenigstens nichts Höheres von seinenSchülern begehren kann als seine - Nachahmung. Dieser gesellige Ton der großenWelt - welche die größte wird am Hofe - ist nichts anders als die großestärkste Liebewie nämlich Leibnitz letztere definiert: amare estsagt erfelicitate alterius delectari; Lieben heißtsich sehr ergötzen an fremderGlückseligkeit. Nie geht ein Hof abends seliger (er spricht bis Sonntags davon)auseinanderals wenn der »Herr« besonders aufgeräumt gewesen; nicht etwabloß aus Eigennutz - der am Hofe weniger im Trüben als im Hellen fischtweniger aus der Mißlaune als aus der Laune -sondern wirklichso sehr er auchfortfischtaus einer Anhänglichkeit an den »Herrn«welche durch langesFamilien-Beisammensein etc. etc. etc. etc. weit mehr aus einer vorgespiegeltenzu einer innigen werden kannals man voraussetzt. Und umgekehrt; Herr undDiener gewöhnen sich in einander - das ewige Sehen versüßt gegenseitigeEigenheiten - alles wird zu einer Krone geschorenvom Mönch an und vomHofweibedas als Blume schon eine Blumenkrone trägtbis zum HofmanndessenBaum Le nôtre1) zu einer Kroneschneidelt - O man ist so glücklich! -

ln der Tat reifen an dieser warmen Sonnenseite und Sommerwende desThronhimmels (wenn mir wie andern in der Ausschweifung fortzufahren verstattetwird) gesündere Früchteals man vermutet.

Gerade der allgemeine Hof-horror naturalisdem »Herrn« nur zweiunangenehme Stunden zu machen - Tage werden selten daraus -lässet jedenauchden kühnsten rechtschaffensten Günstlinglänger am Thron-Rande feststehenals sonst wohl selber manche fürstliche Gewohnheitmit Menschen und Sachen zuwechselngern litte. Will denn nicht oft ein ganzer Hof mit tausend Freudeneinen Günstling fällen und alles Teuereja Teuerste dazu opfernwenn nurnicht jeden das Grausen vor der verdrüßlichen Stunde starr machtedie er demHerrn durch die Entdeckung zubereiten mußdaß der Schoßmensch dessenGiftmischer sei? Gewöhnlich wird ihm daher selten ein welker Günstling aus derHand gezogenwenn ihm nicht ein fertiger sofort auf der Stelle darein zu gebenist. Bezaubern ist gefahrloser als Entzaubern; daher wird zu dem letztern oftein Weib genommendamit doch einiges Gegengift bei der Hand sei.

Die meisten Schreiber stellen sich das Verdiensteine scharfe Wahrheit wieeinen Hofdegen mitten im Lustball aus der Scheide zu ziehenzu leicht und nochbequemer vor als die Kühnheitgegen eine Gesellschaft von ihres Gleichen eineschneidende Wahrheit zu entblößen; denn sie denken sich überhaupt den Hofmannzu kalt und hartda er doch mehr dem Hagel gleichtder nur außen eineEisrinde hatinnen aber zarten weichen Schnee. Was bleibt nun der Wahrheit unddem Throne übrig? - Bücher. Da manche bittere Wahrheiten mündlich ohne jeneVersüßungen gar nicht zu sagen sinddie oft ihre Wirkung aufheben - so wieetwa der spanische König nach der alten Sage vom Papste am grünen Donnerstageexkommuniziert und sogleich absolviert wurde -; da nach einem altdeutschenSprichworte2) ein Stein durchkeinen Fuchsschwanz zu behauen ist: so übernehme das tote Buch die freieSprache und richte kühn die Welt und mit ihr einender sie wiederrichtet. Deswegen werde dem tiefern Chorton der Bücher sein Abfall vomKammerton der Geselligkeit mehr zugute gehalten - und lieber werde der Sache derTon verziehen als dem Ton die Sache; wenigstens sollte die Zensur lieberzugleich erlauben und bestrafenals beides unterlassen.

Bücher haben neben dem Vorteil der Stärke der Stimmen noch den ihrerMehrheit; beides gehöret dem tiefen breiten Boden anaus dem sieaufsteigen zur Thronspitze. Physisch hört man zwar besser in der Höhe dieTiefeaber moralisch besser in der Tiefe die Höhe; und die Hofgeheimnisseerfährt das Volk wenigstens leichter als der Hof die Volksgeheimnisse.

Zwölfter Abschnitt
Tonmesser des deutschen Tons über Fürsten

Noch ist der Ton schlecht; wenigstens schlechter als der gallische undbritische; entweder schreitet er in süßlichenauch falschen Quinten fortoder er gibt die harte Sekunde anmaßender Nähe und Rüge an. Warum? fragt man- Warumantwort' ichkann der Deutsche nicht einmal seinem VetterGevatterVater ein Werk in so gutem Tone dedizieren als irgendein Franzoseohne in jenenalten akademischen zu geratenwomit er sonst nicht den Vatersondern denLandesvater teils in Verse-Stichmenteils in Hut-Stigmen ehren wollte?

Freilich hat er den ehrlichsten und langweiligsten (Ton) von der Welt. Nochfehlt unter allen Werken der Erde das allerlangweiligstewiewohl es blattweiseumläuft; nämlich ein mittelmäßiger Oktavband gesammelter deutscherZueignungen. Wer sich ihn nur denktgerät in Schweiß; werd' er nie gesammeltder Oktavband! Der Deutsche versteht es viel leichterjedes Lob zu verdienenals eines zu geben; dem Franzosen wird sogar das Umgekehrte leichter. GanzeBände Lobredenwie von d'Alembert und noch mehr von Fontenellesind nochjetzt unsere Lust und Lehre; aber man lege einmal die Bibliothekenleiter an eineähnliche deutsche Bibliothek an! Warum nun ist der deutsche Lobredner fast solangweilig?

Einige Ursachen lassen sich sagen; denn alle gebenhieße fast die Wirkunggeben.

Der Deutsche ist redlicher als jede Nation; nur er darf die Phrase »deutschhandeln« für »gerade handeln« nehmen - »italienischfranzösischenglischirländisch handeln« bedeutet bei den Völkern selberetwas anderes -; und zugleich ist er als Volk von Natur unpoetischer als jedes.1)Kommt er nun in die Empfindung des Bewunderns: so wird siewie jedesoüberschwenglichdaß erwie die Römer vor ihren Kaiserndie Akklamationen60mal wiederholen möchte - und daß er um die Überfülle des Stoffs den Reizirgendeiner Formwelche dem Gegenstande Langeweile und Erröten ersparteganzzu ziehen versäumt. Er wünschte nurder Deutschedaß es noch etwas Höheresgäbe als »höchste Bewunderung und Verehrung und die Nachwelt«daß er nochtiefer in Ehrfurcht ersterben könnte als zu den Füßen u. s. w. Jaweil dasGefühl auf einmal kommtwenn er sich vor das Zueignungs-Pult stellt: so wirdihmso lange als er Papier und Dinte vor sich siehtglaublicher habe diesesGefühl zuerstweil ers zum ersten Male hat; und verhofftderWelt so viel Neuigkeiten zu sagen als ein Liebhaberder von seiner Geliebtenspricht. Jedes poetische Regieren über eine Empfindung setzt deren längeresAlter voraus.

Ferner ist wohl niemand gegen Höhere so höflich als ein Deutschmann seiteinigen Säkuln; wieder aus tausend langweiligen Gründenwovon hundert hiergenug sein mögen. Da der deutsche Gelehrte (besonders sonst) tiefer als derausländische von den höhern Ständen abliegt; da er sie also halb im Nebelhalb im Glanze sieht: so kennt er weder deren Sitten noch deren Werth; erschmeichelt sichmit seinem Lobe wacker zu überraschen; er setztum denLorbeerkranz für den Fürsten nicht zu klein zu flechtenihm lieber den ganzenLorbeerbaum mit steifem Stamm und hängenden Wurzeln auf den Kopf; er sagt zueinem fürstlichen Windspiel und Bärenbeißerso wie der Holländer alle HundeihrzetVous - er wünscht dem Pferddas er vorreitetetwas von der Kunstjenes altenden Trajan anzubetenum schließen zu lassenwas vollendsgeschiehtwenn der Reiter absteigt - kurz die Dedikation bückt ihn sodaß ersich nicht eher wieder aufrichtet als in der Vorredewo er (verhältnismäßig)sehr keck wird und groß.

Wenn der Franzose der Kammerdiener Europens war - sonst; denn jetzt hat ergenug zu tunwill er zu Hause nach dem Bruderkuß den frère servant vorstellen-: so war und ist der Deutsche der SchuhknechtBäckerknechtReitknechtStückknechtHausknecht noch in den meisten Städten der Erdkugel; bloß derdeutsche Boden wurde nie von Ausländern besiegtdesto mehr dessenAutochthonendie wenigen ausgenommendie aus dem höflichen Kur- oderAngelsachsen nach dem groben Angel-Land abgingen und daselbst verblieben.

Wenn viele das Sonst und das Jetzt der Franzosen tadeln - z. B. dieekel-weiche Preis-Aufgabe der französischen Akademiewelche Tugend LudwigsXIV. die größte seioder die ruchlose LeichtigkeitBonaparte zur göttlichenProvidenz oder gar vollends Robespierre zum Wiederschöpfer des Schöpfersauszurufen -: so bedenk' ich für meine Person dagegen sehrdaß sie ihreeigene Weise haben und liebennämlich schimmernde Gegensätze nicht nurzwischen Sprechen und Glaubensondern auch überallso daß sogar derbescheidenste Mann (wir haben das Beispiel) ganz leicht von ihrem Redner-Witzein Lob annimmtdas er bloß für den Bestandteil eines Einfalls und einerEinkleidung ansehen darfwenn er nur will - Und Himmelwie sind sie - dasvermag keine Delikatesse deutscher Kleinstädterei - so artig-pikantsoverbindlich-keck! Welcher Deutsche hätte wohl in der französischen Akademie sophilosophisch-kühn über Fürsten-Pflichten gesprochenda der bewunderteKaiser Joseph II. darin warals d'Alembert getan? Hätte man nicht lieber dieSchweißkur2) des Belobens demhohen Grafen von Falkenstein verordnet? Jahätte man ihn nicht garwie aufdeutschen Akademien Prinzen geschiehtzum Rector Magnificus erhoben? Oderwelche deutsche Fakultät hättewenn Heinrich IV. zu ihr am vollen Hofe gesagthätte: »Das ist der tapferste Mann des Königreichs«so kühn wie derfranzösische General versetzt: »Vous avez mentiSirec'est Vous«? WelcheFakultät (die philosophische will ich ausnehmen als eine weltweise) hätte soscheinbare Tadelbriefe an alle Großen des Reichs geschriebenwie Voituregethan? - Noch such' ich in den deutschen Kreisenz. B. im kursächsischennurdiewelche einem Swift durch das Imprimatur zuließeeine Scherz- undZank-Folie einem wahren Glanz-Lobe des Lord Sommers unterzulegen. Wirklichfoliierte Swift so vor dem Märchen von der Tonne; aber was würde ein Deutscherdazu sagennicht ein Fürstsondern ein Zensor? - Dieses gewiß: »Sovielnämlich« (brächte er vor) »hoff' er doch zu wissendaß der Respektdenein Privater Fürsten und Lords Sommers schuldig seinie erlaubevon solchenanders zu sprechen lobendgedruckt besondersals etwa so: Ew. Ew. werf' ichmich alleruntertänigst zu Füßen und ersterbe etc. etc.«

Noch ein Grund des deutschen Lang-Tons in jedem Lobe ist schon in der Vorschuleder Ästhetik angegeben. Ich zitier' ihn daher bloß; - denn endlich istsdoch zu merkendaß sogar die bloßen hundert Gründeworauf ich micheinschränken wollennicht ohne alle Langeweile aufzögen hintereinander - -und es ist derum kurz zu sprechen: »daß eben der Deutscheder wie einApostel in alle Welt gehtnie gern vor aller Welt erscheintaußer herrlichgekröntgepudertgelocktgeschminkt. Kants Biographien scheueten sichdieHerren namentlich zu nennendie bei dem Seligen mittags gegessenwas dochmeines Merkens ja nichts ist als eine wahre Ehre.« - Nur über seinen BedientenLampe wird auffallend freimütig gesprochen - als ob die sittliche Ehre einesHausdieners anders zu behandeln wäre als die eines Staatsdieners -; es ist abernoch nicht entschiedenwaswenn nicht Lampedoch seine Verwandtschaft darauftun werde.

In die alte Dessauer Kinderzeitung wurden die Namen mancher Kindereingerücktwelche die Rute oder sonst etwas verdient hatten: ich weiß abernichtob sie jetzt als Erwachsene mehr die Öffentlichkeit ertragen als andereDeutsche. Auch der Reichs-Anzeiger -: unser papiernes Regensburg - tut vieldadurchdaß er uns alle verknüpftauskundschaftetausspricht undwenn wirnicht ehrlich bezahlen wollenfrei zu nennen droht; doch wird diesefürchterliche Strafevielleicht als eine verbotene Selbsthülfeseltenvollstreckt.

Dreizehnter Abschnitt
Definition eines Zensors

Alles bisher Gesagte sei falsch: so bleibt doch wahrdaß das Zensor-Gerichteinzig in seiner Art ist. Man braucht nur zu fragen: Quis? quid? ubi? cur?quomodo? quando? quibus auxiliis? so hört man folgende Antworten:

Quiswer richtet? - In erster Instanz1)ein Menschhäufig von unbekanntem Namenwenigstens literarisch; einheimlicher Femrichter; die 70 Ältesten sind nicht die Richtersondern oft dieParteien eines Jüngsten.

Quidwas zensiert er? - Allesdas Beste und Schlimmsteer ist derRichter nicht nur der Lebendigensondern auch der Ungebornender Bücher undder Manuskripte - das Werk sei eine herrliche Wucherpflanze der Gelehrsamkeitoder ein Frucht- und Blumengarten des Genius: der trockenste Zensor kann esabmähen - ja es sei ein Giftbaumer kann es entlauben auf seine Gefahr - derProsaiker richtet den Dichterübend an der poetischen Gerechtigkeitprosaische; der rohe Sinnen-Geist richtet den tiefen Weltweisen.

Ubiwo? - Am zufälligen Druckerortauf seiner Studierstube; was erverbieteterfährt man selten; nur wenn die Türe der Zensur jemand einlässetklingelt sie. Denn da er die Gerichtsbarkeit über Hals und Hand und über Hautund Haar besitzt und folglich ebensogut verstümmeln kann als hinrichten: sokommt kein Mensch darhinterwas er abgehackt; und jede Formworin er mitHebammen-Hand den neugebornen Kopf gegründetverantwortet der Vater.

Curwarum? - Um teils das LebenBesoldungZensurgroschendavonzubringenteils für Land und Länder zu sorgen als geistiger Landrichter;teils aus andern Gründen- teils aus Furcht vor Re-Zensur.

Quomodoauf welche Weise? - Auf keine der schwersten. Er liest undsiegt; er schreibt nämlich das Imprimatur entweder teils darunterteils nichtoder er streicht bloß wie ein Regisseur ein Stück zum Aufführen. Für dasStreichen denk' ich mir zwei gute widersprechende Gründe: ein Zensor kannerstlichwie Fortius (nach Morhof) sich für seine langen Reisen die bestenBlätter aus Büchern ausrißgleichfalls so die bessern Stellen streichenumsie etwa zu behaltenwie Rousseau nur das merktewas er nicht aufschrieb. Erkann aber auch zweitens durchstreichenweil am Buche mehr ist als an ihm; -weil erder Streicherder Himmel weiß aus welcher DespotieFurchtRohheitund Einfaltsich einbildetseine Ungedanken-Striche seien Taktstriche derSphärenmusik des AllsDemarkations- und Zirkumvallations-Linien der Staatenund das Linienblatt der Zukunft werde rastriert von seiner Hand. Ist dies: sojauchz' ein Autor über jede Zeiledie man ihm erlaubt; besonders da der Staatden Zensor immer nur über das Verstattennie über das Verbieten zur Redestellt. Warum aber wird eben der Zensor nicht wieder zensiert? Warum wird seinliquor probatorius - seine sympathetische Dinte (eigentlich eineantipathetische) - nicht wieder probiert? Warum reicht er wenigstens nicht vonZeit zu Zeit zum Zensur-Kollegium ein kurzes Verzeichnis der Druckfehlereindie er hat nicht machen lassen? Warum hat jedes Kollegium eine Registraturund nur das zensierende keine?

Würde nichtkann man fragenwenigstens ein schwacher Anfang zu einersolchen Registratur von erratis oder corrigendis gemachtwenn jeder Autor dazudas Wenige aus seiner Erfahrungwas zensierend ihm ausgestrichen wordenpublizieren wollte? Gewiß wäre auf diesem Steige manches zu sammelnwas sonstverloren gingeund was doch künftigen Zensoren diensam wäre. Dies ist dieUrsachewarum ich zuweilen meine eigenen Zensoren bekannter machen wollte alssie mich; nur steh' ich noch anobwohl aus andern Gründen. Denn so hat z. B. -um nur einiges anzuführen - der sonst liberale Zensor meines in Berlingedruckten Titans - Herr v. L-tz - im ersten komischen Anhang desselbeneine Satire »Leichenpredigt auf einen Fürsten-Magen« so frevelhaft undtaubblind durchstrichendaß ich gezwungen warden in der Gift-Dinteertrunknen Aufsatz zurückzufahren auf Weimars Bodenwo ich damals lebteihnwieder durch Not- und Hülfs-Tafeln ins alte Leben zu bringen und ihn dann mitalten Gliedern aus dieser Musenstadt mittelst des »WeimarschenTaschenbuchs« in die Welt und nach Berlin zu schicken und vor den erstenZensor und vor jeden künftigen.

Niemand nahm Anstoß am Spaß; folglich war nur Herr v. L. der einzigeAnstoßder zu meiden gewesen.

Auch ist dies ein unverzeihlicher Fehler der Zensoren - hier wäre Herr v. L.wieder zu nennenwäre man weniger sanft -daß sie Striche (Streiche) machendurch das Privat-Geistes- und Publikums-Eigentum eines Manuskriptsohnenachher dem Autor oder Verleger davon ein Wort zu sagen. Himmel! ihr dürft diesnicht! Wenn durch sein Ausstreichen ein Autor klüger aufzutreten hofft: solasset ihr Maschinengötter ihn durch eures als Widerspiel erscheinen! Ihrraubet Autoren den wenigen Zusammenhangden sie noch unterhalten in ihrenWerken! - Nach den Juden wird jeder verdammtder nicht höflich ist gegenGelehrte; wie viele Zensoren werden nun selig?

Quandowann? - Im neunzehnten Säkul.

Quibus auxiliisdurch welche Hülfen? - Durch die besten Zensur-Gesetzewelche durchaus nichts erlauben »gegen StaatSittenReligion und Einzelne«;- vier Wortedie das corpus juris der Zensurnämlich dessen PandektenInstitutionenNovellen und Kodexschön befassen. Eine ähnliche moralischeHeils-Lehre und Konkordien-Formel sollte gedruckt erscheinenbloß mit denWorten: handle trefflich! - desgleichen eine so zusammenfassende Ästhetik- mit den Worten: schreibe trefflich! - Da die obigen Gesetze der Zensurdurchaus so alt sind als alles Schreiben selber: so ist bloß das einzige Neuenachzubringenwas sich auf die Anwendung derselbendie nach ÖrternZeitenMenschen wechseltbeziehtweil jede Zeit über die Verbote der vorigen lachtund weggeht.

Aber wie schwer istsder Luftreinigkeitsmesser des Luftkreises eines Säkulsund Volks zu sein! Wie genau muß ein Mensch nicht nur seine Pflichtensondernauch seine Leute kennen und besonders das Manuskript neben sich! -

Damit beschließet gegenwärtiger Verfasser die dissertatiuncula pro loco undwiederholt die Bitte um ein Zensor-Amt. Er wollte aber im vorigen Absatz zuverstehen gebendaß er sich bloß um das kleinste bewerbe; nämlich er willden Zensor-Posten nur bei seinen eignen Schriften bekleidenda er zu vielegedruckte zu lesen hatum andere geschriebene durchzugehen als die seinigen.Diesen Posten versieht erwenn er ihn ersteigtspielend nebenher unter demSchreiben der Werke selbergleichsam mit einem Gesäß zugleich auf demRichterstuhl und auf dem Geburts- und Arbeitsstuhl das Seinige tuend - Seinmoralischer Charakterder seine vielen Werke regiertist bekannter als derirgendeines Zensorswelcher noch nichts verboten hat - Man kannlässet eretwas gegen die Zensur passierenihnwie jeden andern Zensorzur Rechenschaftund Strafe ziehen - Er steht (nach bloßen Vermutungen) seinem Ämtchen besservor als jede Fakultätdie auch zensiert; denn außerdemdaß er nichts weißvon Parteilichkeit wider sichhat erda er vierteljährlich nicht mehr zuzensieren braucht als höchstens anderthalb Alphabete (Fakultäten aber so viele100)stets die Vermutung für sichdaß er das Manuskript gelesen habedas erschreibt und erlaubt - Das Fachworin der Autor arbeitetist gerade seineignesund er wird per pares gerichtetja per parem - Er kundschaftetwas einfremder Zensor schwerer kanndie feinsten Absichten und Schliche des Verfassersaus von ferne und hat ihn vielleicht ziemlich weg - Er kannwas kein fremderZensor vermagdarauf sehendaß nach dem Imprimatur nicht etwa noch Gifthinein korrigiert werde in die allgemeine Arzenei - Er haftet der Welt und derObrigkeit für seine Zensur mit einem Namender wenigstens so bekannt ist alsmancher fremder Zensors-Namender nie drei Zeilen geschriebenobwohl vieleausgestrichen.

Allerdings gelten diese Gründe auch für die meisten andern Autoren; einWerkdas sie schreibenist zugleich Vokation und examen rigorosum genugumsie beim Zensurkollegium ihres Werks anzustellen mit der bloßen Besoldung desZensiergroschens. Da hoffentlich die Zeiten nicht mehr sinddie einem Ramusverbotenseine eignen Sachen zu lesendamit er ihnen nicht etwa beifalle: soüberkommt jeder Verfasser von unsern Obern jede Freiheitsich selber zu lesen(wie man ihm denn sogar ein verbotenes Manuskript zurückgibt); und mithin kanner durch ewiges Wiederlesen recht gut findenwo er nichts taugtund sichzensieren bis zum Verbieten. Vom deutschen Reiche ist keine Einwendung gegen dasSelber-Zensieren - Selber-Rezensieren ist schlechte Nachäffung - zu besorgenda es ähnliche Verkettungen schon in seiner Konstitution heiligte. Ists dennschwererdaß ich zugleich meine Manuskripte schreibe und zensiereals daßich z. B. zugleich als deutscher Kaiser und folglich - denn ich regiere auch alsböheimischer König - als dessen Reichs-Erbschenk (bei den Goten bekannterunter dem Namen comes Scanciarumbei den Franzosen aber als Echanson) währendmeiner Krönung dastehe und handle? Denn muß ich nicht in derselben Minutewoich als Kaiser zur Tafel sitzeals Erbschenk zum Springbrunnen sprengen undeinen Silberbecher mit weiß- und rotem Weine daraus schöpfenum ihn zu Pferdedem essenden Reichs-Oberhaupt zu bringendas ich doch eben reitend selber bin?- Wenn gleichwohl jeder sich getrauetdieses Doppel-Amt des Essens und desTrinkens allein und zugleich zu verwalten - niemand bittet sich zwei Vikariendes Reichs dazu aus -: so ist nicht abzusehenwarum man nicht zugleich derRepräsentant eines Richters und eines Gerichteten sein könne.

Soll ich nun zusammenfassenwas die ganze Abhandlung meinte und suchtesoists dieses: Ihr Fürstensetzet in diesem Jahrhundert fortwas ihr so schönim Nachsommer des vorigen angefangennämlich die große Freilassung derfreigebornen Gedanken! Ihr selber gewannt schon geistig durch Geister; denn nochnie schloß in Europa ein Jahrhundert einen Fürstensaal so voll von gutenRegenten hinter sich zu als das vorige lichte. Ihrdie ihr doppelte EbenbilderGottesals Menschen und als Fürstensein wollt und solltahmet ihm in demGeschenke der moralischen Freiheit nachdas er sogar in der Hölle austeilt! -Ihr dürft weit mehrerers bestrafen als verbietenso wie nichts verbietenwasihr nicht bestraft. -

Es gibt zweierlei ganz verschiedene Güterderen Aufopferungen ihr nur aufdie Gefahr einer Umwälzung verwechseln könnt. An Gütervon welchen demStaate irgendein Teil geopfert werden mußz. B. VermögenVergnügensogarkörperliche Freiheitkönnt ihrso wie euch EinsichtGewissen und Zeitrechtfertigendie Forderung großer und kleiner Opfer machen. Aber es gibt dreiGütergleichsam drei Himmelwelche nichts sindwenn sie nicht ganzsindund aus deren vollendeten Himmelskugeln kein Demant-Splitter auszubrechenistnämlich WahrheitSittlichkeit und Kunst. Jeder fühlt sich verächtlichwenn er etwaswas er zu dieser Dreieinigkeit zähltlieber aufopfert als sich.Verordnet also schwere Opferwelche den Geber nicht schändenja ihn ehren -sogar Rekruten- und MatrosenpressenDiktaturengezwungne AnleihenKriegssteuernbritische Abgabeneinkerkernde Pest-Kordons -: ihr werdet bloßfür das personifizierte oder wiederholte Schicksal angesehenwelchem nievorzuschreiben istwie viel es nehmen kannda es doch etwas nehmen muß - dieUnterwerfung ist größere Ehre als die Widersetzung - und daher werden allediese Bürden der Welt und Zeit lang und stumm von Völkern getragen.

Nur aber komme keine zweite Last auf jene! Nur opfere man nicht wieder denGeistder Körper opfertund werfe auf den Opferaltar nicht den Opferpriesterselber! Denn dann ersteht und ergrimmt der alte Gott im Menschen und fragtwerihn herabziehen wolle; ihnder von keinem Engel und Neben-Gott Befehle annimmtweil er sagt und weiß: wodurch ich bindadurch seid ihr und der Rest.

Wie könntet ihr eine Freiheit verbietenderen Dahingebung (im Gegensatzanderer Güter) nur Schwäche verrietewie die Verteidigung nur Kraft? DennWahrheitSittlichkeit und Kunst werden sogar vor dem Schicksal behauptet undangebetetund der Mensch sagt: »Was auch Übels daraus entspringeist nichtmeinesondern des Universums Schuld.« Könnt ihr denn mächtiger fodern alsein Gott und die Welt? -

Wenn ihr aber doch mehr fodertso sind nur zweierlei Übel möglich:entweder ihr siegtoder ihr werdet besiegt. Ist das letztereso kennt ihr dieGeschichtedie alte und die neuesteund den Satzdaß die Vulkane nie mehrFeuer auswerfenals wenn langes Regenwetter sie hatte ersäufen wollen.

Aber ihr siegt gewöhnlichwenigstens für Zeiten; - d. h. wenn aus HaßJulian den Christen und die griechischen Gesetzgeber den Sklaven die Freiheitder höhern Ausbildung vorenthieltenso wird dasselbe aus eingebildeterFürsorge verordnet - Ein Volk liegt als Scheinleiche da und muß hörenwieihm die Gewalt den geistigen engen Sarg anmissetund kann kein Glied dawiderregennicht einmal die Zungeindes andre Völker vor ihm frisch ihr Lebenentwickeln und in einem Vermögen nach dem andern seine Sieger werden - ja sogareuer Lob gilt aus einem Staate nichtsdem die Freiheit des Tadels gebricht -Und noch dazu tritt irgend einmal die Zeitdie immer mit schlafendem Augeimpftplötzlich mit Blüten und Früchten ihres Reisers vor euch oder vor dieWeltund dann ists schlimmwenn man ihr bloß Dornenzweige zu entfalten gab.

Die Folge ist: ihr dürft jenen drei innern Grazien des GeistesderWahrheitSittlichkeit und Kunstnichts verbieten und verscheuchen als derenFeindinnendie drei FurienIrrtumUnkunst und Unsittlichkeit. Da sich aberdie beiden ersten nur wechselnd und erst vor der Nachwelt entpuppenentweder zu Grazien oder zu Furien: so müßt ihr ihnen die Freiheit gebenaufdie Nachwelt zu gelangen. Hingegen die dritte alleindie sittliche Grazie oderdie unsittliche Furiedürft ihr kühn richtenbloß weil die Vorweltsie schon gerichtet hat; nur über Sittlichkeit und Unsittlichkeit tönt dieerste Stimme aus dem Paradiese einstimmig mit der letzten vor dem Weltgericht.

Wollt ihr also nicht die Enge einer persönlichen Bangigkeit oder einerpersönlichen Unfehlbarkeit oder einer ästhetischen Vorliebe vor der Weltaufdecken: so gestattet allesausgenommenwas den ersten und letzten Zensorder Erdedas Gewissenverletzt. Begehrt ihr zum Mute der freiesten FreilassungFreigeborner statistisch-glückliche Muster: so leset nur aus; - wollt ihr einengrößten Staat: so erscheint Rußland - einen kriegerischen und ökonomischen:so erscheint der preußische - einen merkantilischen: so kommt Holland undEngland - einen kleinen: so Weimar und mehrere - einen vermischten: so Dänemarkund Baiern - wollt ihr einen unglücklichengeistig-seufzendendem alle Sonnender Wahrheiten nur als ein trauriges Regengestirn aufgehen: so ist es freilichetwas anders; denn es ist eben der Staatwozu keiner werden soll.

Der Himmel behüte uns immer durch euchnie aber vor euch!

So schließt die Lokal-Dissertatiunkel. Da dieses Werkchen auch geschlossenwerden muß - so gut wie jedes -so weiß ich es nicht besser zu endigen alssowie ichs anfingnämlich mit derselben Dedikation. Hebt denn nichtdieselbe Venus eine gute ordentliche Sommernacht teils anteils aufnämlichals Hesperos und als Phosphoros? Ich eigne demnach zuletzt so zufalls nichtneue Zensuren untersagen:

Gnädigster Herzog

Sobald der Verfasser die letzte Zeile geschriebennämlich seinen Namensosendet er das Werkchen nach Gotha zu Ihrer Durchlaucht hinauf. Dadasselbe nun gerade der Sache am meisten bedarfdie es behandeltnämlich derFreiheit: so wird es durch diemit welcher es von Ihnen zurückkommtdenWiderschein des Musters tragenden es braucht; diese dünneblassescharfe Mondsichelvon Büchlein wird (astronomisch zu reden) durch die gerade breite Stellungdiesie gegen Sie und die Erde zugleich nimmtsich zum vollen Lichteausbreitendas einer Zeit guttun kannüber deren Himmel man mehr als 1001Nächte hängen willund noch dazu kalte; und die stößigen Mondhörner werdensich zu einer milden Scheibe runden. Nur ihre Flecken werden dann der Phantasieschärfer den Mann in diesem Monde abschattennämlich

 

Ihrer Durchlaucht

Baireuthden 2. Dez. 1804

 

untertänigsten Jean Paul Fr. Richter.