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Groß-Piesenham

Franz Stelzhamer

Du kommst von Frankenburg her. Hast den ziemlich hohen waldigen Rückengenannt Hausruckglücklich passiert. Gerade vor dem Dorfe Feitzing brichst dudem zeitigen Küchlein gleichaus der dumpfdämmerigen Eischale des Waldeshervor in den hellensonnigen Gottestag.

Du bist im gesegneten Innviertel!

Nuund da mag ich dir’s wohl erlaubendaß duwieder dem ausgefallenenKüchlein gleicherstaunt aufschreist und ein paar zappelige Freudensprüngemachestdenn du befindest dichwie durch einen Zauberschlagjäh und aufeinmal mitten im Gebiete unserer »Lieder« und dieser »Geschichten«.

Mache nur erst deine größeren und kleineren Rundblicke!

Wenn die Hauptweide vorüberwenn du schon anfängst wählig zu werdenkeine Sorgedann bin ich auch schon zur Handum die feinen und feinerenGerichte zu servieren und zuletzt das köstliche Leckerbißchen vorzulegen.

Ganz rechtdas dort untenmitten im wogendenwallenden Feldkesseldas mitdem fast schlankenim Morgensonnenstrahl blitzenden Turmist unser PfarrdorfSchildorn. Der Turm war früher nicht so blank und nicht so schlanker hatteeine dunkelrotedickgebauchtevielleicht nicht ganz formschöne Kuppelmitder noch ganz frischen Jahreszahl 1812. Zum Gedächtnisdaß damals einjugendlichereifersvoller »Pfarrherr« (wie er sich selbst gern schrieb undnannte) dessen Renovierung veranlaßt hatte. Diese Zahl ist es auchdie inmeiner Erinnerung feststeht. Allein diese Kuppel samt dem übrigen Turm und demgeräumigen Glockenhause dazu mußte in der Zwischenzeit dem gewaltigen Streicheines Donnerkeils erliegen. Ein starkerglaubensfester Pfarrbauerder »Pörzvon Pieret«der sich alles Segensbis auf den Kindersegenzu erfreuen hattenahm bei Gelegenheit dieses Unfalles die Pfarrkinder an Kindes statt an underrichtete ihnen zum größten Teil aus seinem Säckel den gegenwärtigenschönenschlanken Turm. Den laternartigen Aufsatz deckte er mit eitelschimmerndem Glanzblechso daß jetzt die bescheidenen Schildorner weithin indie Gegend glänzen und gleißen.

Weiterhin nach links erblickst du die Turmspitzen von Waldzell und Lohnsburgzwei alteaus grauer Kirchenzeit bewährte Gotteshäuser. Die Türme deranderen zwei Grenz- und NachbarpfarreienPattigham und Eberschwangsind vonhier aus nicht sichtbar. Erstere deckt der steinige Eckelbergdie zweite einsich vorstreckender Arm des ostwärts streichenden Hausruckwaldes.

Prametdas geradeaus gelegene Filialkirchlein samt Schulewird in seinerwahrhaft reizenden Lage erst sichtbarwenn wir etwas tiefer gegen dieLandschaft werden vorgedrungen sein.

Und nunall die kleineren und größeren Ortschaften - zu beiden Seiten deslustig talablaufenden Sträßchens -liegen sie nicht da wie kluge Wanderermehr zu vermuten als zu sehenrastendbeschauendmitten im kühlen Schattenvon würzigen Obstbaumgruppenso daß Eins anstehtob es ihrer Klugheit oderihrer Empfindsamkeit den Vorzug einräumen soll!

Dein Aug’ aber - ich bemerk’ es mit Vergnügen - blickt vorzugsweise aufeinen der rastenden Wandererder dort rechts unten so gar ruhig undlanggestrecktfast süß und selig im goldigsten Mittagssonnenbade dahinliegt -sein Haupt umspielet das wogende SaatfeldArme und Leib ruhen auf schwellendenblumendurchwirkten Matten und über seine Füße rieselt kühlend diesilberklare Flut eines fast frommen Bächleins! - Jaso liegt es dameinliebesliebes Heimmein teures Groß-Piesenham!

Aber wir wollen uns das liebe Heim nicht bloß aus der Ferne besehenneinwir wollen es in nächster Nähe. Wir wollen es sogar besuchen kommen und danngehen von Haus zu Haus und uns überzeugendaß Liebe und Gastfreundschaft inkeinem fehle.

Haben wir auch nichts besonders Guteswir haben genug und nicht ebenSchlechtes: gutesd.h. echtes Roggenbrotreinenkräftigen ObstmosteinStück Selchfleisch vom gemästeten SchweineMilchfrische ButterEi inSchmalz usw. usw.und das alles gewürzt mit Freundlichkeit und Wohlwollen -Herzwas willst du mehr!

Das Dorf Groß-Piesenhamwohl nur »groß« genannt zum Unterschiede undweil es wirklich größer ist als das über »feldwegs« gelegene DörfchenKlein-Piesenhamist für die dortige Gegendwo nur großeweitgedehnteEinzelgehöfte (MeierhöfeHubenWimmen) gang und gäbe sinddoch auchwirklich ein großes Dorf.

Es zählt nämlich über dreißig Nummern.

Und die Dörflerim Bewußtsein ihrer räumlichen Grösseteilen sichselbst - und das nicht ohne Stolz gegen Auswärtigesogar unter sich - in Ober-Unter- und Mitte-Dorf. Jadieses echt deutsche Sondergelüst und Sonderbündelnging zu meiner Zeitd. i. als ich und meine zwei Brüder dort dasKnabenregiment führtensoweitdaß wir Unter- und Mitte-Dörfler-Buben gegendie etwas stärkeren Ober-Dörfler mehr als einmal in heller Kriegsflammeerloderten und uns mit »bösen Mäulern«ja mit Prügeln und Steinen in denkleinen Fäusten förmliche mörderische Bataillen lieferten. Geschah es dannauchdaß von da - oder dorther der bange Ruf einer besorgten Mutterder hellePfiff eines erbosten Vaters Waffenstillstand und zeitweiligen Frieden stiftetemorgenauf dem Heimwege von der Schule - wo nichts half -entbrannte dasKriegsfeuer gewiß wiederund das um so heftigerheißerals auch die weitesammetweiche Wiese einen so geeigneten Kampfplatz abgab.

Auch war da der allzeit brauchbare und stets dienstfertige Bachum einetwaiges Schundmal oder ein blutendes Näschen darin zu baden undsauberzuwaschen.

Ferner noch der weite Feldwegum ein gleichviel aus Zorn oder Schmerztränendes Auge bis zur Heimkunft wieder trocknen zu lassen.

Die Mütter dannwelche zu Hause längst schon mit dem fertigen Mittagmahle- doch halt! Da war ich auf schönster Fährtemir selbst in mein eigenesGebiet einzubrechenin das meiner vorhabenden Schulgeschichten nämlich; drumhalthalt! Das darf nicht seinsoll nicht geschehenso schwer es auch seinmag in diesen meinen Dorferinnerungendie so hart am benannten Gebietehinstreifenmich ganz von aller Antastung und Berührung frei und fern zuhalten.

Alleines soll sein und - ich will esich muß.

- -- Das große Dorf Groß-Piesenham also erfreut sich auch dreier Wegeumes hin und wieder auf- und niederwärts zu passieren. Mittendurch geht der nichtganz mustergültige Fahrweg und Viehweg; dann außen herum noch je einer aufbeiden Seitenein sogenannter »Fußsteig«und das im buchstäblichen Sinne;denn man hat darauf unzählige Verzäunungen (Stiegeln) und nicht viel wenigerPfützenabläufe zu übersteigen. Alleinin den unterschiedlichen Zeiten desJahres ist man einmal wegen größerer Trockenheitdas andere Mal der kühlerenoder sonnigeren Lage halber so um den einen wie um den anderen von Herzen frohund im Wandel darauf seelenvergnügt.

Und wie gut ist es erst zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung. Man hatz. B. gerade auf einen und den anderen Insassen einen kleinen »Faschee«stehtmit diesem und dem in einem augenblicklichen VerdrußZank oder Streithandel;schuldet dem SchneiderSchusterHafnerTischler etwa eine Kleinigkeit undkann oder will nicht gleich zahlen. Wie gutdaß man ihm nicht aller Tagemehrere Male an seinen Fensternseiner Werkstätte vorübergehen mußwie gutdaß man ihm auf einem der Wege ohne Auffallenheit und doch zuverlässigausweichen kann!

Jadie liebeneinfältigen Dörfler haben eben auch ihre Vorsicht undStaatsklugheit!

Wir aberdie wir uns vorderhand in keinem der zwei benannten Fälle befindenwir spazierenwie weiland die Herren Franzosenvon der Westseite her auf dembreiten Fahr- und Viehweg ins liebe Dorf hinein und hier durch und dann wiederhinaus - Wieder hinaus? Jawohllieber Leserdu bist ja ein Städterunddürfte es dirtrotz der Schönheitim Dorf doch auf die Länge nicht sehrwohlgefallennicht ganz behaglich darin vorkommen! ...

Das Haus Nr.1 zur Rechten des Sträßchens gehört zur Zeit dem TobiasWiesmaier. Ein braverrechtschaffener Mannder Tobiashat Weib und Kind undbefindet sichwie der Glaube gehtin ganz gutenerfreulichen Umständen. ImHinterhaus wohnen zwei altearme Leutchendie wirwie auch die Tobias’selbstim Verlaufe unseres Buches schon besser und genugsam kennenlernen werden.

Des Tobias Nachbar links in seinem kleinenfast in den tiefen Hohlweg davorversunkenen Häuschen ist ein armer kranker Mann; derselbeHäuselhans genanntwar noch nicht altdennoch so ergeben in sein Schicksal und in den WillenGottes - sieh! daß er eben eine dickefettgelbe »Schneckensuppe«nichtsdestoweniger emsigst aus einem verrußten Hafen hervorlöffeltwie sieihm die alte Brauersfrau in Pramet extra zugeschickt hat und weil dieselbe fürseinen Zustand so besonders gut und heilsam sein soll!

Mag es schon gewesen seinaber der gutefolgsame Hans ist doch bald daraufdes Todes verblichen.

»Eies war halt mit ihm bereits zu weit gekommen gewesensonst - «mehrwollte die Brauersfrau nicht behauptenaber ihre Schmeichler und Bewunderernickten mit ihren wackeligen Pagodenköpfen und - wußten genug.

Des gestorbenen Hans noch jungehübsche Wittib hat dann übers Jahr wiedergeheiratet und diesmal sogar den Sohn aus einem kleinen Bauerngütchen in ihrbescheidenes Ehegärtlein verpflanzen dürfen.

Der junge Besitzer hat dann das kleineschlechte Häuschen vollendsumgeworfen und hat sich ein neuesgrößeres dafür aufgebaut. Das schmaleFleckchen Lehmgrund darum hat er dicht mit jungen Baumsprößlingen besetztdiejetzt über seinem Häuschen ihre Äste und Zweige zusammenschlagenwie Einsdas sich verwundert oder entsetzt die Hände über seinem Kopf zusammenschlägt.

Der jetzigeHansjörghat auch ein ganz anderes Brustteil als der vorigeund dazu ein vortreffliches Redewerk. Wenn nur der kleinere Teil von dem wahristwas Hansjörg gelegentlich von seinen großen Handelsfahrten mitTöpfergeschirr und von seinen früheren Feldzügen als Mobilgardist zuerzählen weißso wird es auch sonst mit seiner und der Seinigen Wohlfahrt undZufriedenheit schon recht sein!?

Wir werden dem putzigen Männlein im Verlaufe unseres Buches wohl hier und dabegegnen und dann schon sehen und uns überzeugen.

Wer viel sprichtmuß viel wissen oder - viel lügensagt ein altesSprichwort.

Des Tobias anderer Nachbar in gerader Richtung dorfaufwärtsvon ihm durcheinen ziemlich hohen Zaun - jedoch ohne feindselige Bedeutung - geschieden undabgetrenntist der Besitzer des ziemlich bunt und kraus aussehendenKullmanngutesEitzinger mit Namen.

Das Gut zählt unstreitig zu den ersten und bessern im Dorfeaber in seinemAussehen in und außer Hauses möchte Eins das kaum vermuten. Es herrscht überdem Anwesen seit längerer Zeit nicht der rechte Stern. Des kleinenfast immerin guter Hoffnung gehenden Weibleins erster Mann war dem leidigen Trunk ergebenund ertrank in einer »Flachsrösse« bei einem nächtlichen Heimgange vomWirtshausenoch ehe ihn seine drei Kinder recht kannten.

Gottwar das ein Jammer! - Dann dieses jetzigen Mannes Glück und Segenwieschon gesagtverwandelte sich an seinem Eheweib wieder nur in lauter -Kindersegen.

Wo man bei Kullmann hinblickte oder hinkamwimmelte es: in der Stube vonKindernim Hofraum von aller Art Hausgetierum das Haus von allerlei Gerätund Untat. Desungeachtet war der Kullmann ein stets wohlaufgelegter MannvollSpaß und Schalkheit mit seinen und anderen Leuten. Dabei war der Kullmannduldsam und nachsichtig mit dem Gebaren der jüngeren Generationwas wohl dieUrsache sein mochtedaß an schönen Sommerabenden seine »Sonnbank« unter dem»Schrott« und Dachvorsprung vor allen andern im Dorfe gern besucht und vollbesetzt war.

Wieviel von diesem Besuch etwa auf Rechnung seiner damals eben frisch undüppig heranblühenden Stieftochter Maria kamweiß ich nicht wohl zu sagen.Ich war leider zur Zeitvon der ich erzählenoch viel zu klein undunverständigum solches zu beurteilen und zu entscheiden. Daß mit aber trotzmeines kindischen Unverstandes die schwellende Tochter und das eine stetsgeschwollene Bein des Vaters doch nicht ganz einerlei warenmuß ich aus einemAkt boshaften Mutwillens abnehmenindem ich einmal auf Marie zu unserer allerBelustigung eine Satire in Form eines Rätsels gezeichnet hatteauf des VatersDickfuß aber keine!

Die gute schöne Marie war aber auch nicht glücklichund fiel sie auchnichtwie ihr unseliger Vaterin eine »Flachsrösse«so tat sie doch einenFall und verfiel einem früheren Tode.

Wüßt ich den Vorgang besser und ausführlicheres wäre gewiß eineGeschichteebenso rührend als lehrreichaber ich weiß sie nicht.

Wie ich später einmal schon auf Studentenferien nach Hause gekommen warwarMarie gestorben und ein weißhaariger Bursche vom Oberdorfsonst dieFröhlichkeit selberwar still und traurig geworden. Er warwenngleich derErstgeboreneseines väterlichen Anrechts verlustig erklärt und mußte späterals armer Löhner im nahen Kohlenschacht schwereniedrige Arbeit verrichten.

Wenn er aber öfter recht ermüdet am Samstag abends von der Grube nachseinem gemieteten Kämmerchen zurückgingbegegnete ihm wie zufällig auf demKieswege am Ellbrunnen ein junges Mädchen mit brennend schwarzen Augenaberebenso weißhaarigwie er selbst einst gewesen war. Mit diesem seltsamenMischling von Mädchen sprach er ein Weilchensteckte manchmal etwasÜbergebenes schnell und scheu in seine Brusttascheging dann sanft undstillächelnd von dannen und trug sein hartes Geschick ohne Murren und Wehklagen.

Kullmanns nächster Nachbarwieder nach aufwärtsist der Rohrbauer mit demsonderbaren Geschlechtsnamen - Schuldenzucker oder Schusterzucker -er wußtedas selbst nicht recht. Der Rohrbauerein Bäuerlein von kaum mittlerer Größenach außenalso im Innern notgedrungen von knappster Wirtschaft und äußersterSparsamkeit.

Die Leutchenbereits alt und verbrauchthaben erwachsene Kinderaber altund jung sind völlig ohne Ansehen und Beliebtheit im Dorf.

Die ganze Familiedie alte Bäurin ausgenommenist mit dem Erbübel deshäßlichen Plattfußes behaftetdie eine Tochter noch überdies mit Blödsinnund einem hornartigen Auswuchs an der Stirneeinem Dingnicht weniger zueigenem als fremdem Anstoßvorzüglich für mutwillige Kinder.

Achdas arme »Klarl« (Klara) hatte viel zu leidenwenn sie soirrwischartig dahinschwankte oder am Bach und Brunnen hantierte!

Aber den beim gähen Anblick fast unwillkürlich losbrechenden Mutwillendämpfte stets ein geheimes Grauen - kein Wunder! Denn man munkelte - achwerkann gegen den Volksglauben -die plattfüßigen Leutewenigstens gewiß alleweiblichen solchenmüßten nachts Drudendienst verrichten! Und die Drudedasmuß ich sagendie stand damals und steht noch bei den Leuten unserer Gegend infestemhochgefürchtetem Ansehen!

Das arme Klarlwahrscheinlich geblendet von ihrem Stirngewächs und mitihren unbehilflichen Platten schon am hellen Tage nur mühsam seine Wegewandelndsollte gar noch als Drude zu nächtlichen Wanderungen verdammt sein -0 du unbarmherziges Schicksal im Gehirn des abergläubischen Volkes!

Anderseits aberwie schon bemerktkam Klaren dieser Wahn auch gut zustattener schützte sie nämlich vor tausend Neckereien - wer sollte sich miteiner Drude ernstlich überwerfen und verfeinden? - Und die Unglücklichepilgerte wie jedes Anderefernerhin völlig unangefochtenihren engbegrenztenLebenspfad.

Der alte Rohrbauervon dem der unselige Plattfuß und ein eigentümlicheswirklich unheimliches »Geschau« herstammte und aberbteward auch allgemeinder Unredlichkeit auf dem Felde und Wiesgrund geziehen. - Es hießerschmälere allenthalben mit seinem Pfluge die Ackerraineja verrücke sogar zumNachteile des Angrenzers die Marksteine. Diese Untat - beiher gesagt - wird abervon unserem Landmann als eine so schwere Sünde bezeichnetdaß sie derunglückliche Begeher im Leben gar nicht abzubüßen imstande seisonderndessen arme Seele müßte nach dem leiblichen Ableben so lange an demverrückten Mark weilen und leidenbis jemand durch Wiederzurechtrichtung desSteines sie von ihrer Qual erlöse.

Sein SohnMichaeldem der Alte endlich das Gut übergeben hattebis aufseinen Plattfuß ein völlig untadelhafter junger Mannmußte sich später dochauch wieder so weit verfehlen und um der Leute gute Meinung bringendaß ereinmalweiß Gott aus welcher Ursacheseinen alten Vater mit Fäusten schlugso sehr schlugdaß wir Kinder wie die großen Leute noch am Samstag abendalswir um das Kornfeld beten gingendes Alten Gesicht ganz blau und blutrünstiggesehen haben.

Ich erinnerte michweil ich damals der Schule schon fleißig lerntebeimAnblick des geschändeten Antlitzes einer drohenden Bibelstelle für diesen Fallund konnte vor innerem Schauder um das ganze Kornfeld keine recht andächtigeSammlung gewinnen.

Später kam von anderswoher eine jungefrische Bäurin ins Hausdie mitihren äußerst angenehmeneinschmeichelnden Manieren vieles darum und darinänderte und ebnete. An ihren zahlreichen Kindernwovon ein paar Töchter sehrschön geworden sindist auch der fatale Plattfuß wieder zum großen Teilverschwunden. Ein Abkömmling von ihrder seitdem auch schon wieder das Gutüberkommen hattekonnte sich sogar entschließensein väterliches Erbe zuvertauschenvon Haus und Hof zu scheiden und aus dem Unterdorf ins obere auszuwandern.

Dort gründete er nun als neues Haupt eine neue Familie. Das Rohrbauergut istebenfalls von Grund auf neu bepflanztaber ich weiß nichts mehr davon.

Durch eine kleine Wiesfläche mit etlichen Obstbäumen geschiedenbeginntdas Gebiet des altenwabbligen Tischlerbauers. Mit dem Worte »wabblig« und»wabbeln« bezeichnet unser Volk den Naturfehler des schnell und stoßweiseSprechens. Dabei geschieht es gemeiniglichdaß der mit diesem Fehler Behafteteein oder mehrere Wörter zwei-dreimal hintereinander sprichtjedoch soschnell und gestoßendaß ihn der Hörer noch vielmals nicht recht verstehenkannwas oft zu den drolligsten Verdrehungen und MißverständnissenVeranlassung gibt. Leider muß solche dann wieder der ohnehin Unglücklichetragenzur Bestätigung des Sprichwortes: Wer den Schaden hathat das Gespöttauch.

Dieser Fehlerdaneben die bedeutende Ungleichheit der Jahre zwischen»Poldl« und seiner stattlichen Bäurin Barbaraließen eben auch keinbesonders segensreiches und erfreuliches Einvernehmen zwischen den beidenEhehälften gedeihen und aufkommen. Damit aber ist nicht gesagtdaß sie sichbeständig in den Haaren gelegen; neines gab im Gegenteil oft langhin rechtstillefriedliche Zeitenwo man kein ungeschaffenes Wort vernahmweder ausPoldls noch aus Barbaras Munde. Freilich glichen diese Zeiten wohl mehr jenengrauen Herbsttagenwo zwar kein krachendes Donnerwetter ausbrichtaber auchkeine Minute lieblichen Sonnenscheines die hinwelkende Erde erfreut.

Zudem hatte Frau Barbara längst schon ihre Zuflucht zur Geistlichkeitgenommen und befliß sich in Mienen und Gebärdenin Wort und Wandelgrößtmöglicher Gerechtigkeit.

Die böse Welt aber wollt’ ihr’s nicht recht glauben und die wenigendieihr’s glaubtenmeinten: Die Tischlerin möge nur schön fromm sein jetzt undihren großen Jugendfehler in etwas abbüßen!

Eider Jugendfehler war freilich da ... ein munteres Knäbleindas ebenjetzt schulgehen anfingund zu dem der alte Poldl Vaterstelle vertrat.

Der Bube war des Alten herzinnige Freude; nicht nurdaß er demselben seinenNamenKozenbergerschenkte und ihn also zu seinem rechtmäßigen Erben machteso erlaubte er ihm auch allerlei Unarten und Possenals da warenden Vatertüchtig am grauen Kopf zu schüttelnam Ohr und an der Nase zu zerren u. dgl.über des Buben Schalkheitvorzüglich aber über dessen dabei bewiesene Kraftund Stärke konnte dann Poldl in die aufrichtigstelauteste Fröhlichkeitgeraten. Wenn dem Alten gleichwohl dabei nicht selten die Augen ein wenig vorSchmerz bricheltenkonnte auch Frau Barbara eines geheimen Schmunzelns sichnicht erwehren. Gleich nachher mußte sie freilich nach ihrer geistlichenWeisung so dem Jungen wie dem Alten eine kurze Strafpredigt nebst einereindringlichen Sittenlehre angedeihen lassen.

»Du alter Narrmachst aus dem Jungen einen rechten Bösewicht!« schaltsiesich zum Bösetun zwingend.

»Tut nixtut nix -«lachte Poldl - »hat eine fromme MutterMutterdiefür ihn betenbeten und mit ihren Predigten den Bösewicht wieder bekehrenbekehren kann!«

So korrespondierten dann die Gatten ein Weilchen fort.

War aber das all dergleichen gänzlich unnötig. Der Bube war nämlich vonNatur aus gar nicht bös geartetnur durch des Alten Gewährung und läppischeNachsicht zuweilen ein wenig mutwillig. Doch auch darüber hat spätere Einsichtund seine gute Natur den Obsieg davongetragen. Es ist ein guterherrlicherMensch aus ihm geworden.

Poldl ist mittlerweile gestorben und auch seine schöne Bäuerintrotz ihrerJugendhat ihn nicht sonderlich lang überlebt.

Der Junge hat noch bei Lebzeiten der Mutter das Gut übernommen undgeheiratet.

Und siehe dawer ist bald darauf angekommen?

Achsein Vatersein rechterwirklicher Vaterder einst verwegeneAusreißer und langjährige Landesflüchtlingder vielbeseufzteFelixen-Hansjörg! - Aber wie ist er gekommen? - Acharmblutarmja noch mehrals arm:

höchst elend und bedauerlich ist er gekommenam halben Leibe gelähmthalbtot!

Die Mutter mochte sich freilich entsetzt haben über solch schrecklicheVeränderung ihres weiland Herzgeliebten. - Hasieh dortdie Wiesen hinabstäubt er - hinter ihm die fluchenden Schergen und wütend bissige Hunde. -Blut fließt so da als dort. Aber er entreißt sichentkommt! - So stand seinBild nachleuchtend vor ihrer Seele. Achund jetzt dieser Elende! dieseJammergestalt! - Es mag dieses Entsetzen auch ihr Herz gebrochen und bald daraufstillestehn gemacht haben! Aber der gute Sohn nahm den unglücklichen Vater aufmit offenen Armennährt ihnatzt und putzt ihnstopft ihm die Pfeife undläßt ihn als altesgeschwächtes Kind unter seinen eigenen kleinen Kindernschalten und waltenweben und leben»so lange es Gott gefällt!«

Des braven Tischlerbauers schnurgerades vis-a-vis drüber der Gasse ist derkleine Schuster Jonikl.

Der Schuster hat erst vor kurzem sein alteseingesunkenes Haus ganzniederreißen und sich aus klingtrockenen Baumstämmen vom gravitätischenPatichamer Zimmermeister und von seinen ditto ernsthaften Gesellen ein neuesfrisches aufsetzen lassen.

Das neue Haus hebt sich nun in seiner blanken Holzhelle recht artig ab vondem dunklen Hintergrund der dicht mit Bäumen besetzten Hausleiten.

Das Fenster vor seiner »Schuhbrück« - so heißt bei uns sein und allerSchuhmacher Werkstätte - hat er sich des besseren Lichtes wegen als die anderngrößer machenund an die Balken - bei uns »Liendel« genannt - hat sich derMeister seine Handwerkszeichen: LeistenSchuh und Stiefel von unseremkunstreichen DorfschreinerJohann Ludwiganmalen lassenwas uns Kindern derNeuheit wegen ganz außerordentlich wohlgefiel.

Interessante Leute waren noch im alten Hause die Bewohner desHinterstübchens gewesen: ein uralter Mann in einer fast endlos lang schößigendunklen »Tuchjoppe«dafür aber so kurzen Kniehosen aus Lederdaßwenn eran den Hüftteilen nebst Umgebung nur noch etwas zu verlieren gehabt hätteeres unzweifelhaft müßte verloren haben!

So meinten nämlich wir Kinderweil damals gerade die in denSchneiderjournalen denkwürdige Kleiderrevolution eingebrochen kamwo sichplötzlichwie auf ein tyrannisches Machtgebotbei Männlich und Weiblich dieTaille fast bis unter die Achseln verkürzen und dafür der ganze Unterleib umebensoviel verlängern mußte.

Diese Revolution hat aber mein guter Alter im düsteren Hinterstübchen nichtmehr überleben könnendaher ich auch nichts eigentlich Faktisches von ihmerzählen kann. Aber es ist das schadesehr schade - für mein Buch nämlich -denn ich weißdaß von dem Alten etwas wie ein vergessenes Schauermärchen inder dunkelsten Tiefe meines Gedächtnisses begraben liegt.

Er hat etwas getan
So schwer wie Leben und Tod
Doch weiß ich nicht mehrwann
An wemwie und wo!

Jonikls altes sowie auch wieder das neue Haus litten aber an einem für ihnebenso fatalen als für uns Kinder lustigen Erdübel. Es brach nämlich oftplötzlichwenn auch die schönste trockenste Witterung herrschtein demHintergemachebei uns schlechtweg »Kammer« genannt und bestimmtin seinenkühleren Räumenbesonders in dem kleinenausgemauerten Kellerchendas sichgleichfalls gerne darin vorfandden Küchenbedarf und all und jeglichwas mehrKühle und Ruhe brauchtdaselbst zu bergen und aufzubewahren - in dieser Kammeralso brach öfter plötzlichwie durch einen bösen Zaubereine mächtigeQuelle von schmutzigemgelblichgrauem Wasser hervor.

Dieses tückische Wassereh’ sie ihm dann im neuen Haus einen stetsoffenen Abzugskanal gewährtenhatte den armen Meister Jonikl mitsamt seinenHabseligkeiten oft förmlich inundiert. Dafür denke man sich aber die Freudeder stets zahlreichen Dorfjugenddie nun jählings mitten im Orte einlebendiges Bächlein hattein welchem sie herumplätschern und sich nachHerzenslust bespritzen und besudeln konnte!

Alleinjäh wieder einmal - da half weder unser Betrübnis noch JoniklsFrohlocken - wie der geheimnisvolle »Fluß« gekommenso war er auch wiederverschwunden. - Ganz heimlich hielten es die Dorfleutevielleicht auch dieSchusterischen selbstfür eine Strafe Gottesweil im Hause öfter vielärgerlich Ding passiertedazu jederzeit auch sündhaft stark geflucht wurde.

Mag sein: Gott straft die Sündedas ist gewißund fragt uns niemals -wie?

Durch einen ziemlich hohen Zaun getrenntund zwar ohne der gewöhnlichennachbarlichen Verbindungder »Stiegel« - was beinah’ auf das nicht besteVerhältnis schließen läßt - steht auf einer kleinen Erdblähung mittiefgrünersamtweicher Grasdeckedie ein kleiner Wald von Zwetschkenbäumenund ein hohersonderlich überhangender Apfelbaum beschatten- da steht obereiner gut geländerten Stiege als Auf- und Zugang dazu das altestarkgebräunteaber sauber getäfelte sogenannte freieigene Sieben- oderSiebengütlhaus. - Du Hausso klein und unansehnlichund dochwelche Fülleder schönsten und edelsten Erinnerungen birgst du für den Schreiber dieserZeilen! - Das Warum muß ich mir aber als besonders guten Schlußstein für dasEnde dieser Schilderung aufsparenwas mir der gütige Leser wohl auch erlaubenwird.

Des Siebengütlers anderer Nachbar vorwärts ist der Halbsöldnergenanntzum »Andrämann«.

Dieses Haus ist mir wieder darum so besonders merkwürdigweil es mir meineersten zwei großenerschütternden Lebens- oder vielmehr Erinnerungs-Momentegeliefert hat.

Es muß meiner Erinnerung nach Herbstvielleicht schon Spätherbst gewesensein - ich und Andrämanns Röschen waren allein in ihrer Stube. Weiß Gottwasunsere Mütterzwei besonders gute Freundinnenbeide außer Hauswahrscheinlich auch zusammenmußten zu tun gehabt habendaß sie unsmichund Röschenzusammengegeben hattenum uns gegenseitig die Zeit zu vertreiben?

Röschen und ich waren in völlig gleichem Alter. Wir konnten bereits lesenund lasen auchdie Köpfe zusammengestecktaus einem Geschichtenbuche. Ichweiß sogar noch den Titel der kleinen Erzählungdie wir gelesen hattenerhieß: »Der sparsame Mann« und die Geschichte machte auf mich einen bleibendenEindruck.

Der »sparsame Mann« nämlichder aber von seinen Nachbarnweil er nichtwie sie bei jeder Gelegenheit großtat und verwarffür filzig und knauserigverschrien warschenkte einem sammelnden Abbrändler mehr als das Doppeltewasdieser von jedem andern erhalten hatte.

Als der Beschenkte darauf nach der Danksagung dem edlen Geber seineVerwunderung darüber ausdrückte - hörewas sprach der sparsame Mann mitfreundlichem Lächeln! Er sprach: »Weil ich in guter Zeit sparsamer bin alsmeine lustigen Nachbarneben darum kann ich in schlimmen Tagen mehr leiden undleisten als sie. Gott befohlen!«

Dann arbeitete er wieder schwer und angestrengt wie ein gedungener Löhnermitten unter seinen Knechten und Mägden.

Nach der Lesung aßen Röschen und ich dann gute »Rohrnudeln«in Milcheingetunktund waren heut überhaupt recht froh und friedlich miteinander. Ichbetone es darumweil es sonst gerade nicht immer der Fall war. So erinnere ichmich nämlich ganz gutdaß ich vor nicht gar langer Zeit demselben Röschenmit meiner kleinen Faust eben nicht auf das sanfteste ins Gesicht gefahren war.Hatte mir aber auch das böse Dirnchen einen bereits angebissenen Apfel so mirnichts dir nichts vom Munde weg entreißen und abringen wollen.

»Wartedu Ziefer!« und damit hatte sie Eins. Wurde wohl ein wenig geflenntund geschrienund damit sie wieder aufhöre und still seibekam das böseMädchen auch meinen Apfel. Aber heutewie gesagtvertrugen wir uns rechtfriedlich und taten fast liebreich miteinander.

Und siehe! Nach einem so schönen Kindernachmittag in Röschens Haus undStubewas geschieht nachts noch an demselben Tage in eben demselben Hause?

Ach hilfdu liebergrundgütiger Himmelhilfhilf!

»FeuerFeuer!« gellt und zetert es plötzlich auf der bereits totstillenGasse. Und als wir die Augen und Läden aufreißensteht Andrämanns Haus inhellerlohender Flamme.

Der Wind trägt auch gerade gegen unser eigenes Haus einen Hagel von Funkenund Brändendaß wir nur alle schnellmöglichst auslaufen mögen mit vollen»Schaffeln«Zubern und Ampernum uns selber zu retten.

Gut war’s für den ersten Augenblickdaß zwischen uns und Andrämanns dieziemlich breite Bointwiese lag und besondersdaß die mächtigenvor unseremHause stehenden Birnbäume noch einiges Laub aufhatten und so den furchtbarenGluthagel etwas abhielten.

»FeuerFeuer!« ertönt indes noch immer zur Ermunterung der bereitsSchlafenden der widerlichemarkdurchschauernde Angstschrei. - Schwarzeringende Gestalten rennen um die prasselnde Flamme. In einer derselben erkenneich deutlich Röschendas kleineerst nachmittag noch so glücklicheliebelustige Röschen. - Ich wollte ihm in meiner Angst rufen oder zu Hilfe kommen -horchda erschallt die Stimme des Vatersder bereits mit einem schweren Zuberdas Dach erstiegen hatte.

»Buben!« - rief er und sein Ruf war wieder so grelltönendsoerschreckendwie ich solchen noch nie vom Vater gehört hatte - »Buben!« -rief er - »lauft einer schnell zu Bruder Jakober soll mir zu Hilfe eilenwirbrennen sonst auch mit ab.«

»Marie!« - erscholl es nach einer andern Seiteund der Ruf klang fast nochschrecklicher - »Mariejage das Vieh aus den Ställen und packe die besserenSachen in die Leintücherich kann das Feuer nicht mehr abwehren!«

So rief der Vater voll Angst; da schoß ich auch von dannendamit diegrößeren Brüder dem Vater helfen und Wasser zureichen könnten.

Ich schoß jetztselber bedrohtan dem ringenden Röschen und an demFeuermeer unaufhaltsam vorüberschnurstracks zu Vetter Jakobdem großengewaltigen »Dimmel«. Aber der Vetter schoß ebenso schnell an mir und allemvorüberum uns ungerufen beizuspringen.

Nuund dazu war der Dimmel der Mann! Ganze Waschzuber und Bottiche vollWasser strömte er mit seiner Riesenstärke und Größe erst über den längsder Hauswand aufgeschichteten Wid- und Holzscheiterstoßder bereits hie und dazu »glosen« angefangen hattedann aber tat er seine Wunder auf der Dachung.Als wäre ein jäher Platzregen im Niedergehenso goß und stürzte es von denRinnen.

Nachbar Schusterden unser Haus decktekam inzwischen auch anhergestiegenmehrere aus dem Unterdorf herbeigeeilte Mägde und Weiber versahen diegießenden Männer fleißig und reichlich mit Wasser und so war endlich fürunser Haus und Eigentum die Gefahr bewältigt.

Als Vetter Jakob vom Dache hernieder diese tröstliche Versicherung von sichgabzugleich der Mutterseiner allzeit geliebten Schwägerinvom fernerenEinpacken ernstlich abrietda wagte auch ich wieder den ersten freien Atemzugund getraute mir zugleich auch den ersten eigentlichen Hinblick in die wildefessellose Flamme.

Hodie hatte bereits das Schindeldachdas Sparr- und Lattenwerk vollkommenverzehrt. Dadurch wie gestärkt und ermutigtversuchte sie nun an dem gröberenGebälkan First- und Tragbäumen ihre verheerende Wut. Wie zum Hohne derHilfeleistenden und Wehrenden züngelte sie aus allen FensternWandlöchern undLuken hervorkrachte dazu und schnalzteknisterte und prasselte in wahrsterwildester Zerstörungslust -

»Denn die Elemente hassen

Das Gebild' von Menschenhand.«

In noch weit größerer Gefahr als wir befanden sich wegen ihrer fastungetrennten Nähe die beiden Hafner und genossennebst der angestrengtestenaufopferndsten Hi1feleistungnur den Vorteil des glücklicherweise abgekehrtblasenden Windes.

Aber trotzdem wär' es vielleicht um sie und dann um das ganze mittlere Dorfgeschehen gewesenwenn nicht plötzlich eine andereneueausgiebigere Hilfeangekommen wäre.

Diese neuemächtige Hilfe war nicht etwawie Einsund das mit Rechtmeinen möchteeine tüchtige Feuerspritze oder ein anderer natürlicherguterund sicherer Flammendämpfer - Gottnein - und Hut ab! - es war der geistlicheHerr von Prametselbst angetan mit festlich kirchlichem Ornat und mit demSanktissimum im rotsamtenenmit goldenen Borten und Fransen besetztenMäntelchen - der war's!

Das Hochwürdigste in dieser würdigen Umhüllung erhob der fromme Gottesmannhoch über sein ehrwürdiges Haupt und schwenkte es dreimal gegen die wildeFlamme und besprach sie mit lautemkräftigem Spruch. Und siehe dadie rasendeFlammedie just zuvor noch mit hundert Armen um sich gegriffen und alleserrafft hattezog augenblicklich diese Arme bescheidentlich an sichgipfeltesich hoch über dem Dachfirst als eine schöne Spitzsäule gen Himmel und ließsich gleich darauf von unten fast willig bewältigen und zähmen.

Die Leutedie andächtig auf den Knien lagensahen alles mit staunendengroß verwunderten Augen und würden es noch heutewo es nötig wäregern undmit dem schwersten Eide bekräftigen und erhärten.

Der geistliche Herr verweilte noch geraume Zeit in stillem Gebete. Dann abersprach er mit den Leutentröstete vor allem die Schwergetroffenenermahntedie Hilfreichen zu christlicher Geduld und Ausdauer in Bekämpfung und Bewachungdes Feuers und dann entfernte er sich wiederwie er gekommenstill undgeräuschlos durch die stockdunkle Nacht dahin.

Das ist der eingangs erwähnten zwei großenerschütternden Momente einesaber der Zeit nach nicht das erste.

Was mich innerlich bedrängt und bestimmt haben magdie chronologischeOrdnung zu verlassen und das spätere früher zu erzählendas mag mir Einersagenich selbst weiß es nicht.

Sollte die lebhaftere Erinnerung an diesesweil ich schon etwas größermein Herz des bleibenden Eindrucks schon fähiger - oder sollte das Andenken anRöschenmeine vielliebe Jugendgespielingewagt habensich fast ungebührlichvorzudrängenoder -?

Dies oder dasgleichviel! Der liebe Leserum dessentwillen esaufgeschrieben wirdhat nur eine andere Perspektiveaber nichts verloren.

Es mußte gleich nach oder noch während des letzten großenaber für unsschon siegreichen Franzosenkrieges gewesen seinals auf einmal ins Dorf dasGerede kam: »In der Birg« - einem ganz in der Waldung versteckten großenBauerngehöfte - seien mehrere feindliche Soldaten - was weiß ich - DeserteursMarodeurs oder wirkliches RaubgesindelgenugFranzosenFeinde! Die seien dorteingebrochen und säßen und wären bei Fraß und Suffden sie dem »Birger«abgenötigtganz guter Dinge.

Diese Rede ging im Dorf.

Hansauch der »damische«d. i. ungestüme Hans genanntvon wegen seinesleicht entzündlichen und dann in furchtbarer Gewalttätigkeit aufloderndenJähzornes so genanntHansder Kleinsöldner Andrämannhörte auch dieseRede.

Ein Weilchen schwieg er stillals er es gehört hatteaber seine tiefenkleinen Augen fingen an zu funkelnund die Stirnader schwoll fingerdick gegendie Nasenwurzel nieder. Darauf ballte er die rechte Faust und indem er siedrohend gegen »die Birg« hinauf schwangrief er:

»Freuts enkös walscheten Hund!«

Wieder nicht langerannte er mit seiner geladenen Hausbüchse durch das Dorfund nötigte noch etliche Männerwahrscheinlich mit Drohung und Gewaltdaßsie mit ihm gingen und ihm »die walscheten Hund in der Birg erschlagen helfenmöchten«.

»Wenn sie nur bei ihm wären«- des besseren Ansehensder größerenBedrohlichkeit wegen - »machen wollte schon er allein!«
Zu dieser Rede dann die illustrierende Pantomime und die Männer getrauten sichkeine Widerredekeine abschlägige Antwort.

So ging bei einbrechender Dämmerung der Zug nach der Birg.

Die Burschen aberdie Franzosen meine ichwaren klug gewesen. DieFensterläden nach der Gassedaß niemand in die Stube sehen konntehatten siezugezogenTür und Tor gut verschlossen und verriegelt.

Hansals er das so vorfandwollte schon wieder ergrimmen und einenschnellen Sturmlauf gegen einen der Torflügel odernoch bessergegen die alteHaustür wagen.

- »Krachenbrechen und weichen muß etwas!« meinte Hans; wäre sicherlichauch so geschehenaber die Andern ließen ihm’s nicht gelten.

Einerwohl gewiß nicht der Tapfersteaber der KlügsteSchlaueste vonihnenriet Ruhegänzliches Stillsein und Achtsamkeit nach allen Ausgängen.Er wolle indes horchen und lauschenob doch die Franzosen wirklich in der Stubewären und noch von ihrer Anwesenheit nichts gemerkt hätten.

Wie eine Katzesachte und auf leisesten Pfotenschlich er von einem Fensterzum andern. Hadurch eines traf ihn ein dünner Lichtstrahl.

Genugwo Licht herauskann es auch hinein!

Und da war’s wieder seine Katzennaturdie beliebig die Pupillen zu dehnenund zuzuspitzen vermagso daß er alsbald ganz gut durch den kleinen Spalt indie Stube sehen konnte.

Dann den Kopf gegen Hansender ihm aus Ungeduld am nächsten warzurückbiegendlispelte er:

»Sind richtig drinnen! Aber mir scheintsie haben schon Winddenn sieschweigen und winken einander mit den Augen. - Machen wir uns lieber aus demStaub!« Das war für Hansen das rechte Wort.

Wie ein gewaltiger Stoßgeier fuhr er auf die elende Katzepackte sie amhaarigen Kragendaß die Fußwurzeln vom Boden wegschnelltenund rannte damitals mit einem willkommenen Keil oder Mauerbrecher gegen die altemorscheHaustür.

»Da mach dich aus dem Staub!« grollte Hans mit zorngepreßter Stimme undstieß ihn einige Male so ungestüm kräftig gegen das Gebälkedaß eskrachend aus dem Gefüge wich und Trümmer und Mauerbrecher nach innen flogen.

Hojetzt wurd’ es aber auch in der Stube lebendig!

Was beweglich warStühleVorbänkeTisch und Schränkehörte man zurVerbarrikadierung gegen die Stubentür wandern.

»Aufgemachtgutwillig oder - !« schrie Hans mit schrecklicher Stimme undstieß dazu mit seinem Gewehrkolben an die Tür.

Nichts antwortete. Im Gegenteil - die Barrikade innen mußte fertig und gutsein - es herrschte wieder erwartungsvolletiefste Stille.

»Ich will euch gleich lebendig machen!« schrie Hans wiederund mit einemdonnernden Knall fuhr seine Kugel durch die obere Türtafel.

Aber in demselben Augenblicke antworteten auch schon mit noch entsetzlicheremKnall etliche Kugeln durch die Tür herausund - O weh! Hans wankte.

Die andern hatten sich klüglich beidseitig der Tür durch die Wand salviert.

»Getroffen!« stöhnte Hans und taumelte gegen die zertrümmerte Haustürdurch die seine Begleiter bereits Reißaus genommen hatten.

»Getroffen!« stöhnte Hans noch oft und immer schmerzlicherbis erblutgetränkt die tiefer gelegene Wiese erreichtewo seine Gesellenhintereinem dichten Erlgebüsch verstecktdenn doch seiner gewartet hatten.

Sie brachten Hansen auch glücklichd.h. noch lebendzu den jammerndenSeinen nach Hause. Hans lebte sogar noch einige qualvolle Tagean welchen ebenwir Kinder zwischen den größeren Leutenzu recht innigem Entsetzenuns auchan sein Schmerzenlager drängten; dann aber starb er an innerem Brand.Andrämanns Barbarader Mutter unglückliche Freundinwar WitweKleinröschendie meineeine arme Waise! - -Alleinim Dorfe und auf derbäuerlichen Landschaft verdirbt man selbst durch so großeeinschneidendeUnglücke doch nicht.

Das Getroffene nimmt es als Schickung Gottesweint und schluchzt sich wackerausträgt inniges innerliches Leid und strenge äußere Trauerbetet undbittet die Mittrauernden und Tröstenden um ihr heilsames Gebet; der gestörteMagen verlangt allmählich wieder sein Speisedeputat; der Hausbedarf fordertunerläßlich geschäftige Regung und -

»ZeitGebet und Arbeit
Lindert jedes Herzeleid.«

Andrämanns Barbara bekam erst durch die Mithilfe der ganzen Nachbarschaftwieder ein neuesviel schöneres Haus und dannweil sie noch in gutemrührigem Alter standauch einen neuen Eheherrnder ganz das Widerspiel vonihrem ungestümen Hansein gar stillersanfter und fast hübscher Mann war.

Röschen hatte gleich nach dem Brand eine »Göten« (Patin) zu sichgenommen. Dort erwuchs sie in kurzem zur schönenstattlichen Jungfraudiemichden Studentennoch immer freundlich anlächelte und gern vorübergehensah.

Allein der Student hatte damals schon über seine Bücher hinaus einem - wieer meinte - noch viel schöneren Stadtjungfräulein in die Augen geblickt undhatte für Röschens Freundlichkeit gar kein rechtes Verständnis mehr.

So wächst sich der Wald zusammen
So auseinander der Sinn
Und Mancheswas man verloren
Verwandelt sich in Gewinn.

Des Andrämanns nächste Nachbarnwie schon gesagtwaren die beiden Hafnerder Stolz-d. i. Hoch- oder Höhen- und der Bruckhafnerso genannt von demhinter ihm herauflaufendengebruckten Hohlwegdie Melhartbauern-Reihe oder -Reibe geheißen.

Die beiden Häuschen samt Gerechtsamen besaß damals ein und dieselbeFamiliealt und jung.

Jakobder Sohnein haspeliger Bursche von wenig Befähigung und nochweniger Geschäftskenntniswar dazumal gerade auf Freiersfüßen.

Eidie Füße bei Jakob waren gutzwischen der schwarzledernen Kniehose undden bedeutend kurzenfast übersparsamen Stiefelröhren strotzten unter denweißleinenen »Schnürlstrümpfen« ein paar tüchtigekernhafte Waden hervor;jades Freiers Füße waren gutaber das Freien ging schlecht. Jakob hattenämlich ein unglückliches Mundwerk; er sprach wohl und meinte es ganz rechtaber es kam ungeschickt heraus. Die Mädchen konnten über seine ernsthaftestenAnträge nur lachen und ein Weilchen Scherz und Schelmerei mit ihm treiben. JaManche von überwiegender Schalkhaftigkeit und minder strengen Grundsätzenfoppten Jakoben sogar Geld abließen sich von ihm bewirten und zeigten ihmdann lachend den Rücken.

»Geltbo da Bierzeisel wäi dar rechtawa bo da Grüna da wars nix!«schimpfte dann Jakobwenn ihm über die Täuschung die Zornader schwoll; aberdu lieber Gottein neues Gelächterund zwar ein allgemeineswar sein Lohn.

Viele solcher und ähnlicher Sprüche und Redensarten vom Hafner Jakob warenin aller Volksmund und reichten bis zu uns Kindern herab. So mußte Jakob zujeder Suppe sein »Pfefferstupp« habenaber er nannte es komisch genugstetsFefferguppwas in uns Kindern natürlich wieder große Heiterkeit erregte.

Dennoch lief Hafner-Jakob endlich glücklich ein in den Hafen der Eh’ undersproß ihm daraus ein blaßzarteswunderholdes Töchterchendas freilich wirgrößern Kinder eben dieser Zartheit wegen wieder nur »aHefnabööli«dasist Hafnerbeerleinnannten.

Auch Jakobs Vaterder alte Hafnerwar ein höchst komischer Kauz undausdem Nachfolgenden zu schließenauch kein Kirchenlicht. Der Alte hatte nämlichan der einen Hand einen Stummelfingerund wie hatte er sich den erworben?

Achnärrisch genug!

Der Alte war ein kurzerfast zusammengedrückter Knirps. Schon das bringtauf die Vermutungdaß er sich besagten Stummel nicht selbst und absichtlich inseiner Jugendwie das bei hübschen Burschen des Militärs wegen öftergeschiehtzubereitet hatte. EiGottnein! Er war schon altwie ihm dasgeschah.

Man denkeer führte mit seinem braunen Gäulchen vom nahen Waldewo einTonlager istfür ihre Werkstatt ein Wägelchen solcher Erdmasse nach Hause;bricht ihm aber beim Anfahren eines kleinen Bergleins ein Glied an derStrangkette - da standen sieer und sein Gäulchen und sein Wägelchen auchdazu.

Was ist zu machen?

Gaul und Wägelchen natürlich wußten das nicht; aber und da fängt derUnterschied an zwischen Roß und Mensch - aber ihmdem alten Hafnermeisterfiel es nach einigem schwerem Nachsinnen glücklich ein:

»Da ist vor allem das gerissene Glied zu entfernen und die nächsten zweiganzen guten durch einen eingezwängten Keil oder Kloben zu verbinden!«

Er sah sich um ein derbes Ding in seiner Nähe um. War aber keins zu sehen. -Hmwas braucht es da viel Umseherei und Umsucherei! Einen seiner Finger -biegsam und schmiegsamwie sie wären - das steckt sich auch viel leichterhinein als starresungefüges Holz!

Gedachtgetan.

Die Eisenglieder der Kette waren durch seinen - versteht sich - stärkstenund besten Finger in Verbindung gebracht - also HiRößlein! Dazu mit derfreien andern Hand einen festen Geißelhieb auf das »Bräundel » und - knacklag der Finger wie abgeschnitten zu des erstaunten Hafners Füßen. - Nues warja nur der Fingervon fünfen ein einziger! - Wäre die Kette größer gewesendie Glieder weit genuggewiß der edle Tondrechsler hätte auch seinen Armseinen Fußja selbst seinen Kopf dareingestecktdann - wär’ es schlimmerbedauerlicher gewesenso war und blieb es nur komischlächerlich!

Neben diesen zwei Meistern war in der Hafnerei noch ein drittesfür michhöchst memorables Individuum - der Gesell » Hansel «.

Es war das eine griesgrämigeblaßgrünefast spitzig und schneidig dürreGestaltwelche die ganze Woche in ihren aufgedrehten Hemdärmeln und ihrentonknopprigengrobleinenenweißen Höschen an seiner Drehscheibe saßuntenmit den Füßenobenher mit den Händen arbeitend.

Achdiesem Hanseldiesem Hansel hätt’ ich doch so gerne einmal rechtlang und aufmerksam zusehen mögen!

Sehen und bewundernwie er aus einemmitten auf die Scheibe aufgesetztenTonklumpen bald eine seichtebreite Schüsselbald aber auch wieder einenHafen von fast Armstiefe - so kunstreich und richtig! - weiß Gott wie

zustande brachte.

Aber wie gesagtder Hansel war ein griesgrämigerauch nicht mehr jungerBursche und litt es nichtdaß wir Kinder ihm lange zusahen.

»Aus’m Liacht! « schrie er jedesmal mit seiner heiserschrillen Stimmewenn wir ein wenig durchs Fenster gucken wollten. Dazu schwang er jedesmal seinschlammignasses Formlederchen gegen uns und konnte das so boshaft geschicktdaß wir weghuschend gewiß alle an unsern Gesichtern zu wischen und zu waschenhatten.

Die Folge davon wardaß wir Buben immer neugierigersekanter undzudringlicher wurdendes Hansel Grämlichkeit und Bosheit aber uns immerweniger zu sehen und zu profitieren gestattete.

Wenn dann der Hansel recht lange und fleißig seine Scheibe gedreht hatte undder ganze Gartenhügel hintenaus vollgepfropft war von Stellagen mit allerhandGeschirrdaß es an der Sonne und im freien Luftzug trockneda kam endlich einSamstagwo all das Geschirr in den großen Brennofen spazierte und sich ineinem schrecklichenfast höllischen Feuer »ausglühen« und »härten«lassen mußte.

Heisada stoben dannwenn es Abend und Nacht geworden wardie hellenFunken durch den Rauchfangdaß es aussahals schwärmten recht fleißigeleuchtende Bienen in einem großen Stock emsigst ab und zu.

Es war das für uns Kleine immer ein furchtbar schönes Schauspielund wirweilten an warmen Sommerabenden gewiß so lange auf der Gassebis der helle Rufeiner Mutterder grelle Fingerpfiff eines Vaters unweigerlich zum Nachhause-und Schlafengehen gemahnte.

Am Sonntag dann saß der blaßgrüne Gesell Hanselzwar auch nochblaßgrünaber in seinem schönsten Feiertagsstaat auf der Sonnbank vor demHausedie Armedaß sie besser ausruhen konntenineinander geschlungen undgemütlich sein Pfeifchen tauchend. Er war da sogar gesprächig und mitteilsamund hatt’ es gernewenn sich die Vorübergehendengleichviel näheren oderferneren Nachbarsleuteein Weilchen zu ihm setzten und ihm zuhörten.

Während Hansel so saßkamen dann schönestattliche Bäuerinnen oderlustigeschäckernde Töchter und Dirnendie aber daheim ernst waren und schonder inneren Hauswirtschaft und Küche vorzustehen hatten.

Alle grüßten den Hanselihren langjährigen Geschirrverfertigerundreferierten ihm über die Güte oder Ungüte seiner von ihnen letzterstandenenWare. Das setzte dann allerlei Spaß und Kurzweil und gab Gelegenheit zu allerArt lustigen und witzigen Ein- und Ausfällen:

An Drög derfst vostehn
Wanst a Hafner willst wem
Awa der ‘n vosteht‘n Drög
Den muß ma ehr’n.

trillerte in einer hellen Tanzmelodie eine mutwilligeglühende Brünetteals sie schon ein Stück Weges vom Hansel entfernt war.

Der nicht mehr junge Hansel aberlängst erfahren und immer auf solches undähnliches gefaßtpfeift mit seiner schrillen Stimme der schönen Schäkerinnach:

A Höfena z’klobns
Und a Menscha vaschobns
Wirft ma beide bald wög
Und g’hern ar aft zum Drög.

Diesen mehr gepfiffenen Gesang beschloß Hansel erst noch mit seinenbekannten paar Lachstößendiedem Geschrei des hungrigen Hühnergeiers nichtunähnlichnie ihre Wirkung verfehlten.

Die eben aus dem Geschirrladen heraustretenden Bäuerinnenihre gekauftenSiebensachen an den Henkeln ins Nastuch zusammengefädelt und behutsam nebensich schwenkendlachten laut auf über Hansels guten »Trumpf«womit er dievorwitzige Dirne »überstochen« hatteund der also Belobte war in seinerbefriedigten Bosheit gewiß so glücklichwie ein anderer von guter Gemütsartgewesen wärewenn ihm die schöne Schälkin zugerufen hätte: »Jörgküssemich!

Eidie Gustos sind verschieden.

Siehund sonderbarwirklich sonderbar! muß ich zum Schlusse diesesKapitelchens ausrufendiesen fast lächerlichen Männern gegenüber stand diealte Hafnersfrauein Weib mit unverkennbaren Spuren dagewesener Schönheit undsonst auch ganz anders als sie.

Sie kümmerte sich auch gar nicht um das Treiben der Männerlebte für sichstill und abgeschlossen ihre Tage dahintat im Hause die notwendigenHandgriffenähtestricktespann und - jaund - was konnte dieseeigentümliche Frau noch weiter?

Lieber Leserichdein unermüdlicher Dorfplaudererhabe die Ehre und dasGlückdich diesmal angenehm überraschen zu können! Denke dirdie alteHafnersfrau konnte singensehr schön singen! - Darum das - sieh! Und -sonderbar!

Sie sang zwar nicht mehr oftweil sie alt geworden waraber wenn meineMutterdie damals noch in guten Tagen stand und auch singen konnte und gernsangwenn die einmal zufällig oder genötigt zur alten Hafnerin kamwo ichder »Mutterbub«dann gewiß auch nie fehlteachda sangen die zwei Weiberdaß ja keines auf der Gasse draußen vorübergingdas nicht eine Weile stehengeblieben und voll Vergnügen zugehört hätte.

Mir aber ist es geradezu unvergeßlich! Und wie ich auch später verschiedenesingende Damen gehört habedie um teures Geld und unter donnerndem Applaus denLeuten im Konzertsaal und im Theater vorsangenso schön singenleider! habeich nicht mehr hören können!

Ruhet sanftihr zwo Nachtigallen
Ihr singet jetzt in Himmels Hallen
Doch laßt es auf mein Erdenwallen
Noch öfter hell hernieder schallen!

Beidseitig den zwei Hafnern vis-a-vis sind die zwei Bauernder Thurnbauerund der Melhartbauer.

Brave christliche Familientätigerechtschaffene Leuteaber ohnebesonderen Lebensinhalt.

Der alte Thurnbauer hatte zwar einen auffallendenhandschlenkerigen Gang undgelegentlich »ein spitzes Maul«was jedoch die Dorfmänner nicht abhieltvielleicht sogar anzog und bewogSonntags abendlich gern bei ihm einzusprechenund ein paar Stündchen zu verplaudern.

Eiein witziger Mensch verleiht der schalsten Alltäglichkeit wenigstens soviel Würze und Geschmackdaß sie genießbar wird. Und die damaligeDorfchronik bedurfte wahrhaftig einer solchen Würze.

Der Thurnbauer ist auch nur ein kleines Bäuerlein - wie überhaupt das ganzeDorf keinen besonders großen Grundbesitzer zählt - und da ist mir ein ebennicht ganz schlechter Spaß von ihm erinnerlichder vorfielals die Sammlung -der raschejoviale Pfarrer selbst an ihrer Spitze - für den neu zu erbauendenPfarrturm auch bei ihm einsprach.

»Nu« - sagte der Pfarrereine imponierendenoch völlig jugendlicheGestalt - »wir wären dadich halt auch um ein kleines Almosen zum Turmbau zubitten!«

»Hm« - lächelte der Angesprochene mit aufgezogenen Mundwinkeln - »hmbomir haißts ah bon Thurnbau (Wortspiel: Thurnbauer und Turmbau); han fraten(voriges Jahr)a bautbin owa doh um kam Almosen ganga! - Schnabelwaid’ ishalt go wenimeints Howürden!« fügte erwie zur Entschuldigung seinesEinwandesbei. »Die Schnabelwaid’ wenig - da weiß ich Rat« - entgegneteder launige Pfarrerder auch nicht leicht etwas schuldig blieb - »da gehst duhalt Amerling fangendie sind froh« - es war gerade harter Winter - »wenn siewer speistweil sie selbst nichts zu fressen finden!«

Das war für den Thurnbauer die rechte Sprache. Sogleich ging er an seinenKasten und händigte wieder ganz demütig dem hochwürdigen Herrn das verlangteAlmosen aus. - Ganz im Gegensatz zu dem witzigen und spottsüchtigen Thurnbauerwar Nachbar Melhartbauer eine schweigsamefast trübsinnige Gestalt.

Er konnte natürlich auch redenvielleicht auch lachen und lustig sein; icherinnere mich aber nichtdas eine gehörtnoch das andere jemals gesehen zuhaben.

Der Mann war vermutlich dickblütig und schwarzgallichtdaher auch der mirschon damals auffällige dunkle Teint seiner Hautdie sich in heißerSommerszeit geradezu schokoladebraun färbte und den Melhartbauer förmlicheiner anderen Menschenrasse angehörig machte.

Ausnahmsweise von allen Dorfbauern hatte der Melhart die GewohnheitzurFeldarbeit hin und davon zurück auf seinem »Sattligen« zu reitenund zwarein wie das andere Mal »riderisch«d. i. einseitig sitzend.

Seine Kinderein Sohn und drei Töchterwaren damals schon erwachseneLeutenur die vierteoffenbar ein Spätlingein stilles Mädchen mitkohlschwarzenmehr nach innen glühenden Augenging noch mit mir in dieSchule.

Ich hatte mit Ännchen damals nie sonderlich viel gemachtdas Mädchenwieschon gesagtwar zu stillzu fromm und auch in der Schule nicht ausgezeichnetgenug. Siehund dieses stillfromme Ännchen - aber ich war ein romantischerTölpel- hätte später bald die Aufgabe gehabtund wie mir jetzt scheintauch gern auf sich genommenmir das holdeste Mysterion des paradiesischenLandlebens zu erschließen; aber ich war schon Poet und darum ein kleinerTölpel.

Ich würde diese Tölpelei nicht so sehr beklagenweniger hoch anschlagenwenn sie - nicht die Ursache wäredaß in meinen »ländlichen Gedichten« dasganze große Kapitel von erotischen Dämmerungen und Mondnächten mehrhumoristisch schillernde »Dichtung« als rosenrotelebenswarme »Wahrheit«geworden ist; ich würde - doch das nützt jetzt alles nichts mehraber waskann es schadenwenn ich die kleine Episode einschalte und dem Leser meineTölpelei erzähle?

»Franz«sprach Müllers Seppauch ein Kamerad aus der Schulbubenzeit - erwar ein schönerrüstiger Bursche geworden - »Franzgefällt dir denn garkeine von unseren Schulkamerädinnenoder bist du zu stolz gewordenoder sindwirklich die Euren in der Stadt um soviel tausendmal schöner als die unsrigenhier? Franzich glaubedu irrst dichund sage dirgeh einmalneingleichheutejetztmit mir!«

Es war ländlich-feierlicher Sonntagabend - die Sonne unter - das malerischeHorn des wachsenden Mondes glänzend ins dunkelblaue Firmament hingezeichnet -vor uns schlenderte schäkernd und kichernd ein Trupp Mädchen.

»Geh’ schneller«mahnte Sepp und faßte mich am rechten Arm»siehdiese an - noch hilft das Abendrot dem schwachen Mond leuchten - eine nach derandernund die dir am besten gefällt - stoß mich nur mit dem Ellbogen!

Du mußt deinen Stolz ablegen und dein traumhäuptiges Wesen dazu! «

»Heisajuhejuhe!
Wäi i a hint nachi geh
Kim nu bald gnua voran -
Das waißt schan. «

- sang Sepp mit frischer Stimme und juchzte dazudaß es bis zum Wald hinhallte.

»Mag sein ein anderes Malheut aber nicht!« rief eines von den Mädchenauf Sepp zurückund zu ihren Kameradinnen sprach sie auch lautdaß es Sepphören konntewahrscheinlich hören sollte:

»KommtMädchenlaufen wirdamit sie uns nicht nach könnendie zweihinten!«

Die Zwei hinten - ein freudiger Schreck fuhr mir durch die Glieder - dieZwei! Also die Mädchen hatten richtig mich auch gesehen und mitgezählt!

Aber schadesie liefen uns wirklich davon!

Ich hatte mein »Schande!« laut gesprochen und wahrscheinlich auch mit dergehörigen Kläglichkeit intoniertdenn mir war jetzt im Ernste leid; etwas wieeine dunkle Sehnsuchtund wieder etwas wie eine unklare Ahnung hatte sichplötzlich in meiner Seele geboren und dies sollte durch die Flucht der Mädchenauch wieder plötzlich zunichte werden?

Unwillkürlich beflügelten sich meine Schritte.

Sepp aber - der sonderbare Bursche! - früherwo es kaum nötig warhatteer mich zur Eile getriebenjetztwo periculum in morahielt er mich hellauflachend zurück und sprach ebenso lautdaß die Mädchen es am Ende gar gehörthatten:

»Laß sie laufendie >Gschoßerln<wir sind frohwann wir nichtsdamit zu tun haben!«

So sprach der entsetzliche Mensch und lachte wieder dazu aus vollem Halse.

Ich wollte auf Sepp ernstlich böse werdendenn die zwei hatten etwas in mir- aber was ist das? - Da seh’ einmal ein Mensch die Anomalie derMenschennatur! - Die Mädchen hören auf seinen beleidigenden Nachruf nicht nurwie von einem Zauberschlag getroffenauf zu laufensondern gehen plötzlichmit flüsternd zusammengesteckten Köpfen so langsamso sich eine nach derandern hindehnenddaß Sepp und ichwenn wir nur wolltenin einigen Sätzenbei ihnen sein konnten.

Ich meinte auchdaß Sepp es so machen würdedenn ich war nun einmal unterseiner Führung und hatte keinen Willen.

IGott bewahre! rasche Sätze; stehen blieb jetzt der Unerklärbarefeststehen und an mich tat er die befremdlicheseltsame Frage und wieder so lautdaß es die Mädchen hören mußtendie Frage:

»Also magst du wirklich nicht weiter mitgehenFranzist’s dir zuabgeschmackt? Gutso kehre ich wieder um mit dir!«

Ich wollte protestieren Er aber bedeutete - schweigen! Danndie Augen nachden Mädchen gewandtflüsterte der Schelm Sepp: »Sieh hin!«

Hmsonderbar! Die Mädchen standen auch. Und jetzt merkte ichdaß allesnur so ländlich sittliches Manöver war.

Dann ging Sepp langsam gegen die Mädchen vorwärts und ich - natürlich -folgte ihm auf dem Fuße.

In der nächsten Minute standen wir bei ihnen. Und da gab es etwa nicht einelange ErklärungAuseinandersetzungEntschuldigung oder überhaupt irgend eineÜbereinkunfr und Zeremonieneinnichtsgar nichts! Sepp faßte ohneUmstände ein paar Mädchen um die Mitte und lachend gegen mich rief er: »NuFranzgefällt dir keine?«

Sonderbare Frage! Alle hätten mir gefallen - doch neinneinnein! - Zweinachtschwarzeglühende Augen leuchteten mich an - die Inhaberin dieser wäremir augenblicklich die liebste gewesen.

»Der Franz kennt uns nicht mehr«sprachen die schwarzglühenden Augend.h. sie befahlen dem Mund so zu sprechen.

»Anna Zweimüller! « rief ich unwillkürlich nach dem Normale unsereseinstweiligen Schulverzeichnisses. -»Achaber wie groß und - schön!« fügteich scheu hinzu.

Anna lachte und reichte mir wie zum Gruße die Hand.

Aber sonderbar! Annadie frommstille Annazog ihre Hand nicht wieder ansichsie ließ sie im Gegenteilals hätte sie darauf vergessenin dermeinigen liegen und so schlenderten wir selbander hinein ins wogende Meer desausgegossenen Mondlichtes.

Wir hatten nicht viel gesprochendas weiß ich nochaber was selbst daswenige gewesendas weiß ich nicht mehr!

Es ist mir auchals wenn die Hände nicht immer in der ersten friedlichenLagerung geblieben wärenaber es ist darum doch nicht der mindeste Kriegentstandendas weiß ich.

Mir ist auchals wenn ich Anna geküßt hättevielleicht verschiedeneMaleaber weil ich mich gar keines Widerstandesnicht der geringsten Rügeoder Drohung erinnereso ist es vielleicht auch nicht wahr. - Wir hattenvielleicht

aus längst vergangenen Schultagen uns etwas zuflüstern wollenetwasdasdie Andern nicht hätten hören sollenund da haben die rosigen LippenvomMondlicht getäuschtstatt zum Ohre sich wieder zur Lippe verirrtimVorüberflug die Wange bestreift - mein Gottwer weiß es dennwenn der Monderst das Hörnlein bildet!

Doch siehauch das scheint wieder nicht wahrnicht ganz so zu sein; denn:

»Franz« - sprach nach einer vielleicht schon nicht mehr kurzen Weile dieSchwarzäugige - »wir müssen doch auf die andern warten!«

Warten? - Auf die andern? - Ich sah hinter mich.

Kein Mensch war zu sehenkein Seppkeine Mädchen -Annaich und der Mondsonst niemand.

Da hätten ich und Anna auch nicht zu flüstern nötig gehabt. Aber wirbleiben nichtsdestoweniger auch nach dieser Beobachtung still und heimlichtraulich und allerliebst.

So kamen wir zu Annas Haus.

So standen wir an der Ecke des Stadels noch eine geraume Weileda - jetztwußt' ich es deutlichweiß es auch jetzt noch - Anna hatte ihre Hand aufmeine Schulter gelegtihre schwarzen Augen hatten sich vom Mondlicht ganzvollgeschöpft und glänzten wunderbar - ich sollte sie nur so schnell alsmöglich küssendaß sie sich nicht gar entzündendann auch und wiedermöglichst schnell die Wangendie ebenfalls branntenund sollten darüber dieLippen nicht aufhören zu glühenauch dieauch die!

So kam mir eine innereungestüme Mahnung. Ich war mir des deutlich bewußtdarum weiß ich es auch jetzt noch ganz genauda - kicherte es von der unterenEcke des Stadels herauf - Annas Hand zuckte weg von meinen Schulternaus ihrenAugen spritzten zwei lodernde Funken und fielen zur Erdedaß die tauigenGräser darüber erknisterten.

»Zu spät!« seufzte Anna - es war ein gar wehmütiger Ton.

Einen Augenblick darauf stand ich allein im Geflirre des Mondlichtes undwußte nicht rechtwas und wie mir geschehen.

Annas »zu spät!«dieser erste Klageruf gegen mein Liebesgeschickwiederholte sich dann noch oftja er schien typisch für mein ganzes Lebenwerden zu wollen. Und wer steht mir gutdaß jetzt das Bekenntnis desselbend.i. die Veröffentlichung dieser »Geschichten«nicht auch noch von demselbenRufe begleitet sein müsse?

In allemwas ich getan
Mit oder ohne Müh
War ich im Schlimmen zu früh
Im Guten zu spät daran.

Hinter dem Thurnbauer - schadedaß er ihn bei der ursprünglichenDorfanlegung also hat verstellen und verbauen dürfen! - liegt die Sölde mitdem ganz geeigneten Namen: der Sonnbauerein Gütchenso klein undunerträglichdaß dem Besitzer zu besserem Fortkommen die Webergerechtsamemußte dazugegeben werden.

Gleichwohl befanden sich die Leutchenvorzüglich die Altengar nichtschlecht darauf und für mich war das Haus wieder eine wahre Fundgrube.

Man denke sichich sah da den ersten Webstuhldieses wunderbare Gerüst mitlauter beweglichen Armen und Füssensah durch die sich kreuzenden Leinfädendas behende Schiffleinbei uns die »Schütze« genanntfliegenhörte dentaktischendumpfen »Schlag«und - O Wunder über Wunder! - vor meinenstaunenden Augen entstand ein langerlanger »Striezel Tuch«wie man bei unsdas fertige Stück Leinwand zu benennen pflegt.

Und das »Tuch« gehörte der Mutteruns gehörte esund ichich selbsthatte nicht den kleinsten Teil dazu den Winter über zwischen Schul- undSpielstunden mit eigenen Händen gesponnen! - Und die Mutter hatte mir erlaubtich durfte heut zum Sonnbauer gehennachschauenwie es mit der Fertigungsteheund wenn nicht gutso sollte ich den Sonnbauer mahnenin ihrem Namenmahnen und bittendaß er bald darangeheweil die Märzsonne schon so warm aufunsere »Bleichstatt« zu scheinen angefangen hätte!

»Auf die Woche« - sagte dann der webende Bauerohne seine »Schütze«ruhen zu lassen - »auf die Woche die ersten Tage! Jasag ichja!«

Und dann hätt’ ich mit der Botschaft zufrieden sein und gehen sollen. DerBauer sah sich nicht gern als Weber begafft. - Aber ich ging nicht. Ging nichteherals bis ich mich nicht an der wunderbaren Hantierung satt gesehen und bisin die innerste Seele darüber verwundert hatte.

»Willst du etwa gar ein Weber werden?« fragte dann der VaterSpaß undErnst beisammenwenn ich spät und noch mit sichtbarer Verwunderung auf demGesichte nach Hause gekommen war.

Achda war dann wie mit einem bösen Zauberschlag wieder alle Bewunderungalle innerliche Freude über der Menschen wundersames Schaffen und Tunverscheuchtunwiederbringlich dahin und verloren! Achich hätte nur immeralles sehenalles bewundern und wissen mögenAber selber tun - nichts; esselber werdennein! Wie hätt’ ich dennwenn ich etwas tueetwas binZeitund Muße zur Erforschung und Erfahrung all des Übrigen rundherum? -VaterdeinBube mochte dir Kummer und Sorge genug gemacht haben! - -Das webende Bäuerleinerfreute sich eines bedeutenden Kindersegensden ihm seine alte Mutter mitunermüdlicher Sorgfalt hütete und pflegtewofür sie aber - man soll’s kaumglauben - den schlechtesten Dank erntete.

Man denke sich - freilich die beschränkte Lage des Sohnes einigermaßen alsEntschuldigung und Milderung annehmend - aber man denke sichder knopfigehartherzige Mensch warf der inständig für ihn tätig gewesenen Mutterkaumdaß die Kinder ihren Armen entsprungen warenunablässig ihr langes Leben vor.

»Heuer«sprach der häßliche Mensch mit finsterem Gesichte und mitbarschermürrischer Stimme»heuerMutterwill ich dir deinen Auszug(Austrag) noch geben; aber merk dir’ses ist das letzte Mal. Darum richtedich wie alle anderen Leute« - der Unmensch deutete nach dem Friedhof zuSchildorn -»du wirst mich wohl verstehen?«

Dann warf er der Altendie über solche Rede schluchzte und weintedas Geldund den Kornsack hin.

Aber Gott mißfällt solche Rede und der sie sprichtden straft er!

Die Alte wurde älter und älterwurde siech und gebrechlich.

Die Alte hörte und sah nicht mehr. Die Alte fiel und stieß sich andaßsie immer voll Wundenvoll Schundmal’ und Beulen waraber sie starb nicht.

Die Alte weinte darüber und bat Gott um ihr letztes Stündleinaber Gotterhörte sie nicht. Sie wurde uraltälter als alle Leute im Dorfeälter alsalle in der Pfarrgemeindeihre Haut verknöchertesie wurde eine wandelndeMumieein rechter Kinderspott; aber sie lebte fort.

Wohl schon zwanzigmal hatte der harte Sohn seine Drohung mit immergeschärfterem Ernst an seine Mutter wiederholthatte sie wirklich in ihrenrechtmäßigen Ansprüchen und Bezügen schon bis auf das AllernotwendigsteÄußerste beschränkt und reduziertaber die Alte starb nicht.

»Gott hat mich vergessen!« jammerte sie; weinen konnte sie längst nichtmehrder Tränenquell war mit allen anderen Säften versiegt und ausgetrocknet.- »Gott hat mich vergessen!« rief siedie Hände ringend und in ihren wenigengrauen Haaren wühlend.

»Und der Teufel auch!« grinste der böse Sohnder die von Gott Vergessenefast zu scheuen und zu fürchten angefangen hatte.

Achhätte die Unselige nicht andere gute Menschen gehabtdarunter an derSpitze meine Mutterdie ihr zuweilen die Fingernägel abschnittenden Kopfkämmten und sie sonst ein wenig säubertensie hätte ein wahres Scheusalwerden müssen.

So aber wurde sie’s nichtund als sich viele an der Verlassenen teilsversündigtteils gerechtfertigt hatten vor dem Herrnschickte er eines Tagesseinen Todesengel und gleich darauf scholl durch das ganze Dorf und weitumdarüber hinaus die gleich einem Mirakel aufgenommene Kunde:

»Die alte Sonnbäuerin hat endlich sterben können!«

Als ich von da an nach gut dreißig Jahren wieder einmal in mein liebes Dorfkamhieß es auf meine Erkundigungen unter anderem:

Auf dem Sonnbauergütchen hause jetzt der ältere Bub mit dem etwasstrupierten Fußtreibe als Hauptsache neben allerlei Handelschaft die Webereisei unverheiratet und so habsüchtig und neidischdaß er seinen alten Vaterfast verhungern lasse!

Ein tiefleises Schauern lief mir über meinen Rücken. Die zwei steinernenGesetztafeln Moses’ standen vor meinen Augen und es drängte michschnurstracks aus dem Dorf nach dem Friedhof zu Schildornzum Grabe meinergutenvielgeliebten Eltern.

Habt FriedenTote
Und gießet ihn nieder
Auf michden verlassenen Pilger;
Mit jedem Frührote
Allabendlich wieder
Ergießt ihnden Kummervertilger!

So sprach icheine stille Träne zerdrückenddann war mir wieder leichtums Herz.

Das nächstnachbarliche Bäuerleingenannt zum »Lippelwastl«lag ganz ineinem Obstbaumwald versteckt und fast so still und abgeschieden lebten auchseine Bewohner dahin.

Hansder einzige Sohnein käsigblassergedunsener Burschehätte inseinen damaligen Flegeljahren wohl zuweilen gern ein wenig Lärm geschlagenaber er tat’s nicht:

Kein Courag’
In der Tasch’
Wenig Hirnnicht viel Herz
Das verdirbt Ernst und Scherz.

Umso lebhafter aber ging es bei dem mitten im heißen Mittagssonnenstrahlhingebreiteten Nachbar Tannenbauer zu. Da war ein Häuflein hübscher Kinderein paar davon schon groß und erwachsenund auch die zwei Alten waren nochrecht heiteresorglose Leutchen.

Theresdie älteste Tochterdamals ein Mädchen in rosigster Füllehatteselbst den von ihrem großen Kaiser angesteckteneroberungssüchtigen HerrenFranzosen in die Augen gestochenso daß sie sich vor ihnen da und dorthinverstecken und verbergen mußte.

Das nächstnachbarliche Bäuerleingenannt zum »Lippelwastl«lag ganz ineinem Obstbaumwald versteckt und fast so still und abgeschieden lebten auchseine Bewohner dahin.

Hansder einzige Sohnein käsigblassergedunsener Burschehätte inseinen damaligen Flegeljahren wohl zuweilen gern ein wenig Lärm geschlagenaber er tat’s nicht:

Kein Courag’
In der Tasch’
Wenig Hirnnicht viel Herz
Das verdirbt Ernst und Scherz.

Umso lebhafter aber ging es bei dem mitten im heißen Mittagssonnenstrahlhingebreiteten Nachbar Tannenbauer zu. Da war ein Häuflein hübscher Kinderein paar davon schon groß und erwachsenund auch die zwei Alten waren nochrecht heiteresorglose Leutchen.

Theresdie älteste Tochterdamals ein Mädchen in rosigster Füllehatteselbst den von ihrem großen Kaiser angesteckteneroberungssüchtigen HerrenFranzosen in die Augen gestochenso daß sie sich vor ihnen da und dorthinverstecken und verbergen mußte.

 

Fast wie eine Fortsetzung vom »Tannenbauer« und nur durch eine imponierendeMistkrippe getrenntstand der wieder viel kleinere Landlerbauer.

Sonderbare Leute! Der Mann eine kleinedachsartige Figurein ungeheurerFilz und voll »bitzligen« Jähzornsbereitete uns Kindern öfter ein wahresEntsetzen.

Wir jungen Köpfe wollten und konnten es immer gar nicht glauben und nuneinmal nicht für möglich haltendaß die großen Kirschbäume oben in derwilden »Kornbrintleiten«unter lauter Gestrüpp und anderen wilden Bäumeneines Menschen ausschließliches Eigentum sein sollten.

Die Bäume hatten im April und Mai wieder herrlich geblüht und hingen auchrichtig nach etlichen Wochen wieder voll roter und schwarzerzwar kleineraberpikant lieblicher Waldkirschlein.

Wie Eichkätzchen kletterten wir auf den zähen Ästen herum und schmaustennach Herzenslust.

Huihui - hohohoho! - Da wetterte der kleinedachsbeinige »Landler«querfeldeinseinen breiten Hut zwischen die Zähne gekniffenin einem Sausdaher.

»Diebsgesindel! Kleine Bagasch!« Und wehe demdas nicht schnell genugmehr herunterfiel als rutschte und kletterte - eine Faust voll Haare wenigerein blutendes Ohr mehrdas war das wenigsteder schäumende Wüterich hätteauch eins gestoßengetreten und gewürgt.

Aber wir entwischten ihm doch meistens alle glücklich. Das zornige »Vieh«hatte dann nur die Entschädigung- einmal recht schelten und rasen zu dürfen.

Seine Bäuerin war ein stillesfast scheues Weib. Sie tat niemandem etwaszuleideging in die Kirchebetete und arbeitete fleißig und doch - weißGottwie und warum - galt sie für die Hexe des Dorfes.

Die anderen Weiber schlenderten und plauderten gesellig auf dem Kirchgangehin und zurück; sie mußte allein gehenkein Mensch wollte mit ihr seinmochte auch nur ein Wort mit ihr sprechen.

»Achdie Landlerin!« hieß eswenn sie einer so schIendernden Gruppeendlich doch nachkommen mußte - »die Landlerbäuerin! - Geht’sgehn wirgeschwinderoder wart’sich nestle mir das Schuhriemlein auf und tu’alswenn es selbst aufgegangen wär’derweil muß sie vorüber!« - So spracheine.

Die Landlerin konnte nun als erste oder letzte von der Kirche heimwanderndie vorderste oder hinterste dahin; zugleich mit ihr ging und kam niemand.

Wenn sie dann vorüber war oder durch Voreilen weit genug zurückdannvergaßen die Weiberwas sie eben noch so emsig und gründlich mochtenverhandelt und ausgeklügelt habenund -:

»Hast du schon gehört« - frug eine die andere mit Zugespitzten Lippen undlauernden Augen - »die Landlerin hat am Mittwoch dem Eierhändler Brettwegschon wieder für zwanzig Batzen Eier verkauft! Wir haben doch auch Hühnerjunge und alteund mehr als sieaber - !«

»Ja« - sagt die andere - »und dem Peter zu Hub hat sie schon wieder drei>Buschen< Garn hintangeben können!«

»Und dem Schmalzjuden Kaspar einen halben Zentner Schmalz« - fällt diedritte ein.

Zweite: »Wir spinnen doch auch!«

Dritte: »Wir melken doch auch die Küh’!«

Erste: »Aber hexen können wir nicht!«

Alle drei: »Nau! - gelt! - Nuwas denn!«

Die Landler-Bauernleute hatten ein paar KinderSohn und Tochterdieoffenbar unter dem Gewicht des allgemeinen Verdachtes erseufzten und verkümmernmußten.

An Nachbar Schreiner - zu dem uns jetzt unsere Ordnung führt - gehn wirlieber schnell vorüber. Es ist diese lohgelbeausgemergelte Gestalt einhöhnischernicht guter Mensch. Er hat auch seinem Hause keinen Segenhinterlassen. Sein ältester Sohnein braver Arbeiterschnellte zwar anfangsdas Geschäft nicht unbedeutend emporwurde aber alsbald ein Säufer undunordentlicher Mensch und ist längst heimat- und obdachlos geworden.

Nicht wahrmein lieber Begleiterda sieht es fast ein wenig urweltlich aus.Kreuz und quer schneiden sich tiefe Hohlwegedie sämtlich auf das höherliegende Mitte- und Oberfeld hinausführen. Fast jedes Haus hier steht auf einemeigenenabgesonderten Hügelchen.

Das dort rechterhand ist das Bäuerlein Schneiderjodlein ob desüberreichen Kindersegens sorgenvollertiefsinniger Mann. Aber Kinder und Altebraveverehrungswürdige Leute. Voll Liebe und mit rastloser Tätigkeitunterstützt eins das andereund so bringen sie sich fort und es geht dennoch!

Trillernde LercheMariemit dem flachslichten Kopf und derrosenschimmerigen Wangehättest bald mein Herz wachgesungen! Sei in derErinnerung gegrüßt und freudig aufbewahrttrillernde LercheMarie!

Hinter dem Schneiderjodl diesseits und jenseits des Weges stehen zweiHäusler - ehrlichstillunbedeutend in Allem und Jedem.

Dafür kommt gleich dahinter ein wichtiger Mannder Bauer Lidlbravergeschätzter Obmann und Richter zu damaligervielbewegter Zeit.

Guter Manndu hattest mit deinem Eifermit deiner Geltung und Beredsamkeitwohl manche drohende Feindesgefahr abgewendet und ferngehalten von unseremohnehin glücklich versteckten Waldwinkel.

Habe Dank dafür!

Doch um dein Verdienst diesfalls zu würdigenmüßten meine Erinnerungennicht die des Kindes sein; mir ist nur deine sonstige Erscheinung merkwürdiggeblieben.

Ich habe dich zwar öfter im Rate der Männer das Wort führen - nichtgehörtneingesehen; denn was verstand das Kind von eurer Angelegenheit! Dielustigen Soldaten mit ihrem unverständlichen Gewäsch gefielen ihm. Achunderst die schwerenschimmernden Reiter! Euch machten sie Angst und NotihmFreude und Vergnügen. Das Vaterland mochte ächzen und seufzen; ihm lachte dasHerz in immer buntem Wechsel der Dinge. - Glück der JugendUnwissenheitseigesegnetdu fülltest meine Seele mit unvergänglichem Bilderreichtum undSchmuck!

»Aber wartedu Spitzbube von Franzos’das sollst du mir nicht wiedertun!«

»VaterhilfVaterder Franzos will mich schießen -Vater!«

Aber der Vater stand auch schon da und drohte dem Burschen. »Du Schlingeldu« - rief der Vater - »was hast du mir denn das Büblein zu schreckendasdir nichts tut?«

»Ei - ein Spaß war’seine mutwillige Schnacke ist’s gewesen!« DerFranzose mochte schon lange nicht mehr geschossen habenda wollte er versuchenob er doch noch gut zielen könnte!

Und da zielte er denn auf das Büblein und fuhr ihm mit seiner Muskete amWang’ nachwie es eben mit seinem »Eisstöcklein« den schmalen Schneepfadso über Tischlers Boint dahinlief; nuund das Bübchen war ich.

Geschossen hätt’ er nicht. Wie hätt’ er denn sonst auf Vaters Verweisso herzlich lachen und das Büblein gleich darauf zu sich erheben und tüchtigabküssen gemocht; wie wären dann die anderen - doch EntschuldigunglieberLeseres ist verführerischwenn man so mir und dabei waraber ich willgleich wieder vom Bauer Lidl erzählen!

Lidl war bei aller Energiedie er als Richter und Pfarrobmann entwickelthatteein gutersanftergehaltvoller Mann. Er hatte ein Weibdas vielleichtnicht zu den allerliebenswürdigsten zähltedoch hörte man nie von einemhäuslichen Unfrieden. Seine Kinderzwei Töchter und ein spätgeborenesfrisches Söhnleingehörten zu den eingezogensten und bravsten im Dorfe.

Lidls Güte und Sanftmut erstreckte sich herunter bis aufs »liebe Vieh«.Jawär’ es möglich gewesendaß schon damalslang vor des MünchenerHofrats Perner glorreicher Erfindungein MenschLandmann und Waldbauer dazuecht antitierquälerische Gesinnung gehabt und werktätig bewiesen hättetraununserm Nachbar und Dorfinsassen Lidl gebührte die Ehre!

Achhorch nur und höre!

Frühling ist’s. Der wieder gezähmte Nordwind spielt als lustigmutwilliges Lüftchen mit dem vorjährigenda und dort versteckten Laub und mitdem aufgetretenen und losgefahrenen Staub auf Wegen und Straßen. Die Feldersind trocken und kleiden sich in jenes bestimmtedem Auge des Landmannes sowohlgefällige Grau. Es ist an der Zeitdie Sommersaat zu bestellen. Auch Lidlist daran und eben auf seinem großen Ackerland im »Unterfeld« beschäftigt.

Er ist nur in Hemd und Kniehose gekleidetund sein Kopf ist ganz ohneBedeckung.

Seine zwei stattlichen »gescheckten« Ochsendurch längere Winterruh einwenig ans Faulenzen gewöhntwollen nicht recht Takt halten.

Es geht auch anderen (daneben Beschäftigten) mit ihrem »Man« (Zugvieh)nicht besser. Aber die fluchen und schelten auch wie böhmische Reiternützendie Geißeldie Giftigsten werfen mit Knollenja mit dem eisenbeschlagenen»Ackerreidel« selbst wie toll um sich.

Und was tut unser Lidl?

Eier wird auch lautfast lauter als die andernaber er ist nicht bösenicht unwillig und ergrimmt. Er flucht nicht; im Gegenteileer ruft »In GottesNamen!« Er bittet seine Ochsen»um Gottes willen« schleunigervernünftigerzu schreiten und sich und ihm die ohnehin genug beschwerliche Arbeit nicht nochmehr zu erschweren!

»HiScheck!« ruft er - »Hi! So sei gescheitScheck! - Der Tausend! - inGott’snamwistaha! «

Dann aber geht der folgsame Ochse wieder zu sehr links und er ersucht ihnwieder mit derselben Höflichkeitmit derselben freundlichen Dringlichkeitmitunverändertemmildem Toneja doch wieder ein wenig mehr »hott«d. i.rechtsgehen zu wollen!

Wenn er dann auf diese Weise - wie nicht anders zu erwarten -ziemlich gut ansEnde des Ackers gekommenerlaubte er seinen »Men« ein wenig Ruhebelobte sieihrer Folgsamkeit wegennannte sie seine »braven Schecken«versprach ihnenzu Hause ein gutes Futterein guteskräftiges »Trank« und dann ging eswieder in »Gottsnam!« nach der andern Seite zu.

»Sieh« - sagten ironisch dazu lachend die Leute auf den andern Feldernwenn sie das sahen - »siehder Lidl hält mit seinen Ochsen wieder Schul’und Predigt!«

Aber der Lidl machte sich nichts daraus aus ihrem Gespötte. Und wenn esErntezeit geworden warhatte er regelmäßig die gesegnetstenschönstenFelder.

Es ist wohl das »Gottsnam« auch kein eigentlicher Felddüngeraber derFluch ist es gewiß noch viel weniger!

Noch ein ähnlich braverachtungswürdiger Mann ist Lidls durch allerleiHügelgestaltung etwas entfernter Nachbarder »Langer in der Leiten«.

Ich erinnere mich auchdaß dieser brave Mann dem Richter Lidl jedesmalgetreulich zur Seite stand im großen Rate der Männer und ihn immer kräftigstunterstützte mit seiner gediegenen Erfahrenheit und gründlichenSituationskenntnis.

Das Langergut hat die gar allerschönste Lage im ganzen Dorfe. Fastkastellartig an den ziemlich jähen Rand eines tiefen Abhanges kühnhingestellterfreut es sich der weitestensonnigsten Aussicht.

Der Abhang seinerseits ist selbst wieder voll natürlichen Reizes. Vornewoer gereutet und bloßgelegtwächst nämlich eine ganze Flur von mächtigemmalerischem Unkraut. So pranget dawomit wir Kinder im Herbste trotz desbedeutenden Kratzens einander die Haare zu kämmen pflegtenin üppigsterEntfaltung jene seltsame Stechapfelstaudeferner - der großenwaldartiggescharten Nessel nicht zu gedenken - eine Menge wilden Salbeis; dann diegroßblättrige Klettein behaglichster Fülle ausgebreitet; welcheUnterhaltung bot sie uns mutwilligen Buben einmal unter uns selbst und erst danngegen die Mädchenwenn wir sie ihnen an die Rauhteile ihrer Bekleidung warfenoder gar in ihre langen Haare eindrehen konnten!

Es setzte zwar meistens Streit unter uns und von seiten der Mädchen Tränenund Anklagealleindas eben war die Lust.

Noch interessanter war aber die »Leiten«wo sie noch urwüchsigja ichdarf sagen - urweltlich dastandundweiß Gott warumvom Langer auch damalsso belassen wurde. Ich zwarmit meinen gewöhnlich bloßen Füßenhatte michniemals hineingetraut in das Gestrüpp von wilden Reben und Hopfendas sich anden verschiedenen Stauden und größeren Bäumen emporrankte und aufwandsodaß es die »Leiten« oft förmlich überdachte; aber die anderen BubenmeineKameradendie gar nicht zu ahnen schienendaß man auch im Sommer anders alsbloßfüßig gehen könntedie erzählten mir Wunder über Wunder.

Und ich mußte das glaubendenn was brachten sie mir für allerleiSchneckenhäuserwas für sonderbare Beerenwelch’ ganz andere Ruten undGerten!

War das wunderbar genugich stellte es mir dann noch wunderbarer vor und daswar der Lohn meiner Scheuemeiner Enthaltsamkeit.

Auf dem Langergute fiel lange Zeit nichts vor. Die LeutchenBauer undBäuerin mitsamt ihren paar Kindernlebten still und zurückgezogen in ihremauch nach außen vollkommen abgeschlossenen Gehöfte so ihr Leben dahindaßman ihr Dasein kaum verspürte.

Endlich aber scholl eine Trauerkunde durch das Dorf.

Eines ihrer Mädchenein stets flinkesrehartiges Geschöpfchenhatte sichdurch einen unglücklichen Sturz von der Leiter das eine Bein gebrochen.

Das war ein Schreck! Das war ein Jammer!

Bald darauf ging auch der alte Bader mit seinem Gehilfen schweigend undschnellen Schrittes durch das Dorfum das Bein wieder einzurichten.

Wir Kinder alle und auch viele große Leute folgten mitleidsvolldochneugierig dem Bader auf dem Fuße.

Bald darauf hörten wir Käthchen schreienschmerzlich schreien undwehklagen.

Unwillkürlichwie geschrecktes Viehliefen wir Kinder von dannenhierhindorthinaber doch immer wieder zurück an Langers zugeriegeltes Tor.

Endlich war’s still. Vom Hause innen gegen das Tor erschollen Schritte -wir stoben wieder auseinander.

Das Tor öffnet sich. Der Bader und sein Gehilfe treten heraus ins Freie. DieBäuerin hatte den Beiden das Geleite gegeben. Sie sprach mit dem Baderder mitdem Kopf nickteaber sie mußte sich trotz seines Nickens mit demSchürzenzipfel über die Augen fahren und wischen.

»Ist ‘s glücklich vorüber?« fragte eins von den großen Leuten. Erwinkte wieder nur mit dem Kopfe und ging seines Weges.

Achvorüber war’s freilichaber nicht glücklichnicht gut.

Nach einigen Wochen nämlich ging durch das Dorf ein zweiter Bader.

Derselbe hatte einen grünenfadenscheinigensehr langen Rockan dem beideSchöße lauter Taschen warenabgefärbte lederne Kniehosenüber die WadenStrümpfe von etwas zweifelhafter Weißedie ihrerseits wieder in zweischlottrigen Stiefeln von gröbster Fasson staken. Auf dem Kopfe trug er übereiner schmutzig-weißen Zipfelhaube einen alten Filzder nur von dem Trägerselbst übertroffen wurde. Am linken Arm hatte erwie eine zu Markt gehendeKöchineinen großen Strohkorbbei uns »Zögger« genannthangen. In derRechten aber trug er eine jungegeschälte Eiche als Stütze und zugleich Waffegegen irgendwelchen Anfall von Hund oder Mensch.

Die Leute zu beiden Seiten des Dorfes rissen die Fenster auf und lauteteneinander zu:

»Der Bader zu Waldzellder muß zu Langers Käthchenmein GottmeinGott!«

Der letzte Aufruf- die Appellation an Gott - hatte aber seinen guten Grund.

Der vorbeschriebene Bader nämlichder zu seinem Anzug noch ein rotestriefäugiges Gesicht zeigtewarwie jener berühmte Ritterder Mann ohneFurchtwenn auch nicht ohne Tadel. Der schnitt und stach und brachdaß eseine Freude warnämlich für ihnweil er sich dafür bezahlen ließ. Wenn duihm seinen Korb mit Schmalz und Eiernseine Taschen mit BrotSelchfleisch unddergleichen gefüllt und noch ein paar Gröschlein in sein Beutelchen gegebenhättester hätte dir dafür Arm und Bein gebrochenalle Zähne aus denbeiden Kiefern gezogener hätte dir den Kopf ab- und das Herzherausgeschnitten und dann - versteht sich - wieder alles so gut als möglichgeheilt und hergestellt.

Darum seufzten und schauderten die Leutewenn sie ihn sahen oder gar habenmußten.

Nunund der ging jetzt durchs Dorf zu Käthchen.

Das erste wardaß er ihr den Fußder freilich schlecht geheiltscheelund völlig unbrauchbar warvon neuem brach.

Daß es krachte und mit einer wahren Zerstörungslust von des Andern»schlechter Arbeit«wie er es nanntewarf er sich auf das wehe Bein und fingdann in dem Trümmerwerk seine eigene Arbeit an.

Eidas ist leicht gesagt und leicht getanaber das Armedas es angeht!

Er richtete auch - der Wahrheit zur Steuer - das Bein Käthchens wiederleidlich her. Käthchen kamwiewohl ein wenig hinkendnach wieder etlichenWochen sogar zum Gehen und gingging wieder auf das Feld und Sonntags in dieKircheaber sie ging doch nicht mehr lange. Die Tortur und die gelittenenSchmerzen hatten den Lebenskern angegriffenihre Frische und Blüte kehrtenicht wiedersie starb noch im vorjungfräulichen Alter.

Die Alten wurden noch stillernoch zurückgezogener und starben endlichauch.

Das hübsche Langergut bekam Evadie jüngere Tochtereine hübschestillesittsame Jungfrau.

Die suchte sich von anderswoher einen braven Burschen zum Mann. Auf derStätte der Trauer begann ein neuesfröhliches und glückliches Leben.

Die Blume blüht
welkt ab und dorrt
Dann treibt sie neu
so geht es fort.

Wenn ich oberhalb des Langergutes noch das baumumschattete Häuslein deslustigen Spielmanns Straußunterhalbam Fuße des Abhanges abergleichsamals Mausefalle über das bis dahin friedlich murmelnde Bächlein aufgerichtetdie (damals) lumpige Mühle nenneso sind wir mit unserem gemütlichenSpaziergang durch das eigentliche Dorf fertig.

Aber wie die Patrizier außerhalb des Burgfriedens der Städte an reizendenPunkten der Landschaft ihre Villenoder eigentlicher und besserwie dieveralteten Feudalherren ihre lieben Söldner und Knechte mit dienstpflichtigenLehen beschenktenso bauten die besseren freien Bauern unserer Gegendvielleicht für nicht untergebrachte Familiengliedernähere und entferntereVerwandteaußerhalb des Dorfes kleine Häuschennur so zum notdürftigenUnterschlupf.

In der Folge der Zeitwenn diese Glieder abgestorben und glücklicherweisekeine neuen solchen mehr nachgewachsen warennistete sich in den verlassenenleeren Stätten das sonst vagabundierende Volk der KorbflechterHäfenführerHäfenbinderSchleifer usw. einund mancher ausnahmsweise brave und sparsameZugvogel wurde darin sogar seßhaft.

Nunsolche Stätten»Zuhäuschen« genanntbesitzt denn auch das DorfPiesenham.

Nuund was würde mein geschäftiges Wiesweibchendie unermüdlicheHausiererinwas die emsige Totenansagerindas Grübenweibleinwas dieredemächtige Strickerin am Bachwas die zwei Inwohner auf der Mühlparzwaswürden die alle sagenwenn ich sie in dieser meiner Schilderung mitgänzlichemvornehmem Stillschweigen überginge?!

»Stundenlang bei uns dasitzenmich um Märchen und mich um Tratsch undNeuigkeiten tribulieren«würden die Strickerin und Hausiererin sagen»unddannwie er schon größer und ein gespreiztes Herrlein gewordenmit unsernTöchtern plaudern und liebelndas hat er mögen« - würden dann beidezusammen ausrufen - »aber unser erwähnenweil wir nur »schlechte« (arme)Leute sinddas mag er nicht - nuwartewenn du wiederkommst!«

So würden sie sagennicht ganz mit Unrecht so sagenaber sie sollen’snicht. Bei Gottneinich will kein Undankbarer seindenn ich habe in ihrendumpfendämmengen Stuben wahrhaft unvergeßliche Stunden zugebracht. Der Vaterzwar mocht’ es nichter war ein zu korrekter Mann und hat den Buben sogareinmal ordentlich mit frischen Tannenreisern herausgegeißelt undheimgeleuchtet; aber er wußt’ es ja auch nichtdaß ich meine dortigenErfahrungen und Erlebnisse dermaleinst brauchen solltebrauchen könnte.

Häuschen am Bachdu sollst in den nachfolgenden Blättern deine Geschichtefindenjawohldu Häuschen am Bach! Eine wenn auch nicht sehr schönedochlehrreiche Geschichtefür diese Einleitung hier zu groß und umfangreichzudrastisch und ponderös!

Zurückkehrendvon wo wir zu Anfang dieses Kapitelchens ausgegangenzumlustigen Spielmann Straußso ist weiter nicht viel von ihm zu erzählen.

Er war einer von den drei Brüderndie von ihrem väterlichen Hausegenannt»in der Wiege«allgemein die »Wiegengeiger« hießen. Sie waren zu damaligerZeit die bestengesuchtesten Spielleute und alles drehte sich geraume Zeit nachihrer Geige.

Strauß-Hiesel war ein leichtsinnigerarbeitsscheuerdem Trunke und dendamit verbundenen Lastern ergebener Mensch.

Weil er noch jünger und in floribus warwußt’ er sich vor Übermut nichtzu fassen. Wenn er oft spät nachts oder schon morgens von einer Geigenarbeitnach Hause taumelteda beunruhigte er nicht etwa bloß die Seineneinabgequälteshalbverrücktes Weib und zwei mißhandelteverwahrloste Kinder -achdas wäre zu wenig gewesen! -das ganze Dorf mußte von dem Trunkenboldalarmiert und beunruhigt werden.

»Jonikltanz dazu!« schrie er mit heiserer Stimme am Hause des kleinenSchusters und geigte ein Stückchendas zu anderer Zeit nicht zu verachtengewesen wäre. Zu seinem Geschrei und Geigen akkompagnierten und rebellten diebereits aufgelärmten Kettenhunde des ganzen unteren Dorfes; und so ging’sbis er nach Hause kamwo er dann die Seinen malträtiertebis endlich dochnatürliche Ohnmacht und Schlaf dem Skandal ein Ende machten.

So vergingen viele Jahre.

Hiesels Weib nahm endlich der Tod. Sein Haus wurde verkauftdie Kinderzerstäubt. Er selbst verband sich mit seiner alten Rabs. Die spannte ihnalses mit der Geige schlechter geworden war und weil er ihr MetierdasKorbflechtennicht erlernen konnte oder mochtevor ihr Wägelchen und fuhr mitihmihre Ware verhausierenddurch die weite Welt.

Das tyrannische Weib nannte ihn darum nur ihren »alten Esel«.

Die Leute lachten zwar über den kecken Spaß des Weibesaber wie siehinsahen auf den Mannschauderten siedenn - bei Gott! er war graugeduldigund genügsam gewordenwie - ein Esel.

Die damaligen Müllersleute - vom Mannesstamme weiß Gott woher und vonwannen? denn der Müller behauptetenicht wie sie in der Schule schreibenmüßten - Schicksondern Schik hießen sie eigentlich - waren einleichtsinnigeswunderbar harmloses Völklein. Seine Äcker in allen dreiFeldern sahen zwischen den anderengesundenüppigen aus wie armekrankeStief- und Waisenkinder. Schon von weitem erweckten sie das Mitleid derVorübergehenden.

Den Äckern ganz gleich waren seine Wiesen: versumpfter Grund ohneAbzuggräben darinohne nährende Zutat daraufgaben sie eine nur spärlicheFechsung von zähemsaurem Futterdas sich seine elenden Rößlein und magerenpaar Kühlem lieber aus dem versäuertenschmutzigen Barren als Streu unter dieFüße warfen denn fraßeninstinktmäßig lieber hungertendenn sich Psalterund Laab verdarben.

Ganz anders aber als Grund und Vieh war das Müllervölklein selbstvölligwohlgenährt und leidlich gut aussehend.

Wer sich darüber verwundern möchte und da fragen:

Wie das? der ist ein schlechter Kenner vom Mühlgeschäft und überdies eineunschuldigegrundehrliche Seele. Soll ihm aber gleichwohl von uns dasinteressante Rätsel doch nicht aufgelöst werdendamit er den Engel abstreifeund Mensch mit uns Menschen werded.h. für die Welt nützlich und brauchbarwerdewie wir es geworden sind.

Aches ist nun einmal nicht anders: seit Adams Fall müssen wir alle fallendamit wir uns selbst wieder erheben und in dieser Erhebung unsere Rechtfertigungfinden.

Die Mühle hatte Türen und Tor wie andere Gehöftewäre auchwie die derAndernnachts abzuschließen und zu sperren gewesen. Das geschah aber seltenoder gar nie. Und wenn es auch geschehen wäregenützt hätt’ es dennochwenig oder nichts. War doch die übrige Verschalung stets so locker undlückenhaftdaßwer eingehen wolltees nur auch gleich mochte.

Es war das aber nur das sprechende Zeichen der innen herrschendenGastfreundschaft. Gesindeldas sonst nirgends Unterkunft gefundenbeherbergteohne Widerrede der Müller.

Aber siehtrotz dieser ausgedehnten Gastfreundschaft geschah es denn dochdaß der Müller frühmorgens einmal die Gasse herab durch das Dorf gelaufen kam- es war für Alt und JungGroß und Klein ein herzzerreißendererschütternder Anblick! - die Hände - was ich wohl bei übergroßem Leidbeientsetzlichem Geschehnis schon gehörtaber bis dahin und auch seitdem niegesehen hatte - beide seine Hände hatte der kleinesonst drollige Mann überdem Kopf zusammengeschlagenals wollt’ er sich von dessen Vorhandenseinüberzeugen oder sein Davonlaufen verhindernund schrie in schmerzlichsterWehklage nur immer:

»Aus ist’saus ist’sganz aus!«

Die Leute rissen die Fenster aufschossen heraus zu Tür und Tor und fragtenvoll Mitleid und aufrichtiger Bekümmernis:

»Was dennMüllerwas denn?«

Aber der Unglückliche lief nur um so eiliger und schrie um so heftiger:

»Aus ist’saus ist’sganz aus!« Seine ihm nachlaufendenauchwehklagenden Hausleute gaben erst im Vorüberflug die Aufklärung:

»Es waren heute Nacht bei wieder einmal unversperrter Stalltüre seinebeiden Rößlein gestohlen und weggetrieben worden!«

Was nur gesunde Füße und im geringsten Zeit und Muße hattelief auch ausund half dem unglücklichen Müller suchenaber all umsonst - Ross’ undRoßdieb waren wie verschwunden!

Müllers Felder mußten die Nachbarn bestellen. Sie taten es auch ungebetenund siehe daheuer zum ersten Male seit seiner Wirtschaft machte er einebessererecht erträgliche Ernte.

Um den Ertrag derselben holte er vom »Landel« (Hausruckviertel) herüberein paar dunkelbraune Eselein und seine Wirtschaft ging wenigstens wieder wiefrüher.

Nebst Weib und Kinder fütterte der Müller noch einen Brudereinenverzwergtenschlecht aussehenden Faulenzerder wohl nicht arbeiten mochteaber allerlei Künstelei trieb. So verstand er z. B.aus dem Halme derKornähre Pfeifchen zu schneidenauf denen er mit wunderlichstem Getön dieschönsten »Tänze« spielte und abends nach dem »Kornfeldbeten« Alt und Jungunterhielt und ergötzte.

Ferner fütterte der gutmütige Müller eine Schwesterdie »schwarzeLiesel« genannteine faule Dirnedie sich gäh einmal mit Vagabunden verlorund nie wieder ins Dorf zurückkehrte.

Endlich ein Mühljungbraver Arbeiteraber sehr zweideutigen Rufesbeschloß den persönlichen Hausstand im zerlumpten Mühlchen zu Piesenham.

Die Alten starbender darauf folgende Junge verdarb an seinen und denVorsünden des Altenund die Familie stob auseinander.

Und jetzt - ja ich fühl’ eserquicklich und heilsam wäre es jetztnachsolchen Enthüllungen von Geschichten und Menschenschicksalen am murmelndenBächlein entlang zu wandeln und an einer recht traulichen Stellewo kühlesBuschwerk und eine Saat von duftigen Vergißmeinnicht um den Vorrang streitenhinzusinken auf den samtweichensmaragdenen Rasenteppichdie volle Brust undden Kopf auszuschütteln von all dem Gedachten und Empfundenen und frischanzufüllen von dem Gesang der Vögeldem Duft der Kräuter und Blumendemgeheimen Weben und Leben der leidenschaftslosen heiligen Natur - aequum etjustum et salutaresane! atqui wir müssen doch früher und unaufgehaltenzurück auf noch ein paar menschlich bewegte Augenblicke - zum stillen»Siebengütl«das ich mit Erlaubnis des Lesers anfangs unseres Spaziergangeszum besseren Abschluß des Ganzen habe übergehen dürfen.

Musehilf! Hui hi! -Siehwir sind schon zur Stelle.

Auf diesem unbedeutendenaber fast schmuck aussehendenweiß Gott warum»Siebengütl« geheißenen und im gerichtlichen Grundbuch als »freieigen«eingetragenen Hause saß dazumal der ehr- und tugendsame Meister Johannes mitseinem vielgeliebten Gegenteil Mariaeinem niedlichenäußerst rührigenlebensfrohen Weibchen. Drei muntere Buben mit lichten Köpfchen von außen undinnen vermehrten die Freude wie auch die Sorge ihrer ehelichen Verbindung.

Das bescheidene »Siebengütl«das wohl in seiner Eigenschaft »freieigen«kein Mortuar und kein Laudemium bei Kauf und Übergabe zu entrichten hatteerfreute sich aber zur Zeit eines nur so kleinen Grundbesitzesdaß dieErhaltung der Familie fast einzig der Betriebsamkeit des Familien-Oberhauptesanheim gegeben war. Und da war es denn recht gut und eine weitere löblicheEigenschaft dieses »freieigenen Siebengütls«daß darauf zwei verschiedeneHandwerksgerechtsame ruhtendie oder doch deren eine immer gewissenhaft undfleißig ausgeübt wurde.

Das mag denn auch der Grund gewesen seinwarum zwischen Meister Johannes undNachbar Schuster die sonst übliche gutnachbarliche »Stiegel« nicht warangebracht worden.

Meister Johannes mußte es aber verstanden habenauch außer seinem GewerbeProfit zu machen.

Es war das bei damaligen »Franzosenzeiten« einem betriebsamenumsichtigenManne auch ganz wohl möglich.

Der leichtsinnigevon heut auf morgen lebende französische Soldat lohntejeden Dienst auf das freigebigste und hätte auch sonst die damals schon tief inMißkredit liegenden österreichischen Bankozettel ohnehin lieber - weggeworfen.

Was ließ sich da durch Kauf und Tausch und gelegentliche Dienstleistungerwerben und gewinnen!

Und das mußte unser Meister Johannes denn auch verstanden und wohl zubenützen gewußt haben. Denn nicht nurdaß ihm sein Bruder Jakob und mehrereandere Schwerwirtschafter beständig größere und kleinere Geldbeträgeschuldetenso ließ der Mannals seine Buben heranwuchsennoch überdies alledrei nacheinander studieren. Das war schon kein kleines Stück mehrja bei derUngewöhnlichkeit im damaligen Zeitpunkt geradezu eine Außerordentlichkeit.

Natürlich glossierten die Dörflerja ich darf sagen die ganzePfarrgemeindeüber Johannes’ »allzu hoch« hinausgehende Pläne; undMancher nahm es ihm ernstlich übelda vielleicht gar ein oder der andereseiner Bubenvom geistlichen Stand abspringenddann ein »Bauernschinder« (sonannten sie damals den Beamten) werden könnte! - Welche Opfersowohl desHerzens als des Beutelses dem Mann kostetedie geliebten Kinder nach der weitentlegenen Stadt Salzburg zu führen und dort unter ganz fremdenherrischenLeuten zu lassendas wußten die guten Gemeindler freilich nicht und MeisterJohannes war so kluges niemandem zu sagenviel weniger vorzuklagen. Nur wenndie Sehnsucht recht groß geworden war und wenn eben im Kalender auch ein paarrote Tage standensteckte er rasch den Beutel in die Taschenahm den Steckenin die Faust und pilgerte raschen Gangesgleichviel durch Schneegestöber oderStaubwolkenzu seinen Kindern nach der fernen Stadt.

Da sah er siehörte sie ausfragte hier und dort nachbeglich dies unddasund wenn es geschehen warkonnte Johannes wieder trostreich scheidenunverdrossen arbeitenmutig sparenkargen und darbenachalles den Kindernzulieb.

Allein - der Mensch denktGott lenkt! - es ging dem guten Manne zu seineminnigen Herzeleid sowie zur großen Befriedigung seiner vielen Mißgönner mitseinen Söhnen doch nicht nach Sinn und Wunsch.

Er hätte sich - meinten die nächsten Nachbarsleute -wohl schon gleichanfangs ein wenig mit und wegen seiner Buben versündigtweil der seltsameviel hoffend’ und verlangende Mann deren jedesmalige Geburt durch einendonnernden Knall aus seiner Hausbüchse so gleichsam der Welt als einaußerordentliches Ereignis angekündigt - jawas willst du? - einmal gar einenjubilanten Doppelschuß losgelassen hätte! - Andere Leute - meinten sie fernerhätten auch KinderDirnlein und Bubenwenn auch nicht gerade paarweis aufeinmalhätten dieselben auch liebvon Herzen lieb wie eraber -! Dannschwiegen sieverdrehten fromm die Augenund darum - meinten sie schließlichund winkten einander beifällig zu - darum wär’ es so ganz unrecht nichtdaß Johannes am Ende an seinen Buben gar zu hoch geht immer ins Leere! - dochkeine rechte Freudekein rechtes Glück hätte erleben können!

So sagten die Gemeindler. Und an mir ist esnun rund-heraus und kurzweg zuerklärenwie daß einerder mittlere BubeJohannessen gleich anfangs wiederausgesprungen seidafür sein mühsames Handwerk erlerntspäter Haus undGeschäft übernommen und die Alten ziemlich knapp und unfreundlich gehaltenhabe; fernerdaß die anderen zwei wohl bei der »Studie« verbliebenaberdoch auch keine rechten majestätischen Kanzlei - geschweige denn geistlicheHerren aus denselben erblühet wären; und endlichdaß aus dem jüngstendemmit dem »damischen Konzept« - trotz langen vierzehn Jahrenauf niederer undhoher Schule zugebrachtschließlich - Gott erbarm’s! doch gar nichtsgeworden sei.

Gar nichts?

Neinlieber Begleitergar nichts!

Müßte nur seindaß der Verfertiger einer Unzahl lustiger und traurigerLieder und Geschichten sowie - der untertänigste Schreiber dieser schlichtenZeilen und der süßwehmütigen Erinnerungsblätter auch etwas wäre? -

Jadann -!